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Erstes Kapitel

Die Dompropstin kündigt ihre Ankunft an, und Se. Gnaden beruft einen Juristen.

Die Uhr über dem Portal von Rogershof schlug zwei. Im Saal des Dienerschaftsflügels saßen Vickberg, Johnsson und Toni und spielten Vira. Frau Enberg lehnte in der Fensternische und strickte Strümpfe für Jakob, den Reißteufel. Es schickte sich nicht, daß er barfuß herumlief, der Junge, er war doch schon neunzehn Jahre, und Blenda –

Ja, wie alt konnte Blenda sein? Nicht über sechzehn und kaum unter fünfzehn. Vor vierzehn Jahren – am Johannistage – war Blenda nach Rogershof gekommen. Und da mochte sie wohl anderthalb Jahre gewesen sein. Der Baron hatte freilich behauptet, sie sei erst ein halbes Jahr, aber das war wohl irgend ein eigentümlicher Irrtum.

Frau Enberg lächelte ein wenig boshaft, als sie an diesen Irrtum des Barons dachte. Ja, ja, so geht es, wenn man leichtsinnig ist. Man ist Irrtümern unterworfen.

Se. Gnaden pflegte zu sagen: »Wer Jakobs Vater ist, das lasse ich dahingestellt, aber die Mutter, das sind Sie, Frau Enberg.«

Ach ja, es ist freilich leicht, auf anderer Leute Kosten boshaft zu sein, und Se. Gnaden hatte natürlich volle Freiheit, zu spaßen. Aber wenn jemand kam und Frau Enberg nach Blendas Eltern fragte, dann konnte sie ihm wahrlich weder über Mutter noch über Vater irgendwelchen Bescheid geben.

Na. Gott segne auf jeden Fall die Kinder. Hatte der Herr ihnen das Leben geschenkt und war es seine Absicht, daß sie in dieser Welt bleiben sollten, Blenda und Jakob – ja, dann brauchte niemand anderer zu kommen und sich über seinen Willen lustig zu machen. Mit Luise Enberg konnte ja Se. Gnaden soviel scherzen, als es ihm beliebte. Sie hatte ein reines Gewissen. Sie wußte, daß sie nur zwei Männer geliebt hatte. Wieviele Frauen hatte wohl der Baron geliebt? Und hatte er sie immer eine für sich geliebt – oder vielleicht alle auf einmal? Nun, Se. Gnaden hatte ja volle Freiheit.

Aber Luise Enberg hatte immer nur einen für sich geliebt. Den Vikar Enberg hatte sie geliebt, wie man seinen angetrauten Gatten lieben soll. Und treuer als sie ihm gewesen war, konnte überhaupt kein Mensch sein. Er war auch eine so starke Persönlichkeit, Enberg. Aber kränklich, sehr kränklich. Toni hatte eine bedeutend stärkere Gesundheit. Und dennoch war sein Wesen so in sich gekehrt, so gefühlvoll, beinahe weiblich.

Toni war drei Jahre nach dem Tode des Vikars nach Rogershof gekommen, und Frau Enberg gewann ihn sogleich sehr lieb, er war ein so seltsamer Mensch. Frau Enberg hätte ihn nicht heiraten wollen, selbst wenn er kein Katholik gewesen wäre. Das war er jedoch. Sogar ein sehr eifriger Katholik! Er wollte Jakob in seiner Religion erziehen. Aber Gott sei Dank hatte er ja keine Macht über das unschuldige Kind. Jakob – Katholik! Vikar Enbergs Witwe Sohn – Katholik! Nein, sie wußte, was sie dem Andenken ihres seligen Gatten schuldig war.

Was Jakob eigentlich für eine Art Christ war, das ließ sich übrigens schwer sagen. Ein Phantast war er. Und dann dies, daß er sich nie nützlich machen wollte, immer nur Blenda nachlief.

Die Uhr über dem Portal von Rogershof hatte zwei geschlagen. Vickberg zog seine silberne Zwiebel heraus und legte sie auf den Tisch.

