Emile Zola
Das Paradies der Damen
Emile Zola

 << zurück weiter >> 

Neuntes Kapitel

Am 14. März, einem Montag, wurden im »Paradies der Damen« die neuen Geschäftsräume durch eine große Ausstellung von Sommermodeartikeln eingeweiht, die drei Tage dauern sollte. Draußen ging ein frischer Wind, und die Leute, überrascht von dieser plötzlichen Wiederkehr des Winters, hüllten sich enger in ihre Mäntel und gingen rasch vorüber. Hinter den geschlossenen Türen der benachbarten Läden herrschte große Aufregung, man konnte hinter den Fensterscheiben die verbitterten Gesichter sehen, mit denen die Kaufleute die ersten Wagen zählten, die vor dem neuen Eingang in der Rue Neuve- Saint-Augustin vorfuhren. Mit Ausnahme der Seite nach der Rue du Dix-Décembre, wo die Immobilienbank bauen wollte, nahm der Koloß jetzt den ganzen Häuserblock ein. Man hatte die Höfe mit Glas überdacht und in Hallen verwandelt. Der Architekt, ein kluger junger Mann, besessen vom Geist der Zeit und allem Neuen zugetan, hatte großzügig Raum geschaffen, Luft und Licht hatten ungehinderten Zutritt. Es war eine Kathedrale des neuzeitlichen Handels, kraftvoll und beschwingt zugleich, gerüstet zur Aufnahme eines ganzen Volkes von Kunden. Neununddreißig Abteilungen und achtzehnhundert Angestellte, darunter zweihundert Frauen, zählte das Haus jetzt. Es war eine ganze Welt für sich unter diesen weiten, hallenden Gewölben.

Schon um sechs Uhr war Mouret zur Stelle, um seine letzten Anordnungen zu treffen. Ihn beherrschte nur der eine Gedanke: sich die Frauen zu unterwerfen, sie durch galante Aufmerksamkeiten zu betäuben, ihre Begierden aufzustacheln und sie dann auszubeuten. Tag und Nacht sann er über neue Pläne und Erfindungen nach. Um den Damen die Mühe des Treppensteigens zu ersparen, hatte er zwei mit Samt ausgeschlagene Aufzüge einrichten lassen. Dann hatte er ein Büfett eröffnet, wo man Erfrischungen umsonst verabreichte, ferner einen Lesesaal, eine riesige Galerie, mit allem Aufwand möbliert. Da er aber auch die weniger gefallsüchtigen Frauen umgarnen wollte, kam er auf den Gedanken, die Mutter auf dem Weg über das Kind zu gewinnen. Er schuf eigene Abteilungen für Knaben und Mädchen, hielt die Mütter im Vorübergehen an, indem er den Kleinen Bilder und Ballons überreichen ließ, rote Luftballons, auf denen der Name seines Geschäftes zu lesen stand und die bald in allen Straßen für ihn Reklame machten.

Seine entschiedene Stärke war die Art, wie er die Öffentlichkeit bearbeitete. Er gab jährlich dreihunderttausend Franken für Kataloge, Inserate und Plakate aus. Allein jetzt vor der großen Schau der Sommerartikel hatte er zweihunderttausend Kataloge verschickt, darunter fünfzigtausend in den verschiedensten Sprachen ins Ausland. Das »Paradies der Damen« sprang der ganzen Welt in die Augen, empfahl sich in allen Zeitungen, an allen Mauern. Mouret handelte nach der Erkenntnis, daß Reklame alles sei, daß das Publikum widerstandslos der Lärmtrommel folge.

Er ging noch weiter. Er hatte die Erfahrung gemacht, daß Frauen der Versuchung, billig zu kaufen, nicht widerstehen können, daß sie auch Dinge erstehen, die sie überhaupt nicht brauchen, wenn sie nur ein gutes Geschäft zu machen glauben. Auf dieser Wahrnehmung baute er sein System der herabgesetzten Preise auf; er ging bei schwer verkäuflichen Artikeln immer weiter herunter, denn er wollte lieber mit Verlust verkaufen als gar nicht, getreu seinem Grundsatz, daß das Kapital so schnell wie möglich umgeschlagen werden müsse. Schließlich kam er gar noch auf den Einfall einer »Rücknahmegarantie«, ein Meisterstück der Verführungskunst. »Nehmen Sie nur«, pflegte er zu sagen; »Sie geben uns die Ware zurück, wenn Sie Ihnen nachher nicht gefällt.« Und die Kundin, die allen anderen Lockmitteln zu widerstehen wußte, fand hierin zu guter Letzt eine Entschuldigung, sie durfte sich nun jede Torheit gestatten. Als unerreichbarer Meister zeigte sich Mouret auch in der inneren Organisation des Hauses. Es galt bei ihm als Gesetz, daß nicht ein Winkelchen im »Paradies der Damen« leerbleiben dürfe. Er wollte überall Geräusch, Bewegung, Leben sehen; »denn Leben«, sagte er, »zieht neues Leben an«. Vor allem mußte es gleich am Eingang ein Gedränge geben; die Leute auf der Straße mußten glauben, daß drinnen der reinste Aufruhr herrsche. Diese Wirkung erzielte er dadurch, daß er unter der Tür ganze Kisten und Körbe voll billiger Ramschartikel aufhäufen ließ; so wurde die Menge angelockt, sie versperrte den Zugang, und man glaubte, die Räume seien zum Brechen voll, während Sie in Wirklichkeit oft halbleer waren. Abteilungen, die im Augenblick kein Geschäft versprachen, wie Schals im Sommer und leichte Baumwollstoffe im Winter, wußte er mit naturgemäß stärker besuchten zu umgeben und im Getümmel verschwinden zu lassen. Er war es auch, der auf den Gedanken gekommen war, die Abteilungen für Teppiche und Möbel in den zweiten Stock zu verlegen; sie zogen weniger Kunden an und hätten im Erdgeschoß ein leeres, kaltes Loch dargestellt. Wenn es möglich gewesen wäre, hätte er bestimmt die Straße mitten durch sein Warenhaus geführt.

Am Samstagabend, als Mouret einen letzten Blick auf die Vorbereitungen zu dem großen Sonderverkauf geworfen hatte, der am Montag beginnen sollte und zu dem man sich schon seit einem Monat rüstete, war ihm plötzlich die Erkenntnis gekommen, daß die von ihm getroffene Anordnung der Abteilungen nichts tauge. Zwar war sie durchaus folgerichtig: auf einer Seite die Stoffe, auf der ändern Seite die Konfektionsartikel, eine vernünftige Einteilung, die es den Kunden ermöglichte, alles, was sie brauchten, selber zu finden. Früher, in dem engen Laden von Frau Hédouin, hatte er immer von einer solchen Ordnung geträumt; doch jetzt, da er diesen Traum verwirklicht sah, war er davon nicht befriedigt. Ganz plötzlich entschloß er sich, alles wieder über den Haufen zu werfen. Man hatte nur mehr achtundvierzig Stunden Zeit, und es handelte sich darum, mit ganzen Abteilungen zu übersiedeln. Das bestürzte, gehetzte Personal verbrachte zwei Nächte und den Sonntag in einem furchtbaren Durcheinander. Selbst am Montagmorgen, eine Stunde vor der Eröffnung, waren manche Waren noch nicht an Ort und Stelle. Der Chef war offenbar verrückt geworden, niemand kannte sich mehr aus, die Verblüffung war allgemein.

