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XIV.

Aus Rom ist ein Schreiben an mich gelangt – wegen der Juden. Man ist mir in Rom darum nicht ungnädig gesinnt und hat mir keine Rüge erteilt, wie meine Widersacher hoffen mochten. Aber ich wurde vermahnt, in der Nähe des Hauses unseres lieben Heiligen kein Aergernis zu dulden und jede Gelegenheit zu ergreifen, um die Seelen der Unglücklichen für das Heil zu werben. Man billigt meine Ansicht: die Nähe der vertriebenen Juden als eine Prüfung aufzufassen, und gibt mir zu verstehen, daß dem, der die Prüfung besteht, in echt christlicher Weise der Lohn winkt.

Womit könnte mir für den Beweis meines starken Christen- und Priestertums, für meine Treue gegen den Herrn und für meinen Gehorsam gegen die Kirche gelohnt werden?

Mit größerer Macht und höherem Ansehen.

Was würde dem Besitz größerer Macht folgen?

Wachsende Gewalt.

Herr, Herr, ich will ein eifriger und strenger Diener deines Wortes sein! Je tiefer ich mir dabei ins eigene Fleisch schneide, um so größeren Ruhm werde ich gewinnen.

Eines gibt mir viel zu denken. – Der heiligste Vater ist einer der weisesten, klarsten und mildesten Geister, der je auf dem Thron des Apostelfürsten gesessen hat; aber auch er ist hart gegen die Juden, betrachtet sie als die ärgsten Feinde der Kirche, unterdrückt sie, verfolgt sie – –

Es ist seltsam und gibt zu denken.

*

Unsere ungläubigen Nachbarn müssen sehr arm sein und an vielem Mangel leiden. Jeden Tag kommen jüdische Weiber und Kinder ins Kloster gelaufen, lamentiren schrecklich und betteln um Speise. Die Mönche sehen sich um ihren Frieden gebracht und ihre Andacht gestört, kaum, daß ich ihr Murren zu stillen vermag. So habe ich denn geboten, den bettelnden Judenkindern kein Almosen zu verabreichen, sie hart anzulassen und sie von dannen zu weisen. Darüber beloben mich die Brüder höchlichst und zeigen nun zu allen meinen Befehlen den besten Willen. Die jüdischen Weiber und Kinder kommen noch immer, nur daß sie in einiger Entfernung vom Kloster sich niederlassen und daselbst ein Jammergeschrei erheben. Ich höre in meiner Zelle ihre Stimmen und kann über ihrem Lamentiren zu keiner Andacht kommen. Es ist ein lästiges Volk! Sie werden mich noch zwingen, rauh gegen sie zu verfahren. Doch um Wasser zu schöpfen, mögen sie nach wie vor zum Klosterbrunnen herabsteigen.

Warum mag der Jude wohl gekommen sein, mich zu bitten, sein Volk in der Oede Hütten bauen zu lassen?

Warum er, der mich haßt wie sonst niemand auf Erden, gekommen ist? – Um mir einen Stachel ins Herz zu bohren! Ich sollte den Jammer des Volkes, von dem ich mich losgesagt, jeden Tag vor Augen schauen. Sieh zu, Jude, daß der Stachel nicht zu einem Schwerte werde, welches Dein eigenes Herz trifft.

Der Mann hat sein Weib verstoßen. Myrrha lebt in der Hütte ihrer Mutter und soll gleich einer Sterbenden sein – meinetwillen! So eifrig ich auch horche, höre ich nicht, daß eine Jüdin gestorben. Wäre sie tot, so würden die Mönche sicher nicht unterlassen, es mir zu melden. Uebrigens habe ich diese Nacht für ihr Leben gebetet.

*

Die Weiber und Kinder der Ebräer belästigen uns nicht mehr. Wie ich vernahm, hat Mose Halarki verboten, daß jemand seines Volkes sich dem Kloster nähere; so kommen sie denn auch nicht länger zum Brunnen. Es ist ein trotziges und verstocktes Volk, mit dessen Leiden man füglich kein Erbarmen haben sollte.

