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Kapitel V

General Alison an Mercedes

Sie ist nun schon eine gute zeitlang bei uns. Sind Sie besorgt um Ihren Kobold, weil dies hier so eine raue Grenze ist, Hunderte von Meilen entfernt von jeder Zivilisation und nur von wilden Wanderstämmen bewohnt? Fürchten Sie um ihre Sicherheit? Machen Sie sich keine Sorgen. Mein Gott, sie ist in einem Kindergarten hier und sie hat mehr als achtzehnhundert Erzieher! Es würde den gesamten Standort unglücklich machen, wenn nur der Verdacht aufkäme, Sie könnten denken, man könne sich hier nicht ordentlich um sie kümmern. Alle denken nämlich, sie können es. Und sie würden es Ihnen auch sagen. Sehen Sie mal, weder die Siebente Kavallerie noch die Neunten Dragoner hatten jemals vorher ein eigenes Kind; und so benehmen sich jetzt alle wie junge Mütter, sie glauben, es gäbe kein Kind auf der Welt als ihr eigenes, und auch keines wäre so wunderbar, keines Wert, dass man es so traulich und zärtlich behütet und beschützt, wie dieses. Meine sonnengegerbten Veteranen sind wirklich sehr gute Mütter, sie sind weiser als manch' echte Mutter; auch weil sie die Kleine nicht wenige Risiken eingehen lassen, und das ist eine gute Erziehung für sie; und je mehr Gefahren sie erfolgreich meistern lernt, desto stolzer werden sie. Sie haben sie regelrecht adoptiert, richtig formell eingeführt mit militärischen Ehren, die sie sich extra für sie ausgedacht haben – Festlichkeiten wäre vielleicht das passende Wort; Festlichkeiten, die so feierlich und ernst abliefen, dass es komisch gewirkt hätte, wenn es nicht so rührend anzuschauen gewesen wäre. Es war eine gute Show, so beeindruckend und zeremoniell wie der Aufmarsch der Garde, oder die Flaggenparade der Einheiten; mit eigens vom Leiter des Musikkorps der Siebenten komponierter Marschmusik; das Kind war dabei so ernst, wie die ältesten meiner kampferprobten Soldaten auch; endlich dann thronte sie auf den Schultern des ältesten Veteranen und man erklärte sie als »recht und wahrhaftig eingeführt«, die Band spielte auf, alle salutierten ihr und sie salutierte zurück, es war besser als jede vergleichbare Zeremonie, die ich je auf Exerzierplätzen gesehen habe, denn normale Paraden sind nur Show, aber das hier war echt, es kam tief aus den Herzen aller Beteiligten.

Das alles ereignete sich vor ein paar Wochen, und ein paar weitere Festlichkeiten folgten. Die Männer haben neue Dienstgrade erfunden, um sie Cathy zu verleihen, die waren bis dahin in unserer Armee unbekannt, verbunden mit Beförderungszeremonien, die einem Fürsten zur Ehre gereicht hätten. Sie bekleidet nun den Rang eines Corporal-General der Siebenten Kavallerie, und den eines Flag-Lieutenant der Neunten Dragoner, verbunden mit dem (von den Männern verliehenen) Privileg, U.S.A. hinter ihren Namen zu setzen! Sie bekam auch die passenden Schulterklappen dazu – beide in dunkelblau, auf der einen steht F.L. und auf der anderen C.G. Sogar mit Schwert. Sie trägt sie. Schließlich gewährten sie ihr den militärischen Gruß. Ich selbst bin Zeuge, das Salutieren wird wirklich von beiden Seiten vollzogen – ernsthaft und formal richtig. Niemals habe ich dabei einen der Soldaten grinsen sehen, auch Cathy nicht, wenn sie den Gruß erwidert.

Ich sei bei keiner dieser Zeremonien anwesend gewesen, ich ignorierte sie angeblich; aber in Wirklichkeit habe ich alles genau beobachtet. Ich hatte wegen einer Sache ziemliche Bedenken – die anderen Kinder hier am Standort könnten eifersüchtig werden; aber nichts dergleichen passiert, Gott sei Dank. Im Gegenteil, sie sind stolz auf ihre Kameradin und die Ehrungen, die ihr zu Teil werden. Das überrascht wirklich, aber es ist wahr. Die Kinder mögen Cathy sehr, denn sie hat ihre langweiligen Leben hier draußen an den Grenzposten in eine Art Dauerfest verwandelt; und sie haben sie als ihre treue und feste Freundin kennen gelernt, auf die man sich wirklich verlassen kann, und die ihr Fähnlein nicht nach dem Winde hängt.

