Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Eleutheria

Sonett an die Freiheit

Nicht daß ich deiner Kinder Freund erschien,
Die dumpfen Augs ihr unschön Leid nur sehn,
Nichts andres wissen wollen noch verstehn, –
Nur weil der Braus deiner Demokratien,

Der Schreckensbleiche, der großen Anarchien
Dem Meer gleich meinen wildsten Aufruhr spiegelt,
Bruder all des ist, was mein Herz aufwiegelt, –
Freiheit! nur darum, wenn die Massen schrien,

Freut' ich des wüsten Lärms mich; sonst könnt' ich
Mit tückischen Kanonen, blut'gen Knuten
Des altverbrieften Rechts geruhiglich

Fürsten ihr Volk berauben sehn – doch nein!
Die Christe, die auf Barrikaden bluten,
Gott weiß, ich muß – manchmal – mit ihnen sein.

Ave Imperatrix

Der stürm'schen Nordsee Königin,
England! vor dessen Füßen sich
Die Welten teilen, Herrscherin!
Was soll man sagen über dich?

Die Erde liegt, ein leichter Ball
Von Glas, in deiner hohlen Hand,
Und mitten gehn durch den Kristall,
Wie Schatten durch ein Zwielichtland,

Des roten Krieges Lanzenreihn,
Die weit weißkämmige Flut der Schlacht,
Und die Mordfeuer, deren Schein
Zu Fackeln dient den Herrn der Nacht.

Die magern gelben Leoparden,
– Der tück'sche Russe kennt sie gut –
Springen durch splitternde Petarden;
Ihr schwarzer Rachen jappt in Wut.

Der Kriegs-Seelöwe Englands schoß
Vom Saphirgrund des Meers empor
Und jagt zurück der Stürme Troß,
Der Englands Stern zum Ziel erkor.

Erzmündiger Trompeten Schall
Geht über Pathans schilf'ge Seen
Und Indiens hoher Gletscherwall
Zittert zum Schritte von Armeen.

Und der Afghanenhäuptling, der
Im Schatten des Granatbaums weilt,
Greift an sein Schwert zu rascher Wehr,
Kommt vom Gebirg herabgeeilt

Der schnelle Marri, sein Spion,
Und meldet: Herr, es pocht fürwahr
Englands Kanonendonner schon
Dumpf an das Tor von Kandahar.

Denn Südwind sagt dem Ostwind Gruß,
Wo, kühn in Schwert und Feuerskraft,
England mit bloßem blut'gen Fuß
Den Pfad aufklimmt zur Weltherrschaft.

Verlaßne Himalayahöhn,
Die ihr den ind'schen Himmel tragt,
Wo saht ihr jüngst im Schlachtgedröhn
Unsre Siegs-Flügelhunde, sagt?

Der Mandelhain von Samarkand,
Bokharas rotes Lilienbeet,
Der Oxus, wo am gelben Strand
Der weißturban'ge Händler geht,

Bis hin, wo Ispahan, das stolze.
Der Sonne goldner Garten, blinkt.
Daher Zinnober, edle Holze
Die staub'ge Karawane bringt,

Und bis zu Kabuls Schreckensstadt,
Die dort am Fuß des Berges ruht,
Mit Marmorbrunnen weiß und glatt
Voll Wasser für die Mittagsglut,

Wo durchs Gedränge des Basars
Sie manches Mägdlein führen sahn,
Zirkassiens Kind, Geschenk des Zars
An einen alten bärt'gen Khan:

Hier flogen kühn mit Schwingen breit
Unsre Kriegsadler schlachtumblitzt;
Die Taube aber kennt nur Leid,
Die fern in England einsam sitzt.
Lang lehnt das Mädchen unverwandt,
Wo oft ihr Freund den Gruß ihr bot –
Umsonst: Die Fahne in der Hand,
In tück'scher Bergschlucht liegt er tot.

Und lang sehn Mond und Sonne, wie
Die Kinderschar des Vaters harrt.
Daß er sie wieder nehm' aufs Knie;
Und jedes Haus, das öde ward,

Sieht bleiche Witwen voller Harm
Des Toten rost'gen Säbel küssen,
Das Epaulett – Reliquien arm,
Die nun ihr Herzleid sänft'gen müssen.

Denn unsre Brüder ruhen nicht
In Englands friedlichem Gefild,
Daß wir mit Blumen ihnen dicht
Bedeckten den zerbrochnen Schild;

Nein, manche ruhn an Delhis Wall
Und viele im Afghanenland
Und wo sich fühlt des Ganges Schwall
Mit sieben Münden durch den Sand,

Und andre, wo die Pforten sind
Des Ostens und so manche Schar
In Rußlands Wässern und am wind-
Umstürmten Kap von Trafalgar.

Wandernde Gräber! Schlaf ruhlos!
Schweigen des sonnenlosen Tags!
O stille Schlucht! O stürm'scher Schoß!
Gebt wieder euren Raub! Und sag's,

Du, immerdar von Wunden rot,
Das nie den schwier'gen Lauf gewinnt,
O Cromwells England! tut es not:
Für jeden Zoll von Land ein Kind?

Krön' dich mit Dornen, statt mit Gold,
Sing Trauerlieder, statt von Glück!
Der Wind verweht, die Woge rollt.
Gibt deine Toten nie zurück.

In Wind und Woge, weit von hier
Treibt Englands Blüte so umher –
Lippen, nie mehr geküßt von dir,
Hände, von dir gedrückt nie mehr.

Was soll's nun, daß die ganze Welt
In unsres Goldes Netzen liegt.
Wenn unser Herz verborgen hält
Dies Leid, das keine Zeit besiegt?

Was soll's, daß unsrer Schiffe Macht,
Ein Wald, auf jedem Meer erscheint?
Zerstörung, Schiffbruch halten Wacht
Am Haus, darin man immer weint.

