Autorenseite

 << zurück weiter >> 

III.

In Subiaco fand die große Prozession zu Ehren des Corpus Domini statt, ein Fest, welches an keinem andern sabinischen Ort mit solchem Prunk gefeiert ward: liegen doch in nächster Nähe Subiacos die beiden größesten und mächtigsten Heiligtümer des Kirchenstaates: die Klöster Sankt Benedikts, deren Ruhm sogar den Glanz des Hauses von Sankt Franziskus in Assisi überstrahlt.

Für die Gemüter des Volkes geradezu überwältigend war der endlos erscheinende Festzug. Derselbe entwickelte sich aus den unterirdischen Gewölben der Kirchen und Kapellen des Klosters zur heiligen Höhle. Dem Volk, das sich an dem Abgrund, an welchem auch dieses Kloster schwebt, versammelt hatte, war es, als öffnete sich der Fels, um die Schar der Mönche, die Menge der Heiligtümer, die Fülle der Blumen, des Goldes und der Edelsteine, das Lichtmeer der Kerzen und die Weihrauchwolken aus seinen dunklen Schlünden hinaus in den Glanz des Tages strömen zu lassen. Die steile Felsenstiege wälzte es sich hinab, durch den finstern Steineichenhain, den wilden Berg hernieder, die Schlucht entlang, bis zum zweiten Kloster, dessen Pforten aufsprangen, um unter dem Geläut der Glocken, dem Donner der Böller eine zweite, womöglich noch gewaltigere Welle von klösterlicher Pracht und Herrlichkeit zu entsenden. Zu einem einzigen Strome vereinigt, wogte es nun an den Ruinen der Villa des Nero vorüber, der grauen Stadt zu. Diese hatte sich mit Laub und Blumen geschmückt, die Gassen überspannten grüne Wölbungen, die öden Mauern waren mit bunten Teppichen bekleidet, das Innere aller Kirchen in Festsäle verwandelt, der ganze Ort wimmelnd von allerlei Volks. Jedes Weib, jede Jungfrau reich geschmückt; andächtig niedergesunken auch alle Männer, alle Kinder. Ein Brausen von Glockentönen. Dazwischen das Krachen der Geschütze, das Knattern der Gewehre, das Psalmiren der Mönche, das gellende Gnadegeschrei der Verzückten.

Darüber der Himmel gleich einer Decke aus Lapislazuli; ringsum das wilde Felsenland: Gipfel gedrängt an Gipfel, kahl und zur ewigen Wüste verdammt, aus den wahrhaft elysäischen Gefilden des Thals sich erhebend.

Aber es schien keine Feier des gestorbenen und von den Toten wiederauferstandenen Leibes Christi zu sein, sondern ein Fest der Jünger Sankt Benedikts.

Auch die Franziskaner des Klosters, dem Angelikus angehörte, waren gekommen; denn weil ihr Heiligtum in der Oede lag, also für keine ihnen zugehörige Ortschaft eine Corpus Domini-Prozession veranstalten konnte, war es üblich, daß sich die Bruderschaft an dem Feierzuge der Benediktiner beteiligte. Ihren stolzen Abt an der Spitze schritten die Mönche als die letzten des langen Zuges; ein jeder eine Kerze tragend, ein jeder das Haupt in Demut gesenkt, glichen sie einer Schar Ueberwundener, die den siegreichen Benediktinern als Vasallen und Knechte nachzogen. Den scharfen Augen des Abtes entging es nicht, daß sich das Volk bereits von den Knieen erhob, noch bevor die Franziskaner vorübergezogen.

Dennoch sollten die Franziskaner in der den Benediktinern unterwürfigen Stadt den Ruhm des großen Festtags ernten. Es trug sich, was einem Mirakel gleichkam, folgendermaßen zu:

Der Umzug durch die Stadt war gehalten worden, die Prozession hatte sich in die Kirche begeben, wo der Abt von Santo Speco die Messe celebrirte. In derselben Ordnung, wie sie gekommen, verließ die Bruderschaft den Dom.

