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Sechzehntes Kapitel

Se. Gnaden schläft und erwacht und was dabei geschieht – Sechstes Scharmützel, das mit einem großen Sieg für die Dompropstin endet.

Se. Gnaden hatte einen unbehaglichen Traum. Er träumte, daß der Baron und Kammerherr Roger Gustaf Adolf Abraham Bernhusen de Sars tot war und daß sein feierliches Leichenbegängnis unmittelbar bevorstand.

Die Einladungen waren ergangen, die Gäste angekommen. Aber dennoch war es sehr still auf Rogershof. Und durch die Fenster floß ein mattes weißes Licht – fast wie Mondschein.

Roger de Sars stand an dem kleinen Fenster über der Uhr des Portals – einem kleinen Fenster zu einem kleinen Verschlag, den er seit seinen Knabenjahren nicht betreten hatte. Da stand er und zählte die Equipagen der Gäste. Dreiundvierzig Landauer und am Schluß der Reihe der große Leichenwagen, vierspännig mit Vorreitern.

Roger de Sars stand da und hielt Heerschau über alle seine Gäste, er murmelte ihre Namen, einen nach dem andern – er meldete sie sich sozusagen selbst an. Und es freute ihn, daß sie so zahlreich gekommen waren, die Freunde und Verwandten des de Sarsschen Hauses seit einem halben Jahrhundert. Er kannte sie alle mit Ausnahme eines kleinen verhutzelten alten Weibleins, das allein in einem Wagen saß und an einem weißen Hemd stickte.

»Das ist doch verflucht merkwürdig,« murmelte Baron Roger und drückte die Stirn hart, hart an die Fensterscheibe.

Aber im selben Augenblick hörte er eine Stimme – war es die des seligen Schwiegervaters oder des alten Küsters? – und die Stimme sagte:

»Sieh da, dort steht der letzte Bernhusen de Sars!«

Baron Roger drückte die Hände so fest er konnte an sein Gesicht. Sein Kopf schmerzte, und er schämte sich vor diesen lieben Freunden und Verwandten, die gekommen waren, um seinen toten hilflosen Körper zu holen.

Und jetzt spürte er, daß jemand hinter ihm stand. Zwei magere runzlige Hände streckten sich von rückwärts aus und begannen seine Weste aufzuknöpfen. Ein sanfte heisere Stimme flüsterte ihm ins Ohr:

»Nun, kleiner Roger, sei jetzt artig, du sollst ein reines Hemd anziehen.«

» Mon dieu,« dachte Se. Gnaden, »das ist doch Tante Laura. Wie taktlos, daß ich vergessen habe, sie einzuladen. Ich glaubte, sie sei tot.«

Tante Laura zog ihm das Hemd über den Kopf. Aber der Halskragen war zu eng. »Gib auf meinen Kopf acht,« bat er. »Er schmerzt so verdammt, es wird besser sein, wenn wir Vickberg rufen.«

Und Vickberg war da. Aber es war gar nicht Vickberg, sondern der alte Johann des seligen Vaters.

» Mon dieu, Johann, ich glaubte, du seist tot!«

»Hier hilft es nichts, tot zu sein, Barönchen. Der Pfarrer wartet, und der Sarg ist schon offen.«

»Also dann in Gottes, des Allmächtigen, Namen –« murmelte Se. Gnaden.

Und nun stand er vor dem gewaltigen Eichensarg. Vergebens suchte er die Silberbeschläge zu zählen, aber er fand zu seiner Befriedigung, daß sie zahlreich und groß waren. »Also haben sie doch noch ein bißchen Achtung vor mir, wenn ich auch der Letzte bin –« dachte er. Und er las auf der Silberplatte: Roger Gustaf Adolf Abraham Bernhusen de Sars. »Hat seine Richtigkeit, das bin ich,« sagte er.

Aber Tante Laura schnitt mit einer großen Schere rings um seinen Kopf die Haare ab und verletzte ihn unaufhörlich an der Schläfe.

