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Die Ballade vom Zuchthause zu Reading

In Memoriam C. T. W.

Weiland Troupier der kgl. Reitergarde.
Hingerichtet in Ihrer Majestät Gefängnis.
Reading, Berkshire, den 7. Juli 1896.

I

Er trug nicht mehr den roten Rock,
Denn Blut und Wein war rot
Und rot seine Hand, da man ihn fand,
Und der Anblick, der sich bot:
Ermordet das Weib, das er geliebt,
In ihrem Bette tot.

Er schritt im Inquisitenhof
In grauem Zwilch umher,
Eine Kricketmütze auf dem Kopf,
Und sein Schritt erschien nicht schwer;
Nur sah ich keinen, der in den Tag
So sehnlich sah wie er.

So sehnlich sah zu dem Fleckchen Blau,
Dem kleinen blauen Feld,
Das der Gefangene Himmel nennt,
Den Himmel seiner Welt,
Und zu jeder Wolke, die oben zieht
Und Silbersegel schwellt.

Ich schritt mit andern in anderm Kreis
Und dachte so für mich nach,
Ob es Schweres, ob es Leichtes war,
Was dieser Mensch verbrach,
Als in dem Kreis eine Stimme leis
»Ja, der wird hängen!« sprach.

O Jesus Christ, da schwankten mir
Die Mauern allzumal,
Und der Himmel mir zu Häupten ward
Wie ein Helm aus glühendem Stahl,
Und ich fühlte, was ich sonst auch litt,
Nicht mehr die eigne Qual.

Ich fühlte einzig, was im Hof
So wild ihn trieb umher
Und warum er in den hellen Tag
So sehnlich sah und schwer;
Er hatte gemordet, was er geliebt,
Und also starb auch er.

* * *

Doch jeder mordet, was er liebt,
Sei jeder des belehrt,
Mit schmeichelndem Wort, mit bittrem Blick,
Nach jedes Art und Wert;
Der Feige mordet mit einem Kuß,
Der Tapfre mit einem Schwert.

Der mordet als Jüngling, was er liebt,
Und jener als ein Greis,
Der eine mit kalter Goldeshand,
Der andre von Wollust heiß;
Der Gütigste aber nimmt den Dolch,
Weil er nichts so sicher weiß.

Zu kurz liebt dieser, der zu lang,
Man kauft und schenkt und wirbt;
Der tut die Tat mit Tränen viel,
Der lacht, wie er verdirbt:
Denn jeder mordet, was er liebt,
Nur daß nicht jeder stirbt.

* * *

Er stirbt nicht einen Tod der Schmach,
Wenn der letzte Tag ihn weckt,
Hat keine Schlinge um den Hals,
Das Antlitz nicht bedeckt,
Und fällt nicht schwer hinab ins Leere,
Die Füße vorgestreckt;

Sitzt nicht mit stummen Sbirren, die
Ihn bewachen Nacht und Tag,
Bewachen, wenn er weinen will
Und wenn er beten mag;
Bewachen, daß er dem Kerker nicht
Seinen Raub zu rauben wag'.

Und nicht erwacht er eines Tags,
Sieht nicht im Morgenlicht
Den Kaplan in Weiß verstört und bleich,
Den strengen Sheriff nicht,
Nicht den Direktor ganz in Schwarz
Mit gelbem Urteilsgesicht.

Er steht nicht auf in kläglicher Hast,
Die seine Angst verhöhnt,
Indes ein Doktor mit grobem Mund
Notiert, wie er zuckt und stöhnt,
Und die Taschenuhr in seiner Hand
Mit schrecklichem Hämmern dröhnt.

Er kennt nicht diesen sandigen Durst,
Der die Kehle dorrt und strüpft,
Bis der Henker mit den Fausthandschuhn
Durch die Polstertüre schlüpft
Und, daß ihm der Durst für stets vergeh',
Seine drei Riemen knüpft.

Er hört nicht selber sein Totenamt,
Bevor man ihn begräbt,
Sieht nicht den Sarg schon im Bretterpferch,
Wo sich der Pfahl erhebt,
Indes seiner Seele Schrecken nur
Ihm sagt, daß er noch lebt.

