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Der Liebesgarten

Der Liebesgarten

Mittjuni, voller Sommer ist's, doch schallt
Der sonngebräunten Schnitter Werk noch nicht
Rings auf den Hochlandmatten, wo zu bald
Der reiche Herbst, des Jahres Wuchrer, dicht
Die Bäume all mit seinem Gold belädt,
Schätze, die nur verschwenderisch der wilde Wind verweht.

Zu bald fürwahr! doch hier der Affodill,
Dies Lieblingskind des Lenzes, ist noch da,
Daß schier die Rose mit ihm eifern will,
Und noch, blauglockig, die Kampanula,
Und wie ein Schwärmer auf verirrtem Gang,
Verlassen von den Schwestern, die des Juni Botin lang,

Die Misteldrossel von der Lichtung trieb,
Säumt noch an schatt'ger Stelle blaß und zag
Eine Narzisse, selbst ein Veilchen blieb,
Das nicht zur goldnen Sonne schauen mag,
In Furcht vor zu viel Glanz und halb verwirrt
Von seiner eignen Lieblichkeit – ja, der arkad'sche Hirt,

Hier mocht' er sich in frohem Reigen drehn,
Hier, müd' der blumenlosen Orkuszeit,
Persephone durch Blütenfluren gehn!
Und das Geheimnis ew'ger Seligkeit,
Den Griechen einst bekannt, hier muß es ruhn,
Ja, du und ich, wär' Lieb' und Schlaf uns hold, wir fänden's nun.

Hier sind die Blumen, die mit Klagen laut
Herakles einst gestreut auf Hylas Grab:
Lichtlila Wiesenkresse, Schwalbenkraut,
Des Abends gelbgerockter Sängerknab',
Und weißer Aglei, so zartblütig, daß
Kein Wind ihn heftiger küssen darf, – doch laß sie nur und laß

Den got'schen Turm der roten Malve dort
Die stummen Glocken schwingen, denn sonst muß
Die Biene, die sein Glöckner ist, hinfort
Nach andern Freuden sehn, und die beim Kuß
Des Frührots weint, wie ein jung töricht Ding
Vorm Liebsten, und kaum duldet, daß der bunte Schmetterling

Ihr nah fliegt, laß die Anemone auch,
Blaß von Jungfräulichkeit; des Winters Schnee
Taugt ihr, nicht deine Lippen, deren Hauch
Auf ihrer Blüte Brand wär'; lieber geh
Und pflück dir, die dort liebend blüht allein,
Vom Kuppler Wind genährt mit Staub von Küssen, die nicht sein,

Pflück' die trompetenmünd'ge rote Winde,
So lieb den Mädchen, Hyazinthen dir,
Die, auf der Spur schon der gefleckten Hinde,
Dianens Fuß verschonte, Wiesenspier
Voll Blütenschaum, weißer denn Junos Hals,
Duftend wie ganz Arabia, – und pflück' dir, schöner als

Die Blumen, die auf Idas Fichtenhöhn
Frau Venus einst betreten, Eucharis,
Ein Morgenstern noch in der Sonne schön,
Und blüh'nden Meiran, der beim Kuß gewiß
Kytherens Mund noch süßer machte und
Adonis eifern, – sie zur Krone, doch zum Gürtelbund

Diene die purpurne Waldrebenranke,
Die prächt'ger mich als Tyrus' König deucht,
Und dort der Fingerhut, der glockenschwanke;
Doch die Narzisse, die der Lenz, verscheucht,
Vom Kleid verlor, als er im eignen Hag
Der Sommervögel erst wild-stürmisch Lied vernahm, sie mag

Als zart Erinnern bleiben an die hold
Unsichren Sonn- und Regentage, da
April durch Tränen lächelt, wenn das Gold
Der frühen Primel aufblinkt, erst ganz nah
Der knorrigen Eichenwurzel nur, bis bald,
Trotz ihrer braunen Blätter, golden schimmert Flur und Wald.

