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V.

Einsam schritt ich weiter durch die leuchtende Nacht. Und ich gedachte des Mannes, des Weibes und des Kindes. Alle drei lebten in irdischer Glückseligkeit, recht als Kinder der Welt, und es lag doch auf allen dreien eine schwere Schuld: auf dem Mann, weil er ohne besondere Bedenken ein solches Weib geehelicht hatte, auf dem Weibe, weil es so sündig gewesen, und auf dem Kind, da es von einem solchen Weibe geboren worden war. Mann und Frau mußten ihr sündiges Fleisch kasteien und ihre frevelhaften Begierden für immer ersticken, das Kind streng in der Zucht des Herrn halten, sonst würde es noch – wie das Weib in den Tagen der Erkenntnis befürchtet hatte – ein Ende mit Schrecken nehmen. Denn je mehr ich darüber grübelte, um so gewisser schien es mir, daß über diesen drei Sündern ein Verhängnis schwebte, und ich sah schon die Vergeltung hereinbrechen. Da warf ich mich auf freiem Felde nieder und ging den Herrn mit heißem Flehen an, mir beizustehen, daß ich ihm die Seelen dieser Drei zuführe. Darauf ward ich von einer festen Zuversicht durchdrungen und mein Geist mit großer Freudigkeit erfüllt. Nachdem ich mich von meinen Knieen erhoben hatte, schaute ich um mich: in welcher Gegend befand ich mich? Ich war so in Betrachtungen versunken gewesen, daß ich des Weges nicht geachtet und die Richtung verloren hatte. Wie verwunderte ich mich, da ich entdeckte, daß ich in einem weiten Kreise gegangen war und mich von neuem in der Vigna des Terenzio befand und zwar dicht vor dem Hause, darin diejenigen wohnten, deren unsterbliche Seelen zu retten der Herr mir soeben geheißen hatte. Ueber diese Fügung ergriff mich Staunen und Schrecken, daß ich beinahe geflohen wäre. Aber ich überwand die Anwandlung und vermochte es über mich, dem Hause zu nahen; denn im Erdgeschoß sah ich noch ein Fenster erleuchtet und ich wurde von meinem Geist getrieben, hinzuzutreten und hineinzuschauen.

Das Zimmer, darin das Licht brannte, war das Schlafgemach der Ehegatten, wo auch das Bett des Kindes stand, unter einem Bilde der Gottesmutter, welche der heilige Franziskus als Fürbitterin anspricht. Das heilige Bildnis war mit frischen Nelken bekränzt, zwei Kerzen brannten davor und es hielten unter der Tafel die beiden ihre Andacht. Der Mann stand gesenkten Hauptes, mit gefalteten Händen, indessen das Weib auf dem Steinboden kniete und die Gebete vorsprach, mit leiser Stimme, um das Kind nicht zu wecken. Doch da das Fenster geöffnet war, so mußte ich vernehmen, was drinnen gebetet wurde. Dem Himmel allein war bekannt, ob die Herzen wußten, was die Lippen sprachen.

Auch als sie ihre Andacht beendet hatten, wich ich nicht von dem Hause, sondern drückte mich nur noch mehr an die Wand. In meine Seele war ein großes Mißtrauen gekommen, denn von Tag zu Tag erkannte ich mehr und mehr, wie die Welt voller Heuchelei steckt. Von meinem Platz aus konnte ich die Eheleute nicht mehr sehen, wohl aber ihr leises Gespräch hören. Das Weib sagte:

»Das war heut ein rechter Freudentag.«

Der Mann darauf:

»Das war er.«

»Aber Dir fehlt etwas; ich merke es Dir an.«

»Nun ja.«

»Was ist's?« fragte die Frau.

»Daß Du es nicht weißt!«

»Ich weiß es wahrlich nicht.«

»Der arme Mensch!«

»Wer?«

»Wer anders, als Bruder Angelikus,« entgegnete Terenzio.

»Was ist's mit ihm?«

»Ist der verändert!«

»Er sieht heilig aus, wie einer, dessen Geist und Gedanken gar nicht mehr auf der Erde sind.«

»Zum Erbarmen elend saß er da. Ich hätte fortgehen und weinen mögen.«

»Er kommt gewiß noch einmal als Heiliger in den Kalender zu stehen,« meinte bewundernd die Frau.