Wo sind die Tapfren, Starken, Schnellen,
Der Stolz von Englands Heldenbuch?
Ihr Grablied seufzt der Chor der Wellen
Und Wildgras ist ihr Leichentuch.
Geliebte, fern vom Heimatherde,
Spricht toter Mund von Liebe noch?
Verlorner Staub! Fühllose Erde!
Ist dies das Ende? Oh, nicht doch!

Es stört den heil'gen Schlummer bloß
Der edlen Toten unser Schmerz:
Ob dorngekrönt und kinderlos.
Doch schreitet England gipfelwärts;

Und treu späht ihre Wachtkolonne
Bis, an dem Morgen ihres Siegs,
Die junge Republik als Sonne
Dem roten Meer entsteigt des Kriegs.

An Milton

Milton! Wohl diesen weißen Klippenstrand
Verließ dein Geist, der Türme Zinnenwehr,
Und unsre Welt, so farbenstolz und hehr.
Sank hin zu dumpfem, grauem Aschenbrand;

Der Zeitlauf ward verkehrt in Possentand,
Der unsre Stunden ausfüllt, jetzt so leer.
Trotz Pracht und Macht sind wir nur tauglich mehr,
Zu graben das gemeine Ackerland:

Sehn wir die kleine Insel, wo wir leben,
England, des Meers Seelöwen, unheilvoll
Brutalen Demagogen hingegeben,

Die es nicht lieben – Gott, und dies Land eben
Trug in der Hand dreifacher Herrschaft Zoll,
Da Cromwells Wort: Demokratie! erscholl?!

Louis Napoleon

Adler von Austerlitz! wo war zur Hut
Dein Schwingenpaar, da fern auf wildem Strand
– Ungleich die Schlacht und unbekannt die Hand –
Der letzte Sproß fiel deiner Königsbrut?

Nicht, armer Knabe, ziehst du durch Paris
Bei deiner Legionen Wiederkehr
Im roten Mantel stolz voran, – nicht dies,
Doch deine Mutter Frankreich, frei nunmehr,

Krönt dein kronloses Haupt am Todestag
Mit bessern Lorbeern, mit dem Kriegerkranz,
Daß deine Seele doch im Ehrenglanz
Vor den gewaltigen Ahnherrn tret' und sag':

Daß Frankreich nun geküßt der Freiheit Mund,
Ihm süß wie seine Honigbienen nie.
Und daß nun an der Fürsten Ruhegrund
Die Sturmflut brandet der Demokratie.

Sonett auf die Christenschlächterei in Bulgarien

Christus, lebst du? Liegt wirklich dein Gebein
Nicht mehr im Felsengrabe? Oder wie?
Hat, daß du auferstandst, geträumt nur sie,
Die dich geliebt und so ward sündenrein?

Denn graus ist hier die Luft vom Klageschrein,
Die Priester deines Namens sind erschlagen;
Und hörst du nicht so bitter weheklagen
Sie, deren Kinder ruhn auf bloßem Stein?

Komm denn, o Gottessohn! Das Land verhängt
Blutschänderische, sternenlose Nacht;
Vom halben Mond seh ich dein Kreuz verhöhnt!

Hast du wahrhaftiglich das Grab gesprengt,
So komm, o Menschensohn! zeig deine Macht –
Sonst sieh statt deiner Mahomet gekrönt!

Quantum mutata

Einst in Europa war's, wenn irgendwo
Ein Kämpfer für der Freiheit Sache sank,
Daß Englands Löwe auf vom Lager sprang
Und kein Bedrücker seinem Zorn entfloh;

Zur Zeit der großen Republik war's so
Des Zeuge Piemont, voll höchstem Dank
Für Cromwell, da in Ohnmacht blaß und schwank
Der Papst in dem gemalten Portico

Vor unsren Abgesandten stand, den strengen.
Wie kommt es nun, daß nach so stolzer Zeit
So tief wir fielen, nur daß Üppigkeit

Das Tor umhäuft mit toten Warenmengen,
Da bess'rer Geist und bess're Tat eingeh' –
Sonst wären Miltons Erben wir wie je.

Libertatis sacra fames

Obgleich erzogen in Demokratie
Und Freund der Republik, wo jeder Mann
Ein König scheint, weil keiner obenan
Die Krone trägt, doch mir verhehl' ich nie,

Trotz der modernen Freiheitssympathie,
Daß besser Einer Herr und Herrscher ist,
Als daß die Freiheit Demagogenlist
Uns mit dem Kuß verrät der Anarchie.

Drum lieb' ich nimmer, die auf Straßenschanzen
Profaner Hand die rote Fahne pflanzen;
Ihr Reich, erbaut auf tönenden Parolen,

Kennt keine Kunst, Kultur und Größe, nein,
Angeberei mit ihrem Dolch allein
Und Mord mit seinen leisen blut'gen Sohlen.

Theoretikos

Dies mächt'ge Reich hat Füße nur von Ton:
Von all der einst'gen Macht, dem Ruhmesglanz
Ist unsre Insel nun verlassen ganz:
Ein Feind stahl ihr des Lorbeers Siegeslohn

Und längst von ihren Hügeln ist entflohn
Der Freiheit Stimme: O komm fort von hier,
Komm, meine Seele, wenig taugst du mir
Für dieses Warenhaus, wo man zum Lohn

Wissen und Ehre täglich beut zu Kauf
Und sinnlos schreiend roher Volkeshauf
Ein Erbe von Jahrhunderten verneint.

Mir stört's die Ruh: drum will ich träumen nur
Von Kunst und überfeinerter Kultur
Abseits, für Gott nicht, noch für seinen Feind.


 << zurück weiter >>