Emile Zola
Das Paradies der Damen
Emile Zola

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Fünftes Kapitel

Am folgenden Morgen war Denise kaum eine halbe Stunde in der Abteilung, als Frau Aurélie in strengem Ton sagte:

»Fräulein, Sie sollen sich bei der Geschäftsleitung melden!«

Das junge Mädchen fand Mouret allein in dem großen Arbeitszimmer. Er hatte sich plötzlich der »Löwenmähne« erinnert, wie Bourdoncle sie genannt hatte, und obwohl es ihm sonst widerstrebte, den Gendarmen zu spielen, war er auf die Idee verfallen, sie zu sich kommen zu lassen, um sie ein wenig aufzurütteln, falls sie noch immer so provinzmäßig herumlaufen sollte.

»Fräulein«, begann er, »wir haben Sie aus Rücksicht auf Ihren Onkel eingestellt, aber Sie dürfen uns nicht in die unangenehme Notwendigkeit versetzen –«

Er unterbrach sich. Ihm gegenüber auf der anderen Seite des Schreibtisches stand Denise aufrecht, ernst und blaß da. Ihr Seidenkleid war nicht mehr zu weit, es lag eng an ihren runden Hüften an und betonte die weichen Linien ihrer mädchenhaften Schultern; ihr Haar, das sie in dicken Flechten aufgesteckt hatte, sah noch immer etwas wild aus, doch es wirkte bereits gebändigter. Am Abend vorher war sie gänzlich erschöpft in Kleidern eingeschlafen; als sie dann gegen vier Uhr morgens erwacht war, hatte sie sich ihrer nervösen Empfindlichkeit geschämt, sich sofort darangemacht, ihr Kleid zu ändern, und eine volle Stunde vor dem schmalen Spiegel damit verbracht, ihre Haare zurechtzustecken.

»Gottlob, Sie sehen heute schon besser aus«, murmelte Mouret, »aber da sind noch immer ein paar dieser verteufelten Schwänze.«

Er stand auf und trat zu ihr, um sich mit der gleichen vertraulichen Gebärde wie gestern Frau Aurélie mit ihren Haaren zu schaffen zu machen.

»Da, schieben Sie das hinter die Ohren ... Der Knoten sitzt zu hoch.«

Sie ließ alles wortlos mit sich geschehen. Sie war überzeugt, daß er sie nur habe rufen lassen, um ihr die Entlassung mitzuteilen. Das offene Wohlwollen Mourets beruhigte sie nicht, sie fürchtete ihn immer noch und empfand in seiner Gegenwart jenes Unbehagen, das sie sich mit der natürlichen Verlegenheit dem mächtigen Mann gegenüber erklärte, von dem ihr Schicksal abhing.

Als er sah, wie sie unter der Berührung seiner Finger zitterte, bedauerte er seine freundliche Regung schon wieder, denn er fürchtete nichts mehr, als seine Autorität einzubüßen.

»So, Fräulein«, fuhr er, auf seinen Platz zurückkehrend, fort, »nun achten Sie darauf, daß Sie etwas besser aussehen. Sie sind nicht mehr in Valognes, nehmen Sie sich unsere Pariserinnen zum Vorbild. Wenn der Name Ihres Onkels auch genügt hat, Ihnen unser Haus zu öffnen, so hoffe ich doch, daß Sie halten werden, was Ihre Person mir zu versprechen schien. Zum Unglück teilen nicht alle Leute hier meine Ansicht ... Sie sind gewarnt, machen Sie meine Hoffnungen nicht zuschanden. Und nun können Sie gehen.«

Er hatte sie wie ein Kind behandelt, mit mehr Mitleid als Güte. Sie machte kehrt und seufzte draußen erleichtert auf.

Von diesem Tag an war Denise sehr tapfer. Ihre Empfindlichkeitsanwandlungen wurden seltener, sie machte wenig Aufhebens, ging geradewegs auf ihr Ziel los mit einer unüberwindlichen Sanftmut, die über alle Hindernisse hinwegglitt; dabei war sie einfach und natürlich, ihr kindliches, friedfertiges Gesicht machte alle Zornesausbrüche zuschanden.

Es hieß vor allem, mit den körperlichen Strapazen der Abteilung fertig zu werden. Während der ersten sechs Wochen taten ihr die Arme von den schweren Kleiderbündeln so weh, daß sie nachts vor Schmerz aufstöhnte, wenn sie sich in ihrem Bett umdrehte. Noch mehr litt sie unter den plumpen Schuhen, die sie aus Valognes mitgebracht hatte und die sie nicht durch leichte Stiefelchen ersetzen konnte, weil ihr das Geld dazu fehlte. Da sie immer auf den Beinen war, unaufhörlich hin und her lief, aus Furcht, gescholten zu werden, wenn man sie eine Minute an der Wand lehnen sah, schwollen ihr die Füße an; in den Sohlen fühlte sie ein fieberhaftes Brennen, sie waren über und über mit Blasen bedeckt. Sie kam sich vor wie geschlagen, ihre unnatürliche Blässe verriet, daß ihre körperlichen Funktionen ihr schwer zu schaffen machten. Allein so schmächtig und gebrechlich sie war, sie gab trotzdem nicht auf.

Ihr größter Kummer war, daß die ganze Abteilung ihr feindlich gegenüberstand. Zu den körperlichen Leiden kam das intrigante Verhalten ihrer Kolleginnen. Nach zwei Monaten der Geduld und Sanftmut hatte sie sie noch immer nicht entwaffnet. Es gab nach wie vor verletzende Worte, grausame Erfindungen, Äußerungen der Geringschätzung, die sie in ihrem Bedürfnis nach Freundlichkeit und Güte im Innersten trafen. Lange Zeit machte man sich über ihr unglückliches erstes Auftreten lustig; Ausdrücke wie »Holzpantine«, »Büffelkopf« liefen um; solche Verkäuferinnen müsse man nach Valognes zurückschicken, hieß es; kurz, sie galt als die Dümmste in der Abteilung. Als man dann die Erfahrung machen mußte, daß sie eine ganz bemerkenswerte Verkäuferin war, die mit dem Getriebe des Hauses bald gut Bescheid wußte, war man verblüfft und entrüstet; von diesem Augenblick an schien unter den Kolleginnen die stillschweigende Übereinkunft zu bestehen, ihr niemals eine ernsthafte Kundin zukommen zu lassen. Marguerite und Claire verfolgten sie mit einem instinktiven Haß und verbündeten sich, um nicht von dieser Neuen verdrängt zu werden, die sie trotz ihrer erheuchelten Geringschätzung fürchteten. Frau Aurélie hinwiederum war verletzt durch die stolze Zurückhaltung des Mädchens, das sich nicht fortwährend mit dem Ausdruck der Bewunderung um ihre kostbare Person zu schaffen machte; sie überließ sie daher den Bosheiten ihrer Günstlinge, den Bevorzugten des Hofstaates, die fortwährend vor ihr auf den Knien lagen, nur damit beschäftigt, ihrer Autorität zu schmeicheln. Frau Frédéric, die Zweite, schien sich einen Augenblick diesem Komplott nicht anschließen zu wollen; sie bereute es aber wohl, denn bald zeigte auch sie sich ebenso hart wie die übrigen, als sie merkte, daß jede Freundlichkeit Denise gegenüber ihr die Mißgunst der übrigen zuziehen konnte. Das junge Mädchen war somit auf sich allein gestellt, alle verfolgten die »Löwenmähne«, sie lebte in einem fortwährenden Kampf und brachte es nur mit all ihrem Mut fertig, sich in der Abteilung zu halten. Und bei dem allem mußte sie lächeln und sich anmutig geben, wenn sie auch fast verging vor Erschöpfung und Sorgen. Ihr einziger Zufluchtsort war ihr Zimmerchen, wo sie nach den Leiden und Anstrengungen des Tages ihren Tränen freien Lauf lassen konnte.

Mouret hatte sie nie mehr angesprochen. Wenn sie dem strengen Blick Bourdoncles begegnete, fuhr sie zusammen, denn sie ahnte in ihm ihren natürlichen Gegner, der ihr nicht den geringsten Fehler nachsehen würde. Inmitten dieser allgemeinen Feindseligkeit war sie erstaunt über das seltsame Wohlwollen des Inspektors Jouve; wenn er ihr irgendwo abseits begegnete, lächelte er ihr zu und suchte ihr ein freundliches Wort zu sagen; schon zweimal hatte er Rügen von ihr abgewendet, aber sie war davon mehr verwirrt als gerührt.

Als eines Abends nach dem Essen die Verkäuferinnen eben dabei waren, die Schränke einzuräumen, kam der Laufbursche Joseph, um Denise zu benachrichtigen, daß ein junger Mann sie unten erwarte. Sie fuhr erschrocken zusammen.

»Schau, schau«, sagte Claire, »die ›Löwenmähne‹ scheint einen Liebhaber zu haben.«

»Der muß aber arg hungrig sein«, lachte Marguerite.

Denise fand am Eingang ihren Bruder Jean. Sie hatte ihm in aller Form verboten, sie im Geschäft aufzusuchen, weil es einen schlechten Eindruck mache. Doch sie wagte nicht, ihn auszuschelten, so verstört wirkte er. Er war noch ganz atemlos, vom Faubourg du Temple bis hierher gelaufen.

»Hast du zehn Franken?« stammelte er. »Gib mir zehn Franken, oder ich bin verloren.«

Der große Bursche mit seinen blonden Haaren und seinem hübschen Mädchengesicht war so drollig, als er diese Worte herausbrachte, daß Denise aufgelacht hätte, wenn seine Geldforderung sie nicht so in Angst versetzt hätte.

