Emile Zola
Das Paradies der Damen
Emile Zola

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Achtes Kapitel

Inzwischen sprach man im ganzen Stadtviertel von der großen Straße, die unter dem Namen Rue du Dix-Décembre von der Börse bis zur neuen Oper eröffnet werden sollte. Die Enteignungsverhandlungen hatten stattgefunden, zwei Scharen von Arbeitern machten sich bereits von beiden Seiten an den Durchbruch. Die Rue de Choiseul und die Rue de la Michodière bangten um ihre dem Untergang geweihten Häuser.

Aber was das Stadtviertel noch mehr bewegte, waren die Arbeiten am »Paradies der Damen«. Man sprach von bedeutenden Vergrößerungen, von riesigen Geschäftsräumen, die nach allen drei Seiten bis an die Rue de la Michodière, die Rue Neuve- Saint-Augustin und die Rue Monsigny reichen sollten. Man erzählte, Mouret habe mit dem Baron Hartmann, dem Direktor der Immobilienbank, einen Vertrag geschlossen und werde den ganzen Häuserkomplex erhalten mit Ausnahme der Seite nach der künftigen Rue du Dix-Décembre, wo der Baron ein Konkurrenzunternehmen zum Grand-Hotel errichten wolle. Das »Paradies der Damen« kaufte überall Mietverträge auf, die Läden wurden geschlossen, die Mieter zogen aus. In den nunmehr leeren Häusern begann ein Heer von Arbeitern, umhüllt von einer Wolke von Staub und Kalk, die geplanten Umbauten. Nur das schmale Haus des alten Bourras blieb inmitten dieses allgemeinen Umsturzes unberührt, hartnäckig eingepfercht zwischen den hohen, von Arbeitern bevölkerten Mauern.

Als am folgenden Tag Denise mit Pépé zu Onkel Baudu ging, war die Straße eben von einer Reihe von Lastwagen versperrt, die vor dem alten Haus Duvillard Ziegel abluden. Auf der Schwelle seines Ladens stand der Onkel und betrachtete mit bekümmerter Miene dieses Schauspiel. In dem Maß, wie das »Paradies der Damen« sich ausbreitete, schien der »Vieil Elbeuf« zusammenzuschrumpfen. Das junge Mädchen fand die Auslagen noch finsterer, noch gedrückter unter dem niedrigen Zwischenstock mit den runden Gefängnisfensterchen. Der Regen hatte das grün angestrichene Firmenschild noch mehr verfärbt, und die ganze bleigraue Vorderseite wirkte trauriger und kümmerlicher denn je.

»Da seid ihr ja«, sagte Baudu. »Nehmt euch in acht, sie werden euch noch über den Haufen fahren!«

Als sie den Laden betraten, empfand Denise dieselbe Beklemmung im Herzen wie damals. Frau Baudu und Geneviève saßen still und stumm an der Kasse; niemand störte sie dort auf.

»Guten Abend, Tante«, sagte Denise. »Ich freue mich so, Sie wiederzusehen, und wenn ich Ihnen Kummer gemacht habe, bitte verzeihen Sie mir!«

Frau Baudu war gerührt und küßte das Mädchen.

»Mein armes Kind«, sagte sie, »wenn ich keinen anderen Kummer hätte, dann wäre ich recht vergnügt.«

»Guten Abend, Kusine«, fuhr Denise fort und gab Geneviève einen Kuß auf die Wangen.

Nun umarmten die beiden Frauen auch noch Pépé, und damit war die Versöhnung vollständig.

Baudu wandte sich jetzt nach dem dunklen Hintergrund des Ladens und sagte:

»Colomban, du kannst ruhig mit uns essen, es kommt doch niemand.«

Denise hatte den Angestellten gar nicht bemerkt. Frau Baudu erklärte ihr, den anderen Verkäufer und das Mädchen hätten sie entlassen müssen; die Geschäfte gingen so schlecht, daß Colomban allein genüge, und auch er verbringe noch ganze Stunden völlig untätig, gähnend vor Langeweile.

Während der Mahlzeit kam der Onkel natürlich auf die Leute von gegenüber zu sprechen. Anfangs zeigte er sich sehr duldsam.

»Mein Gott, du bist ja frei und darfst diesen großen Herren ruhig das Wort reden. Jeder nach seinem Geschmack, mein Kind ... Da es dich nicht stört, daß du so einfach vor die Tür gesetzt worden bist, mußt du ja gewichtige Gründe haben, die für diese Leute sprechen; und wenn du zu ihnen zurückgingst, wäre ich dir nicht im geringsten böse. Keiner von uns wäre es, nicht wahr?«

»O nein«, flüsterte Frau Baudu.