Nein, pflück' auch sie, sie ist in ihrer Süße
Nicht halb so süß wie du bist, mein Idol,
Und bist du müde, breiten vor die Füße
Aurikeln dir den schönsten Teppich wohl,
Demütig hüllt in Blüten sein Gerank
Der Geißblattstrauch und Gänseblümchen blühn den Weg entlang.

Ich aber schneid' ein Rohr bei jenem Quell
Und wecke der Waldgötter Eifersucht
Und Pans Verwundern, wer denn singt so hell
In Schweigen hier, wo nach des Tages Flucht
Kein Mensch mehr säumen mag, weil er sonst leicht
Die marmorweiße Artemis und ihre Jagd beschleicht;

Und sage dir, warum so bittre Klage
Die Hyazinthe aufgestickt dir zeigt,
Und die schmerzreiche Nachtigall am Tage
Nicht singt, nur wenn die flinke Schwalbe schweigt
Und Reichtum Feste hält, dann einzig weint,
Warum der Lorbeer, wenn der Ost erglüht, zu zittern scheint;

Und singe, wie voll Gram Proserpina
Vermählt ward einem strengen düstren Gatten,
Locke die silberbrüst'ge Helena
Zurück dir von dem Lotusstrand der Schatten,
Daß jene Schönheit so verhängnisvoll
Du siehst, um die zwei mächt'ger Heere grimmer Kampflärm scholl.

Und spiele dir die griech'sche Märe vor
Von Cynthias Liebe zu Endymion,
Wie sie, gehüllt in grauen Nebelflor,
Zu Latmos' Klippen eilt, bis Helios von
Dem Meereslager springt zur Jagd nach ihr,
Die blassen fliehnden Fußes schwindet, schon umfangen schier.

Und wenn mein Rohr so süß melodisch wär',
Schauten ihr Antlitz wir, die einst in Huld
Unter den Menschen wohnt' an Ägeus' Meer,
Und deren ödes Haus, das keinen Kult,
Kein Fries mehr, nur gestützte Säulen hat,
Über die Trümmer blickt der schönen veilchenumgürteten Stadt.

Genius der Schönheit! geh noch nicht von hier!
Nicht daß nun niemand mehr sein Knie dir biege,
Etliche leben, denen mehr von dir
Ein strahlend Lächeln gilt als tausend Siege,
Ob all die edlen Toten Waterloos
Aufstünden gegen sie! bleib noch! ist auch die Zahl nicht groß,

Doch ihre Mannheit gäben sie und mehr,
Ihr Leben für dich hin, wie ich denn tat,
Dem deine Lippen täglich Brot sind, der
In deinen Tempeln höhern Festen naht,
Als diese dürre Zeit gibt, trotz der Zahl
Von neuen Lehren, die so skeptisch und dogmatisch all.

Hier fließt Cephissos, fließt Ilissos nimmer,
Noch sind die Wälder von Kolonos hier,
Den blassen Hügeln fehlt des Ölbaums Schimmer,
Kein gläub'ger Priester führt sein brüllend Tier
Steilauf den Marmorweg, noch zieht die Maid
Lachend für dich hier durch die Stadt im krokusblüt'gen Kleid.

Doch bleib! denn der dich best geliebt, der Knabe,
Des Name schon in sich den Zauber führt,
Dich festzuhalten, schläft in stummem Grabe
An jener Mauer Roms, und Klage rührt
Ihr süßest Saitenspiel ihm noch, doch nie
Klingt seines mehr; mit Adonais schwand die Poesie.

Nein, da Keats starb, ließ noch der Musen Gunst,
Um ihn zu klagen, eine Silberstimme,
Doch oh! zu früh ward sie geraubt der Kunst,
Da in zerrißner Nacht und Wogengrimme
Panthea sprach: Nun sei, mein Sänger, mein
Und der sie pries, den Mund verschloß; seither gehn wir allein,

Bis auf dies stolze Herz, den Morgenstern
Des neuerstandnen England, der in Höhn
Ob unsrem wanken Thron und Kriegeslärm
Demokratie, die junge, griechenschön,
Den Hesperus der großen Republik,
Schon strahlen sieht, ihn lehrte deine Liebe noch Musik.