»Nehmt sie fort,« schrie er in höchster Verzweiflung, »sie ist es gar nicht, es ist die Jule, die sich verkleidet hat.« Da drängten sich alle Freunde und Verwandte um ihn und lachten. Der Pfarrer, der alte Hygaeus, klopfte ihm mit seinen harten Knöcheln auf den Schädel. »Nun, kleiner Roger, wissen wir noch das siebente Gebot? Du sollst deiner Schwester verzeihen.«

»Ja, ja,« schrie er. Und begann den Sarg hinaufzuklettern. Er sah in die Dunkelheit hinab und erblickte ein weißes Kleid. »Pst, pst,« flüsterte Hygaeus, »das ist Ulla Siedel, wecke sie nicht, damit sie deinen großen häßlichen Kopf nicht sieht.«

Er setzte sich auf den Sargrand und trommelte leise mit den Füßen. »Liebe Freunde und Verwandten,« sagte er. »Ich bin so einsam. Es ist verflucht nett von euch, daß ihr alle gekommen seid. Ich bin so einsam. Wenn ihr den Deckel auf den Sarg gelegt habt, dann bleibt nichts von mir zurück. Niemand! Schließt den Deckel zu, dann bin ich weg mit Putz und Stingel. Habt Mitleid mit mir, liebe Freunde!«

»Du hast doch Ulla,« sagten sie. »Dort unten liegt Ulla.« Und Hygaeus – aber er war es gar nicht, sondern der Dompropst Per – umfaßte hart, hart seinen Kopf. »Vom Staube bist du genommen, Schwager, und zu Staub sollst du wieder werden. Hinein mit dir in den Sarg.«

Sie nahmen ihn mit feuchten eiskalten Händen und legten ihn in den Sarg. »In Gottes, des Allmächtigen, Namen,« murmelte er. Aber als sie den Deckel zuschrauben wollten, da zeigte es sich, daß Roger de Sars' Kopf zu groß war. Sie schlugen ihn mit einem Hammer auf den Kopf. Der Oberst, sein alter Oberst – schlug ihn mit dem Schwertgriff auf den Kopf.

Und ihm gegenüber im Bett saß Ulla Siedel mit erhobenen, gefalteten Händen, Widerwille und Abscheu in ihrem ganzen Wesen. »O Gott, welcher Kopf! Welches Ungeheuer! Nehmt ihn weg! Nehmt den häßlichen –«

Se. Gnaden erwachte.

Das war doch ein verflucht widerlicher Traum. Der Kopf schmerzte noch immer, das Herz klopfte. Er wollte sich aufsetzen oder wenigstens umdrehen. Aber er fühlte sich so müde und gelähmt. Na ja, er konnte ja auch still liegen. Das Herz würde sich schon beruhigen. Wenn er sich nur den Kopf reiben könnte.

Die Arme waren ganz unbiegsam.

»Herrgott, ja,« dachte er, »man wird schon sehen, ich fange wirklich an, alt zu werden. Teufel auch, hatte dieser Hygaeus harte Knöchel! Na, es war ein Alp. Aber so pflegte er es zu machen, wenn wir unsere Lektion nicht konnten. Das siebente Gebot, ja. Der Teufel soll sich an das siebente Gebot erinnern. Ist es nicht: du sollst nicht huren? Wa–was? Herrgott, ja, wir sind alle Sünder. Aber ich verstehe doch den Zusammenhang nicht. Na, es war eben ein Alp. Was zum Kuckuck habe ich gestern abend gegessen? Das kann kein Teufel heute noch wissen. Herrgott ja, du sollst den Namen deines Herrn und Gottes nicht mißbrauchen – ja, ich könnte ja Vickberg klingeln. Der Rawuzel könnte mir aus Gottes Wort vorlesen. Den Katechismus, ja. Der Teufel hol diesen Hygaeus! Übrigens habe ich gestern auch gar keine Zeitung gelesen. Es war ein so verfluchtes Durcheinander. Die Jule, ja – aber ich verstehe den Zusammenhang nicht, was? Du sollst nicht huren? – Na, es war ein Alpdrücken. Ja, ich könnte doch diesem Rawuzel klingeln. Wenn ich nur ein paarmal den Arm biege, dann wird es schon gehen. Ich bin offenbar auf dem Arm gelegen. Na, na, ist auch egal. Soll der Rawuzel meinetwegen noch länger auf dem Ohr liegen. Ich brauche ihn nicht. Alte Leute werden so verflucht beschwerlich. Und dann kriegen sie einen satt. Na, ist schließlich auch egal. Das Herz, das beruhigt sich schon. Nur dieser verdammte Kopf tut noch weh. Aber Kopfweh, das kann schließlich jeder haben. Wer hat doch nur immer Kopfweh? Blenda? Oder vielleicht die Jule? Aber ich verstehe doch den Zusammenhang nicht. Der Teufel hol diesen Hygaeus, wie der klopfte – aber der Kuckuck soll sich das siebente Gebot merken.«

Se. Gnaden lag da und grübelte über das siebente Gebot und über den Zusammenhang. Er grübelte – das frühe Licht des Sommermorgens begann durch Rouleaux und Gardinen zu dringen. Die Mücken summten vor dem Netz.