Ich begebe mich jetzt zuweilen hinaus; sollte ich einer der Ebräerinnen begegnen, so werde ich sie nach dem Weibe des Mose Halarki fragen. Aber das ist sie ja nicht mehr. Wie mag es dem Gatten ums Herz sein? Er hat sie heiß geliebt und das schon als Knabe. Der Herr möge meine Seele vor Hochmut behüten: ich will nicht voll Jubels sein, während mein größter Feind aufstöhnt vor Jammer.

*

Die Juden halten sich in strenger Abgeschlossenheit auf ihrer Höhe, so daß ich keinen von ihnen erblicke. Mose Halarki soll über sie herrschen wie ein König über sein Volk; es soll ihnen besser ergehen als zu Anfang, und sie sollen friedlich leben. Aber auch mir geht es gut. Wo sollte ich sonst wohl Frieden finden auf Erden, wenn nicht in diesem Hause des Friedens? Wähne nicht, Jude, daß Du glücklicher seist!

Heute erfuhr ich von den Mönchen, was mich sehr verdrossen hat: die Ebräer bauen ein Bethaus. Gedenken sie denn in Ewigkeit auf dem Berge zu wohnen, so nahe dem Heiligtum des heiligen Franziskus?!

Die Brüder dringen in mich, ich soll hinaufgehen und den Ebräern den Bau eines Bethauses untersagen; ich habe sie indessen mit ihrem Begehren zurückgewiesen: warum die Juden nicht ihrem Gott dienen sollten? Da schrieen die Brüder wider mich und jammerten, daß ihr Heiliger so nahe seinem Hause einen jüdischen Tempel dulden sollte. Nun bin ich sehr unruhig in meinem Gemüte. Wenn die Mönche recht hätten – –

Von der Höhe beim Kloster sehe ich vor mir den Felsen, darauf die Juden sich angesiedelt haben. Ich blicke häufig hinauf und trage mich mit schweren Gedanken, so daß der Judenberg ein rechter Stein des Anstoßes für mich geworden ist. Wie aber soll ich ihn aus dem Wege räumen?

Auch dann blicke ich gerade auf den vermaledeiten Felsen, wenn ich vor dem Hochaltäre die Messe lese, wobei gewöhnlich die Kirchenthüren offen stehen. Kürzlich hielt ich das Allerheiligste und zeigte es den Mönchen; statt aber mit meiner ganzen Seele bei dem göttlichen Mysterium zu sein, schaute ich hinüber nach dem Judenberg, der im Sonnenschein vor mir lag. Fortan werde ich das Hochamt bei geschlossenen Thüren celebriren.

*

Ich war auf dem Judenberg! Im Kloster verbreitete sich nämlich das Gerücht: das Weib des Juden Mose Halarki wäre am Sterben. Ueberdies trieb es mich, einmal zu schauen, wie diese Ebräer hausen.

Da ich nicht gesehen werden wollte, so begab ich mich des Abends nach dem Ave auf den Weg. Es war bereits finster, ein wolkenvoller Himmel und eine heftige Tramontana, der ich auf dem beschwerlichen Wege gerade entgegenging. In meiner Kutte fing sich der Sturm. Ich hatte Mühe, mich aufrecht zu halten und kämpfte gegen den Wind wie mit einem Feinde. Unterwegs dachte ich au die Ungläubigen. Ich stellte mir ihre elende Unterkunft vor. Vielleicht, daß derselbe kalte, grimmige Hauch, welcher mir ins Gesicht schlug, soeben über das Antlitz eines toten Weibes gestrichen war. Auch Myrrhas Seele erwartete die Verdammnis.

