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Goldblumen

Impressions

I
Les Silhouettes

Mit grauen Streifen liegt das Meer,
Der dumpfe tote Wind seufzt matt,
Den Mond weht's wie ein welkes Blatt
Über die stürm'sche Bucht daher.

Scharf zeichnet sich auf blassem Sand
Das schwarze Boot; ein Schifferjung
Klimmt munter in der Takelung,
Sein Antlitz lacht, hell glänzt die Hand.

Brachvögel schrein im weiten Reich,
Wo auf des dunklen Grashangs Pfad
Braunhals'ge Schnitter ziehn zur Mahd,
Silhouetten an dem Himmel gleich.

II
La Fuite de la Lune

In Frieden ruht dem äußern Sinn,
In träumerischem Frieden nur,
In Schweigen hier die schatt'ge Flur
Bis an der Schatten Grenze hin.

Doch jetzt ein Schrei bang widerhallt,
Der Schrei des Wachtelkönigs, der
Sein Weibchen lockt; aus Nebeln her
Gibt Antwort ihm der Hügelwald.

Und aus dem Himmel lichterfüllt
Entschwindet Lunas Sichelrund
Und flieht in dunkler Höhle Grund,
In einen gelben Flor gehüllt.

Keats' Grab

Von seinem Schmerz frei und der falschen Welt,
Ruht er, der jüngste Märtyrer, entrafft
In erster Lebens-, erster Liebeskraft,
Schön wie Sebastian und so früh gefällt,

Hier endlich unter Gottes blauem Zelt.
Wohl schatten nicht Zypressen ihm noch Eiben,
Doch holde Veilchen voll Tautränen treiben
Ein immerblühend Band, das treu ihn hält.

Ein stolzer Herz wohl brach der Kummer kaum,
Kaum süßre Lippen kannte Mytilene;
O Englands Dichter-Maler du! man schrieb

In Wasser deinen Namen Anspielung auf die Inschrift über Keats' Grab im Friedhof der Fremden an der Cestiuspyramide, die nur diese Bemerkung hat, sonst keinen Namen nennt. Anm. des Übers. – und er blieb:
Und grün hält dein Gedächtnis unsre Träne,
Wie Isabella den Basilienbaum.

Rom.

Theokritus

Eine Villanelle

O Sänger der Persephone!
Am öden Strand der düstren Flut
Denkst du Siziliens noch wie je?

Noch summen Bienen durch den Klee,
Wo Amaryllis spröde ruht,
O Sänger der Persephone!

Noch ruft Simätha Hekate
Und hört der wilden Hunde Wut;
Denkst du Siziliens noch wie je?

Noch an der lachend heitren See
Klagt Polyphem in Liebesglut,
O Sänger der Persephone!

Noch wehrt die Maid mit Ach! und Weh
Des jungen Daphnis losem Mut;
Denkst du Siziliens noch wie je?

Ein Zicklein wächst dir weiß wie Schnee,
Kämst du zurück, in Lakons Hut,
O Sänger der Persephone!
Denkst du Siziliens noch wie je?

Im goldenen Zimmer

Eine Harmonie

Ihre Elfenbeinhände, ich sah sie schweben
Über Elfenbeintasten in launischem Tanz
Wie in den Pappeln beim leisen Beben
Der blassen Blätter der silberne Glanz,
Wie des treibenden Schaumes weißer Kranz,
Wenn in fliegender Brise die Wogen sich heben.

Ihr goldnes Haar auf der goldnen Wand
War wie Sommerfäden, die zart sich woben
Um der Ringelblume leuchtenden Rand
Oder die Sonnenblume nach oben
Zur Sonne gekehrt, wenn die Schatten sich hoben
Und der Speer der Lilie in Flammen stand.

Und ihr roter Mund auf den Lippen mein
Brannte wie eine Ampel glutet,
Rubinen in einem Purpurschrein,
Wie der Granate Wunde blutet,
Wie das Herz des Lotos überflutet
Von dunkel rosenrotem Wein.

Ballade de Marguerite

(Normannisch)

Nicht will ich zum Jagen mehr, fürwahr,
Wenn zu Markte zieht der Ritter Schar.

Nein, geh nicht in die Stadt mit den Dächern rot,
Das Kriegsroß tritt dich mit Hufen tot.

Doch ich will ja nicht mit den Edlen reiten,
Will ziehen an meiner Frauen Seiten.