Plötzlich ergriff eine lebhafte Unruhe das Volk. Wer kniete, der erhob sich. Ein heftiges Drängen entstand: der Zug der Benediktiner geriet in Verwirrung und wurde zum Stillstand genötigt. Hallendes Geschrei übertönte das Glockengeläute, die wilden Stimmen schwollen lauter und lauter an, kamen näher und näher. Die Prozession löste sich auf.

Mehr noch als die Benediktiner nahmen die Franziskaner ein Aergernis an der Sache; da hörten sie plötzlich von einem Chorus von Weibern den verzückten Ruf angestimmt:

»Evviva San Franzisko!«

Die Franziskaner blickten sich betroffen an; unwillkürlich erhoben sie die Häupter, der Ausdruck ihrer Gesichter veränderte sich plötzlich. Die kleine Schar der Jünger des großen Heiligen von Assisi schien auf einmal gewachsen zu sein; nicht mehr voll tiefer Demut standen sie da und ihr Abt konnte wieder seine stolze Miene zeigen.

Was war geschehen?

Da sahen die Leute ein seltsames Schauspiel – – An der Spitze eines Haufens Landvolks, umdrängt von Hirten und braunen Weibern, die sich wie heidnische Mänaden geberdeten, erblickten die Franziskaner einen der Ihren. Wie ein Sieger schritt er einher, das wachsbleiche Antlitz gleichsam durchleuchtet von einem innern Feuer, die Augen in fanatischer Begeisterung glühend, mit dem Ausdruck einer gewaltigen Empfindung, welche die Gestalt des armseligen Mönches zu einer beinahe großartigen Erscheinung machte.

Angelikus!

Das Volk, das ihm folgte, schrie:

»Seht den Heiligen! – Hört den Heiligen! – Laßt euch von dem Heiligen predigen! – Thut Buße, denn das Gericht ist nahe! – Es lebe die Madonna! Es lebe San Franzisko! Es lebe der heilige Mönch!«

Der Tumult wuchs. Die Benediktiner wollten das Volk zur Ruhe weisen, wollten dem Verzückten das Reden verbieten. Als jedoch die Franziskaner das gewahrten, sammelten sie sich unter Anführung des Abtes um ihren bedrohten Genossen. Auch das Volk ergriff sofort Partei. Plötzlich verbreitete sich das Gerücht: der Franziskaner habe ein Wunder gethan und einen Kranken geheilt. Derer, die an den neuen Heiligen glaubten, wurden mehr und mehr, die Partei der Benediktiner schmolz zusehends, so daß diese es für das beste hielt, vorderhand das Feld zu räumen.

Angelikus begann zu reden. Sogleich trat tiefe Stille ein. Auf den Stufen eines altertümlichen Marienheiligtums stehend, predigte der Franziskaner:

»Ich sage euch, die Zeit der Buße ist gekommen, denn gekommen ist die Zeit der Vergeltung.

»Blickt hin! Seht« – und er deutete auf die Prozession der Benediktiner – »seht, wie sie prunken mit Gottes Wort, wie sie Gottes Wort in Gold und Kleinodien hüllen. Wißt ihr, von wannen diese Schätze ihnen kommen? Von dir, o christliches Volk! Von deinen Seufzern, deinen Thränen, deiner Arbeit, deiner Armut. Wehe! Das Gold erstickt das Wort Gottes, die Kleinodien würgen den göttlichen Geist, die Reichtümer der christlichen Kirche morden die Liebe zum Herrn.

»Und darum predige ich euch: Thut Buße! Und darum verkündige ich euch: Die Vergeltung wird kommen, auch über euch, die ihr euch von der goldenen Herrlichkeit, welche von der Kirche Christi ausgeht, die Sinne blenden laßt, so daß ihr nur dann auf das Wort Gottes hört, wenn es vor euch stolzirt in seidenen Gewändern, eine Krone auf dem Haupt und ein Scepter in Händen.