Und ich hatte nichts gethan, diese Seele zu retten. – Wie ich die Seelen meiner Eltern hatte dahinfahren lassen zu einem ewigen Tode, so war ich auch bei diesem reinen und holdseligen Weibe unthätig geblieben, wo die Rettung ihres ewigen Lebens vielleicht in meiner Macht gelegen. Ihre Mutter kam zu mir und flehte mich an, ihr zu ihrer kranken Tochter zu folgen und an dieser ein Wunder zu thun. Ich gedachte aber nur Myrrhas irdischen Lebens, weigerte mich, dem Weibe zu folgen und rührte keine Hand, das Wunder zu vollbringen an der Kranken Seele, für deren unsterbliches Leben.

Da kam mir ein Gedanke: Wenn sie noch nicht tot wäre? – Daß mir das nicht früher eingefallen war!

Ich ging den Weg wieder zurück, in möglichster Eile, daß ich außer Atem kam und häufig strauchelte, erreichte das Kloster, begab mich heimlich in die Kirche, nahm das Allerheiligste, nahm das geweihte Oel, die Hostie und die Stola und eilte sogleich zurück nach dem Berg, laufend, als gälte es mein Leben. Es galt aber Größeres: das Seelenheil eines Menschen!

Wie würde ich es vollbringen? Ich wollte ihre Mutter und alle, die bei ihr waren, hinaussenden, inbrünstig an ihrem Lager beten und dann ihr sagen:

»Bekenne Dich zu meinem Glauben, damit wir, die wir im Leben getrennt waren, im Tode miteinander selig werden.«

Und wenn sie als Jüdin sterben wollte, würde ich sprechen:

»So will denn ich, der ich ein Priester der christlichen Kirche bin, die Unthat begehen und Dich in herzlicher Liebe küssen, damit wir zusammen zu ewigen Qualen verdammt werden.«

Dann würde sie das Christentum annehmen, dafür wollte ich mit meinem Seelenheil bürgen.

Ich eilte also, was ich eilen konnte, kam droben an und erkannte die Lage des Judendorfs an dem schwachen Lichtschein, der wie ein schimmernder Nebel inmitten der Finsternis ruhte. Ich verwunderte mich, daß die Ebräer noch wachten und ihre Hütten erleuchtet hatten; aber mir fiel ein, daß es Sabbath und ein hoher jüdischer Festtag war. Meine Kinderzeit kam mir in den Sinn, und ich mußte jenes nächtlichen Ganges durch den römischen Ghetto denken, als ich bereits Christ geworden war und die ganze Nacht auf dem Platz vor der Synagoge kauerte, nach dem Lichtschein spähend, der aus dem Hause meiner Eltern auf die Gasse fiel. Damals trug ich, im Vergleich zu dieser Nacht, einen heiligen Frieden in der Brust.

Weil in den meisten Hütten die Fenster nicht durch Laden verwahrt waren, konnte ich in das Innere vieler Wohnungen blicken. Wohl sah es drinnen armselig aus wie in einer Höhle; der Boden war uneben, und nur die notwendigsten Gerätschaften waren zu sehen. Aber die öden Wände schmückten grüne Zweige, und grüne Zweige waren über den felsigen Boden gestreut. Auf dem Herde brannte ein fröhliches Feuer und auf dem mit Linnen bedeckten Tische standen um eine dreiarmige blanke Leuchte die ärmlichen Festspeisen. Die Ebräer selbst waren weniger erbärmlich, als ich gedacht hatte; ihre Gesichter zeigten zufriedene Mienen, sie sprachen traulich miteinander und schienen im tiefsten Herzen Frieden zu haben. Aehnlich hatte ich dieses Volk von Ungläubigen auf jenem andern nächtlichen Gange an ihrem Feierabend gesehen; aber die Empfindungen, mit denen ich sie, die von meiner Gnade hier lebten, heute betrachtete, waren jenen damaligen Gefühlen sehr unähnlich. Und das mußte so sein.