Johnsson wischte sich mit der Kehrseite der Hand den Porterschaum von den Lippen und brummte:

»Sssackerlot, Bruder Vickberg? Schlafen wir noch?«

»Wir schlafen noch siebenundzwanzig Minuten.«

»Toni spielt aus.«

Die Ansagen fielen. In den Stimmen der Spieler war keine Spur von Eifer oder Spannung. Die drei Herren kannten einander gründlich. Und weder Johnssons verschmitzte Zurückhaltung noch Tonis verwegene Angebote konnten die Spannung steigern.

Vickberg wandte sich an seine Nachbarin und fragte:

»Können Sie sich denken, Frau Enberg, warum Toni solches Pech beim Spiel hat? Glück in der Liebe soll er doch auch nicht haben?«

Das sollte eine Bosheit sein. Und Johnsson kicherte laut hinter dem Porterkrug. Aber die Spitze war in zwanzig langen Jahren allzu fleißig benützt worden, sie hatte einiges an Schärfe eingebüßt. Frau Enberg legte den Strumpf in den Nähkorb, stützte sich auf die Tischkante und erhob sich vorsichtig.

»Jetzt gehe ich und hole den sauren Rahm. Verspäten Sie sich nicht, Vickberg.«

»Sehen Sie zu, daß der Wein kalt ist, Frau Enberg. Gestern sagte Se. Gnaden, man könnte Krebse darin kochen.«

Frau Enberg nahm die Herausforderung nicht auf. Sie strich sich langsam und schwerfällig über den Leib und wanderte aus dem Zimmer.

Die Herren setzten ihre Partie mit den fliegenbeschmutzten Karten fort. Herrn Vickbergs Uhr wies auf 2.15, er hatte also noch eine Viertelstunde vor sich, bis er die Nachtmützenbänder unter dem Kinn seines Herrn mit leichter Hand lösen mußte.

Ein schweres Fuhrwerk rasselte die Allee hinauf und blieb am Scheideweg zwischen dem Stall und dem Gesindeflügel stehen. Toni sprang auf.

»Das ist Lars, das ist die Post.«

In all den zwanzig Jahren und darüber, die Toni auf Rogershof weilte, hatte er allerdings nie eine Postsendung empfangen. Aber er ging in steter Erwartung herum.

Frau Enberg rief zum Fenster hinein:

»Vickberg! Vickberg! Die Post!«

»Einen Augenblick, meine Herren!«

Vickberg verließ die Spielpartie und trat ans Fenster. Im Schatten der Kastanie stand Frau Enberg neben Lars und prüfte den Inhalt der Posttasche. Lars trat ans Fenster.

»Ja, jetzt sollen Sie sehen, Herr Vickberg. Es kommt Besuch. Hier ist ein Brief für Sie und einer für Se. Gnaden. Und von unseren Verwandten ist es, denn es ist unsere Hundeschnauze auf beiden Siegeln.«

Der Haushofmeister fand es nicht der Mühe wert, Lars' groben heraldischen Schnitzer zu berichtigen. Er nahm die beiden Briefe, verglich Handschrift und Siegel, öffnete den an ihn adressierten und las:

 

An den Haushofmeister Anders Vickberg.

Ihro Gnaden, die verwitwete Frau Dompropstin Julia Hyltenius läßt vermelden, daß Ihro Gnaden – mit Gottes Hilfe – den 20. ds. 6 Uhr 45 Minuten nachmittags an der Eisenbahnstation eintrifft. Der Herr Haushofmeister wird gebeten, einen Wagen hinzusenden. Ihro Gnaden wünscht für sich und Fräulein Siedel über den gelben Salon und die danebenliegenden drei Kammern zu disponieren. Diese sollen zwei Tage vorher gründlich geputzt, gelüftet und geheizt werden. Die Hunde mit Ausnahme von Phylax müssen eingeschlossen bleiben, und kein Stier darf während dieser Zeit, die Ihro Gnaden auf Rogershof verweilt, frei herumlaufen. Für den Herrn Haushofmeister den Segen des Höchsten erflehend bleibe ich seine allezeit wohlgewogene

Julia Hyltenius,
geb. Baronin Bernhusen de Sars,
durch Sara Siedel.