»Ich will euch sagen, wie das Wort Gottes beschaffen sein muß, will es in Wahrheit vom Herrn kommen – – In Lumpen muß es wandeln über die Erde, die nackten Füße zerrissen von spitzigem Gestein und scharfen Dornen, der Leib ermattet von Hunger und Mangel, das Haupt gebeugt in Demut und Niedrigkeit. Thränen muß es im Auge haben, Seufzer auf den Lippen. Dienen muß es wollen, nicht herrschen; anbeten, nicht angebetet werden; Erbarmen üben, nicht um Erbarmen sich anflehen lassen.

»Die christliche Kirche, o christliches Volk, ist geworden wie Franz von Assisi gewesen, ehe er bekehrt und heilig ward: gleich einer Königin prunkt sie. Es muß aber die christliche Kirche werden, was Franziskus geworden, nachdem ihm die Erleuchtung gekommen. Da ging er hin, nahm seines reichen Vaters Geld und Gut und schenkte es den Armen; und als sein Vater ihn deswegen schalt, verließ er seines Vaters Haus, so nackt und bloß, wie er dereinst auf die Welt gekommen, und schenkte seine Kleider den Bedürftigen.

»Ich aber sage euch: die Kirche muß hingehen und nehmen ihres reichen Vaters Schätze und diese unter die Armen und Bedürftigen verteilen. Sie muß Purpur, Krone und Scepter von sich werfen, sich entkleiden ihres Glanzes und nackt und bloß ausziehen, um das wahre Evangelium zu verkünden, welches ist ein Evangelium der Armut und Demut. Was der Heilige von Assisi gethan, muß die Kirche Christi thun. Sonst wehe dir, du falsche Dienerin des Herrn!

»Darum demütige dich, du hoffärtige Kirche! Darum thue Buße, du zuchtlose Braut des Herrn, denn über deinem Haupt schwebt die Vergeltung.

»Und es wird kommen der Tag – –«

Aber hier wurde der Redner unterbrochen. Eine gellende Weiberstimme schrie:

»O Du Vermaledeiter! Da Du in Rom in der Kirche des heiligen Engels den Juden Bekehrung predigen solltest, lästertest Du die Christen; und nun stehst Du hier, der Du ein Jude gewesen, und lässest Dich anschreien: ›Heiliger!‹ Ein Scheinheiliger bist Du, ein Lügner und Heuchler!«

Das Volk fuhr in wildem Getümmel auf die Sprecherin los; einige Benediktiner erschienen plötzlich und fingen an zu predigen; die Franziskaner sahen bestürzt aus.

Abt Evaristus aber rief:

»Welches Weib hat einen unseres Ordens gelästert?«

Aber schon hatte das Weib sich zu dem Mönch hingedrängt.

Es war eine Jüdin, eine von denen, welche sich im Lande herumtreiben, dem Volk seine Träume deuten, die Zukunft prophezeien und heimlich allerlei Tränke, Salben und Heilmittel verkaufen. Diese war ein älteres Weib, armselig gekleidet, aber von hoher, stolzer Gestalt. Sie hatte sich ein großes buntes Tuch über das Haupt gelegt, so daß nur die Nächststehenden ihr Gesicht erkennen, und über die Spuren großartiger Schönheit darin erstaunen konnten. Dicht trat sie vor den Franziskaner hin, blitzte ihn mit ihren schwarzen, funkelnden Augen an und fragte mit lauter Stimme:

»Dahiel, Du Jude, kennst Du mich?«

Angelikus antwortete:

»Du bist Judäa, ein wüstes Weib.« Und zum Volke gewendet, rief er: »Dahiel, der Jude, war ich, aber Angelikus, der Christ, bin ich geworden. Ein Verstockter und Verblendeter war ich, ein Bußfertiger und Erleuchteter bin ich jetzt.« Und das Judenweib fest anblickend: »Du aber, Judäa, wenn Du nach Rom kommst, begib Dich in die Judenstadt und schreie auf den Gassen aus: Du habest in Subiaco Dahiel, den Konvertiten, dem christlichen Volke predigen hören, daß die Vergeltung kommen werde! Und schleiche Dich in das Haus meiner Eltern und sage denen, die mich gezeugt haben: Du hättest Angelikus, den Christen, gesehen als einen, auf dem eine große Sühne liegt.«

Und er wendete dem Weibe den Rücken.