Von Hütte zu Hütte ging ich; denn ich mußte die Wohnung Judäas aufsuchen und mochte an keinem Hause anklopfen, darnach zu fragen. Ich hatte die Stola umgethan und hielt das allerheiligste Sakrament mit beiden Händen umschlossen. So stand ich im Sturm vor jeder Hütte und spähte nach dem sterbenden Weibe, dessen unsterbliche Seele zu retten ich Verlangen trug.

Da gelangte ich zu einer Hütte, deren Fenster mit einem schlechten Teppich verhängt war. Ich lauschte angestrengt und glaubte die Stimme Judäas zu hören. Die Ebräerin sprach den siebenten Psalm:

»Auf dich, Herr, traue ich, mein Gott. Hilf mir von allen meinen Verfolgern und errette mich. Daß sie nicht wie Löwen meine Seele erhaschen und zerreißen, weil kein Retter da ist.«

Judäa schwieg, und es ward drinnen still. Dann aber war mir's, als hörte ich Myrrha reden. Also sie lebte noch! Länger hielt ich nicht an mich. Ich stieß die Thüre auf – –

Da sah ich sie! Sie war auf einem schlechten Lager gebettet, an ihrer Seite ihre Mutter und einer, dessen Anblick mir in diesem Augenblick verhaßter war, als wäre eine Legion von Teufeln an dem Bette der Kranken gestanden. Myrrha hielt die Augen geschlossen, so daß sie mit ihrem todbleichen Antlitz für eine Gestorbene gelten konnte, hätte sie nicht halb aufgerichtet in den Armen der Mutter gelehnt. Der Mann stand von mir abgewendet, und noch nie war mir seine Gestalt so gebrechlich und jammervoll erschienen. Beide gewahrten mich nicht, weshalb ich ungestört sehen und hören konnte. Judäa, mit ihrem düsteren und feierlichen Wesen, sagte:

»Siehe, Mose, Dein Weib: siehe, Myrrha, Deinen Mann! Wehe dem Weibe und dem Manne, die nicht einträchtig miteinander leben.«

Und sie fuhr fort, in den Gatten ihrer Tochter hineinzusprechen, mit solchen hohen Worten, daß ich wohl gewahren konnte, Mose Halarki würde sich bereden lassen, um des guten Beispiels und des göttlichen Gebotes willen, Myrrha wieder als sein Weib aufzunehmen, und falls sie gesundete, mit ihr von neuem als ihr Ehegatte zu leben. Da faßte mich ein heftiger Zorn, denn sicher würde sich auch das Weib darein ergeben; und ich wünschte in meinem Herzen ihren Tod – sobald ich ihre Seele würde gerettet haben – damit sie solchem Leben entgehen möchte. So trat ich denn vor, die beiden hinauszusenden. Als Myrrha meine Stimme vernahm, öffnete sie die Augen, schaute mich mit einem sonderbaren Blicke an, that indessen weder einen Laut, noch eine Bewegung, wie auch ihre Mutter stumm blieb und sich nicht rührte. Der Mann aber wandte sich um nach mir, mit einer Geberde, als wäre er von einer giftigen Schlange gebissen worden. Da erkannte ich recht sein wahres Wesen und seinen grimmigen Haß gegen mich. Denn derselbe Mann, der, als er etwas von mir begehrte, sich vor mir gedemütigt hatte, in einer Weise, daß er mehr einem Hunde als einem Menschen glich – dieser selbe schändliche Mann trat mir jetzt entgegen, mit frecher Stirn und frechen Worten. Und als ich ihm und dem Weibe gebot, mich mit der Kranken allein zu lassen, fragte er mich, welches mein Begehren wäre, und was ich in der Nacht bei der Frau zu thun hätte? Ich wollte ihm eben bedeuten: ob er wisse, daß er zu dem Abt des Klosters spreche, welcher ihm und seinem Volke auf sein flehentliches Bitten Zuflucht gegeben und Gnade erwiesen, als der Jude die Heiligtümer gewahrte, die ich bei mir trug. Niemals sah ich einen Menschen in einer solchen wahrhaft bestialischen Wut! Fast daß er mir die hehren Güter entrissen und selbige zu Boden geschleudert hätte. Genug, ich mußte die Hütte verlassen, ohne versucht zu haben, die Seele des Weibes, das mir einstmals lieber gewesen als alle Wonne des Himmels, vor dem ewigen Verderben zu bewahren. Aber ich werde nicht ablassen.

