Autorenseite

 << zurück weiter >> 

IX.

Das Kind blieb am Leben; aber um seine Mutter stand es schlimm. Zwar meinte der Apotheker, sterben würde sie wohl nicht; indessen besser sei besser, und es wäre am besten, wenn sie sterben würde. Denn ihren Verstand – meinte der Apotheker – würde sie wohl schwerlich jemals wiederbekommen. Der Fall, den sie am Bette des Kindes gethan, war zu schwer gewesen; sie hatte sich dabei den Schädel verletzt – gerade als ob sie einen gewaltigen Schlag erhalten, einen Schlag, der sie hätte töten können. Nun, am Leben würde sie wohl bleiben, aber ihre Sinne würde sie schwerlich behalten. Die Arme!

Sie lag noch und raste in Fieberphantasien, als man die Kleine, warm in Decken gehüllt, bereits vor das Haus trug. Sie genas schnell. Trotzdem schlich Terenzio blaß und stumm einher, den Anblick seines geretteten Kindes vermeidend. Im Hause ertrug er es nicht, denn im Hause vernahm er die Stimme seines halb wahnsinnigen Weibes; und er ertrug es nicht, in der Vigna zu sein, denn auch dort war ihm, als hörte er Clelia schreien und toben. Er ertrug das Leben nur noch in der Osteria – hinter einem Glase Wein.

Das Kind sprach ohne Unterlaß von seiner Mutter und konnte nur mit Mühe von seiner Großmutter beruhigt werden, die ein Gartenhaus mit Angelika bezog, damit diese das Rasen der Mutter nicht mit anhören sollte. Terenzio schlief bei den Knechten.

Allmälich ward auch Clelia besser. Das Fieber ließ nach, sie nahm Nahrung zu sich, war still und geduldig und erkannte die Großmutter. Zu Zeiten konnte sie ganz verständig sprechen, nur daß sie sich nicht ausreden ließ, das Kind wäre gestorben und begraben und befände sich nun bei seiner himmlischen Mutter glücklich im Paradiese. Bei diesen wirren Reden meinte sie jedesmal:

»Es ist doch gut von der Madonna, daß sie meine Bitte so schnell erhört hat. Ach, wie bin ich froh! Auch Bruder Angelikus wird sich freuen. Heut nacht muß ich nach den Ruinen, sonst wird er böse. Und ich möchte ihm doch alles zu liebe thun. Weckt mich ja, damit ich die Zeit nicht verschlafe. Wie bin ich froh! Ich bin so glücklich!«

Man wußte nicht, wie man es ihr beibringen sollte, daß das Kind noch am Leben war und scheute sich, ihr Angelika zu bringen. Denn da sie so unerschütterlich an des Kindes Tod glaubte, fürchtete man, sie werde sich über seinen Anblick entsetzen und von neuem in Raserei verfallen.

Eines Tages ward Sora Filomela, die das Kind nicht aus den Augen ließ, abgerufen. Als sie zurückkam, war die Kleine nicht mehr da, auch im Garten nirgends zu finden. Vergebens durchsuchte die Alte die ganze Vigna, lief endlich auch ins Haus und glaubte vor Schrecken umsinken zu müssen, als sie die Kammerthür offen fand und drinnen die Stimme Angelikas hörte. Wie erstaunte sie, als sie, näher tretend, das Kind seelenvergnügt neben dem Bett der Mutter stehen sah. Clelia lag ganz still, mit glückseligem Lächeln und verklärtem Gesicht, während die Kleine in ihrer artigen Weise eifrig plauderte und geschäftig mit den Blumen hantirte, die sie draußen gepflückt hatte. Nachdem sie sämtliche Blüten auf die Decke gestreut, lief sie hinaus, um neuen Vorrat zu holen. Jetzt trat die Großmutter näher, den Mut nicht findend, das erste Wort zu sagen. Mit einer geheimnisvollen Geberde sie zu sich heranwinkend, flüsterte die Wahnsinnige:

»Das Kind ist bei mir gewesen.«

»Ach, meine gute Clelia –«

»Aus dem Paradiese ist es zu mir gekommen.«

»Aus dem Paradiese?«

»Nun ja, von seiner Gottesmutter und seinen Geschwistern, den seligen Engeln.«

»O Madonna!«

»Die Gottesmutter läßt mich grüßen: nun wäre alles gut. Die Missethaten der Eltern wären nun gesühnt; das Kind wäre ein seliger Engel. Sieh nur die Blumen, die Angelika mir aus dem Paradiese mitgebracht hat: goldene Rosen und silberne Lilien! Jetzt geh und rufe meinen armen Terenzio, damit wir zusammen glücklich sind.«

»Ja, ja. Ich hole ihn. Sei nur ruhig.«

Sie eilte hinaus, schloß mit zitternden Händen die Thür und drängte ihre Thränen zurück, denn sie sah Angelika herbeilaufen, eine ganze Blumenlast schleppend.