In diesem Augenblick trat sein Abt zu ihm und rief:

»Und hast Du einstmals, wie dieses Weib aussagt, in einer christlichen Kirche die Christen gelästert, so bezeuge nun vor dem versammelten christlichen Volk Deinen gewandelten Sinn und sage vor allem Volk Deine Gedanken über die Juden, damit dieses Weib auch das im Ghetto verkündige.«

Angelikus stand und blickte den Abt an, daß dieser unwillkürlich zurückbebte, als würde nach seiner Brust ein Dolch gezückt. Aber dann senkte der Mönch die Augen und rief mit gewaltiger Stimme in das schweigende Volk hinein:

»Mein Abt gebietet und ich gehorche! Wie ich schon einmal von den Juden mich losgesagt, so thue ich es hier zum zweitenmale: verfluchend sie, deren Sohn ich war, und das ganze jüdische Volk!«

Dann, als ob nichts geschehen wäre, setzte er, bis zur Ekstase sich steigernd, seine Predigt fort. Die Augen des Volkes hingen an seinen Lippen, die Frauen brachen in Thränen und wilden Jammer aus, selbst die Männer fühlten sich von der Macht seiner Beredsamkeit fortgerissen. Die Franziskaner aber wurden stolz auf ihren Genossen, der ihrem Kloster an diesem Tage zu einem großen Siege verhalf.

Judäa jedoch, da sie den Abt erblickte, hatte heftig, wie in Scheu vor dem hochwürdigen Mann, ihr Gesicht wieder mit dem Tuche bedeckt und war alsbald in der Volksmenge verschwunden.

*

Aus den Bekenntnissen.

... Aber ich gewahrte wohl, wie der Abt gegen mich gesonnen war, da er das thörichte Volk mich anrufen hörte, und das Lobpreisen der Brüder vernahm. Gern hätte auch der Hochwürdige mich einen Scheinheiligen, Heuchler und Lügner gescholten, wie jenes jüdische Weib vor dem ganzen Volk gethan. Indessen aus Weisheit schwieg er; doch schwieg er weniger um dem Orden Sankt Franziski die Ehre zu geben, als vielmehr aus Mißgunst und Haß gegen die hochmütigen Jünger des heiligen Benedikts, die in den fürnehmsten und fettesten Klöstern des Landes sitzen, unermeßliches Gut zu eigen haben und die Franziskaner verächtlich behandeln; auch darauf sich zu gute thuend, daß ihr Heiliger um viele Jahrhunderte älter ist als der unsere. Deshalb gab sich Abt Evaristus die Miene, als glaubte er an meine Erleuchtung, und antwortete allen, die ihn darum befragten: »Es ist ein heiliger Geist, der aus dem jungen Menschen redet. Der Geist Sankt Franziski ist über diesen bekehrten Sünder gekommen.« Aber in seiner Seele gelobte er sich, es mir gedenken zu wollen.

»Und gedenken will ich es Dir – –

»Daß Du mich in dieses Felsengrab gelegt hast, wohin weder Sonne noch Mond schien, das habe ich Dir vergessen, ja, das habe ich Dir gedankt; denn das hat meinen Geist geweckt und mich mit wahrhaftiger Erleuchtung erfüllt, so daß ich nicht bin, was Du im Herzen mir ansinnst zu sein: ein Scheinheiliger, Heuchler und Lügner. Vergessen sei es Dir und gedankt. Aber gedenken will ich Dir und vergelten will ich Dir, daß Du mich vor allem Volke aufgerufen, meinem Volke zu fluchen vor einer meines Volks. Du wußtest wohl, was Du mir damit anthatest. Und weil Du mir das gethan, verdientest Du, daß auch Du in einen Schlund versänkest, tief wie der Abgrund, in den Du mich gestoßen, daraus es kein Auferstehen gibt. So möge Gott Dir gnädig sein.«

Um dem thörichten Volk und meinen mich überschwenglich lobenden Brüdern zu entgehen, entwich ich zu einer Kapelle, welche vor der Stadt gelegen ist, vorgebend, daß ich mit dem Geist meines Heiligen mich bereden müßte. Aber die Weiber hielten das Heiligtum, darin sie mich betend wähnten, belagert. Da ward ich zornig und gebot den Frauen augenblicks in ihre Häuser heimzukehren. Sie schrieen mich um meinen Segen an, den ich ihnen in Gottes Namen erteilte, mit großen Geberden, als ob ich etwas absonderlich Geheimnisvolles und Göttliches vollzöge. Dann endlich ließen sie mich gehen; darüber war es hoher Nachmittag geworden.

