Autorenseite

 << zurück weiter >> 

XVI.

Eines Tages begegneten sich Peter und Felix in der jährlichen großen Gemäldeausstellung vor dem Portrait einer jungen, schönen Dame, der Tochter der verwitweten Frau Baronin, wie die Mutter allgemein genannt wurde, deren Salon ein Sammelplatz der vornehmen Welt und eines Jeden von Bedeutung in Kunst und Wissenschaft. Die junge Baroneß war in ihrem sechszehnten Jahre, ein unschuldiges, reizendes Kind. Das Bild war ähnlich und künstlerisch aufgefaßt und festgehalten.

»Treten Sie in den Saal hier nebenan!« sagte Felix; »dort steht die junge Schönheit selbst und auch ihre Mutter.«

Diese standen in der Anschauung eines charakteristischen Bildes versunken; das Bild stellte die Campagna vor und in derselben ritten zwei junge Eheleute auf einem und demselben Pferde dahin, während sie sich gegenseitig festhielten. Die Hauptfigur war indeß ein junger Mönch, welcher die beiden glücklichen Reisenden betrachtete. Es waltete ein trauriger, träumerischer Ausdruck im Antlitz des jungen Mannes ob, man las in demselben seine Gedanken, seine Lebensgeschichte: ein verfehltes Ziel, das Glücklichste verloren! Das Menschenglück in der Liebe hatte er nicht ergriffen.

Die Mutter sah Felix, welcher sie und ihre schöne Tochter ehrerbietig grüßte; Peter zollte ihnen die gewöhnliche Höflichkeit. Die Mutter erkannte ihn sofort und nachdem sie mit Felix gesprochen hatte, drückte sie Peter die Hand und richtete einige freundliche verbindliche Worte an ihn:

»Ich und meine Tochter gehören der Zahl Ihrer Bewunderer an!« sagte sie.

Wie vollendet schön war das junge Mädchen in diesem Augenblick! Ihre sanften, klaren Augen schauten ihn fast mit Dankbarkeit an.

»Ich sehe in meinem Hause,« sagte die Baronesse, »viele der bedeutendsten Künstler; wir gewöhnlichen Menschen sind der geistigen Anregung bedürftig. Sie werden herzlich willkommen sein! Unser junger Diplomat,« sie deutete auf Felix, »wird Sie das erste Mal begleiten, später darf ich hoffen, daß Sie den Weg allein finden!«

Sie lächelte ihn an; das junge Mädchen reichte ihm die Hand, natürlich und herzlich, als hätten sie einander lange gekannt.

*

Im Spätherbst, an einem kalten regnigten Abend, schritten die beiden jungen Männer, die an einem Tage im Hause des Handelsherrn geboren waren, zusammen durch die Straßen der Stadt. Das Wetter war zum Fahren, nicht zum Gehen, wenigstens nicht für den Sohn des reichen Mannes und den ersten Sänger des Theaters; aber sie gingen trotzdem, wohl eingehüllt, Galoschen an den Füßen, Beduinkapuze auf dem Kopfe.

Von der rauhen Luft her betraten sie die mit Luxus und Geschmack eingerichtete Wohnung der Baronin, die durch den Gegensatz etwas Feenhaftes bekam. In der Vorstube zur linken Seite der mit Teppichen belegten Treppe prangte ein Flor von Blumen zwischen Gebüsch und Fächerpalmen; ein kleines Springwasser plätscherte im Bassin, umgeben von hohen Callaen.

Der große Gesellschaftssaal war prächtig erhellt und ein großer Theil der Gesellschaft schon versammelt. Es entstand bald fast eine Art Gedränge; man trat auf seidene Schleppen und auf Spitzen, umbraust von dem klingenden Mosaik der Conversation, im Ganzen gewiß des am wenigsten Werthvollen von all dieser Herrlichkeit.

Wäre Peter ein eitler Mensch gewesen, was er nicht war, so hätte er sich einbilden können, es sei ein Fest für ihn veranstaltet, so herzlich war der Empfang von Seiten der Frau vom Hause und der lebensstrahlenden Tochter. Junge und ältere Damen, ja auch Herren sagten ihm Annehmlichkeiten.

Es wurde musizirt; ein junger Verfasser las ein wohlgeschriebenes Gedicht vor; es wurde gesungen und man zeigte feinen Tact, daß man von keiner Seite unsern jungen gehuldigten Sänger darum anging, durch sein Talent das Ganze zu krönen. Die Frau vom Hause war die aufmerksamste Wirthin, geistreich und herzlich in dem reichen Salon.

Das war der Eintritt in die große Welt. Bald war unser junger Freund auch hier einer der Auserwählten im engeren Familienkreise.

Der Singemeister schüttelte den Kopf und lachte.