»Vorwärts! Beeilt euch!« rief Mouret mit seiner gewohnten ruhigen Sicherheit. »Da sind noch Kostüme, die müssen nach oben. Ist die japanische Abteilung auf dem mittleren Treppenabsatz schon fertig? Greift zu, Kinder! Ihr sollt sehen: das gibt einen Verkauf!«

Auch Bourdoncle war seit Tagesanbruch zur Stelle. Er begriff das alles so wenig wie die übrigen, und seine Blicke folgten besorgt dem Tun und Treiben des Chefs. Er wagte nicht, ihn zu fragen, denn er wußte genau, wie das in solchen kritischen Momenten von Mouret aufgenommen wurde. Endlich aber entschloß er sich doch und meinte vorsichtig:

»War es wirklich notwendig, knapp vor Verkaufsbeginn alles noch einmal durcheinanderzuwerfen?«

Zuerst zuckte Mouret die Achseln, ohne zu antworten. Als indessen Bourdoncle bei seiner Frage beharrte, brach er los:

»Wäre es Ihnen lieber, daß die Kunden sich alle auf einem Fleck drängen? Das war der reinste Schulmeistereinfall. Ich hätte es mir niemals verziehen, wenn ich dabei geblieben wäre! Begreifen Sie nicht? Da kommt eine Frau herein, geht zielsicher dorthin, wohin sie will, von der Wäsche zu den Kleidern, von den Kleidern zu den Mänteln und schließlich wieder hinaus, ohne sich auch nur ein bißchen zu verirren. Nicht eine einzige hätte unsere Räume vollständig gesehen!«

»Aber«, bemerkte Bourdoncle weiter, »jetzt, wo Sie alles durcheinandergeworfen haben, werden die Angestellten sich die Beine müde laufen, um die Damen von Abteilung zu Abteilung zu führen.«

»Was kümmert mich das!« rief Mouret. »Sie sind jung, es wird ihnen bestimmt nichts schaden. Außerdem sieht's dann nach um so mehr aus. Hauptsache, es gibt ein Gedränge – dann geht alles gut!«

Er lachte zuversichtlich und ließ sich herbei, dem andern mit gedämpfter Stimme seine Gedanken zu entwickeln.

»Überlegen Sie nur, das Ergebnis liegt doch auf der Hand: Erstens wird dieses fortwährende Kommen und Gehen die Kunden nach allen Winkeln der Geschäftsräume führen, es wird scheinbar ihre Anzahl verdoppeln und verdreifachen, und sie werden dabei den Kopf verlieren. Zweitens wird ihnen das Haus viel größer erscheinen, als es ist, wenn man sie vom einen Ende des Geschäfts zum andern wird führen müssen, damit sie erst einen Kleiderstoff, dann das Futter und schließlich die Zutaten bekommen. Drittens sind sie auf diese Weise genötigt, durch Abteilungen zu gehen, in die sie sonst keinen Fuß gesetzt hätten; im Vorübergehen werden Versuchungen sie festhalten, sie werden unterliegen. Viertens ...«

Jetzt lachte auch Bourdoncle. Mouret war entzückt und unterbrach sich, um einigen Laufburschen zuzurufen:

»Sehr gut so! Nun rasch noch auskehren, und alles steht im schönsten Glanze da!«

Als er sich umwandte, erblickte er Denise. Er und Bourdoncle befanden sich eben vor der Konfektionsabteilung, die Mouret hatte teilen lassen; Kleider und Kostüme waren nun im zweiten Stock am andern Ende des Geschäfts untergebracht. Denise, die als erste heruntergekommen war, machte große Augen. Sie kannte sich nicht mehr aus.

»Wie?« sagte sie, »hier ist großer Umzug?«

Ihre Verwunderung schien Mouret, der solche Überraschungen liebte, Spaß zu machen. In den ersten Tagen des Februar war Denise beim »Paradies der Damen« wieder eingetreten, wo sie zu ihrem freudigen Erstaunen fand, daß das Personal sich höflich, fast achtungsvoll benahm. Besonders Frau Aurélie zeigte sich wohlwollend ihr gegenüber; Marguerite und Claire schienen entwaffnet, selbst Vater Jouve benahm sich sehr ergeben und tat alles, um das unangenehme Abenteuer von einst vergessen zu machen. Ein Wort von Mouret hatte all dies bewirkt; und schon entstand ein Geflüster, man blickte ihr nach, wo immer sie ging. Angesichts dieser allgemeinen Liebenswürdigkeit war sie nur etwas verletzt durch die seltsame Niedergeschlagenheit, die Deloche zur Schau trug, und durch das rätselhafte Lächeln Paulines.

Mouret blickte sie noch immer mit seiner entzückten Miene an.

»Was suchen Sie, Fräulein?« fragte er sie endlich.

Denise, die seine Anwesenheit noch gar nicht bemerkt hatte, errötete leicht. Seit sie zurückgekehrt war, begegnete er ihr mit einer Güte, die sie rührte. Pauline hatte ihr -- sie wußte nicht, weshalb -- die Liebschaft des Chefs mit Claire in allen Einzelheiten erzählt, wo er mit ihr zusammenkam, wieviel er ihr bezahlte und so weiter. Sie kam oft auf dieses Thema zu sprechen und berichtete ihr auch, daß er noch eine andere Geliebte habe, diese Frau Desforges, die das ganze Geschäft kenne. Solche Geschichten verwirrten Denise, sie wurde in seiner Gegenwart wieder von ihrer früheren Beklemmung erfaßt, von einem Unbehagen, in dem Dankbarkeit und Groll gegeneinander kämpften.

»Hier ist ja alles verändert«, erwiderte sie schließlich.

Mouret trat näher zu ihr heran und flüsterte ihr zu:

»Heute abend nach Geschäftsschluß kommen Sie in mein Arbeitszimmer, ich habe mit Ihnen zu reden.«

Sie neigte verlegen den Kopf und wußte nicht, was sie sagen sollte. Dann ging sie in ihre Abteilung, wo auch die anderen Verkäuferinnen sich schon einfanden. Bourdoncle aber hatte Mouret verstanden und schaute ihn lächelnd an. Als sie allein waren, wagte er die Bemerkung:

»Jetzt die auch noch? Nehmen Sie sich in acht! Mit der wird es Ernst!«

Mouret wehrte lebhaft ab und suchte seine Erregung unter einer sorglosen Miene zu verbergen.

»Lassen Sie's gut sein, das ist doch alles nur Scherz! Die Frau, die mich dauernd fesseln könnte, ist noch nicht geboren.«

Bourdoncle schüttelte den Kopf. Diese Denise, so sanft und einfach sie war, begann ihm Sorge zu machen. Einmal hatte er gesiegt, indem er sie plötzlich vor die Tür setzte. Aber sie war wiedererschienen, und er sah sie in ihrer Stellung dermaßen gefestigt, daß er sie als eine ernste Gegnerin betrachtete.

Endlich wurde geöffnet, und der Strom der Kunden setzte ein. Gleich in der ersten Stunde, noch ehe die dahinterliegenden Geschäftsräume sich gefüllt hatten, enstand unter dem Eingang ein solches Gedränge, daß die Polizei einschreiten mußte, um den Bürgersteig für den Verkehr freizuhalten. Mouret hatte richtig gerechnet: eine geballte Masse von Köchinnen, Haushälterinnen und kleinen Bürgersfrauen stürzte sich auf diese billigen Artikel, man stieß und drängte sich, ein dichter Menschenknäuel balgte sich um die Waren.

Den ganzen Vormittag dauerte dieses Getriebe an. Gegen ein Uhr mußten die Käufer sich schon anstellen. Die Straße war von Menschen versperrt wie bei einem Volksaufstand.

Frau von Boves und ihre Tochter Blanche warteten auf dem Bürgersteig gegenüber, als sie auf Frau Marty stießen, die gleichfalls von ihrer Tochter Valentine begleitet war.

»Ist das ein Gedränge!« sagte Frau von Boves. »Die Leute bringen einander ja um. Ich wollte eigentlich gar nicht kommen, ich lag zu Bett, aber ich bin dann doch aufgestanden, um etwas frische Luft zu schöpfen.«

»Genau wie ich«, erklärte die andere. »Ich habe meinem Mann versprochen, seine Schwester am Montmartre zu besuchen. Im Vorübergehen ist mir eingefallen, daß ich ein Paar Schnürbänder benötige. Schließlich kann ich sie ebenso gut hier kaufen wie woanders. Ich gedenke keinen Sou mehr auszugeben, ich brauche ja auch nichts.«

Indessen ließ sie kein Auge vom Eingang. Unwillkürlich hatte der Sog sie bereits erfaßt.

»Halt dich an meinem Kleid fest, Valentine«, sagte Frau Marty.