Se. Gnaden blinzelte mit den Augen, schloß sie, blinzelte. –

»Was zum Teu– was zum Teufel?« Das Herz schlug wild, und die Kehle war wie geschwollen. Gegen das weiße, schwach belichtete Mückennetz sah er eine Silhouette, einen mageren Kopf. Und er vernahm eine heisere, flüsternde Stimme:

»Siehst du den Tod? Siehst du den Tod?«

Aber er selbst war es, der flüsterte. Und jetzt sagte er mit kräftiger klarer Stimme:

»Also denn in Gottes, des Allmächtigen, Namen – aber das siebente Gebot soll sich der Teufel merken!«

Und in der krampfhaft schmerzlichen Spannung einiger Augenblicke glaubte er wirklich, daß diese Worte Roger de Sars' letzte im Leben sein würden.

Aber jetzt bewegte sich die Silhouette. Das Mückennetz flatterte, und Se. Gnaden hörte die Stimme seines getreuen Vickberg.

»Was befehlen Ew. Gnaden?«

»Ach was,« kam es schwach und stoßweise. »Ist er es, mein alter Rawuzel?«

»Befinden sich Ew. Gnaden nicht wohl?«

Er war durstig und wünschte Wasser. Aber er vermochte die Worte nicht zu formen. Er gab nur ein Zeichen, indem er die Zunge herausstreckte. Vickberg holte Wein.

»Danke, danke,« murmelte er. Und nach einer Weile: »Das war schön. Jetzt bin ich wieder vergnügt.«

Vickberg nahm einen Stuhl und setzte sich an sein Kopfkissen. Er betrachtete ihn unruhig aufmerksam. Er sah, wie der Baron langsam die Finger der rechten Hand hob und senkte. Hob und senkte, einen nach dem andern, ohne aufzuhören.

Schließlich geriet Vickberg in Verzweiflung. Er nahm die Hand seines Herrn, streichelte sie und flüsterte beruhigend:

»Aber, aber, Ew. Gnaden, lieber Herr Baron!«

Da begann Roger de Sars zu weinen. Er weinte nicht heftig oder krampfhaft wie ein großer Mensch, er weinte mit ganz kleinem Schluchzen. Er schluchzte sich in den Schlaf und schluchzte noch im Schlaf. Vickberg ließ seine Hand nicht los.

Schlag acht erwachte er. Er prustete, schnarchte, röchelte. Für Vickbergs Ohren klang es wie beginnendes Todesröcheln. Und mit zitternden Händen schob er seinem Herrn die Kissen unter den Rücken.

Aber Se. Gnaden hatte im Schlaf frische Kräfte geholt. Er konnte sogar den Arm wieder rühren. Nur der Unterkiefer war unbehaglich schlaff und schwer zu bewegen.

»Vickberg, du –« lallte er, »wo haben wir den Schnupftabak?«

Und höchst eigenhändig nahm er eine Prise aus der Dose des entzückten Vickberg. Er hob die Hand zum Mund – aber weiter kam sie nicht. Der Arm erschlaffte plötzlich, und die Hand fiel auf die Decke. Er starrte verwundert, betrübt seine Hand an, und die Tränen kamen ihm in die Augen.

Das war doch auch verdammt wunderlich – aber dann zuckte er leicht, fast unmerklich die Achseln und lallte:

»Ist – auch – tout à fait égal

»Ew. Gnaden befinden sich nicht wohl?«

»Oh, warum – ah –« gähnte er, sank in die Kissen zurück und schloß die Augen.

»Wollen Ew. Gnaden schlafen? Soll ich Decken vor die Fenster hängen?«

Der Baron runzelte anstatt aller Antwort die Stirn. Nach einer Weile sagte er:

»Tennst du das diebente Debot?«

Vickberg verstand ihn nicht, und zornig wiederholte er:

»Tennst du das diebente Debot, Vickberg? Wie jautet das?«

Vickberg zählte stumm an den Fingern ab.