Er starrt durch ein kleines Glasdach nicht
In die Luft, und leichenblaß,
Nicht fleht er um kurzen Todeskampf
Mit Lippen dumpf und blaß,
Fühlt auf der schauernden Wange nicht
Den Kuß des Kaiphas.

II

Sechs Wochen im grauen Sträflingszwilch
Schritt er im Hof umher,
Seine Kricketmütze auf dem Kopf,
Und sein Schritt erschien nicht schwer;
Nur sah ich keinen, der in den Tag
So sehnlich sah wie er.

So sehnlich sah zu dem Fleckchen Blau,
Dem kleinen blauen Feld,
Das der Gefangne Himmel nennt,
Den Himmel seiner Welt,
Und zu jeder Wolke lockigem Vließ
Hochoben am lichten Zelt.

Er rang die Hände nicht, wie wohl
In schwarzer Verzweiflungsgruft
Ein Narr, der noch auf die Hoffnung baut,
Die trügerisch ihm verpufft;
Er blickte nur zur Sonne auf
Und trank die Morgenluft.

Rang nicht die Hände, weinte nicht
Und wand sich nicht in Pein,
Trank nur die Luft, als wäre sie
Voll stillender Arzenein;
Mit offnem Munde trank er nur
Das Licht, als wär' es Wein!

Und alle wir in dem andern Kreis,
Wir schritten und keiner sprach
Und keiner wußte mehr, ob groß,
Ob klein war, was er verbrach;
Wir starrten nur ihm, der hängen sollt',
In stumpfem Grauen nach.

Und seltsam war's, ihn anzusehn,
Wie so leicht er schritt umher,
Zu sehn, wie er in den Himmel sah
So sehnlich und so schwer,
Und dabei zu denken an einen Tod
So fürchterlich, wie der!

* * *

Denn Eiche und Ulme im Frühlingslaub
Zu schaun ist Herzenslust,
Doch grausig zu schaun ist der Galgenbaum,
Entsproßt aus giftigem Duft,
Und, frisch oder dürr, er trägt nur Frucht
Wenn einer sterben mußt'!

Wer möchte nicht den höchsten Platz
Sich erflehen vom Geschick,
Wer aber stehn unterm Galgen hoch
In einem hänfnen Strick
Und durch die Schlinge zum Himmelsblau
Senden den letzten Blick?

Wohl ist es süß, im Lebensmai,
Der uns lockt aus Wald und Kluft,
Bei Lautenschall und Flötenhall
Zu tanzen durch Glanz und Duft;
Doch süß ist's nicht, auf dem Hochgericht
Zu tanzen in der Luft!

So mit Neugier halb und halb mit Graun
Sahn wir ihn Tag für Tag,
Voll Zweifeln, ob nicht unser Ziel
Auf demselben Wege lag.
Denn niemand weiß, zu welcher Höll'
Seine Seele noch irren mag?

* * *

So blieb es, bis er nicht mehr kam,
Noch je wieder kommen wollt':
Er stand im Saal vorm Tribunal,
Wo der schwarze Würfel rollt,
Und ich wußte, daß ich in dieser Welt
Nie mehr ihm begegnen sollt'.

Es kreuzten, zwei Schiffen im Sturme gleich,
Sich hier unsre Wege dicht,
Doch ohne Zeichen, ohne Wort,
Und sprechen konnten wir nicht:
Denn wir trafen uns nicht in heiliger Nacht,
Sondern im schmachvollen Licht.

Uns hatte beide ein gleiches Los
Im Zuchthaus hier gesellt,
Verstoßen von Gottes Angesicht
Und von der Brust der Welt;
Wir hingen beid' in dem Eisen fest,
Das der Teufel der Sünde stellt.

III

Hoch sind im Delinquentenhof
Die tropfenden Mauern rings
Und die Steine hart und der Himmel Blei,
Und dort im Kreise ging's,
Und daß er nicht sterbe, schritten ihm
Zwei Sbirren rechts und links.

Und wieder saß er mit ihnen, die
Ihn bewachten Nacht und Tag,
Bewachten, wenn er weinend stand
Und wenn er betend lag,
Bewachten, daß er dem Galgen nicht
Seinen Raub zu rauben wag'.