Ach, wie magst du wähnen, sie sei dir hold?
Eines Waldläufers Sohn speist nicht von Gold.

Liebt sie minder mich, ob auch am Martinstag
Ein grünes Wams mein Vater trag'?

Sie stickt vielleicht einen Wandteppich;
Spindel und Webstuhl sind nicht für dich.

Ach, stickt sie einen Teppich fein,
Ich entwinde die Fäden beim Feuerschein.

Sie jagt vielleicht den Hochlandhirsch;
Wie kannst du ihr folgen auf stolzer Pirsch?

Ach, reitet sie durch Busch und Dorn,
Ich lauf' ihr zur Seiten und blase das Horn.

Sie kniet vielleicht in Saint-Denis
(Unsre liebe Frau behüte sie!)

Ach, kniet sie dort in stiller Kapell',
Ich schwinge das Rauchfaß und läute hell.

Komm herein, mein Sohn, du blickst so bleich,
Dein Vater füllt dir den Bierkrug gleich.

Doch wer sind diese Ritter in Pracht und Glanz?
Ziehen die Reichen zu Fest und Tanz?

's ist der König drüben von Engelland,
Der besuchen kommt unsern schönen Strand.

Doch was klingen die Abendglocken so schwer
Und was kommt der Zug so trauernd her?

O, 's ist Hugo von Amiens, meiner Schwester Sohn,
Der so starr dort liegt in der Prozession.

Nein, nein, denn ich seh weiße Lilien klar,
Es liegt kein Mann auf der Totenbahr'.

's ist die alte Jeanette, die Krämerin,
Ich wußte, der Spätherbst rafft sie hin.

Frau Jeanette hatte nicht Haare wie Gold,
Frau Jeanette war nicht ein Mägdlein hold.

O 's ist keine bekannt noch verwandt mit mir,
(Die heilige Jungfrau gnade ihr!)

Doch singende Knaben schreiten mit:
Elle est morte, la Marguerite.

Komm herein, mein Sohn, hör nicht auf die Knaben,
Laß die Toten nur ihre Toten begraben.

O Mutter, weh, nun ist alles vorbei:
O Mutter, hat ein Grab Raum für zwei?

Der Königstochter Schuld

(Bretonisch)

Sieben Sterne im stillen Fluß
Und sieben am Himmel weit,
Sieben Sünden, die Königstochter muß
Sie tragen in Ewigkeit.

Rote Rosen zu Füßen ihr,
(Rote Rosen im rotgoldnen Haar,)
Und oh! zwischen Busen und Gürtelzier
Rote Rosen ein heimliches Paar.

Schön ist der erschlagne Rittersmann,
Der in Ried und Röhricht ruht;
Sieh, die schlanken Fische, sie kommen heran,
Zu kosten von Fleisch und Blut.

Hold ist der erschlagne Page dort
(Gute Beute ist goldene Tracht)
Die schwarzen Raben sieh über dem Ort!
Sie sind schwarz, o schwarz wie die Nacht.

Was tun sie da so starr und tot?
(Es ist Blut an des Fräuleins Hand)
Was sind die Lilien bespritzt so rot?
(Es ist Blut auf dem Ufersand.)

Zwei reiten nach Süden und Osten aus,
Zwei dem Norden und Westen zu,
Für die schwarzen Raben ein guter Schmaus,
Für die Königstochter Ruh.

Doch der eine, der treue Liebe ihr gab,
(Rot, o rot sind die Flecken von Blut!)
Bei der dunklen Eibe grub er ein Grab,
(Ein Grab ist für Viere gut.)

Kein Mond an dem stillen Himmel weit
Noch im schwarzen Wasserschoß,
Sieben Sünden trägt sie in Ewigkeit,
Seine Sünde ist eine bloß.

Amor intellectualis

Oft zogen wir durch das kastal'sche Land
Und hörten Alltagsgeistern unvertraut,
Antiker Flöten hold sylvan'schen Laut,
Steuerten oft hinaus vom sichern Strand

Ins Meer, das in der Musen Herrschaft stand,
Und furchten frei die Flut durch Gischt und Schaum
Und erst wenn voll war unsres Schiffes Raum,
Wurden die störr'gen Segel heimgewandt.

Dies bleibt nun als der kühnen Fahrten Lohn:
Sordellos Glut, die Honigmelodien
Endymions, des jungen, Tamerlan,

Der seine Dirnen austreibt, und voran:
Des ernsten Milton hehre Harmonien
Und Dantes siebenfältige Vision.