»Ach, mein Gott, so etwas habe ich noch nicht gesehen; man wird ja davongetragen! Wie wird es erst da drinnen aussehen?«

Einmal von dem Strom fortgerissen, konnten die Damen nicht mehr zurück. Sie kamen nur sehr langsam vorwärts und waren dermaßen eingepfercht, daß ihnen fast der Atem verging, was ihre Neugier noch erhöhte.

»Ich fürchte, mein Rock überlebt das nicht«, sagte Frau von Boves.

Frau Marty erhob sich auf die Fußspitzen, um über die Köpfe der anderen hinwegsehen zu können. Die Pupillen ihrer großen Augen waren zusammengezogen wie die einer Katze, die aus dem hellen Sonnenlicht in einen finsteren Raum kommt. Sie schien nichts unterscheiden zu können, ihr Blick war leer wie der einer Schlafwandlerin.

»Ach, endlich«, sagte sie dann mit einem Seufzer der Erleichterung.

Jetzt hatten die Damen sich losgemacht. Sie befanden sich in der Halle an der Rue Neuve-Saint-Augustin. Wie groß war ihre Überraschung, als sie sie fast leer fanden! Ein unnennbares Behagen bemächtigte sich ihrer. Es war ihnen, als träten sie aus dem Winter der Straße in den Frühling ein. Während draußen noch der eisige Märzwind wehte, verspürte man in diesen Gängen schon den lauen Hauch der wärmeren Jahreszeit mit ihren leichten Stoffen, den blütenhaften Glanz der zarten Farben, die ländliche Heiterkeit der Sommermoden und der Sonnenschirme.

»Schauen Sie nur!« rief Frau von Boves entzückt.

Sie standen vor einer Ausstellung von Sonnenschirmen. Weit aufgespannt, gewölbt wie Schilde, nahmen sie bis hinauf zum Glasdach die ganze Halle ein – wohin man blickte, ein einziges Meer von Farben.

Frau Marty rang nach Worten, um ihrem Entzücken Ausdruck zu verleihen, aber sie wußte weiter nichts zu sagen als:

»Das ist ja feenhaft!«

Dann suchte sie sich zurechtzufinden und sagte:

»Schnürbänder gibt es in der Kurzwarenabteilung ... Ich kaufe mein Schnürband und gehe.«

»Ich komme mit Ihnen«, sagte Frau von Boves. »Nicht wahr, Blanche, wir wollen einmal durchgehen, nichts weiter?«

Allein die Damen waren verloren, sobald sie die Tür hinter sich hatten. Sie wandten sich nach links, weil aber die Kurzwaren anderswohin verlegt worden waren, gelangten sie erst mitten unter die Rüschen und dann zu den Zierkragen und -manschetten. Es war sehr warm in den Gängen, eine wahre Treibhaushitze, durchzogen von dem faden Geruch all der Stoffe. Sie wollten wieder zur Tür zurück, blieben jedoch in der hin und her flutenden Menge stecken. Glücklicherweise kam ihnen der Inspektor Jouve zu Hilfe. Ernst und aufmerksam stand er im Vorraum und faßte jede Frau, die vorüberging, scharf ins Auge, um etwaigen Diebinnen auf die Spur zu kommen.

»Zu den Kurzwaren, meine Damen?« fragte er höflich. »Bitte nach links, dort hinter den Wirkwaren.«

Frau von Boves dankte ihm. Aber als Frau Marty sich umwandte, fand sie ihre Tochter Valentine nicht mehr an ihrer Seite. Sie erschrak, bis sie sie in einiger Entfernung an einem Tisch stehen sah, ganz versunken in den Anblick von Damenkrawatten zu neunzehn Sous, die auf einem langen Tisch aufgehäuft lagen und von den Verkäufern laut angepriesen wurden. Es war dies ein Gedanke von Mouret; er verschmähte auch diese Methode nicht und machte sich lustig über die Leute, die behaupteten, eine Ware müsse für sich selber sprechen. Eine ganze Schar von Pariser Straßenbummlern war damit betraut, solche kleineren Artikel mit lauter Stimme an den Mann zu bringen.

»Mama«, rief Valentine, »sieh doch diese Krawatten! Jede hat in der Ecke einen gestickten Vogel!«

Der Verkäufer pries den Artikel und versicherte, die Krawatten seien aus reiner Seide, der Fabrikant sei darüber bankrott gegangen, und etwas Schöneres und Billigeres bekämen sie nie wieder.

»Neunzehn Sous, ist das möglich?« sagte Frau Marty, genauso entzückt wie ihre Tochter. »Ach was, ich nehme zwei davon, das ruiniert uns nicht.«

Frau von Boves verhielt sich ablehnend. Sie verachtete diese Art von Käufen.

»Und nun rasch mein Schnürband«, sagte gleich darauf Frau Marty, »ich will nichts mehr sehen.«

Doch als sie an den Handschuhen vorbeikamen, wurde sie wieder schwach. Unter dem vollen Licht des Glasdaches prangte hier eine Ausstellung in ganz entzückend lebhaften Farben. Die gleichmäßig aneinandergereihten Tische waren wie Rasenplätze, sie verwandelten die Halle in ein Gartenparterre, in dem Blumen in allen Farben und Abstufungen dem Beschauer entgegenlachten. Was aber die Besucher hier am meisten anzog, war ein Schweizerhäuschen, ganz aus Handschuhen aufgebaut, ein Meisterstück Mignots, das zwei Tage Arbeit gekostet hatte. Schwarze Handschuhe bildeten das Erdgeschoß, dann kamen resedafarbene, strohgelbe, ochsenblutfarbene, welche die Ziegel darstellten, Fenster einrahmten, Balkons andeuteten.

»Was wünschen gnädige Frau?« fragte Mignot, als er Frau Marty vor seinem Tisch festgebannt erblickte. »Wir haben schwedische Handschuhe zu einem Franken fünfundsiebzig, erste Qualität.«

Es war seine Leidenschaft, die Vorübergehenden anzusprechen, sie durch seine Liebenswürdigkeit zu bezwingen. Da Frau Marty ablehnend den Kopf schüttelte, fuhr er fort:

»Tiroler Handschuhe zu einem Franken fünfundzwanzig, Turiner Handschuhe für Kinder, gestickte Handschuhe in allen Farben ...«

»Nein, ich danke, ich brauche nichts«, erklärte Frau Marty.

Allein er merkte, daß ihre Stimme schwächer wurde; er setzte ihr noch hartnäckiger zu, indem er ihr gestickte Handschuhe vorlegte, und sie gab ihren Widerstand auf. Sie kaufte ein Paar, und als sie Frau von Boves lächeln sah, errötete sie.

»Ich bin ein Kind, nicht wahr? Wenn ich nicht bald mein Schnürband kaufe und davongehe, bin ich verloren.«

Unglücklicherweise herrschte bei den Kurzwaren ein solches Gedränge, daß sie nicht bald bedient wurden. Sie warteten zehn Minuten und verloren schon die Geduld, als sie plötzlich Frau Bourdelais mit ihren drei Kindern begegneten. Diese erklärte mit der ruhigen Miene der praktischen Hausfrau, daß sie ihren Kleinen dieses Schauspiel habe zeigen wollen. Madeleine war zehn Jahre alt, Edmond acht, Lucien vier; die Kinder unterhielten sich prächtig, es war ein billiges Vergnügen, das ihnen seit langer Zeit versprochen war.

»Ich will doch einen roten Sonnenschirm kaufen, sie sind gar so drollig«, sagte jetzt Frau Marty, die ungeduldig hin und her trippelte.

Sie wählte einen für vierzehn Franken fünfzig. Frau Bourdelais, die tadelnd ihren Kauf betrachtete, sagte in freundschaftlichem Ton zu ihr:

»Sie sollten sich nicht so beeilen; in zwei Wochen hätten Sie ihn für zehn Franken bekommen ... Mich werden diese Leute nicht drankriegen.«

Man dürfe nie gleich zu Anfang einkaufen, erklärte sie, denn die Preise würden später immer herabgesetzt. Sie lasse sich nicht ausbeuten, sie wolle billig einkaufen und kaufe auch billig ein. Sie führte diesen Kampf gegen die Warenhäuser mit einer gewissen Schadenfreude, sie rühmte sich, daß sie an ihr keinen Sou zu viel verdienten.

