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Fünftes Kapitel

Patron Siedel und seine Gäste – Frau Enberg spricht mit Sr. Gnaden ein ernstes Wort.

Patron Arvid Siedel präsidierte am Frühstückstisch in dem niedrigen dunkeln Speisezimmer von Björkenäs. Patron Siedel war ausgesprochen zu lang für seine niedrigen Stuben. Wenn er aufstand, war nicht viel mehr als dreiviertel Meter zwischen seinem Scheitel und der Decke, und um zum Fenster hinauszusehen, mußte er sich ganz tief herabbeugen. Arvid Siedel war immer etwas ungeschlacht gewesen, eine recht unmögliche Erscheinung mit seinen mongolisch geschlitzten Augen. Seine Arme waren gleichfalls überlebensgroß und endigten in schmalen Händen mit skelettartig mageren Fingern. Diese Hände bewegte er jedoch mit einer gewissen maßvollen Anmut. Und da er seine Gedanken und Wünsche hauptsächlich durch Gesten mitteilte, war dies von Wichtigkeit.

Patron Siedel empfand es unangenehm, zu sprechen. Wenn er ein seltenes Mal seine Zunge gebrauchte, entströmten seinem Mund unwillkürlich kleine Speichelstrahlen. Und soviel Hohn hatte er in seiner Jugend für diesen Naturfehler erleiden müssen – vor allem von seiten der bewunderten Julia de Sars – daß er es nunmehr am liebsten vermied, seine Worte an andere zu richten als an Hunde, Pferde und Taglöhner.

Jakob und Blenda waren an diesem Morgen Gäste am Frühstückstisch von Björkenäs. Mit artigen kleinen Handbewegungen bot ihnen der Wirt von den Leckerbissen seiner Tafel an, und die Kinder schienen diese stumme Sprache vollkommen zu verstehen. Blenda, um einen Grad mäßiger, beschuldigte Jakob sogar, ein rechter Vielfraß zu sein.

»Na ja, für die beiden Schlafmützen wird nicht viel übrig bleiben. Was sind das überhaupt für Leute, die um acht Uhr noch nicht beim Frühstück sein können? Stadtherren, kann ich mir denken. Sind sie zur Entenjagd gekommen?

Nein? Ja, wir haben ja auch in dieser Hinsicht nichts Rechtes zu bieten.«

»Ich habe sie ja nicht gebeten.«

»Sind es gute Freunde oder sind es Verwandte?« fragte Blenda.

»Von Roger.«

»Ach was, die Verwandten Sr. Gnaden? Warum sind sie denn da nicht nach Rogershof gekommen? Da kriegen wir ja ohnehin Besuch.

Ja, uns kann es ja egal sein. Aber ein bißchen ungelegen kommt es doch. Denn wir hatten daran gedacht, eine Woche oder so in der Hütte zu bleiben und zum Essen hierher zu kommen. Aber wenn der Patron mit diesen Stadtherren herumziehen muß, dann ist es ja ungemütlich. – Wie lange wollen sie denn bleiben?«

Siedel zuckte die Achseln.

»Ja, ja,« nickte Jakob zustimmend. »Stadtherren wird man nicht los, solange sie noch einen Tag von den Ferien übrig haben. Da fragt es sich nur, wer schlimmer ist: die Herren oder die alte Hexe –«

»Wer?«

»Die Dompropstin. Die soll ja so böse sein.

Ja, der Patron kennt sie doch?«

»Die ist nicht böse,« beteuerte Arvid Siedel, alle Leiden seiner Jugend verleugnend.

»Nicht? – Das pfeifen doch alle Spatzen vom Dach. Daheim fliegen sie herum wie die aufgescheuchten Hühner. Mutter weiß gar nicht mehr, wo ihr der Kopf steht, und Se. Gnaden hat einen Juristen kommen lassen.«

»Fräulein Sara kommt ja mit. Da muß der Patron wohl auch nach Rogershof kommen?«

Siedel kniff die Lippen zusammen und schnitt unwillkürlich ein höchst verdrossenes Gesicht. Blenda war im Begriff, in Lachen auszubrechen, und zwickte sich kräftig in den Arm, um womöglich ihre Lustigkeit zu unterdrücken.