»Du sollst nicht stehlen, Ew. Gnaden.«

Der Baron riß die Augen weiter auf.

»Teufel auch,« sagte er.

»Wenn Ew. Gnaden noch ein klein, klein bißchen schlafen wollten? Es ist erst acht Uhr. Ew. Gnaden haben gewiß schlecht geschlafen.«

»Ich hab die danze Nacht deslafen. Aber der Alp hat mich dedjückt, und das ist verfjucht unandenehm. Hat ihn schon der Alp dedjückt?«

Ja, Vickberg pflegte von einem alten Weib zu träumen, das ihm große schwere Deckel auf den Magen legte.

»Ach, das ist dar nichts,« triumphierte Se. Gnaden. »Mich haben sie in einen djoßen Sajg gejegt. Versteht er? Die Jule, und der Per. Und der alte Hydaeus. Aber wir hatten einen zu djoßen Topf, hihihi –«

»Jetzt redet er irre,« dachte Vickberg.

»Und dann slug der Hydaeus uns auf den Top so – und dagte: Tennst du das diebente Debot? – Ja, das dagte er.«.

»Träume sind Schäume,« warf Vickberg hin.

»Ne, ne, – so ist das nicht – ER sickt uns die Tjäume.«

Vickberg preßte ein Lächeln hervor. Aber der Baron sah seine Grimassen nicht. Er fragte:

»Was ist mit der Jule?«

Vickberg vermutete, daß Ihro Gnaden noch nicht aufgestanden sei. Soviel er wußte, hatte sie die Absicht, mit Herrn Per mit dem Elfuhrzug abzureisen.

»Do – die jeist,« seufzte Se. Gnaden. Und in dem Seufzer lag ein wenig Bedauern und eine große, große Erleichterung.

»Ich will mit ihr spjechen.«

»Ihro Gnaden wird bestimmt hereinkommen, um Abschied zu nehmen.«

»Ich will aber dleich mit ihr spjechen. Und wenn sie auch im Jachthemd ist – Nachthemd habe ich desagt,« berichtigte er sich mit großer Anstrengung.

 

Du dollst nicht tehlen – du sollst nicht tehlen,« begrüßte Se. Gnaden seine Schwester. Sie zog ihn an ihre Brust, wiegte ihn in ihren Armen.

»Roger, Roger, was meinst du?«

Mit Schwierigkeit und vielen Unterbrechungen erzählte er ihr schließlich seinen ganzen furchtbaren Traum. Er vergaß einige Details, aber fügte um so mehr hinzu, die seine kranke Phantasie so allmählich ausgesponnen hatte. Er lebte offenbar noch immer in der verwirrten Welt der Nacht. Und wie ein Kehrreim kam in seiner klagenden Erzählung stets das eine wieder:

»Und dann hat er mich auf den Topf desslagen und hat gedagt: du dollst nicht tehlen.«

»Aber Herrgott, du hast doch nie gestohlen! Das ist ja ganz sinnlos. Wenn er dir dein heftiges Temperament vorgeworfen hätte –«

Das war ja wahr. Gestohlen hatte er, hol ihn der und jener, niemals. Nicht so viel, wie unter den Nagel ging. Aber nun hatte es der alte Hygaeus ja doch gesagt, und natürlich mußte etwas an seinen Worten sein.

»Das ist doch ganz lächerlich, das ist ja vollständiger Nonsens.«

»Das dollst du nicht dagen – das ist nicht jichtig – ich hab destohlen.«

Sie zuckte die Achsel.

»Ja,« schrie er und die rechte Hand platschte schwer auf die Decke. »Ich hab meine eigene Schwester um ihr Erbteil betrogen. Und darum hat er mich auf den Kopf geschlagen, der Kerl –«

Die Dompropstin zuckte zusammen. Sie mußte sich zum Äußersten anstrengen, um ihre Gemütsbewegung nicht zu zeigen. Sie errötete.

»Ach, wie du sprichst,« murmelte sie.

Ja, ja, ja! Aber jetzt, gerade jetzt hatte er einen Entschluß gefaßt. Seine Hinterlassenschaft sollte in drei gleich große Teile geteilt werden, einen für Julia, einen für Blenda und einen für Jakob. Das war Roger de Sars' letzter Wille.