»Das mag sein, ich weiß es nicht; ich weiß nur, daß er ein unglücklicher Mensch ist.«

»Unglücklich?«

»Was er für Augen hat und welchen Blick!«

»Einen sehr traurigen.«

»Und so starr, gar nicht wie der Blick eines Menschen.«

»Er ist auch mehr als ein Mensch.«

»Ach, laß doch das!« entgegnete ihr Terenzio. »Wenn ich denke, wie er damals war – ein herrlicher Jüngling! Und jetzt – – Ich sage Dir, das haben die Pfaffen aus ihm gemacht, die haben ihn auf dem Gewissen. Es ist ein Jammer.«

»Sprich nicht so! Du darfst nicht so reden,« bat die Frau angstvoll.

»Sei nicht böse. Ich rede ja nur aus Erbarmen so von ihm und weil ich ihm von ganzer Seele gut gewesen bin.«

»Gut gewesen bin?« fragte das Weib.

»Jetzt könnt' ich kein Herz mehr zu ihm fassen.«

»Terenzio, Terenzio!«

»Er thut mir leid genug. Und wenn ich denke, was wir ihm alles zu danken haben.«

»Ja, daran denke nur.«

»Und daß er noch immer ein junger Mensch ist, kaum älter als ich.«

Die beiden wurden still. Ich stand und hielt meinen Atem an, konnte indessen nichts mehr vernehmen.

Doch ging ich noch nicht. Ich mußte denken: »Was sagte dieser Mensch von mir? Ich sei ein ganz anderer geworden? Allerdings bin ich nicht mehr derselbe wie damals. Dem Himmel sei Dank! Er könnte kein Zutrauen mehr zu mir fassen? Ich habe es ja gleich gewußt: alles Heuchelei, alles Lug und Trug! Und wie demütig er that, wie er sich zu freuen schien. – Auch das Weib wird in ihrem Herzen ebenso denken; oder wenn sie heute noch nicht so dachte, wird sie es morgen thun. Dafür wird der Mann schon sorgen. – Ich daure ihn so herzlich. O du unreiner Geist! Und ich wäre noch immer so jung – – Bin ich das? Kaum älter als er. Er sieht gar stattlich aus. Und ich – wie mag mein Gesicht sein? Ich weiß nichts davon. Was kümmert's mich?«

Da fingen die drinnen wieder zu reden an. Der Mann sprach:

»Als Du mit ihm gingst, hast Du ihm da alles gesagt?«

»Ja. Es schien auch Dein Wille zu sein.«

»Ich wollte, daß er alles wissen sollte; er hat ein Recht dazu. Wie nahm er's auf?«

»Er sagte nicht viel.«

»Was sagte er?«

»Du kannst es Dir wohl denken.«

»Nein.«

»Er ermahnte mich.«

»Er ermahnte Dich? Weshalb ermahnte er Dich?«

»Daß ich mein Glück erkennen sollte.«

»Da hat er recht; aber das thun wir ja.«

»Dann meinte er noch –«

»So sprich doch.«

»Wir sollten das Kind in der Gnade des Herrn erziehen.«

»Freilich! Freilich!«

»Da wir nicht wissen könnten, wie es dereinst dem Kinde erginge.«

»So Gott will, gut; so Gott will, recht gut. Aber allerdings: wissen können wir es nicht.«

»Nun, siehst Du!«

»Ich glaube gar, Du weinst.«

»Mir ist bang.«

»Warum?«

»Um des Kindes willen.«

»Thorheit!«

»Denn wenn man bedenkt –«

»Wenn man was bedenkt?«

»Daß des Kindes Mutter eine so schändliche Frau gewesen –«

»Clelia!«

»Und wenn das an dem Kinde einstmals heimgesucht werden sollte –«

»Heimgesucht werden?«

»Ach, Terenzio –«

»Das ist ja alles Thorheit. Wenn das Kind sonst nur brav wird; und dafür wollen wir schon sorgen. Es ist ein gar zu gutes Kind, ein so frommes Kind.«

»Das ist es. Es ist unser süßes, heißgeliebtes Kind. Und nicht wahr, noch ist es ohne Sünde?«

»Wie sollte unsere Angelika voller Sünde sein?«

»Durch ihre Geburt, durch die Sünden ihrer Mutter.«

»Du sollst nicht so reden. Ich will es nicht! Du bist mein liebes Weib, alles andere haben wir vergessen.«

»Das wird unserem Kinde nichts helfen.«

»Sei doch verständig,« mahnte der Mann.