Im selben Augenblick ging die Türe zum Vorsaal auf, und herein trat ein grob gebauter, etwas plumper junger Herr. Seine Art, einzutreten, wirkte um so plumper, als er offenbar ziemlich kräftig von rückwärts geschoben wurde. Er sah etwas geniert aus.

Aber derjenige, der ihm auf den Fersen durch die Türe folgte, war nichts weniger als befangen. Er drängte seine kleinere und zartere Gestalt an der des anderen vorbei und steuerte geradeswegs auf den Frühstückstisch los.

»Excusez-moi, mon oncle, aber als Per Wind davon bekam, daß hier im Hause ein Mädchen ist, da war er unmöglich im Bett zu halten. Und so mußte ich mitkommen. – Das hier ist ohne Zweifel unsere kleine Cousine Blenda? Höchst angenehm! Und dies ist der junge Herr Enberg, nicht wahr? Ja, ich bin Roger Hyltenius, cand. jur. und bescheiden gesagt, ein vielversprechender junger Mann. Und dies ist Bruder Per, einstmals ein Licht im Herrn und jetzt ebenso glänzend auf dem Gebiet der heidnischen Philosophie und der ketzerischen Naturwissenschaften.

Ja, du entschuldigst schon Onkel, daß ich Platz nehme. Dieses unmenschlich frühe Erwachen hat das Feuer meiner Lust entzündet. Ja, ich meine natürlich die Lust, die ihren Sitz in Gaumen und Rachen hat – auf lateinisch: gola. Diese Lust ist sehr kräftig entwickelt, bei allem, was Hyltenius heißt – nein, aber so setze dich doch, Per! Ach, Cousinchen, wenn Sie ahnen könnten, was für Sorgen ich mir um die Zukunft dieses Jünglings mache. Er ist so unpraktisch. – Ach, Herr Enberg, wollen Sie mir das Salzfaß reichen. Danke – so setze dich doch, Per. Eine so einfache und natürliche Sache, wie daß man sich an einem schöngedeckten Tisch niederläßt und zugreift, erregt sein verblüfftes Staunen. Möchten Sie ihn nicht am Rockschoß ziehen, Herr Enberg, das pflegt er zu begreifen. Nein, wirklich, jetzt hat er sich gesetzt. Und jetzt werden Sie erst sehen, was er alles essen kann, wenn er nur in Gang kommt.

Sie lachen, Cousinchen? Aber es ist meiner Seele keine Kleinigkeit: immer herumzugehen und für seinen großen Bruder die Kinderfrau zu spielen. Pierre, mon petit enfant, il faut que tu manges –«

»Zum Teufel, so hör schon einmal auf!«

»Per, man flucht doch nicht in Damengesellschaft!

Hör mal, Onkel, Björkenäs ist wirklich eine alte Baracke. Ich hoffe, Klockeberga ist etwas reputierlicher. Nun, wir werden die Verhältnisse schon untersuchen. – Sehen Sie, Cousinchen, wir sind nämlich in der infamen Absicht hergekommen, uns eins oder das andere dieser Güter zu erschleichen, am liebsten natürlich beide. Konkurrieren Sie mit, Cousinchen? In diesem Falle würde ich zu einem Kompromiß raten. Ihro Gnaden, die verwitwete Dompropstin, ist nämlich fest entschlossen, etwas für ihre Söhne zu tun. Und ich für mein Teil habe nie gehört oder gesehen, daß Ihro Gnaden einen schon gefaßten Entschluß geändert hätte. – Au! – Würden Sie das glauben, Cousinchen? – er tritt mich mit den Füßen.«

Blenda brach in ein schallendes Gelächter aus und steckte Jakob damit an. Patron Siedel schnitt eine schwer zu deutende Grimasse. Per versuchte zu entschuldigen.

»Ich hoffe, Onkel, du bist nicht böse auf diesen geschwätzigen Jungen. Er meint es nicht so schlimm –«

»Aber bitte,« stieß Siedel hervor. »Es ist mir ein Vergnügen. Dein Vater war auch sehr lebhaft.«

»Ja, Vater hatte auch ein weitfliegendes Ingenium – vielleicht nicht ganz so flüchtig wie meines. Er war ja auch Dompropst. Ich glaube, daß Per etwas von der Tiefe und Weite seines Geistes geerbt hat. Mir liegt mehr die Papageienrichtung. – Welche Art von Männern ziehen Sie vor, Cousinchen? Die lustigen, aufgeräumten oder den schwereren und unendlich tiefsinnigeren Per-Typus?«

»Ich ziehe gar keine Männer vor,« lachte Blenda.

