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VI.

Seit dem Tage, an welchem der junge Heilige das Haus des wackeren Terenzio mit seinem Besuche gewürdigt hatte, lag ein Unsegen auf dem Hause. In der Vigna dagegen war eine Fruchtbarkeit und ein Gedeihen wie noch in keinem Jahre zuvor. Die Trauben drängten sich durch das gelichtete Blattwerk der Sonne entgegen, daß eine Frucht die andere zu erdrücken schien, und der Herr des Gartens bereits Sorge trug, woher er alle die Fässer nehmen sollte, um den ganzen Himmelssegen unterzubringen; die Quitten, die Mispeln und Granatbäume mußten gestützt werden, damit sie ihre Last an Früchten tragen konnten; die Frauen ernteten eine Ueberfülle von Feigen, Pfirsichen und Mandeln; die Tomatenfelder waren aus der Ferne ganz rot anzusehen, und der Wohlgeruch der vielen Kräuter und Gewürze, die der betriebsame junge Landmann in seiner Vigna anbaute, füllte, mit den Blumendüften sich mischend, ringsum die Luft.

So waren Gedeihen und Segen überall, nur nicht im Hause. Denn über des Hauses Herrin ruhte es wie eine unsichtbare, unheilvolle Gewalt, der die junge Frau von Tag zu Tag mehr verfiel. Sie mußte krank sein. Ihr immer sehr blasses Gesicht erschien jetzt beinahe blutlos, ihre Augen hatten einen heißen, fieberhaften Glanz, und ihr Blick war unstät und starr. Selbst ihre Bewegungen schienen anders geworden zu sein: müde und matt. Sie that alles gleichsam mit einer gewaltsamen Anstrengung, als kostete es sie Mühe, sich aufrecht zu erhalten, zu gehen und den Arm zu heben. Vorbei war die heitere Ruhe ihres Wesens, vorbei das sichere Glück, welches wie der Glanz eines Sonnentags über ihrem Leben ausgebreitet lag. Immer stiller wurde ihre Miene, immer trostloser ihr Blick. Sie verfiel in Schwermut, in Tiefsinn. Stundenlang konnte sie dasitzen, die Arme schlaff niederhängend, den Kopf auf die Brust gesenkt, stier vor sich hinschauend und häufig schwer aufseufzend, daß es wie Stöhnen klang. Trat jemand an sie heran, so schreckte sie zitternd auf, ängstlich bedacht, ihren Zustand zu verbergen. Dann belebte sie sich, sprach und beschäftigte sich im Hause. Aber alles that sie gewaltsam, hastig und aufgeregt. Nicht selten kam es vor, daß ihre Kraft plötzlich versagte und sie in ihren alten Zustand zurückfiel.

Gegen ihren Mann war sie scheu, verschlossen und fremd. Sie entzog sich seiner Zärtlichkeit, erbebte unter seinen forschenden Blicken, vermied angstvoll, mit ihm allein zu sein, floh wohl gar seine Nähe. Dann wiederum, wenn sie seine Sorge, seinen Schmerz sah, konnte sie außer sich geraten. Unter einem Strom von Thränen warf sie sich an seinen Hals, mit wilder Leidenschaftlichkeit sich anklagend, daß sie ihn, der so gut und großmütig sei, unglücklich mache, daß sie niemals eines Mannes Weib hätte werden sollen, daß sie damit ein Verbrechen begangen, welches sich noch schrecklich rächen würde. Sie sank ihm zu Füßen und bat ihn voll unsäglichen Jammers, in heller Verzweiflung um Verzeihung; sie wollte sich nicht beruhigen lassen, wies jedes Zureden mit Heftigkeit zurück und geberdete sich, als ob sie von Sinnen käme. Ebenso wundersam war ihr Wesen gegen ihr Kind. Bald konnte sie den Anblick des lieblichen Geschöpfes nicht ertragen, bald zeigte sie eine überschwengliche Zärtlichkeit für ihre Tochter. Sie riß das Kind an sich, herzte und küßte es, als ob sie es mit ihren Liebkosungen ersticken wollte, weinte, betete, verwünschte sich, es geboren zu haben, ergoß sich in herzzerreißendem Jammer über des Kindes Schicksal, sie zur Mutter zu haben.