Und nun brach er wieder in Tränen aus. Die Dompropstin machte eine große Geste und beugte sich über sein Bett. Sie streckte die Hand aus und betrachtete ihn mit Hingerissenheit, ungefähr wie eine Madonna ihr Kind betrachtet.

»Wie gut du bist, Roger! Wie gut du bist, mein geliebter Bruder.«

»Ja, ja,« stimmte er naiv zufrieden zu. Er runzelte die Stirn, die Finger spielten nervös auf der Decke, er suchte nach Worten.

»Aber siehst du – siehst du – heiraten, siehst du, heiraten müssen sie. Hol mich der und jener. Denn das bringt Glück. Ich weiß, daß sie glücklich werden. Denn siehst du, das habe ich auch geträumt.«

Die Dompropstin fühlte sich unangenehm berührt und konnte eine kleine Malice nicht unterdrücken.

»Du scheinst aber heute nacht wirklich eine ganze Menge fertig gebracht zu haben, lieber Roger.«

»Ja, ja, das habe ich, denn siehst du, ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen. Diese verfluchten – gewöhnen mir das Schlafen ab.«

»Ja ja, es wird natürlich alles so sein, wie du willst. Aber ich denke doch, die Heirat überlassen wir der Zukunft –«

»N–nein, n–nein,« jammerte er. »Denn ich will sie doch verheiratet sehen. Ich will sehen, daß jemand nach mir kommt. Ich will sie sehen, ich will sie sehen,« flehte er.

»Ja, ja, beruhige dich nur, heute kann es doch keinesfalls geschehen.« Und die Dompropstin ging auf alle seine Vorschläge ein, zufrieden, daß sie sich heute nicht verwirklichen konnten, und überzeugt, daß der morgige Tag wieder neue Auswege bringen würde. Geduldig hörte sie die Phantasien des Alten über das Glück der beiden Kinder an. Wenn die Worte ihm versagten oder gar zu wirr wurden, kam sie ihm zu Hilfe. Ja, ja, sie würden in Klockeberga wohnen. Und sie selbst würde nach Björkenäs ziehen. Und sie würden alle drei nach Rogershof kommen. – Ob sie Kinder kriegen würden? Ja, natürlich würden sie Kinder kriegen. – O, eine solche Versöhnung, ein solches Glück! und nie mehr solche verdammt böse Träume –

Zum Schluß sprach die Dompropstin ganz allein. Sie sprach sehr erbaulich. Und während sie in ihrem stillen Sinn einen klugen Brief an Abraham Björner formulierte, ließ sie vor den glitzernden fieberheißen Augen des Greises die schönsten Traumbilder erstehen.

»Du bist so dut, du bist so dut, ich will dich tüssen, ich will dich gejade auf den Mund tüssen!«

»Ach, Roger, welcher Augenblick!«

Und mit all der Grazie, die ihr voller Körper noch hatte, beugte sie sich über den Bruder und drückte ihm einen Kuß auf die zitternden alten Lippen.

Im selben Augenblick – gleichsam um den feierlichen Moment zu zelebrieren – wurde im Park ein Schuß abgefeuert.

 

Frau Enberg stand auf der Treppe zum Inspektorflügel, als der Schuß losging.

Sie hatte Blenda die ganze Nacht bei sich sitzen gehabt, und erst jetzt gegen Morgen hatte sie das Mädchen ins Bett gebracht. Nun wollte sie Jakob suchen gehen.

Die dicke Frau starrte auf den Boden, mit jenem tiefsinnigen Blick, den Menschen annehmen, wenn sie nicht weiterdenken wollen oder können. – Der Schuß weckte sie. Sie sah Toni aus der Küchentür des Schlosses stürzen, hinunter in den Park. Noch immer ohne Gedanken, aber von Herrn Tonis wilder Flucht angesteckt, begann die dicke Frau, so rasch sie konnte, in den Park zu humpeln.

An der Hausecke begegnete sie Herrn Per. Sie blieb stehen.

»Wer in Jesu Namen schießt da?« keuchte sie.