»Oh, wohl nur an. Ach, darf ich um den Schinken bitten? – Ich muß nämlich sagen, als Mama mich herschicken wollte, protestierte ich zuerst auf das Energischste. Erstlich weil ich das ›Land‹ nicht ausstehen kann. Zweitens hatte ich Angst, lästig zu fallen, drittens wußte ich nicht, daß Sie da sind, Cousinchen, und viertens fürchtete ich sehr, hier ein scheußliches Futter zu bekommen. Aber als ich mit diesem Argument kam, sagte Mama: ›Sei du ruhig, einen größeren Freßkünstler als Arvid Siedel gibt es nicht.‹ Ja, Per, das sagte sie – bei allen Engeln im Himmel, das sagte sie –«

»Nein, wirklich, ich schäme mich –«

»Pfui, Per, du schämst dich deiner eigenen Mutter! Übrigens – Freßkünstler, dagegen ist doch nichts einzuwenden? Nächst dem, Präsident des Obersten Gerichtshofes zu sein, kann ich mir keine angenehmere Beschäftigung denken. Nun, reichen die Kräfte und ist mir das Glück hold, so hoffe ich noch einmal beide Ämter zu verwalten.

A propos, Onkel, bist du kürzlich auf Rogershof gewesen? Nein? Nun, da können Sie wohl die nötigen Aufklärungen geben, Cousinchen? Wie belieben sich Seine Hochwohlgeboren zu befinden? Gesundheit und Humor zufriedenstellend? Es ist unendlich wichtig für die schmarotzende Familie, über diese Dinge au fait zu sein. Man behauptet, daß der Alte zuweilen Wutanfälle haben soll? Ist das wahr?«

»Ja, manchmal ist Onkel schon recht böse,« gab Blenda zögernd zu.

»Onkel? – Ja so, ja gewiß – so, ist er das? Er soll sich ja im engern Freundes- und Bedientenkreise des Stocks bedienen. Na, man muß sich eben mit Geduld wappnen. Einen oder den anderen blauen Fleck nimmt man ja gern für die gute Sache hin. – Ja, also, Mama hat die geniale Idee gehabt, uns mit unserem Oheim zusammenzuführen. Sie will ihm zeigen, daß er ein paar intelligente und liebenswürdige Neffen hat. Aber damit die Vorstellung sich nicht allzusehr in die Länge zieht, hält sie uns vorsichtig hier oben im Wald verborgen. Und wenn dann der rechte Moment kommt, dann trippeln der kleine Per und der kleine Roger an Mamas Rockfalten heran und stecken ihre Köpfchen hervor und sagen: Guck guck, Onkel. Und dann sagt die gute Mutter: Siehe Roger Abraham Nebukadnezar, siehe hier deine Erben!

Ja, Cousinchen, Sie lachen! Aber es ist weiß Gott, kein Vergnügen, herumzugehen und die armen Verwandten zu agieren. Sie können glauben, Blenda, ich habe scheußliche Schulden! Und Per erst! Erschauere für uns beide, sei so gut, Per. Ich habe zuviel heißen Kaffee getrunken.

Ja, Onkel Siedel, du kannst glauben, daß es mit den Hylteniusschen Finanzen dreckig steht! Total perdu! Ihro Gnaden hat sich seit sieben Jahren kein neues schwarzes Seidenkleid anschaffen können. Und Per geht doch herum wie ein Zigeuner. Ich bin der einzige, der ein bischen anständig aussieht. Aber dafür bin ich auch die Schönheit der Familie.

Glauben Sie, Blenda, daß Onkel ein Faible für ein angenehmes Exterieur hat?«

»Das weiß ich nicht.«

»Ja, aber, ich will es doch hoffen. Das ist nämlich eine meiner stärksten Seiten. Per hingegen ist mehr innerlich glänzend. Aber ich habe es mir in den Kopf gesetzt, Bruder Per auszustechen. Er hat allerdings größere Schulden als ich, aber ich habe größere Bedürfnisse. Ich bin nämlich sehr flott, müssen Sie wissen, Blenda.