P. S. Se. Gnaden ist gleichzeitig von der Ankunft Ihro Gnaden unterrichtet. Sollte es irgend einen besonders bösartigen Stier geben, so soll er in einen der Nachbarhöfe gebracht werden.

Die Obige.

 

Vickberg zog die Augenbrauen zusammen, so daß nur ganz wenig von den gelbbraunen Augen aus ihren tiefen Höhlen schimmerte. Jedermann konnte sehen, daß auf dem Haushofmeister eine schwere Verantwortung lastete.

Aber er faßte rasch seinen Entschluß. Er nahm die Silberzwiebel vom Tisch, und als Johnsson, der förmlich vor Neugierde leuchtete, ihn zurückhalten wollte, zuckte er bedauernd die Achseln und sagte in gedämpftem Tone:

»Es hat sich tatsächlich etwas ereignet, meine Herren.«

Mit hastigen, jedoch gemessenen Schritten verließ er das Zimmer. Als er Frau Enberg dick, rot und faul auf der Bank unter der Kastanie sitzen sah, schüttelte er ungeduldig den Kopf.

»So beeilen Sie sich doch. In zwei Minuten schlägt es halb. Sollen wir uns vielleicht gleich beim Aufwachen ärgern?«

»Beeilen Sie sich selbst. Der saure Rahm steht längst im Vorzimmer.«

Die dünnen, in Gamaschen steckenden Spinnenbeine hasteten die hohe Steintreppe hinauf. Der Minutenzeiger stand beängstigend nahe dem Schlag. Und der Haushofmeister hatte ein unbehagliches Gefühl in jenem Teil des Rückens, der schon bei drei verschiedenen Anlässen in intime Berührung mit den Stiefeln des Herrn Baron gekommen war.

In dem kellerkalten dunkeln Vorraum fand er das Tablett. Mit einer trainierten Bewegung stellte er es auf die Fingerspitzen der rechten Hand und eilte die enge Spirale hinauf, die zu dem Schlafzimmer Sr. Gnaden führte. Jetzt fühlte er sich ruhiger. Aber die Wahrheit zu sagen, war er noch nie so nahe daran gewesen, sich zu verspäten. Seit mehr als zwanzig Jahren hatte er täglich Schlag halb drei das Tablett mit dem sauren Rahm, den Erdbeeren und dem eisgekühlten Johannisberger (Schloß Auslese) auf das Nachttischchen gestellt und begonnen, die Bänder der Nachtmütze zu lösen.

Jetzt schlug die Uhr. Lautlos öffnete und schloß er die Tapetentür. Sonnenblind mußte er beinahe durch das halbdunkle Zimmer tappen, dessen Fensterläden geschlossen waren und das nur von einem kleinen Ölflämmchen unter einer mattgrünen Kuppel erhellt wurde. Vor dem weißen Mückennetz des Alkovens blieb der Haushofmeister stehen und hielt den Atem an. Ja, er hörte ein schwaches abgehacktes schluchzendes Schnarchen. Na, Gott sei Dank!

Friedvoll wie ein Kind und ohne Ahnung von der raschen und schonungslosen Flucht der Zeit schlief Herrn Vickbergs Gebieter, Roger Gustaf Adolf Abraham Bernhusen de Sars, schwedischer Freiherr, deutsch-römischer Reichsfreiherr, ehemaliger Rittmeister und Titularkammerherr, Fideikommiserbe von Rogershof und Herr der Domänen Björkenäs, Klockeberga usw., Kommandeur des königlichen Nordsternordens, Ritter des königlichen Schwertordens.

Vickberg löste die Bänder der Nachtmütze. Als die weiße Kapuze entfernt war, verlor das Aussehen Sr. Gnaden etwas von seinem kindlichen Gepräge. Die rotblauen Wangen liefen in ein paar große, schlaff herabhängende Ohren aus, die abfallende Stirn ging ohne scharfe Grenzlinie in einen kahlen Schädel über. Und jetzt guckten ein paar kleine schwarze stechende Äuglein zu beiden Seiten der stark gebogenen Nase vor.