Ich hatte mir aber etwas vorgenommen, das ich nun ausführen wollte. Kaum waren die Weiber verschwunden, als auch ich ging. Aber wo sollte ich das Judenweib auffinden? Doch von Kindheit an bekannt mit den Gewohnheiten des Volkes aus dem Thal der Egeria, schlug ich den Weg ein, der von der Stadt zur Anioschlucht führt, durch die Maisfelder und Vignen, denn die Landstraße wimmelte von Volk, welches leicht in mir den neuen Heiligen hätte erkennen können.

In großer Ermattung, sowohl des Körpers, als des Geistes, wanderte ich durch die Gefilde längs des Flusses, die jahraus jahrein dem Landmann schier überreiche Frucht tragen. Es war völlig einsam um mich. Ich vernahm das Rauschen der Wellen des nahen Anio, das Flüstern des Windes in den Rebenlauben und den Nachtgesang der Vögel in den Wipfeln der Feigen- und Granatbäume. Ich dachte jedoch nicht, daß es Gottes Stimme war, die zu mir sprach. Auf die Gipfel des Felsengebirges senkte sich der Abendhimmel herab, gleich einem aus Gold und Purpur gewebten Vorhang. Ich hielt es indessen nicht für ein Stück vom Gewande des Herrn.

Ich gelangte in einen Rebengang, an dessen Seiten sich rechts und links breite Streifen dunkelroter Nelken hinzogen und über mir aus der dichten Laubdecke quoll eine Fülle ihrer Reife entgegenschwellender Trauben hervor. Da ward ich plötzlich im Geiste viele Jahre meines Lebens zurückgeführt, und ich wandelte wiederum durch den Rebengang der Vignen am Fuß des Berges Mario, lauschte auf das Rauschen der Tiberwogen, sah im Abendsonnengolde die Kuppel der Peterskirche strahlen und hörte eine sanfte Frauenstimme rufen – –

Und ich hörte eine sanfte Frauenstimme rufen:

»Angelikus!«

Ich glaubte, mein Geist läge in den Banden eines Traumes, und ich hätte darin vernommen, daß Clelia, jene arge Sünderin, mich bei Namen riefe. Und ich dachte: keine Stimme soll mich jemals mehr in Versuchung führen; ich habe die Versuchung bestanden. Und weil ich glaubte, daß mir der Böse das verführerische Weib alsbald in ihrer ganzen lieblichen und teuflischen Schönheit körperlich vor Augen führen werde, so schloß ich sie und schritt mit geschlossenen Augen weiter. Da hörte ich einen leisen Aufschrei, und als ich aufblickte, gewahrte ich denn auch das Spukbild vor mir.

Ich befand mich – so schien es mir – in der Vigna der wackeren Sora Filomela, vor dem ganz von Ranken und Blüten umsponnenen Häuschen dieser wahrhaft gottesfürchtigen Frau. Und vor dem Hause auf einer Bank saß die Clelia in einem sittsamen Gewande, ohne Kette oder Spangen, mit wie in Verzückung leuchtenden Augen mich anblickend, in ihrer ganzen strahlenden Schönheit. Sie hatte den Schoß voller Gemüse, die sie für die Abendmahlzeit auslas, eine Schar Tauben pickte eifrig an den zarten goldgelben Salatblättern, welche sie dem Vogelvolk hingeworfen hatte. Sie starrte mich an, als ob ich eine Erscheinung wäre, da ich sie doch selbst für einen rechten Höllenspuk hielt, daß ich fast laut gerufen hätte: »Apage Satanas!«

Aber das Weib blieb vor meinen Augen, und ich mußte erkennen, daß es Fleisch und Blut war.

