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XV.

Vergebens schrieen die Juden fort und fort zu ihrem Jehovah um Wasser: das glanzvolle Luftmeer des Himmels ward zu keinem Quell, die kleine Schar der verdurstenden Ebräer zu tränken; vergebens hoffte Mose Halarkis gläubiger Geist stets wieder von neuem, mit gewaltigem Flehen Wasser aus dem Felsen zu schlagen – die starren Wände blieben für die Kinder Israels geschlossen. Dabei herrschte eine Glut, als wäre der Berg, darauf die Ansiedlung der Juden lag, plötzlich in die Wüste versetzt. Gleich einem Strahlengewebe umzitterte die schwere Luft die gelben Klippen, der blendende Glanz füllte Höhen und Tiefen und schien das Gestein zu durchdringen. Die Abende brachten keine Kühle, die Nächte keine Erquickung.

Wer noch Kräfte besaß, der raffte sich bei Anbruch der Dämmerung auf, stieg den Berg hinab, um in der Tiefe nach dem errettenden Labsal zu suchen. Aber sie fanden die Quellen versiegt, die Bäche und Flüsse ausgetrocknet, die Zisternen, in denen sich noch Wasser vorfand, scharf bewacht. Wo kein Bitten und Betteln half, reichten sie ihre Krüge hin und boten Geld für die Gottesgabe. Die Christen forderten einen immer höheren Preis, und wie die Juden auch feilschten, wie sie auch wehklagten und sich wanden: wollten sie Wasser haben, so mußten sie zahlen, was die Christen dafür forderten. Sie gaben endlich das Geld, erhielten das Wasser, befeuchteten die trockenen Lippen mit dem köstlichen Naß und machten sich sogleich wieder auf den Heimweg. Während der langen, mühseligen Wanderung schöpften sie Trost aus der Vorstellung, daß sie den Ihren auf den Berg des Jammers die Labung brachten.

Die Zurückgebliebenen liefen den Ihren entgegen, soweit ihre Füße sie trugen. Dann sanken sie hin und lauschten angstvoll in die Tiefe hinab. Kamen die Erwarteten endlich, so war's, als brächten sie das höchste Heiligtum angetragen: alle die Harrenden streckten dem Lebensquell die Arme entgegen. Doch auch sie setzten kaum den Krug an die lechzenden Lippen. Gemeinsam zogen sie in ihr Dorf zurück und vor Mose Halarkis Hütte. An seinem Lager wurde das Wasser verteilt; was übrig blieb verwahrte er, den kein Mund darum schalt, kein Herz darum anklagte, daß er sein Volk in diese Wildnis geführt.

Es dauerte nicht lange, und die Ebräer hatten ihr ganzes Vermögen für Wasser ausgegeben. Da erhob sich Mose und befahl, daß diejenigen, welche noch Kräfte besaßen, mit sämtlichen Kindern und dem Vieh davon ziehen und nicht eher wiederkehren sollten, als bis die schreckliche Dürre vorüber. Judäa sollte sie geleiten bis in das Bergland, wo der Tiber entsprang.

Diejenigen, welche das Gebot des Führers traf, wollten die Stätte des Jammers nicht verlassen; aber Moses Wille zwang sie. Sie drangen darauf, ihren Führer nebst allen Schwachen und Kranken mit sich davon zu führen; doch sie setzten ihre Absicht nicht durch, denn Mose weigerte sich, mit ihnen zu gehen. Nur ließ er die Zurückbleibenden noch ein letztesmal mit Wasser versorgen, wofür den Christen ein junges Rind gezahlt wurde. Dann zogen jene davon, etwa ihrer vierzig.

Drei Tage reichte das Wasser, von welchem kein Tropfen über Moses Lippen kam; als es zu Ende war, dursteten die Ebräer einen ersten und zweiten Tag, während welcher Zeit sie im Freien zwischen den glühenden Felsblöcken lagen und voll dumpfer Verzweiflung den Himmel beobachteten, an dem noch immer kein Gewölk aufsteigen wollte. Ein Tag war so strahlend wie der andere, als wenn der Himmel über dem Berg der Juden auf ein Gefilde der Seligen herableuchtete.

Die verschmachtenden Ebräer schleppten sich zum Kloster hinab, sanken in der Nähe des von den Mönchen gehüteten Brunnens nieder, hörten das Wasser rauschen, stürzten hin und wurden von den Brüdern mit Schlägen fortgetrieben. Mose Halarki selbst ließ sich zum Kloster tragen, lag einen halben Tag vor den Thüren des Heiligtums und wurde fortgewiesen. Endlich sendete er sein Weib zum Abt, und Myrrha kam nicht wieder.