Denise sagte ruhig ihre Meinung, wie sie es schon bei Robineau getan hatte; sie sprach von der natürlichen Entwicklung des Handels, von den Anforderungen der Zeit, von der Großartigkeit dieser Neuschöpfungen, von dem wachsenden Wohlstand der Allgemeinheit. Baudu hörte ihr erstaunt zu, und als sie geendet hatte, sagte er kopfschüttelnd:

»Das sind alles Hirngespinste. Handel ist Handel: daran ändert sich nichts. Ich gebe ja zu, daß sie weiterkommen, aber das ist auch alles. Es scheint eben, daß heutzutage die Diebe zu einem Vermögen kommen, während ehrliche Leute elend zugrunde gehen. Ja, so weit haben wir es gebracht! Aber ich bleibe auf meinem Posten, ich gebe nicht nach! Der ›Vieil Elbeuf‹ jedenfalls wird ihnen keine Zugeständnisse machen.«

Er geriet mehr und mehr in Erregung. War denn dieser Riesenapparat nicht langsam lächerlich? Die Kunden würden sich allmählich gar nicht mehr auskennen; warum baute man nicht lieber gleich Markthallen? Dann kam er auf den Umsatz des Warenhauses zu sprechen. Das war doch geradezu unbegreiflich, meinte er: in vier Jahren hatten sie ihn verfünffacht, aus ehemals acht Millionen jährlich waren nach der letzten Inventur vierzig Millionen geworden. Das war doch unerhört, dagegen konnte man ja nicht mehr ankämpfen. Und dabei wuchs das Haus immer weiter: Jetzt hatten sie tausend Angestellte und kündigten achtundzwanzig Abteilungen an. Diese Zahl besonders brachte ihn außer sich. Gewiß hatten sie einige Abteilungen einfach geteilt, aber es gab auch mehrere neue, zum Beispiel eine für Möbel und eine für »Pariser Spezialitäten«. Hatte man je so etwas gehört: »Pariser Spezialitäten«? Besonderen Stolz konnte man ihnen wirklich nicht vorwerfen; sie würden schließlich auch noch Fische verkaufen!

»Wenn du aufrichtig sein willst, kannst du sie unmöglich verteidigen«, wandte er sich an Denise. »Was würdest du von mir halten, wenn ich in meinem Tuchladen eine Abteilung für Kochtöpfe einrichten würde? Du würdest sagen, ich sei ein Narr, nicht wahr? Gib doch zu, daß man vor so etwas keine Hochachtung haben kann.«

Denise lächelte bloß verlegen, sie sah ein, daß hier mit Vernunftgründen nicht viel auszurichten war. Da meinte er:

»Gut, du bist nun mal für sie. Wir wollen nicht weiter darüber reden, es ist nicht nötig, daß wir uns deshalb zerstreiten. Das fehlte noch, daß sie Unfrieden zwischen mir und meiner Familie stiften. Geh ruhig zurück zu ihnen, wenn es dir gefällt, aber laß mich in Ruhe mit ihren Geschichten.«

Eine Weile schwiegen sie, dann fing Baudu wieder an.

»Sieh dir diese beiden an«, sagte er und zeigte mit seinem Messer auf Geneviève und Colomban. »Frag sie mal, ob sie dein ›Paradies der Damen‹ etwa besonders schätzen!«

Auf dem gewohnten Platz, an dem sie sich seit zwölf Jahren zweimal täglich zusammenfanden, saßen Colomban und Geneviève und aßen still vor sich hin. Keiner von beiden sagte ein Wort. Er versuchte hinter plumper Gemütlichkeit die innere Flamme seiner Leidenschaft zu verbergen, während sie, wie von einem geheimen Kummer verzehrt, den Kopf noch mehr hängen ließ.

»Das vergangene Jahr war schlecht«, erklärte der Onkel, »und wir müssen ihre Heirat noch weiter verschieben. Frag sie nur, was sie von deinen Freunden da drüben halten!«

Notgedrungen tat Denise ihm den Gefallen.

»Ich kann sie doch nicht gern haben, Kusine«, erwiderte Geneviève, »aber es denken ja nicht alle Leute wie ich.«

Dabei schaute sie auf Colomban, der mit verlegener Miene Brotkügelchen rollte. Als er die Blicke seiner Verlobten auf sich ruhen fühlte, brach er in einige heftige Redensarten aus. So eine schmutzige Bude! Einer schurkiger als der andere! Eine wahre Pest für das Stadtviertel!

»Hört ihr es?« rief Baudu entzückt. »Den werden sie niemals in ihre Hand bekommen! Ja, mein lieber Freund, du bist der letzte! Solche wie dich gibt's nicht mehr!«

Allein Geneviève mit ihrem strengen und schmerzerfüllten Gesicht ließ Colomban nicht aus den Augen. Ihre Blicke drangen ihm bis ins Herz und setzten ihn in Verlegenheit, so daß er seine Schmähungen noch verdoppelte. Frau Baudu betrachtete die beiden voll Sorge, als sehe sie ein neues Unglück voraus. Seit einiger Zeit machte ihr das Aussehen ihrer Tochter Angst, sie fühlte, wie das junge Mädchen dahinwelkte.

»Der Laden ist ohne Aufsicht«, sagte sie endlich und erhob sich, um dieser Szene ein Ende zu machen. »Schau doch mal nach, Colomban; ich glaube, es ist jemand da.«

Alles stand auf. Baudu und Colomban sprachen mit einem Vertreter, der gekommen war, um Aufträge entgegenzunehmen. Frau Baudu nahm Pépé mit sich, um ihm Bilder zu zeigen. Denise stand sinnend am Fenster und blickte in den kleinen Hof hinaus. Als sie sich umwandte, sah sie ihre Kusine noch immer auf ihrem Platz sitzen. Plötzlich begann Geneviève zu schluchzen. Sie ließ den Kopf auf den Tisch niedersinken und vergoß bittere Tränen.