»Wie, zehn Franken?« stotterte sie. »Was ist denn passiert?«

Er errötete und erklärte, daß er der Schwester eines Kameraden begegnet sei. Denise hieß ihn schweigen, sie wollte davon nichts weiter wissen. Schon zweimal war er gekommen, um in ähnlicher Weise bei ihr Anleihen zu machen; allein es hatte sich bisher nur um geringfügige Beträge gehandelt, das erstemal um fünfundzwanzig Sous, das zweitemal um dreißig Sous. Immer hatte er Weibergeschichten.

»Ich kann dir die zehn Franken nicht geben«, sagte sie. »Ich habe für Pépé die Pension noch nicht bezahlt und besitze gerade so viel, wie das ausmacht. Es wird kaum genug übrigbleiben, daß ich mir ein Paar bequeme Schuhe kaufen kann, die ich sehr dringend brauche ... Du bist wirklich unvernünftig, Jean; es ist schlimm mit dir.«

»Dann bin ich verloren«, wiederholte er mit einer tragischen Gebärde. »Hör zu, Schwesterchen: wir sind zusammen mit ihrem Bruder ins Café gegangen, und ich ahnte nicht, daß unsere Zeche so viel ausmachen würde ...«

Sie unterbrach ihn, und da sie Tränen in den Augen des lieben Leichtfußes sah, holte sie ihr Portemonnaie aus der Tasche und steckte ihm ein Zehnfrankenstück in die Hand. Und schon lachte er wieder.

»Ich wußte es doch ... Aber auf Ehrenwort: Nie wieder! Ich müßte ein abscheulicher Kerl sein!«

Er küßte die Schwester stürmisch auf beide Wangen und lief davon. Einige Angestellte, die die Szene mit angesehen hatten, waren nicht wenig erstaunt.

Denise konnte diese Nacht nicht schlafen. Das Geld war ihre ewige Sorge, seit sie im »Paradies der Damen« arbeitete. Sie hatte noch immer kein festes Gehalt, und da die anderen Mädchen ihr die Verkäufe wegangelten, verdiente sie kaum genug, um für Pépé die Pension zu bezahlen. Oft mußte sie die Nacht damit zubringen, ihre Hemden und Strümpfe auszubessern, ja sogar ihre Schuhe flickte sie so geschickt wie ein Schuster. Für die große Wäsche benutzte sie ihre Waschschüssel. Sie behielt nicht einen Sou zurück, um sich die hundert kleinen Dinge zu kaufen, deren eine Frau bedarf. So war es jedesmal eine Katastrophe, wenn Jean mit seinen Liebesgeschichten erschien und all ihre Berechnungen über den Haufen warf. Ein Zwanzigsoustück riß schon ein beträchtliches Loch in ihre Barschaft; wie sollte sie nun gar zehn Franken wieder einsparen?

Am Morgen hatte sie wie immer zu lächeln und das wohlversorgte Mädchen zu spielen. Es kamen bekannte Kundinnen, Frau Aurélie rief sie wiederholt, um ihr Mäntel umzulegen, damit sie deren neuen Schnitt zur Geltung bringe; und während sie einen um den anderen vorführte, dachte sie an die vierzig Franken für Pépés Pension, die sie am Abend bezahlen sollte. Sie konnte sich notfalls diesen Monat noch mit den alten Schuhen behelfen; aber selbst wenn sie zu den dreißig Franken, die sie besaß, die vier hinzufügte, die sie Sou für Sou beiseite gelegt hatte, um sich neue Schuhe zu kaufen, so machte das immer erst vierunddreißig Franken. Wo sollte sie die fehlenden sechs hernehmen? Diese Sorge schnürte ihr das Herz zusammen.

»Sehen Sie, gnädige Frau, in den Schultern ist er ganz frei. Das sieht großzügig aus, ist sehr bequem ... Das Fräulein kann auch mal die Arme verschränken.«

»Oh, gewiß, vorzüglich«, sagte darauf Denise mit liebenswürdiger Miene; »ich spüre ihn gar nicht. Gnädige Frau werden sehr zufrieden sein.«

Sie machte sich jetzt im stillen Vorwürfe darüber, daß sie letzten Sonntag Pépé bei Frau Gras abgeholt hatte, um ihn in den Champs-Elysées spazierenzuführen. Das arme Kind kam so selten fort. Aber sie hatte ihm Lebkuchen und einen Ball kaufen müssen, dann waren sie im Kaspertheater gewesen, und alles zusammen hatte neunundzwanzig Sous gekostet. Wirklich, Jean dachte auch gar nicht an den Kleinen, sonst würde er solche Dummheiten nicht begehen. Alles fiel ihr zur Last.

»Wenn der Mantel Ihnen nicht gefällt«, fuhr die Direktrice fort, »sehen Sie sich vielleicht hier diesen an. Fräulein, nehmen Sie ihn um!«

Denise nahm ihn um, ging mit kurzen Schritten auf und ab und sagte:

»Er ist viel wärmer und in dieser Saison sehr in Mode.«

Unter der äußeren Liebenswürdigkeit, die der Beruf ihr auferlegte, quälte sie sich so bis zum Abend mit der Sorge ab, wo sie das Geld auftreiben sollte. Die anderen überließen ihr zwar einen bedeutenden Verkauf, weil sie an diesem Tag sehr beschäftigt waren, allein es war erst Dienstag, und sie mußte noch vier Tage warten, bis sie ihren Wochen verdienst ausbezahlt erhielt. Nach dem Essen beschloß sie, ihren Besuch bei Frau Gras auf den folgenden Tag zu verschieben; sie würde sich entschuldigen, sie habe zu viel zu tun gehabt, und bis dahin würde es ihr vielleicht gelingen, die fehlenden sechs Franken zusammenzubekommen.

Da Denise für sich selbst die geringsten Ausgaben vermied, ging sie zeitig in ihre Kammer hinauf, um zu Bett zu gehen. Was hätte sie auch auf den Straßen anfangen sollen, ohne einen Sou und noch immer verwirrt durch diese große Stadt, in der sie bloß die benachbarten Gassen kannte. Sie wagte sich zuweilen bis zum Palais Royal, um etwas frische Luft zu schöpfen, dann kehrte sie rasch wieder heim, schloß sich in ihr Zimmerchen ein und begann zu nähen oder zu waschen. Sie hatte keine Freundin; von allen Mitarbeiterinnen hatte bloß eine einzige, Pauline Cugnot, ihr eine gewisse Sympathie bewiesen; aber da ihre aneinandergrenzenden Abteilungen fortwährend in offener Fehde lagen, mußte die Freundschaft der beiden Verkäuferinnen sich bisher auf einige im Vorübergehen ausgetauschte Worte beschränken. Zwar bewohnte Pauline die Nachbarkainmer zur Rechten; allein da sie jeden Abend nach dem Essen verschwand, um erst gegen elf Uhr wiederzukommen, hörte Denise sie nur, wenn sie zu Bett ging, und begegnete ihr niemals außerhalb der Arbeitsstunden.

Diese Nacht hatte Denise sich entschlossen, wieder einmal Schuster zu spielen. Sie hielt ihre Schuhe in den Händen, betrachtete sie und überlegte, wie sie es anfangen könnte, daß sie noch einen Monat hielten. Endlich nahm sie eine starke Nadel und begann, die abplatzenden Sohlen wieder anzunähen. Mittlerweile lagen in der mit Seifenwasser gefüllten Waschschüssel Kragen und Manschetten eingeweicht.

Jeden Abend hörte sie dieselben Geräusche. Die Frauen und Mädchen kamen eine nach der ändern heim; sie vernahm kurze geflüsterte Gespräche, Gelächter, zuweilen einen gedämpften Streit. Dann ächzten die Betten, und man hörte Gähnen. Endlich sanken die Kammern in einen tiefen Schlaf. Ihre Nachbarin zur Linken träumte laut, was Denise anfangs sehr erschreckt hatte. Vielleicht wachten auch andere Mädchen wie sie, um trotz des Verbots ihre Sachen instandzusetzen. Aber sie taten es gewiß auch sehr vorsichtig, nicht das geringste Geräusch drang durch die Türen.

Elf Uhr war seit einigen Minuten vorüber, als Denise leise Schritte vernahm und den Kopf hob. Sicherlich wieder eine, die sich verspätet hatte. Sie merkte, daß es Pauline war, als sie hörte, daß die anstoßende Tür geöffnet wurde. Zu ihrem Erstaunen kam gleich darauf das Mädchen sachte zu ihr herüber und klopfte.

»Rasch, ich bin es!«

Es war den Verkäuferinnen verboten, einander in ihren Kammern zu besuchen. Denise beeilte sich daher, den Schlüssel herumzudrehen, damit ihre Nachbarin nicht durch Frau Cabin überrascht wurde, die strenge Aufsicht übte.

»War sie da?« fragte sie, die Tür schließend.

»Wer? Frau Cabin?« sagte Pauline. »Ach, die fürchte ich nicht! Mit hundert Sous ...«

Dann fügte sie hinzu:

»Ich habe Licht bei Ihnen gesehen und bin gekommen, weil ich schon lange mal mit Ihnen reden wollte; unten kann man ja keine drei Worte miteinander sprechen. Sie sahen mir heute abend bei Tisch so traurig aus!«

Gerührt von der Güte des Mädchens, dankte ihr Denise und bat sie, Platz zu nehmen. Aber in der Verwirrung über den plötzlichen Besuch vergaß sie, den Schuh wegzutun, den sie eben hatte flicken wollen. Pauline sah ihn, schüttelte den Kopf, blickte im Zimmer umher und bemerkte auch den Kragen und die Manschetten in der Waschschüssel.

