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XI.

Ein Mal wöchentlich war Quartett-Musik. Ohr, Seele und Gedanke wurden von den herrlichen Tondichtungen Beethoven's und Mozart's erfüllt. Seit langer Zeit hatte Peter keine gute, wohl ausgeführte Musik gehört. Wie eine Feuerflamme schoß es ihm durch das Rückgrat bis in alle Nerven hinaus; die Thränen traten ihm in die Augen. Jeder Musikabend hier zu Hause war ihm ein Festabend, derselbe gab einen volleren Eindruck, als irgend eine Oper auf der Bühne, wo stets irgend Etwas störend wirkt oder das Mangelhafte aufdeckt. Bald gelangen die Worte nicht zu ihrem Recht, sie werden im Gesange dermaßen ausgeleckt, daß ein Chinese sie ebenso gut wie ein Grönländer verstehen würde, bald wird die Wirkung abgeschwächt durch Mangel an jeder dramatischen Begabung, und dadurch, daß die Stimme in einzelnen Partien bis zur Spieldosenmusik herabsinkt oder sich durch falsche Töne dahinschleppt. Unwahrheit der Decorationen und Costüme ist gleichfalls eine Zugabe. Dieses Alles fiel bei dem Quartett fort. Die Tondichtungen entfalteten sich in ihrer ganzen freien Herrlichkeit, ihre köstlichen Tapeten deckten die Wände des Concertsaales. Peter befand sich hier in jener Welt der Musik, welche die Meister hervorgezaubert hatten.

In dem öffentlichen großen Musiksaal wurde eines Abends von einem reich besetzten Orchester Beethoven's Symphonie pastorale gegeben; namentlich das Andante »Scene am Bache« war es, welches wunderbar mächtig unsern jungen Freund durchströmte und erhob; es trug ihn in die lebendige, frische Waldnatur, Lerche und Nachtigall jubilirten, der Guckuck mischte seinen Gesang hinein. Welche Naturpracht, welche Quelle der Labung! Von Stund' an erkannte er, daß es die malende Musik sei, in welcher die Natur sich spiegelt und die Strömungen des Menschenherzens wiederklingen, die bei ihm am tiefsten anschlüge; Beethoven und Haydn wurden seine Lieblings-Componisten.

Hiervon sprach er oft mit dem Singemeister, bei jedem Gespräch traten die Beiden einander näher. Wie reich an Kenntnissen war dieser Mann, unerschöpflich wie der Born des Mimir. Peter lauschte ihm, und so wie er als kleiner Knabe gierig die Märchen und Geschichten der Großmutter anhörte, so hörte er jetzt die der Welt der Töne, wußte jetzt, was Wald und Meer erzählen, was da klingt in den alten Romanzen und Balladen, was jeder Vogel mit seinem Schnabel singt und die Blume lautlos in Düften aushaucht.

Die Singstunde jeden Morgen wurde eine wahre Freudenstunde für Meister und Lehrling; jedes kleine Lied wurde mit Frische, Ausdruck und Unschuld gesungen; am schönsten klangen die Schubert'schen »Wanderlieder«. Die Melodie kam zu ihrem Recht, aber auch die Worte, beide verschmolzen, hoben und beleuchteten sich gegenseitig, wie es sein soll. Peter war unläugbar dramatischer Sänger. Vorwärts ging es in Tüchtigkeit jeden Monat, jede Woche, Tag für Tag.

Gesund und lebensfroh, ohne Entbehrung und Kummer wuchs unser junger Freund heran. Vor ihm lag das Leben reich und herrlich, mit einer Zukunft voll des Guten. Sein Vertrauen zu den Menschen war nicht getäuscht worden, er besaß das kindliche Gemüth und die Ausdauer des Mannes, überall sah er nur freundliche Augen und freundliches Entgegenkommen. Tagtäglich gestaltete das Verhältniß zwischen ihm und dem Singemeister sich inniger und vertrauter, die Beiden lebten zusammen wie ein älterer und jüngerer Bruder, und der Jüngere besaß die ganze Innigkeit und Wärme des jungen Herzens; der Aeltere verstand ihn und hatte den vollen Klangboden für seine Gefühle.

Die ganze Persönlichkeit des Singemeisters war von einem südländischen Feuereifer durchdrungen; man bekam sofort den Eindruck, daß dieser Mann tief hassen oder tief lieben mußte; glücklicherweise hatte das letztere Gefühl bei ihm die Oberhand. Er war dazu durch das Vermögen, welches er von seinem verstorbenen Vater geerbt hatte, so gestellt, daß er nicht nöthig hatte, ein Amt zu übernehmen, wenn dieses ihm nicht in Allem zusagte; im Stillen und Geheimen that er unendlich viel Gutes in einer verständigen Weise, konnte aber nicht leiden, daß Jemand sich dafür bedankte, oder daß davon gesprochen werde.

