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Zweites Kapitel

Frau Enbergs Kümmernisse.

Johnsson rieb sich das Kinn, so daß die Bartstoppeln knisterten.

»Das gibt eine Carambolage, Bruder Vickberg. Die Dompropstin ist ein gefährliches Frauenzimmer. Sssackerlot! Ich kann mich noch gut erinnern, wie sie Se. Gnaden verheiratete. Mit Respekt zu sagen, war Se. Gnaden nicht sehr erpicht, mit Ulla Siedel ins Brautbett zu steigen – und mit Respekt zu sagen, wundere ich mich auch nicht darüber. Aber Kontanten gab es auf Björkenäs. Und Klockeberg war auch nicht zu verachten. Und so wurde es eine glückliche Ehe. Mit der Wollust sah es freilich so so aus.«

»Sei so freundlich und wähle deine Worte, Johnsson.«

»Hihihi, Bruder Vickberg. Sssackerlot. Ja, ich erinnere mich noch, wie Fräulein Julie auf dem Bettrand saß und dem seligen Herrn Baron die Ohren vollredete, daß alles zum Teufel gehen müsse, wenn Roger nicht Ulla von Björkenäs nähme. Se. Gnaden war in Stockholm und wußte von gar nichts, bis er seine eigene Verlobung in der Postzeitung las. Da wurde er fuchsteufelswild und schrieb nach Hause und fragte, ob es sich nicht lieber so einrichten ließe, daß Fräulein Julia mit Arvid Siedel vor den Traualtar trete. Aber das verfing nicht. Der alte Baron wollte, daß die Kontanten direkt nach Rogershof kämen. Und Fräulein Julia schrieb so rührend und sagte, daß Arvid schielte und schiefbeinig wäre und stellenweise einen Glatzkopf hätte, weshalb sie ihn nicht zum Ehegemahl haben wollte.«

»Vickberg, Vickberg!«

Frau Enbergs, rotes rundes Gesicht tauchte im Fenster auf. Ein paar Strähne ihres spärlichen graugelben Haares hatten sich gesträubt und wiesen wie elektrisiert ins Blaue.

»Hö– hören Sie denn nicht, Vickberg, er schellt!«

Ein schwaches, aber schrilles wütendes ununterbrochenes Klingeln wurde hörbar.

Vickberg lauschte einen Augenblick mit offenem Mund, dann stürzte er hinaus.

»Nein, so was, zappeln wir nicht mit der Silberglocke auf und ab?« murmelte Johnsson. Dann mischte er seinen Porter und trank Frau Enberg zu. »Prosit, kleine Frau, was ist denn mit uns? Sind wir alteriert?«

»Nein, wenn ich nur das verstehen könnte. Ich kann mich gar nicht fassen. Und ich weiß nicht, soll ich weinen oder lachen, wenn ich an unsere liebe gnädige Frau Dompropstin denke.«

»Na ja, die ist im Anzug. Brrr, pfui Teuxel. Sind Sie denn so in sie verschossen, Frau Enberg?«

»Ja, ist sie denn nicht wirklich gut und herablassend? In früheren Zeiten, wo man ja gewissermaßen ein bischen mehr war –.«

»In früheren Zeiten, ja. Vor einigen und dreißig Jahren war man ein schöner Jüngling. Ja, da konnte Johnsson mit freiherrlichen und gräflichen Fräulein Fangen spielen. Und dann fuhr man mit dem Heuwagen und schmiß zur allgemeinen Zufriedenheit um. Ja, damals hatte man Exteriöhr. Man war erfreulich anzusehen und – mit Respekt zu sagen, nicht unerfreulich anzugreifen. Sssackerlot. Jetzt ist man rotnasig und schäbig geworden.«

»Ach, wie Sie immer daherreden, Johnsson. Aber Sie können doch nicht leugnen, daß Ihro Gnaden herzensgut ist?«

Tonis Augäpfel schnurrten herum und blieben in einer häßlichen schielenden Stellung stehen. Und er errötete plötzlich und tief wie ein ganz junger Mensch.

»Sie ist nicht gut,« sagte er leise, aber mit Erregung im Ton. »Sie wissen sehr wohl, Frau Enberg, daß sie nicht gut ist.«

»Ach lieber Gott, Herr Toni – das war doch nur dieses einemal.«

Frau Enbergs purpurrote Farbe verdunkelte sich zu blau. Wenn Toni so schielte, dann zitterte die dicke Frau. Ihre warmen Gefühle für den Italiener beruhten auf einer tiefen Furcht vor seinem verschlossenen unberechenbaren Wesen.

Toni war der einzige unter den Dienern des Barons, den sie Herr nannte. Herr Toni – sie konnte nicht anders.