Se. Gnaden setzte sich langsam im Bette auf. Der Haushofmeister stellte das Tablett hin, und er aß schweigend, hastig: zuerst den sauren Rahm, gut gezuckert und mit Ingwer gewürzt, dann die Erdbeeren. Zuletzt leerte er das Glas auf einen einzigen langen Zug.

»Na, Vickberg, wo haben wir den Schnupftabak?«

Der Haushofmeister zog seine Dose hervor, die einzige, aus der Se. Gnaden zu schnupfen wünschte: Vickberg war nämlich ein unübertrefflicher Schnupftabakkenner.

»Prosit ... pro-tjitjisit – Vickberg, das ist ein verdammt guter Schnupftabak, den er sich hält. Wenn ich nur in drei Teufels Namen verstehen könnte, wie er die Mittel haben kann, sich so feinen Schnupftabak zu halten? He?«

Vickberg war vollauf damit beschäftigt, dem Baron seine Stiefel anzuziehen. Und während er diese Kammerdienerdienste verrichtete, grübelte er darüber nach, wie er Se. Gnaden am schonendsten vom Brief der verwitweten Dompropstin unterrichten könnte.

Der Baron kratzte sich den Kopf.

»Es ist doch verdammt komisch, daß es einen auf dem Schädel jucken kann, wenn man keine Haare hat, he? Hat er das nie gespürt, Vickberg? Na ja, er trägt eine Perücke. Er ist ein vermögender Herr, er.

Na Vickberg, mir scheint, er sieht heute wieder ganz rawuzelig drein, he? Geht ihm der Chilesalpeter im Kopf herum?«

Vickberg war mit den Toilettengeschäften fertig und machte sich nun im Zimmer zu tun, löschte die Nachtlampe, zog die Rouleaux auf, öffnete die Fenster. Die Julisonne brannte scharf auf den verblichenen grünen Teppich. Die Fliegen tanzten unter dem Kronleuchter, einer kerzentragenden Bronzeamorette.

»Der Hallinger hat sich übers Ohr hauen lassen, das ist bombensicher. Salpeter, das ist überhaupt Schwindel, mein lieber Freund. Wenn Roger de Sars zwanzig Jahre jünger wäre, dann würde er bei sich selbst Inspektor. Und dann könnte der Hallinger Gutsherr sein und zwei Stunden Mittagsschlaf halten.

Pfui Teufel, daß ich so verflucht lange schlafen muß! Meinen Stock!«

Vickberg überreichte den Stock und sprach die Hoffnung aus, daß der Schlaf Sr. Gnaden gut bekommen möge. Der Baron umklammerte den Bettpfosten und den Stockgriff und richtete sich mühsam auf. Zoll für Zoll erhob sich der breite kurze viereckige Oberkörper, während das Gesicht furchtbare Grimassen schnitt. Der Baron hatte ungewöhnlich lange Beine. Jetzt schüttelte er sie, eins nach dem andern, kniff sich in die mageren Schenkel und begann vorsichtig die Wanderung in sein Arbeitszimmer. Vickberg folgte. Als der Baron den hohen bronzegerahmten Toilettespiegel passierte, machte er einige stolzierende Pas und schnitt sich ein Gesicht.

»Pfui Teufel, daß man so häßlich werden muß, bevor man ins Gras beißt. Das hätte Ulla sehen sollen! Sieh nur Vickberg! Hast du je solche Beine gesehen? Führ die Vogelscheuche fort, sonst wird mir noch übel.«

Vickberg legte den Arm um seinen Herrn und führte ihn zum Schreibtisch. Mit einer raschen Bewegung schob er den Brief unter die Zeitungen; Se. Gnaden mußte erst vorbereitet werden.