Häufig, wenn niemand es sah, nahm sie das Kind, hob es zu einem Spiegel empor und verglich sein Gesicht mit dem ihren. Es sagten immer alle, wie wundersam das Kind seiner Mutter gliche, alle staunten über die Ähnlichkeit von Mutter und Tochter. Mit wahrer Todesangst prüfte Clelia, ob es wirklich so wäre. Zuweilen beredete sie sich, es sei Täuschung, und das Kind gleiche mehr seinem Vater. Dann wiederum meinte sie, in des Kindes Zügen eine solche Ähnlichkeit mit den ihren zu entdecken, daß es ihr war, als sähe sie im Glase ihr eigenes verjüngtes Gesicht. Oder es mochte auch nur ein Blick, eine Miene, eine Bewegung des Kindes sein, welche die Mutter an sich selbst erinnerten: das hat sie von dir! In solchen Augenblicken schien bei der Unglücklichen der Wahnsinn auszubrechen; sie stieß das Kind von sich, warf sich zu Boden, wand sich in Qualen, raufte ihr Haar, um schließlich in gänzliche Ermattung und Apathie zu verfallen.

Am ruhigsten war sie beim Beten, das sie mit heißer Inbrunst verrichtete, die einen immer leidenschaftlicheren Charakter annahm. Stundenlang lag sie vor dem Madonnenbilde auf den Knieen. Sie zündete jeden Tag geweihte Kerzen an, wand jeden Tag einen Kranz und fastete. Häufig betete sie, das Kind in den Armen haltend. Allmälich begann Angelika vor ihrer Mutter Furcht zu empfinden; sie weinte, flüchtete von ihr hinweg zur Großmutter oder zum Vater, was dann Clelia das Herz zerriß und sie mit heftiger Eifersucht auf ihren eigenen Mann erfüllte. Mit der Zeit nahm ihre Traurigkeit in einer Weise zu, daß sie sich um nichts mehr kümmerte und nur noch ihren Andachtsübungen oblag. Sie kleidete sich nicht länger sorgfältig und sah bald über die Maßen verwahrlost aus; sie fand im Hause keine Ruhe mehr, lief schon früh morgens nach Subiaco und dort von Kirche zu Kirche; oder sie stieg zu dem Benediktinerkloster hinauf und lag vor der Grotte des Heiligen wie eine büßende Magdalena niedergesunken, sich in Askese erschöpfend, so daß sie sich des Abends kaum nach Hause zu schleppen vermochte.

Dem armen Terenzio war es, als träumte er mit offenen Augen. Er begriff es gar nicht. Er sah sein Glück verloren gehen und mußte es geschehen lassen, gleich einem, der zuschaut, wie sein Haus in Flammen aufgeht und in Trümmer fällt, ohne eine Hand zur Hilfe rühren zu können. Was war mit seinem Weibe, was war mit ihm selbst geschehen? Sie waren zusammen so glücklich gewesen und jetzt – – Gar nichts begriff er! Wie war eine solche Wandlung möglich? Er war derselbe, das Kind war dasselbe geblieben, nur daß es von Tag zu Tag schöner, lieblicher, herziger wurde – nichts hatte sich verändert und doch war alles anders geworden. Er grübelte und grübelte über das Rätsel, ohne eine Lösung zu finden. Vielleicht daß er es begriffen hätte, wäre Bruder Angelikus, der neue Heilige und Wunderthäter, häufig ins Haus gekommen. Aber dieser ließ sich nicht sehen, und Clelia konnte auch nicht dort gewesen sein; denn das Kloster, dem der heilige Einsiedler angehörte, lag gute drei Stunden von der Vigna entfernt. Also das eine, was die Wandlung seines Weibes zur Not hätte erklären können, war es nicht, und eine andere Lösung vermochte er nicht zu finden, so sehr er seinen Kopf auch anstrengte. Er hatte es durchgesetzt, mit Clelia nach Subiaco zum Apotheker zu gehen. Der weise Mann verordnete ihr allerlei, was die Leidende auf die inständigen Bitten ihres Mannes und der Großmutter auch gebrauchte, jedoch ohne daß es ihr im geringsten genützt hätte. Nach dem Fehlschlagen dieser heilsamen Mittel wußte sich der gute Terenzio keinen Rat mehr, denn von der einen Hilfe, um welche die treffliche Sora Filomela ihn ohne Unterlaß anbettelte, wollte er für seine Hausfrau keinen Gebrauch machen: er wollte die Kranke nicht zu dem wunderwirkenden Franziskaner bringen.