»Komm zur Anunziata, Deine Mammina schläft, die gute Mammina ist krank; wir müssen ganz still sein.«

Sie brachte die Kleine der Magd und suchte dann Terenzio auf, den sie, statt bei der Arbeit, mit den Knechten Mora spielend fand. Schluchzend erzählte sie, was sie soeben erlebt hatte.

»Ganz von Sinnen ist sie. Sie sieht ihr Kind und glaubt, daß es aus dem Paradiese gekommen sei, und ist ganz glücklich darüber. Du sollst zu ihr kommen, Dich mit ihr zu freuen.«

»Das ist die Strafe für ihre Sünden,« erwiderte Terenzio; »es rächt sich alles im Leben. Das kommt davon, daß ich die Clelia geheiratet habe. Der Bruder Angelikus hat ganz recht: 's ist ein Glück für uns, wenn wir recht unglücklich sind. Wir haben es gar nicht besser verdient. Pfui Teufel, was sind wir für Christen! In die Hölle mit uns! Der Bruder Angelikus ist ein heiliger Mann, und der Bruder Angelikus hat recht.«

Damit ließ er die Alte stehen und begab sich wieder zu seinen Spielgefährten zurück; aber obgleich er vollkommen nüchtern, war sein Schritt doch schwankend.

Nun hat auch der seinen Verstand verloren, dachte die Großmutter und griff sich mit beiden Händen an den Kopf, als wäre jetzt die Reihe an ihr.

Dann kam ein Tag, an welchem Clelia begriff, daß Angelika nicht tot sei.

Darüber verfiel sie von neuem in Raserei.

Ihr Kind noch am Leben, ihr Kind nicht im Paradiese bei seiner Gottesmutter, ihr Kind noch beladen mit den Missethaten seiner irdischen Mutter – –

In diesem einzigen Kreislauf bewegten sich alle Gedanken und Empfindungen der Unglücklichen. Nachdem sie durch Wochen das Leben einer Tollen geführt, verfiel sie in Stumpfsinn, ein Zustand, aus dem es für sie, allem Anschein nach, keine Rettung mehr gab.

Da sie ruhig und ganz unschädlich war, ließ man sie in ihrem Treiben gewähren. Sie blieb im Hause und betete viel. In einer Ecke hatte sie ihren bestimmten Platz, wo sie stundenlang kauerte, ohne eine Bewegung zu thun und mit weit offenen Augen vor sich hinstarrte. Das Kind gewöhnte sich wieder an sie, spielte in der Nähe der Mutter umher, brachte ihr Blumen, Steine und glänzende Käfer. Auch Terenzio überwand seine Scheu und begann den Anblick der Wahnsinnigen zu ertragen; nur des Abends floh er aus dem Hause und ging nach Subiaco in die Weinschenke, aus der er nicht vor Mitternacht und niemals nüchtern nach Hause kam.

Bruder Angelikus ließ nichts von sich sehen und hören; aber sie vernahmen, daß er ob seines strengen Lebenswandels immer größeren Ruhm erwarb. Elelia sprach seinen Namen nicht aus, doch blieb der heilige Mann beständig in ihren verstörten Gedanken, und wenn Terenzio des Mönches gedachte, murmelte er jedesmal:

»Er hat recht. Es ist die Strafe für unsere Sünden. Nun, wir müssen es tragen.«

Im Dezember kamen Tage, warm wie im Frühling. Die Wiesen und Gelände standen voller Blumen und am Himmel war kein Wölkchen zu sehen. Zu dieser Zeit gelang es der Großmutter, Clelia ins Freie zu bringen; schließlich ging sie täglich aus, entweder von Sora Filomela oder dem Kinde begleitet. Dieses hatte sich angewöhnt, seine wahnsinnige Mutter wie ein krankes Kind zu betrachten, das seiner Obhut anvertraut worden. Gewöhnlich gingen die beiden durch die Vigna an den Fluß und diesen entlang, bis sie zu einer Stelle gelangten, wo sich in dem dichten Buschwerk eine Oeffnung befand, durch welche man wie durch ein Thor auf die rauschenden Wasser sah. Weiter wollte Clelia niemals gehen, und die kleine Wärterin that der Kranken auch jedesmal den Willen. Tiefsinnig schaute diese in die Wellen, deren Lauf sie mit den Blicken folgte. Wenn Angelika sich müde gespielt hatte, kauerte sie sich neben ihre Mutter ins Gras und schaute gleichfalls ernsthaft in die rauschenden Fluten hinunter.