»Wie alt bin ich doch, he? Vierundsechzig, was?«

»Ew. Gnaden werden fünfundsechzig am ...«

»Fünfundsechzig, sagst du? Na ja, ist schon recht. Fünfundsechzig.« Er umfaßte mit hartem Griff die Stirn mit dem Daumen und Zeigefinger der rechten Hand. »Sag mir, mein Lieber – fünf – und – sech – zig, sagst du, sag mir, soll das viel oder wenig sein?«

»So mitten dazwischen, Herr Baron.«

»So? Ja. Ich kann weiß Gott nicht recht ins Reine darüber kommen. Ich schlafe auch so verdammt viel –

Nun, was haben wir vorzubringen?«

Vickberg sammelte sich. Er zog ein niedliches kleines Notizbüchelchen aus der Westentasche, löste den Bleistift und befeuchtete die Spitze.

»Auf den 22. ds. fällt Ew. Gnaden Geburtstag. Da der 22. ds. ein Samstag ist, dürfte es angebracht sein, den Leuten von zwölf Uhr an freizugeben und ein allgemeines Traktament zu veranstalten, bestehend aus Bier, Kaffee und Butterbroden –«

In den kleinen Kohlenaugen des Barons loderte es.

»Bier und Kaffee und Butterbrod, he? Warum nicht auch gleich Suppe, Fisch und Braten, he? Glaubt er, ich bin so eine verfluchte, verwunschene kleine Goldhenne, he? Die goldene Eier legt? Glaubt er, Vickberg, daß ich goldene Eier lege?«

Vickberg antwortete sanftmütig, aber mit betonter Ironie:

»Wenn Herr Baron und Kammerherr glauben, das Traktament nicht leisten zu können, wird es Ew. Gnaden geringem Diener eine große Ehre sein, mit seinen kleinen Ersparnissen zur Feier des großen Tages beitragen zu dürfen.«

»Was sagst du, Vickberg? Na ja, du bist ein vermögender Mann, du. Du hast eine Perücke, du. Und Schnupftabak auch.

Gibt es sonst etwas?«

»Es ist zu supponieren, daß Ew. Gnaden am Geburtstag der Gegenstand ehrfurchtsvoller Huldigungen sein werden.«

»So? wird der Schullehrer mit seinen Rangen angetanzt kommen? Dann soll er, hol mich der Teufel, gleich ein Salongewehr mitbringen und jede Laus schießen, die von den Bälgern abspringt. Hört er das, Vickberg, he?

Na, was windet er sich so? Hat er sonst noch etwas zu sagen?«

»Es ist wahrscheinlich, daß Ihro Gnaden, die verwitwete Frau Dompropstin Ew. Gnaden persönlich ihre Aufwartung machen wird,« feuerte Vickberg los. Aber der Schuß schien nicht ins Schwarze getroffen zu haben. Der Baron grübelte nach.

»Die verwitwete Dompropstin, sagst du. Ach so, zum Teufel, du meinst die Jule. Die olle Betschwester.«

Wohl war Vickberg an die Ausfälle seines Herrn nach rechts und links gewöhnt und damit vertraut. Aber Sr. Gnaden leibliche Schwester, eine geborene Bernhusen de Sars, eine olle Betschwester nennen zu hören, das war ihm doch zu stark. Er erhob darum den einzigen Protest, den er sich seinem Herrn gegenüber erlaubte, einen Protest im Tonfall, nicht in Worten:

»Herr Baron und Kammerherr!«

Se. Gnaden blinzelte mit den Augen. Er verstand den Tonfall sehr wohl und antwortete fast schmeichelnd:

»Nun, mein lieber Freund. Ist er ganz rawuzelig, he? Ist das seine Schwester oder ist es meine? He?

Na also, was ist es mit der Jule?«

»Ihro Gnaden, die verwitwete Dompropstin hat geruht, ihre Ankunft in Rogershof für Donnerstag, den 20. ds. anzukündigen.«

Der Ärger hatte Herrn Vickberg Mut gemacht, und ohne mit der Wimper zu zucken, schleuderte er seine Mitteilung in beinahe frechem Ton heraus. Mit lobenswerter Vorsicht zog er sich dann einen Schritt zurück.

Nach einigen Augenblicken fragte der Baron ganz ruhig:

»Wo steht das geschrieben?«

»Ja so, du glaubst mir nicht,« dachte Vickberg, »na, ich will dir's schon zeigen.« Er nahm den Brief und reichte seinem Herrn das Vergrößerungsglas. Dem Baron zitterte die Hand, und es dauerte eine Weile, bis es ihm gelang, den Brief zu entfalten.