»Vor neun Jahren war Ihro Gnaden auf Rogershof. Da spielte Jakob mit der kleinen Blenda unter der Kastanie. Und ich stand vorne auf der Freitreppe. Da fragte Ihro Gnaden mich: ›Wie heißt denn dieser Balg, der mit Blenda spielt?‹ Und sie wußte doch ganz genau, wie er hieß. Und als ich antwortete, sein Name ist Jakob, da fragte Ihro Gnaden: ›Hat er denn keinen Zunamen, dieser Balg?‹ Da mußte ich antworten, daß sein Zuname Enberg war. Aber im Flur stand der Herr Dompropst und hielt sich vor Lachen die Seiten.«

»Hättest du doch Tonison gesagt, hihihihi. Sssackerlot noch einmal.

Was, ist die Enberg schon fort? Ach, weißt du, Bruder Toni, die Enberg ist schamhaft geworden. Merkwürdig, daß sie diesen Charme solange behalten können, die Frauen. Sie nützen ihn wohl nicht ab, wenn sie allein sind.

Wollen wir jetzt ein ernstes Wort über Ihro Gnaden, die Dompropstin sprechen? Ja, mein lieber katholischer Bruder, wir kannten die Frauen, ehe wir noch den Porter kannten. Und die Jule – das war 'n kleines Aas. Sieh mal, Johnsson war schön, Johnsson sollte sich angenehm machen – aber nur solange es ihr beliebte. Dann plötzlich gab es Klatsch und Tratsch und Verleumdung beim alten gnädigen Herrn. Johnsson sollte zur Tür hinaus, denn Johnsson war ein Schelm.

Aber da nahmen wir uns auch kein Blatt vor den Mund und sagten einmal ordentlich die Wahrheit. Na, Johnsson bekam Prügel und der alte Herr Baron mußte eine Zeitlang zu Bett liegen. Ja, Toni, du hast den alten Herrn Baron nicht gekannt. Der war dir ein Teufelskerl. Fluchen konnte er ärger als der Dompropst. Aber ein Teufelskerl war er. Und als er wieder auf die Beine kam, da kriegte Johnsson sozusagen eine lebenslängliche Pangsion und Porter bis zum Todestag. Und die kleine Jule mußte zu den Siedels auf Björkenäs hinüber.

Sssackerlot! Die Dompropstin, na, ja, wir haben noch Augen und Ohren und gehen mit der Zeit. Sieh mal, Arvid Siedel, der ist nun immer ein kolossales Rindvieh gewesen. Als er unsere Jule nicht kriegen konnte, ging er hin und heiratete eine Bürgerliche. So irgend etwas auf blom oder bom oder wie es nun war. Und dann ging nach und nach alles flöten. Björkenäs wurde verauktioniert, und wir hielten uns dazu, denn es liegt ja so famos zwischen Rogershof und Klockeberga. Ja, jetzt sitzt Arvid da als Verwalter, wo er einmal Herr gewesen ist.

Und die Dompropstin, ja, mein katholischer Bruder, jetzt werden wir des Herrn Wege sehen. Dieser Arvid hat eine Tochter, Sara, was, kennen wir sie? Na, wir werden schon mit der Zeit ihre Bekanntschaft machen. Sie ist der seligen Baronin Ulla Bruderstochter und nächste Verwandte. Und die jungen Hylteniusse sind Sr. Gnaden Schwesterkinder und nächste Verwandte. Geben wir sie nun zusammen und sprechen Gottes Segen über sie und produzieren einen kleinen Erben Hyltenius-Siedel, dann wäre es wohl –

Sssackerlot, was? Schläft mein katholischer Bruder? Na, dein Wohl, Johnsson, du trinkst.«

Vickberg erschien auf der Freitreppe. Frau Enberg hatte sich in den Schatten der Kastanie zurückbegeben. Sie strickte und dachte und befeuchtete ihren Strumpf mit Schweiß und Tränen.

Herrgott, die Dompropstin war doch beinahe ihre Spielschwester gewesen. Und die Dompropstin hatte die Heirat zwischen ihr und Vikar Enberg zustandegebracht. Ja, Enberg hatte natürlich selbst gefreit, aber die Dompropstin war es, die Luise Mut gemacht hatte, den kränklichen, schwindsüchtigen Vikar zu heiraten.

Und doch behauptete die böse Welt, daß zwischen ihr und dem Vikar etwas gewesen war.