Aber er ging an ihr vorbei, ohne zu antworten. Er sah ganz wunderlich aus und hielt sich zusammengekrümmt, so als hätte er Magenschmerzen oder als trüge er etwas zwischen dem linken Arm und der Seite. Frau Enberg sah ihm mit offenem Munde nach. Sie sah ihn auf der Schloßtreppe niedersinken.

»A–a–h–h,« stöhnte er. Frau Enberg wollte auf ihn zugehen. Aber ihre Knie waren so unbehaglich schlaff. Sie mußte sich an die Wand lehnen.

»Was ist es, in Jesu Namen – lieber, guter Herr Per –«

»Er hat auf mich geschossen.«

»Toni?« fragte sie. »Hat Toni geschossen?«

»Ihr Sohn, zum Teufel! Jakob! Er stand hinter der Hecke. A–a–h–h –«

»Hat er getroffen?«

»Und ob, zum Geier!« fluchte Per. Mühsam richtete er sich auf, und indem er sich mit der rechten Hand an die Mauer stützte, begann er die Treppe hinaufzuklettern. Luise hätte ihm so gerne geholfen, aber sie konnte sich nicht vom Fleck rühren.

Und nun sieht sie Toni mit Jakob herankommen. Sie gehen Seite an Seite, sie gehen in höchst wunderlicher Weise. Toni hält Jakobs Kopf an seinen rechten Arm gepreßt, so gehen sie quer über den Hof und verschwinden im Dienerflügel.

Luise gab sich selbst einen Puff und schlug sich auf den Schenkel. Und dann wagte sie den Versuch, quer über den Hof zu gehen. Sie ging die dunkle Treppe des Bedientenflügels hinauf und blieb vor Herrn Tonis Türe stehen. Sie klopfte.

Keine Antwort. Kein Laut. Da fragte sie.

»Darf ich herein?«

Und nach einer Weile antwortete Herr Toni: »Nein.«

Sie zögerte ein paar Augenblicke an der Tür und trat dann den Rückzug an über den dunklen Dachboden, die dunklen Treppen hinunter. Und während sie sich so in der Finsternis weitertappte, sagte sie zu sich selbst:

»Wozu sollte es auch gut sein? Was könnte ich für ihn tun? Nach meiner Meinung fragt ja niemand.«

Sie weinte nicht, aber als sie wieder in das Sonnenlicht hinauskam, waren ihre Augenlider rot, verschwollen wie nach heftigem Weinen.

Blenda hatte sich in eine Decke gewickelt und stand auf der Inspektorstreppe.

»Tante – Jakob?«

»Nein, mit Jakob hat es keine Gefahr.«

»Aber der Schuß? Ich habe doch einen Schuß gehört.«

»Der hat Herrn Per getroffen. Aber ich glaube nicht, daß es gefährlich ist. Er ging selbst an mir vorbei und sprach mit mir.«

»Wo ist er denn jetzt? Wo ist er denn jetzt?«

»Er wird wohl in sein Zimmer gegangen sein. Komm jetzt herein, Blenda, du erkältest dich.«

Aber Blenda packte sie an den Schultern.

»Ja, gehst du denn nicht zu ihm hinauf? Willst du ihm denn nicht helfen?«

»Du hast recht,« sagte Frau Enberg. »Ich bin so vergeßlich geworden.«

Und mit müden Schritten schlurfte sie wieder über den Hof. Sie hatte selbst das Gefühl, daß sie an eine arme versengte Fliege erinnerte, die in ziellosen Kreisen um die Lampe kriecht. Als sie die große Treppe unter Pers Fenstern erreicht hatte, hörte sie die Stimme der Dompropstin:

»Soweit ist es also gekommen! Das Gesindel will uns ermorden!«

Frau Enberg blieb plötzlich stehen, schloß die Augen und machte ein Gesicht, als ob eine drohende Faust ihrer Nase zu nahe gekommen wäre. Und plötzlich machte sie plump aber rasch rechtsum-kehrt und eilte in den Inspektorflügel zurück.

»Die Dompropstin ist bei ihm,« keuchte sie. »Da hat es keinen Zweck, daß ich hineingehe. Nein, Blendachen, ich kann nicht, ich kann wirklich nicht.«

Blenda folgte ihr in die Kammer. Sie setzten sich auf das Bett, und Blenda nahm ihre Hand. Nach einer kleinen Weile fragte sie mit Anstrengung:

»War es Jakob –?«

Frau Enberg antwortete nicht. Sie starrte noch immer vor sich hin. Ach, dieses schöne gedankenlose Starren.