Der Direktor hielt an die Vorschrift sich
Genau und skrupelhaft,
Der Doktor sagte, der Tod sei nur
Ein Problem der Wissenschaft;
Der Kaplan kam zweimal des Tags zu ihm
Mit Traktaten von Gottes Kraft.

Und zweimal raucht' er die Pfeife tags
Und trank ein Viertel Bier:
Seine Seele hielt sich gut und war
Kein Raum für Furcht in ihr;
Daß so nah ihm stand des Henkers Hand,
Das, sagt' er, freu' ihn schier.

Doch warum er sprach dies seltsame Wort,
Kein Sbirre fragt' ihn drum:
Denn, wer verdammt zum Sbirrenamt,
Fragt nicht nach grad und krumm;
Sein Antlitz ist eine Maske nur,
Sein Mund bleibt immer stumm.

Sonst würd' vielleicht sein Herz erweicht,
Ein Tröster ihm zu sein;
Doch ein Mörderloch, wie schlöß es noch
Ein menschlich Rühren ein?
Und welches Wort auch tröstet dort
Einer Bruderseele Pein?

* * *

Und rechts und links im Kreise ging's
In rechtem Narrentanz!
Wir waren des Teufels Gardekorps
Und heilige Allianz,
Und geschorner Kopf und Blei am Fuß
Geben lustigen Mummenschanz.

Wir rissen an teerigen Tauen uns
Die Nägel wund und krank,
Wir wuschen die Türen, rieben den Flur
Und putzten die Riegel blank,
Wir klommen mit Eimern auf und ab
Und seiften Tisch und Bank.

Wir nähten Säcke, wir zogen Zinn,
Wir klopften Kiesel klein,
Wir spannen am Spill, wir drehten den Drill
Und grölten Psalmodein,
Doch in jedes Herzen still und stumm
Lag schreckliche Angst und Pein.

Und in dieser Angst schlich Tag für Tag
Dahin in trägem Trott,
Und Verbrecher und Narr vergaß sein Los,
Seine Qual und seinen Spott,
Bis das offne Grab wir am Wege sahn
Bei der Rückkehr vom Robot.

Ein gähnender Mund mit gelbem Schlund,
So harrt' es auf Tribut,
Und des Lebens Gier und des Asphalts Durst
Sie schrieen laut nach Blut;
Und wir wußten: einer hing, bevor
Zum Tag ward die Morgenglut.

Und wir schwankten ins Haus voll Graun und Graus,
Denn gebrochen war der Stab:
Denn im Dunkel kam, der das Leben ihm nahm
Und dafür das Leben ihm gab,
Und zitternd krochen wir jeder da
In sein numeriertes Grab.

* * *

Voll Schreckgestalten war diese Nacht
Jeder leere Korridor,
Unsichtbar schritt, unhörbar glitt
Ihre Schar zu uns empor,
Und aus den vergitterten Luken sahn
Wie bleiche Gesichter vor.

Er lag wie einer, der liegt und träumt
In lieblichem Wiesenland,
Die Sbirren bewachten seinen Schlaf
Und keiner wohl verstand,
Wie jener schlief so sanft und tief
Mit dem Henker schon zur Hand.

Doch wenn Männer weinen, die nie geweint,
Das ist kein Schlaf fürwahr:
So verbrachten Verbrecher und Narren wir
Die endlose Stundenzahl,
Und in jedem Hirn unter jedes Stirn
Brannt' eines andern Qual.

* * *

Ach, schrecklich ist es, wenn man fühlt,
Was ein andrer auf sich lud,
Und Tränen weint wie geschmolzen Blei
Um von andrem vergoßnes Blut!
Denn der Sünde Schwert, das giftige, fährt
Bis ans Heft und trifft uns gut.

Der Wärter auf seinen Filzschuhn schlich
Dahin im Zellengang
Und sah durchs Gitter, und was er sah,
Erfüllt' ihn selbst mit Bang:
Auf dem Boden knieten Gestalten, die
Nicht beteten lebenslang.

Wir lagen die ganze Nacht auf den Knien
Um des andern Schuld und Arg;
Die zerwühlten Decken der Mitternacht
Waren Decken auf einem Sarg,
Und Essig nur war's auf einem Schwamm,
Was die Reue an Tröstung barg.