Sagen Sie mir jetzt, auf Ehre und Gewissen! Wer, glauben Sie, Cousinchen, wird Sr. Hochwohlgeboren besser gefallen: ich oder Per?«

»Ja, Sie wohl kaum. Onkel schwätzt am liebsten selbst.«

»Bravo, Cousine Blenda! Jetzt haben Sie's Roger einmal gegeben!«

Per lachte schwer und schrill, so daß das Mädchen zusammenzuckte. Und Patron Siedel schnitt ein paar schreckliche Grimassen. Aber Jakob stimmte herzlich in das Lachen ein. Ja, freilich konnte Blenda einen abblitzen lassen, wenn sie wollte –

Unmittelbar nach dem Frühstück erklärte Jakob, jetzt müßten er und Blenda heimgehen. »Bleiben wir denn nicht in der Hütte?« fragte Blenda. – Nein, aber sie würden den Umweg machen, um den Korb zu holen. Siedel mußte zum Förster gehen, hatte also denselben Weg. Und die Herren Hyltenius baten, sich anschließen zu dürfen.

Ja, natürlich. –

Roger legte völlig Beschlag auf Blenda. Er plauderte unaufhörlich, und sie lachte. Jakob begriff nicht, wie Blenda soviel lachen konnte. War ihr denn dieses ewige Geschwätz nicht schon zuwider?

»Beteiligen Sie sich irgendwie an der Verwaltung der Güter, Herr Enberg?« fragte Per Hyltenius.

»Nein, warum sollte ich das?« Jakobs Antwort klang ein wenig gereizt. Er konnte nicht begreifen, was der Mensch mit einer so dummen Frage meinte. Und außerdem hatte er nicht geringste Lust, ein Gespräch mit Per anzuknüpfen. Er wollte doch hören, was die vor ihnen Gehenden, Roger und Blenda, sprachen.

»Ich dachte – ich hatte so die Vorstellung, daß Sie Landwirt seien, Herr Enberg.«

»Man kann doch nicht Landwirt sein, wenn man nichts zu bewirtschaften hat,« schnitt Jakob ab und wandte sich dann Patron Siedel zu.

»Wenn Sie doch ohnehin in die Jagdhütte gehen, Patron, dann könnten Sie wohl die Türe zuschließen? Den Korb lassen wir einstweilen da. – Ja danke. Dann biegen wir hier ab, Blenda, und nehmen den kürzeren Weg.«

Roger wollte auch nach Rogershof mitgehen – wie ein Spion oder ein verfolgter Flüchtling wollte er in den verborgensten Schlupfwinkeln des Parks umherirren. Aber der Verwirklichung dieses Planes setzte Per seine sanfte brüderliche Gewalt entgegen. Und so trennte sich die Gesellschaft.

 

Als Jakob in den Eßsaal des Bedientenflügels trat, hatte die Uhr eben eins geschlagen. Er erwartete daher den Viratisch besetzt und die Mutter mit ihrem Strickstrumpf in der Fensternische zu finden. Er wollte mit seiner Mutter sprechen.

»Warum sind Sie denn allein, Johnsson?«

»Was glaubst du, Jakob? Was glaubst du?« Johnsson klopfte an seinen Porterkrug und nickte geheimnisvoll.

»Wo ist die Mutter?«

»Was weiß ich! Vielleicht hängt sie an einer Rouleauschnur oder liegt im Brunnen.«

»Was schwätzt er da für Blödsinn?«

»Ja, ja, mein lieber Jakob, hier sind Dinge vorgefallen. Se. Gnaden hat der Schlag getroffen, Vickberg hat sich erhängt, Toni sich ertränkt. Und die Enberg liegt in ihrem eigenen Backofen. Hihihihi – sssackerlot noch einmal – sssackerlot.«

»Sind Sie wieder einmal betrunken, Johnsson?«

Na, daß Johnsson ein bißchen über den Durst getrunken hatte, konnte er wohl nicht leugnen. Aber dafür waren auch Dinge vorgefallen –

Gestern Abend hatte sich Johnsson glücklich in seine Kammer hinaufgelotst. Er hatte wohl gehört, daß die Enberg herumschlich und nach den Kindern suchte. Aber Johnsson war der Ansicht, daß diese Unruhe sich schon ohne seine Hilfe legen würde. Und so kroch er ins Bett.