»Denn wie steht geschrieben?«

»Was hast Du nur heute?«

»Die Sünden der Eltern sollen heimgesucht werden an den Kindern bis ins dritte und vierte Glied.«

»Das ist ein unchristlicher Spruch.«

»Ach, lästere nicht, mein Terenzio.«

»Wo soll das geschrieben stehen?«

»In Gottes Wort.«

»Das glaube ich nicht.«

»Es ist aber doch wahr.«

»Ich müßte so unchristlich sein, wie dieser Spruch es ist, wenn ich das glauben sollte. Wer hat es Dir gesagt? Gewiß der Mönch.«

»Nein, nein!«

»Wo könntest Du sonst das schreckliche Wort herhaben?«

»Ich schwöre Dir zu –«

»Woher hast Du's?«

»Ich weiß es seit langem, hatte es nur vergessen; nun ist es mir von neuem ins Gedächtnis gekommen.«

»Dann vergiß es wieder. Aber vergiß es schnell! Solche Gedanken sind vom Uebel.«

»Ich will versuchen, nicht mehr daran zu denken.«

»Du darfst nicht mehr daran denken; um des Kindes willen darfst Du es nicht.«

»Ach, Terenzio, unser Kind –«

»So sei doch ruhig.«

»Du hast recht, ich bin sehr unverständig.«

»Hat der Bruder Dir gesagt, daß er wiederkommen wollte?«

»Nein.«

»So sei darüber nicht traurig. Er gehört nicht mehr zu uns; wir wollen keinen zwischen uns kommen lassen.«

»Wie Du redest!«

»Für alles, was er an uns gethan hat, bin ich ihm von Herzen dankbar, und ich verehre ihn hoch als einen wahrhaft heiligen Mann. Aber besser ist besser, und am besten ist's, wenn er nicht wieder zu uns kommt.«

»Du thust ihm sehr unrecht.«

»Versprich mir, nicht zu ihm zu gehen. Was hast Du?«

»Ich stieß mich am Tisch.«

»Versprich mir's.«

»Ach, laß doch das!«

»Versprich es mir.«

»Wie heftig Du sein kannst! – Ich verspreche es Dir.«

»Dann ist's gut. Ich verspreche Dir dafür, nicht mehr heftig zu sein. Und jetzt gib mir einen Kuß.«

Ich war von der Wand zurückgetreten, ich spähte ins Zimmer, ich sah, wie der Mann sein Weib an seine Brust ziehen und auf den Mund küssen wollte. Aber sie entwand sich ihm, warf sich über das Bett ihres Kindes und weinte bitterlich.

Ich fühlte Erbarmen mit ihr; obgleich sie eine große Sünderin gewesen und geblieben war, – denn hatte sie nicht soeben ihren Mann gröblich belogen? – fühlte ich doch heftiges Erbarmen mit dem Weibe. Voller Mitleid und Jammer entwich ich. Da ich mich noch einmal umwandte, war das Licht erloschen.

So muß es auch in der Seele des Menschen sein: die Sonne des Glücks muß erlöschen und es muß darin dunkel werden, finstere Nacht.

*

Denselben Weg, den ich vor einer halben Stunde mit dem Weibe gegangen war, schritt ich zurück, bis ich die Straße erreichte, welche von Subiaco durch das Banditenland nach Rojate und Olevano führt. Hier beginnt die Schlucht, über welche an dieser Stelle eine Brücke geschlagen ist. Wer zu den Klöstern des heiligen Benedikts will, der überschreitet die Brücke nicht, sondern steigt den Felsenhang hinauf, welcher neben dem Viadukt den wilden Berg entlang führt. Aber ich hatte nichts bei den Benediktinern und in ihren Heiligtümern zu schaffen.

Also überschritt ich die Brücke, unter deren Bogen in der Tiefe der Fluß toste, ging dann vom Wege ab, linker Hand in die Felsenwildnis hinein; ein unmögliches Unternehmen, hätte der Mond nicht taghell geschienen. Indessen auch so gab es der Gefahren genug; denn schaurig war die Stätte, ein unheilvoller Ort, welchen Geister und Dämonen bewohnten.