Eines Nachts erwachte er aus einem furchtbaren Traum, der ihn wie ein Alp auf der Brust drückte. Um sich von dem Banne zu befreien, wollte er seine Frau wecken. Da bemerkte er, daß diese gar nicht im Bette lag. Er sprang auf und rief im ganzen Hause vergebens nach ihr. Hastig kleidete er sich an, die Vermißte in der Vigna zu suchen. Da kam sie ihm entgegen, von der Richtung des Flusses her. Sie war vollkommen angekleidet und schien bei dem Anblick ihres Mannes heftig zu erschrecken; doch gab sie auf Terenzios Frage, wo sie gewesen sei, gelassen zur Antwort: sie habe nicht schlafen können und sei deshalb ins Freie gegangen. Nun befinde sie sich wohler. Terenzio mußte schweigen, beschloß aber bei sich, fortan besser acht auf die Kranke zu geben. So fest er sich indessen auch jeden Abend vornahm, nicht einzuschlafen und seine Frau zu bewachen, so kam es doch niemals dazu. Denn kaum hatte er sich nach seinem gewöhnlichen Abendtrunk zu Bett begeben, als ihn auch jedesmal die Müdigkeit überwältigte, und er in einen Schlaf verfiel, schwer wie Blei, so daß er sich des Morgens gewaltsam ermuntern mußte und ihn häufig den ganzen Tag Kopf und Glieder schmerzten. Mehr und mehr versuchte er seinen Kummer tags über bei angestrengter Thätigkeit zu vergessen und des Abends durch Wein zu betäuben. So kam es, daß auch Terenzio allmälich ein anderer Mensch wurde, mißtrauisch und verdüstert, von großer Reizbarkeit, die sich häufig in Ausbrüchen von Wut und Zorn äußerte. Einmal ergriff ihn Entsetzen über sich selbst. Das war eines Abends nach reichlichem Weingenuß. Seine Frau hatte einen besonders schlimmen Tag gehabt, jetzt lag sie bereits seit vielen Stunden vor dem Marienbilde auf den Knieen. Da sie gar nicht mit Seufzen und verzweiflungsvollen Ausrufen aufhören wollte, riß ihr Mann sie in die Höhe und schlug sie, die sich in ihrer inbrünstigen Andacht nicht stören ließ, mit der geballten Faust ins Gesicht.

Als Terenzio Clelias blutüberströmtes Antlitz sah, stieß er einen fürchterlichen Schrei aus, warf sich auf den Boden und geberdete sich wie unsinnig.

Nachdem Clelia sich vom Blut gereinigt, kauerte sie sich neben Terenzio nieder, tröstete ihn und war, was sie seit langer Zeit nicht gewesen, voller Innigkeit und Zärtlichkeit: er sollte doch ruhig sein. Was denn geschehen wäre? Er hätte ja nur gethan, was jeder andere Mann jeden Tag gethan haben würde. Sie verdiente gar keine bessere Behandlung; sie wäre glücklich und ihm dankbar, wenn er sie jeden Abend schlagen und mit Füßen treten würde. Sie würde ihm seine Mißhandlungen mehr danken, als alle seine Geduld, Liebe und Güte.

Terenzio war in solchem Maße außer sich vor Schmerz und Reue, daß er gar nicht hörte, was sie ihm zuflüsterte, während sie sein Haupt in ihren Schoß gelegt hatte. So verbrachten die Ehegatten die halbe Nacht; er tobend gegen sich selbst, sie ruhig, freundlich und liebreich. Aber trotz aller seiner Selbstanklagen kam es doch schon nach kurzer Zeit zu einem zweiten Ausbruch. Wieder schlug Terenzio sein Weib und wieder nahm sie es in Demut hin.

»Schlag mich nur, schlage mich blutig! Ich verdiene es gar nicht anders.«

Und er schlug sie – –

Die treffliche Sora Filomela wußte nicht aus noch ein und verging fast vor Leid. Sie betete Tag und Nacht für Clelias arme Seele, lief ihretwegen zu Mönchen und Priestern, versuchte es mit Wunderkuren und Sympathiemitteln, und gelobte in ihrer Seelenangst zuletzt eine Wallfahrt zur Casa Santa von Loretto – nämlich, wenn es mit dem armen Weibe, der Clelia, wieder gut werden sollte. Es dauerte nicht lange, so konnte sie hinzufügen: und auch mit dem armen Mann, dem Terenzio.