Mose lag in seiner Hütte mit geschlossenen Augen, einem Toten gleich. Niemand durfte sich ihm nahen, niemand zu ihm reden. Vor seinem Hause versammelten sich die Ebräer. Sie riefen den Namen ihres Führers und schrieen: die Mönche hätten sein Weib getötet! Als sie keine Antwort empfingen, wurde beschlossen, sich ohne den Willen und die Genehmigung Mose Halarkis nach dem Kloster zu begeben und den Leichnam Myrrhas zu erbitten, damit der Toten ein jüdisches Begräbnis zu teil würde.

Dem Verschmachten nahe, machte sich das Häuflein auf den Weg. Gerade, als sie in die Tiefe niedersteigen wollten, wurden sie die Mönche gewahr, welche in feierlicher Prozession, unter lautem Gesang den Berg hinaufgezogen kamen: mit großem Gepränge, mit brennenden Kerzen und Fahnen, einem Madonnenbilde und sonstigen Heiligtümern. Voraus schritt der Abt, im strahlenden Ornat, ein Kreuz in den Händen, von Weihrauch umwallt; hinter ihm trugen sechs Mönche große Krüge voll Wassers. Das Gesicht des Abtes war in seiner Starrheit eher einem Bildnis ähnlich, als dem Antlitz eines Lebendigen.

Die Ebräer blieben stehen und ließen voll dumpfen Staunens den Zug herankommen. Aber die Mönche achteten ihrer nicht, sondern wallten, ohne ihren Gesang zu unterbrechen, an ihnen vorüber, bis zu der Stelle, wo sich mitten im Judendorf das noch im Bau begriffene Bethaus erhob. In scheuer Entfernung folgten die Ebräer, wie gewaltsam nachgezogen.

Dann blieben die Mönche stehen, die Krüge wurden zu Boden gesetzt, und Abt Theodorus trat vor, mit erhobenem Kreuz den Juden entgegen. Er rief:

»Sehet, hier ist Wasser! Ich spende es euch, wenn ihr aus meinen Händen nehmt von jenem andern Quell, welcher durch euch an diesem Kreuz hervorbrach, und welcher auch für euch geflossen ist, so ihr abschwört euern Gott und euch zu Jesum Christum bekennt. Seht, ich bin gekommen, der Moses und Wunderthäter, der für euch Durstende und Verschmachtende in der Wüste eures Unglaubens Fluten schlägt aus dem Gestein; und es ist Wasser ewigen Lebens, das ich euch reichen will. Kommt her und trinkt.«

Er trat zu den Krügen, reckte das Kreuz darüber aus und winkte den Juden, heranzukommen. Doch diese zauderten, diese wichen zurück, Verzweiflung in ihren Mienen. Als der Abt den Heldenmut der Ebräer sah, hieß er aus einem der Krüge das Wasser auf den Boden zu schütten. Einen gellenden Schrei stießen die Juden aus, standen und starrten mit verzerrten Zügen hin, wo die Erde gierig das köstliche Naß schluckte. Plötzlich stürzten einige der Weiber vor, warfen sich mit dem ganzen Leibe nieder und saugten das verrinnende Wasser auf. Als aber der Abt einen zweiten Krug ausschütten ließ, da schrieen alle, daß sie trinken wollten.

»Und wollt abschwören euern Glauben?«

Sic wollten! Sie wollten Christen werden und trinken.

»So kommt!«

Doch sie regten sich nicht – Mose Halarki stand vor ihnen. Ohne ein Wort zu sagen, wies er zum Himmel, an dem schweres schwarzes Gewölk sich zusammenballte. Dann schritt er schwankend an dem Abt vorüber und trat, ohne jenen eines Blickes zu würdigen, zu den Krügen, von denen er einen nach dem andern umwarf, mit solcher Kraft, daß sie klirrend auf dem Felsboden zerschellten.

Niemand unter den Juden bückte sich, um auf dem feuchten Grund seine Lippen zu netzen.

Wie unter einem Bann stehend, hatten die Mönche dem Thun des Juden zugeschaut; aber dann kam Bewegung unter sie, dann drangen sie auf den frechen Ebräer ein, dann brach der Tumult aus. Der Abt, statt den Seinen Ruhe zu gebieten, wies mit dem Kreuz auf die Ungläubigen hin, die sich um Mose Halarki gesammelt hatten. Die Brüder warfen die Fahnen und Kerzen fort, bereit, sich auf die Ebräer zu stürzen, denen der Abt, mit fahlem Gesicht, den Mund wie im Krampf verzerrt, von neuem zurief, sich zu bekehren.

Aber wiederum weigerten sich die Juden.

»Im Namen unseres göttlichen Glaubens!«

Die Juden wollten fliehen, doch die Mönche schlossen sie von drei Seiten ein, trieben sie vor sich her, umringten sie enger und enger.

Und wiederum die Stimme des Abtes, Töne, die aus keiner menschlichen Brust zu dringen schienen:

»Bekehrt euch! Schwört das schändliche Judentum ab! Werdet Christen! Ihr sollt Christen werden!«

Aber die Juden weigerten sich.