Ich empfahl meine Seele Gott dem Herrn und verlor mich in das Gewirr von Klippen und alten Römerruinen, welche zwischen Dickichten und Blumengebüschen sich auftürmten. Bald mußte ich mühselig über mächtiges Getrümmer klettern, bald durch enge Felsspalten kriechen; ich verlor mich in dunklen Grotten und in Hallen, an deren Wänden weißer Marmor glänzte; jetzt hatte ich hohe, feierliche Wölbungen über mir, im nächsten Augenblick von Mondesstrahlen durchleuchtete Baumwipfel oder den freien Himmel voll Silberglanzes. Dabei sank ich tief in Kräuter und Blumen ein, Schlingpflanzen hemmten meinen Weg, ich verstrickte mich im Ginster, dessen Düfte mich schwer betäubten, und verirrte mich zuletzt in einem Labyrinth von Hallen und Gängen, wo zerstückte Marmorleiber mir den Weg versperrten, im Mondlicht blasse, abgeschlagene Häupter mich anstarrten, bleiche Arme sich nach mir ausstreckten. Was that ich, wenn mir in diesen Wildnissen der Geist des Teufels Nero begegnete, welcher hier bei seinem Leben eine goldene Stätte seiner schändlichen Lüste gehabt. Es raschelte in den Büschen, seufzte in den Lüften, Gevögel der Nacht, Fledermäuse und Eulen, umflatterten mich, in den Höhen und Tiefen wimmelte es von Leuchtgewürm. Ich rief sie, die ich an dieser Stätte suchte:

»Judäa!«

Lange schrie ich den Namen, den das Echo zurückgab; endlich kam sie herangekrochen gleich einem wilden Tier und stand auf einmal vor mir.

»Ich wußte, daß Du kommen würdest, und ich weiß auch, was Du von mir willst.«

Ich fragte sie:

»Was also wollte ich von Dir?«

Und die Teufelin, mit einem höllischen Gelächter, gab mir zur Antwort:

»Ein Weib.«

*

Die verruchte Jüdin! Meinen ganzen Zorn schüttete ich aus über sie, schalt und verwünschte sie, daß jedes christliche Geschöpf, welches an die Hölle glaubte, voller Zittern und Zagen gewesen wäre. Aber diese Ungläubige focht mein Grimm nicht an, und als ich endlich nichts mehr zu donnern und zu fluchen wußte, sprach die Unholdin mit großer Gelassenheit:

»Wenn Du heute noch nicht jenes von mir zu fordern kommst, so wirst Du eines andern Tages doch kommen, es zu heischen. Du wirst dann sagen: ›Judäa, verdammtes Weib, verschaffe mir einen neuen Strick für meine Kutte.‹ Oder Du verlangst: ›Geh und hole mir einen zähen Riemen für meine Geißel, damit ich mir besser den Rücken zerfleischen kann.‹ Oder Du bettelst: ›Spende mir von Deinen heilsamen Tränken.‹ Ich werde dann sagen: Ja, ich will Dir den Strick, den Riemen, den Trank beschaffen, und ich werde gehen und für Dich etwas anderes krämern und das andere wird das Rechte sein. Denn daß es in der heiligen Weise, wie Du es den Leuten und vielleicht auch Dir selber glauben machen willst, nicht fortgehen kann, das sehe ich Dir an den Augen an. Seitdem wir uns zuletzt im Thal der Egeria vor der Grotte sahen, hast Du den bösen Blick bekommen, und wäre ich ein Christenweib, so spräche ich, wenn ich Dir auf der Straße begegnete, schnell den Zauber, den die Frauen Deines Glaubens gegen den bösen Blick anwenden. Alles dieses wußte ich von Dir, da ich Dich heute in der Stadt vor allem Volk als einen Heiligen sprechen hörte und sogleich in Dir den Scheinheiligen und Heuchler erkannte, wie ich Dir, Du Abtrünniger, auch vor allem Volk ins Gesicht gesagt habe. Und nun berichte mir, um welcher schlechten Sache willen Du gekommen; denn Dein guter Geist ist es nicht, der Dich in die Wildnis zu dem schändlichen Weib Judäa führt.«

