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Kapitel XIV

Soldier Boy – zu sich selbst

Es sind nun fünf Monate vergangen. Oder sechs? Meine Ängste haben mir das Hirn vernebelt. Ich bin durch das ganze Land gekommen, von einem Ende zum anderen, und nun bin ich seit gestern hierhin zurückgekommen, in diese Stadt, durch die wir zu Beginn unserer langen Reise schon einmal gekommen sind, und die so nah' bei ihrem Landhaus liegt. Ich bin ein verfallenes Wrack, meine Augen sind trübe, aber ich erkenne die Gegend. Wenn sie mich sehen könnte würde sie mich erkennen und unser Erkennungssignal blasen. Ich wünsche mir ich könnte es noch einmal hören; es würde mich wieder erwecken, es würde mir ihr Gesicht wieder bringen und die Berge und die Freiheit – und ich würde zu ihr kommen – und wenn ich dabei stürbe, ich würde kommen! Sie würde mich nicht erkennen, so wie ich aussehe, aber sie würde meinen Stern erkennen. Aber es soll nicht sein, sie werden mich nie aus diesem schäbigen Stall heraus lassen – ein stinkender, elender Ort, meistens stehen noch zwei Elendsklepper wie ich selbst darin.

Durch wie viele Hände bin ich gegangen? Ich glaube zwölf – ich kann mich nicht erinnern; und jedes Mal war es eine Stufe tiefer, und jedes Mal bekam ich einen härteren Herrn. Sie waren grausam zu mir, jeder einzelne von ihnen, ich musste Tag und Nacht die niedrigsten Arbeiten verrichten, sie haben mich geschlagen und mir nur schlechtes Futter gegeben, manchmal gab es überhaupt nichts zu Fressen. Jetzt bin ich nur noch ein Gerippe, die raue Haut hängt faltig an meinem dünnen Leib herab – dieses Fell, das einmal so glänzte, das sie so liebte und mit ihrer Hand streichelte. Ich war einmal der Stolz der Berge und der Great Plains, jetzt bin ich eine Vogelscheuche und werde verachtet. Diese elenden Wracks, die meine Gesellschaft bilden, sagen, wir haben den Nullpunkt erreicht, die niedrigste Stufe, tiefer geht es nicht; sie sagen, wenn ein Pferd nicht einmal mehr eine Handvoll Unkraut und einen Eimer Abfälle Wert ist, verkaufen sie es für ein Glas Schnaps in die Stierarena, zur Unterhaltung der Leute und zum eigenen Ergötzen am Sterben.

Sterben – das stört mich nicht; wir Gedienten haben immer mit der Gefahr des Todes gelebt. Aber wenn ich sie noch einmal sehen könnte! Wenn ich noch einmal den Klang ihres Horns hörte, wie es ruft, »Ich bin es, Soldier – komm!«


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