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Eine Vision

. Die Dalcroze stammten aus Polen und waren am Beginn des neunzehnten Jahrhunderts nach Deutschland gekommen. Manfred hatte die erste Kindheit in Berlin verlebt, wo sein Vater ein angesehener Universitätslehrer gewesen war. Als beide Eltern gestorben waren, nahm ihn die Großmutter zu sich, die in Wien wohnte. Sie war eine reiche Frau und eine Sonderlingin; sie liebte das Hasardspiel und verlor einmal in einer einzigen Nacht an ein paar zweifelhafte Kavaliere fünfzigtausend Gulden. Darüber erfaßte sie ein ungeheurer Schrecken, sie warf sich vor, den Enkel beraubt zu haben, und zog sich für den Rest ihres Lebens nach Salzburg zurück, wo sie sich in eine eigensinnige Einsamkeit vergrub, in ihren Gedanken nur noch mit dem vergötterten Manfred beschäftigt, bei dessen Glück und Gesundheit sie geschworen hatte, nie mehr eine Karte zu berühren.

Vor seiner großen Reise mußte Manfred noch zu der alten Dame fahren, um ihr Lebwohl zu sagen. Er wählte einen Nachtzug, und im Schlafkupee schrieb er, unbeirrt durch die beschwerlichen Umstände, an Virginia folgenden Brief:

»Geliebte Virginia! Das Schicksal hat beschlossen, daß wir uns trennen müssen. Wenn ich diesen Gedanken zu Ende denken will und die Zeit ermesse, die vorübergehen wird, bis wir uns Wiedersehen, ist es mir, als könnt ich so nicht weiter leben, wie ich bisher gelebt, als wäre dieses Leben fern von dir nur ein Schlaf. Es werden viele Tage sein, fünfhundert oder sechshundert, und viele, viele Nächte, an denen ich nicht wissen werde, was du sprichst und wo du bist und was du träumst. Ich habe zu viel Phantasie, oder vielleicht auch zu wenig Phantasie, jedenfalls zu wenig Vertrauen in die Fügungen, um die Unruhe meines Herzens wirksam zu bekämpfen. Ich weiß nicht, wie du es fühlst und ob du lernen wirst, dich darein zu finden, ob ich wünschen soll, daß du es mit Fassung trägst, oder lieber wünschen soll, daß du bangst; was mich betrifft, mir graut mit jeder Stunde mehr, und ich zittere vor dem Augenblick, der uns trennen wird. Seit ich dich habe, scheinen mir alle Menschen mit Geheimnissen erfüllt; die Verräter riechen nach Verrat und die Mißgünstigen nach ihrem Neid. Ich sage mir freilich: das Geschick muß es ehrlich mit mir meinen, sonst wäre es ja sinnlos gewesen, daß es dich mir gab; ich sage mir: was bedeutet es am Ende, wie weit ich von dir sein werde, ich lebe ja, es ist ja nur die Luft zwischen uns, Wasser, Erde, zählbare Meilen, eine Einbildung von Ferne. Trotzdem ist schon jetzt alles aufgewühlt in mir, und ein böser Geist flüstert mir zu: was jetzt? was morgen? Ich fürchte die unbekannten Drohungen des Daseins, ich fürchte die Menschen, all diese Namenlosen, die einen heimlichen Krieg gegen die Namenlosen führen, die wider uns sind, weil sie eben sind, und weil das Menschenwesen finster ist. Vieles kann geschehen. Zwischen zwei Schritten kann ein Abgrund sein, zwischen zwei Stunden ein Tod.

Ich glaube an mich. Es ist mir die schwere, aber beglückende Aufgabe geworden, eine Existenz zu gründen, welche deiner würdig ist. Darauf will ich meine Kräfte und Gedanken richten, was mir ganz natürlich sein wird, da es ja dein Bild ist, welches meine Kräfte und Gedanken bewegt und leitet. Die Unschlüssigkeit und der Wankelmut, denen ich verfallen war bis zu dem Tag, wo es mir vergönnt war, deine Hand zu fassen, hatten ihre Ursache darin, daß ich mir nur halb erschaffen schien, bevor ich dich kannte, und daß ich erst durch dich Wahrheit gewann über meine Fähigkeiten, meine Bestimmung und meine Zukunft. Ich kann nicht wie im Traum durch die Dinge und die Ereignisse leben, mich greift alles hart an; meine Vorsätze, das was mir zu tun notwendig ist, um dich glücklich zu machen, beschäftigt mich unausgesetzt, und wenn auch einerseits damit eine gewisse Ruhe in mein Wesen kommt, die Ruhe der Entschlossenheit, so erkenne ich doch andererseits, daß die Tröstungen, die ich mir vorsage, um die Trennung von dir erträglicher zu machen, nur Scheintröstungen sind, denn ich bin eben doch ein zu schwacher Mensch, um ohne Furcht, sei es auch nur die Furcht vor der Sehnsucht, einer solchen Prüfung ins Auge zu blicken.