Kaum hatte er die Decke über den Kopf gezogen, so kamen schon Luise Enberg und Toni die Treppe heraufgestolpert und in seine Kammer hinein. Wahrhaftig, hätte ihm die Enberg nicht fast die Decke heruntergerissen! Johnsson sei zuletzt mit den Kindern zusammen gewesen? Wohin sie gegangen seien? – Ja, da gab es keinen Pardon. Die Wahrheit mußte heraus. Und da Johnsson ziemlich wütend war, kam sie vielleicht etwas plötzlich. Na ja, vermutlich wollten die Kinder in der Tanningehütte übernachten!

»Da hättest du deine Mutter sehen sollen, mein lieber Jakob! Ich hätte doch nie geglaubt, daß die Enberg so springgiftig werden könnte. Aber es heißt ja, daß auch sie etwas freiherrliches Blut in den Adern hat.«

Schon um halb zehn Uhr heute Morgen hatte sie eine Audienz bei Sr. Gnaden verlangt und erhalten. Das Gespräch hatte in sehr freundschaftlichen Formen begonnen – zumindest von Seiten Sr. Gnaden.

Ja so, Frau Enberg kam wieder mit dieser alten Geschichte. Vom Schulbesuch. Ja, aber meinte sie nicht selbst, daß Jakob ein bischen zu alt war, um unter die kleinen Jungen auf die Schulbank gesetzt zu werden. –

Ja, Gott sei's geklagt, freilich war er wohl für eine gewöhnliche Schule zu alt geworden. Aber man konnte ihn in eine Landwirtschaftsschule oder so irgendwohin schicken, wo er einen Beruf erlernen konnte, der ihm ein gutes und ehrliches Auskommen gab.

»Nach Vickbergs Aussage soll sie sehr schön gesprochen haben, fast wie der selige Herr Vikar zu seiner Zeit –«

Und als sie geendet hatte, da saß Se. Gnaden da und nickte beifällig und meinte, das könnte schon seine Richtigkeit haben. »Aber,« sagte er, »was, glaubt sie, wird die kleine Blenda zu der Sache sagen?«

Das war der Funken ins Pulverfaß. Frau Enberg explodierte mit Donner und Getöse. Eine solche Predigt hätte der selige Vikar nie zu halten gewagt, nicht einmal in der elendesten Kleinhäuslerhütte. Und so viel kräftige Sprüche und prächtige Gottesworte hatte der alte Sünder, der Baron, wohl sein ganzes Leben lang nicht zu hören bekommen.

Aber das Wunderbarste von allem war, daß Se. Gnaden die Sache gar nicht übel zu nehmen schien. Freilich saß er da und blinzelte ein bißchen und tupfte an seiner Nasenspitze. Aber dazwischen nickte er zustimmend. Und wahrlich, sah Vickberg nicht, wie er einmal die Hände faltete, ganz wie in Stunden der Andacht? Vickberg wurde es förmlich ängstlich zumute, und er bedeutete Frau Enberg durch Zeichen, doch endlich aufzuhören.

Das tat sie auch. Aber zuletzt ritt sie noch der Teufel und gab ihr folgende Worte ein:

»Nein, Ew. Gnaden, wir können es vor Gott und unserem Gewissen nicht verantworten, die Kinder ohne Zucht wie die rechten Heiden herumlaufen zu lassen. Und was glauben Ew. Gnaden, daß Ihro Gnaden die Dompropstin denken wird, wenn sie jetzt –«

Weiter kam Frau Enberg nicht. Eine hastige Flucht wurde dringend notwendig. Vickberg riß die Türe weit auf, und hinaus kam sie, gefolgt von einem Stock und verschiedenen anderen Kleinigkeiten. Außer Atem war sie, aber eigentlichen Schaden hatte sie ja nicht genommen. Und wunderbar zu sagen: schon eine halbe Stunde später stand sie wieder vor Sr. Gnaden. Und noch wunderbarer: Se. Gnaden leistete ihr eine förmliche Abbitte.