»Mein Gott, was ist denn?« rief Denise verstört. »Soll ich jemanden rufen?«

Geneviève hielt sie zurück und stammelte:

»Nein, nein, bleiben Sie! Mama soll nichts wissen. Sie dürfen es erfahren, aber die anderen nicht. Es ist wieder einmal über mich gekommen, ich glaubte, ich sei allein ...«

Ein neuer Anfall ergriff sie und schüttelte den gebrechlichen Körper. Denise sprach ihr leise Trost zu. Nach einer Weile beruhigte sich Geneviève, sie schluchzte nicht mehr, doch sie saß wie gebrochen auf ihrem Stuhl und blickte starr auf ihre Kusine.

Plötzlich fragte sie:

»Sagen Sie mir die Wahrheit: liebt er sie?«

Denise fühlte alles Blut in ihre Wangen steigen. Sie begriff, daß es sich um Colomban und Claire handelte, und tat, als sei sie von der Frage völlig überrascht.

»Wen denn, meine Liebe? Von wem sprechen Sie überhaupt?«

Geneviève schüttelte tadelnd den Kopf.

»Lügen Sie nicht. Tun Sie mir den Gefallen und sagen Sie mir endlich die Wahrheit. Sie müssen es wissen, ich fühle es. Sie waren doch mit ihr zusammen, und ich habe ja gesehen, daß Colomban Ihnen folgte und mit Ihnen sprach. Er hat Ihnen gewiß Aufträge für sie gegeben, nicht wahr? Sagen Sie mir die Wahrheit, ich beschwöre Sie! Es ist besser für mich.«

Niemals war Denise in solcher Verlegenheit gewesen. Sie schlug die Augen nieder vor diesem stummen Blick, der alles erriet. Endlich faßte sie sich und versuchte ein letztes Täuschungsmanöver.

»Aber er liebt doch Sie!«

Geneviève machte eine verzweifelte Gebärde.

»Schon gut – Sie wollen mir also nichts sagen. Es ist mir übrigens gleichgültig, ich habe sie ja gesehen. Er geht doch dauernd auf die Straße hinaus, um hinaufzuschauen, und sie lacht von oben auf ihn herab wie eine Dirne ... Sicher haben sie außerhalb des Hauses ihre Zusammenkünfte.«

»Nein, bestimmt nicht, das schwöre ich!« rief Denise, fortgerissen durch das Verlangen, ihr wenigstens diesen Trost zu verschaffen.

Geneviève atmete auf, und ein Lächeln umspielte ihre Lippen. Dann begann sie leise:

»Sie wissen ja, seit zehn Jahren lebe ich im Gedanken an diese Heirat. Ich trug noch kurze Kleider, als Colomban schon für mich bestimmt war. Ich weiß nicht mehr, wie alles gekommen ist. Da wir immer zusammen lebten, immer in diesen vier Wänden eingeschlossen waren, einer neben dem anderen, ohne daß es jemals eine Abwechslung gegeben hätte, mußte ich ihn schließlich vor der Zeit als meinen Mann betrachten. Ich wußte gar nicht, ob ich ihn liebte; ich war eben seine Frau: das ist alles. Und heute will er mit einer andern seiner Wege gehen. Ach, mein Gott, das bricht mir das Herz!«

Von neuem füllten sich ihre Augen mit Tränen. Denise fragte sie, von tiefem Mitleid ergriffen:

»Vermutet die Tante etwas?«

»Ich glaube, ja; sie ahnt die Wahrheit. Papa hat zu viel mit seinen geschäftlichen Sorgen zu tun; er weiß nicht, welchen Kummer er mir macht, indem er diese Heirat immer wieder verschiebt. Mama hat mich wiederholt ausgefragt, sie sieht ja, wie schlecht es mir geht. Sie war selbst niemals besonders kräftig, aber bei mir findet sie's wohl etwas zu arg ...«

Denise umarmte das unglückliche Mädchen und versuchte noch immer, sie zu trösten. Sie werde Colomban heiraten, versicherte sie ihr, und bestimmt gesund und glücklich werden. –

Monate verflossen; Denise kam fast jeden Tag, um Geneviève einen Augenblick aufzuheitern; allein bei den Baudus wurde das Leben immer trauriger. Die Vergrößerungsarbeiten ihnen gegenüber waren für sie eine fortwährende Qual und ließen sie ihren Ruin nur noch schmerzlicher empfinden. Schon stieg das Mauerwerk bis zum ersten Stock empor. Zu allem Überfluß entschloß sich im September der Architekt, auch bei Nacht arbeiten zu lassen, weil er fürchtete, nicht rechtzeitig fertig zu werden. Mächtige Scheinwerfer wurden angebracht, und das Getöse nahm kein Ende mehr. Die Leute arbeiteten schichtweise, ständig wurde irgendwo gehämmert oder gesägt, der ewige Lärm kostete die Familie Baudu auch noch den Schlaf.

Es kam der Tag, wo sie in Zahlungsschwierigkeiten gerieten; bisher hatten sie von den Ersparnissen früherer Jahre gezehrt, jetzt begannen die Schulden. Im Dezember mußte Baudu, entsetzt über die Höhe seiner Wechselverbindlichkeiten, sich zu einem schweren Opfer entschließen: er verkaufte sein Landhaus in Rambouillet. Dieser Verkauf vernichtete den einzigen Traum seines Lebens, und er mußte überdies einen Besitz, der ihn mehr als zweihunderttausend Franken gekostet hatte, für siebzigtausend weggeben. Er war noch froh und glücklich, daß seine Nachbarn, die Familie Lhomme, das Haus zu diesem Preis übernahmen. Die siebzigtausend Franken genügten, um seine Firma noch einige Zeit zu stützen. Denn trotz aller Unglücksfälle wollte er weiterkämpfen.