Heute wollte sie mit ihren Kindern nach oben, um ihnen im Lesesaal Bilder zu zeigen.

»Kommen Sie doch mit«, meinte sie, »Sie haben ja Zeit.«

Da war das Schnürband vergessen. Frau Marty gab sofort nach, während Frau von Boves vorher im Erdgeschoß die Runde machen wollte. Die Damen hofften, sich oben wieder zu treffen. Frau Bourdelais suchte eine Treppe, als sie einen der Aufzüge bemerkte und sich beeilte, mit ihren Kindern dahinzugelangen, um so das Vergnügen zu vervollständigen. Frau Marty und Valentine traten mit in den engen Käfig. Im ersten Stock harrte ihrer ein weiteres Vergnügen. Als man am Büfett vorbeikam, ließ Frau Bourdelais es sich nicht entgehen, die Kleinen mit Obstsaft zu versorgen. Allein bis sie sich wieder aus dem Menschenknäuel herausgearbeitet hatte, waren Frau Marty und Valentine verschwunden. Endlich entdeckte sie sie in einem ziemlich entfernten Gang. Die beiden kauften schon wieder. Es war vorbei mit ihnen, Mutter und Tochter vergingen in der fieberhaften Sucht, Geld auszugeben.

Im Lese- und Unterhaltungsraum setzte Frau Bourdelais Madeleine, Edmond und Lucien an den großen Tisch, dann holte sie aus einem der Regale Bilderbücher und brachte sie ihren Kindern.

Ein schweigendes Publikum hatte sich rings um den Tisch angesammelt, der mit Zeitschriften und Zeitungen, Papier und Schreibzeug bedeckt war. Einige Damen hatten ihre Handschuhe abgelegt und schrieben ihre Briefe auf den Bogen mit dem Namenszug des Hauses. Herren saßen in ihre Sessel zurückgelehnt und lasen die Zeitung. Viele taten auch einfach gar nichts. Es gab Männer, die hier auf ihre Frauen warteten, die sie unten im Gewühl zurückgelassen hatten, junge Damen, die nach der Ankunft eines Liebhabers ausspähten, endlich Väter und Mütter, die von ihren Kindern wie in einer Garderobe zurückgelassen worden waren, um dann, wenn man mit dem Einkauf fertig war, wieder abgeholt zu werden.

»Wie, Sie sind hier?« rief Frau Bourdelais plötzlich. »Ich habe Sie erst gar nicht erkannt.«

Es war Frau Guibal; sie schien recht verdrossen über diese Begegnung und erzählte, sie sei nur heraufgekommen, um dem Trubel da unten zu entgehen und sich ein wenig auszuruhen. Als Frau Bourdelais sie fragte, ob sie gekommen sei, Einkäufe zu machen, erwiderte sie mit ihrer schmachtenden Miene:

»Im Gegenteil, ich bin hier, um etwas zurückzugeben. Ja, einen Unterrock und einige Vorhänge, mit denen ich nicht zufrieden bin. Aber es sind so viele Leute da, daß ich warten muß, um in die betreffenden Abteilungen zu kommen.«

Dann plauderte sie weiter und meinte, es sei so bequem, dieses System des Zurückgebens. Früher habe sie nie etwas gekauft, während sie sich jetzt zuweilen verlocken lasse. In der Tat gab sie von fünf Artikeln, die sie erstanden hatte, vier zurück; sie war schon in allen Abteilungen dafür bekannt.

Während sie sprach, ließ sie die Türen des Saales nicht aus den Augen und atmete auf, als Frau Bourdelais sich zu ihren Kindern umwandte, um ihnen die Bilder zu erklären. Fast im gleichen Augenblick traten Herr von Boves und Paul von Vallagnosc ein. Der Graf, der tat, als wollte er dem jungen Mann die neuen Geschäftsräume zeigen, tauschte mit Frau Guibal rasch einen Blick aus. Dann versenkte sich diese wieder in ihre Lektüre, als hätte sie ihn gar nicht bemerkt.

»Schau an – Paul!« sagte plötzlich eine Stimme hinter den Herren.

Es war Mouret, der die Runde durch die verschiedenen Abteilungen machte. Sie schüttelten sich die Hände, und Mouret fragte den Grafen:

»Hat Frau von Boves uns die Ehre erwiesen zu kommen?«

»Mein Gott, nein«, erwiderte der Graf. »Sie bedauert sehr. Sie ist unwohl, aber es ist gottlob nichts Bedenkliches.«

Jetzt tat er, als hätte er plötzlich die Anwesenheit Frau Guibals bemerkt; er trat auf sie zu, während die anderen Herren sich damit begnügten, sie aus der Ferne zu grüßen. Auch sie spielte die Überraschte. Paul lächelte, er begriff endlich und erzählte Mouret leise, wie der Graf, mit dem er in der Rue Richelieu zusammengetroffen sei, sich erst bemüht habe, ihm wieder zu entkommen, und endlich wohl beschlossen habe, ihn zum »Paradies der Damen« mitzunehmen unter dem Vorwand, daß man das absolut sehen müsse.

Seit einem Jahr holte die Dame aus dem Grafen an Geld und Vergnügen heraus, soviel sie nur konnte. Dabei war sie so vorsichtig, ihm niemals zu schreiben; sie gab ihm nur ein Stelldichein an öffentlichen Plätzen: in Kirchen, Museen, Warenhäusern, und da verständigten sie sich.

»Ich glaube, daß sie bei jeder Zusammenkunft das Hotel wechseln«, flüsterte der junge Mann. »Kürzlich befand er sich auf einer großen Inspektionsreise. Jeden zweiten Tag erhielt seine Frau einen Brief von ihm: aus Blois, aus Libourne, aus Tarbes; und doch bin ich sicher, daß ich ihn in einem Hotel in Batignolles habe verschwinden sehen. Aber schau ihn dir nur an: wie untadelig er da vor ihr steht in der vornehmen Haltung eines hohen Beamten. Das ist Altfrankreich, mein Lieber, Altfrankreich!«

»Und was macht deine Heirat?«

Ohne den Grafen aus den Augen zu lassen, erwiderte Paul, sie warteten noch immer auf den Tod der alten Tante. Dann sagte er triumphierend:

»Hast du gesehen? Er hat sich heruntergebeugt und ihr eine Adresse zugesteckt; und sie hat sie mit der ehrbarsten Miene der Welt entgegengenommen ... Schöne Dinge spielen sich ab bei dir!«

»Oh«, meinte Mouret lächelnd, »die Damen sind hier nicht bei mir, sie sind hier absolut zu Hause.«

Er scherzte weiter. Die Liebe bringe Glück ins Haus, wie die Schwalben, sagte er. Er kannte sie sehr gut, die Mädchen und Frauen, die den ganzen Tag durch die Abteilungen liefen und auf einen Freund warteten; aber wenn sie auch nichts kauften, so vermehrten sie doch das Getriebe und brachten Leben in die Räume.

Unter solchen Gesprächen zog er seinen Freund mit sich fort und stellte sich mit ihm am Eingang des Lesesaals auf. In dem weiten Raum hörte man nichts als das Rascheln der Zeitungen und das Gekritzel der Federn. Ein alter Herr war über seiner Lektüre eingeschlafen. Herr von Boves betrachtete aufmerksam die Gemälde an der Wand, augenscheinlich in der Absicht, seinen künftigen Schwiegersohn im Gewühl der Menge zu verlieren. Nur Frau Bourdelais unterhielt sich laut und ungeniert mit ihren Kindern.

»Du siehst, sie sind hier zu Hause«, wiederholte Mouret.

Im Erdgeschoß hatte sich mittlerweile auch Frau Desforges eingefunden. Obgleich sie die Neueinrichtung schon kannte, blieb sie einen Augenblick stehen, wie gebannt durch das rührige Leben, das hier herrschte. Rings um sie her wogte die Menge, es war ein ständiges Kommen und Gehen inmitten der gleißenden Vielfalt der Waren.