Das heißt, er sagte:

»Hat sie etwas mit dem Stock abbekommen, so muß sie sich selbst die Schuld zuschreiben, sie Satansweib!«

Frau Enberg machte ihren schönsten Knix und erklärte, so etwas nehme sie gern in Kauf, wenn sie mit Sr. Gnaden nur ein ernstes Wort sprechen könnte. Se. Gnaden müßte ihr doch das Recht zugestehen, über ihr eigen Fleisch und Blut zu bestimmen.

Ja, das konnte er ja zugeben. Er war sogar bereit, darauf einzugehen, daß die Erziehung des Knaben vervollkommnet werden sollte. Aber konnte das nicht am besten dadurch geschehen, daß man einen tüchtigen Hofmeister aus Upsala kommen ließ? Da dieser verdammte Pastor vermutlich nicht viel mehr wußte als der Junge selbst.

Nein, so etwas hatte Frau Enberg doch noch nie gehört. Sollte ihr baumlanger Sohn jetzt noch einen Hofmeister kriegen? Er, der eigentlich schon selbst in die Welt gehen und sein Brot verdienen sollte! Und sollten sie einen ungeschneuzten Upsala-Studenten hier im Hause herumlaufen lassen? So daß es noch mehr Ungelegenheiten gab!

»Das ist doch ein ganz verfluchter Rawuzel: wie die sich aufspielt! Will sie uns alle kujonieren, he? – Na, was hat doch Vickberg gesagt? Was hat er vorgeschlagen?«

Ja, Vickberg hatte auf Wunsch Sr. Gnaden einen Kompromiß zum Vorschlag gebracht. Jakob sollte in eine sogenannte Studentenpresse geschickt werden, wo er es mit seinen guten Vorkenntnissen recht bald zum Examen bringen dürfte. Dann sollte er für ein Jahr oder zwei an die Universität kommen –

»– um humaniora zu studieren, da Se. Gnaden für den Knaben eine wirklich gebildete Erziehung vorzuziehen scheint.«

»Ja, wenn er nach Upsala kommt, dann will ich aber, daß er Geistlicher wird,« erklärte Frau Enberg, die der unerwartete Erfolg allzu übermütig machte.

Aber das hätte sie nicht sagen sollen. Se. Gnaden drohte, sie nicht nur aus dem Zimmer zu schmeißen – was er auch sehr prompt besorgte – sondern auch aus dem Haus. Der getreue Vickberg bekam ebenfalls sein reichlich Teil aus den Schalen des Zorns. Aber er hielt aus, und so gelang es ihm schließlich, Se. Gnaden zu überreden, sich zu Bette zu begeben.

Johnsson für sein Teil glaubte, daß Se. Gnaden einen gelinden Schlaganfall erlitten habe. Vickberg hatte dies freilich in Abrede gestellt, war aber selbst so aufgeregt, daß man ein Unglück befürchten konnte. Und Toni hatte sich bestimmt erhängt.

»Ja, sehen Sie, Jakob, Se. Gnaden sind in diesen Tagen geradezu tollwütig. Aber wenn man bedenkt, daß Ihro Gnaden, die Jule, schon übermorgen im Anzuge ist, so versteht man ja den Zusammenhang, lieber Jakob –«

 

Jakob streifte im Park herum. Er wußte nicht, was er anfangen sollte. Hinaufgehen und mit Sr. Gnaden frei von der Leber weg sprechen? Das konnte er ja nicht, da Se. Gnaden im Bett lag und schlief.

Jetzt hörte er Blenda rufen. Er mußte antworten, er konnte sie doch nicht den ganzen Tag herumlaufen und nach ihm rufen lassen.

Blenda kam auf ihn zugestürzt. Sie sah ganz erschrocken aus.

»Jakob, du. Tante sitzt da und weint. Sie weint nur immerzu und antwortet mir keinen Ton.«

»Aber! – Wo ist sie denn?«

»In Eurem Flügel – im Schlafzimmer.«

Auf der Treppe zum Flügel stand der kleine pralle Inspektor und konnte sich nicht erklären, wohin Jakob stürzte. Aber er wurde beiseite gepufft, und Jakob eilte die Treppe hinauf und riß die Tür zum Speisezimmer auf. Dann blieb er stehen und schlich auf den Zehen zur Schlafzimmertüre, die angelehnt stand.