* * *

Der graue Hahn, der rote Hahn,
Sie krähten, doch kam kein Tag,
Und Schemen kauerten angstgeduckt
In dem Eck, wo jeder lag,
Und jeder Vampyr trieb sein Spiel,
Der nachts nur kommen mag.

Sie glitten bedacht, sie glitten sacht
Wie Wanderer durch Nebeldunst,
Sie narrten den Mond, verheißend und droh'nd,
Und schielten nach ihm um Gunst,
Mit trippelndem Tritt und stolzem Schritt
Zeigten sie ihre Kunst.

Wir sahn sie gehn, sich wirbeln und drehn
Im wehenden Fluggewand,
Sie tanzten vorbei ihre Passacaille
Gespenstisch Hand in Hand
Und machten grotesk ein Tanzarabesk
Wie Windeswehn im Sand!

Sie schlugen im Gehn auf spitzen Zehn
Pirouetten durchs Gemach,
Doch ihr Flötenchor erfüllte das Ohr
Mit Schaudern hundertfach,
Und sie sangen laut und sie sangen lang,
Denn sie sangen die Toten wach.

Sie riefen: Joho! die Welt ist weit,
Doch mit Ketten geht man lahm!
Wohl freun sich viel am Würfelspiel,
Doch nie zu Gewinste kam,
Wer in der Sünde heimlichem Haus
Den Teufel zum Partner nahm
.

* * *

O Herr und Gott, die so mit Spott
Verhöhnten unser Graun,
Sie waren für uns in Ketten hier
Nicht Luftgebilde, traun!
Sie waren Wesen von Fleisch und Blut,
Entsetzlich anzuschaun.

Und noch immer rings im Tanze ging's
Mit diesem und jenem Trick,
Mit Wiegen und Drehn, wie Dirnen gehn,
Und lüsternem Lächelblick,
Und ihr grinsender Hohn und ihr neckendes Drohn
Hielt uns im Beten quick.

* * *

Zu seufzen begann der Morgenwind,
Doch der Morgen war noch weit,
Manch schwarzen Faden noch spann die Nacht
Vom Webestuhl der Zeit.
Und wer so lag, war bang vor dem Tag
Und seiner Gerechtigkeit.

Der Wind umseufzte das ganze Haus
Mit den weinenden Mauern all,
Und die Minuten krochen hin
An Rädern von Metall.
O seufzender Wind! wer gab und wofür
Uns solchen Seneschall?

Und endlich rechts an der weißen Wand,
So hoch mein Auge klomm,
Nahm ich das Gitterfenster aus,
Und das war des Tages Willkomm,
Des Tags, der draußen irgendwo
In blut'gem Rot erglomm.

* * *

Um sechs Uhr wurden die Zellen gekehrt,
Um sieben war's still im Haus,
Doch alle Räume schienen voll
Von mächtiger Flügel Saus:
Denn eingetreten war König Tod
Und wählte sein Opfer aus.

Nicht daß er erschien in Purpurpracht,
Noch mondweißen Zelter ritt:
Es brauchte nur drei Ellen Schnur
Und ein Brett, das niederglitt.
Der Herold kam, sein Werk zu tun,
Und brachte die Kordel mit.

* * *

Wir waren wie Schiffer in dunkler Nacht
Ohne Steuer, ohne Warp,
Die Gebete waren in Angst verstummt,
Die Gesichter leichenfarb;
In jedem von uns war etwas tot,
Und die Hoffnung war's, die starb.

Denn die menschliche Gerechtigkeit,
Der grausamste Despot,
Geht ihren Weg über Stark und Schwach,
Und jeder Schritt ist Tod,
Und zertritt den Starken mit eisernem Tritt,
Der schuldig am fünften Gebot.

* * *

Wir harrten des achten Stundenschlags,
Vor Durst die Zungen dick:
Denn die achte Stunde gebiert die Tat,
Den entscheidenden Augenblick,
Und ob gut, ob bös, das Schicksal hält
Für alle bereit den Strick.