Der Haushofmeister stand in Positur hinter dem Sessel, regungslos, düster vor sich hinblickend. Er machte nicht einmal einen Versuch, über die Schultern seines Herrn mitzulesen. Er starrte hinaus in den stummen schwerbelaubten kühlen Park. Er glaubte, ein Ballholz an einen Ball schlagen zu hören. Sehr richtig! Da kam auch schon das grauweiße Ding am Fenster vorbeigesaust.

»Na, was haben wir denn da, he?«

»Es sind vermutlich die Kinder, die Ball schlagen.«

»Sag ihnen, daß ich wach bin. Sonst glauben die verflixten Rawuzeln, daß der Alte sich verschlafen hat.«

Vickberg gehorchte. Nun hörte man Blendas Stimme:

»Wenn der Onkel nett ist und wenn der Onkel will, und wenn der Onkel nicht wieder voll Schnupftabak ist, so werde ich kommen und dem Onkel einen Kuß geben.«

Der Baron legte die Hand ans Ohr und lauschte. Die Augen waren funkelnd lebendig wie die einer Maus. Und die große Nase runzelte sich zu einer Menge von Lachfalten.

»Ja, Vickberg,« flüsterte er. »Sag nur, daß ich voll Schnupftabak bin.«

Vickberg beugte sich zum Fenster hinaus und sagte mit seinem trockensten Haushofmeisterton:

»Se. Gnaden lassen mitteilen, daß Se. Gnaden voll Schnupftabak sind.«

»Pfui, pfui, pfui, häßlicher Onkel!«

Die beiden Alten steckten die Köpfe zusammen und grimassierten einander zu. Ein genauer Beobachter hätte sogar zwischen Herrn Vickbergs dünnen blauweißen Lippen den Schimmer einer roten unehrerbietigen Zungenspitze sehen können.

Aber im nächsten Augenblick hatte Herr Vickberg die Herrschaft über sich selbst wieder erlangt.

»Was haben Ew. Gnaden zu befehlen?«

»He? Na ja. Ja, es hat schon seine Richtigkeit, das mit der Jule. Sie kommt, um - um –« Der Baron nahm das Vergrößerungsglas und las: um – um deine Stirn zu küssen und den Segen des Höchsten auf deinen sich neigenden Lebensabend herabzuflehen – na ja, so war es, hat schon seine Richtigkeit.«

Brief und Glas fielen aus seinen zitterigen Händen, das Kinn sank langsam auf die Brust, der Baron war in Gedanken versunken.

»Komm, gehen wir auf den Croquetplatz.« Das war Jakobs Stimme. Und Blenda:

»Onkel! Wenn du vor dem Mittagessen gar nicht mehr schnupfst, werde ich dir heute abend einen Kuß geben!«

Der Baron hörte nicht. Sein Hirn war in starker Tätigkeit, die Gedanken bewegten sich schwerfällig zwischen Realitäten und Formen, zwischen Personen und Namen. Seine Stimme hatte einen Anflug von Ungeduld, als er sagte:

»Wie – wie – wie heißt er doch – der – der in der Stadt – der –«

Vickberg schwieg vorsichtig, eine verfrühte Frage hätte ein Ungewitter heraufbeschwören können. Der Baron fuhr fort:

»Er heißt – er heißt – he? Heißt er nicht Abraham? Ja, mein lieber Freund, so heißt er. Er heißt Abraham nach seinem – Oheim mütterlicherseits? Nicht wahr? Nach dem alten Lilja auf Hviskingeholm. Das ist mein Vetter. Er und ich, wir haben den Namen nach unserem Großvater, dem Oberst Abraham Bergfeldt, ja ja. Was? Und der war wieder ein Vetter meines Großvaters väterlicherseits, das war er. Wart nur – mein seliger Großvater mütterlicherseits hieß Abraham. Das war wohl wieder nach seinem Großvater, dem Reichsrat Abraham Bernhusen. Was? Gott verdamme mich, wenn es nicht so ist. Er hatte zwei Töchter, der Bernhusen. Aber wa – was ist denn aus der einen geworden?«

