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III.

Peter wollte und müsse Ballettänzer sein.

»Er läßt mir ja keine Ruhe,« sagte seine Mutter.

Endlich versprach die Großmutter, ihn zum Balletmeister zu führen, der ein galanter Mann sei und sein eigenes Haus habe, wie der große Handelsherr. Würde Peter das auch einst erreichen können? Für den lieben Gott ist nichts unmöglich. Peter habe den Goldapfel in der Hand, das Glück sei ihm in die Hände gegeben, vielleicht sei es ihm auch in die Beine gelegt.

Peter kam zum Balletmeister und erkannte ihn sogleich, es war ja Simson. Seine Augen hatten gar nichts gelitten unter den Philistern. Das war auch nur Comödienspiel, das wußte er ja. Und Simson schaute ihn freundlich und vergnügt an, sagte, er solle sich gerade halten, ihn fest ansehen und seinen Spann herzeigen. Peter zeigte den ganzen Fuß und das ganze Bein dazu.

Jetzt sei er beim Ballet angestellt, sagte die Großmutter.

Beim Balletmeister war Alles leicht ins Reine gebracht, aber vorher hatten die Mutter und Großmutter doch Verschiedenes vorbereitet, mit einsichtsvollen Leuten gesprochen, erst mit der Frau des Handelsherrn, welche fand, daß es ein hübscher Weg für einen netten guten Knaben wie den Peter sei; darauf hatten sie Fräulein Frandsen gesprochen; sie wußte etwas vom Ballet, sie war selbst, als die Großmutter noch jung war, eine wunderschöne Tänzerin beim Theater gewesen, hatte als Göttin und Prinzessin getanzt, und sei gehuldigt und gegrüßt worden, wohin sie getreten; aber sie wurde älter, wie wir es Alle werden; sie bekam nicht mehr die großen Rollen, mußte hinter der Jugend tanzen, zuletzt hörte sie ganz auf zu tanzen, ging zur Garderobe über, und schmückte die Anderen als Göttinnen und Prinzessinnen.

»So geht es,« sagte Fräulein Frandsen, »der Theaterweg ist reizend, aber dornenvoll, auf ihm wächst die Chicane! die Chicane!«

Das Wort verstand Peter gar nicht, aber er würde es schon verstehen lernen.

»Aber er will nun mit aller Gewalt zum Ballet,« sagte die Mutter.

»Und er ist ein frommer christlicher Knabe,« sagte die Großmutter.

»Und schön gewachsen!« sagte Fräulein Frandsen. »Schön gewachsen und moralisch! das war meine Glanzperiode.«

Und Peter kam in die Tanzschule und bekam Sommerkleider und dünne Tanzschuhe, um leicht zu sein. Alle die alten Tänzerinnen küßten ihn und sagten, er sei ein zu appetitlicher Junge, »reine weg zum Aufessen«.

Er mußte sich aufstellen, die Beine und Füße auswärts setzen, sich an einer Stange halten, um nicht zu fallen, während er mit den Beinen ausschlagen lernte, erst mit dem rechten, dann mit dem linken. Ihm war das lange nicht so schwierig wie der Mehrzahl der Anderen. Der Balletmeister klopfte ihn auf die Schulter und sagte, er würde bald mit ins Ballet kommen; er sollte ein Königskind sein, welches auf Wappenschildern gehoben werde und eine goldene Krone trüge; das würde in der Tanzschule eingeübt und auf der Bühne probirt.

Mutter und Großmutter mußten hin und das Peterchen in all dem Staat sehen, und sie sahen ihn und weinten alle Beide, obgleich es so erfreulich war. Peter in all seiner Pracht hatte sie nicht gesehen, aber den Handelsherrn und dessen Frau hatte er gesehen, sie saßen in einer Loge ganz nahe an der Bühne; und da saß auch Felix in seinen besten Kleidern; er trug Handschuhe mit Knöpfen wie die erwachsenen Herren, und saß den ganzen Abend mit dem Glas vor den Augen, wie die erwachsenen Herren, obgleich er sehr gut sehen konnte. Er sah Peter an, und Peter sah ihn an, und Peter war ein Königskind mit goldener Krone auf dem Kopfe. Dieser Abend brachte die beiden Kinder in nähere Berührung mit einander.