»Wie du jung bist, lieber Freund!« sagte er, »daß es dir Vergnügen macht, mit diesen Menschen zu verkehren! Sie mögen an und für sich brave Leute sein, aber sie übersehen uns Bürgerlichen. Einigen unter ihnen ist die Aufnahme von Künstlern und den Fetirten des Augenblickes in ihren Kreis nur eine Sache der Eitelkeit, ein Amüsement. Andere gebrauchen Euch wiederum als eine Art Schild der Bildung; Ihr gehört zum Salon wie die Blumen in die Vase; Ihr putzt und wenn Ihr es nicht mehr thut, wirft man Euch fort.«

»Wie bitter und unbillig!« sagte Peter, »Sie kennen diese Menschen nicht und wollen sie nicht kennen!«

»Nein!« antwortete der Singemeister. »Ich gehöre nicht unter sie! Du auch nicht! und das wissen sie Alle und vergessen es keinen Augenblick. Sie streicheln und beschauen dich wie man das Vollblutspferd streichelt und beschaut, welches auf der Rennbahn einen Sieg davontragen soll. Du gehörst zu einer anderen Race, als sie. Sie lassen dich fallen, wenn du nicht mehr in der Mode sein wirst. Begreifst du das nicht? Du bist nicht stolz genug! – Du bist eitel und zeigst es grade dadurch, daß du den Umgang jener Hochgestellten suchst.«

»Wie ganz anders würden Sie sprechen und urtheilen,« sagte Peter, »wenn Sie die Baronin und einige meiner neuen Freunde ihres Kreises kennten!«

»Ich werde sie nicht kennen lernen!« sagte der Singemeister.

*

»Wann wird denn die Verlobung declarirt?« fragte Felix eines Tages. »Ist es Mutter oder Tochter?« und er lachte. »Nehmen Sie die Tochter nicht, sie werden die ganze adelige Jugend gegen Sie aufbringen; auch ich werde Ihr Feind und der blutdürstigste!«

»Wie meinen Sie das?« fragte Peter.

»Nun, Sie sind ja der Begünstigte! Sie kommen und gehen zu jeder Zeit. Mit der Mutter würden Sie Vermögen bekommen und in gute Familie gerathen.«

»Halten Sie mit dem Scherze ein!« sagte Peter. »Was Sie da sagen, ist wenig amüsant!«

»Es soll auch nicht amüsant sein!« antwortete Felix. »Es ist der feierlichste Ernst! Denn Sie wollen doch Ihro Gnaden die Baronin nicht sitzen lassen, trauernd, eine Doppelwitwe!« –

»Lassen Sie die Baronin aus dem Spiele,« sagte Peter; »machen Sie sich über mich lustig, aber nur über mich allein, und ich werde Rede und Antwort stehen!«

»Es wird Niemand einfallen, daß es Ihrerseits eine Inclinationspartie wäre!« fuhr Felix fort. »Sie steht ein wenig außerhalb der Schönheitslinie! – Nun, man lebt nicht allein von Geist!«

»Ich hätte Ihnen mehr Bildung und Verstand zugetraut,« sagte Peter, »als daß Sie in solcher Weise von einer Dame reden würden, die Sie hochachten sollten und in deren Haus Sie verkehren. Und ich dulde es nicht länger!«

»Was wollen Sie denn beginnen?« fragte Felix. »Wollen Sie sich schlagen?«

»Ich weiß, daß Sie es gelernt haben und ich nicht; aber ich kann es lernen!« und er verließ Felix.

Ein paar Tage später begegneten sich die beiden Hauskinder wieder, der Sohn von der Bel-Etage und der Sohn von der Dachwohnung. Felix redete Peter an, als wenn kein Bruch zwischen ihnen stattgefunden; dieser antwortete höflich aber kurz.

»Was ist nun das!« sagte Felix. »Wir Beide waren letzthin ein wenig pikirt; aber einander ein bischen aufziehen muß man, deshalb ist man auch kein Laffe! Ich liebe es nicht zu Haufen zu tragen, vergessen und verzeihen wir!«

»Können Sie sich selbst die Art und Weise verzeihen, in welcher Sie von einer Dame sprachen, der wir Beide Hochachtung schulden?«

»Ich sprach sehr honnettement!« sagte Felix; »in der vornehmen Welt spricht man auch zuweilen mit dem Rasirmesser, aber es ist nicht so schlimm gemeint! Es ist eben das Salz, das zu dem matten Fisch des Alltagslebens gehört, wie der Poet sagt. Wir Alle sind ein wenig boshaft. Sie verstehen es auch ganz gut Einen zu träufeln, Freundchen, so einen kleinen unschuldigen Tropfen, der da beißt!«

