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IV.

Viele Gedanken durchkreuzten den Kopf des Peterchen, und eines Sonntags, als er in seinen besten Kleidern steckte, wanderte er, und zwar ohne die Mutter und Großmutter, ja selbst ohne Fräulein Frandsen, die doch sonst voll guten Raths steckte, ein Wort davon zu sagen, geraden Wegs zum Capellmeister; er meinte, der Mann sei außerhalb des Ballets der mächtigste. Frohen Muthes trat er ein und sprach:

»Ich bin in der Tanzschule, aber dort ist so viel Chicane, und deshalb wollte ich lieber zum Schauspiel übergehen oder zum Gesang, wenn Sie wollten!«

»Hast du Stimme?« fragte der Capellmeister und blickte ihn ganz freundlich an. »Mir scheint, ich sollte dich kennen. Wo habe ich dich doch früher gesehen? Warst du es nicht, der im Rücken platzte?« und dabei lachte er; aber Peter wurde über und über roth; er fühlte sich in diesem Augenblicke nicht grade als der Glücks-Peter, wie ihn auch die Großmutter nannte. Er blickte seine eigenen Füße an und wünschte, er wäre wieder fort.

»Singe mir was vor!« sagte der Capellmeister; »nun, frischen Muth, mein Sohn!« Er faßte ihn am Kinn und Peter blickte empor, blickte in des Capellmeisters freundliche Augen und sang nun ein Lied, welches er im Theater in der Oper »Robert« gehört hatte: »Gnade für mich!«

»Das ist ein schweres, aber es geht!« sagte der Capellmeister. »Du hast ja eine prächtige Stimme, wenn sie nur nicht auch im Rücken platzt!« und er lachte und rief seine Frau herbei. Auch sie mußte Peter singen hören und sie nickte mit dem Kopfe und sagte Etwas in einer fremden Sprache. In demselben Augenblick trat der Singemeister ein; er war es, den Peter hätte aufsuchen sollen, um den Gesangweg zu gehen; nun kam der Singemeister von selbst, zufälligerweise, wie es heißt; auch er hörte »Gnade für mich«, aber er lachte nicht und sah gar nicht so freundlich aus wie der Capellmeister und dessen Frau, aber es wurde abgemacht, daß Peter Gesangstunden haben solle.

»Jetzt ist er ins rechte Gleis gerathen!« sagte Fräulein Frandsen; »man kommt weiter durch die Stimme, als durch die Beine! Hätte ich Stimme gehabt, so wäre ich eine große Sängerin geworden und wäre jetzt vielleicht eine Frau Baronin.«

»Oder Buchbinder-Madame!« sagte Peter's Mutter. »Wären Sie reich geworden, Sie hätten doch wohl den Buchbinder genommen.«

Diese Anspielung verstehen wir nicht, aber Fräulein Frandsen verstand sie.

Peter mußte ihr etwas vorsingen und mußte auch unten beim Handelsherrn singen, als man dort von seinem neuen Theaterweg vernahm. Er wurde eines Abends, als dort große Gesellschaft war, hinuntergerufen. Und er sang mehrere Lieder, auch das Lied: »Gnade für mich!«

Die ganze Gesellschaft klatschte und Felix auch, er hatte Peter früher singen hören; in der Stallthüre hatte er das ganze Ballet Simson gesungen, und das war reizend.

»Ein Ballet kann man nicht singen!« sagte die Frau des Handelsherrn.

»Ja, Peter kann es,« sagte Felix, und nun wurde er aufgefordert, es zu thun.

Er sang und er sprach, er trommelte und er brummelte, es war Kinderei, aber er brachte Bruchstücke von bekannten Melodien zum Vorschein, die zu dem, was das Ballet wollte, nicht übel paßten. Die ganze Gesellschaft fand es sehr amüsant, sie lachte und lobte, Einer lauter als der Andere. Die Frau vom Hause gab Peter ein großes Stück Kuchen und einen blanken Thaler.

Wie glücklich war der Knabe, bis er plötzlich einen Herrn entdeckte, der ein wenig im Hintergrunde stand und der ihn ernst anblickte; es lag etwas Hartes und Zorniges in den schwarzen Augen dieses Mannes, er lachte gar nicht, sprach kein einziges freundliches Wort, und dieser Herr war der Singemeister am Theater.

Am darauf folgenden Mittag sollte Peter zu ihm kommen, und als er kam, stand ihm der Mann ebenso ernst und streng gegenüber, wie am Abend zuvor.