Aber es ist nicht die Furcht vor der Sehnsucht allein; nicht nur diese egoistische Furcht. Es ist, klipp und klar gesagt, die Furcht vor Unglück, vor den tückischen Zufälligkeiten des Lebens, und die Erwägung deiner Schutzlosigkeit, deiner Einsamkeit, deiner Unkenntnis der Menschen und der Welt. Vielleicht sollte ich dich nicht aufstören aus Deinem Zutrauen, vielleicht sollte ich selber Zutrauen daraus schöpfen, wenn ich mir gegenwärtig halte, daß diese Einsamkeit und Arglosigkeit dir angemessen ist und vielleicht zur Vollendung deiner inneren und äußeren Gestalt dient. Findest du mich töricht? Aufgeweckt und selbst den schattenhaften Befürchtungen preisgegeben, die mich zu ihrem Spielball machen, erklärst du mich vielleicht für den Störer deines Seelenfriedens; oder du verurteilst mich als einen, der sich anmaßt, den bisher so stillen und heitern Verlauf deines Daseins verändert zu haben dadurch, daß er, doch nur vom Glück begünstigt, in deinen Kreis getreten ist. Dies alles fühle und denke ich mit dir. Doch ich kann nicht anders, mir wird kalt, wenn ich ans Scheiden denke, und schon bei dieser Fahrt jetzt und kurzen Abwesenheit ist mir, als seiest du von schrecklichen Gefahren umgeben. Deshalb, liebste, teuerste Virginia, laß mich eine Bitte tun, erfülle sie mir, zürne mir nicht, überlege nicht viel, sag ja und du nimmst einen Stein von meiner Brust.

Du weißt, was mir Erwin Reiner bedeutet. Du mußt wissen, was er mir war, was er mir ist. Er, er kennt dich, ohne daß ich je nötig hatte, viel zu reden. Er verehrt dich, weil er mich liebt, und er hat es mir noch nicht verargt, daß ich ihn nicht zu dir geführt, weil er zartfühlend genug ist, um sich zu sagen, daß ein Verhältnis wie das unsre vorläufig Abgeschiedenheit braucht.

Ich will dich unter seinen Schutz stellen. Ich will, daß er über dich wacht. Welchen stärkeren Beweis meines Vertrauens zu ihm, deines Vertrauens zu mir kann ich Erwin liefern, als wenn ich ihm sage: hier, Freund, ist das Gut und Glück meines Lebens, hüte es. Er wird es hüten, als sei es sein eigenes. Er ist viel zu ehrenhaft, um eine solche Pflicht zu unterschätzen, wenn er sie auf sich nimmt. Ob er sie auf sich nehmen wird, ist meine einzige Angst, denn seine Person ist viel gefordert und sein Leben weitversponnen. Du mußt auch nicht glauben, daß er dir in irgendeiner Weise zur Last fallen wird; dazu ist er viel zu delikat. Du wirst ihn lieben, du wirst ihn bewundern, denn alle, die ihn kennen, lieben und bewundern ihn. Ich habe das Gefühl, daß der Kreis meines Glückes erst geschlossen sein wird, wenn zwischen dir und Erwin Freundschaft entsteht.

Überleg es dir! Gib mir diese Hoffnung auf größere Seelenruhe, und nun gute Nacht, Liebste, es ist spät geworden. Der Zug fliegt durch den winterlichen Nebel – zu dir, immer nur zu dir, de n jede vergangene Minute kürzt die Trennung. Wenn ich die Augen schließe oder offen halte, immer seh ich dein Gesicht, deinen Mund, dein Lächeln. Alles ist erfüllt von dir, alles spricht von dir. Gute Nacht!«

 

Am Abend des dritten Tages hatte Manfred wieder in Wien zu sein versprochen. Um Virginia zu überraschen, kam er schon mit dem Nachmittagszug. Nachdem er gebadet und die Kleider gewechselt hatte, fuhr er mit einem Fiaker in die Piaristengasse. Zu seinem Verdruß fand er Virginia nicht zu Hause.