Und er war mit dir in Thessaliens Flur,
Wo er die weiße Atalanta schaute,
Schnellfüßig auf des wilden Ebers Spur,
Die strenge Jungfrau; seine Honiglaute
Drang in des hohlen Berges Grotte tief,
Und Venus lacht, daß einer heut noch ihren Namen rief.

Die Lippen küßte er Proserpinas
Und sang das Requiem dem Galiläer,
Der wunden Stirn, die er entkrönte, blaß,
Von Blut und Wein beträuft, ein letzter Seher
Und glühendster des alten Göttertums:
Grau wird das neue Zeichen vor dem Glanze seines Ruhms.

Genius der Schönheit! geh' von uns noch nicht,
Die Fackel leuchtet noch der Poesie,
Der Stern, der einst dem Osten gab sein Licht,
Silbern strahlt seine Rüstburg noch und nie
Stürmt all das Heer des Dunkels seine Wacht –
Bleib noch bei uns! denn in der langen und gewohnten Nacht

Hat Morris, Chaucers lieber schlichter Sohn,
Erbe von Spensers süß melod'schem Rohr,
Erquickt mit holdem Hirtenflötenton
So manches Müden und Mühsel'gen Ohr,
Und fern das blütenlose Eiland ließ
Ihm schöne Blüten sprossen für ein irdisch Paradies.

Wir kennen Gudrun und des Helden Werben,
Aslaug und Olafson sind uns bekannt,
Grettirs, des Riesen, Kampf und Sigurds Sterben
Und welche Zaubermacht den König band,
Da Brynhild, die er zum Gemahl erhofft,
Sich kraftvoll ihm verwehrt; in Sommerstunden, oh! wie oft,

In langen, leeren, wenn der hohe Tag
Verliebt in eine Damaszenerrose,
Westwärts zu ziehn vergißt, bis überm Hag
Der Mond, sein Folger, schon, der wesenlose,
Vom Sichelreif erwächst zum Silberschild
Und ihn zur Eile mahnt, – wie oft in kühlem Grasgefild,

Fern von dem Kricketplatz und Achterlärmen
Bagleys, wo von der Amseln Nistezeit
Bis zu den allerletzten Schwalbenschwärmen
Flüsternd die Szilla blüht und weit und breit
Nur Bienenflug die Stille unterbrach,
Lag ich und träumte seinen träumerischen Mären nach,

Und über ihre nie erlittnen Schmerzen
Weint' ich für mich und wurde rein und gut,
Und froh beim Jubel ihrer schlichten Herzen;
Denn segelnd so auf der gemalten Flut,
War mein des Sturmes Kraft und Schönheit bloß,
Ohne sein rotes Wüten; dadurch ist der Sänger groß.

Das Lachen eines leisen Wasserfalls
Ist nicht so voll Musik, die Rauschgoldpracht
Der kleinen Stadt aus Wachs nicht süßer als
Sein Lied, und da er wieder tönen macht
Arkadiens Flöten, halb vermodert schon,
Klingt unter seinen Lippen frischer noch ihr alter Ton.

Genius der Schönheit! geh von uns noch nicht!
Wohl Maklersinn hat unser lieblich Land
Durch Eisenstraßen profaniert und bricht
Der Kunst die Glieder, auf das Rad gespannt,
Und als die Frucht all der Fabriken kroch
Blindschleiche Dummheit aus, der Seele Feind, – doch bleib bei uns noch!

Denn einer lebt noch hier – genannt zusammen
Nach Dante und dem Seraph Gabriel –
Des Doppellorbeer dir mit ew'gen Flammen
Am Altar brennt; auch sein Herz brennt dir hell,
Der von Vivianen sah betört Merlin
Und Engelsfüße weiß die goldne Treppe niederziehn.