»Wünschen gnädige Frau billige Strumpfbänder?« fragte ein Verkäufer. »Reine Seide, neunundzwanzig Sous.«

Sie würdigte ihn keiner Antwort und suchte sich zurechtzufinden. Die Kasse des jungen Lhomme befand sich links. Er kannte sie und erlaubte sich, sie mit einem Lächeln zu begrüßen. Er versank geradezu in der Flut von Kassenzetteln, während hinter ihm der Laufbursche Joseph mit dem Einpacken der Waren kaum fertig werden konnte. Jetzt wußte sie, wo sie war: die Seidenabteilung mußte vor ihr liegen; aber sie brauchte gute zehn Minuten, um durch das Gewühl dahinzugelangen. Die roten Ballons in der Luft an ihren dünnen Fäden wurden immer zahlreicher; sie verdichteten sich zu einem Gewölk, bewegten sich langsam nach den Türen und ergossen sich von hier aus über Paris.

»Wie, gnädige Frau, Sie haben sich hierhergewagt?« rief Bouthemont, als er Frau Desforges erblickte.

Seit einiger Zeit kam der Abteilungsleiter, den Mouret selbst eingeführt hatte, zuweilen zu ihr zum Tee. Sie fand ihn ein bißchen gewöhnlich, aber sehr angenehm, lebhaft und von einem gesunden Humor, der sie überraschte und unterhielt. Vor einigen Tagen hatte er ihr übrigens rundheraus die Liebschaft Mourets mit Claire erzählt, ohne bestimmte Absicht, aus reiner Dummheit. Von Eifersucht verzehrt, ihren Verdruß unter einer Miene der Geringschätzung verbergend, war sie gekommen, um dieses Mädchen kennenzulernen; er hatte bloß gesagt, daß sie in der Konfektionsabteilung beschäftigt sei, ohne sie mit Namen zu nennen.

»Wünschen Sie etwas bei uns?« fragte er.

»Gewiß, sonst wäre ich nicht gekommen. Haben Sie Stoff für Morgenröcke?«

Sie hoffte, von ihm den Namen des Mädchens zu erfahren. Er rief nach Favier und fuhr fort, mit ihr zu plaudern, da der Verkäufer eben Kundschaft zu bedienen hatte, just jene hübsche Blondine, von der zuweilen die ganze Abteilung sprach, ohne auch nur ihren Namen zu wissen.

»Beeilen Sie sich doch! Das ist ja nicht auszuhalten!« rief Hutin Favier zu, der endlich seine Kundin zur Kasse begleitet hatte.

»Wenn diese Dame kommt, können Sie nie fertig werden. Sie macht sich ja bloß lustig über Sie!«

»Nicht mehr als ich mich über sie«, erwiderte der Verkäufer beleidigt.

Allein Hutin drohte ihm mit einer Meldung bei der Geschäftsleitung, wenn er sich nicht achtungsvoller gegen die Kunden benehme. Hutin war schrecklich geworden, überstreng, seit die Abteilung sich verbündet hatte, um ihm den Platz Robineaus zu verschaffen. Trotz seiner ehemaligen Versprechungen, gute Kameradschaft zu halten, erwies er sich jetzt als dermaßen unerträglich, daß die Verkäufer sich nun insgeheim zusammenschlossen, um Favier gegen ihn zu unterstützen.

»Widersprechen Sie nicht«, sagte Hutin streng. »Herr Bouthemont verlangt Stoffe zu einem Morgenrock, die hellsten Muster.«

Als Frau Desforges ihre Wahl getroffen hatte, machte sie einen letzten Versuch bei Bouthemont, der neben ihr stand.

»Ich will in die Konfektionsabteilung hinaufgehen, um nachzusehen, ob Reisemäntel da sind ... Ist das Fräulein aus Ihrer Geschichte blond?«

Der Abteilungsleiter, den ihre Hartnäckigkeit zu beunruhigen begann, beschränkte sich auf ein Lächeln. In diesem Augenblick kam Denise vorüber. Favier hatte schon Frau Desforges' Stoff ergriffen, um mit ihr zu gehen, als Hutin ihn zurückhielt, weil er hoffte, ihn dadurch zu kränken.

»Lassen Sie das nur; das Fräulein wird so gut sein, die gnädige Frau zu begleiten.«

Denise war verwirrt, erklärte sich indessen bereit, das Paket und die Rechnung zu übernehmen. Sooft sie sich dem jungen Mann gegenüber fand, fühlte sie eine gewisse Scham. Es war, als erinnere sie seine Anwesenheit an ein einstiges Vergehen. Und doch hatte sie nur im Traum gesündigt. Hatte sie ihn wirklich geliebt? Sie wußte es nicht.

»Sagen Sie«, fragte Frau Desforges Bouthemont ganz leise, »ist es etwa dieses ungeschickte Mädchen? Hat er sie denn wieder eingestellt? Ist sie die Heldin des Abenteuers?«

»Vielleicht«, erwiderte der Abteilungsleiter, noch immer lächelnd und fest entschlossen, ihr nicht die Wahrheit zu sagen. Langsam stieg Frau Desforges hinter Denise die Treppe hinauf. Jeden Augenblick mußte sie stehenbleiben, um nicht von dem herunterkommenden Menschenstrom mitgerissen zu werden. Als sie endlich im ersten Stock angelangt war, schloß sie einen Moment die Lider: ihre Augen schmerzten von der Vielfalt der Farben und der Fülle der Eindrücke.

Mouret stand unterdessen noch immer mit Vallagnosc vor dem Lesesaal. Er deutete auf die Frauen, die sich in seinen Räumen drängten, und sagte:

»Ja, sie sind hier zu Hause; ich kenne einige, die den ganzen Tag hier zubringen, essen, trinken und ihre Korrespondenz besorgen ... Es fehlte nur noch, daß sie hier schlafen.«

Paul lächelte müde. In seinem ewigen Pessimismus fand er es nach wie vor albern, daß eine solche Menschenmenge sich um ein paar Fetzen Stoff schlug. Nach jedem Besuch bei seinem ehemaligen Mitschüler ging er ärgerlicher weg, verdrossen, den andern inmitten dieses Volks von Kokotten so vergnügt zu sehen. War denn unter all diesen Frauen mit dem leeren Herzen und dem leeren Kopf keine einzige, die ihn die Dummheit und Nichtigkeit des Lebens erkennen ließ? Gerade heute wirkte Octave erregter als sonst. Seit er Denise und Frau Desforges die große Treppe hatte heraufkommen sehen, sprach er unwillkürlich lauter und gestikulierte mit den Händen; während er absichtlich nicht den Kopf nach ihnen umwandte, wurde er lebhafter in dem Maß, wie er sie näherkommen fühlte. Sein Gesicht bekam Farbe, seine Augen nahmen einen entzückten Ausdruck an.

»Man wird dich nicht wenig bestehlen«, bemerkte Paul trocken; »ich sehe da die reinsten Diebesgesichter.«

»Oh, das übersteigt alle Begriffe«, erwiderte Mouret.

Er erzählte ihm eine ganze Reihe von Geschichten. Er teilte die Diebinnen in Klassen ein: Da waren vor allem die Berufsmäßigen; diese waren am wenigsten schädlich, weil die Polizei sie fast sämtlich kannte. Dann kamen die Diebinnen aus Manie, welche die Beute einer unbezwinglichen Begierde waren. Und endlich mußte man auf die Schwangeren achtgeben, die sich auf spezielle Artikel verlegten; so hatte der Polizeikommissar bei einer von ihnen 248 Paar rosafarbene Handschuhe gefunden, die sie in sämtlichen Handschuhläden von Paris zusammengestohlen hatte.

»Eine saubere Schule der Ehrlichkeit, dein Warenhaus, das muß ich schon sagen«, bemerkte Paul.

»Mitunter sind ganz achtbare Damen darunter«, fuhr Mouret fort. »Die vorige Woche haben wir die Schwester eines Apothekers und die Gattin eines Hofrats dabei ertappt. In solchen Fällen legt man die Sache gütlich bei.«

Er verstummte. Denise und Henriette, die er nicht aus den Augen gelassen hatte, kamen eben hinter ihnen vorbei, nachdem sie sich mit vieler Mühe bis hierher durchgearbeitet hatten. Er wandte sich plötzlich um und grüßte höflich wie ein Freund, der eine Frau nicht dadurch bloßstellen will, daß er sie vor aller Augen anhält. Allein Henriette, deren Eifersucht einmal erweckt war, hatte sehr wohl bemerkt, daß sein erster Blick Denise gegolten hatte. Dieses Mädchen mußte die Nebenbuhlerin sein, um deretwillen sie heute gekommen war.