Einmal schlief das Kind ein. Clelia bewachte ängstlich seinen Schlaf, nahm es endlich behutsam auf, trug es zum Fluß und wollte es hineinwerfen. Da erwachte die Kleine, begann fürchterlich zu schreien und umklammerte mit beiden Armen den Hals der Mutter. Diese versuchte sich des Kindes zu erwehren, aber Angelika in ihrer Todesangst hielt fest, so daß der Wahnsinnigen kein Schütteln und Zerren half. Nun schlug sie das Kind auf die Finger und riß sich schließlich, als auch das nichts half, den Pfeil aus dem Haar, womit sie dem Kind in den Arm bohrte. Da hörte sie die Großmutter rufen:

»Angelika! Angelika!«

Die Verrückte erschrak, fuhr von dem Fluß zurück, schleuderte das Kind von sich und lief fort. Die Großmutter fand Angelika halb entseelt vor Angst, mit zerkratzten Händen und blutendem Arm am Boden liegen: ihre Mutter hätte sie ins Wasser werfen wollen. Schrecklich aufschreiend trug die Großmutter das arme, mißhandelte Kind auf ihren schwachen Armen ins Haus zurück.

Clelia lief und lief, bis sie die Landstraße erreichte, dann mäßigte sie ihren Schritt. Sie war bei klarem Bewußtsein, wußte genau, was sie hatte thun wollen, und überlegte nun, wie sie es anfangen sollte, das Kind umzubringen, damit es zur Muttergottes käme. Sie hatte es auch bald gefunden. Der Pfeil, den sie Angelika in den Arm gestoßen, war scharf wie ein Dolch, überdies machte sie an sich selbst die Probe: sie öffnete ihr Kleid und bohrte sich die goldene Spitze ins Fleisch; sie drang sogleich tief hinein, daß es heftig blutete.

Clelia verband sich die Wunde, wischte den Pfeil am Grase ab, steckte ihn wieder ins Haar und schlug die Richtung nach Subiaco ein. Dort ging sie in jede Kirche und verrichtete vor dem Marienaltar ihr Gebet. Niemand hätte ihr den Wahnsinn angemerkt. Ruhig schritt sie dahin, still vor sich niederblickend. Mancher blieb stehen, um ihr nachzusehen, denn sie war noch immer von hoher Schönheit. Nur daß ihr goldiges Haar ein vollkommen farbloses Antlitz umrahmte, und daß ihre dunklen Augen in einem unstäten Feuer glühten.

Plötzlich blieb sie stehen. Sie war bei ihrer Wanderung bis zum Baronalpalast gekommen. – Was war es mit diesem? Wer wohnte dort? Sollte sie nicht zu einem gehen, der sie suchen wollte, der auf sie warten würde? Wer war das?

Sie besann sich; langsam, mit Anstrengung kam ihr das Gedächtnis zurück. In dem Palast wohnte einer von ihren alten Freunden, und ihr alter Freund hatte zu ihr gesagt: »Komm zu mir!« Und sie, sie hatte ihm erwidert: »Ich komme.« Nun, dann mußte sie auch zu ihm gehen.

Sie trat durch das hohe Portal in den Hof und sagte zum Thorhüter:

»Ich will den Prinzen sprechen.«

»Was wollt Ihr bei dem Prinzen?«

»Sprechen will ich ihn. Geh sogleich und sage ihm, daß ich da sei.«

Sie sprach so gebieterisch und sah so schön und stolz aus, daß der Mann nicht wußte, was er denken sollte.

»Wer seid Ihr denn?«

»Sage dem Prinzen: die Clelia sei gekommen.«

»Die Clelia –«

»So heiß' ich! Eile Dich! Ich habe nicht lange Zeit.«

»Nun, so wartet. Ich werde es dem Prinzen sagen.«

Clelia wartete. Nach kurzer Zeit kam der Mann zurück.

»Der Prinz kennt Euch nicht.«

»Kennt mich nicht? Er kennt die Clelia nicht!«

»Der Prinz sagte, er kenne Euch nicht. Die Prinzessin war gerade bei ihm. Da fragte er auch sie: ›Kennst Du eine Clelia?‹ Aber auch die Prinzessin kannte Euch nicht. Also geht.«

»Es ist gut. Ich gehe.«

Und sie ging langsam davon, ohne viel darüber nachzudenken. Wenn der Prinz sie nicht kannte, so war es gut. Sie hatte ihm versprochen, zu kommen, sie hatte ihr Wort gehalten, nun war es gut. Jetzt mußte sie die Nacht abwarten, um sich ins Haus zu schleichen und es zu thun. Sie wußte ganz genau, auf welche Weise.

