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XV.

Es war noch Winterzeit, die Schlittenglocken klangen, die Wolken streuten Schnee; aber wo ein Sonnenstrahl hervorschoß, prophezeihte er Frühling. Es duftete und klang in der jungen Brust, es klang hinaus in malenden Tönen, die sich in Worte entfalteten:

Noch liegt die Erde in Schnee gehüllt,
Lustig wird noch auf Schlittschuh gefahren;
Reif an den Bäumen, und Krähengebahren,
Feld und Wiese mit Nebel erfüllt. –
Der Morgen wird aber schon anders tagen,
Die Sonne wird baß die Wolke verjagen,
Der Lenz wird brechen herein fürwahr!
Aufgespielt Musikanten! Du Vogelschaar!
Stimm ein! Stimm ein:
Die Winterzeit wird vorüber sein!

Oh welcher Kuß von der Sonne warm,
Komm! hier sind Veilchen und Waldmeisterdüfte;
Wälder und Felder sind nicht mehr arm,
Alles belaubt und begrünt! Laue Lüfte!
Der Guckuck schreit ja, du wirst ihn versteh'n,
Und viele Jahr' wirst das Wunder du seh'n.
Die Welt ist jung, sei jung du mit ihr!
Jub'ln laß Zunge und Herz in Lenzeslust schier,
Fröhlich und frei,
Nimmer die Jugendzeit ist vorbei!

Nimmer die Jugendzeit ist vorbei!
Sonne und Sturm, Freude und Schmerzen,
Wechseln ab in dem menschlichen Herzen,
Ja, unser Leben ist schier Zauberei!
Du Ebenbild Gottes, oh, du wirst besteh'n,
Wirst wie ein flüchtiger Schein nicht vergehn.
Gott und Natur, ewig jung ihr ja seid!
Lenz, lehre du uns zu jubeln in Freud';
Vögelein alle, stimmt ein! fröhlich, frei:
Nimmer die Jugendzeit ist vorbei!

»Das ist eine ganze Tonmalerei«, sagte der Singemeister, »und für Chor und Orchester gut gearbeitet. Es ist das beste von allen deinen Stimmungsstücken. Du mußt wahrlich daran gehen, Generalbaß zu treiben, wenn es auch nicht deine Bestimmung ist, Componist zu werden.«

Junge Musikfreunde brachten indeß das Lied zur Aufführung in einem größeren Concert, wo es Aufmerksamkeit, aber keine Erwartungen erregte. Die Bahn unsers jungen Freundes war gebrochen; seine Größe und Bedeutung lag nicht nur in dem sympathischen Klang der Stimme, sondern in seiner bedeutenden dramatischen Befähigung; das hatte er als Georg Brown und als Hamlet bewiesen. Er zog übrigens die eigentliche Oper dem Singspiel vor. Dieses Uebergehen von Gesang zur Rede und wieder zum Gesang, war seinem natürlichen Sinn zuwider; »es ist,« sagte er, »als wenn man von einer marmornen Treppe auf eine Holztreppe, ja oft auf eine Hühnerstiege hinausgeriethe, und dann wieder auf Marmor. Die ganze Dichtung muß durchgehend in Tönen leben und athmen.«

Die Zukunftsmusik, wie die neuere Richtung der Oper genannt wird, deren Bannerträger namentlich Wagner ist, erhielt an unserm jungen Freund einen Vertheidiger und Bewunderer. Er fand hier die Charaktere klar gezeichnet, die Recitative gedankenvoll, die ganze Handlung im dramatischen Vorwärtsschreiten ohne Stillstehen durch immer zurückkehrende Melodien begriffen. »Es ist doch eine Unnatur mit diesen großen eingelegten Arien!«

»Ja, mit den eingelegten!« sagte der Singemeister, »aber wo sie, wie bei der Mehrzahl der großen Meister, wie ein mächtiger Theil des Ganzen erscheinen, da sollen und müssen sie sein! Gehört das Lyrische irgend wo hin, ist es in die Oper!« Und er nannte aus »Don Juan« die Arie Ottavios: »Thränen vom Freunde getrocknet!« – »Wie ist diese Arie gleich einem herrlichen Waldsee, an dessen Ufern man reist und von den Strömungen des Tannenwaldes ganz erfüllt wird. Ich beuge mich vor der Tüchtigkeit in der neuen musikalischen Richtung, aber ich tanze nicht mit dir um ihr goldenes Kalb! Es ist auch nicht deine Herzensmeinung, die du aussprichst, oder auch ist sie dir selbst nicht klar.«

»In einer von Wagner's Opern will ich auftreten!« sagte unser junger Freund, »kann ich meine Herzensmeinung nicht in Worten behaupten, so will ich es in Gesang und Spiel.«

Die Wahl fiel auf Lohengrin, den jungen geheimnißvollen Ritter, welcher im Kahne vom Schwan gezogen den Scheldefluß hinangleitet, um für Elsa von Brabant zu kämpfen. Wer hatte wohl das erste Lied der Begegnung, das Herzensgespräch in der Brautkammer und das Abschiedslied, wo die weiße Taube des heiligen Grals den jungen Ritter umflattert, welcher kam, siegte und – verschwand, so hinreißend gesungen und gegeben, wie Peter!

Dieser Abend war für unsern jungen Freund womöglich noch ein Schritt vorwärts in künstlerischer Größe und Bedeutung und für den Singemeister ein Schritt vorwärts in Erkenntniß der Zukunftsmusik. –

»Mit Bedingungen!« sagte er.


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