Ich überwand meinen Unwillen und Abscheu, und verschmähend, auf die freche Rede der Jüdin – die ja selbst bei ihren Glaubensgenossen als eine Abtrünnige galt – Antwort zu geben, that ich zuerst die Frage: ob sie allein vom Thal der Egeria in die sabinischen Berge gekommen, oder ob sonst noch jemand bei ihr sei? Mit einem höhnischen Lachen erwiderte das Weib:

»Fürchte nichts, Du heiliger Mann! Weder meine Tochter Myrrha ist bei mir, daß sie Dich durch ihre Schönheit berücken könnte, noch Dein Freund Mose Halarki, um Dich totzuschlagen gleich einem räudigen Hund, wie er thun wollte droben im Eichenwäldlein der heidnischen Göttin Egeria.«

Ich sagte:

»Mein Leben steht in Gottes Hand. Wie Gott mein Leben vor den Umstrickungen jenes Bethörten gerettet hat, so wird es mit seinem Willen mich weiterhin mit mir geschehen. Denn von Gottes Willen lasse ich mich leiten, ohne zu grübeln, wohin dieser mich führt.«

Das Weib spottete:

»So ist's recht, Du frommer und getreuer Knecht des Herrn!«

Ich, ohne mich an den Hohn der Argen zu kehren, sprach mit großer Ruhe weiter:

»Wisse, ich bin gekommen, Dich zu fragen, woraus Du entnimmst, daß ich ein Scheinheiliger, ein Heuchler und falscher Priester sei? Da ich noch ein Knabe war, vernahm ich, Du hättest die Gabe, in den Seelen der Menschen zu lesen, zu erkennen, was geheim ist, und in die Zukunft zu schauen. Unheils genug hast Du damit in dem Hause nahe dem jüdischen Tempel angerichtet, und noch mehr des Unheils würde von Dir kommen, wenn man besser auf Dich hörte. Siehe, beinahe daß auch ich an Dein höllisches Prophetentum geglaubt haben würde; wie Du mich aber heute vor allem Volk beschuldigtest, ein Scheinheiliger und schändlicher Lügner zu sein – siehe, o Judäa, da erkannte ich auf einmal, wie blind Deine Augen sind, wie Dir die Seelen der Menschen verschlossen bleiben, wie Du eine falsche Prophetin und eine Betrügerin bist. Denn von dem, was in meinem Herzen lebte, als ich vor allem Volk hintrat, um den Juden zu fluchen – davon hast Du nichts gewußt.«

Dieses sagend, schaute ich dem schlimmen Weibe fest in die Augen. Wir standen nahe beisammen, dicht vor einer schrecklichen Untiefe, wo der wilde, mondbeglänzte Fluß gleich einer Flut geschmolzenen Silbers im Felsenkessel schäumte und toste. Der Mond schien Judäa gerade ins Gesicht, daß ich recht erkennen konnte, mit welchem Blick auch sie mir in die Augen spähte. Sie blieb eine ganze Weile stumm; dann sprach sie mit leiser Stimme, aber jedes Wort scharf hervorstoßend, als ob sie mir ihre Rede ins Herz bohren wollte:

»Ich sehe Dein Gemüt vor mir gleich einem aufgeschlagenen Buche und ich lese die Schrift, davon Deine Seele voll ist; und ich erkenne, daß Du selbst sie nicht zu lesen vermagst und gänzlich unwissend bist, was Du in Deiner Seele trägst und wie Dein Geist sich verwandelt hat. Es liegt in Dir wie die Keime einer Pflanze im Boden der Erde, und Du kannst nichts dazu thun, ebensowenig wie die Erde es zu hindern vermag, daß der Keim quillt und aufgeht, sprießt und gedeiht, wächst und Blüte und Frucht trägt. Die Frucht Deines Lebens wird eine Giftfrucht sein; doch Du wirst meinen, es sei ein Apfel des Paradieses. Und du wirst davon genießen und die Erkenntnis empfangen, ein Wissen, welches Dich töten wird.«

Ich entgegnete:

»Also gestehst Du ein, daß Deine heutige Erkenntnis meines Christentums und meines geistlichen Wesens eine falsche Offenbarung Deines Geistes gewesen?«

»Ich gestehe ein, daß ich Dich heute nicht völlig erkannte und daß Du ein aufrichtiger Schwärmer und Wahnwitziger bist.«

»Aber doch ein ehrlicher Priester der katholischen Kirche?«

»Dieses in höherem Maße, als Du selbst es weißt. Und Du wirst es noch gänzlich werden: gänzlich ein Zelot des christlichen Glaubens.«