»Mutter,« flüsterte er. Er wagte nicht, die Türe ganz zu öffnen, er hatte Angst. »Mutter, du, warum sitzest du denn so da?«

Er öffnete die Tür.

Da lag sie – die große, dicke Person, kopfüber auf dem Bett und weinte. Jakob ging auf sie zu, bald war er auf der einen, bald auf der andern Seite des Bettes.

»Ach, Muttel, du – was hast du denn – sei doch nicht so komisch, Mutter – na, Mutter –« Das war alles, was er sagen konnte. Und da sie kein Zeichen machte, daß sie ihn auch nur hörte, geriet er außer sich. Er setzte sich auf den Bettrand. Und dann machte er es, wie es die kleinen Kinder machen. Einen Augenblick war sein Gesicht starr und nichtssagend wie eine Maske. Dann verzerrte es sich schmerzlich, und die Tränen stürzten hervor.

Da mußte sich ja Frau Enberg aufsetzen und ihre Tränen und die des Knaben trocknen. Ach, er war ja rein wild, der Junge, wenn er einmal ins Weinen kam. Das konnte kein Mensch aushalten – wenigstens seine Mutter nicht.

»Aber mein Herzensjunge, mein Herzensjunge,« heulte Frau Enberg. »Kannst du denn nicht still sein!«

Ja, er war still. Er biß in die Decke. Aber der Körper bebte umso heftiger. Es dauerte lange, bis dieses Schütteln aufhörte. Endlich wurde er ruhiger.

»Bist du auf mich böse, Mutter?«

»Ja, auf wen denn wohl sonst?«

»Nicht auf Se. Gnaden?«

»Ich pfeife auf den alten Kracher!« brach sie los. »Wenn doch nur aus dir ein Mensch werden könnte, mein Herzensjunge!«

Jakob hatte ja wirklich gehofft, daß er die Schuldenlast mit dem Baron teilen könnte. Jetzt war er rein verzweifelt – er trug also allein alle Schuld? Aber warum denn? Was hatte er angestellt?

»Ist es deshalb, weil ich nichts arbeite?«

Frau Enberg preßte die Hände hart an die Brust.

Ja gewiß, auch deshalb, zum Teil. Aber das war ja nicht alles. Dies, daß er immer mit Blenda herumzog, die ganzen Tage – ja sogar die ganzen Nächte. Sich so herumtrieb und mit ihr scharmuzierte –

»Nein, aber Mutter! Ich scharmuziere doch nicht. Was meinst du eigentlich?«

Sie wußte nicht, sollte sie schweigen oder reden. Das Blut stieg ihr zu Kopf, und die Augen trübten sich. So dazusitzen und vor meinem eigenen Sohn zu stottern und zu erröten, dachte sie. Das habe ich doch nicht verdient, das ist nicht recht vom lieben Gott –

»Jakob, siehst du denn nicht ein, daß das nicht angeht – was ihr heute Nacht tatet –«

»Was wir heute Nacht taten? Blenda lag auf der Pritsche und schlief. Und ich saß auf dem Boden und rauchte, ja, das heißt, ein bißchen schlief ich auch.«

»Jetzt lügst du. Blenda hat erzählt –«

»Was hat Blenda gesagt?«

»Ja, nicht heute – heute habe ich überhaupt noch nicht mit ihr gesprochen. Und so kann es ja auch wahr sein. Aber was ihr sonst in dieser abscheulichen Hütte tut – daß ihr – und daß ihr badet –«

»Aber lieber Gott, Mutter! Daß wir baden! Sollen wir das denn nicht? Dürfen wir nicht baden?«

Was sollte sie sagen? Wie sollte sie es sagen, da dieser schreckliche Junge sie nicht verstehen wollte? Und, wenn sie nun etwas sagte und dann – Herrgott, sie wußte ja nichts von ihrem Jungen. Nichts, nichts, nichts. Das war schlimmer als in stockfinsterer Nacht herumzugehen und nach Zündhölzchen zu suchen. Und wenn sie etwas sagte – etwas sagte, das er mißverstand? Wenn sie etwas sagte, das ihm nie eingefallen war? Sie erinnerte sich selbst an den Tag, an dem der Vorhang sich vor ihren Augen geteilt hatte, von achtlosen Händen auseinandergerissen worden war.