Frau Geßner öffnete ihm die Türe. »Gina wird bald kommen«, sagte sie, belustigt über die schlecht verhehlte Enttäuschung des sonst so ausgezeichnet höflichen Jünglings. »Leisten Sie halt mir ein bißchen Gesellschaft.«

Manfred nahm Platz mit der Miene eines Hungrigen, dem man einen Knochen vorsetzt. Das Gespräch sickerte mühselig. Manfred langweilte sich. Er hörte nur oberflächlich zu, und erst allmählich entdeckte er etwas Bedrücktes und Verhaltenes im Wesen der Frau. Er hatte eigentlich nie den Ton der Freiheit gegen sie gefunden; ihr Wächteramt hatte sie in seinen Augen vielleicht nicht erniedrigt, aber der persönlichen Unmittelbarkeit beraubt.

»Sie reisen jetzt fort«, sagte Frau Geßner, indem sie mit mechanischer Geschäftigkeit das Tischtuch glattstreifte. »So weit! Für so lange Zeit! Zwei Jahre! Wer weiß, ob ich noch am Leben bin, wenn Sie zurückkommen. Gewiß, ich bin ja noch nicht so alt, aber wozu bin ich nütze? Bloß um zu essen und zu trinken, dazu ist die liebe Sonne fast schade. Wenn man sich überflüssig erscheint, denkt man viel an den Tod!«

Manfred war um eine Antwort in Verlegenheit. Er lächelte und brachte ein paar dumpfe Laute eifrigen Widerspruchs heraus. Er lauschte sehnsüchtig, ob nicht bald die wohlbekannten und geliebten Schritte erklingen würden.

»Daß Sie und Gina ein Paar werden, das ist wunderschön«, fuhr Frau Geßner mit jener eintönigen Stimme fort, die seine Ungeduld und Unruhe steigerte. »Sie sind zwar noch furchtbar jung und bis zur Hochzeit wird noch viel Wasser in die Donau fließen, man muß ja erst eine Stellung haben, ein Ansehen, ein Auskommen, aber ich hab' einen festen Verlaß auf Sie. Und weil ich den Verlaß habe, will ich Ihnen was erzählen. Die Sache ist nicht leicht; ich hab mir's lang überlegt, doch Sie sollen die Wahrheit erfahren.«

Jetzt wurde Manfred aufmerksam. Er beugte den Kopf vor und starrte ängstlich auf die rastlos das Tischtuch glättende Hand der Frau.

»Ich war guter Leute Kind,« begann Frau Geßner im Tonfall einer Beichtenden; »mein Vater war ein bekannter Porträtmaler und verdiente ziemlich viel. Als er plötzlich starb, waren wir jedoch arm, und die Mutter mußte von Unterstützungen leben. Es wurde für mich ein Mann gesucht, und ich nahm den ersten, der mich haben wollte. Geßner war ein kleiner Beamter im Ministerium mit sechzehnhundert Gulden Gehalt und den üblichen Zulagen. Ich war achtzehn, er dreiundvierzig Jahre alt. Er war ein auskömmlicher Mann und war zufrieden, wenn das Haus in Ordnung und alles hübsch gemütlich blieb. Jeden Sonntag nachmittag sind wir in die Praterauen gegangen, andere Spaziergänge hat er nicht leiden mögen. Vom Theater war er auch kein Freund; er war sehr sparsam und sein zweites Wort war: das ist für die Faulpelze. Die Bücher sind für die Menschen, die Zeit und Geld haben, sagte er, wenn du dich bilden willst, dafür hast du ja die Zeitung. Unser Verkehr war ein uralter Hofrat, der sich in den Kopf gesetzt hatte, sein Vermögen aufzuzehren, damit seinen Kindern nichts mehr bleiben sollte, und eine bucklige Tante von Geßner, die früher Kammerfrau bei der Großherzogin von Toskana gewesen war und uns immerfort Hofgeschichten erzählte. Sonst keine Seele, jahraus, jahrein. Meine Mutter war tot, mein Bruder, derselbe, von dem Gina geerbt hat, in Amerika, Kinder bekam ich nicht, und wie nun so ein Sommer um den andern, ein Winter um den andern verstrich, da ist mir immer öder und öder ums Herz geworden. Auf einmal war ich fünfundzwanzig, auf einmal war ich dreißig, – wenn das Leben leer ist, wird man am schnellsten alt. Wie ich zweiunddreißig war, hab' ich mir die ersten grauen Haare ausgerissen.