Wir hatten nichts als des Zeichens nur
Zu harren, das uns rief;
So saßen wir zu Stein erstarrt
In uns versunken tief,
Nur daß, wie ein Toller die Trommel rührt,
So laut das Herz uns lief!

* * *

Da plötzlich fuhr der Schlag der Uhr
Durch die schauernde Luft wie Stahl,
Und durch das ganze Zuchthaus ging
Ein Schrei ohnmächt'ger Qual,
Wie ein ausgestoßner Lazarus
Ihn schreit durch sein ödes Tal.

Und wie wir im Traum wohl Schreckliches schaun
In der Spiegelbilder Flug,
So sahn wir den grauen hänfnen Strang
Und den schwarzen Baum, der ihn trug,
Und hörten das Beten, das nun zum Schrei
Erstickte des Henkers Zug.

Und keiner fühlte aus diesem Schrei
So ganz wie ich seine Not
Und die Reue so heiß und den blutigen Schweiß
Und die Wunden all so rot:
Denn wer mehr Leben als eines lebt,
Stirbt mehr als einen Tod.

IV

Es gibt keine Kirche an dem Tag,
Da einer hängen mußt'.
Denn der Kaplan ist viel zu blaß,
Und fehlt ihm wohl die Lust;
Vielleicht auch steht Gefährliches ihm
In den Augen unbewußt.

Als endlich dann die Glocke rief,
Da war es vor Mittag knapp,
Und der Wärter kam mit dem Schlüsselbund
Und nahm die Riegel ab,
Und aus den Einzelhöllen scholl
Treppnieder unser Trab.

Und wir traten in Gottes geliebte Luft,
Doch nicht wie sonst vorher,
Denn dessen Antlitz war weiß von Furcht
Und fahl wie Asche der,
Und nie sah ich Männer in den Tag
So sehnlich sehn und schwer.

So sehnlich sehn zu dem Fleckchen Blau,
Dem kleinen blauen Feld,
Das der Gefangne Himmel nennt,
Den Himmel seiner Welt,
Und zu jeder Wolke, die oben zieht
Am weiten, freien Zelt.

Doch andre schritten, das Haupt gesenkt,
Und fühlten: dem Rechte nach
War todeswürdiger ihre Schuld
Denn das, was er verbrach:
Sie mordeten Tote, wo er nur
Die Lebende erstach.

Denn wer zum zweiten sündigt, erneut
Einer toten Seele Qual,
Reißt aus dem blutigen Laken sie
Und mordet zum zweitenmal,
Und wieder in großen Tropfen quillt
Das Blut unter seinem Stahl.

* * *

Wie Clowns oder Affen, bizarr livriert,
Mit schiefen Pfeilen bemalt,
So schritten wir stumm immer um und um
Auf dem glitschigen Asphalt,
So schritten wir stumm immer um und um –
Uns wurde heiß und kalt.

So schritten wir stumm immer um und um,
Und es ging wie mit Sturmesbraus
Durch die leeren Höhlen unsres Hirns
Der Erinnerungen Graus;
Und Grauen kroch uns heimlich nach
Und Entsetzen zog voraus.

* * *

Die Wärter stolzten auf und ab
Mit uns wie an der Schnur,
Ihre Uniformen saßen prall,
Und sie trugen Sonntagsmontur;
Doch woher sie kamen, verriet uns gut
Ihrer Stiefel kalkige Spur.

Denn an dem schrecklichen Mauerring,
Der unsern Hof umgab,
Sah man die erdige Stelle nur,
Nicht mehr das offne Grab,
Und ein Häufchen nur von gebranntem Kalk,
Daß er doch sein Leilach hab'.

Ja, ein Leilach hat er, der arme Mann,
Danach es wohl keinen plackt:
Tief unter einem Gefängnishof,
Und zur größern Schande nackt,
Liegt er mit Fesseln an jedem Fuß,
In ein Brandtuch eingepackt!

Und immer frißt des Kalkes Brand
In Fleisch und Bein sich ein,
Er frißt am Tag von dem zarten Fleisch
Und nachts vom harten Bein,
Frißt bald vom Bein und bald vom Fleisch,
Doch ins Herz sich stets hinein.

