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Achtes Kapitel

Gespräch zwischen Freind und Birton über den Atheismus

Freind

Ich werde Ihnen, mein Herr, nicht die metaphysischen Gründe unseres berühmten Clarke wiederholen. Ich ermahne Sie nur, sie wieder zu lesen; sie sind mehr geeignet, aufzuklären als zu rühren: ich will dagegen nur Gründe nennen, die vielleicht zu Ihrem Herzen sprechen werden.

Birton

Sie werden mir ein Vergnügen bereiten; ich will, daß man mich unterhält und interessiert; ich hasse Sophismen; metaphysische Streitigkeiten gleichen luftgefüllten Bällen, welche die Kämpfer sich zuwerfen. Die Blase springt, die Luft fährt heraus, nichts bleibt übrig.

Freind

Vielleicht enthalten die Tiefen des ehrenwerten Arianers Clarke einige Dunkelheiten und einige Luftblasen; vielleicht hat er sich getäuscht über die Realität des bewegten Unendlichen, des Raumes und so fort; vielleicht hat er auch, indem er sich zum Ausleger Gottes machte, einige Male die Ausleger Homers nachgeahmt, die ihm Ideen unterschieben, die Homer niemals gehabt hat.

Bei den Worten »Unendlichkeit«, »Raum«, »Homer«, »Ausleger« wollten der gute Paruba, seine Tochter und sogar einige der Engländer gehen, um auf dem Verdeck frische Luft zu schöpfen; da aber Freind versprach, leichtverständlich zu bleiben, gingen sie nicht. Ich erklärte Paruba leise einige wissenschaftliche Ausdrücke, welche Leute, die in den Blauen Bergen geboren sind, nicht so bequem fassen können wie die Doktoren von Oxford und Cambridge.

Freund Freind fuhr also fort:

Wie traurig, wenn es nötig wäre, ein tiefer Metaphysiker zu sein, um Gewißheit über das Dasein Gottes zu haben! Es würden in England höchstens hundert Geister sein, die in dieser schwierigen Wissenschaft des »Für und Gegen« so bewandert sind, daß sie fähig wären, den Abgrund zu erforschen. Der übrige Teil der Erde würde im Dunkel unbesiegbarer Unwissenheit verkommen, seinen brutalen Leidenschaften zur Beute, von nichts als dem Instinkt beherrscht, nur imstande, über die gröbsten Begriffe seiner fleischlichen Interessen nachzudenken. Um zu wissen, ob ein Gott ist, bitte ich Sie nur um eines: die Augen zu öffnen.

Birton

Ah, ich sehe, wohinaus Sie wollen: Sie kommen auf den alten, so oft widerlegten Satz zurück, daß die Sonne sich in fünfundzwanzig und einem halben Tage um ihre Achse bewegt, trotz der lächerlichen römischen Inquisition; daß das Licht uns in vierzehn Minuten vom Saturn zurückgeworfen wird, trotz der lächerlichen Voraussetzungen des Descartes; daß jeder Fixstern eine von Planeten umgebene Sonne ist wie die unsere; daß all diese unzähligen Sterne in den Tiefen des Weltraumes den mathematischen Gesetzen gehorchen, die der große Newton entdeckt und bewiesen hat; daß ein Katechet den Kindern Gott verkündet und Newton ihn den Gelehrten beweist, wie ein französischer Philosoph Voltaire. sagt, der wegen dieses Ausspruches in seinem seltsamen Lande verfolgt wurde.

Quälen Sie sich nicht damit, mir die feste Ordnung darzulegen, die in allen Teilen des Weltalls herrscht; es muß wohl sein, daß alles, was besteht, irgendeine Ordnung hat; ebenso daß der seltene Stoff sich über den gröberen erhebe; daß der Stärkere in jedem Sinne den Schwächeren unterdrücke; daß alles, was heftiger angestoßen wird, schneller läuft: so richtet alles sich von selbst ein. Sie könnten, nachdem Sie wie Esdras ein Maß Wein getrunken hätten, wie er neunhundertundsechzig Stunden hintereinander zu mir sprechen, ohne den Mund zu schließen, und ich würde Ihnen doch nicht glauben. Wollen Sie, daß ich ein ewiges Wesen annehme, das unendlich und unbewegt ist, dem es, zu irgendeiner Zeit, gefallen hat, Dinge aus dem Nichts zu schaffen, die jeden Augenblick sich verändern, und Spinnen in die Welt zu setzen, um den Fliegen den Bauch aufzureißen? Wollen Sie, daß ich mit dem frechen Schwätzer von Nieuwentyt sage, daß »Gott uns Ohren gegeben habe, um zu glauben, weil Glauben vom Hörensagen kommt«? Nein, nein, nie werde ich Charlatanen glauben, die ihre Drogen teuer an Schwachsinnige verkauft haben; ich halte mich an das kleine Buch eines Frenchman, der sagt, daß nichts ist und nichts sein kann als die Natur; daß die Natur alles tut und alles ist; daß es unmöglich und widerspruchsvoll ist, etwas anzunehmen, das über allem seine Existenz hat; mit einem Wort, ich glaube nur an die Natur.