Bald sah man die Beiden Arm in Arm auf der Straße. Felix wußte sehr wohl, daß mehr als eine junge schöne Dame, die sonst an ihm vorübergehen würde, ohne ihn anzusehen, ihn nun, wo er mit dem »Ideal von der Bühne« ging, bemerkte. Das Lampenlicht wirft stets einen Schönheitsschein auf den Held und Liebhaber des Theaters; derselbe umleuchtet ihn noch, wenn er sich auf der Straße bei Tageslicht zeigt, aber verlöscht dort in der Regel. Die Mehrzahl der Bühnenkünstler gleichen dem Schwan, man muß ihn in seinem Element, nicht auf dem Straßenpflaster, nicht auf öffentlicher Promenade sehen. Es giebt indeß Ausnahmen, und zu diesen gehörte unser junger Freund. Seine Persönlichkeit außerhalb der Bühne zerstörte nie das Gedankenbild, welches man von ihm als Georg Brown, als Hamlet und als Lohengrin erhalten hatte. – Es waren dieses die Gestalten der Dichtung und der Töne, welche so manches junge Herz mit dem Menschen selbst verschmolz und diesen zum Ideal erhob. – Er wußte, daß dieses so geschah und er fand auch eine Art von Gefallen daran. Er fühlte sich glücklich in seiner Kunst und bei den Mitteln, die er besaß, um sie auszuüben; allein es konnten auch Schatten sich auf dieses jugendfrohe Antlitz legen, und alsdann klang von dem Clavier die Melodie zu den Worten:

Alles schwindet – die Jugend dahin!
Auch die Hoffnung; dein Liebstes wird schwinden;
Wie der Wind flattert Alles dahin,
Und kein Sieg an dein Herz läßt sich binden.

»Wie wehmüthig!« sagte die Baronin; »Sie haben das Glück im vollsten Maße! Ich kenne Niemand, der glücklich wie Sie ist!«

»Wolle Niemanden glücklich heißen bis er in der Gruft liegt! sagte ja der weise Solon,« antwortete Peter und lächelte durch den Ernst. »Es wäre ein Unrecht, eine Versündigung, wenn ich in meinem Herzen nicht dankbar fröhlich wäre. Ich bin es! Ich bin dankbar für das mir anvertraute Gut, aber dieses selbst schätze ich in anderer Weise als Andere. Es ist ein schönes Feuerwerk, welches aufflammt und erlischt. Das Werk des Bühnenkünstlers ist verschwindend. Die ewig leuchtenden Sterne können durch die Meteore des Augenblicks in Vergessenheit gerathen, aber wenn diese erlöschen, bleibt von ihnen keine andere Spur als die alten Aufzeichnungen. Ein neues Geschlecht kennt sie nicht und kann sich kaum Vorstellung von denjenigen machen, die von der Bühne herab ihre Großeltern hinrissen; die Jugend jubelt vielleicht ebenso laut und innig bei dem Glanze von Messing als die Alten einst bei dem Glanze des echten Goldes. Weit glücklicher gestellt als der scenische Künstler ist der Dichter, der Bildhauer, der Maler und der Componist. Mögen sie bei Lebzeiten in dürftigen Verhältnissen sein, die verdiente Anerkennung vermissen, während der Träger ihrer Werke in Luxus übermüthig lebt, – laßt die Menge die stark gefärbte Wolke bewundern und die Sonne vergessen, jene verdunstet, die Sonne leuchtet und strahlt kommenden Geschlechtern.«

Er setzte sich ans Clavier und phantasirte so gedankenreich, so mächtig wie noch nie.

»Wunderbar schön!« rief die Baronin. »Es war als hörte ich die Geschichte eines ganzen Lebens! Sie gaben uns das hohe Lied des Herzens in Tönen!«

»Ich mußte dabei an Tausend und eine Nacht denken,« sagte das junge Mädchen, »an die Glückslampe, an Aladdin!« und sie blickte mit unschuldvollen thränenden Augen vor sich hin.

»Aladdin!« wiederholte er.

Dieser Abend war ein Wendepunkt seines Lebens. Ein neuer Abschnitt begann sicherlich.

Was mochte in ihm vorgehen während dieser hinbrausenden Jahre?

Die frische Farbe verschwand von seinen Wangen; die Augen strahlten weit heller als ehedem. Schlaflose Nächte verlebte er, aber nicht bei wilden Orgien wie so mancher große Künstler; er war weniger gesprächig, aber fröhlicher geworden.

»Was ist's, das dich so erfüllt?« fragte sein Freund, der Singemeister; »du vertraust mir nicht Alles an!«

»Ich denke daran wie glücklich ich bin!« antwortete er – »ich denke an den armen Knaben! Ich denke an – Aladdin!«


 << zurück weiter >>