Blenda sagte:

»Ist er bei Toni? Soll ich nicht zu ihm hinaufgehen?«

»Wozu denn?«

Aber Blenda erhob sich rasch.

Sie nahm Schuhe und Strümpfe, sie warf Röcke über und knöpfte die Bluse zu.

»Wozu denn?« wiederholte Luise. »Mich haben sie gar nicht hereingelassen.«

»Ja, aber ich will –«

Luise starrte ihr nach. Es war so schön zu starren. Es war so friedlich zu starren.

Aber als die Flurtüre zufiel, zuckte sie zusammen. Ihre Muskeln spannten sich krampfhaft, und ein unfreiwilliges Lächeln trennte die Mundwinkel Es war so qualvoll, dieses Lächeln, so unerträglich qualvoll, daß sie schließlich den Mund mit der Hand zudrücken mußte.

 

Aber ich will hinein!« Und die Türe ging auf.

»Jetzt habe ich ihn etwas beruhigt, ich will nicht, daß Sie es wieder schlimmer machen.«

Blenda blieb gleich in der Türe stehen. Auf dem Sofa lag Jakob. Der Kopf lag auf der Lehne, hing fast über die Lehne. Er hatte die Augen geschlossen.

»Ist er krank?« flüsterte Blenda. Und Toni sagte flüsternd:

»Wie es mit ihm steht, das wissen Sie vielleicht besser als ich.«

»Ist es meine Schuld – alles?«

Toni streckte beide Hände abwehrend aus und zuckte die Achseln. Die schwarzbraunen Augen schielten. Aber er gab sich offenbar große Mühe, seine Stimme zu beherrschen.

»Sie wissen vielleicht nicht, Fräulein Blenda, was vorgefallen ist? Jakob ging in den Park, um die wilden Katzen zu schießen, da wollte es das Unglück, daß die Kugel Herrn Per traf.«

»Ist es gefährlich?«

»Ich glaube nicht. Sonst hätte Herr Per nicht so gut gehen können.«

»Ach wie gut – ach wie gut –« ihre Stimme stieg und fiel mit den Tränen, die hervorstürzen wollten.

Auf den Zehen schlich sie über die knarrenden Dielen.

»Ach Jakob – wie gut –« flüsterte sie.

Er machte eine ungeduldige Bewegung, sie blieb stehen. Er sagte:

»Es ist nicht wahr, was Vater sagt. Ich ging nur so im Park herum, nur so. Aber als ich ihn sah, wurde ich zornig. Und da tat ich es. Ich dachte gar nicht nach, ich war so wütend.«

»O Jakob,« schluchzte sie.

»Jetzt dürfen Sie ihn aber nicht mehr aufregen, Fräulein. Für jetzt ist es genug. Ich hatte die größte Mühe, ihn zu beruhigen. Er wollte sich etwas antun. Nein, Fräulein, jetzt müssen Sie wirklich gehen.« Und Toni zog sie zur Tür.

Jakob warf ungeduldig den Kopf zurück. Und plötzlich setzte er sich auf, kroch in die Sofaecke und zog die Beine hinauf.

»Laß Blenda, Vater. Ich muß ja doch mit ihr sprechen. – Ach, setz dich dort in die Ecke, in die andere Ecke. Und du, lieber Vater – geh ein bißchen hinaus.«

Widerwillig öffnete Toni die Tür. »Aber du darfst nicht –«

»Nein, nein, ich werde nicht!«

Blenda setzte sich auf das Sofa.

Sie sah in Jakobs große heiße Augen. Aber als er ihr den Blick zuwandte, da senkten sich ihre Augenlider wie zum Schlaf.

»Blenda, du darfst mir nicht mehr böse sein,« sagte er. »Ich wußte nicht recht, was ich tat. Und es wird ja bald wieder gut. Es war ja nur das Salongewehr. Und die Kugel hat ihn bloß gestreift.

Ja, das ist natürlich nicht mein Verdienst,« er lächelte matt. »Aber auf jeden Fall – du darfst nicht böse sein. Wir sind doch gute Freunde gewesen, solange, solange – solange du auf der Welt bist, Blenda.«

»Ich bin gar nicht böse. Es tut mir nur leid, daß es meine –«

Er schüttelte ungeduldig den Kopf.