Um die Zeit nun, im vierzehnten Jahr unserer Ehe, hat da unten im zweiten Stock eine Frau von Ermenhofer gewohnt, eine hübsche, junge, lebenslustige Person. Mit der bin ich öfter beisammengestanden, und eines Tages sagt sie zu mir: ›heut ist Opernredoute, mein Mann ist verreist, kommen Sie mit.‹ ›Ei, wo denken Sie hin,‹ antwort' ich, ›da käm' ich bei meinem schön an, dafür gibt er kein Geld.‹ ›Was, Geld,‹ sagt sie, ›wir brauchen kein Geld, ich hab' zwei Karten, und den Domino kann ich Ihnen leihen.‹ ›Ich bin doch schon zu ramponiert für dergleichen‹, sag' ich. Sie schlägt die Hände zusammen und macht mir ein halb Dutzend Komplimente. Kurz und gut, das Herz schlug mir schon vor Verlangen, ich rede mit Geßner, der brummt zuerst, aber schließlich, weil's nichts kosten soll und weil die Nachbarin eine Frau ›von‹ war, gibt er seinen Segen.

Am Abend war ich also in der Oper. Meine Begleiterin war auf Ja und Nein verschwunden; ich, geblendet von dem Glanz, drücke mich eine Weile jämmerlich herum, da spricht mich ein fremder Herr an, folgt mir immerzu, führt mich zum Champagner, neckt mich, fragt mich aus und war so lieb, Manfred, so lieb, sag' ich Ihnen! Ob er hübsch war oder elegant oder gescheit, das weiß ich nicht, ich weiß nur, daß er lieb war, und das eben war's, was mir fehlte. Wir haben auch noch getanzt miteinander, und dann wollt' er mein Gesicht sehen, und dann hat er mich zum Wagen gebracht und ist mit mir gefahren, und auf einmal waren wir in seiner Wohnung. Ich bin bei ihm gewesen bis zum Morgen. Seitdem hab' ich ihn nie wieder gesehen.«

Ihre Stimme ermattete; ihr Blick verlor sich; ihre Haltung wurde aufrechter; und etwas an dieser Haltung, etwas an der stillen Tiefe des Blicks erinnerte Manfred an Virginia. Er ahnte alles, und er war bewegt.

»Ich kenne seinen Namen nicht,« schloß Frau Geßner leise; »ich weiß nicht, wo das Haus war, im Morgennebel bin ich von ihm fortgegangen, und er hat mich im Wagen noch ein Stück begleitet. Nachher war alles wieder wie vorher. Nur das Kind, das Mädchen, das ist von jener Nacht.«

In einer Aufwallung, die seinem Gefühl zur Ehre gereichte, ergriff Manfred Frau Geßners Hand und drückte seine Lippen darauf. Sie schaute ihn dankbar und erleichtert an. »Ihr jungen Leute seid wenigstens großmütig«, sagte sie seufzend. »Aber Sie begreifen doch, daß Gina nie, nie etwas davon wissen darf? Das sehen Sie doch ein, nicht wahr?«

Manfred nickte überzeugt. »Es wäre ein Verbrechen«, bestätigte er; »man würde ihr die Unbefangenheit rauben. Schließlich, gegen die Umstände, die einem das Leben verschafft haben, kann sich kein Mensch auflehnen, doch wir wollen es lieber nicht auf die Philosophie ankommen lassen.«

»Niemand weiß es«, sagte Frau Geßner; »niemand außer mir und ihm und Ihnen.«

»Wie ist's nur möglich, daß Sie den Mann nie wieder gesehen, daß Sie sich so vollständig damit abgefunden haben?« fragte Manfred.

»Das, Manfred, war der Vertrag, den ich mit mir selber gemacht habe. Die eine Nacht, das war meine Jugend. Und wie das Mädel geboren war, bin ich wirklich gleich eine alte Frau geworden. Geßner, den hab' ich dann bald hernach begraben.«

Frau Geßner erhob sich, um die Lampe anzuzünden. Mit nachdenklicher Miene schaute ihr Manfred zu. Wenn jene im Dunkel der Zeiten verschollene Frau von Ermenhofer nicht auf den Maskenball hätte gehen wollen, wäre dann Virginia ungeboren geblieben? dachte er und war selbst erstaunt über die Ungeheuerlichkeit einer so naheliegenden Betrachtung. Ein ungewöhnliches Wesen verdankt sein Dasein dem Zufall eines ziemlich gewöhnlichen Abenteuers; das Abenteuer erhält den Nimbus von Heiligkeit; der Zufall wird Schicksal, und das seiende Geschöpf beschämt durch seine siegreiche Gegenwart den ganzen Kodex der Moral.

In diese Gedanken war er noch versunken, als Virginia kam. Sie brachte das Feuer des scheidenden Tages mit. Die unerwartete Freude, den Verlobten zu sehen, lähmte ihren Fuß. Die Überraschung enthüllte ihre Liebe; in den metallisch glänzenden Augen war ein leidenschaftliches Entzücken. Als sie ihm die Hand reichte, glaubte Manfred zu spüren, daß die Zurückhaltung diesmal fast über ihre Kraft ging: ihr Arm zitterte, die Finger lagen zuckend in den seinen. Sie schauten sich wie verzaubert an, indes Frau Geßner am Tische saß und zu erlauschen schien, was sie einander verschwiegen.