Mit einer Miene und Geberde höchsten Glückes sprang Clelia in die Höhe und lief auf mich zu, nicht anders, als ob sie einen Gottgesandten und Messias grüßen wollte. Ich aber dachte daran, daß ich sie an der Kirchenthür, da sie mein Haupt in ihrem Schoß auffing, verleugnet hatte, mußte also glauben, daß sie mir grollte, und ihr verzücktes Gebahren für eitel Trug und Verstellung halten. Mit anscheinend höchster Freude redete sie mich an:

»Also kommt Ihr doch zu uns, lieber und hochwürdiger Bruder? Kommt Ihr, um mit eigenen Augen das gute Werk zu schauen, das Ihr an uns vollbracht habt? Das ist gütig von Euch, wie wir es indessen anders von Euch gar nicht gewohnt sind. Aber Ihr seid müde von dem weiten Weg und müßt unpaß sein, denn Ihr seht bleich und krank aus. Laßt es Euch gefallen, auszuruhen unter dem Dache, das Ihr zu einem glücklichen Hause gemacht habt. Mein wackerer Terenzio ist über Land, wird jedoch bis zum Abend zurückkehren. Der wird staunen! Eine größere Freude, als bei seiner Heimkunft Euch in seinem Hause zu finden, könnte meinem Manne gar nicht begegnen – – Und was werdet Ihr dazu sagen, daß meine liebe Tante Filomela jetzt bei uns lebt? Sie hat ihre Vigna am Monte Mario verkauft und ist nun für ihr ganzes Leben hieher zu uns gezogen, um unser Glück und alles, was der Himmel uns in seiner Gnade geschenkt hat, mit uns zu teilen. Heute ist sie in die Stadt zum Fest: ich weiß nicht, wo sie so lange bleibt, sie könnte längst wieder da sein. Wenn die gute Filomela Euch hier trifft, die gibt ja wohl vor lauter Glückseligkeit ihren Geist auf. Welche Freude! Welche Freude!«

Während dieser Worte, die sie mit zitternder Wonne und der lieblichsten Miene an mich richtete, hatte sie mich zur Bank vor dem Hause geführt, und weil die Bank von hartem Stein war, riß sie ihr seidenes Tuch vom Halse, breitete es über den Marmor aus und bat mich, niederzusitzen, was ich auch that: denn ich war gänzlich ermattet und fühlte meine Kräfte schwinden. Dabei war ich im Herzen voller Unwillen gegen das Weib, welches that, als hätte sie mich seit vielen Jahren nicht mehr gesehen.

Sie war gar geschäftig um mich her, säuberte den Tisch von dem Gemüse, scheuchte das zudringliche Taubenvolk fort und las vom Boden den Abfall auf. Dabei gewahrte sie, daß meine nackten Füße dicht mit Staub bedeckt, auch gänzlich aufgeschwollen und blutrünstig waren. Sie that einen lauten Schrei, wurde blaß, lief ins Haus und kam nach einer kleinen Weile mit einem schönen, wassergefüllten Gefäß aus getriebenem Kupfer zurück. Damit kauerte sie sich nieder, tauchte meine Füße in die laue Flut, wo hinein sie Lavendelwasser geschüttet, und badete sie; alles, ohne ein Wort zu sprechen, in tiefster Demut und doch voller Glückseligkeit, mir diesen niederen Dienst leisten zu dürfen, nicht anders, als ob ich der Herr und sie jene heilige Büßerin wäre.