* * *

Drei lange Jahre trägt der Grund
Nicht Baum noch Pflanze dort,
Drei lange Jahre unfruchtbar
Bleibt der verfluchte Ort
Und starrt zum fragenden Himmel auf
Und findet kein Anklagewort.

Sie meinen, es könnte kein Korn gedeihn,
Wo das Herz eines Mörders ruht.
Nicht so! Denn Gottes Erde ist,
Sie ahnen nicht, wie gut.
Hier blühte nur weißer die weiße Ros'
Und die rote in doppelter Glut.

Aus dem Herzen sein eine weiße Ros',
Eine rote aus seinem Mund!
Denn wer weiß die Wege, die Jesus wählt,
Daß sein Will' uns werde kund,
Seit des Pilgers Stab, vom Papst verflucht,
Plötzlich in Blüten stund?

* * *

Doch Rosen, milchweiß nicht, noch rot,
Blühn nie in diesem Licht;
Die bunten Scherben, den Kieselstein,
Mehr geben sie uns nicht,
Denn in den Blumen liegt ein Trost,
Der zu schlichten Herzen spricht.

Und von den Rosen, nicht rot noch weiß,
Fällt niemals Blatt um Blatt
Dort an dem schrecklichen Mauerring
Auf die kahle sandige Statt,
Zu künden, daß Gottes Sohn den Tod
Für alle erlitten hat.

* * *

Doch ob der schreckliche Mauerring
Ihn stets noch rings umhegt,
Und die Seele nachts nicht wandeln kann,
Die so schwer an Ketten trägt,
Und sie nur weinen mag, in so
Unheiligen Grund gelegt, –

Doch ruht er in Frieden, der arme Mann,
Wo nichts als Friede wohnt,
Von den Schrecknissen all der Mitternacht
Und des Mittags Pein verschont:
Denn die lichtlose Erde, in der er liegt,
Kennt Sonne nicht noch Mond.

* * *

Sie hängten ihn wie ein wildes Tier;
Kein Requiem erklang,
Das Frieden vielleicht seiner Seele gab,
So umhergejagt und bang,
Sie zogen ihn aus und scharrten ihn ein,
Und dauerte keines lang.

Sie streiften ihm ab den grauen Zwilch,
Und Fliegen kamen flink,
Sie spotteten über sein starres Aug
Und den Hals mit dem roten Ring,
Und häuften lachend das Leilach ihm,
Bis es ihn ganz umfing.

Der Kaplan sprach kein Gebet am Grab
Und trug es zu segnen Scham,
Mit dem Kreuze zu segnen, das Jesus Christ
Für die Sünder auf sich nahm,
Weil dieser einer von jenen war,
Die der Heiland erlösen kam.

Doch alles ist gut; er ist am Ziel,
Dahin ihn das Leben trug,
Und fremde Tränen füllen ihm voll
Des Mitleids Tränenkrug,
Denn Ausgestoßne weinen um ihn,
Und die weinen nie genug.

V

Ob Gesetze gerecht, ob ungerecht,
Ich will's nicht fragen bang.
Im Zuchthaus hier, was wissen wir,
Als wie hart der Mauern Zwang,
Und daß jeder Tag hier wie ein Jahr,
Ein Jahr, dessen Tage lang?!

Doch dieses weiß ich, daß jed' Gesetz,
Das der Mensch dem Menschen schreibt,
Seit der erste Mensch seinen Bruder schlug
Und das Böse so üppig treibt,
Mit übler Worfel den Weizen fegt,
Und die Spreu es ist, die bleibt.

Und ich weiß auch dies – und wünschte wohl,
Es wüßte dies jeder so gut –,
Daß man Kerker nur baut aus Steinen der Schmach,
Die man kittet mit Menschenblut,
Und so dicht sie vergittert, daß Christus nicht seh',
Wie Bruder an Bruder tut.

Und sperren sie Mond und Sonne aus,
Hatte recht, wer sie so beriet,
Da heimlich in ihrer Hölle Grund
So viel und so viel geschieht,
Das Gottessohn wie Menschensohn
Am besten niemals sieht!