Bald kam die Rede auf den Brief. Virginia mißbilligte Manfreds Verlangen. Sie wollte nicht gestört, durch Beobachtung nicht gehemmt werden. Des Schutzes glaubte sie entraten zu können. »Wer hat mich beschützt, bevor du da warst?« fragte sie. »Was soll mir dein Freund? Bin ich ohne dich, wozu brauch ich ihn?«

Die Mutter stand Manfred so lebhaft zur Seite, daß Virginia ärgerlich wurde. Vielleicht war es nur die bevorstehende Trennung, die ihr so schwer im Gemüte lag, daß sie kaum wußte, was sie redete, als sie verstimmt und beunruhigt immer von neuem widersprach. Aber Manfreds enttäuschte Miene weckte ihr Mitleid, und sie fühlte, daß sie ihm unrecht tat, wenn sie den bewunderten Freund zum Heer der Gleichgültigen zählte. »Nimm's doch nicht so tragisch,« lenkte sie ein, »wozu sollen wir uns streiten? So bring ihn halt her, deinen berühmten Erwin Reiner.«

»Na, Gott sei Dank!« antwortete Manfred freudig. »Du ahnst gar nicht, wie glücklich mich das macht. Den berühmten Erwin Reiner«, wiederholte er lachend; »das ist gar kein Spott, Virginia. Erwin fängt wirklich an, berühmt zu werden.«

»Um so schlimmer.«

»Wieso?«

»Dann ist er also nicht nur reich, nicht nur anspruchsvoll und über die Maßen gebildet, sondern auch berühmt. Um so schlimmer. Der paßt schlecht in unsere vier Wände.«

Manfred hatte es schon oft gewittert, und durch diese Bemerkung wurde es ihm klarer als zuvor, daß Virginia an der Engigkeit der Verhältnisse litt. Er verzieh es gern. Ein Urtrieb zwingt die Schönheit gegen die Welt; die Schönheit muß sich stellen. Einsam zu sein ziemt ihr nicht und nährt sie nicht. Das Unbewußte des Instinkts vergröbert die Gefahr; ein Feld für böse Ahnungen. Doch Manfred hatte den Willen, hell zu sehen, und seine Sanftmut erstickte die Kritik.

Zum Abendessen blieb er nicht, er wollte noch zu Erwin. Die Villa Erwins lag in Pötzleinsdorf, und bis er mit der elektrischen Bahn hinauskam, war es halb zehn Uhr. »Der gnädige Herr hat einen Vortrag besuchen müssen,« sagte der Diener im Vestibül, »er wird aber um zehn Uhr hier sein.«

Es reute Manfred, daß er sich und Virginia um eine unwiederbringliche Stunde gebracht. Er begab sich in die Bibliothek und wartete. Er setzte sich in einiger Entfernung vor den prunkvollen Marmorkamin und blickte ins Feuer. Eine unendliche Bangigkeit stieg in ihm auf, und plötzlich hatte er ein seltsames Gesicht.

Ihm war, als sehe er Virginia vor dem Kamin, kauernd, wie Mägde kauern, wenn sie Feuer schüren, kauernd, aber bewegungslos. Nie hatte er ihre Haare offen gesehen; jetzt waren ihre Haare offen; sie fielen auf den Teppich und bildeten große Ringe. Nie hatte er sie mit nackten Füßen gesehen; jetzt waren ihre Füße nackt. Sie trug ein grünes Gewand, das er an ihr nicht kannte, eine Art Schlafrock, und ihre bloßen Arme waren mit einer Gebärde der vertieften Verzweiflung zu beiden Seiten des Hauptes angepreßt.

So kauerte sie.

Manfred beugte sich unwillkürlich weit vor, ohne daß die nebelhafte Erscheinung gänzlich entschwand. Erst nach und nach löste sie sich auf wie eine Wolke, die von der Atmosphäre verzehrt wird. Manfred schüttelte über sich selbst den Kopf, und er beschuldigte seine gespannten Nerven für eine Verwirrung, welche die Qualen der Sehnsucht im voraus malte, ohne das Glück des Besitzes und der Wiederkehr zu wägen. Sein zärtliches Herz war voller Vertrauen, und das Gefühl, mit dem er dem Freund entgegenharrte, war durch die erschreckende Vision um desto zweifelloser geworden.


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