»Ach, Sie Ärmste, ich habe es mir gedacht«, sagte sie; »ich kenne das nur zu gut. In den ersten Zeiten, als ich aus Chartres gekommen war und mein Vater mir keinen Sou schickte, mußte ich mir meine Hemden auch so waschen; ich hatte nur zwei, eins davon lag immer im Wasser.«

Ihr breites Gesicht mit den kleinen, gutmütigen Augen und dem großen Mund machte einen sehr freundlichen, gewinnenden Eindruck. Sie hatte sich gesetzt, und ohne Übergang erzählte sie plötzlich ihre Geschichte: ihre Jugend in der Mühle; wie Vater Cugnot durch einen Prozeß ruiniert worden war und sie mit zwanzig Franken in der Tasche nach Paris geschickt hatte, um sie da ihr Glück machen zu lassen; ihr erstes Auftreten als Verkäuferin, zuerst in einem Geschäft in Batignolles, dann im »Paradies der Damen«. Es waren fürchterliche Zeiten gewesen, alle erdenklichen Kränkungen und Entbehrungen hatte sie mitgemacht. Endlich kam sie auf ihr gegenwärtiges Leben, sie sprach von den zweihundert Franken, die sie monatlich verdiente, von den Vergnügungen, die sie sich gönnte, von der Sorglosigkeit, in der ihre Tage dahinflössen. Sie trug ein schönes blaues Tuchkleid, eine Brosche und eine Uhrkette, und sie lächelte unter ihrem Samthütchen, das mit einer großen grauen Feder geschmückt war.

Denise war mit ihrem Schuh in der Hand sehr rot geworden. Sie wollte eine Erklärung hervorstottern.

»Sagen Sie nichts, es ist mir geradeso ergangen«, wiederholte Pauline. »Sehen Sie mal, ich bin die Ältere, ich bin sechsundzwanzig, wenn man es mir auch nicht ansieht ... Erzählen Sie mir doch von Ihren kleinen Sorgen ...«

Angesichts dieser Freundschaft, die sich ihr so offen darbot, gab Denise nach. Im Unterrock, einen alten Schal über den Schultern, setzte sie sich neben Pauline, die in voller Toilette war, sprach von Jean und Pépé und gestand, wie sehr die Geldfrage sie quäle; dies brachte die beiden auf die anderen Kolleginnen der Konfektionsabteilung, und Pauline machte ihrem Herzen ordentlich Luft.

»Diese Bestien! Ich sehe recht gut, was sie mit Ihnen treiben. Wenn sie sich nur ein bißchen kameradschaftlich gegen Sie benehmen wollten, müßten Sie auf hundert Franken monatlich kommen.«

»Alle sind sie gegen mich, und ich weiß nicht einmal, weshalb«, fuhr Denise fort, wobei die Tränen ihr in die Augen traten. »Auch Herr Bourdoncle ist fortwährend hinter mir her, um mich bei irgendeinem Fehler zu erwischen ... Bloß der alte Jouve –« Pauline unterbrach sie.

»Der alte Affe von Inspektor! Meine Liebe, trauen Sie dem nicht! Männer mit solchen großen Nasen ... Er mag sich lange brüsten mit seinen Orden; man erzählt sich da eine Geschichte, die er bei uns in der Wäscheabteilung gehabt haben soll ... Aber Sie sind doch ein Kind, daß Sie sich so kränken! Ist das ein Unglück, wenn man so empfindlich ist! Was Ihnen geschieht, ist allen geschehen ... Sie sind neu und müssen Ihr Einstandsgeld zahlen.«

Sie hatte sie bei den Händen genommen, ganz von ihrem guten Herzen fortgerissen. Die Geldfrage sei allerdings sehr ernst, meinte sie. Ein junges Mädchen könne nicht für zwei Brüder sorgen, die Pension für den Kleinen bezahlen und die Geliebten des Größeren aushalten, wenn es nur die elenden paar Sous verdiene, welche die ändern ihm aus Erbarmen überließen.

»Hören Sie, dieses Leben kann nicht so weitergehen«, sagte Pauline. »Ich an Ihrer Stelle ...«

Ein Geräusch im Korridor ließ sie verstummen. Sie spitzte die Ohren, dann fuhr sie leise im Ton zärtlicher Überredung fort:

»Ich an Ihrer Stelle würde mir jemanden nehmen.«

»Wie, jemanden nehmen?« murmelte Denise, ohne gleich zu begreifen.

Als sie endlich verstanden hatte, zog sie verblüfft ihre Hand aus der der Freundin. Dieser Ratschlag brachte sie in Verlegenheit; ein solcher Gedanke war ihr noch nie gekommen, und sie konnte auch den Vorteil nicht einsehen.

»Nein«, antwortete sie einfach.

»Dann werden Sie nie weiterkommen«, sagte Pauline. »Rechnen Sie sich das doch aus: vierzig Franken zahlen Sie für den Kleinen, dem Großen müssen Sie hier und da ein Hundertsoustück geben; Sie selbst können auch nicht immer wie eine Bettlerin herumlaufen in Schuhen, über die sich alle lustig machen ... Nehmen Sie sich jemanden, das wäre viel besser.«

»Nein«, wiederholte Denise.

»Sie sind nicht recht gescheit. Es geht ja gar nicht anders, und es ist doch auch ganz natürlich. Wir haben es alle überstanden. Sehen Sie, ich hatte anfangs auch kein festes Gehalt, nicht einen Sou. Allerdings, Verpflegung und Wohnung sind frei; aber man hat ja schließlich Toilettenbedürfnisse, und wie soll man denn so ohne alles leben, eingeschlossen in seinem Zimmer, wo man nichts sieht als die Fliegen an der Wand! Da muß man's eben laufen lassen, früher oder später ist es soweit ...«

Sie sprach von ihrem ersten Liebhaber, einem Schreiber bei einem Rechtsanwalt, den sie auf einer Landpartie in Meudon kennengelernt hatte. Nach ihm war ein Postbeamter gekommen, und seit dem Herbst hatte sie einen Angestellen aus dem »Bon-Marché«, einen großen, netten Jungen, mit dem sie ihre ganze freie Zeit verbrachte. Übrigens hatte sie immer nur einen. Sie war anständig und sprach mit Entrüstung von den Mädchen, die sich dem ersten besten hingaben.

»Ich will Sie ja gar nicht zu einem schlechten Lebenswandel verleiten. Ich würde mich auch nicht gern in Gesellschaft dieser Claire sehen lassen; man könnte mir leicht nachsagen, daß ich es so arg treibe wie sie. Aber wenn man ruhig mit einem lebt und sich nichts vorzuwerfen hat ... Finden Sie es gar so schlimm?«

»Nein«, erwiderte Denise, »aber es paßt mir nicht.«

Neues Stillschweigen. Die beiden Mädchen sahen einander lächelnd an. Dann bemerkte Denise errötend:

»Außerdem müßte man demjenigen doch erst einmal gut sein.« Pauline schien erstaunt, dann lachte sie, küßte ihre Freundin und sagte:

»Aber, meine Liebe, man begegnet sich, findet Gefallen aneinander ... Sie sind zu drollig! Es zwingt Sie ja keiner ... Wenn Sie wollen, machen wir mit meinem Baugé nächsten Sonntag eine Landpartie, er wird dann einen seiner Freunde mitbringen.«

»Nein«, wiederholte Denise in ihrer eigensinnigen Sanftmut.

Pauline drang nicht weiter in sie; jeder sei sein eigener Herr, meinte sie. Sie habe ihr diesen Rat aus Freundschaft gegeben, denn es tue ihr weh, wenn sie eine Kollegin so unglücklich sehe. Da es jetzt Mitternacht schlug, erhob sie sich, um in ihr Zimmer zu gehen. Vorher nötigte sie Denise die sechs Franken auf, die ihr fehlten; sie könne sie ihr zurückgeben, wenn sie mehr verdiene.

»Und jetzt löschen Sie die Kerze aus, damit man nicht merkt, welche Tür geöffnet wird. Wenn ich drüben bin, können Sie sie wieder anzünden.«

Als es dunkel war, drückten sie einander noch einmal die Hand, und Pauline entfernte sich geräuschlos.

Denise wollte, bevor sie schlafen ging, noch ihre Schuhe fertigmachen und die Wäsche erledigen. Das Gespräch mit Pauline ging ihr lebhaft im Kopf herum. Sie war keineswegs empört, denn sie fand, daß jedermann sich sein Leben nach Gutdünken einrichten durfte, wenn er allein und verlassen dastand. Nur ihr selber waren solche Gedanken niemals gekommen; ihr gerader Sinn und ihre gesunde Natur hatten sie bisher auf dem rechten Weg gehalten. Gegen ein Uhr morgens ging sie endlich zu Bett. Nein, sie liebte niemanden. Warum sollte sie also ihr Leben ändern? Warum sollte sie von der mütterlichen Zärtlichkeit abgehen, die sie ihren beiden Brüdern gelobt hatte?