*

Dir klage ich's, Herr, mein Gott! Meine Seele ist verwandelt, ist gänzlich von Haß und Grimm durchdrungen, gleichsam von einer Legion von Dämonen erfüllt. Wohin wird diese Schar böser Geister mich leiten?

Das Weib lebt und befindet sich bei ihrem Gatten. Die Ebräer geberden sich, als ob sie nicht von meiner, sondern von Jehovahs Gnade auf dem Berge hausten. Die Klagen der Brüder über das jüdische Wesen in der Nähe unseres Heiligtums mehren sich von Tag zu Tag. Aus Rom gehen mir strenge Ermahnungen zu. Wo ist mein Friede hin?!

*

Heute war ich wiederum auf dem Judenberg; diesesmal am hellen Tage. Meine Mönche folgten mir. Ich verbot den Ebräern den Bau ihres Tempels. Sie schrieen und flehten. Die Weiber warfen sich vor mir nieder, und die Männer standen gebeugt da, gleich Sklaven vor einem Fürsten. Auch Mose Halarki kam herbei. Er that mächtig stolz, sprach kein Wort, stand mitten unter seinem wehklagenden Volk und schaute mich an, mit einem Blicke – –

Da blieb ich denn unerbittlich.

Ich spähte aus nach dem Weibe, dessen Seele ich retten will und auch retten werde, denn das habe ich mir zugeschworen. Mir war's, als erblickte ich sie in der Ferne bei ihrer Mutter.

Meine Mönche jubeln und preisen mich laut, und sie thun es, wie mich bedrucken will, nicht mit Unrecht. Denn ich verfuhr scharf mit den Ebräern, redete streng zu ihnen und ließ sie meine Macht spüren. Sie mögen erkennen, daß mit der Kirche kein Spiel zu treiben ist! Den ganzen Vorgang berichtete ich sogleich nach Rom und erwarte auch von dort Lob und Ermutigung. Der letzteren bedarf ich sehr, denn meine Seele fühlt sich stark beschwert.

Auch mein Körper leidet. So gab ich denn dem Drängen der Mönche nach und bezog das fast prächtige Gemach des seligen Abtes, darinnen mich häufig ein kaltes Grausen anwandelt. Doch ist in der weiten Halle die Luft überaus erquicklich, besonders in diesen heißen Wochen. Wir stehen mitten im Sommer, und es ist nun schon das dritte Jahr, daß die Juden auf dem Berge wohnen – uns recht zum Aergernis.

*

Seit einiger Zeit habe ich beständig das Fieber, so daß ich mit den Zähnen klappere und am hellen Tage Gespenster sehe. Die Mönche pflegen mich treulich. Ich darf keine Fasten halten und muß meine Andachten beschränken. Sie haben recht: ich muß mich für die Kirche und unsern heiligsten Glauben erhalten. Auch die Seele jenes jüdischen Weibes liegt mir schwer auf dem Herzen. Wie beginne ich es nur – –

Es geht nicht anders: manches, was ich bei meinem Antritt der Abtswürde einführte, muß ich wiederum aufheben. So sehen denn die Mönche besseren Tagen entgegen, was ihnen zu gönnen ist; leben sie doch ohnehin erbärmlicher als droben die Juden.

*

Es kam eine Botschaft aus dem Kloster der Ursulinerinnen bei Arsoli: das unselige Weib, die Clelia, ist aus dem Kloster verschwunden! Ich bin heftig erzürnt, denn ich hatte den Nonnen strenge Wache anbefohlen. Nun wird es ein Aufsehen geben, und ich werde unschuldig leiden müssen. Aber wie du willst, Herr, Herr!