Die Verkäuferinnen der Konfektionsabteilung hatten alle Hände voll zu tun; zwei waren erkrankt, und Frau Frédéric, die stellvertretende Abteilungsleiterin, hatte tags zuvor in aller Stille ihren Abschied genommen; sie war ohne Kündigung gegangen, ebenso wie das Haus oft genug seine Angestellten ohne Kündigung entließ. Trotz der Aufregungen des Sonderverkaufs sprach man seit dem Morgen nur von dem Vorfall. Claire fand das »sehr schick«; Marguerite machte sich über die Wut Bourdoncles lustig, während Frau Aurélie würdevoll erklärte, daß Frau Frédéric so viel Anstandsgefühl hätte besitzen müssen, wenigstens sie vorher zu verständigen.

»Gnädige Frau wünschen einen Reisemantel?« fragte Denise und bot der Dame einen Stuhl an.

»Ja«, erwiderte Frau Desforges trocken; sie war entschlossen, unhöflich zu sein.

Als Denise fortgegangen war, um Reisemäntel zu holen, blickte Frau Desforges in einen Spiegel und betrachtete ihr Gesicht. Wurde sie denn alt, daß man sie mit der ersten besten betrog? Der Spiegel warf das Bild der ganzen Abteilung mit ihrem lebhaften Treiben zurück; sie aber sah nur ihr bleiches Gesicht und hörte nicht, daß hinter ihr Claire Marguerite im Flüsterton eine der Skandalgeschichten von Frau Frédéric erzählte.

»Das sind unsere neuesten Modelle«, sagte Denise; »wir haben sie in mehreren Farben.«

Sie breitete vier oder fünf Mäntel aus. Frau Desforges betrachtete sie mit geringschätziger Miene und wurde bei jedem Mantel in ihrem Benehmen schroffer. Wozu diese Falten, die das Kleidungsstück so knapp machten? Und dieser andere mit den eckigen Schultern schien ja nicht mit der Schere, sondern mit der Axt zugeschnitten zu sein! Wenn man auf die Reise ging, wollte man doch anständig gekleidet sein!

Denise legte die Mäntel auseinander und wieder zusammen, ohne sich den geringsten Verdruß anmerken zu lassen. Diese Sanftmut, diese Geduld ärgerten Frau Desforges noch mehr, ihre Blicke kehrten immer wieder zu dem Spiegel zurück. Sie betrachtete sich neben Denise und stellte im stillen Vergleiche an. Konnte man ihr diese unbedeutende Gestalt vorziehen?

»Ich werde der gnädigen Frau andere Modelle vorlegen«, sagte Denise geduldig.

Als sie zurückkam, begann die Szene von neuem. Jetzt waren die Stoffe zu schwer und taugten nichts. Frau Desforges drehte sich hin und her, sprach mit lauter Stimme und suchte die Aufmerksamkeit Frau Aurélies auf sich zu lenken in der Hoffnung, dem Mädchen eine Rüge zuzuziehen. Allein Denise hatte, seitdem sie zurückgekehrt war, allmählich die ganze Abteilung für sich gewonnen; sie war jetzt hier zu Hause, ja die Abteilungsleiterin erkannte sogar an, daß sie ungewöhnliche Vorzüge als Verkäuferin besaß. Frau Aurélie begnügte sich denn auch damit, die Achseln zu zucken, und hütete sich wohl, dazwischenzutreten.

»Wollen gnädige Frau mir vielleicht näher sagen, was Sie wünschen?« fragte Denise von neuem mit jener höflichen Ausdauer, die sich nicht entmutigen läßt.

»Aber wenn Sie doch nichts haben!« rief Frau Desforges.

Sie unterbrach sich, weil sie zu ihrer Überraschung fühlte, daß eine Hand sich auf ihre Schulter legte. Es war Frau Marty. Ihre Einkäufe hatten sich dermaßen angehäuft, daß der letzte Verkäufer sich entschlossen hatte, den Stapel auf ein Rollgestell zu legen; auf ihm türmten sich die Krawatten, die Handschuhe, der Sonnenschirm, verschiedene Röcke, Servietten, Vorhänge, eine Lampe und drei Bastmatten.

»Schau, schau«, sagte sie, »Sie kaufen einen Reisemantel?«

»Ach ja, ich möchte«, erwiderte Frau Desforges, »aber sie sind abscheulich.«

Allein Frau Marty stürzte sich auf einen gestreiften Mantel, den sie gar nicht übel fand; auch ihre Tochter Valentine war schon in seine Betrachtung versunken. Jetzt rief Denise Marguerite herbei, damit diese das Stück endlich losbrachte, denn es war ein Modell aus dem vergangenen Jahr. Auf einen Wink ihrer Kollegin pries Marguerite es als außerordentlich günstige Gelegenheit. Als sie versicherte, daß man den Preis schon zweimal herabgesetzt habe, von hundertfünfzig Franken auf hundertdreißig und dann sogar auf hundertzehn, konnte Frau Marty der Versuchung nicht mehr widerstehen. Sie nahm den Mantel, und der Verkäufer, der sie begleitet hatte, ließ das Gestell mit allen Paketen da.

Während Marguerite damit beschäftigt war, die Rechnung auszufertigen, wandte Frau Marty den Kopf halb, blinzelte nach Claire hin und sagte zu Frau Desforges:

»Die da ist die neueste Laune von Herrn Mouret.«

Frau Desforges betrachtete überrascht Claire, dann blickte sie auf Denise und erwiderte:

»Nein, nicht die Große, die Kleine ist's!«

Da Frau Marty nicht wagte, bei ihrer Behauptung zu bleiben, fuhr Frau Desforges laut fort, mit der ganzen Verachtung einer großen Dame für ein Stubenmädchen:

»Vielleicht auch die Kleine und die Große, alle, die nur wollen!« Das mußte Denise hören. Sie wurde blaß und richtete ihre großen, klaren Augen auf die Kundin, die sie so beleidigte, ohne daß sie sie überhaupt kannte; es war ohne Zweifel die Dame, von der man ihr erzählt hatte, die Freundin, die der Chef außerhalb des Hauses besuchte. In dem Blick, den die beiden austauschten, lag auf Denises Seite so viel traurige Würde, so viel Freimut und Unschuld, daß Henriette verlegen dastand.

»Da Sie nichts für mich haben«, sagte sie plötzlich, »führen Sie mich zu den Kleidern und Kostümen.«

»Ich gehe mit Ihnen«, rief Frau Marty, »ich will ein Kostüm für Valentine aussuchen.«

Marguerite nahm das Rollgestell und zog es hinter sich her; Denise trug nur die wenigen Meter Stoff, die Frau Desforges gekauft hatte. Da Kleider und Kostüme sich jetzt im zweiten Stock befanden, am anderen Ende des Hauses, hatte man bis dahin eine ganze Reise zu machen.

Schon in der Wäscheabteilung begann Frau Desforges sich zu beklagen: Lächerlich seien diese Basare, meinte sie, wo man zwei Kilometer laufen müsse, um einen Artikel zu finden. Auch Frau Marty jammerte über Müdigkeit; trotzdem blieb sie bei allem und jedem stehen und kaufte nacheinander ein weißes Mieder, dann einen Pelzmuff, der zu dieser Jahreszeit billig abgegeben wurde, und schließlich russische Spitzen, mit denen man jetzt Tischwäsche besetzte. All dies wurde auf das Rollgestell gelegt, die Pakete türmten sich immer höher.

»Hier bitte weiter, gnädige Frau«, sagte Denise unverdrossen nach jedem Halt.