Von diesem Tag an interessierte sich Denise für die Herzensgeschichten ihrer Abteilung. Wenn es nicht viel zu tun gab, wurde fortwährend von den Männern gesprochen; es gab viel Klatsch, die Verkäuferinnen unterhielten sich oft tagelang mit der Erzählung von allerlei Abenteuern. Claire war beständig in Skandale verwickelt; man sagte, sie habe drei Liebhaber zugleich, ganz zu schweigen von den Gelegenheitsverehrern, die fortwährend hinter ihr herliefen. Wenn sie ihre Stellung nicht aufgab, so geschah es nur, um ihrer Familie gegenüber den Schein zu wahren, denn sie lebte in ewiger Furcht vor ihrem Vater, der ihr dauernd drohte, nach Paris zu kommen und ihr alle Knochen kaputtzuschlagen. Marguerite hingegen führte sich gut auf; man wußte bei ihr von keinem Liebhaber zu erzählen; dies überraschte allgemein, denn es war bekannt, daß sie nach Paris gegangen war, um vor Freunden und Bekannten einen Fehltritt zu verbergen. Wo hatte sie nur dieses Kind her, fragte man sich, wenn sie gar so vernünftig war? Auch über die Zweite, Frau Frédéric, machten die Mädchen ihre Späße; man erzählte sich, daß sie zu hochstehenden Persönlichkeiten allerlei geheime Beziehungen pflege. In Wahrheit wußte man nichts von ihren Herzensangelegenheiten; am Abend nach beendeter Arbeit entfernte sie sich immer sehr eilig, ohne daß jemand zu sagen wußte, wohin sie ging. Frau Aurélie, so behauptete man, habe es auf gefällige junge Leute abgesehen; doch waren diese Gerüchte sicherlich falsch und verdankten ihr Entstehen nur den Verleumdungen unzufriedener Verkäuferinnen. Möglich, daß sie einst einem Freund ihres Sohnes gegenüber allzuviel Wohlwollen an den Tag gelegt hatte, allein heute gab sie sich als ernste Frau, die an solchen Kindereien keinen Gefallen mehr findet. Was blieb, war die Masse der Mädchen, die abends an der Tür von ihren Liebhabern erwartet wurden. Auf der Place Gaillon sowie längs der Rue de la Michodière und der Rue Neuve-Saint-Augustin sah man immer einzelne Männer stehen, die auf ihre Mädchen warteten. Jeder nahm dann sein Liebchen am Arm, und man entfernte sich gemütlich plaudernd mit der Ruhe und Zufriedenheit von Eheleuten.

Am meisten brachte Denise die Entdeckung von Colombans Geheimnis in Verwirrung. Sie konnte ihn zu jeder Stunde auf der Schwelle des »Vieil Elbeuf« stehen sehen, wie er nach dein Zwischenstock des »Paradieses der Damen« hinaufschaute und die Konfektionsabteilung nicht aus den Augen ließ. Wenn er merkte, daß Denise ihn beobachtete, wandte er sich errötend ab, als fürchtete er, sie könnte ihn ihrer Kusine Geneviève verraten, obgleich es zwischen Denise und der Familie Baudu keinerlei Beziehungen mehr gab, seitdem das Mädchen im »Paradies der Damen« angestellt war. Sie glaubte zuerst, er sei in Marguerite verliebt, als sie seine sehnsuchtsvolle Miene sah; denn Marguerite war vernünftig, schlief im Hause und war nicht so leicht zu erobern. Später merkte sie zu ihrer Überraschung, daß die verliebten Blicke des Angestellten Claire galten. So schmachtete er sie seit Monaten aus der Ferne an, ohne den Mut zu finden, sich ihr zu erklären – und das einem Straßenmädchen gegenüber, das in der Rue Louis-le-Grand wohnte und das er ohne Schwierigkeiten hätte ansprechen können, bevor es sich jeden Abend am Arm eines anderen Mannes entfernte! Claire selbst schien von diesem heimlichen Verehrer nichts zu ahnen. Denise war über ihre Entdeckung schmerzlich betroffen. War das eine dumme Geschichte, die Liebe! Mußte sich dieser Junge, der sein Glück in Händen hielt, sein ganzes Leben verderben, indem er eine solche Dirne wie ein Heiligtum anbetete? Seit jenem Tag gab es ihr einen Stich, wenn sie das blasse, leidende Gesicht Genevièves hinter den Fenstern des »Vieil Elbeuf« auftauchen sah. So hing Denise ihren Gedanken nach, wenn sie abends die ganze Weiblichkeit mit ihren Liebhabern sich entfernen sah. Die im Hause schliefen, in den kleinen Kammern unter dem Dach, kamen gegen elf Uhr zurück, es sei denn, daß sie Erlaubnis bekommen hatten, ins Theater zu gehen. Die übrigen verschwanden bis zum nächsten Morgen. Denise mußte zuweilen mit einem Lächeln das freundschaftliche Kopfnicken erwidern, mit dem Pauline sie begrüßte, die regelmäßig um halb neun Uhr an der Ecke des Brunnens auf der Place Gaillon von Baugé erwartet wurde. Wenn Denise als letzte fortgegangen und ihren kurzen verstohlenen Spaziergang, immer allein, gemacht hatte, kam sie als erste wieder heim; sie arbeitete dann noch eine Weile oder ging zu Bett, wirre Gedanken im Kopf, von Neugierde erfaßt nach diesem Leben, das sie nicht kannte. Gewiß, sie beneidete diese Mädchen nicht; sie war glücklich in ihrer Einsamkeit, in ihrer Schüchternheit, die ihr wie eine Zuflucht war; allein ihre Einbildungskraft riß sie fort, sie suchte die Dinge zu ergründen, dachte unaufhörlich an die Vergnügungen, von denen ihr erzählt wurde, an die Cafés, die Restaurants, an die Theater, an die Sonntage mit ihren Spaziergängen und Bootspartien.

Indessen gab es in ihrem Leben voll Arbeit nur wenig Platz für solche gefährlichen Träumereien. Im Geschäft dachte man während des dreizehnstündigen Dienstes nur wenig an Liebe. Hätte nicht schon der ewige Kampf um das Geld den Unterschied der Geschlechter hier völlig verwischt, so hätten die ständige Hast und das Getriebe jedes Verlangen zwischen Verkäufern und Verkäuferinnen erstickt. Sie waren alle Teile eines Räderwerks, entsagten ihrer Eigenart und trugen ganz einfach mit ihren Kräften zum geordneten Ablauf des Ganzen bei. Das Privatleben begann erst draußen mit dem plötzlichen Aufflammen der Leidenschaften.

Eines Tages jedoch bemerkte Denise, wie Albert Lhomme, der Sohn der Direktrice, einem Mädchen aus der Wäscheabteilung ein Billett in die Hand gleiten ließ, nachdem er vorher einige Male mit gleichgültiger Miene durch die Abteilung spaziert war. Es war in der toten Zeit des Winterhalbjahres, die vom Dezember bis zum Februar dauert. Denise hatte zuweilen einige Augenblicke der Ruhe; sie konnte sich an die Wand lehnen, den Blick in die Tiefen der Geschäftsräume verloren, und auf Kunden warten. Die Mädchen der Konfektionsabteilung unterhielten gute Beziehungen zu den Verkäufern der Spitzenabteilung, ohne daß aber die Vertraulichkeit weiter gegangen wäre als bis zu trockenen Späßen, die mit leiser Stimme ausgetauscht wurden. Der Zweite in der Spitzenabteilung war ein großer Witzbold, der Claire mit dummen Vertraulichkeiten verfolgte, bloß um etwas zu lachen zu haben; im Grunde fand er an ihr so wenig Gefallen, daß er ihr außerhalb des Hauses aus dem Weg ging. So flogen von einem Tisch zum andern verständnisinnige Blicke hin und her, Worte, die sie allein begriffen, zuweilen gar leistete man sich ein leises Geplauder, wobei man einander den Rücken wandte, um nicht von dem fürchterlichen Bourdoncle überrascht und ausgescholten zu werden.

Was Deloche anging, so begnügte er sich längere Zeit damit, Denise lächelnd anzublicken. Später bekam er Mut und flüsterte ihr irgendein freundliches Wort zu, wenn er ihr begegnete. An dem Tag, als sie den Sohn von Frau Aurélie beobachtete, wie er dem Fräulein von der Wäscheabteilung sein Billett zusteckte, hatte Deloche Denise eben gefragt, ob sie gut gefrühstückt habe; er interessierte sich eben für sie und fand nichts Besseres zu sagen. Auch er hatte das Briefchen bemerkt; er schaute das Mädchen an, und beide erröteten über dieses Liebesspiel, das vor ihren Augen abrollte.

Doch trotz dieser schwülen Atmosphäre, die in Denise allmählich die Frau weckte, behielt sie ihren kindlichen Frieden. Nur die Begegnung mit Hutin ließ ihr Herz schneller schlagen. Sie hielt diese Regung indessen für bloße Dankbarkeit, sie glaubte sich von der Höflichkeit dieses jungen Mannes angesprochen. Sooft er eine Kundin in die Abteilung führte, war Denise verlegen. Wenn sie von einer Kasse an ihren Arbeitsplatz zurückkehrte, ertappte sie sich oft dabei, daß sie einen Umweg machte und ganz überflüssigerweise an den Tischen der Seidenabteilung vorbeiging.

Eines Abends traf sie dort Mouret, und er schien ihr lächelnd nachzublicken. Er beschäftigte sich nicht mehr mit ihr und sprach sie von Zeit zu Zeit nur an, um ihr einen guten Rat in bezug auf ihre Aufmachung zu geben und mit ihr zu scherzen, sie als einen hoffnungslosen Fall zu behandeln, als eine Wilde, die er trotz all seiner Erfahrung nie zur Koketterie bringen werde. Er ließ sich zuweilen sogar zu Neckereien herab, ohne sich den Reiz eingestehen zu wollen, den diese kleine Verkäuferin mit dem drolligen Haarwuchs auf ihn ausübte. Unter seinem stummen Lächeln erbebte Denise, als hätte er sie bei einem Vergehen ertappt. Ahnte er etwa gar, weshalb sie durch die Seidenabteilung ging, während sie selbst kaum wußte, was sie zu diesem Umweg veranlaßte?