Freind

Und wenn ich Ihnen sage, es gibt keine Natur; in uns, um uns, hunderttausend Millionen Meilen weit ist alles ohne Ausnahme Kunst.

Birton

Wie! Alles Kunst! Das ist doch einmal etwas anderes!

Freind

Beinahe niemand achtet darauf; und doch ist nichts mehr wahr. Ich wiederhole: bedienen Sie sich Ihrer Augen, und Sie werden Gott erkennen und ihn anbeten. Bedenken Sie, daß diese ungeheuren Weltkörper, deren unermeßlichen Lauf Sie beobachten, sich nach den Gesetzen einer tiefen Mathematik bewegen: es gibt also einen großen Mathematiker. Plato nannte ihn den ewigen Geometer. Sie bewundern diese neuerfundenen Maschinen, die man Oreri nennt, weil Mylord Oreri sie in Mode gebracht und den Erfinder durch seine Freigebigkeit unterstützt hat: sie sind eine sehr schwache Kopie unserer Planeten und ihrer Bewegungen. Die Periode der Sonnenwenden und der Tag- und Nachtgleichen, die uns täglich einen neuen Polarstern zuführt, diese Periode, dieser so langsame Lauf von ungefähr sechsundzwanzigtausend Jahren, konnte nicht durch menschliche Hände in unseren Oreri ausgeführt werden. Diese Maschine ist sehr unvollkommen: man muß sie mit einer Kurbel drehen; und doch ist sie ein Meisterwerk unserer Handwerker. Urteilen Sie danach, wie groß die Macht und das Genie des ewigen Architekten sein müssen, wenn man sich dieses unpassenden Ausdruckes für das höchste Wesen bedienen darf.

Ich gab Paruba eine schnelle Erklärung der Oreri. Er sagte: »Wieviel Genie muß das Vorbild haben, wenn selbst in der Nachahmung Geist ist? Ich möchte einen Oreri sehen, aber der Himmel ist schöner.« Alle um uns, Engländer und Amerikaner, hörten diese Worte, wurden von ihrer Wahrheit betroffen und hoben die Hände zum Himmel. Birton wurde sehr nachdenklich, dann rief er: »Wie! Alles soll Kunst sein und die Natur nichts als das Werk eines höchsten Architekten! Ist es möglich?« Der weise Freind fuhr fort:

Richten Sie jetzt Ihre Augen auf sich selbst; prüfen Sie, mit welcher erstaunlichen Kunst, die noch nicht völlig erkannt wird, alles von innen und außen für Ihren Gebrauch und Ihre Wünsche entworfen ist. Ich beabsichtige nicht, hier eine Anatomievorlesung zu halten. Sie wissen selbst, daß es keinen Teil im Innern des Körpers gibt, der nicht notwendig wäre, und dem nicht im Falle der Gefahr durch das ununterbrochene Spiel benachbarter Teile Beistand würde. Die Eigenhilfe des Körpers ist von allen Seiten so kunstvoll vorbereitet, daß es nicht eine einzige Ader gibt, die nicht ihre Klappen und Schleusen hätte, um dem Blut Durchgang zu verschaffen. Von den Haarwurzeln bis zu den Fußzehen ist alles Kunst, Vorbereitung, Mittel und Zweck. In der Tat, man kann nichts als Entrüstung empfinden gegen alle, die die wahren Endzwecke zu leugnen wagen, und die aus bösem Willen oder Wut behaupten, der Mund sei nicht zum Essen und Trinken gemacht, die Augen nicht wundervoll eingerichtet zum Sehen, die Ohren zum Hören und die Geschlechtsorgane zum Zeugen. Diese Vermessenheit ist so toll, daß es mich Mühe kostet, sie zu verstehen.

Wir müssen zugeben, daß jedes Tier Zeugnis ablegt vom höchsten Schöpfer.

Das kleinste Kraut genügt, um den menschlichen Verstand zu verwirren. Dies ist so wahr, wie die Tatsache, daß es den vereinten Anstrengungen der Menschheit unmöglich wäre, einen Strohhalm hervorzubringen, wenn der Keim nicht in der Erde ist; man wende nicht ein, daß die Keime faulen müssen, um etwas hervorzubringen; diese Dummheiten sind längst überholt.