Noch war sie keine hundert Schritte vom Palaste entfernt, als jemand ihr nachgegangen kam: der Kammerdiener des Prinzen. Als wäre sie eine alte Bekannte, redete der Mann sie an:

»Ihr seid doch die Clelia?«

»Freilich bin ich die. Was wollt Ihr von mir?«

»Wie konntet Ihr zu dieser Stunde zum Prinzen kommen, ohne einen Vorwand zu finden!«

»Einen Vorwand?«

»Nun ja! Ich meine, Ihr verständet Euch darauf. Die Prinzessin ist eifersüchtig, und man meldete Euch beim Prinzen, als sie gerade bei ihm war. Wäre ich dagewesen, so würde es nicht geschehen sein. Aber ich kam zu spät.«

»Es ist gut. Grüßt den Prinzen von mir. Sagt dem Prinzen: die Clelia hätte ihm versprochen, zu kommen, und sie wäre gekommen. Damit sei es gut.«

»Der Prinz erwartet Euch.«

»Wann?«

»Diese Nacht. Der ist verliebt! Ihr kommt doch?«

»Ich kann nicht kommen.«

»Wie? Warum nicht?«

»Ich muß diese Nacht mein Kind umbringen.«

»Seid Ihr toll?«

»So sagen die Leute. Gute Nacht.«

Gelassen ging sie weiter. Der Kammerdiener wollte ihr folgen, aber Grausen hielt den Mann zurück: wie sollte er das dem Prinzen mitteilen? Clelia konnte diese Nacht nicht kommen, weil sie ihr Kind umbringen mußte.

Clelia wanderte die Landstraße nach der Richtung von Arsoli dahin, bis es tiefe Nacht geworden war. Dann kehrte sie um und begab sich sogleich nach dem Hause, das still und dunkel dalag. Sie wußte, daß Terenzio sich in der Weinschenke befand und daß das Haus bis zu seiner Rückkehr unverschlossen blieb. Das Kind lag bei der Großmutter, die einen leisen Schlaf hatte. Sie mußte behutsam zu Werke gehen.

Die ganze List des Wahnsinns kam über sie. Sie zog die Schuhe aus, schlich, kroch ins Haus, tastete sich zur Kammerthür, öffnete diese, ohne das leiseste Geräusch zu machen – – Dort schlief die Großmutter, ihr zur Seite in seinem Bettchen das Kind. Vor dem Madonnenbilde brannte die ewige Lampe, und ein Strahl davon fiel gerade auf Angelikas Brust, als wollte das Licht, welches die Madonna umglänzte, dem Dolch der Mörderin den Weg weisen.

Auf den Knieen rutschte die wahnsinnige Mutter zum Bette hin. Erst als sie dicht davor stand, erhob sie sich, sank indessen gleich wieder zu Boden, denn das Kind hatte sich geregt. Und jetzt – jetzt sprach es im Traum; »Ach, Mammina, Mammina, thu Deiner süßen Angelika doch nicht so weh.«

Clelia hielt den Atem an. Wenn die Großmutter erwachte!

Aber halb im Schlaf, ohne den Kopf zu erheben, redete diese dem Kinde zu:

»Sei ruhig, meine Angelika; Deine Mammina thut Dir nichts. Deine Mammina ist zum guten Bruder Angelikus gegangen, der betet mit ihr und dann –«

Aber da war die Alte schon wieder fest eingeschlafen, und auch das Kind regte sich nicht mehr.

Wohl eine Viertelstunde wartete Clelia; dann, halb aufgerichtet, tastete sie nach dem Herzen des Kindes, fand die Stelle, wo es pochte, erhob sich, schaute starr auf den Fleck, den sie treffen wollte, und dann – mit einem einzigen Stoß – –

Kaum daß das Kind einen Seufzer that.

Sie ließ den Pfeil stecken. Ihre Hand war von heißem Blut gebadet. Bis zu ihren Füßen rann es an ihrem Leibe herunter. Sie hob den kleinen Leichnam auf, wickelte ihn in die Decke und floh aus der Kammer, blutige Spuren zurücklassend.

In dem leeren Bett des Kindes beschien der Strahl von der Lampe der Madonna eine dunkle Lache und auf den Steinboden rannen langsam, langsam schwere Tropfen herab.

.


 << zurück weiter >>