Hutin indessen schien die dankerfüllten Blicke des Mädchens nicht zu bemerken. Die Verkäuferinnen waren nicht sein Geschmack; er tat immer sehr geringschätzig gegen sie und rühmte sich mehr denn je seiner außerordentlichen Abenteuer mit den Kundinnen: Eine Baronin hatte sich einmal vor seinem Tisch Knall und Fall in ihn verliebt; und die Gattin eines Architekten, bei der er erschienen war, weil er ihr irrtümlich zu viel Seide abgemessen hatte, war ihm widerstandslos in die Arme gesunken. Hinter dieser normannischen Prahlerei steckte nichts weiter als Gelegenheitsdämchen, die er sich in den Kneipen oder im Tingeltangel holte. Wie alle Angestellten der Modebranche war er ein Verschwender; die ganze Woche führte er einen erbitterten Kampf um das Geld, um es am Sonntag mit vollen Händen hinauszuwerfen, auf den Rennplätzen, in den Restaurants, auf den Tanzböden, wie gewonnen, so zerronnen; an den folgenden Tag dachte er nicht. Nur Favier machte hierin eine Ausnahme und ging nicht mit ihm. Im Geschäft hielt er mit Hutin gute Kameradschaft; vor der Tür aber grüßten sie sich und gingen auseinander. Hutins intimer Freund war Liénard. Sie wohnten im Hotel Smyrna in der Rue Saint-Anne; es war dies ein alter Bau, in dem lauter Handelsangestellte lebten. Am Morgen kamen sie miteinander ins Geschäft. Wer früher fertig war, erwartete am Abend den ändern im Café Saint-Roch, wo die Verkäufer vom »Paradies der Damen« sich trafen. Hier wurde geschwatzt und getrunken, geraucht und Karten gespielt. Oft blieben sie bis ein Uhr und warteten, bis der Besitzer sie hinauswarf. Seit einem Monat gingen sie übrigens dreimal wöchentlich in ein Tingeltangel am Montmartre, wo sie Fräulein Laura, eine neue Sängerin und die jüngste Eroberung Hutins, so geräuschvoll feierten, daß die Polizei schon zweimal hatte einschreiten müssen.

So verging der Winter, und Denise erhielt endlich dreihundert Franken festes Gehalt. Es war die höchste Zeit, denn ihre schweren Schuhe hielten nicht mehr länger. Den ganzen letzten Monat hindurch war sie nicht mehr ausgegangen, weil sie fürchtete, sie könnten mit einem Schlag in die Brüche gehen.

»Mein Gott, Fräulein, Sie machen mit Ihrem Schuhwerk einen entsetzlichen Lärm!« hatte Frau Aurélie schon wiederholt gesagt. »Das ist ja unerträglich! ... Was haben Sie denn bloß an den Füßen?«

Als Denise zum ersten Mal in Stoffschuhen herunterkam, sagte Claire zu Marguerite, laut genug, um gehört zu werden:

»Schau, schau! Die ›Löwenmähne‹ hat ihre Galoschen abgelegt. Das muß ihr aber schwergefallen sein: die waren ja noch von ihrer Mutter!«

Übrigens war man allgemein empört über Denise. Die Abteilung schien endlich ihre Freundschaft mit Pauline entdeckt zu haben, und man erblickte darin geradezu eine Auflehnung. Man wurde nicht müde, von Verrat zu sprechen, und beschuldigte sie, daß sie der Freundin Gespräche der andern wiedererzähle. Die Feindschaft zwischen Wäsche- und Konfektionsabteilung wurde hierdurch von neuem lebhaft angefacht; es gab hüben wie drüben harte Worte, und eines Abends kam es hinter den Hemdenkartons sogar zu einer Ohrfeige. Und all das wegen dieser Denise!

»Meine Damen, nur keine häßlichen Reden! Halten Sie an sich und zeigen Sie, wer Sie sind!« mahnte Frau Aurélie hoheitsvoll. Sie zog es gewöhnlich vor, sich in diese Händel nicht einzumengen. Auf eine Frage Mourets hatte sie einmal erklärt, diese Mädchen taugten eine wie die andere nicht viel. Allein in neuester Zeit war ihr Interesse erwacht, seit sie nämlich von Bourdoncle erfahren hatte, daß er ihren Sohn im Keller dabei ertappt habe, wie er eine Verkäuferin aus der Wäscheabteilung umarmte, just die, welcher der junge Mann seine Briefchen zuzustecken pflegte. Das war abscheulich, und sie beschuldigte die Wäscheabteilung, ihren Sohn Albert in einen Hinterhalt gelockt zu haben; ja der Streich gelte ihr, meinte sie, man suche sie zu verunglimpfen, indem man ein unerfahrenes Kind ins Verderben führe, nachdem man sich habe überzeugen müssen, daß ihre Abteilung unter ihrer strengen Führung unantastbar sei. Sie machte einen ganz ungewöhnlichen Lärm, um die Sache selbst zu vertuschen, denn sie gab sich über ihren Sohn keiner Täuschung hin, sie wußte, daß er aller tollen Streiche fähig war. Einen Augenblick schien die Geschichte ernst werden zu wollen, auch Mignot, der Verkäufer aus der Handschuhabteilung, wurde hineingezogen; er war der Freund Alberts, und ein Gerücht erzählte, daß er beim Verkauf die Mädchen bevorzuge, die sein Freund ihm schicke, daß sie stundenlang in den verschiedenen Kartons herumwühlen dürften. Außerdem sprach man von einem Paar schwedischer Handschuhe, welche die Verkäuferin bekommen haben sollte. Doch schließlich wurde der Skandal unterdrückt aus Rücksicht auf die Direktrice der Konfektionsabteilung, die selbst Mouret mit Achtung behandelte. Bourdoncle begnügte sich damit, acht Tage später die schuldige Verkäuferin aus der Wäscheabteilung zu entlassen, weil sie sich so weit vergessen hatte, sich im Keller umarmen zu lassen. Die Geschäftsleitung sei schon nachsichtig genug, meinte er, wenn sie die abscheulichen Dinge zulasse, die draußen vor sich gingen; im Haus selbst dagegen werde man nichts dergleichen dulden.

Und wieder war es Denise, die unter diesem Abenteuer zu leiden hatte. Obwohl Frau Aurélie im Grund recht gut Bescheid wußte, bewahrte sie doch gegen Denise einen geheimen Groll; sie hatte sie eines Abends mit Pauline lachen sehen und fürchtete Tratschereien über die Liebschaften ihres Sohnes. Künftig trennte sie das Mädchen noch mehr von den anderen in der Abteilung. Sie hegte seit langer Zeit den Plan, die Verkäuferinnen an einem Sonntag nach Rigolles in der Nähe von Rambouillet mitzunehmen, wo sie sich für die ersten hunderttausend Franken, die sie erspart hatte, eine Besitzung gekauft hatte. Sie beschloß, Denise an diesem Ausflug nicht teilnehmen zu lassen, um sie auf diese Weise zu bestrafen. Schon vierzehn Tage vorher gab es in der Abteilung kein anderes Thema als diese Landpartie. Man machte sich einen genauen Plan, sprach von einem Eselsritt, einer Mahlzeit im Grünen mit Buttermilch und frischem Schwarzbrot, kurz, man erhoffte sich alle erdenklichen Belustigungen. Frau Aurélie brachte ihre freien Tage meist in der Weise zu, daß sie mit irgendwelchen Damen spazierenging; sie war es so wenig gewohnt, im Kreis ihrer Familie zu sein, sie hatte sich an den seltenen Abenden, die sie zu Hause zubringen konnte, so unbehaglich, so fremd gefühlt zwischen ihrem Gatten und ihrem Sohn, daß sie es künftig vorgezogen hatte, an diesen Tagen das Hauswesen sich selbst zu überlassen und im Restaurant zu essen. Was die geplante Partie nach Rambouillet betraf, so erklärte sie einfach, für Albert schicke es sich nicht, die Damen zu begleiten, und auch der Vater täte besser daran, daheimzubleiben. Den beiden Männern war dieser Bescheid ganz recht.

»Sie wollen Sie ärgern, nicht wahr?« fragte Pauline eines Morgens. »Ich an Ihrer Stelle würde mich schadlos halten. Wollen die andern sich unterhalten, so würde ich es ebenfalls tun. Begleiten Sie uns nächsten Sonntag; Baugé fährt mit mir nach Joinville.«

»Nein, danke«, erwiderte das Mädchen freundlich, aber bestimmt.

»Warum denn nicht? Haben Sie noch immer Angst, daß Sie jemand vergewaltigt?«

Pauline lachte gutmütig. Auch Denise lächelte jetzt, sie wußte recht gut, wie es dann kam; alle diese Mädchen hatten ihre Liebhaber auf solchen Landpartien gefunden, und sie wollte eben nicht.

»Ich verspreche Ihnen«, fuhr Pauline fort, »daß Baugé niemanden mitbringen wird, nur wir drei werden dabei sein. Ich will Sie nicht verkuppeln, wenn es Ihnen so gegen den Strich geht.«

Denise zögerte noch immer, obwohl sie von einem solchen Verlangen erfüllt war, daß ihr das Blut in die Wangen stieg. Seit ihre Kolleginnen des langen und breiten von ihren ländlichen Vergnügungen sprachen, starb sie fast vor Sehnsucht nach freier Luft, sie träumte von Wiesen mit hohem Gras, in dem sie Spazierengehen würde, von riesigen Bäumen, deren Schatten auf sie herabrieseln würde wie kühles Wasser. Ihre ganze Kindheit, die sie in dem satten Grün des Cotentin zugebracht hatte, erwachte wieder in ihrer Erinnerung.