»Und siehst du,« begann er nach einer Weile wieder, »jetzt –

Jetzt fahren Vater und ich nach Italien.«

»Du fährst fort?«

Er schloß die Augen und nickte.

»Wir fahren fort – und wir kommen nicht wieder.«

Jetzt konnte sie ihn ansehen, jetzt, wo seine Augen geschlossen waren.

Ach, wie zusammengesunken er dasaß, so klein und blaß und mager. Mit fingerbreiten Rändern unter den Augen. Er sah aus wie in dem Sommer, als er das ganze Frühjahr Scharlach gehabt hatte. Es war der Sommer, als sie zum erstenmal nach Tanninge hinaufwanderten.

Seine Lippen schoben sich vor. Sie waren bleich und zitterten. Blenda konnte genau sehen, daß sie zitterten.

Da sagte sie:

»Willst du, daß ich mit dir nach Italien gehe?«

Sie dachte: »Wenn er jetzt ja sagt, da werde ich mit ihm gehen. Dann ist es das Beste, was ich tun kann, dann will Gott, daß ich es tun soll. Lieber Gott, jetzt weißt du haarklein, wie es ist. Wenn du willst, daß ich mit ihm gehe, so laß ihn ja sagen. Wenn du willst, wenn du willst –«

»Welchen Zweck sollte das haben?«

Sie bedachte sich einen Augenblick. Dann:

»Gar keinen Zweck. Aber wenn du willst, so tue ich es.«

»Nein – ich will nicht. Du sagtest gestern abend, du wolltest mich heiraten. Ich fing nur an von den Gütern zu sprechen, nur um dich auf die Probe zu stellen. Und als du dann sagtest, du willst, da habe ich alles verstanden –«

»Was hast du verstanden?«

»Daß du nicht willst. Ich habe verstanden, daß du nur gut gegen mich sein wolltest.

Ach, Blenda, liebe, liebe Blenda!«

Er drückte sich hart in die Sofaecke, er zog die Beine herauf und verschlang die Hände um die Knie.

»Siehst du, ich hätte mich schon beruhigt – ich hätte schon – ich hätte – wenn nur Zeit gewesen wäre. Wenn ich nach Tanninge hinaufgegangen wäre. Aber das konnte ich auch nicht. Und da sah ich ihn und da kam es so –«

»Lieber Gott,« dachte Blenda, »jetzt weißt du haarklein, wie es ist. Wenn er will, daß ich mit ihm gehe, so tue ich es, mehr kann ich nicht tun.«

Und sie fragte:

»Willst du, daß ich mit dir gehe?«

Er stürzte auf sie zu. Sie mußte sich zusammennehmen, um keine erschrockene und ausweichende Bewegung zu machen. Sie fühlte seine heiße, ein wenig feuchte Hand an ihrer Wange. Sie hörte ihn sagen:

»Nein, ich will nicht. Wenn du mit mir kommst, dann werde ich schlecht gegen dich sein. Ich weiß es. Nicht nur deinethalben will ich es nicht. Auch meinetwegen. Ich will nicht schlecht gegen dich werden.«

»Das würdest du nicht – das würdest du nicht,« murmelte sie.

»O doch,« sagte er. Und er packte sie an der Schulter.

Sie zuckte zusammen und entzog sich ihm. Er ließ los. Er richtete sich auf und spannte den Brustkorb.

»Jetzt weißt dus, daß ich nicht will.«

Ihre Spannung ließ nach. Sie sank zusammen. Sie hatte ja nicht geschlafen, und sie hatte sich so gefürchtet, aber jetzt konnte sie sich nicht mehr fürchten. Sie konnte nicht mehr trauern, sie konnte gar nichts mehr. Und sie empfand es als eine Befreiung. Schläfrig und schwer ließ sie ihren Kopf auf seine Schulter sinken. Er wollte sich ihr entziehen, aber sie schlang die Arme um ihn.

»Jaköbli – ich will dir nur einen Kuß geben.«

Sie streckte sich ihm entgegen. Und mit geschlossenen Augen und hart zusammengekniffenen Lippen küßte er ihren Mund. Ein hastiger Knabenkuß, der kaum ihre Lippen streifte.

[Kapitelnumerierung fehlerhaft im Buch. Re]


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