»Habe ich Etwas gethan,« sagte er, »so habe ich es deshalb gethan, weil ich es konnte und es meine Pflicht war!«

Sein alter Diener, »unser Castellan«, wie derselbe scherzweise hieß, sprach nur mit halber Stimme, wenn er seine Meinung vom Hausherrn zu erkennen gab. »Ich weiß was er giebt und wirkt Jahr aus Jahr ein, und ich weiß doch nur die Hälfte davon. Ihm sollte der König einen Stern auf die Brust geben! – Aber er würde ihn nicht tragen, er würde rasend werden, kenne ich ihn recht, wenn man ihm, weil er honnet ist, ein Kennzeichen anheftete! Er wird selig werden, seliger als wir Anderen, was für einen Glauben er auch haben mag; er ist gerade ein Mann wie es die Bibel will!« Und hierauf legte der Alte einen besonderen Nachdruck, als wenn er meinte, Peter möchte irgend welchen Zweifel haben.

Er fühlte und begriff es schon, daß der Singemeister ein wahrer Christ in guten Thaten, ein Beispiel für Jeden sei; in die Kirche ging der Mann aber nie, und als Peter eines Tages davon sprach, daß er am nächsten Sonntag mit der Mutter und Großmutter zum Tische des Herrn gehen würde, und hinzufügte, ob der Singemeister das niemals thäte, antwortete dieser: Nein! Es schien, als wenn er noch Mehreres hätte sagen wollen, ja als wenn er Petern Etwas anzuvertrauen habe, aber es unterblieb.

Abends las er Einiges aus der Zeitung über die Wohlthätigkeit einiger namhafter Männer laut vor, und dieses gab Veranlassung, daß er sich über gute Thaten und deren Belohnung äußerte.

»An die soll Niemand denken, die kommt schon. Die Belohnung für gute Thaten ist wie Datteln, sagt der Talmud, sie reifen spät und werden süß!«

»Talmud,« fragte Peter, »was ist das für ein Buch?«

»Das ist ein Buch,« war die Antwort, »aus welchem mehr als ein Gedankensamen in das Christenthum hineingewachsen ist.«

»Wer hat das Buch geschrieben?«

»Weise Männer der älteren Zeiten. Die Weisen verschiedener Völker und Religionen. Weisheit in wenigen Worten ist darin enthalten, wie in den Sprüchen Salomonis. Welche kernige Weisheiten! Man lernt da, wie die Menschen auf dem ganzen Erdenrund, Jahrtausende hindurch, sich stets gleich geblieben sind. »»Dein Freund hat einen Freund, und deines Freundes Freund hat einen Freund, sei vorsichtig in deiner Rede!«« steht da. Das ist ein Wahrspruch für alle Zeiten. »»Niemand kann seinen Schatten überspringen««, steht auch da; »»tritt auf den Dorn, während du Schuhe anhast!«« Das Buch mußt du lesen! Du wirst in ihm Culturspuren finden, deutlicher als in den Erdschichten. Mir, als Jude, ist das Buch außerdem ein Erbe der Vorväter.«

»Jude!« sagte Peter, »sind Sie Jude?«

»Weißt du dies nicht? Wie sonderbar, daß wir Beiden erst heute das zur Sprache bringen!«

Die Mutter und Großmutter wußten das auch nicht, hatten darüber nie nachgedacht, aber sie hatten gewußt, daß der Singemeister ein Ehrenmann und ein prächtiger Mensch sei. Es sei eine Fügung Gottes, daß Peter ihn auf seinem Wege angetroffen; nächst dem lieben Gotte habe er ihm all sein Glück zu verdanken. Und nun rückte die Mutter mit einem Geheimnisse heraus, mit welchem sie sich freilich nur wenige Tage getragen hatte, und welches ihr die Frau des Handelsherrn unter dem Versprechen des tiefsten Schweigens anvertraut hatte; der Singemeister dürfe niemals erfahren, daß man es wisse; er sei es, welcher Peter's Unterhalt und Erziehung bei Herrn Gabriel bezahlt habe. Von dem Abend an, wo er, im Hause des Handelsherrn, Peter das Ballet »Simson« singen hörte, war er allein sein thatkräftiger Freund und Wohlthäter gewesen, aber im Stillen.


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