Die Versammlung empfand die Wahrheit dieser Beweise lebhafter als die anderen, weil sie greifbarer waren. Birton sagte zwischen den Zähnen: »Muß man sich unterwerfen und einen Gott anerkennen? Das wollen wir doch sehen, bei Gott! Die Sache soll noch untersucht werden.«

Jenni war noch in Träumen versunken, er schien sehr ergriffen. Unser Freind vollendete seinen Satz:

Nein, meine Freunde, wir schaffen nichts; wir können nichts schaffen: es ist uns nur gegeben, zu ordnen, zu vereinigen, zu lösen, zu zählen, zu wägen und zu messen. Aber schaffen! Welches Wort! Nur das notwendige Wesen, das ewig aus sich selbst bestehende Wesen schafft! Dies ist der Grund, warum die Schwindler, die nach dem Stein der Weisen suchen, so große Dummköpfe oder so große Schurken sind. Sie rühmen sich, Gold zu schaffen, und können nicht einmal Straßenkot hervorbringen.

Laßt uns also zugeben, meine Freunde, daß es ein höchstes, notwendiges, unerforschliches Wesen gibt, das uns geschaffen hat.

Birton

Und wo ist es, dieses Wesen? Wenn es vorhanden ist, warum verbirgt es sich? Ist es jemals von irgendwem gesehen worden? Muß man sich verbergen, wenn man Gutes getan hat?

Freind

Haben Sie je Christopher Wren gesehen, der Sankt Paul in London gebaut hat? Und doch ist es bewiesen, daß dies Gebäude das Werk eines sehr geschickten Architekten ist.

Birton

Es ist bekannt, daß Wren dieses weitläufige Gebäude, in dem Burgeß mit seinen Predigten uns einschläfert, mit großen Unkosten erbaut hat. Wir wissen, warum und wie unsere Väter dies Gebäude errichtet haben. Aber warum und wie sollte ein Gott dieses Weltall aus nichts erschaffen haben? Sie kennen den Grundsatz des Altertums: »Nichts kann nichts schaffen, aus nichts kommt nichts.« Das ist eine Wahrheit, an der noch niemand gezweifelt hat. Selbst Ihre Bibel sagt ausdrücklich, daß Ihr Gott Himmel und Erde geschaffen habe; obgleich der Himmel, das heißt die Ansammlung aller Gestirne, so viel höher über der Erde steht wie diese über dem kleinsten Sandkorn. Aber niemals sagt Ihre Bibel, daß Gott Himmel und Erde aus nichts geschaffen habe. Sie behauptet nicht einmal, daß der Schöpfer die Frau aus dem Nichts gebildet habe. Er formt sie seltsamerweise aus einer Rippe, die er ihrem Gemahl entreißt. Das Chaos bestand, nach der Bibel selber, vor der Erde: also war die Materie so ewig wie Ihr Gott.

Hier erhob sich ein leichtes Gemurmel in der Versammlung; man sagte: »Birton könnte wohl recht haben.« Aber Freind antwortete:

Freind

Ich habe Ihnen, denke ich, bewiesen, daß es eine höhere Weisheit gibt, eine ewige Macht, der wir ein vergängliches Leben danken: ich habe Ihnen nicht versprochen, das Warum und das Wie zu erklären. Gott hat mir genug Vernunft gegeben, um zu erkennen, daß er existiert; aber nicht genug, um zu erkennen, ob der Stoff ihm von Uranfang an unterworfen war, oder ob er ihn mit der Zeit hat entstehen lassen. Was geht Sie die Ewigkeit oder die Schöpfung des Stoffes an, wenn Sie nur einen Gott, einen Herrn über der Materie und über sich erkennen! Sie fragen mich, wo Gott ist: Ich weiß es nicht und darf es nicht wissen. Ich weiß, daß er ist; ich weiß, daß er unser Herr ist, daß er alles tut, daß wir von seiner Güte alles erwarten dürfen.

Birton

Von seiner Güte! Sie machen sich über mich lustig. Sie haben gesagt: Bedienen Sie sich Ihrer Augen; und ich sage Ihnen: Bedienen Sie sich der Ihrigen! Werfen Sie nur einen Blick auf die ganze Erde und urteilen Sie, ob Ihr Gott gut ist.

Herr Freind fühlte, daß hier der Höhepunkt des Streites sich nahe und Birton einen starken Angriff vorbereite. Er bemerkte, daß die Zuhörer, besonders die Amerikaner, sich erholen mußten, um fähig zu sein, weiter zuzuhören, wie er, um weitersprechen zu können. Er legte seine Sache in Gottes Hand. Man ging auf dem Verdeck spazieren; dann nahm man Tee auf der Jacht, und der geregelte Wortstreit begann von neuem.


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