Einmal – Clelia hatte gerade einen ihrer schlimmsten Tage – entfuhr es der guten Frau in Gegenwart des Mannes: sie wollte sich nach dem Franziskanerkloster aufmachen und beim Bruder Angelikus für die Kranke Hilfe suchen. Aber Terenzio geriet in eine solche Wut gegen die arme Alte, daß diese nicht wagte, ihr Vorhaben auszuführen, und sich damit begnügte, die Madonna anzuflehen, den »lieben, heiligen Bruder Angelikus« zur Hilfe zu senden. Zum Glück hatte sie den ganzen Tag zu schaffen; zunächst für das Haus, um das Clelia sich gar nicht mehr bekümmerte, sodann für das Kind, das schlimmer als verwaist geworden war. Denn auch zum Vater konnte die kleine Angelika nicht länger flüchten, wenn sie sich vor den Ausbrüchen der Mutter retten wollte; auch der Vater verwandelte sich von Tag zu Tag mehr. Gerade wie bei der Mutter, wechselte auch seine Stimmung zwischen heftiger Zärtlichkeit und böser Laune oder gar vollkommener Gleichgiltigkeit; häufig war er so in seine Grübeleien versunken, daß er die Nähe seiner Tochter gar nicht gewahrte.

Dann nahm sich die gute Großmutter des Kindes an, das seine frische Munterkeit verlor, scheu und ängstlich ward und aus Furcht vor Mutter und Vater nicht mehr wagte, sorglos in der Vigna herumzutoben und sie von ihrem fröhlichen Stimmchen, ihrem silberhellen Lachen und kindlichem Singsang widerhallen zu machen. Um das Haus des jungen Paares war es still, und selbst am sonnigsten Tage schien ein schwerer Schatten darauf zu ruhen, wie die Ahnung kommenden Unheils.

Es war im Oktober und überall in den gesegneten Gefilden des Aniothales, rings um die ehrwürdige Felsenstadt Subiaco, ward Weinlese gehalten. Die Vignen erschallten von den Strophen der Winzer, in den Dickichten, die über dem Bett des Anio ein hohes Gewölbe von Gipfeln und Ranken bildeten, sangen die Vögel ihre letzten Sommerlieder, in den Oelbäumen schrieen die Cicaden und um die Blumen war ein vieltöniges Summen von Bienen, Insekten und Käfern; die Natur war voller Leben und Stimmen, voller Emsigkeit und Daseinslust.

Clelia saß müßig vor dem Hause, unbedeckten Hauptes in der Sonne, die trotz der Herbsttage immer noch heiß genug herabbrannte. Sie hielt ihren Rosenkranz in Händen, ließ die Perlen durch die Finger gleiten und murmelte mechanisch ihre Gebete her. Die Augen hatte sie starr vor sich auf den Boden geheftet, wo der grelle Sonnenschein wie ein goldener Teppich sich ausbreitete. Lacerten trieben auf der glänzenden Decke ihr anmutiges Wesen, huschten hin und her, jagten sich, verwirrten sich zu einem leuchtenden Knäuel, stoben wie Funken auseinander, schossen als lebendige Strahlen davon. Unverwandt hielt die junge Frau ihre Augen auf die funkelnden Leiber geheftet, ohne sie jedoch zu gewahren. Da trat die Großmutter zu ihr.

»He, Clelia, wie geht es Dir heut?«

Das arme Weib schaute nicht auf, ließ rastlos die Perlen durch die Finger gleiten, fuhr fort, ihre Gebete abzumurmeln.

Die Großmutter ließ sich nicht abschrecken. Sie hatte sich vorgenommen, einmal gründlich mit der Clelia zu reden. So raffte sie denn ihren ganzen Mut zusammen und rief:

»Nun, das muß ich sagen: Du sorgst gut für Deine arme Seele! Tag und Nacht thust Du nichts anderes, als Dir einen Platz im Paradiese vorzubereiten. An Mann und Kind denkst Du nicht – Mann und Kind lässest Du ja wohl vor Deinen Augen umkommen. Eine solche Frau! Eine solche Mutter! Es ist eine Schmach. Ich wollte lieber, Du wärest geblieben, was Du warst, als so zu werden: so gottlos fromm und so schändlich tugendhaft.«

Und die treffliche Frau begann aus allen Kräften zu seufzen und zu schluchzen.

Die Unglückliche, der diese strenge Rede galt, hatte den Rosenkranz fallen lassen, die Augen erhoben, ihr Gebet unterbrochen und saß nun da, die weinende und laut lamentirende Greisin aus großen, tief eingehöhlten, fieberhaft glänzenden Augen mit einem jammervollen Blick anschauend. Dann sagte sie mit leiser Stimme, deren Ton gänzlich erloschen schien:

»Es würde freilich besser sein, wenn ich geblieben wäre, was ich war, dann hätte ich keinen braven Mann und kein liebes Kind, die ich nun beide verderben muß, und das sowohl in diesem als in jenem Leben. Auch bete ich nur für meine Verdammnis, durch die ich mein Kind, das durch seiner Mutter Sünden verdammt ist, zu erlösen hoffe. Ich muß aber noch lange beten: fünfzig Jahre und noch länger, Tag und Nacht, bis ich meine ewige Verdammnis sicher habe und für mein Kind die Seligkeit. Darum laß mich.«