An dem Sonntag, an dem die Lhommes das Geld bringen wollten, sollten sie zum Essen im »Vieil Elbeuf« bleiben. Frau Aurélie kam als erste. Auf ihren Mann mußte man etwas warten; er hatte bei einem Nachmittagskonzert mitgespielt und sich verspätet. Albert schließlich hatte zwar zugesagt, kam aber nicht. Es wurde im übrigen ein recht trübseliger Abend. Die Baudus, an ein enges und muffiges Dasein gewöhnt, fühlten sich unbehaglich bei dem Zug von Ungebundenheit, den die Lhommes ins Haus brachten. Geneviève, verletzt durch die herrischen Manieren von Frau Aurélie, tat den Mund überhaupt nicht auf, während Colomban die Direktrice offen bewunderte und von Zeit zu Zeit zusammenfuhr, wenn er daran dachte, daß sie Claires Vorgesetzte sei.

Vor dem Schlafengehen wanderte Baudu lange im Zimmer auf und ab; seine Frau lag bereits im Bett. Draußen herrschte mildes Tauwetter; trotz der geschlossenen Fenster und der herabgelassenen Vorhänge hörte man das Gebrause der Maschinen drüben.

»Weißt du, woran ich denke, Elisabeth?« sagte er endlich. »Die Lhommes mögen noch so viel Geld verdienen – ich stecke doch lieber in meiner eigenen Haut als in der ihren. Sie haben Glück, das ist wahr; die Frau hat erzählt, wenn ich recht gehört habe, daß sie dieses Jahr zwanzigtausend Franken verdient hat. Mir soll's recht sein! Mein Landhaus habe ich freilich nicht mehr, aber wenigstens gehe ich nicht allein meiner Wege und halte mich an die Musik, während du sonstwo herumbummelst. Nein, die können nicht glücklich sein.«

Er nahm sich indessen die Sache doch sehr zu Herzen und grollte diesen Leuten, die ihm seinen Lebenstraum abgekauft hatten. Schweigend trat er ans Fenster und lauschte dem Getöse, das von drüben herüberklang. Und wieder erging er sich in seinen Klagen und Beschwerden über die neuen Zeiten. So etwas hatte es doch noch nicht gegeben: verdienten die Angestellten jetzt mehr als die Kaufleute! Ein Kassierer, der den Besitz eines selbständigen Geschäftsmannes erwarb! Alles ging aus den Fugen, es gab keinen Familienzusammenhalt mehr, man spazierte ins Restaurant, anstatt seine Suppe am eigenen Herd zu essen. Zu guter Letzt verlegte er sich aufs Prophezeien und sagte voraus, der junge Albert werde eines Tages das Landgut in Rambouillet noch mit irgendwelchen Frauenzimmern vergeuden.

Frau Baudu lag regungslos in ihrem Bett und hörte zu. Ihr Gesicht war so bleich wie die Kissen.

»Sie haben immerhin bezahlt«, sagte sie endlich.

Baudu verstummte bei diesen Worten. Eine Weile ging er mit gesenkten Blicken umher, dann fuhr er fort:

»Ja, sie haben bezahlt, das ist wahr, und schließlich ist ihr Geld so gut wie das anderer Leute ... Es wäre nicht schlecht, wenn es uns gelänge, mit diesem Geld unsere Firma wieder aufzurichten. Ach, wenn ich nicht so alt und müde wäre!«

Neues Stillschweigen. Plötzlich begann Frau Baudu zu sprechen, den Blick starr zur Decke gerichtet.

»Hast du seit einiger Zeit deine Tochter beobachtet?«

»Nein«, erwiderte er.

»Nun, sie macht mir Sorge. Sie wird immer blasser, eine innere Verzweiflung scheint an ihr zu zehren.«

Er blieb überrascht vor dem Bett stehen.

»Worüber denn?« fragte er. »Wenn sie krank ist, sollte sie es sagen! Morgen will ich den Arzt kommen lassen.«

Frau Baudu lag noch immer unbeweglich da. Nach einer kurzen Weile fuhr sie fort:

»Ich denke, es wäre besser, die Heirat mit Colomban nicht länger hinauszuschieben.«

Er schaute sie an, dann nahm er seine Wanderung durch das Zimmer wieder auf. War es möglich, daß seine Tochter wegen des Angestellten krank wurde? Liebte sie ihn dermaßen, daß sie nicht mehr warten konnte? Der Gedanke machte ihn um so bestürzter, als er von dieser Heirat eine ganz feste Vorstellung hatte: unter den gegenwärtigen Umständen hätte er nie seine Einwilligung gegeben. Die Besorgnis um seine Tochter stimmte ihn indes milder.