»Gut, ich gehe mit«, sagte sie endlich.

Alles wurde geregelt. Baugé sollte die Damen um acht Uhr auf der Place Gaillon abholen; von da wollte man mit einer Droschke zum Vincenner Bahnhof fahren. Denise, deren fünfundzwanzig Franken Monatsgehalt von den beiden Brüdern aufgezehrt wurden, konnte für ihre Toilette nichts weiter tun, als ihr altes Wollkleidchen mit Schrägstreifen aus kariertem Popeline etwas aufzuputzen; einen Hut, mit Seide bezogen und einem blauen Band verziert, hatte sie sich selber zurechtgemacht. Sie sah in dieser Schlichtheit sehr jugendlich aus, wie ein zu rasch in die Höhe geschossenes Kind, einfach, aber sauber, ein wenig verlegen unter der überquellenden Flut ihrer Haare, die unter ihrem dürftigen Hütchen kaum Platz fanden. Pauline hingegen glänzte in einem prächtigen seidenen Frühjahrskleid mit violetten und weißen Streifen, einem federgeschmückten Hut, mit Schmuck an Hals und Armen, kurz, im ganzen Reichtum einer wohlgestellten Kaufmannsfrau.

»Da ist Baugé«, sagte sie zur vereinbarten Stunde und zeigte auf einen großen jungen Mann, der neben dem Brunnen auf der Place Gaillon stand.

Sie stellte ihren Geliebten vor, und Denise fand ihn sehr nett. Baugé war groß und kräftig, mit einem langen Flamengesicht, aus dem zwei tiefliegende Augen mit kindlicher Einfalt hervorlachten. Er war als der jüngere Sohn eines Gewürzkrämers in Dünkirchen geboren und nach Paris gekommen, weil sein Vater und sein älterer Bruder, die ihn sehr dumm fanden, ihn sozusagen davongejagt hatten. Im »Bon-Marché« verdiente er jetzt jahrlich seine viereinhalbtausend Franken; er war wohl dumm, aber für den Leinenverkauf sehr gut zu gebrauchen.

»Wo ist die Droschke?« fragte Pauline.

Sie mußten bis zum Boulevard gehen. Die Sonne schien schon recht warm, ein schöner Maimorgen lachte auf das Pflaster herab, nicht das geringste Wölkchen trübte den Himmel, die durchsichtige blaue Luft war wie von Heiterkeit erfüllt. Ein behagliches Lächeln umspielte die Lippen Denises, sie atmete tief, es schien ihr, als weiche die ganze Beklemmung der letzten sechs Monate von ihr. Endlich hatte sie einen ganzen Tag vor sich, den sie auf dem Land zubringen durfte! Das war wie ein neues Leben, eine unendliche Freude.

Sie stiegen in die wartende Droschke, und Denise blickte verlegen zum Fenster hinaus, als sie sah, wie Pauline, kaum daß sie saßen, sich zu ihrem Liebhaber neigte und ihn herzhaft küßte.

»Sieh an«, rief mit einemmal Denise, »dort drüben geht Herr Lhomme. Und wie er sich beeilt!«

»Er hat sein Hörn bei sich«, fügte Pauline hinzu, die sich neben ihr zum Fenster hinausgebeugt hatte. »Ist das ein alter Narr! Man sollte glauben, er liefe zu einem Stelldichein!«

In der Tat sah man Lhomme mit seinem Instrument unter dem Arm vergnügt dahineilen, als freue er sich schon im voraus an den zu erwartenden Genüssen. Er wollte den Tag bei einem Freund zubringen, einem Klarinettisten, bei dem sich am Sonntag meist einige Musikliebhaber versammelten und ihre kleinen Hauskonzerte veranstalteten.

»Um acht Uhr schon, und alles wegen der Musik!« fuhr Pauline fort. »Sie wissen doch, daß Frau Aurélie und ihre ganze Gesellschaft bereits um sechs Uhr nach Rambouillet gefahren sind. Das Ehepaar wird sich heute bestimmt nicht sehr im Weg sein.«

Sie begannen sich über die Landpartie der anderen zu unterhalten. Sie wünschten ihnen kein schlechtes Wetter, weil sie dann selbst mit die Leidtragenden gewesen wären. Doch ein kleiner Platzregen über Rambouillet, während in Joinville die Sonne schien, wäre ein herrlicher Spaß gewesen.

»Aber er hat ja nur einen Arm!« unterbrach plötzlich Baugé ihr Geplauder. »Wie kann er denn dann Waldhorn spielen?«

Pauline, die sich zuweilen über seine Kindlichkeit lustig machte, erzählte ihm, daß der Kassierer sein Instrument an die Wand stütze, und Baugé glaubte es wirklich und fand den Gedanken sehr sinnreich. Als indessen Pauline, wegen des Schwindels von Gewissensbissen gequält, ihm erklärte, wie Lhomme an seinem Armstumpf eine Art Greifhand befestigte, mit der er das Waldhorn hielt, schüttelte er mißtrauisch den Kopf und meinte, einen solchen Bären lasse er sich nicht aufbinden.

»Du bist zu dumm«, rief sie lachend, »aber das macht nichts; ich liebe dich trotzdem!«

Sie kamen gerade vor Abgang eines Zuges zum Bahnhof. Baugé zahlte, allein Denise erklärte, daß sie ihren Anteil an den Ausgaben selbst tragen wolle, am Abend werde man abrechnen. Sie stiegen ein; aus allen Wagen erscholl fröhlicher Lärm. In Nogent verließ eine Hochzeitsgesellschaft unter Lachen und Geplauder den Zug. Als sie in Joinville angekommen waren, begaben sie sich sofort nach der Insel, um das Essen zu bestellen. Dann gingen sie längs des Flusses unter den hohen Pappeln des Marneufers spazieren. Baugé und Pauline hielten sich eng umschlungen, Denise schlenderte hinter ihnen her. Sie hatte eine Handvoll Dotterblumen gepflückt, betrachtete den Strom und fühlte sich glücklich. Von Zeit zu Zeit beugte Baugé sich zurück und küßte Pauline auf den Nacken; wenn Denise es bemerkte, sah sie verschämt zu Boden, und Tränen traten ihr in die Augen. Und doch litt sie nicht unter dem Anblick. Warum war sie nur so beklommen, und warum erfüllte die schöne Landschaft, von der sie sich so viel Vergnügen versprochen hatte, sie mit einem Kummer, den sie sich nicht zu erklären wußte? Beim Essen wurde sie durch das laute Lachen Paulines noch mehr in Verwirrung gebracht. Diese war für ihr Leben gern auf dem Land. Sie aß mit dem Heißhunger des Mädchens, das im Geschäft schlecht ernährt wird; das Essen war ihre schwache Seite, ihr ganzes Geld hängte sie an Kuchen, an halbreifes Obst, an alles, was ihr unter die Hände kam. Da aber Denise fand, daß Eier und Brathuhn genügten, wagte Pauline diesmal nicht, auch noch Erdbeeren zu bestellen, die sie gar so gerne gegessen hätte, die aber zu dieser Jahreszeit noch sehr teuer waren.

»Was wollen wir jetzt anfangen?« fragte Baugé, als der Kaffee gebracht wurde.

Sonst pflegten er und Pauline nachmittags nach Paris zurückzukehren und dort zu Abend zu essen, um den Tag in einem Theater zu beschließen. Heute aber entschlossen sie sich auf Denises Wunsch dafür, in Joinville zu bleiben; das war auch recht lustig, so konnte man das Landleben in vollen Zügen genießen. Den ganzen Nachmittag strichen sie durch Wald und Flur. Einen Augenblick dachten sie an eine Kahnfahrt; dann ließen sie den Gedanken fallen, weil Baugé nicht gut rudern konnte. Indessen hielten sie sich immer am Ufer und belustigten sich am Anblick der zahlreichen Fahrzeuge aller Art, die den Fluß bevölkerten. Als die Sonne zur Neige ging, schickten sie sich an, nach Joinville zurückzukehren. In diesem Augenblick vernahmen sie einen lauten Streit; er kam vom Wasser her, wo die Insassen zweier Boote, die einander den Rang abzulaufen suchten, sich mit Schimpfnamen bewarfen. Spottrufe wie »Tintenkleckser« und »Ladenschwengel« flogen herüber und hinüber.

»Schau!« rief Pauline, »da ist ja Herr Hutin!«

»Ja«, fiel Baugé ein, »ich erkenne sein Boot wieder; in dem andern scheinen Studenten zu sein.«

Und er erklärte den beiden Mädchen, daß es an allen öffentlichen Orten stets von neuem zu Streitigkeiten zwischen den Studierenden und den Verkäufern komme.

Als Denise den Namen Hutins gehört hatte, war sie plötzlich stehengeblieben. Sie folgte mit aufmerksamen Blicken dem schmalen Boot, das mit großer Geschwindigkeit dahinschoß. Sie suchte den jungen Mann unter den Ruderern, aber sie konnte nichts unterscheiden als die verschwommenen Umrisse zweier Frauengestalten, von denen eine am Steuer saß und einen roten Hut trug.