Und sie bückte sich, um den Rosenkranz aufzuheben; aber Sora Filomela ließ sie nicht gewähren. Einen Thränenstrom vergießend, schluchzte sie:

»Wüßte ich nur, wer Dir das angethan hat. Denn Du bist verhext, mein armes Kind, verhext bist Du und von einem argen Geist besessen. Der Madonna allein mag bekannt sein, wie der Zauber Macht über Deine Seele hat gewinnen können. Gewiß hat jemand Dich mit dem bösen Blick behaftet. Der Herr sei Dir gnädig.«

Clelia erwiderte:

»Amen!«

Die Alte klagte:

»Ein Unhold muß in der Nähe sein höllisches Wesen treiben. Und es ist doch eine so heilige Gegend. Alle die Kirchen in Subiaco, und in der Anioschlucht die Klöster des heiligen Benedikt. Aber gerade in der Schlucht soll es hausen. Viele haben es gesehen nachts dahin schleichen, als Franziskanermönch gestaltet; und viele haben es in den Ruinen der Villa des römischen Kaisers Nero – der ein leibhaftiger Satanas war – seufzen und stöhnen hören. Es soll ein schreckliches Getöse gewesen sein, und wie Jammern eines Weibes – – Heilige Maria, was ist Dir?«

Der Kopf sank Clelia auf die Brust herab, sie wäre beinahe vom Stuhl gefallen. Die Großmutter sprang hinzu, fing sie mit beiden Armen auf, kauerte sich neben sie, jammerte und weinte. Aber sie erholte sich gleich wieder, Sora Filomela, die den Terenzio oder die Magd rufen wollte, verbietend, Lärm anzuheben: es sei von der Sonne gekommen, die sie sich seit Mittag auf den Kopf habe scheinen lassen. Die Nona brachte Clelia ins Haus. In ihrer Angst um das Seelenheil ihrer armen Nichte, um welches es sichtlich schlimm stand, fielen ihr die heiligen Rosen Sankt Benedikts ein. Sie sagte es sogleich:

»Die mußt Du Dir holen.«

»Was muß ich mir holen?«

»Von den heiligen Rosen! Morgen gehe ich mit Dir nach Sacro Speco hinauf, und Du bittest den Vater Ambrogio um einige von den heiligen Rosen: die heiligen Rosen werden Dir helfen.«

»Meine Mutter, die Dionizia Baldi, hat das auch geglaubt, sie hat sich die heiligen Rosen geholt und sie auf ihrer Brust getragen und ist doch ein treuloses und schändliches Weib geworden, noch dazu gleich nachdem sie mich geboren hatte.«

»Nun ja, Deine Mutter. Aber Du bist doch nicht Deine Mutter.«

»Aber meiner Mutter Kind.«

»Ach, laß doch das! Um des armen Terenzio und der armen, kleinen Angelika willen hole Dir morgen die heiligen Rosenblätter.«

Clelia geriet in Aufregung.

»Warum sagst Du: armer Terenzio und arme Angelika?«

»Warum ich das sage? Weil sie Dein Mann und Dein Kind sind, und weil sie Dich so lieb haben, und weil sie Deinetwillen so viel leiden müssen, von Dir aber gar nicht mehr geliebt werden.«

Clelia schrie auf:

»Ich sollte meinen Mann und mein Kind nicht mehr lieben, meinen guten Terenzio, meine süße Angelika – –« Und sie begann am ganzen Leibe zu zittern.

»Nun, dann gehe morgen mit mir zu den Benediktinern und hole Dir die heiligen Rosen,« drängte die Großmutter. »Die heiligen Rosen werden Dich vor dem Bösen schützen, und auch Deinem Mann und Deinem Kinde werden sie zu gute kommen – – Was sagst Du?«

Clelia hatte nichts gesagt; sie war nachdenklich geworden, ihre Augen füllten sich mit Thränen, die langsam in großen, schweren Tropfen die abgezehrten, bleichen Wangen herabliefen, ohne daß sie es merkte. Dann sagte sie ergebungsvoll:

»Morgen werde ich mit Dir hinaufgehen zu den Benediktinern und den Pater Ambrogio um das Heiligtum bitten. Vielleicht, daß es mich schützt – vor meiner Mutter! Und vielleicht, daß es meine Tochter schützt – vor ihrer Mutter! Denn Du weißt, daß die Sünden der Eltern heimgesucht werden an den Kindern bis ins dritte und vierte Glied. So steht es geschrieben.«

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