»Es ist gut«, sagte er endlich, »ich werde mit Colomban sprechen.«

Am folgenden Morgen nahm Baudu Colomban beiseite. Er hatte sich genau zurechtgelegt, was er ihm sagen wollte. Mit verlegener Miene harrte der junge Mann, der diese Unterredung zu fürchten schien, der Dinge, die da kommen sollten. »Hör mich an«, begann der Tuchhändler. »Als Vater Hauchecorne mir den ›Vieil Elbeuf‹ übergab, ging das Geschäft gut. Er selbst hatte es vom alten Finet in bestem Zustand übernommen. Du kennst meine Einstellung: ich würde mir vorkommen, als beginge ich eine Gemeinheit, wenn ich das Geschäft meinen Kindern in einem unrentableren Zustand übergeben wollte; aus diesem Grund habe ich bisher deine Heirat mit Geneviève verschoben. Ja, ich habe eigensinnig gehofft, den früheren Wohlstand wieder zu erreichen. Ich hoffte, dir die Bücher vorlegen und sagen zu können: Schau, in dem Jahr, als ich eintrat, wurde soundso viel verkauft, und in diesem Jahr, wo ich euch das Geschäft übergebe, war der Umsatz um zehntausend oder zwanzigtausend Franken höher. Das war so eine Art Gelöbnis vor mir selbst, ich wollte mir nicht vorwerfen müssen, ich hätte euch bestohlen.«

Eine tiefe innere Bewegung raubte ihm die Stimme. Er räusperte sich, um die Fassung wiederzugewinnen, dann fragte er:

»Du sagst nichts?«

Allein Colomban hatte nichts zu sagen. Er schüttelte den Kopf und wartete immer verlegener, denn er glaubte zu erraten, worauf Baudu hinauswollte. Offenbar wollte er, daß binnen kurzem geheiratet würde. Wie sollte er sich dem widersetzen? Niemals würde er dazu die Kraft finden. Und was war dann mit jener anderen, von der er Nacht für Nacht träumte, von einem heißen Fieber verzehrt?

»Das Geld, das wir für das Landgut bekommen haben«, fuhr Baudu fort, »kann uns vielleicht retten. Unsere Lage wird mit jedem Tag schlimmer, aber wenn wir eine äußerste Anstrengung machen ... Wir müssen alles auf eine Karte setzen. Das indessen, mein armer Junge, würde bedeuten, daß eure Heirat wieder einmal verschoben wird, denn ich kann euch doch jetzt nicht allein in den Kampf schicken; das wäre zu feige, nicht wahr?«

Als Colomban dies hörte, sank er erleichtert auf einen Stoffballen nieder. Seine Beine zitterten, er fürchtete, seine innere Freude merken zu lassen, und blickte darum zu Boden.

»Du sagst nichts?« fragte Baudu wieder.

Nein, er sagte nichts, er fand nichts zu sagen. Da fuhr der Tuchhändler leise fort:

»Ich wußte ja, daß diese Eröffnung ein schwerer Schlag für dich sein würde ... Du mußt Mut fassen; sei doch nicht so niedergeschlagen. Versuch doch, meine Lage zu begreifen: kann ich euch einen solchen Stein an den Hals hängen? Anstatt euch ein gutes Geschäft zu übergeben, würde ich euch vielleicht einem Bankrott ausliefern. Nein, so etwas brächte nur ein Schurke fertig. Ich will sicherlich euer Glück, aber nie wird man mich überreden, gegen mein Gewissen zu handeln.«

In dieser Weise sprach er weiter und verwickelte sich mehr und mehr in Widersprüche. Da er dem Angestellten nun einmal seine Tochter mitsamt dem Laden versprochen hatte, verlangte die Rechtschaffenheit, daß er beides in gutem Zustand übergab. Allein er war müde, die Last wurde ihm zu drückend. Er wartete darauf, daß Colomban sich einen Ruck geben, seinem Herzen folgen würde – aber nichts geschah.

Da der junge Mann noch immer mit gesenktem Kopf dasaß, fragte er ihn zum drittenmal:

»Du sagst nichts?«

Nun endlich murmelte Colomban, ohne ihm ins Gesicht zu schauen:

»Was gibt es da zu sagen? Sie sind der Chef, Sie sind klüger als wir alle. Da Sie es wünschen, werden wir warten.«

Baudu hatte gehofft, Colomban werde sich ihm an den Hals werfen und ausrufen: »Vater, setzen Sie sich zur Ruhe, überlassen Sie die Sorgen nur uns! Geben Sie uns den Laden, wie er ist, wir werden es schon schaffen, ihn über Wasser zu halten!« Dann schaute er ihn an und wurde von innerer Scham ergriffen; er klagte sich an, daß er seine Kinder habe überlisten wollen. Die alte kaufmännische Rechtschaffenheit meldete sich wieder zu Wort: Dieser nüchterne Bursche hatte recht, im Handel gab es keine Gefühle, da gab es nur Zahlen.

»Es bleibt also dabei«, sagte er, um der Sache ein Ende zu machen, »wir werden im nächsten Jahr wieder von der Heirat sprechen.«

Als Frau Baudu am Abend vor dem Schlafengehen ihren Mann nach dem Ergebnis der Unterredung fragte, hatte Baudu seinen Eigensinn wiedergefunden. Er erging sich in Lobeserhebungen über Colomban: das sei ein guter, aufrechter Bursche, nicht wie die geschniegelten Stutzer da drüben, die den Käuferinnen die Cour machten.

»Aber was ist's mit der Heirat?« fragte Frau Baudu.

»Später«, erwiderte ihr Mann. »Ich will meinen Kindern mein Versprechen halten.«

Sie schwieg eine Weile, dann sagte sie:

»Unsere Tochter wird daran zugrunde gehen.«

Da wurde Baudu zornig. War es denn seine Schuld? Er liebte seine Tochter wahrhaftig, aber er konnte doch nichts dafür, wenn das Geschäft nicht besser ging! Geneviève sollte vernünftig sein und Geduld haben. Alle Wetter, Colomban blieb ja da, niemand wollte ihn ihr stehlen.