»Was sollte das heißen, gestern Abend?« sagte er zu Peter. »Begreifst du denn nicht, daß du dich zum Narren machtest? Thue das nicht wieder und laufe nicht umher, um vor den Thüren zu singen, sei es außen oder innen. Jetzt kannst du gehen! Heute singe ich nicht mit dir.«

Peter ging recht sehr niedergeschlagen von dannen, er glaubte, er habe sich mit dem Meister überworfen. Im Gegentheil, der Meister war mehr als je wohlwollend gegen ihn gestimmt: in dem kleinen Knirps stecke vielleicht ein Musikgenie. In all dem tollen Zeug, das er da gestanden und zusammengebrauet, war doch einiger Sinn, etwas nicht Gewöhnliches. Befähigung zur Musik habe der Junge und die Stimme sei glockenrein und von großem Umfang; halte sie so vor, dann würde der kleine Mensch sein Glück machen.

Und nun begannen die Gesangsstunden; Peter war fleißig, Peter war flink. War da aber viel zu lernen, viel zu kennen! Die Mutter äscherte sich ab, um ehrlich durchzukommen und damit der Sohn rein und gut gekleidet gehen könne und nicht gar zu gering aussehen möge, wenn er zu solchen Leuten käme, mit welchen er nun verkehrte.

Immer sang und jubelte er; sie hätten wahrlich nicht nöthig, einen Kanarienvogel zu halten, sagte die Mutter. Jeden Sonntag mußte er mit der Großmutter einen Psalm singen. Wie wunderschön erhob sich seine frische Stimme neben der ihrigen. »Das ist viel schöner, als wenn er wild singt!« So nannte sie es, wenn er wie ein Vogel mit der Stimme hinausjubelte, wenn er die Töne, die von selbst kamen, klingen ließ, wie sie wollten. Was für Töne hatte die kleine Gurgel, welcher Klang in dieser kleinen Brust! Ja, er konnte ein ganzes Orchester nachahmen; in seiner Stimme waren Flöte und Fagott, Violine und Waldhorn. Er sang, wie die Vögel singen, doch am schönsten ist die Stimme des Menschen, wenn er so singen kann, wie der Peter.

Aber zur Winterzeit, grade um die Zeit, wo er zum Prediger gehen mußte, um für die Confirmation vorbereitet zu werden, erkältete er sich; der kleine Vogel in der Brust piepste nur noch, die Stimme war geplatzt wie der Rücken des Vampyrs.

»Das ist wahrlich kein Unglück!« meinte die Mutter und Großmutter; »jetzt trällert er nicht und kann über sein Christenthum ernstlich nachdenken.«

Die Stimme sei im Uebergang begriffen, sagte der Singemeister; Peter durfte nun gar nicht singen. Wie lange könnte der Zustand wohl dauern? Ein Jahr, vielleicht zwei. Vielleicht komme die Stimme niemals wieder. Das war ein großer Kummer.

»Denke jetzt nur an deine Confirmation!« sagten die Mutter und Großmutter. »Uebe dich in der Musik!« sagte der Singemeister, »aber halte deinen Mund!«

Und er dachte an sein Christenthum und studirte Musik. In seinem Innern klang und sang es; er schrieb Noten, ganze Melodien, Lieder ohne Worte. Zuletzt schrieb er Worte.

»Du bist ja Dichter, Peterchen!« sagte die Frau des Handelsherrn, welcher er Text und Musik brachte; auch dem Handelsherrn widmete er ein Stück ohne Worte. Felix bekam auch eins, ja selbst Fräulein Frandsen, und das wurde in ihr Stammbuch gelegt, in welchem schon Verse und Musik von zwei jungen Lieutenants lagen, die nun alte Majors auf Wartegeld waren. Das Stammbuch war ein Geschenk von »einem Freunde«, der es selbst gebunden hatte.

Und Peter wurde Ostern eingesegnet, wie es heißt. Felix schenkte ihm eine silberne Uhr; es war die erste Uhr, die Peter bekam; ihm dünkte, er würde dadurch ein Mann, er brauchte nicht Andere zu fragen, wie viel Uhr es sei. Felix kam in die Dachwohnung hinauf, gratulirte und überreichte die Uhr, er selbst würde erst zum Herbst confirmirt werden; und sie drückten sich die Hände, die beiden Kinder des Hauses, beide gleich alt, an demselben Tage und in demselben Hause geboren; und Felix aß von den Kuchen, die wegen der Confirmation in die Dachwohnung gebracht worden waren.

»Das ist ein Freudentag mit ernsten Gedanken!« sagte die Großmutter.

»Ja, viel Ernst!« sagte die Mutter. »Hätte doch der Vater gelebt und Peter heute gesehen!«

Am darauf folgenden Sonntage gingen alle Drei zum Tische des Herrn.

Als sie aus der Kirche zurückgekehrt waren, schickte der Singemeister zu ihnen und ließ bitten, daß Peter zu ihm kommen möchte, und Peter kam auch.