Der Baron bebte vor Forschereifer. Mit all der Demut in der Stimme, die der Gegenstand verlangte, wagte Vickberg einzuschalten:

»Ob sie wohl nicht einen Grafen Bergfeldt geheiratet hat, Ew. Gnaden?«

»Was? Bergfeldt? – natürlich. Na, aber die andere?«

»Ob sie wohl nicht den späteren Reichsrat und Freiherrn Roger de Sars geheiratet hat?«

Der Baron blinzelte mit den Augen und kniff die Lippen zusammen. Es kränkte ihn tief, daß sein Gedächtnis so total versagte. Und noch dazu in diesen Dingen.

»Na also, du siebengescheiter Rawuzel. Wie heißt er also, der in der Stadt?«

»Sollten Ew. Gnaden möglicherweise den Herrn Rechtsanwalt Abraham Björner meinen?«

»Natürlich zum Teufel. Liljas Schwester hat doch einen Björner geheiratet. – Na, der ist Jurist, der setzt Testamente auf?«

»Ja, das ist anzunehmen.«

»Na also, sollen wir ihn rufen?«

Dachte – dachte Se. Gnaden daran, sein Testament zu machen? Vickberg atmete schwer. Er konnte keinen rechten Grund für seine plötzliche starke Gemütsbewegung finden. Es war eigentlich eine Art Angst, Gespensterangst. So als sähe er den seligen Baron in weißen Laken.

Und besser wurde es gerade nicht, als der Baron blinzelnd und grinsend sagte:

»Die Jule, siehst du, Vickberg, die Jule – das ist des Teufels leibhaftige Großmutter. Das ist dir ein ganz verdammtes Rawuzel, weißt du, mein lieber Freund.«

»Meinen Ew. Gnaden, daß Ew. Gnaden Ihr Testament machen wollen?«

Der Baron sprang auf und stand nun auf seinen langen zitternden Beinen. Mit der geballten rechten Hand stützte er sich auf den Tisch.

»Hier auf Rogershof müssen wir ja einen Bergfeldt haben. Da kann kein Teufel etwas helfen, das steht im Fideikommisbrief. Aber wo steht es geschrieben, daß wir auf Björkenäs und Klockeberga Hylteniusse haben müssen? Wo steht das geschrieben?«

Vickberg machte eine erschrockene verneinende Geste.

»Nirgends, nicht wahr? Ja, mein Lieber, in diesem Brief steht es, daß sie ihre Söhne ihrem geliebten Onkel und Wohltäter zuführen will. Wohltäter? Was? Ich bin ein Wohltäter? Nein, weiß Gott, und wenn ich die Schlösser zu einer Stiftung für räudige Hunde machen sollte.

Wohl– Wohltäter! Ja Mahlzeit!«

»Herr – Herr Baron haben ihnen ja je– jedem einen Silberlöffel gegeben.«

Der Kahlkopf des Barons wechselte die Farbe so rasch, wie eine Signallaterne. Und Vickberg, der das Signalsystem nur zu wohl kannte, verzog sich hastig nach der Türe.

»Du abscheulicher, ekelhafter Rawuzel!«

Vickberg flog zur Tür hinaus, der Stock ihm nach.

»Stehen bleiben,« brüllte der Baron, »sag dieser Enberg, daß sie eine dicke, widerliche Ratte ist. Eine Beutelratte, verstehst du! Sag, daß die Sahne schlabbrig war – schlabbrig, hörst du? Ein blindes Schwein hätte sie nicht gefressen, verstehst du?«

»Ja, Ew. Gnaden.«

»Sag ihr, daß die Erdbeeren voll schimmliger Spinnenbeine waren – Wo bist du, Vickberg? Hörst du mich?«

»Ja, Ew. Gnaden.«

»So, du vertrackter Rawuzel! – Du stehst also da und lauschst an den Türen?«

Die Tür schloß sich rasch.

Der Baron stelzte umher, einsam, ohne Stütze, ohne Stock, nur von seinem starken und gerechten Zorn aufrechterhalten.


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