»Es ist unglaublich«, wiederholte er ein über das andere Mal; »ein so wohlerzogenes Mädchen ...«

Frau Baudu sagte nichts mehr. Ohne Zweifel hatte sie die Eifersuchtsqualen ihrer Tochter erraten, aber sie brachte es nicht fertig, mit ihrem Mann darüber zu sprechen. –

Mittlerweile hatte Denise sich entschlossen, ins »Paradies der Damen« zurückzukehren. Sie hatte begriffen, daß Robineau, obgleich er genötigt war, sein Personal zu verringern, nicht den Mut fand, sie zu entlassen. Um sich über Wasser zu halten, mußten die Eheleute bereits alles selber machen. Gaujean beharrte bei seinem Eigensinn und gab noch länger Kredit, ja er versprach sogar, neue Gelder für sie aufzutreiben. Allein Robineau war vorsichtig und wollte nicht gegen die Gesetze von Sparsamkeit und Ordnung verstoßen. Denise beobachtete seit vierzehn Tagen, daß die Robineaus sich ihr gegenüber immer verlegener benahmen, und so entschloß sie sich, die Sache selber zur Sprache zu bringen. Sie habe anderwärts einen Platz gefunden, sagte sie. Alles fühlte sich erleichtert. Frau Robineau küßte sie gerührt und versicherte, daß sie es stets bedauern werde, sie zu verlieren. Dann fragte man sie, wohin sie gehe, und als sie erwiderte, sie kehre zu Mouret zurück, wurde Robineau sehr blaß.

»Sie haben ganz recht!« rief er schließlich.

Schwieriger war es, die Nachricht dem alten Bourras beizubringen. Allein Denise mußte ihm doch das Zimmer kündigen. Sie zitterte davor, denn sie fühlte sich ihm tief verpflichtet.

Der Alte kam neuerdings ohnehin aus dem Zorn nicht mehr heraus. Waren doch diese Gauner auf den Gedanken verfallen, zur Verbindung der schon bestehenden Abteilungen des Warenhauses mit den neu einzurichtenden Räumen im ehemaligen Haus Duvillard unter seinem Laden einen Stollen durchtreiben zu lassen! Da das Haus Mouret gehörte und der Vertrag dahin lautete, daß der Mieter alle Reparaturen gestatten müsse, erschienen eines Morgens die Arbeiter bei Bourras. Er jagte sie fort und erklärte, er werde klagen. Das ganze Viertel wartete gespannt auf den Prozeß, der endlos zu werden versprach.

An dem Tag, als Denise sich endlich entschlossen hatte, Bourras zu kündigen, kam dieser eben von seinem Anwalt.

»Wollen Sie es glauben: jetzt behaupten sie, das Haus sei nicht fest genug, sie müßten das Fundament ausbessern. Es wäre wirklich kein Wunder, wenn das Haus wackelte. Sie haben es ja lange genug mit ihren Maschinen durchgerüttelt.«

Als das junge Mädchen ihm dann erzählte, es wolle mit tausend Franken Gehalt wieder ins »Paradies der Damen« eintreten, war er dermaßen betroffen, daß er auf einen Stuhl niedersank und rief:

»Bleibt denn keiner mehr übrig außer mir?«

Nach einer Weile fragte er:

»Und der Kleine?«

»Er soll zu Frau Gras zurück«, sagte Denise, »sie hat das Kind sehr gern.«

Wieder schwieg er. Sie hätte es lieber gesehen, wenn er wütend gewesen wäre, wenn er geflucht, mit der Faust auf den Tisch geschlagen hätte; seine wortlose Bestürzung tat ihr weh. Nach und nach aber faßte er sich und begann wieder zu schreien.

»Tausend Franken, das lehnt man freilich nicht ab ... Und wenn ich zehnmal alleinbleibe – ich werde mich nicht beugen! Sagen Sie ihnen, daß ich meinen Prozeß gewinnen werde, und wenn ich mein letztes Hemd dafür opfern müßte!«

Denise sollte Robineau erst Ende des Monats verlassen. Sie hatte Mouret wiedergesehen, und alles war geregelt worden. Als sie eines Abends eben in ihr Zimmer hinaufsteigen wollte, wurde sie von Deloche angehalten, der sie unter einem Hauseingang erwartet hatte. Er war sehr glücklich; soeben hatte er die große Neuigkeit erfahren. Das ganze Geschäft spreche davon, versicherte er. Sehr aufgeräumt erzählte er ihr den neuesten Klatsch aus der Konfektionsabteilung.

»Sie können mir glauben: die Damen schneiden schöne Gesichter! ... Übrigens, erinnern Sie sich an Claire? Es scheint, daß der Chef sie zu seiner Geliebten gemacht hat ...«

Er war sehr rot geworden; ihr dagegen wich alle Farbe aus dem Gesicht.

»Wie, Herr Mouret?« rief sie aus.