»Wissen Sie nicht, Frau Enberg, wo Jakob ist?«

»Ach, lieber Gott, der wird sich wohl irgendwo herumtreiben.«

»Die Sache ist die, daß Se. Gnaden einen Brief geschrieben hat.«

»Was sagen Sie, Vickberg. Se. Gnaden!«

»Mit eigener Hand. Es ist ein Brief an den Herrn Rechtsanwalt Björner – von höchster Wichtigkeit. Und ich will Jakob bitten, damit hineinzureiten.«

Vickberg zog aus der Brusttasche des Rockes einen Brief und prüfte genau die Adresse, die aus einer Masse großer und kleiner wackeliger verschmierter Buchstaben bestand.

»Ich kann es Ihnen ja ebenso gut sagen, Frau Enberg – Se. Gnaden denkt daran, sein Testament zu machen.«

Er hatte erwartet, daß diese Mitteilung einen Ausbruch tiefer Rührung hervorrufen würde. Aber Frau Enberg war nicht umsonst eine Pfarrerswitwe und eine ernstdenkende Frau, sie war mit dem Tode und seinen verschiedenen Attributen vertraut.

»Klug der, der wohl vorbereitet ist, denn vom Tag und der Stunde wissen wir nichts,« zitierte sie ein wenig frei. Und in demütigem Nachsinnen fügte sie hinzu: »Man hat ihm gedient, so gut man konnte. Wenn die Kräfte nicht groß waren, so ist das Gewissen doch rein. Und daß die Sahne schlabbrig gewesen sein soll, das kann ich unter keiner Bedingung zugeben.

Ach, da sind ja die Kinder.«

Jakob hielt Blenda an der Hand und bugsierte sie über den weißen Sand des Hofes. Die weiße Bluse und der Rock des Mädchens waren von Kies und Gras beschmutzt.

»Daß du nie ordentlich herumgehen kannst, Blenda,« entrüstete sich die Haushälterin. »Immer müßt ihr euch im Gras herumrollen.«

Vickberg brachte seinen Auftrag vor. Ja, Jakob wollte gerne in die Stadt reiten.

»Dann nimmt Blenda die Lisa, und ich reite den Fingal.«

Was war das? Sollte Blenda vielleicht gar mit in die Stadt reiten? Zum Herrn Rechtsanwalt? Um den Brief Sr. Gnaden zu überreichen, einen hochwichtigen Brief? Das mußte Jakob doch einsehen ...

»Ja, aber was soll Blenda denn tun, wenn ich weg bin?«

»Herr du mein Schöpfer, Kinder, Ihr könnt einem das Gallenfieber anärgern. Was Blenda eine ganze Stunde lang tun soll? Ja, Strümpfe soll sie stopfen. Du hast ohnehin kein einziges Paar ganz und Löcher so groß wie die Semmeln. Willst du dich denn niemals nützlich machen, Blenda?«

»Aber ja, ich habe doch nie Zeit.«

»Ach streitet jetzt nicht, ich reite schon allein. Aber hol mich der Teufel, wenn ich das Pferd nicht ordentlich antreibe.«

Und fort flog er auf seinen langen Beinen. Vickberg ihm nach, in kurzen Sprüngen, mit flatternden Rockschößen.

»Aber den Brief! Den Brief!«

»Ach, ach, ja,« seufzte Frau Enberg. »Setze dich jetzt her, Blendachen, wir wollen miteinander plaudern. Du kannst mir unterdessen die Strähne halten.

Herrgott ja, wenn aus dem Jungen doch nur einmal ein Mensch würde, ich wollte unserem Herrgott ja auf meinen bloßen Knien dafür danken.«

»Ach wie lustig, Tante, würdest du die Strümpfe ausziehen?«

»In meinem ganzen Leben, nein wirklich, in meinem ganzen Leben habe ich nie von einem so faulen Jungen gehört. Neunzehn Jahre ist er jetzt und hat nie für einen Pfennig etwas Nützliches ausgerichtet.«

»Wie kannst du so etwas sagen, Tante! Er jagt, und er fischt, und er hackt Holz. Und manchmal helfen wir doch auch beim Dreschen.«

»Ach, schwatz doch keine Dummheiten. Aber wenn ich auch nur Se. Gnaden begreifen könnte. Manchmal ist es ja, als hätte er ein wirkliches Interesse für den Jungen. Und damals vor drei Jahren, als er gerade konfirmiert war und ich bat, ihn in eine ordentliche Schule schicken zu dürfen, da war er ja ganz traitabel, der Herr Baron. ›Ja, ja, Enberg‹, sagt Se. Gnaden, ›wir wollen schon sehen.‹ Aber anstatt den Jungen einfach in die Schule zu schicken, läßt er ihn rufen und fragt ihn, ob er will. Kann man sich so etwas denken?«

»Wollte er nicht?«

»Ich möchte ihn schon lehren, wollen!