*

Wie eifrig ich auch lausche, vernehme ich doch nichts; weder von dem unsinnigen Weibe, der Clelia, noch von ihrem Manne. Ich spähe den Mönchen in die Gesichter, und es will mich bisweilen bedünken, als hätten sie sonderbare Mienen und trügen sich mit dem Vorhaben, mir den Gehorsam zu kündigen. Das undankbare Gezücht! Ich bin milder gegen sie als ich verantworten kann, bewillige ihnen gute Nahrung und habe manche allzu scharfe Pönitenz aufgehoben, so daß sie mich wahrlich eher preisen könnten als schelten. Der Mensch kann sich selbst nichts Schlimmeres zufügen, als gütig zu sein gegen seine Nächsten.

*

Ich habe mich getäuscht. Es ist die Gegenwart der Juden, welche die Mienen meiner Mönche von neuem so finster macht; heute kamen sie alle in mein Gemach und verlangten von mir, die Ebräer fortzuweisen. Da ich ihrem Ansinnen widerstand, gab es einen großen Tumult. Wie konnte ich anders? Habe ich doch den Ebräern den Berg überlassen, um darauf ihre Hütten zu bauen, und ihnen meinen Schutz verheißen. Sie sind freilich über die Maßen frech geworden, und die Mönche beschweren sich, daß sie von keinem der Ungläubigen gegrüßt würden. So ist dieses Volk! Man muß es demütigen, demütigen, demütigen.

*

Jenes unsinnige Weib ward gefunden: tot im Rosengärtlein St. Benedikts! Es hat sich von den Felsen herabgestürzt und ist mitten unter die heiligen Blüten niedergesunken.

*

Unsere Gemüter befinden sich in einer großen und ganz unziemlichen Erregung: in Rom ist der Großmeister unseres heiligen Ordens gestorben! Nun zerbrechen sich die Mönche die Köpfe, wer an des Toten Stelle eingesetzt werden wird. Ich erkenne wohl ihre Meinung, indem ich jetzt wiederum für sie ein großer Heiliger bin, der im Stande ist, zu jeder Stunde ein Wunder zu vollbringen. Es ist nicht zu sagen, wie sie vor mir wedeln und winseln. Mir ekelt!

Aber davor behüte mich der Herr, daß ich in meiner tiefsten Seele hochmütige Gedanken hegen sollte. Es gibt in unserem Orden Andere und Würdigere, die ein heiliges Konzilium für das hohe Amt des Toten vorschlagen kann. Ich will mich demütigen.

*

Mir ward aus Rom geschrieben: ich möchte ja voll Eifers sein. Das klingt wie eine Mahnung. Was wollen sie von mir? Als ob ich saumselig im Dienste Gottes wäre! Und zum Schlusse jenes Schreibens eine Andeutung, deren Sinn ich nicht verstehe. Ich will darüber nicht grübeln.

*

Wir haben eine grausame Hitze, alles verdorrt. Die Brüder berichten mir, daß den Ebräern in ihrer Zisterne das Wasser ausgegangen sei, und die Weiber und Kinder viele Stunden weit laufen müßten, um das köstliche Naß herbeizuschaffen. Zum Glück ist der Quell des Klosterbrunnens noch niemals versiegt. Die Juden aber mögen sich von ihrem Propheten das Wasser aus dem Felsen schlagen lassen.

*

Die Ebräer kamen und baten flehentlich, wir möchten ihren Frauen und Kindern gestatten, Wasser zu schöpfen. Sie thaten gar jammervoll und konnten wiederum kriechen und winseln. Ich ließ sie unverrichteter Sache abziehen.

*

Die Trockenheit nimmt zu, die Juden flehen Jehovah um Regen an. Bis zum Kloster herab dringt ihr Geschrei. Es hilft ihnen indessen nichts – kein Wölklein zeigt sich am Himmel! Wir schauen alle darnach aus, denn wir sind alle begierig, ob Jehovah den Juden beistehen wird.

