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XIII.

Die Morgenzeitungen theilten schon mit Fanfare das mehr als gewöhnliche Debut mit, und man behielt sich vor, in einer folgenden Nummer näher auf dasselbe zurückzukommen.

Der Handelsherr gab eine große Mittagsgesellschaft und lud Peter und den Singemeister dazu ein. Das war eine Aufmerksamkeit, ein Beweis von Interesse seinerseits und seitens seiner Frau an dem jungen Mann, welcher in ihrem Hause und obendrein gerade an demselben Tage wie ihr eigener Sohn geboren sei.

Der Handelsherr brachte bei der Tafel einen Toast aus und hielt eine schöne Rede an den Singemeister, an den Mann, welcher den »Edelstein« gefunden und geschliffen hatte. Eine der entscheidenden Zeitungen hatte Peter so bezeichnet.

Felix saß neben Peter und war die Fröhlichkeit und Liebenswürdigkeit selbst; nach der Mahlzeit brachte er feine Cigarren herbei, dieselben waren besser, als die des Handelsherrn; »ja, das kann er eben!« sagte dieser, »er hat einen reichen Vater!« Peter rauchte nicht, ein großer Fehler, den er aber schon ablegen müsse.

»Wir müssen Freunde sein!« sagte Felix. »Sie werden der Löwe der Stadt! Alle jungen Damen, und auch die alten, haben Sie im Sturm erobert. Sie sind ein glücklicher Mensch in Allem. Ich beneide Sie, namentlich darum, daß Sie drüben im Theater so ein- und ausgehen können unter allen den hübschen Mädchen.«

Das schien nun Peter kein besonderer Gegenstand des Neides zu sein.

Von Madame Gabriel bekam Peter einen Brief. Sie war entzückt über die jubelnden Besprechungen seines Debut in den Zeitungen; und über Alles, was er als Künstler werden würde, sprach sie in höchster Ekstase. Sie hatte mit ihren Mädchen auf sein Wohl Punsch getrunken. Herr Gabriel nahm gleichfalls Theil an seinem Ruhm, und hielt sich davon überzeugt, daß er die Fremdwörter correcter als die Mehrzahl anderer Bühnenmitglieder ausspreche. Der Apotheker lief in dem Städtchen umher und erinnerte daran, daß sie dieses Talent auf ihrer kleinen Bühne früher gesehen und bewundert hatten, während es erst jetzt von der Hauptstadt anerkannt worden sei. Die Tochter des Apothekers würde sich schon ärgern, fügte Madame hinzu, jetzt wo er um Baronessen und Comtessen anhalten könne. Die Apothekerstochter hatte sich übereilt und zugesagt; vor einem Monat sei sie mit dem dicken Herrn Stadtrath verlobt worden; sie seien schon aufgeboten, und am zwanzigsten dieses Monats solle die Hochzeit sein.

Und gerade am zwanzigsten des Monats bekam Peter diesen Brief. Es ging ihm wie ein Stich durchs Herz; es wurde ihm plötzlich klar, daß sie bei allen Schwingungen der Seele doch sein dauernder Gedanke gewesen sei; er hatte sie mehr als alles Andere in dieser Welt lieb. Seine Augen wurden feucht, er preßte den Brief in der Hand zusammen. Das war der erste große Herzenskummer, seitdem er von der Mutter und Großmutter erfahren, daß der Vater im Kriege gefallen sei. Ihm schien alle Freude entflohen, seine Zukunft leer und traurig. Sein jugendfrisches Antlitz strahlte nicht mehr, der Sonnenschein seines Herzens war erloschen.

»Er sieht krank aus!« sagte die Mutter und Großmutter. »Das ist die Theateranstrengung!«

Er war nicht derselbe wie sonst, das sahen die Beiden und auch der Singemeister sah es.

»Was hast du denn?« sagte der Singemeister. »Darf ich nicht wissen, was dich drückt?«

Da flammten seine Wangen, die Thränen bekamen freien Lauf und er erzählte seinen Kummer, seinen Verlust.

»Ich hatte sie so innig lieb!« sagte er. »Jetzt erst, nun es zu spät ist, wird es mir recht klar.«

»Mein armer betrübter Freund! Ich verstehe dich so gut! Weine dich nur aus bei mir und halte den Gedanken fest, sobald du es kannst, daß Alles, was in der Welt geschieht, zu unserem Besten ist. Auch ich habe das gekannt, was du jetzt fühlst und fühle mit dir; auch ich liebte einst, wie du, ein Mädchen; klug, schön und bethörend war das Mädchen, es sollte meine Frau werden; ich konnte ihr eine gute Stellung bieten und sie liebte mich; aber es war eine Bedingung mit der Heirath verknüpft; ihre Eltern forderten sie, sie selbst verlangte es so: ich sollte Christ werden –!«

»Und das wollten Sie nicht?«

»Ich konnte es nicht! Man kann von einer Religion zur anderen nicht mit gutem Gewissen laufen, man sündigt entweder gegen diejenige, die man verläßt, oder gegen die, zu welcher man übertritt.«

»Sie haben keinen Glauben!« sagte Peter.

»Ich habe den Gott meiner Väter! Möge er meinem Fuß und meinem Verstande leuchten!«

Beide blieben eine Weile schweigend sitzen; da glitten die Hände des Singemeisters über die Tasten dahin und er spielte ein altes Volkslied; er so wenig als Peter sangen die Worte, die zum Liede gehörten; Jeder mochte der Melodie seine eigenen Gedanken unterlegen.

Madame Gabriel's Brief wurde nicht ein zweites Mal gelesen. Sie hatte keine Ahnung von dem Kummer, den er verursacht hatte.

Wenige Tage später ging ein Brief von Herrn Gabriel ein; auch er wollte seinen Glückwunsch darbringen und hatte nebenbei »einen kleinen Auftrag«; dieser letztere mochte wohl namentlich zu dem Schreiben Veranlassung gegeben haben. Er bat Peter, ihm ein kleines porzellanenes Ding, nämlich Amor und Hymen, die Liebe und die Ehe zu kaufen. »Das ist hier in unserer Stadt gänzlich vergriffen,« schrieb er, »aber es wird in der Hauptstadt leicht zu erhalten sein. Geld liegt bei. Sende mir das Ding baldigst, es ist als Hochzeitsgeschenk für das junge Ehepaar, den Stadtrath und des Apothekers Tochter bestimmt, zu deren Hochzeit ich und meine Frau eingeladen waren!« Im Uebrigen erfuhr Peter aus diesem Brief, daß der junge Madsen nicht Student werden würde; »er hat unser Haus verlassen und zuvor die Wände mit Dummheiten gegen die Familie bemalt. Schlechtes Subject, der junge Madsen. »» Sunt pueri pueri, pueri puerilia tractant!«« Das heißt: »»Knaben bleiben Knaben, Knaben machen Knabenstreiche!«« Ich übersetze es, weil du nicht Lateiner bist«.

Hiermit endigte der Brief des Herrn Gabriel.


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