Es harrte seiner eine frohe und doch ernste Botschaft. Er sollte auf ein Jahr das Singen ganz einstellen, die Stimme sollte brach liegen wie ein Acker, würde ein Bauer sagen; aber während der Zeit sollte er 'was lernen, nicht in der Hauptstadt, wo er jeden Abend ins Theater liefe und die Comödie nicht entbehren könne, er sollte dreißig Meilen weit von seiner Heimath fort, sollte in Kost und Logis bei einem Schulmann, welcher noch ein paar junge Menschen in Pension hatte, wie man sagt; er sollte Sprachen und anderes Wissenschaftliche treiben, was ihm einst zu Gute kommen würde. Alles kostete das Jahr dreihundert Thaler und diese wurden von »einem Wohlthäter bezahlt, der nicht genannt sein wolle«. – »Das ist der Handelsherr!« sagten Mutter und Großmutter.

Der Tag der Abreise kam. Es wurden viele Thränen geweint, es wurden Küsse und Segen gegeben; und darauf fuhr Peter auf der Eisenbahn dreißig Meilen in die weite Welt.

Es war Pfingstzeit; die Sonne schien, der Wald stand frisch und grün da, der Zug fuhr durch den Wald, Felder und Dörfer wechselten ab; Herrensitze blickten hervor; das Vieh stand in großen Triften auf dem Felde. Station folgte auf Station, Städtchen auf Städtchen. Bei jedem Anhaltepunkt war ein Menschengewimmel zum Willkommen und zum Abschied; es gab lautes Reden an den Wagen und in den Wagen. In dem, wo Peter saß, entfaltete eine Witwe in Trauer ihre Gesprächigkeit. Sie sprach von ihrem Grab, ihrem Sarg und ihrer Leiche, das heißt von der Leiche ihres Kindes. Das sei so elend gewesen, daß es keine Freude gebracht hätte, wenn es am Leben geblieben wäre. Es sei eine große Erleichterung für sie und für das Lämmchen gewesen, daß es einschlief.

»Ich sparte auch nicht an Blumen dabei!« sagte sie; »und es starb gerade in der theueren Zeit, wo sie von den Töpfen geschnitten werden müssen! Jeden Sonntag ging ich zu meinem Grabe und legte einen Kranz mit großer, weißer seidener Schleife darauf. Die Schleife wurde gleich von kleinen Mädchen gestohlen und zu Ballschleifen gebraucht. Das ist zu verlockend! – Da komme ich aber eines Sonntags; ich wußte, daß mein Grab im Hauptgange links war, aber wie ich da komme, so ist mein Grab rechts. Was ist das, sage ich zum Todtengräber, habe ich nicht mein Grab links?« – »»Nein, nicht mehr!«« antwortete er, »»Ihre Leiche, Madame, liegt noch da, aber das Obertheil des Grabes ist hinüber auf die rechte Seite gebracht, weil die Stelle einem Anderen schon gehört.«« – »Aber ich will meine Leiche in meinem Grabe haben, und das hatte ich ja doch ein Recht zu sagen. Soll ich hier gehen und ein falsches Obertheil schmücken, während meine Leiche ohne Zeichen auf der anderen Seite liegt, das will ich nicht!« – »»Ja, dann müssen Sie mit dem Propste sprechen!«« – »Der Propst ist nun ein so lieber Mann, er erlaubte, daß meine Leiche auf die rechte Seite käme. Das würde aber fünf Thaler kosten. Die gab ich mit Kußhand und stand selbst dabei an dem alten Grabe. Kann ich nun aber auch gewiß sein, daß es mein Sarg und meine Leiche sind, die hinüber kommen?« sagte ich. – »»Ja, das können Sie, Madame!«« und so gab ich Jedem fünf Groschen für den Umzug. Da es mir nun aber so viel gekostet hatte, so dachte ich auch Etwas auf die Verschönerung verwenden zu müssen und so bestellte ich ein Monument mit Inschrift. Aber denken Sie sich nur, als ich es kriege, ist da in Vergoldung ganz oben ein Schmetterling gesetzt. Aber das ist ja der Leichtsinn, sagte ich, den will ich auf mein Grab nicht haben.« – »»Das ist nicht der Leichtsinn, Madame, das ist die Unsterblichkeit!«« – »Das habe ich noch nie gehört!« sagte ich; und hat denn Jemand hier im Wagen je Anderes gehört, als daß der Schmetterling das Zeichen des Leichtsinnes ist? Ich schwieg aber, ich liebe es nicht, ein Langes und Breites zu reden. Ich faßte mich, nahm das Monument und stellte es in meine Speisekammer; da blieb es stehen, bis mein Logirender nach Hause kam, er ist Student mit vielen Büchern; er bestätigte, daß es die Unsterblichkeit doch sei und so ließ ich denn auch das Monument aufs Grab setzen!«

Und während all dieses Geredes langte Peter auf der Station an, wo er bleiben sollte, um ebenso klug zu werden, wie der Student mit den vielen Büchern.


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