Am Abend kehrten sie in das Restaurant auf der Insel zurück. Doch draußen war es zu kühl geworden, sie mußten in einem der beiden geschlossenen Säle essen. Von sechs Uhr ab herrschte schon ein großes Gedränge, die Kellner schleppten Bänke und Stühle herbei und rückten die Teller zusammen, um recht viele Leute unterbringen zu können. Die Sonne ging jetzt rasch unter, und der Wirt, auf eine so große Gesellschaft nicht vorbereitet, ließ auf jedem Tisch eine Kerze anzünden, weil er nicht genug Lampen hatte. Der Lärm wurde allmählich betäubend, man hörte Lachen und Schreien, vermischt mit dem Geklapper von Tellern und Schüsseln.

»Sind die Leute aber lustig!« sagte Pauline und vertiefte sich in ein Fischgericht, das sie köstlich fand; dann neigte sie sich zu ihrer Begleiterin und fügte leise hinzu:

»Haben Sie Herrn Albert da unten erkannt?«

Es war in der Tat der junge Lhomme in Gesellschaft von drei sehr zweideutigen Frauenzimmern; die eine war ein altes Weib mit einem gelben Hut und dem Gesicht einer Kupplerin, die beiden anderen waren junge Mädchen von dreizehn bis vierzehn Jahren mit schamlosen, lasterhaften Gesichtern. Albert war schon sehr betrunken und rief, er werde dem Kellner einen Fußtritt geben, wenn er nicht sofort Likör bringe.

»Ist das eine saubere Familie!« sagte Pauline; »die Mutter in Rambouillet, der Vater in Paris und der Sohn in Joinville; die treten sich wahrlich nicht auf die Füße.«

In diesem Augenblick erhob sich im Nebenraum ein ungeheurer Lärm, zuerst ein Gebrüll, dann setzte es offenbar Prügel, denn man hörte das Getöse von stürzenden Bänken und Stühlen. Aus all dem Lärm tönten hier und da Schreie hervor:

»Ins Wasser mit den Ladenschwengeln!«

»Die Tintenkleckser ins Wasser, ins Wasser!«

Als der Schankwirt mit seiner groben Stimme endlich den Streit beigelegt hatte, erschien plötzlich Hutin. Er hatte das große, weißgekleidete Mädchen mit dem roten Hut am Arm, das vorhin am Steuer seines Bootes gesessen hatte. Sie wurden bei ihrem Eintritt mit geräuschvollem Beifall und Händeklatschen empfangen. Er warf sich in die Brust, wiegte sich beim Gehen in den Hüften und protzte mit einem blauen Fleck im Gesicht, den ihm die Keilerei eingetragen hatte. Hinter ihm kam die ganze Mannschaft des Bootes. Man eroberte im Sturm einen Tisch, und jetzt ging der Lärm erst richtig los.

»Offenbar haben die Studenten in Hutins Begleiterin eine Ehemalige aus dem Quartier Latin erkannt«, erklärte Bangé. »Jetzt singt sie in einem Tingeltangel am Montmartre. Ihretwegen hat es eben den Streit gegeben.«

»Sie ist recht häßlich mit ihren strohgelben Haaren«, meinte Pauline verächtlich. »Ich weiß nicht, wo Herr Hutin seine Damen aufliest, aber es ist immer eine schmutziger als die andere.«

Denise war blaß geworden, es durchlief sie eiskalt. Schon am Ufer der Marne hatte sie beim Anblick des vorübergleitenden Kahns ein Frösteln überlaufen; jetzt konnte sie nicht länger zweifeln: dieses Frauenzimmer verkehrte mit Hutin. Liebte sie denn den jungen Mann, daß sie darüber so bekümmert war? In ihrer schmerzlichen Verwirrung fand sie keine Antwort auf diese Frage. Mit zusammengeschnürter Kehle und zitternden Händen saß sie da und aß nicht.

»Was haben Sie denn?« fragte ihre Freundin.

»Nichts«, stammelte sie; »es ist hier zu warm.«

Der Tisch, an dem Hutin mit seiner Gesellschaft saß, stand in der Nähe des ihren, und da Hutin Baugé kannte, führte er mit diesem ein lautes Gespräch, um den ganzen Saal zu unterhalten.

»Sagen Sie mal«, rief er, »sind die Verkäufer im ›Bon-Marché‹ noch immer so tugendhaft?«

»So schlimm ist's auch wieder nicht«, erwiderte Baugé verlegen.

»Lassen Sie's gut sein. Dort nimmt man ja nur Jungfrauen, und einen Beichtvater haben sie auch angestellt!«

Alles lachte. Liénard, der mit von der Gesellschaft Hutins war, rief aus:

»Im ›Louvre‹ ist es anders; da ist in der Konfektionsabteilung eine Hebamme angestellt. Auf Ehrenwort!«

Neues, verstärktes Gelächter; selbst Pauline lachte, so drollig fand sie die Sache mit der Hebamme. Aber Baugé war verletzt durch diese Späße über seine Firma und bemerkte nun seinerseits:

»Lassen Sie mich bloß in Ruhe mit dem ›Paradies der Damen‹! Da wird man ja wegen eines Wortes vor die Tür gesetzt! Und dazu ein Chef, der aussieht, als wollte er alle seine Kundinnen für sich allein haben!«

Doch Hutin hörte nicht mehr auf ihn; er war etwas nähergerückt und prahlte, daß ihm die verflossene Woche hundertfünfzehn Franken eingebracht habe, während Favier nur zweiundfünfzig geschafft habe. Eine prächtige Woche war das gewesen! Dafür ließ er heute auch etwas springen und wollte nicht eher zu Bett gehen, als bis die hundertfünfzehn Franken ausgegeben waren. Dann ereiferte er sich und begann über Robineau zu schimpfen, diesen »Schwachmatikus« von einem Zweiten, der so stolz tue, daß er mit seinen Verkäufern nicht einmal über die Straße gehe. Wenn es ja noch der Abteilungsleiter gewesen wäre – aber Robineau!

»Schweigen Sie still«, sagte Liénard. »Sie reden zu viel, mein Lieber!«

Baugé hatte die Rechnung verlangt, weil er sah, daß Denise sich immer unbehaglicher fühlte; allein der Kellner kam und kam nicht, und sie mußte noch eine Zeitlang die Prahlereien Hutins mit anhören. Jetzt brüstete er sich, daß er weit höher stehe als Liénard; denn Liénard lebe von seinem Vater, während er die Früchte seiner eigenen Intelligenz genieße. Endlich hatte Baugé gezahlt, und die beiden Mädchen folgten ihm.

Denise seufzte erleichtert auf. Sie schrieb ihr Unbehagen noch immer dem Mangel an frischer Luft zu. Jetzt atmete sie freier. Als sie aus dem Garten des Restaurants traten, sagte eine schüchterne Stimme im Dunkel:

»Guten Abend, meine Damen!«

Es war Deloche. Sie hatten ihn im ersten Saal gar nicht bemerkt, wo er gegessen hatte, nachdem er – »zu seinem Vergnügen«, wie er sagte – zu Fuß aus Paris gekommen war. Als Denise die vertraute Stimme hörte, fühlte sie in ihrem Kummer das Bedürfnis nach einer Stütze.

»Herr Deloche, kommen Sie mit uns«, sagte sie erleichtert; »geben Sie mir Ihren Arm.«

Pauline und Baugé gingen voraus. Sie waren erstaunt, sie hatten nicht geglaubt, daß es so kommen werde, noch dazu mit diesem Burschen! Da man indessen noch eine Stunde bis zum Abgang des nächsten Zuges warten mußte, machte man unter den großen Bäumen am Ufer entlang einen Spaziergang bis zur Inselspitze. Von Zeit zu Zeit wandten Pauline und Baugé sich um und sagten:

»Wo bleiben sie denn?... Ach, da sind sie ja!... Sehr merkwürdig!«

Denise und Deloche waren zuerst schweigend nebeneinander hergegangen. Zu ihrer Rechten floß die Marne dahin, deren Wasserfläche im Dunkel zuweilen wie ein Spiegel schimmerte. Der Wind hatte sich gelegt; sie hörten nichts mehr als das Rauschen des Flusses.

»Ich freue mich so, daß ich Sie getroffen habe«, stammelte endlich Deloche. »Sie wissen nicht, wie glücklich Sie mich damit machen, daß Sie mit mir Spazierengehen.«

Nach einigen verlegenen Worten wagte er – durch das Dunkel ermutigt – das Geständnis, daß er sie liebe. Er hatte es ihr schon längst schreiben wollen; sie hätte es aber vielleicht niemals erfahren ohne die schöne, mitschuldige Nacht, ohne diesen sanft murmelnden Fluß, ohne diese Bäume, die ihr Laubwerk wie schützende Fittiche über sie breiteten. Doch sie antwortete nicht, sie ging mit leicht schwankenden Schritten an seiner Seite einher. Er suchte ihr ins Gesicht zu blicken, als er sie plötzlich schluchzen hörte.

»Mein Gott«, sagte er, »Sie weinen? Fräulein Denise, Sie weinen? Habe ich Sie gekränkt?«

»Nein«, erwiderte sie.

Sie bemühte sich, ihre Tränen zurückzuhalten, vermochte es aber nicht. Schon bei Tisch hatte sie gelaubt, ihr Herz müsse brechen. Jetzt, im abendlichen Dunkel, überließ sie sich ihrem Schmerz; das Schluchzen erstickte sie fast, als sie daran dachte, wie widerstandslos sie wäre, wenn Hutin hier an Deloches Stelle neben ihr ginge und ihr so zärtliche Geständnisse machte. Dieses Bekenntnis, das sie sich endlich ablegte, versetzte sie in höchste Verlegenheit. Eine tiefe Schamröte stieg ihr ins Gesicht, als wäre sie diesem andern, der öffentlich mit seinen Dirnen erschien und Staat machte, bereits in die Arme gesunken.