* * *

Das Gemeinste schießt in Kerkerluft
Wie giftiges Kraut empor,
Und stets nur das Gute im Menschen war's,
Das hier welkte und erfror:
Verzweiflung und Furcht sind Wärter hier
Und bewachen das schwere Tor.

Denn das Kind läßt man hungern, bis Tag und Nacht
Es nur weint, verängstet und starr,
Und den Greis verfolgt man mit Spott und Hohn,
Und gestäupt wird Schwacher und Narr,
Und mancher wird toll und jeder wird schlecht,
Und es gilt nur: schweig und harr!

Ein finstrer, ekler Latrinenpfuhl
Ist unser Aufenthalt,
Und Brodem lebendigen Todes quillt
Aus jedem Gatterspalt,
Und alles erstickt, nur die Wollust nicht,
Diese Humanitätsanstalt.

Das Wasser, das man uns trinken läßt,
Ist schlammig, brak und schal,
Das Brot, das man uns auf Wagen wägt,
Sauer, vergipst und schmal;
Und wilden Blicks schleicht der Schlaf umher
Und ruft die Stundenzahl.

* * *

Doch ob dürrer Hunger und grüner Durst
Sich bekämpft wie Otternbrut,
Was andres ist's, das an uns frißt
Und aussaugt unser Blut:
Unser eignes Herz wird nachts der Stein,
Den man am Tage lud.

Und Nacht im Herzen und Zwielicht stets
In der Einzelhöllen Grund,
Spinnt man am Spill und dreht den Drill
Und zerrt am Tau sich wund,
Und schrecklicher spricht das Schweigen noch
Als eherner Glocken Mund.

Und keine menschliche Stimme naht
Mit gütig-mildem Wort,
Und das Aug' ist hart, das am Gitter starrt,
Scheucht keine Gespenster fort;
Vergessen von allen, welken wir hin,
Und Leib und Seele verdorrt.

So tragen des Lebens Kette wir
Und rosten das Eisen ein,
Mit Fluchen dieser, mit Weinen der
Und jener in stummer Pein;
Doch mild ist Gottes ewig Gesetz
Und bricht das Herz von Stein.

* * *

Und jedes Herz, das im Kerker bricht,
Dieser ausgestoßnen Schar,
Ist gleich dem Glas, das zerbrochen ward
Und ergossen auf Jesu Haar,
Davon des armen Aussätzigen Haus
Voll köstlicher Narde war.

Wohl ihm, dessen Herz da brechen kann
Und Frieden gewinnt und Verzeihn!
Wie sonst wird gleich des Menschen Pfad
Und die Seele von Sünden rein?
Wie sonst als in ein gebrochen Herz
Tritt je der Heiland ein?

* * *

Und er mit dem roten Ring am Hals,
Dem so starr die Augen stehn,
Er harrt auf ihn, der den Schächer hieß
Zum Paradiese gehn;
Ein zerbrochen Herz und zerschlagen Gemüt
Wird nicht der Herr verschmähn.

Drei Wochen gab ihm der Mann in Rot,
Der für ihn auf Tod erkannt,
Drei kurze Wochen, damit er von Blut
Rein wasche seine Hand
Und die Seele heile von ihrem Kampf
Und den Wunden, die sie fand.

Und mit blutigen Tränen wusch er rein
Die Hand, die geführt den Stahl,
Denn nur Blut tilgt Blut, und nur Tränenflut
Lindert der Wunden Qual;
Und zu Christi schneeweißem Siegel ward
Das blutrote Kainsmal.

VI

In Reading ist ein Schandengrab,
Und in der Erde Schoß,
Da liegt verscharrt, von Brand verzehrt,
Ein Sünder, nackt und bloß,
In brennendem Leilach liegt er da,
Und sein Grab ist namenlos.

Und dort, bis Christus die Toten ruft,
O stört seine Ruhe nicht mehr!
Was soll auch die eitle Träne noch
Und der Seufzer, ach, so leer?!
Er hatte gemordet, was er geliebt,
Und also starb auch er.

Und jeder mordet, was er liebt,
Sei jeder des belehrt,
Mit schmeichelndem Wort, mit bittrem Blick,
Nach jedes Art und Wert;
Der Feige mordet mit einem Kuß,
Der Tapfre mit einem Schwert.


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