»Das ist doch albern!« rief Frau Desforges. »Wir werden nie ans Ziel kommen. Warum hat man die Kleider und Kostüme nicht bei der Konfektion gelassen! Ein solcher Wirrwarr!«

Frau Marty aber wiederholte ein ums andere Mal:

»Mein Gott, was wird mein Mann dazu sagen? Sie haben recht, es herrscht keine Ordnung in diesem Haus, man verliert ja völlig den Kopf und kauft lauter dummes Zeug!«

Auf dem mittleren Treppenabsatz war kaum mehr durchzukommen. Hier hatte Mouret eine Unmenge von Pariser Kleinkram aufhäufen lassen, Becher von vergoldetem Zinn, Reisebestecke, Likörgarnituren und dergleichen, dazu allerlei chinesische und japanische Raritäten, billige Kleinigkeiten, die man sich aus den Händen riß. Es war ein unerhörter Erfolg, und er träumte schon davon, diesen Geschäftszweig auszudehnen. Während zwei Verkäufer das Rollgestell in den zweiten Stock hinaufschleppten, kaufte Frau Marty sechs Elfenbeinknöpfe, einige Mäuse aus Seide und einen emaillierten Streichholzbehälter.

Im zweiten Stock begann die Trödelei von neuem. Denise, die schon seit dem Morgen in ähnlicher Weise die Käuferinnen spazierenführte, vermochte sich kaum mehr auf den Beinen zu halten, aber sie bewahrte ihre Haltung und ihre Höflichkeit. In der Abteilung für Möbelstoffe mußte sie abermals auf die Damen warten, weil Frau Marty sich von einem entzückend schönen Leinen nicht trennen konnte. Bei den Möbeln weckte ein Arbeitstischchen ihre Begierde. Ihre Hände zitterten, und sie flehte Frau Desforges an, sie möge sie doch daran hindern, noch mehr Geld auszugeben. In der Abteilung für Teppiche begegneten sie Frau Guibal, die hier ihre ganze Sammlung von orientalischen Vorhängen, die sie vor fünf Tagen gekauft hatte, zurückgab. Der Verkäufer, ein großer, kräftiger junger Mann, war natürlich entsetzt, da ihn dies um seine Provision brachte. Er suchte Frau Guibal in Verlegenheit zu bringen, denn er vermutete eine unsaubere Geschichte. Es kam oft vor, daß eine Kundin zum Beispiel zu einem Ball im »Paradies der Damen« die verschiedensten Ausstattungsgegenstände kaufte, um sich die Kosten für die Dekoration zu sparen, und sie anschließend einfach wiederbrachte. Die gnädige Frau müsse doch ihre Gründe haben, die Vorhänge zurückzugeben, meinte er; wenn das Muster oder die Farbe nicht passe, wolle er gern etwas anderes vorlegen. Er habe eine reiche Auswahl in diesen Artikeln. Aber auf alle diese Bemerkungen erwiderte Frau Guibal ruhig und fest, daß die Vorhänge ihr eben nicht gefielen; sie lehnte es ab, eine weitere Erklärung zu geben, und wollte auch keine anderen sehen. Er mußte sich fügen, denn die Verkäufer hatten bestimmte Weisung, die Waren zurückzunehmen, selbst wenn sie merken sollten, daß sie gebraucht waren.

Als die drei Damen miteinander fortgingen und Frau Marty zu dem Arbeitstisch zurückkehrte, den sie nicht benötigte und doch so gern gekauft hätte, sagte Frau Guibal seelenruhig:

»Dann nehmen Sie ihn doch und geben Sie ihn später zurück. Sie haben ja gesehen: nichts leichter als das. Lassen Sie ihn nur zu sich nach Hause schaffen. Man stellt ihn in den Salon, man sieht sich satt an ihm, und wenn man seiner überdrüssig ist, gibt man ihn zurück.«

»Das ist ein Gedanke!« rief Frau Marty. »Wenn mein Mann darüber allzu sehr erbost sein sollte, werde ich überhaupt alles zurückgeben!«

Damit hatte sie eine Entschuldigung für alles. Nun rechnete sie gar nicht mehr, kaufte alles zusammen, was ihr gefiel, insgeheim entschlossen, es auch zu behalten, denn sie gehörte nicht zu den Frauen, die wieder hergaben, was sie einmal besaßen.

Endlich gelangten sie in die Abteilung für Kleider und Kostüme. Als aber Denise einer der Verkäuferinnen den von Frau Desforges gekauften Stoff übergeben wollte, schien diese sich anders zu besinnen und erklärte, daß sie doch einen der Reisemäntel, den hellgrauen mit der Kapuze, nehmen wolle. Denise mußte also warten, um sie zur Konfektion zurückzuführen. Sie ersah aus den Launen der überheblichen Kundin nur zu gut, daß Frau Desforges sie mit Absicht wie einen Dienstboten behandelte; allein sie bewahrte trotz des Sturms, der in ihr tobte, und trotz ihres empörten Stolzes ihre ruhige Haltung. Frau Desforges kaufte übrigens bei den Kleidern und Kostümen nichts. Also schlenderten die Damen weiter, immer von Denise geführt. Man sah sie in allen Abteilungen, auf den Treppen, längs der Galerien. Jeden Augenblick trafen sie Bekannte, die sie aufhielten. So kam es, daß sie in der Nähe des Lesesaals Frau Bourdelais und ihren drei Kindern begegneten. Die Kleinen waren ebenfalls beladen: Madeleine hatte für sich ein Kleid unterm Arm, Edmond trug einen großen Schuhkarton, während der Jüngste, Lucien, ein neues Käppi aufhatte.

»Du auch!« sagte Frau Desforges lachend zu ihrer alten Pensionatsfreundin.

»Sprich mir nicht davon!« rief Frau Bourdelais. »Ich bin wütend ... Jetzt fangen sie uns mit diesen kleinen Wesen! Du weißt es ja: für mich selber mache ich solche Dummheiten nicht. Aber wie willst du den Kindern widerstehen, die nach allem greifen? Ich wollte sie spazierenführen -- und sieh da, schon kaufe ich das Haus leer!«

Mouret, der noch immer in Gesellschaft von Vallagnosc und Herrn von Boves dort stand, hörte es mit lächelnder Miene. Sie bemerkte ihn und beklagte sich heiter, aber nicht ohne einen Anflug wirklicher Gereiztheit über die Fallen, die man der Zärtlichkeit der Mütter stellte. Der Gedanke, daß sie der Macht der Reklame unterlegen war, regte sie auf, und er, immer lächelnd, verneigte sich und freute sich dieses Triumphes.

Herr von Boves hatte es im Nu fertiggebracht, sich Frau Guibal wieder zu nähern, und versuchte nun, Vallagnosc ein zweites Mal abzuschütteln; aber dieser, der lärmenden Unruhe müde, beeilte sich, den Grafen einzuholen. Denise blieb abermals stehen, um auf die Damen zu warten. Sie hatte sich abgewandt, und auch Mouret tat, als sähe er sie nicht. Von nun an zweifelte Frau Desforges mit dem feinen Sinn der eifersüchtigen Frau nicht mehr. Während er sie begrüßte und in der Weise des artigen Hausherrn mit ihr plauderte, sann sie nach und überlegte, wie sie ihn seines Verrats überfuhren könne.

Inzwischen gelangten Herr von Boves und Vallagnosc, die mit Madame Guibal vorangingen, zu den Spitzen. Dort saßen im Hintergrund zwei Damen und ließen sich von Deloche Chantillyspitzen vorlegen, ohne etwas zu kaufen.

»Sieh an!« rief Vallagnosc sehr erstaunt, »Sie sagten doch, Frau von Boves sei unwohl. Dahinten sitzt sie ja vor dem Tisch mit Fräulein Blanche!«

Der Graf konnte seinen Schrecken nicht unterdrücken und warf einen Seitenblick auf Frau Guibal.

»Tatsächlich!« sagte er.

»Ich glaube, die Damen richten Sie zugrunde«, bemerkte Vallagnosc, vergnügt über dieses Zusammentreffen.