Unser Quell sprudelt reichlich, das Wasser ist frisch und köstlich. Ich schlürfe es wie Balsam und überlasse den Brüdern unsern Wein. Diese bewachen Tag und Nacht unsern Brunnen vor den Juden.

*

Der Jude Mose Halarki war hier, um mich für sein Volk zu bitten.

Man brachte ihn auf einer Bahre angetragen.

Ich ließ den Mann gar nicht vor mein Angesicht.

*

Die Juden haben einen Angriff auf den Brunnen gemacht, wurden indessen von den Mönchen zurückgetrieben.

Ihr Moses vollbringt noch immer kein Wunder.

*

Die Dürre ist schrecklich, die Not der Juden soll groß sein. Flüsse und Bäche sind versiegt, sonst würden sie in die Thäler niedersteigen. Das wenige Wasser, welches die Weiber von weit her hinaufschleppen, erhalten sie in den Ortschaften nicht wegen ihres jammervollen Geschreies, sondern weil sie jeden Tropfen Wassers mit Silber aufwiegen. Dennoch werden sie bald umsonst bitten, da die Christen selbst binnen kurzem kein Wasser mehr haben werden.

Viele der Ebräer sollen erkrankt sein; auch Judäa.

*

Mose Halarki sandte sein Weib zu mir, damit dieses für das dürstende Volk bei mir bäte. Als das Weib an der Kirchenthür zu mir gesprochen hatte, ward es bewußtlos. Ich nahm Myrrha in die Arme, hob sie auf, trug sie in die Sakristei und flößte ihr heiligen Wein ein. Es will mich bedünken, als hätte der Herr selber das Weib in meine Hände gegeben, damit ich des Weibes Seele dem Himmel retten könnte. Sie darf nicht wieder zu den Ebräern zurück.

*

»Mein ist die Rache,« spricht Gott der Herr; aber die Rache ist auch Gottes Priester.

Der Jude Mose Harlarki kam seines Weibes willen zu mir. Da ging ich hinaus zu ihm und sagte ihm: »Frage die Mutter Deines Weibes, wer Deines Weibes Vater ist; und dann komme wieder her und fordere Dein Weib von mir. Ich sage Dir aber: Du wirst nicht wiederkommen.«

So sprach ich, sah ihm dabei ins Gesicht, und ich sah, daß mein die Rache ist.

*

Der Jude Mose Halarki ist nicht wiedergekommen.

*

Das Weib Judäa aber kam gelaufen und schrie nach ihrer Tochter. Ich ließ der Ebräerin sagen: Die Tochter eines christlichen Vaters gehörte nicht in ein Judendorf unter Ungläubige; ich hätte Sorge getragen, daß die Tochter eines christlichen Vaters wohl aufgehoben wäre. Da zeterte das wüste Weib: sie wollte nach Rom und in Rom auf dem Petersplatz ausschreien, wessen Vaters Kind ihre Tochter sei. Und sie sagte über diesen Vater aus – – Es ist aber Lüge und schändliche Verleumdung, für welche ich das Weib am liebsten möchte stäupen und steinigen lassen. So gibt es denn nichts Hohes und Heiliges, was nicht in den Staub gezerrt und beschimpft wird.

Jedenfalls besitze ich das Geständnis des ruchlosen Weibes, wodurch mir Macht gegeben ist über die Tochter, als wäre diese niemals das Weib des Mose Halarki gewesen. Aber es thäte not, die freche Jüdin stille zu machen; indem es nicht gut ist, daß von einem Geweihten des Herrn solche Lästerungen ruchbar werden. Denn, obgleich sie eine verfluchte Jüdin ist, wird man ihr glauben.

*

Großes Heil ist der christlichen Kirche widerfahren! Der Papst, dessen milder Sinn und Weisheit ihn den Seinen wahrhaft göttlich erscheinen lassen muß, hat die Inquisition wieder eingesetzt.

Hosianna!

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