Steckt der Schlingel nicht die Nase in die Luft und sagt: ›Kann mir der gnädige Herr Baron sagen, was denn aus Blenda werden soll, wenn ich fort bin?‹ – ›Nein, du dummer Rawuzel‹, sagt der Baron, ›das kann ich nicht.‹ – ›Ja, dann ist's nichts,‹ sagt der Junge, und ich, seine leibliche Mutter, muß dabei stehen und zusehen, wie Se. Gnaden mit diesem Lausejungen debattiert, anstatt mich zu fragen.

Ja, was fällt dir ein, Mädel, mit der Strähne zu winken.«

»Adieu, Jakob – Sag, reitet er nicht flott?«

Frau Enberg versuchte den Kopf zu drehen, was die Fettpolster des Nackens vereitelten. Und ehe sie noch den schweren Oberkörper wenden konnte, war Jakob schon die Allee hinunter.

»Du hättest es mir auch rechtzeitig sagen können,« polterte sie. »Ich sehe ihn doch auch gern. Aber Herrgott, Kinder. Ihr seid doch jetzt groß. Man muß doch leben.«

»Das tun wir ja.«

»Ach, mit dir ein vernünftiges Wort zu sprechen. – Wenn ich nur wüßte, was ihr eigentlich treibt? Ihr könnt doch nicht den ganzen Tag fischen und im Wald herumlaufen? Was macht ihr denn in dieser greulichen Tanningehütte? Lest ihr?«

»Ja, manchmal liest mir Jakob aus Robinson Crusoe vor. Das ist sehr lustig. Und dann lesen wir auch in der Geschichte des schwedischen Reichs.«

»Ach lieber Gott, habt ihr die dort hinausgeschleppt? Und ich habe sie überall gesucht! Ach, wenn das Enberg wüßte.

Aber, es ist doch wenigstens gut, daß ihr solche Dinge lest, von denen ihr etwas profitieren könnt.«

»Ja, und dann lesen wir in einem Buch, da ist ein alter Mann, der den Bauch bloß hat. Es ist ein furchtbar kluger alter Mann. Patron Siedel hat Jakob das Buch geliehen. Aber es ist nicht lustig. Da steht, daß man einschläft, wenn man seinen Bauch lange ansieht. Aber wir haben es auch versucht, und es geht nicht.«

Blenda verstummte und schloß die Augen. »Ach, ach,« dachte sie. »Es ist so, wie Jakob sagt. Sobald mich nur jemand fragt, erzähle ich gleich alles. Ich bin doch wie ein Sieb. Wie mich nur jemand fragt. Wie jemand fragt. Hu, was für rote Augen die Tante bekommen hat.«

»Blendachen – sag, warum schlaft ihr denn oben?«

»Ach Tante – ich weiß nicht. Jakob will es.«

Ach Herrgott, dieser Junge! Nie wußte man, wie man mit ihm dran war. Nie wußte man, was er dachte. Aber auf Wunderlichkeiten war er immer versessen. – Ganz wie der Vater.

»Kannst du mir nicht in die Augen sehen, Kind?«

Blenda schlug gehorsam die Augen auf. »Jetzt kommt ein großes Verhör,« dachte sie. »Antworten muß ich. Wenn mir doch nur irgend etwas einfiele.«

»Was tut ihr dort oben in der Tanningehütte?«

»Ich hab's doch gesagt. Wir lesen, und dann angeln wir. Und Jakob hat doch manchmal die Hunde mit. Und dann kommt Patron Siedel, und da jagen sie miteinander. Ja. Und dann laufen wir im Wald herum. Und dann wird uns warm und dann baden wir. Und dann werden wir müde, und dann schlafen wir.«

Frau Enberg zog den Knäuel an. Rasch bewegte sich die dicke Hand, das Garn löste sich leicht aus der dünner werdenden Strähne, die Knoten entwirrten sich.

»So, ihr schlaft?«

»Weißt du, wenn ich Jakob ganz lang in die Augen sehe und wir kein Wort sprechen, dann schlafe ich ein.«

»Ihr schlaft – alle beide?«

Blenda nickte eifrig und zog dann ein Mäulchen.

»Ja, weißt du, er sagt es. Aber ich glaub es nicht. Ich glaube, er sitzt nur da und guckt mich an. Denn wenn ich aufwache, dann sitzt er immer da und guckt mich an. Und dann sagt er, daß er gerade aufgewacht ist. Aber warum soll denn ich nie zuerst aufwachen? Nie, kein einziges Mal!«

Das Garnende schlängelte sich über den Kies, ruckweise, hastig und verschwand im Knäuel. Frau Enberg erhob sich.

»Ja, Blendachen, wir müssen einmal miteinander sprechen. Ernstlich. Vielleicht heute Abend. Jetzt muß ich ans Mittagessen denken.«


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