Und plötzlich fiel es ihr ein, daß sie von sich selbst erzählen könnte. Sie erzählte von ihrer Jugend, durchlebt und durchlitten in diesem Rogershof, wo die Menschen so wenig Lust und noch weniger Fähigkeit hatten, einander glücklich zu machen. Wo die Launen allein herrschten, alles bestimmten, sich alles ertrotzten –

Jakob fand, daß dies schwer anzuhören sei. Es waren ja Dinge, die ihn so oftmals gestreift hatten, Dinge, über die Johnsson geklatscht und getratscht hatte, Dinge, die hie und da aus dem Geflüster des Hofgesindes zu ihm gedrungen waren. Jakob verabscheute diese Chronik von Rogershof, diese chronique scandaleuse, die so viele peinliche Beziehungen zu ihm selbst, zu seiner Mutter hatte. Er wußte: hörte er einmal so richtig zu, mit dem Verlangen zu wissen, dann verschwand der paradiesische Friede, und die Gedanken wurden bitter. Er wollte die Augen schließen, sie sich zuhalten, Mutter bitten, zu schweigen. –

 

Zum dritten Mal an diesem Tage erging an den Baron die Bitte um eine Audienz. Dieses Mal von Jakob. Se. Gnaden hatte soeben – etwas später als gewöhnlich – seinen sauren Rahm, seine Erdbeeren und sein Glas Johannisberger zu sich genommen. Vom Schlummer gestärkt und vom Weine erquickt, willigte der Baron gnädigst ein.

»Guten Tag, guten Tag, mein Junge. Nun?«

»Ja, ich komme, um Ew. Gnaden zu sagen, daß es am besten ist, wenn ich jetzt in irgend eine Schule komme.«

»Na ja, na ja, das haben wir doch schon mit deiner Mutter vereinbart.«

»Ja gewiß, aber Mutter glaubte, daß es vielleicht nur eine Fopperei von Ew. Gnaden ist. Das heißt, sie meinte, es sei kein rechter Verlaß auf –«

»Auf meine Worte? He? Ist er denn lichterloh verrückt? So ein Rawuzel!«

»Jetzt dürfen Herr Baron nicht böse werden. Denn das sind ernste Dinge. Und daß ich so bald als möglich zur Schule muß, das ist ganz sicher.«

Se. Gnaden schwoll an wie ein Frosch, ein Zeichen des Zornes oder der Heiterkeit.

»Vickberg – sag diesem verdammten Rawuzel, daß er auf die Schule kommt, ob er will oder nicht. Aber sprich ausländisch, Vickberg, schwedisch scheint er nicht zu verstehen.«

»Dann sind wir ja in dieser Sache ganz einig. Ich möchte nur noch eines sagen –«

»Na also, heraus damit!«

»Ja, es betrifft ja eigentlich nicht mich, sondern Blenda –«

»So so, nicht ihn, sondern Blenda. Na also –«

»Wenn ich jetzt fortkomme, so wird es natürlich anfangs für Blenda ein bißchen einsam sein. Darum meine ich, Ew. Gnaden sollten ihr eine Gouvernante anschaffen. Aber das sage ich Ew. Gnaden, nicht so eine widerliche alte Schachtel! Sondern eine, die so ungefähr im gleichen Alter mit Blenda ist, damit sie doch eine Freude an ihr hat.«

»Parfaitement. Der Befehl wird befolgt werden.«

»Ich befehle ja gar nicht. Ich sage nur, was ich meine. – Ja, das ist alles. Und ich danke auch recht schön.«

»Keine Ursache, mein Bester. – Wie lange gedenkt er von Rogershof fortzubleiben?«

Die Antwort ließ auf sich warten. Der Baron blinzelte und lächelte Vickberg zu.

Und dann kam die Antwort ganz kurz:

»Das weiß ich nicht.«

Wieder blinzelte und schmunzelte der Baron, es sah beinahe aus, als gedächte er einen Witz zu machen.

Aber plötzlich schnitt er eine häßliche Grimasse und pfauchte ungeduldig:

»Na ja, wie zum Teufel soll man das auch wissen!

Adieu, adieu, mein Bester.«


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