»Im Namen Gottes – treibt sie vorwärts!«

Und vorwärts trieben die Mönche die Ebräer. Diese standen zwischen dem Kreuz und dem Abgrund, zwischen einem ewigen Leben als selige Christen und einem Tod als verfluchte Juden.

»Vorwärts!«

Die Mönche zauderten, nur einer trat vor: der Abt, sein Kreuz über seinem Haupt erhoben wie ein Schwert, mit dem er einen Todesstreich ausführen wollte. Er schwang die heilige Waffe gegen den Führer der Juden.

»Mose Halarki, bekehre Dich!«

Aber Mose Halarki wich langsam, langsam, mit den Blicken eines Siegers, den keine Macht der Welt zu bezwingen vermochte, vor dem Priester zurück, wortlos in den Abgrund hinab, in die ewige Freiheit hinein.

Ein Schrei, wie von einem wilden Tiere ausgestoßen, folgte dem gräßlichen Sturz. Vor die Augen des Abtes legte sich ein roter Nebel, das Kreuz warf er dem Juden nach in die schreckliche Tiefe hinunter; dann brach er am Rande des Abgrunds zusammen, mit röchelnder Stimme seinen Mönchen gebietend:

»Im Namen der heiligen Inquisition – vorwärts!«

Und vorwärts drängten sie. Einige der Ebräer entkamen, andere thaten es ihrem heldenhaften Führer nach, etliche wollten sich bekehren lassen. Dieser waren indessen nur wenige.

Dann hoben sie den Abt auf, trugen ihn ins Judendorf, legten ihn auf dem Platz vor der Synagoge nieder und zerstörten in sinnloser Wut die Stätte, daß kein Stein auf dem andern blieb.

Gegen Abend überzog sich der Himmel mit dichtem Gewölk: unter Blitz und Donner entlud sich das Gewitter. Auf das zerstörte Judendorf rauschte der Regen herab, füllte die Zisterne, füllte die Rinnsale an den Abhängen, so daß es in schäumenden Stürzen in den Abgrund niederflutete.

*

Kurze Zeit nach diesen Ereignissen durchlief den Kirchenstaat die Kunde von schrecklichen Dingen, die sich im Sabinergebirge zugetragen hatten: von dem Abt eines Franziskanerklosters, der, ein jüdischer Konvertit, beim Volke in dem Ruf eines großen Heiligen gestanden hatte, und der in Rom zu hohen Würden und Ehren ausersehen war. Dieser Mann enthüllte sich plötzlich als einer der scheußlichsten Verbrecher seiner Zeit. Er sollte ein Weib, welches darüber irrsinnig geworden, zum Morde ihres Kindes angestiftet, seinen Vorgänger in der Abtswürde umgebracht, und eine junge Ebräerin als seine Geliebte im Kloster verborgen haben. Der Gefangenschaft und Untersuchung entzog sich der Angeklagte, wider den seine eigenen Mönche zeugten, durch die Flucht. Trotzdem für seine Einbringung ein hoher Preis ausgesetzt wurde, verfolgte man ihn vergebens; vermutlich hatte er sich in die wilden Wälder an der Küste gerettet. Später tauchte ein Gerücht auf: der ehemalige Abt und Heilige befände sich unter der Bande, welche der berüchtigte Bandit Terenzio Latini aus Subiaco anführte und welche, ein Schrecken des römischen Landes, ihre Raubzüge bis an die Thore Roms ausdehnte. Dieses Gerücht bestätigte sich. Denn als die Bande durch ein ebräisches Weib Namens Judäa verraten ward, befand sich unter denen, die mit der Wut von wilden Tieren um ihre Freiheit kämpften, der Konvertit. Er war der einzige, dem es gelang, zu entrinnen; doch von Blutverlust erschöpft, kam er nicht weit. Die päpstlichen Soldaten fanden ihn in einem Dickicht, wo er sich selbst getötet hatte – erwürgt mit einer Strähne goldig hellen Frauenhaars. Als man ihn auf der Steppe einscharrte, kam ein Weib herbei, von großer Schönheit, aber jammervoll elend, das auf keine Frage Antwort gab. Die Soldaten hatten Mitleid mit ihr, und ließen sie auf dem Grabe des Priesters und Räubers, um dessen Seele Myrrha indessen nicht betete. Sie wußte: der blutige Tote, der unter den gelben Schollen lag, hatte an keinen Himmel und an keine Hölle geglaubt; und sein Glaube war ihr Glaube.

So mußte es kommen: zuerst ein Gläubiger und Idealist; Schwärmer und Konvertit – dann Zweifler und Fanatiker: zuletzt Atheist, Mörder und Selbstmörder.

Das war das Ende eines Lebens, welches schön und gut begonnen hatte.

 

Ende.

 


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