Er liebt so sehr dich, daß die ganze Welt
Für ihn in bunter Tracht geht prächtiglich
Und Leid ein purpurn Diadem erhält,
Sonst wär's nicht Leid mehr, und Verzweiflung sich
Die Dornen selbst vergoldet, und sogar
Der Schmerz in Qual noch schön ist, wie es einst Adonis war.

Dies ist des Malers Macht und dieses Erbe
Ward seinem reinen hochgemuten Geist,
Der nun in bess'rem Spiegel alles Herbe,
Süße und Traurige seiner Zeit uns meist
Als deren Kunst mit Alltagstreue prahlt
Und nicht die Seele auch mit ihren großen Fragen malt.

Doch wen'ge sind's, und alle Poesie
Schwand hin: man kann der Sonne Schicksal sagen,
Dozieren über ihre Pfeile – wie
Im Leeren seelenlos Atome jagen,
Niemand im Baum die Nymphe weinen sieht,
Nie mehr in England ein Najadenhaupt sich zeigt im Ried.

Neue Aktäons, prahlen sie, ich glaube
Zu früh, daß sie die Schönheit sahn; sei's drum,
Analysieren sie den Irisbogen, rauben
Lunen ihr ältest, reinst Mysterium,
Soll, spätester Endymion, ich darob
Verzagen, weil Unheil'ge nach ihr spähn durchs Teleskop?

Was soll's, daß diese Zeit der Wissenschaft
Mit all dem Troß moderner Wunder nun
Durch unsre Tore bricht? Durch welche Kraft
Heilt sie ein brechend Herz? Was kann sie tun,
Um je ein Leben schöner, einen Tag
Göttlicher je zu machen? Nein, von Troglodytenschlag

Scheint das Geschlecht, das atavistisch jetzt
Die Erde neu gebiert; ein wilder Hauf
Roher Titanen, stürmen sie, verhetzt,
Gegen Olympos' hohe Herrscher auf,
Ungöttlicher Geburt; sie wußten bloß
Vom Staube, und so wird denn er entscheiden einst ihr Los,

Ein harter Richter. Laß sie nur einmal
Aus totem Zufall und dem Kampf ums Sein
Schaffen des Menschen neues Ideal!
Doch ich, fürwahr, sog andre Lehren ein
Bei andrem Los, das meiner Seele fiel:
Von höhern Höhn des Lebens strebt sie nach noch höherm Ziel.

Sieh, weil wir sprachen, wandt' ihr Angesicht
Die Erde von dem Gott, stieg silbern schon
Hekates Boot, bis all sein Fackellicht
Der neid'sche Tag verlosch; die Stunden flohn
Mir unbewußt: junge Endymions sehn
Die Zeit in lahmen Fingern nicht den Kranz von Sonnen drehn.

Schau, hier die gelbe Iris lehnt sich bleich
Zurück, bis wieder sie ihr Buhle fand,
Die treulose Libelle, die nun, gleich
Dem Adernblau auf weißer Mädchenhand,
Auf jener schneeigen Nachtviole ruht,
Die hoch in Scham erglüht und hinstirbt in der Tagesglut.

Komm nun; schon auf dem blassen Himmelszelt
Siehst du die blüh'nden Mandelzweige leuchten,
Der Wachtelkönig ruft im hohen Feld
Dem Weibchen Antwort zu, die aufgescheuchten
Brachvögel flattern durch das Nebelgrau,
Die Lerche schüttelt schon in ihrem schilf'gen Nest den Tau

Vom Gras, in Freude, daß die Sonne nah,
Zitternder Inbrunst, wieder sie zu grüßen,
Die bald in goldner Panoplia,
Daß alle Hügel glühn zu ihren Füßen,
Aus dem orangenen Zelt des Ostens tritt.
Sieh dort den roten Rand! Es ist der Gott und jubelnd glitt

Die Lerche schon hinweg in ihrer Wonne
Und strömt nur Sang noch auf das stille Tal, –
Fürwahr, in dieses Vogels Flug zur Sonne
Ist mehr als Gold geläutert siebenmal!
Doch kühler wird die Luft, komm nun – bedacht
Schleicht bald der Jäger an; wie schön war diese Juninacht!


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