»Sonderbarer Geschmack, nicht wahr?« fuhr Deloche fort. »Ein Frauenzimmer wie ein Pferd ... Die Kleine aus der Wäscheabteilung, die er im vorigen Jahr zweimal hatte, war wenigstens ein hübsches Ding. Aber das ist ja seine Sache ...«

Als Denise in ihrem Zimmer ankam, fühlte sie sich sehr elend. Sie glaubte, es komme davon, daß sie zu rasch hinaufgegangen sei. Sie stand ans Fenster gelehnt, und in ihrer Erinnerung tauchte plötzlich Valognes auf mit seinen einsamen Gassen und den moosbedeckten Pflastersteinen. Sie sehnte sich danach, wieder dort zu leben, sich in die Vergessenheit und den Frieden der Provinz zu flüchten. Sie empfand einen Widerwillen gegen Paris, sie haßte das »Paradies der Damen« und wußte nicht mehr, weshalb sie eingewilligt hatte, dahin zurückzukehren. Sicherlich würden damit alle Qualen von vorn anfangen. Sie litt ja schon jetzt durch die Erzählungen Deloches, ohne sich die Ursache erklären zu können. Ganz plötzlich brach sie in Schluchzen aus und weinte lange vor sich hin.

Am folgenden Vormittag wurde sie von Robineau mit verschiedenen Gängen beauftragt. Als sie am »Vieil Elbeuf« vorbeikam, trat sie einen Augenblick ein, weil sie Colomban allein im Laden gesehen hatte. Die Baudus waren beim Essen; man hörte das Geklapper ihrer Bestecke aus dem kleinen Speisezimmer.

»Sie können ruhig hineingehen«, sagte der Angestellte.

Aber sie gebot ihm Schweigen, zog ihn in einen Winkel und sagte leise:

»Mit Ihnen habe ich zu reden. Haben Sie denn kein Herz? Sehen Sie nicht, daß Geneviève Sie liebt und darüber zugrunde geht?« Sie bebte am ganzen Körper, die fieberhafte Erregung vom Abend vorher hatte sie wieder ergriffen. Er stand betroffen da, völlig überrascht von diesem Angriff; er schaute sie an, ohne ein Wort herauszubringen.

»Hören Sie«, fuhr sie fort, »Geneviève weiß, daß Sie eine andere lieben. Sie hat es mir gesagt und dabei herzzerbrechend geweint, die Ärmste ... Sie können sie doch nicht so umkommen lassen!«

Endlich sagte er ganz verstört:

»Aber sie ist ja gar nicht krank; Sie übertreiben ... Außerdem verschiebt ihr Vater die Hochzeit immer wieder ...«

Denise trat dieser Ausflucht schroff entgegen. Sie fühlte, daß das leiseste Drängen von Seiten des jungen Mannes den Onkel bestimmt hätte, nachzugeben.

Die Überraschung Colombans war übrigens keineswegs erheuchelt: er hatte in der Tat von Genevièves langsamem Hinsiechen nichts bemerkt. Es war für ihn eine unangenehme Entdeckung; solange er nichts gewußt hatte, brauchte er sich keine Gewissensbisse zu machen.

»Und um wen das alles?« fuhr Denise fort. »Um eine liederliche Person! Sie wissen gar nicht, wen Sie da lieben. Ich wollte Sie bisher nicht kränken und habe es vermieden, auf Ihre fortwährenden Fragen zu antworten ... Ja, sie geht mit aller Welt und macht sich nur lustig über Sie; Sie werden sie niemals bekommen oder höchstens genau wie alle anderen, einmal so im Vorübergehen ...«

Er verfärbte sich, hörte sie aber wortlos an. Von einer gewissen Grausamkeit fortgerissen, rief sie schließlich aus:

»Und wenn Sie noch mehr wissen wollen, so sage ich Ihnen zum Schluß, daß sie es mit ihrem Chef hält, mit Herrn Mouret.«

Die Stimme versagte ihr, und sie wurde noch blasser als er. Stumm betrachteten sie einander. Endlich stammelte er:

»Ich liebe sie aber!«

Da schämte sich Denise. Warum sprach sie so mit diesem jungen Mann und weshalb ereiferte sie sich dermaßen? Sie stand schweigend da, das eine Wort, das er ihr soeben erwidert hatte, klang in ihrem Herzen nach. »Ich liebe sie, ich liebe sie ...« Er hatte recht: wenn er sie liebte, dann konnte er keine andere heiraten.

Als sie sich umwandte, bemerkte sie Geneviève auf der Schwelle des Speisezimmers.

»Schweigen Sie!« flüsterte sie ihm rasch zu.

Doch es war zu spät; Geneviève mußte alles gehört haben. Sie war leichenblaß.

Im gleichen Augenblick betrat eine Kundin den Laden. Es war Frau Bourdelais, eine der letzten Getreuen des »Vieil Elbeuf«, wo sie noch besonders strapazierfähige Stoffe bekam. Frau von Boves war längst der Mode gefolgt und zum »Paradies der Damen« übergegangen, und auch Frau Marty kam nicht mehr, völlig verführt durch die Auslagen da drüben.

Geneviève mußte der Kundin entgegengehen und fragte mit tonloser Stimme:

»Sie wünschen, gnädige Frau?«

Frau Bourdelais verlangte Flanell zu sehen. Colomban holte ein Stück herunter, und Geneviève zeigte den Stoff; so standen beide, kalt und steif, nebeneinander hinter dem Ladentisch. Mittlerweile kam auch Baudu aus dem Speisezimmer, gefolgt von seiner Frau, die auf dem Bänkchen hinter der Kasse Platz nahm. Er mischte sich anfangs in den Kauf nicht ein. Nachdem er Denise einen Gruß zugelächelt hatte, trat er beiseite und betrachtete Frau Bourdelais.