Einige Tage später, als sie einander zu Hause im Hofe begegneten, kam Felix auf Peter zu und sagte ihm, daß er ihn gesehen habe, als er Prinz war; er wisse schon, daß er es nicht länger sei, aber er habe sowohl die Kleider als die Krone getragen.

»Auf den Sonntag werde ich sie wieder tragen!« sagte Peter.

Das sah Felix nicht, aber er dachte den ganzen Abend daran; er hätte gern an Peters Stelle sein mögen; er hatte nicht die Erfahrung des Fräulein Frandsen, daß der Theaterweg dornenvoll sei und daß auf demselben die Chicane wachse; auch Peter wußte es noch nicht, aber er sollte es kennen lernen.

Die kleinen Kameraden, die Tanzkinder, waren nicht Alle so gut, wie sie hätten sein sollen, wenn sie auch oft als Engel mit Flügeln einhergingen. Es war unter ihnen ein kleines Mädchen, Namens Amalie Knallerup, und diese Amalie war oft mit Peter zusammen als Page gekleidet, und trat ihn dann boshafterweise ganz hoch auf die Beine hinauf, was an seinen Strümpfen zu sehen war; ein böser Knabe war da, der ihm immer eine Stecknadel hinten hinein steckte und eines Tages Peters Butterbrod aufgegessen hatte aus Versehen, aber das war unmöglich, denn Peter hatte das seinige mit Wurst belegt und der andere Knabe hatte bloßes Butterbrod; sich hier zu irren, war nicht möglich.

Es war nicht zu sagen, was Peter alles für Ungemach während zweier Jahre zu leiden hatte, und das Schlimmste war noch nicht geschehen, das stand bevor. Es wurde ein Ballet »der Vampyr« aufgeführt; in demselben waren die kleinsten Kinder als Fledermäuse gekleidet, trugen graue gestrickte Kleider, die eng an den Körper anlagen, und schwarze Flügel von Flor breiteten sich von den Schultern aus; die Kleinen hatten auf den Zehspitzen zu laufen, als wenn sie so leicht seien, daß sie flögen, und dann hatten sie sich in einem Wirbel auf dem Fußboden zu drehen. Das hatte nun grade Peter ganz besonders weg, allein seine Hosen und Jacke, beide ein Stück und alt und mürbe, hielten die Anstrengung nicht aus, so daß er, grade indem er vor aller Leute Augen ringsum wirbelte, hinten platzte, vom Nacken ab und bis hinunter wo die Beine fest sitzen, und sein kurzes weißes Hemd zu sehen war.

Alle Menschen lachten, Peter vernahm das Lachen und wußte, daß er hinten geplatzt sei; er wirbelte und wirbelte, aber es wurde dadurch immer schlimmer. Die Leute lachten immer lauter, die anderen Vampyren lachten mit, es wirbelte in ihm und am entsetzlichsten wirbelte es, als die Leute klatschten und Bravo riefen.

»Das gilt dem geplatzten Vampyr!« sagten die Tanzkinder, und von nun an hießen sie ihn immer »den Geplatzten«.

Peter weinte; Fräulein Frandsen tröstete ihn. »Das ist nur Chicane,« sagte sie. Nun wußte Peter, was Chicane sei.

Außer der Tanzschule hatten sie beim Theater auch eine andere Schule, in welcher die Tanzkinder Rechnen und Schreiben, Geschichte und Geographie lernten, ja, sie hatten an der Schule einen Religionslehrer, denn es genügt nicht, daß man tanzen kann, es gehört mehr dazu, durch die Welt zu kommen. Auch in dieser Schule war Peter flink, ja er war der Allerflinkeste und bekam auch sein Lob; aber die Kameraden nannten ihn noch »der Geplatzte«. Das thaten sie nun, blos um ihn zu foppen, aber endlich wollte er es nicht länger dulden, er holte aus und prügelte einen der anderen Knaben so, daß dieser unter dem linken Auge blau wurde und man ihm, da er Abends im Ballet zu tanzen hatte, die Stelle weißen mußte. Peter bekam böse Worte vom Tanzlehrer und noch bösere von der Kehrfrau, denn es war ihr Sohn, den er abgekehrt hatte.


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