Herr von Boves winkte ab mit der Gebärde eines Mannes, welcher der Besonnenheit seiner Frau um so sicherer ist, als er ihr nicht einen Heller gibt. Nachdem Frau von Boves mit ihrer Tochter nach allen Richtungen herumgestreift war, ohne etwas zu kaufen, war sie endlich in einem Anfall unbefriedigten Verlangens bei den Spitzen gelandet. Sie wühlte in dem Haufen, ihre Hände wurden feucht, sie glühte am ganzen Körper. Als ihre Tochter gerade den Kopf umwandte und der Verkäufer sich einen Augenblick entfernte, wollte sie plötzlich ein Stück Alençonspitze unter ihren Mantel gleiten lassen. Aber sie erschrak und ließ das Stück wieder los, als sie hinter sich die vergnügte Stimme Vallagnoscs sagen hörte:

»Hier überraschen wir Sie also, gnädige Frau!«

Einige Sekunden blieb sie stumm, unfähig, sich zu rühren. Dann erklärte sie, daß sie sich besser gefühlt habe und an die Luft gehen wollte. Und als sie ihren Mann mit Frau Guibal bemerkte, erholte sie sich vollends wieder; sie blickte die beiden mit so würdevoller Miene an, daß die andere sagen zu müssen glaubte:

»Ich kam mit Frau Desforges, da sind uns die Herren begegnet.« Eben kamen auch die anderen Damen hinzu. Ein letztes Mal durchstreiften sie die verschiedenen Abteilungen. Es war vier Uhr geworden, die sinkende Sonne warf ihre Strahlen schräg durch die Fenster der Vorderfront und die Verglasung der Hallen. Es war, als funkelten die Waren noch einmal in lebendiger Glut, Spiegel strahlten den Glanz wider, und wie ein feiner Vorhang flimmerte im Sonnenlicht der von all den vielen Füßen aufgewirbelte Staub.

Frau Desforges hatte endlich ihren Reisemantel gekauft und ging, über einen Vorwand nachsinnend, unter dem sie Denise einmal zu sich kommen lassen könnte. Sie wollte sie in Gegenwart von Mouret selbst demütigen, um beider Mienen zu sehen und daraus Gewißheit für sich zu schöpfen.

Während es Herrn von Boves gelungen war, mit Frau Guibal in der Menge zu verschwinden, war seine Frau, gefolgt von Blanche und Vallagnosc, auf den Einfall gekommen, einen roten Ballon zu verlangen, obwohl sie nichts gekauft hatte. Er sei für den Kleinen ihres Hausmeisters, sagte sie. An der Ausgabestelle war man gerade beim vierzigsten Tausend angelangt: vierzigtausend rote Ballons, die ihren Flug in der schwülen Luft der Geschäftsräume angetreten hatten, eine ganze Wolke roter Ballons, die von einem Ende von Paris zum andern schwebten und den Namen des »Paradieses der Damen« gen Himmel trugen.

Es schlug fünf Uhr; die Damen waren alle gegangen, nur Frau Marty mit ihrer Tochter konnte sich nicht losreißen. Wieder ging sie durch das Erdgeschoß, die Weißwaren-, die Seiden-, die Handschuh-, die Leinenabteilung, dann stieg sie hinauf, kehrte zur Konfektion zurück, zur Wäsche, zu den Spitzen, ja selbst in den zweiten Stock zog es sie noch einmal, zur Bettenausstellung und in die Möbelabteilung. Und überall machten die Angestellten – Hutin und Favier, Mignot und Liénard, Deloche, Pauline, Denise –, obgleich todmüde, eine letzte Anstrengung, um den Käufern das Geld aus den Taschen zu locken. Als Frau Marty endlich ging, nachdem sie, entsetzt über die Höhe ihrer Rechnung, erklärt hatte, sie werde zu Hause zahlen, waren ihre Züge entstellt, sie hatte die fiebrigen Augen einer Kranken. – Als am Abend Denise vom Essen zurückkam, rief ein Laufbursche sie an.

»Fräulein, die Geschäftsleitung wünscht Sie zu sprechen.«

Sie hatte ganz vergessen, daß Mouret sie am Morgen aufgefordert hatte, abends nach dem Verkauf in seinem Arbeitszimmer zu erscheinen. Er erwartete sie stehend; als sie eintrat, ließ sie die Tür offen.

»Wir sind zufrieden mit Ihnen, Fräulein«, begann er, »und wollten Ihnen einen Beweis unserer Anerkennung geben ... Sie wissen, in welcher unwürdigen Weise uns Frau Frédéric verlassen hat; von morgen an werden Sie ihre Stelle einnehmen.«

Unbeweglich und in höchster Überraschung hörte Denise ihn an, dann flüsterte sie mit zitternder Stimme:

»Aber es sind Kolleginnen da, die schon viel länger in der Abteilung sind als ich!«

»Das tut nichts«, sagte er. »Sie sind die Geschickteste, die Gewissenhafteste, und darum wähle ich Sie, das ist ganz natürlich; sind Sie zufrieden?«

Jetzt errötete sie. In dem Glück und der Verwirrung, die sich ihrer bemächtigten, verschwand der ursprüngliche Schreck. Warum hatte sie nur zuerst an gewisse Vermutungen gedacht, mit denen man diesen unerwarteten Gunstbeweis aufnehmen würde? Trotz ihrer Dankbarkeit fühlte sie sich etwas betreten. Er betrachtete sie noch immer lächelnd, wie sie vor ihm stand in ihrem einfachen Seidenkleid, ohne jeden anderen Schmuck als den ihres prachtvollen blonden Haares. Sie hatte sich verändert, wirkte zart und ernst, ihre ehemalige Unbedeutendheit war einem gewinnenden Liebreiz gewichen.

»Sie sind sehr gütig«, stammelte sie, »ich weiß gar nicht, wie ich --«

Doch sie unterbrach sich, denn auf der Schwelle erschien der Kassierer Lhomme. Er trug einen großen Ledersack in der einen Hand, während er mit dem verstümmelten Arm eine riesige Tasche an seine Brust drückte. Hinter ihm kam sein Sohn Albert, ebenfalls mit Geldsäcken beladen.

»«587 210 Franken 30 Centimes!« rief der Kassierer, dessen weiches, verschwommenes Gesicht gleichsam im Widerschein einer so ungeheuren Summe zu strahlen schien.

Dies war die größte Tageseinnahme, die das »Paradies der Damen« je gehabt hatte.

»Das ist ja großartig!« rief Mouret entzückt. »Mein braver Lhomme, legen Sie es nur hin und ruhen Sie sich aus, Sie können ja gar nicht mehr. Ich werde das Geld schon zur Hauptkasse schaffen lassen. Ja, ja, packen Sie nur alles auf meinen Schreibtisch, ich will mich erst mal an dem Anblick weiden.«

Er war fröhlich wie ein Kind. Der Kassierer und sein Sohn entledigten sich ihrer Last. Der Ledersack gab einen hellen Goldklang von sich, aus zwei weiteren Säcken flossen Silber- und Kupferstücke heraus, während die Tasche ganze Bündel von Banknoten sehen ließ.

Als die beiden, sich den Schweiß vom Gesicht trocknend, gegangen waren, stand Mouret einen Augenblick unbeweglich da, den Blick auf das Geld gerichtet. Beim Aufschauen bemerkte er Denise, die in den Hintergrund getreten war. Da lächelte er wieder, forderte sie auf näherzukommen und sagte schließlich, er wolle ihr schenken, was sie mit einem Griff nehmen könne. Dieser Scherz klang wie ein Liebeshandel.

»Greifen Sie in den Ledersack! Ich wette, daß Sie weniger als tausend Franken herausnehmen. Ihre Hand ist ja so klein.«

Allein sie war blaß geworden und wich noch mehr zurück. Liebte er sie denn? Sie begriff plötzlich und fühlte die zunehmende Flamme seiner Leidenschaft, mit der er sie umgab, seit sie in die Konfektionsabteilung zurückgekehrt war. Noch mehr aber verstörte sie, daß sie ihr eigenes Herz stürmisch klopfen fühlte. Warum verletzte er sie mit all diesem Geld, während sie von Dankbarkeit überströmte und er sie mit einem einzigen freundlichen Wort hätte gewinnen können? Er näherte sich ihr wieder unter allerlei Scherzen, als zu seinem größten Mißvergnügen Bourdoncle unter dem Vorwand erschien, er müsse ihm mitteilen, wieviel Kunden am heutigen Tag das »Paradies der Damen« besucht hatten: siebzigtausend waren es gewesen.

Diese Gelegenheit benutzte Denise; sie entfernte sich schnell, nachdem sie ihm noch einmal gedankt hatte.


 << zurück weiter >>