»Besonders schön ist er nicht«, sagte diese. »Zeigen Sie mir den stärksten Flanell, den Sie haben.«

Colomban holte ein anderes Stück hervor. Frau Bourdelais prüfte den Stoff genau und fragte dann:

»Was kostet der Meter?«

»Sechs Franken, gnädige Frau«, erwiderte Geneviève.

»Sechs Franken? Da drüben ist ganz der gleiche für fünf Franken zu haben!«

Ein Schatten des Unmuts flog über Baudus Gesicht. Er konnte nicht mehr umhin, sich höflich einzumischen. Gnädige Frau müßten sich täuschen, meinte er; dieser Stoff sollte eigentlich sechs Franken fünfzig kosten; ihn für fünf Franken abzugeben sei völlig unmöglich. Sicherlich handle es sich da um eine andere Sorte.

»Nein, nein!« beharrte sie mit dem Eigensinn der Bürgersfrau, die nicht zugeben will, daß sie sich geirrt haben könnte. »Es ist der gleiche Stoff, vielleicht sogar noch etwas stärker als dieser.«

Die Auseinandersetzung wurde erregter, Baudu unterdrückte nur mehr mühsam den Ärger, der bereits in seinem galligen Gesicht aufzusteigen begann. Die Erbitterung gegen das »Paradies der Damen« schnürte ihm fast die Kehle zu.

»Sie müssen mich schon etwas besser behandeln«, sagte Frau Bourdelais schließlich, »sonst gehe ich auch hinüber wie die andern.«

Als Baudu dies hörte, verlor er den Kopf, und seine Wut machte sich in dem Aufschrei Luft:

»Nun, so gehen Sie doch!«

Sie erhob sich tief verletzt und ging, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Nun herrschte allgemeine Bestürzung; selbst Baudu war betroffen von dem, was er da eben gesagt hatte. Der Satz war ihm unwillkürlich entschlüpft, in einem Ausbruch seines lang unterdrückten Zorns. Stumm, mit hängenden Armen, sahen sie nun alle Frau Bourdelais nach, wie sie über die Straße ging. Es war ihnen, als nehme sie ihr aller Glück mit. Als sie beim »Paradies der Damen« eintrat und sich in der Menge verlor, murmelte der Tuchhändler:

»Noch eine, die sie uns genommen haben!«

Dann wandte er sich zu Denise. Er wußte, daß sie wieder drüben eintreten sollte, und sagte:

»Dich haben sie sich auch zurückgeholt. Geh nur, ich bin dir nicht böse. Sie haben das nötige Geld, also sind sie die Stärkeren.«

Eben hatte Denise in der Hoffnung, Geneviève könnte Colomban nicht gehört haben, ihrer Kusine zugeflüstert:

»So freuen Sie sich doch, er liebt Sie ja!«

Aber das Mädchen erwiderte leise im Ton tiefsten Schmerzes:

»Warum lügen Sie mich an? Sehen Sie selbst, er schaut ja fortwährend hinauf! Ich weiß, daß sie ihn mir gestohlen haben, wie sie uns alles stehlen.«

Und sie setzte sich neben ihre Mutter auf das Bänkchen hinter der Kasse.

Frau Baudu hatte ohne Zweifel erraten, welchen Schlag ihre Tochter erhalten hatte, denn ihre Blicke gingen zwischen Colomban und dem »Paradies der Damen« hin und her. Ja, wirklich, sie stahlen ihnen alles: dem Vater das Vermögen, der Mutter ihr Kind, der Tochter den Verlobten, auf den sie zehn Jahre gewartet hatte.

Beim Anblick dieser Familie, die so sichtlich dem Untergang entgegenging, packte Denise das Mitleid, und sie kam sich einen Moment sehr schlecht vor. War sie nicht auch wieder im Begriff, mit Hand an die Maschine zu legen, die diese armen Leute vernichtete? Allein sie fühlte sich wie von einer unwiderstehlichen Macht fortgerissen, sie wußte, daß sie nichts Böses tat.

»Ach was«, rief Baudu, um sich selber Mut zu machen, »eine Kundin geht, und zwei andere kommen. Gib nur acht, Denise, ich habe hier siebzigtausend Franken, die deinem Herrn Mouret noch manche schlaflose Nacht bereiten sollen. Und ihr, Kinder, seid vergnügt, macht bloß nicht solche Leichenbittermienen!«

Es wollte ihm indessen nicht gelingen, die Seinen aufzuheitern, und so verfiel auch er wieder in seinen stillen Kummer. Gemeinsam starrten sie auf das Ungeheuer da drüben. Eben hielten vor dem Warenabgang acht Wagen, die eilends von den Laufburschen vollgeladen wurden. Die grünen Felder der Wagen mit ihren gelben und roten Einfassungen glänzten im hellen Sonnenschein wie Spiegel und warfen ihren blendenden Widerschein bis herüber in die Tiefe des »Vieil Elbeuf«. Schwarz livrierte Kutscher hielten straff die Zügel ihrer prächtigen Pferde, die ungeduldig mit den Hufen scharrten und an ihrem blankgeputzten Zaumzeug kauten. Sooft einer der Wagen beladen war, entfernte er sich mit einem hellen Rollen, unter dem all die benachbarten kleinen Läden zu erzittern schienen. Zweimal täglich mußten die Baudus sich das ansehen, und dieser Triumphzug brach ihnen das Herz.


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