»Ich wollte Sie nicht beleidigen«, beteuerte Deloche mit flehender Stimme.

»Ich bin Ihnen nicht böse«, sagte sie endlich, »aber ich bitte Sie, sprechen Sie mit mir nicht so wie eben ... Was Sie verlangen, ist unmöglich. Sie sind ein guter Junge; ich will Ihre Freundin sein, aber nichts weiter... Hören Sie, Ihre Freundin ...«

Er sank sichtlich zusammen. Nachdem sie eine Weile still nebeneinander weitergegangen waren, sagte er:

»Kurz: Sie lieben mich nicht!«

Da sie schwieg, um ihm das kränkende Nein zu ersparen, fuhr er mit bewegter Stimme fort:

»Ich war schon gefaßt darauf. Ich habe kein Glück; ich weiß, daß ich niemals glücklich werden kann. Zu Hause bekam ich immer Prügel, in Paris nichts als Kummer und Leid ... Wenn man es nicht versteht, anderen ihre Freundinnen abspenstig zu machen, und nicht fähig ist, so viel Geld zu verdienen wie sie, dann sollte man gleich besser in irgendeinem Winkel verrecken ... Beruhigen Sie sich, ich werde Ihnen nicht mehr weh tun. Aber Sie können mir nicht verbieten, Sie trotzdem zu lieben, selbst wenn ich keine Aussicht habe. Das ist mein Los in diesem Leben ...«

Nun brach auch er in Tränen aus. Sie tröstete ihn, und im Lauf des Gesprächs zeigte es sich, daß sie aus der gleichen Gegend waren, sie aus Valognes, er aus dem dreizehn Kilometer davon entfernten Briquebec. Sie vergaßen allmählich ihren Kummer und kamen einander in guter Kameradschaft näher.

»Nun?« fragte Pauline und nahm Denise beiseite, als sie auf der Bahnstation angekommen waren.

Denise begriff. Sie erwiderte errötend:

»Niemals, meine Liebe; ich sagte Ihnen ja, daß ich nicht will. Herr Deloche ist aus meiner Heimat, wir haben von Valognes gesprochen.«

Pauline und Baugé standen ganz verblüfft da. Ihre Begriffe verwirrten sich, und sie wußten nicht mehr, was sie denken sollten. An der Bastille verließ Deloche die Gesellschaft; wie alle Verkäufer, die nur gegen Provision angestellt waren, schlief er im Geschäft, wo er um elf Uhr eintreffen mußte. Denise wollte nicht mit ihm zugleich heimkommen; da sie Theaterurlaub genommen und also noch etwas Zeit hatte, begleitete sie Pauline zu Baugé. Um näher bei seiner Geliebten zu sein, hatte dieser sich in der Rue Saint-Roch eingemietet. Man nahm eine Droschke, und Denise war ganz bestürzt, als sie unterwegs erfuhr, daß ihre Freundin die Nacht bei dem jungen Mann bleiben werde. Die Sache sei doch sehr einfach, sagte Pauline; sie gebe Frau Cabin fünf Franken und erkaufe sich damit ihr Stillschweigen; alle machten es so.

Baugé spielte den Gastgeber in seinem Zimmer, das mit alten Möbeln ausgestattet war, die er von seinem Vater erhalten hatte. Er war anfangs sehr ungehalten, als Denise die Abrechnung verlangte, schließlich aber nahm er doch die fünfzehn Franken sechzig an, die sie auf die Kommode gelegt hatte. Dann sollte sie unbedingt noch einen Schluck Tee mit den beiden trinken. Es schlug bereits Mitternacht, als endlich die Tassen eingeschenkt wurden.

»Ich muß jetzt gehen«, sagte Denise wiederholt.

Und Pauline erwiderte darauf:

»Sie können ja bald gehen, die Theater sind doch nicht so früh zu Ende.«

Denise fühlte sich sehr verlegen in diesem Junggesellenzimmer. Sie mußte zusehen, wie ihre Freundin sich bis auf Unterrock und Leibchen entkleidete, das Bett fertigmachte und die Kissen aufschüttelte. Diese Vorbereitungen für eine Liebesnacht brachten sie in Verwirrung, erfüllten sie mit Scham und weckten in ihrem verwundeten Herzen von neuem die Erinnerung an Hutin. Abermals mußte sie sich gestehen, daß sie ihm gegenüber widerstandslos wäre. Um viertel nach zwölf verließ sie die beiden endlich. Sie kam ganz aufgelöst auf die Straße, weil Pauline, als sie ihnen gute Nacht gewünscht hatte, ihr fröhlich zugerufen hatte:

»Danke, die Nacht wird schon gut werden!«

Der Nebeneingang zur Wohnung Mourets und zu den Kammern der Angestellten befand sich in der Rue Neuve-Saint-Augustin. Frau Cabin öffnete jeweils und sah dann hinaus, um festzustellen, wer heimkam. Im Erdgeschoß brannte eine Nachtlampe. Denise stand zögernd und beklommen da; als sie um die Straßenecke gebogen war, hatte sie undeutlich den Schatten eines Mannes eintreten und hinter ihm die Tür sich schließen sehen. Das mußte der Chef gewesen sein, der von einer Gesellschaft zurückkehrte, und der Gedanke, daß er hier irgendwo im Dunkel stehen und auf ihr Erscheinen warten könnte, brachte sie in höchste Verlegenheit. Jetzt bewegte sich etwas im ersten Stock, und sie hörte Schuhe knarren. Da verlor sie vollends den Kopf; sie stieß eine Tür auf, die ins Geschäft führte und die man offenließ, damit die Nachtwache die Runde durch alle Räume machen konnte.

»Mein Gott, was soll ich nur anfangen?« stammelte sie in ihrer Aufregung.

Es kam ihr der Gedanke, daß es oben noch eine zweite Verbindungstür gab, die zu den Kammern der Angestellten führte. Allein dann mußte sie durch das ganze Geschäft gehen. Trotz der Finsternis, die über den Gängen lag, zog sie diesen Umweg vor. Nirgends brannte eine Gasflamme, nur da und dort war ein winziges Öllämpchen angebracht. Sie fand sich indessen zurecht. Die leuchtenden Weißwaren zu ihrer Linken wiesen ihr den Weg. Sie wollte geradewegs die Halle durchqueren, als sie gegen ganze Stapel von Stoffballen stieß, zurückfuhr und nach der Seite auswich. Nun aber wurde sie plötzlich durch ein Schnarchen beunruhigt; es war der Laufbursche Joseph, der hinter den Trauerartikeln schlief. Sie kehrte rasch um, nun schon auf der Flucht. In der Handschuhabteilung mußte sie wieder über schlafende junge Leute hinwegsteigen, und sie hielt sich erst für gerettet, als sie endlich die Treppe erreicht hatte. Allein oben angelangt, in der Konfektionsabteilung, wurde sie von einem neuen Schrecken ergriffen, als sie vor sich eine Laterne erblickte: es waren zwei Feuerwehrleute, die Nachtwache hatten. Als sie näherkamen, flüchtete sie in den Hintergrund der Spitzenabteilung, von wo sie jedoch durch den Klang einer Stimme sofort wieder verscheucht wurde. Es war Deloche; er schlief hier in seiner Abteilung auf einem kleinen Eisenbett, das er sich jeden Abend aufschlug. Er war noch wach, lag mit offenen Augen auf seinem Bett und durchlebte von neuem die süßen Stunden des Abends. Denise hatte indessen endlich die Verbindungstür erreicht und trat auf den Gang hinaus. Hier stieß sie auf Mouret, der mit einer kleinen Wachskerze in der Hand auf der Treppe stand.

»Wie, Sie sind es, Fräulein?«

Sie begann zu stottern und wollte sich damit entschuldigen, sie habe in ihrer Abteilung etwas gesucht. Allein er schien durchaus nicht böse zu sein; er betrachtete sie mit einer Miene, in der sich Wohlwollen und Neugierde zugleich ausdrückten.

»Hatten Sie Theaterurlaub?«

»Ja.«

»Haben Sie sich gut unterhalten? In welchem Theater waren Sie denn?«

»Ich war auf dem Land.«

Da lachte er und fragte mit nachdrücklicher Betonung:

»Allein?«

»Nein, mit einer Freundin«, erwiderte sie hocherrötend.

Er schwieg, aber er betrachtete sie noch immer, wie sie da stand in ihrem ärmlichen schwarzen Kleidchen, mit ihrem Hütchen das mit einem schmalen blauen Band geschmückt war. Sollte dieser Wildling sich am Ende gar zu einem hübschen Mädchen entwickeln? Sie hatte von ihrem Ausflug aufs Land ein frisches Aussehen und war sehr hübsch mit ihren schönen Haaren, die über der Stirn etwas zerzaust waren. Seit sechs Monaten behandelte er sie mit leichtem Spott wie ein Kind und erteilte ihr zuweilen väterliche Ratschläge. Jetzt lachte er mit einemmal nicht mehr, er hatte eine unklare Empfindung, ein Gemisch von Überraschung, Furcht und Zärtlichkeit. Ohne Zweifel hatte ein Liebhaber dieses Mädchen dermaßen verschönt, dachte er und hatte bei dieser Vorstellung das Gefühl, als habe ihn ein Lieblingsvogel, mit dem er zu spielen pflegte, mit dem Schnabel bis aufs Blut gepickt.

»Guten Abend«, flüsterte Denise und setzte ihren Weg fort, ohne eine weitere Bemerkung abzuwarten.

Er sagte nichts, sondern blickte ihr schweigend nach. Dann ging er in seine Wohnung zurück.


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