Und auch sie mochte an Maria Magdalena denken; denn als sie meine wunden Füße gewaschen hatte, fuhr sie mit einer jähen Bewegung nach ihrem Haupt, zog einen goldenen Pfeil, der scharf war gleich einem Dolche, aus ihrem herrlichen Haar, daß dieses sich löste und wie ein strahlender Schleier um sie niedersank. Dabei sah sie mir mit heißem Flehen in die Augen, und weil ich ihr trotzdem ein so sündhaftes Thun mit strengen Worten verwehren wollte, sagte sie und lächelte dazu:

»Seht, wie lang es wieder geworden ist.«

Da schwieg ich und sie trocknete mir mit ihrem seidenweichen, leuchtenden Haar die Füße, daß es diese wie eine Welle Goldes umfloß. Und zu der Liebesthat dieser großen Sünderin schlugen in den Vignen die Nachtigallen und sank die purpurfarbene Abendröte auf die dämmerungsvolle Erde herab – –

Beide schwiegen wir. Als ich, nachdem sie ihr Werk geendet, aufblickte, gewahrte ich unter den Bogen des Rebengangs ein Kind; es war ein Mägdlein von etwa vier Jahren, mit langem, hellem Gelock und holdselig wie ein Engel des Himmels. Dieses liebliche Geschöpf hatte eine Fingerlein in den Mund gesteckt und blickte aus großen, erschrockenen Augen auf den fremden Mann, vor dem die Mutter im Staube lag. Als es nun gewahrte, daß auch ich es betrachtete, hub es bitterlich zu weinen an.

Das Weib des Terenzio fuhr in die Höhe, eilte zu dem weinenden Kinde, kniete nieder und sprach der Kleinen zu; und das that die Frau mit solcher Zärtlichkeit und einem so strahlenden Mutterglück, wie ich zuvor niemals gesehen. Als das Mägdlein ruhig geworden, mit ihren braunen Patschhändchen eifrig die feuchten Aeuglein rieb und nur noch ein weniges schluchzte, faßte ihre Mutter sie bei der Hand, führte sie mir zu und bat voller Inbrunst:

»Segnet mein Kind.«

Was sollte ich thun? Ich legte also meine Hand auf des Kindes Scheitel und segnete es, während dessen das schöne Wesen mich unverwandt anstarrte und wiederum mit allen fünf kleinen Fingern ins rosige Mäulchen fuhr, was die Mutter aber nicht duldete.

Als ich das Kind gesegnet hatte – Glück wird mein Segen ihm schwerlich bringen – fragte ich die Frau:

»Wie heißt Euer Mädchen?«

Sie mit einem heißen Erröten, das ihr von der Stirn bis zum Hals hinablief, erwiderte:

»Wir ließen es Angelika taufen.«

Darauf sagte ich nichts, und es schwieg auch das Weib; als aber das Kind sich an seine Mutter drängte, hob diese es auf, drückte es an ihre Brust, küßte es herzlich und sagte leise und innig:

»Unser Kind ist unser guter Engel, wie der es war, nach dem wir es genannt haben und dem wir auch diese Himmelsgnade verdanken.« Und das Kind anredend: »Sage, meine Angelika, wenn Du abends und morgens die gute Gottesmutter bittest, daß sie mit den holden Englein bei Dir sein möge, für wen thust Du da noch ein besonderes Gebetlein? Sage es diesem guten Mann.«

Da faltete das Kind seine Händlein, schlug die unschuldigen Augen auf, schaute gar ehrbar und fromm darein und sprach mit seinem seinen, silberhellen Stimmchen:

»Für den lieben, guten Bruder Angelikus.«

Mir einen strahlenden Blick zuwerfend, forschte die Mutter weiter:

»Wer ist denn dieser liebe, gute Bruder Angelikus, für dessen Glück Du jeden Abend und jeden Morgen die süße Gottesmutter gar herzlich bittest?«

Und das Kind, ohne sich zu besinnen:

»Der liebe, gute Bruder Angelikus ist ein gar frommer und gottesfürchtiger Mann.«

Da ich mein Gesicht abwendete, rief die Frau:

»Und hast Du den guten Bruder Angelikus denn lieb?«

Darauf hörte ich das Kind ernsthaft und mit großer Innigkeit sagen:

»Gar zu lieb!«

Alsdann die Mutter:

»Siehst Du, mein Liebling, dieser Mann hier ist der liebe, gute Bruder Angelikus, und nun zeige ihm, daß er Dir von Herzen lieb ist, als wenn er Dein eigener Vater wäre.«