Santa Decca

Tot sind die Götter: nimmermehr zur Frist
Weihen Athenen wir den Ölbaumsproß,
Proserpina bleibt ohne Garbenschoß,
Der Hirt singt sorglos, ob es Mittag ist,

Denn Pan ist tot; dahin sind Scherz und List
Aus Buschdickicht und hold verschwiegnen Stellen,
Der junge Hylas sucht nicht mehr die Quellen:
Gott Pan ist tot und König Jesus Christ.

Und doch – auf diesem Eiland hier im Meer
Liegt, kauend der Erinnrung bittre Frucht,
Heimlich ein Gott vielleicht im Asphodill.

Ah Lieb! wär's so, dann wär das beste Flucht
Vor seinem Zorn. Doch sieh, ein Zittern still
Geht durch das Laub: bleib noch! er kommt hierher!

Eine Vision

Zwei kranzgekrönte Kön'ge und allein
Ein dritter, nicht mit Lorbeergrün geschmückt,
Doch Augen voller Trauer wie bedrückt
Vom ew'gen Klagen über Schuld, die kein

Brüllendes Opfer sühnt; von Tränenwein
Und Küssen feucht die Lippen fein geschwungen,
Ein schwarz und rot Gewand um sich geschlungen,
Zu Füßen sandt' ihm ein geborstner Stein

Lilien empor, gleich Tauben, bis ans Knie.
Erglühenden Herzens, da ich sie geschaut,
Rief ich zu Beatricen: »Wer sind die?«

Sie sprach, mit ihren Namen wohl vertraut:
»Der erste Äschylus, dann Sophokles
Und jener (Tränen, strömt!) Euripides.«

Impression de voyage

Das Meer war saphirfarb, der Himmel brannte
Wie ein Opal im Feuer durch die Luft;
Die Segel hißten wir, in blauem Duft
Lag schon im Ost das Land. Vom Bug erkannte

Mein Auge froh erquickt, das schöne Zanthe,
Die Buchten, der Olivenhaine Wipfel,
Ithakas Fels, Lykaons schneeigen Gipfel,
Arkadiens blum'ge Höhn. Die Brise spannte

Und schlug das Segel an den Mast und schwer
Rauschte das Wasser an des Schiffes Wand
Und Mädchenlachen kam vom Heck daher;

Kein Laut sonst –: als der West in Flammen stand
Und keine rote Sonne sank aufs Meer,
Betrat ich endlich den hellen'schen Strand!

Shelleys Grab

Verlohten Fackeln gleich am Bett des Kranken
Stehn Thujen um den sonngebleichten Stein;
Hier nistet sich der kleine Nachtkauz ein,
Lazerten huschen hier, die gold'gen, schlanken.

Und wo die brennendroten Mohne schwanken,
Lauert im Schoße wohl der Pyramide,
Daß nie gestört wird dieser Totenfriede,
Eine antike Sphinx mit grimmen Pranken.

O süß die Rast, die dir die Erde hier,
Ewigen Schlafes große Mutter, gab,
Doch süßer wär' in blauer Grotte dir

In echovollem Grund ein rastlos Grab
Oder wo in der dunklen Nacht die Schiffe
An Felsen scheitern flutzerspellter Riffe.

Am Arno

Der Frühschein glüht zu roter Pracht
Den Oleander auf der Mauer,
Liegt auf Florenz auch noch ein grauer
Schatten, das Leichentuch der Nacht.

Der Hügel glänzt von Tau ringsum.
Hell sind die Blüten über mir,
Doch die Zikade floh von hier,
Der kleine attische Sang ist stumm.

Das Laub nur zittert überall
Vom leisen Wehn der linden Luft
Und in dem Tal voll Mandelduft
Singt einsam noch die Nachtigall.

O bald verstummt dein Lied am Tag,
Sing denn von Liebe noch die Weile,
So lang der Mond noch seine Pfeile
Zersplittern läßt am schatt'gen Hag.

Eh noch im Ost der Morgen steigt
Und in meergrünen Flor gehüllt,
Dem Aug der Liebe schreckerfüllt
Auroras weiße Finger zeigt

Und hart die fliehnde Nacht bedroht
Und naht durchs schweigende Gefild,
Achtlos, ob's meine Freude gilt
Oder der Nachtigallen Tod.


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