Da das Weib dieses sagte, triumphirte ich im Herzen über sie, erkennend, daß sie nichts von meinem innern Zustand wußte. Und ich spottete im geheimen der Thörin, welche anderen und sich selbst vorlog, eine große Weise zu sein. Doch verschwieg ich solche Gedanken und schickte mich an, die böse Stätte und das arge Weib zu verlassen. Da sprach Judäa:

»Sonst hättest Du mich nichts zu fragen?«

»Was sollte ich Dich noch zu fragen haben?«

»Nach meiner Tochter Myrrha.«

»Was schert mich Deine Tochter!«

»Sie ist über die Maßen schön geworden, noch schöner, als ihre Mutter gewesen, und wird von den Juden aus dem Thal der Egeria gleich einer Königin geachtet.«

»Möge der Herr sie erleuchten! Ich will für sie beten.«

»Wenn ich heimkehre, werde ich sie dem Mose Halarki zum Weibe geben, wie bei den Juden vom Thal der Egeria ein Mädchen eben einem Manne vermählt wird: in keinem Tempel, ohne Priester. – Sagtest Du etwas?«

»Nein.«

»Mose Halarki ist der mächtigste Mann im Stamme der Verstoßenen, die er wie ein Fürst und Feldherr anführt. Meine Tränke und Salben haben ihm geholfen, daß er aufrecht stehen und am Stabe dahinwanken kann. Aber sein Körper ist eine Mißgestalt geblieben, gänzlich unähnlich der Schönheit, welche Dich einstmals geschmückt hat. Und daß Du auch dieses noch weißt: meine Tochter Myrrha verabscheut, was häßlich ist, und wird nur mit Widerwillen ihrem Manne anhängen. Auch trägt sie immer noch das Bildnis eines Jünglings im Herzen mit langem Gelock und leuchtendem Augenpaar. Sagtest Du auch jetzt nichts?«

»Kein Wort.«

»Aber ich hörte Dich seufzen.«

»Ueber Deine Verruchtheit.«

»Warum schiltst Du mich? Weil ich meine Tochter einem ungeliebten Manne zum Weibe gebe? Das ist Sitte auch bei dem Stamm der Juden, dem Du angehört hast. Was schreist Du also dagegen?«

»Du hast recht, mich kümmert's nicht. Lebe wohl.«

Doch die Unholdin ließ mich nicht von sich.

»Und Du fragst mich nicht nach Simeon, dem Manne, der Dich erzeugte, nicht nach Hannah, der Frau, die Dich gebar?«

Ohne Antwort wollte ich davonschreiten, aber ich wußte nicht gleich, nach welcher Seite ich mich zu wenden hatte. So blieben denn meine Füße gänzlich gegen meinen Willen am Boden haften und ich hörte das Weib sagen:

»Dein Vater Simeon ist ein alter Mann geworden mit weißem Haar, ein Greis, der sich am Stabe zum Tempel tastet und kindische Worte lallt: ›Dahiel, mein Sohn! Dahiel, mein Sohn!‹ Deine Mutter Hannah ist seit vielen Jahren bettlägerig und ihr Lebenslicht gleicht einem Lämplein, dessen Docht das Oel aufgezehrt hat. Wenn ich nun in den römischen Ghetto kommen werde, dort die Botschaft auszurichten, die Du mir gegeben, und mich in das Haus nahe dem Tempel einschleiche und daselbst rufe: ›Ich sah den, der einst Dahiel hieß! Ich sah ihn als einen großen Priester der christlichen Kirche und vernahm aus seinem Munde den Fluch geschleudert gegen sein Volk.‹ – Wenn ich also spreche, wird das Lebenslicht des Weibes Hannah unter meinen Worten verlöschen und der Greis Simeon wird ihr mit Jammer nachfahren in die Grube. Willst Du es daher, so schweige ich.«

... Ich habe vergessen, welche Antwort ich dem Weibe gab; ich glaube, ich schrie sie an, daß sie eine Lügnerin, eine Unholdin und Teufelin sei, und wich mit Grausen von ihr. Da hörte ich sie hinter mir drein rufen:

»Kain hat nur seinen Bruder getötet; hier flieht einer, der Vater und Mutter gemordet.«

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