Und ich hörte das Weib aufschluchzen; aber gleich darauf rief sie mit heiterer Stimme dem Kinde zu:

»Geh zu Deinem lieben, guten Bruder Angelikus; aber daß Du fein artig bist.«

Damit setzte sie mir das liebliche Kind auf den Schoß und dieses, nachdem es bis daher eine große Scheu, um nicht zu sagen Furcht, vor mir gezeigt hatte, war plötzlich wie verwandelt und das zärtlichste, zutraulichste Geschöpf. Es schmiegte sich an mich, drängte sein Lockenköpfchen gegen meine Brust, umschlang mich mit beiden Aermchen und rief:

»Du bist der liebe, gute Bruder Angelikus! Ich habe Dich gräßlich lieb.«

Die Mutter lobte:

»So ist's recht. Plaudere dem guten Bruder Angelikus etwas vor, ich will ihm derweilen zu essen bringen.«

Das Kind fuhr fort zu schwatzen:

»Warum sprichst Du nicht mit mir? Bist Du krank?«

Ich schüttelte den Kopf.

»Was fehlt Dir denn? Du mußt nicht so traurig aussehen, sonst weint meine Mammina – – Ich möchte Dir gern meine Puppe bringen, aber ich habe sie schon zu Bett gebracht, und wenn ich sie aufwecke, schreit sie, das dumme Ding. Weißt Du, wo meine Puppe schläft? In den roten Blumen, die wir immer pflücken und der lieben Gottesmutter bringen. Die Großmutter ist in der Stadt und bringt mir einen heiligen Benedikt mit von Rosinen und süßen Zibeben. Das schmeckt gut! Du bist wohl so traurig, weil Du Hunger hast? Wenn mich hungert, fang' ich an zu weinen, und dann bekomm' ich etwas. Aber Du bist groß, Du darfst nicht weinen, nicht wahr? Meine Mammina gibt Dir gleich zu essen: Feigen, süßen Wein und Ciambelli. Und wenn die Großmutter kommt, schenk' ich Dir meinen heiligen Benedikt, denn Du bist ja der liebe, gute Bruder Angelikus – – Da kommt die Mammina.«

Sie glitt von meinem Schoß herab und lief ihrer Mutter entgegen, die eben aus dem Hause trat. Das Kind rief:

»Ach, Mammina, der liebe, gute Angelikus ist krank! Du mußt ihm schnell einen Kuß geben, damit er wieder gesund wird!«

Das Weib schalt die Kleine, weil sie gar so unbändig sei und sie so heftig am Rocke zerrte, daß sie beinahe alles, was sie trug, hätte fallen lassen. Dann trat sie an den Tisch, deckte ihn mit einem prächtigen Linnentuch und stellte die Speisen auf; nur Früchte und weißes Brot. Dabei sagte sie:

»Ich weiß noch von ehemals, was Ihr am liebsten genießt. Nun sagen die Leute: Ihr seiet ein Einsiedler und Heiliger und lebtet wie die frommen Männer in der Wüste. Und ich glaube es auch; denn man sieht Euch Euer heiliges Leben an. Ich bitte Euch aber herzlich, macht mir nicht den Kummer, ungestärkt aus diesem Hause zu gehen. Das, womit Ihr einst meine Seele speistet, war freilich Himmelsmanna und ein Trunk aus dem Born der Gnade des Herrn; ich, armes Weib, kann Euch nur irdische Speise und irdischen Trank vorsetzen, aber es wird sogar Euch, dem Gesegneten, in diesem Hause gesegnet sein.«

Damit nahm sie eine große braune Feige und reichte sie mir; auch von dem Wein und dem feinen Brote genoß ich, Speisen, die seit vielen Jahren nicht über meine Lippen gekommen. Als die Tochter Clelias merkte, daß ich es mir – nicht ohne starke Gewissensbisse – schmecken ließ, klatschte sie fröhlich in die Händchen, kletterte wieder auf meinen Schoß und schaute mir andächtig zu. Da nahm ich das Kind und herzte und küßte es.

.


 << zurück weiter >>