Mittlerweile ist sie zu einer außergewöhnlich guten Reiterin geworden, sie hat auch einen mehr als außer-gewöhnlichen Lehrer – BB, so nennt sie Buffalo Bill. Sie spricht es Bee-by aus. Er hat ihr siebzehn verschiedene Arten beigebracht, sich das Genick zu brechen, und zweiundzwanzig, es zu vermeiden. Er hat ihr die beste Lebensversicherung vermittelt, die ein Reiter besitzen sollte – Zutrauen. Das hat er ganz langsam gemacht, systematisch, in kleinen Dosen, nur ein Schritt zu seiner Zeit, und jeden dieser Schritte hat er überprüft, bevor sie sich an den nächsten wagten. So führte er sie Zentimeter um Zentimeter heran, ließ Ängste bei ihr allein durch sorgfältiges Training gar nicht erst entstehen, es waren dann auch keine bei ihr erkennbar, als sie zu den schwierigen Übungen kam. Nun ist sie wirklich eine mutige kleine Reiterin, sie ist perfekt im Umgang mit den Pferden. Mit der Zeit wird sie reiten wie ein West Point Kadett, und dessen Handwerk ebenso furchtlos beherrschen. Damensättel kennt sie nicht. Besorgt Sie das? Sie reitet elegant, und sogar ohne Sattel. Wird Ihnen unbehaglich bei dem Gedanken? Seien Sie ganz beruhigt; sie ist nicht in Gefahr, ich gebe Ihnen mein Wort darauf.

Sie haben einmal gesagt, wenn mein Herz alt und müde würde, dann wird sie es beleben. Sie haben die Wahrheit gesagt. Ich weiß gar nicht mehr, wie ich einmal ohne sie ausgekommen bin. Ich war ein einsamer alter Baum, und dann kam diese blühende Ranke und hat sich um mich gewunden, sie wurde zum Leben in meinem Leben, alles hat sich verändert. Sie versorgt Mammy Dorcas und mich mit genügend Arbeit, darin ist sie kompetent und unerschöpflich, aber ich liebe meinen Teil davon und Dorcas liebt den ihren, denn Dorcas hat bereits George »erzogen«, und Cathy ist wie George, sie ist genau wie er in so vielen Dingen, so sehr, dass Dorcas wieder jung wird und all die lieben Erinnerungen zurückkehren, die schon hinter der Zeit entschwunden schienen. Mein Vater hat vor zwanzig Jahren versucht, Dorcas in die Freiheit zu entlassen, da lebten wir noch in Virginia, freilich ohne Erfolg; sie betrachtete sich als einen Teil unserer Familie und wollte nicht gehen. Und so blieb sie ein Teil der Familie, eine Position die niemals mehr angefochten wurde, die sie natürlich auch heute noch innehat; meine Mutter hat sie mir aus San Bernardino herübergeschickt als sie hörte, dass Cathy kommt, sie wechselte einfach die Stellung von einem Zweig der Familie zu einem anderen. Sie hat dieses Warmherzige ihrer Rasse, diese verschwenderische Liebe, und als Cathy dann endlich kam, waren die beiden in fünf Minuten Mutter und Kind. Und so ist es bis heute und so wird es auch in Zukunft bleiben. Dorcas glaubt wirklich, sie hätte damals George erzogen, das ist eines der Dinge auf die sie richtig stolz ist, vielleicht haben sich die beiden ja gegenseitig erzogen, sie waren in etwa gleichaltrig – dreizehn Jahre jünger als ich. Jedenfalls waren sie Spielkameraden, und darüber gibt es nun keinen Zweifel.

Cathy hat behauptet, Dorcas sei die beste Katholikin in Amerika außer ihr selbst. Sie hätte Niemandem ein größeres Kompliment machen können als dieses, und Dorcas hätte keines erhalten können, das ihr mehr geschmeichelt hätte. Sie ist sehr zufrieden mit ihr und meint, dass es kein wunderbareres Kind gäbe als Cathy. Sie hat sich eine sonderbare Theorie zurechtgelegt: dass Cathy eigentlich zwei Personen sei, Zwillinge, und dass der Junge in ihr es verpasst hätte, abgeteilt zu werden – und nun in ihrem Innersten unterdrückt werde. Mit ihr über diesen Unsinn zu streiten macht keinen Sinn und ist reine Zeitverschwendung – sie hat sich ihre Meinung gebildet, und lässt keinerlei Argumente gelten. Sie sagt:

»Schauen Sie sich sie an; sie mag Puppen, Mädchenspiele, alles was Mädchen mögen, sie is' leis' und nett, is' überhaupt nich' bös' zu Tieren – nun, das is' der Mädchen Zwilling, und dann mag sie aber auch die Jungsspiele, mit Trommeln und Flöten und mit 'n Soldaten, und derbe reiten, und is' nich' bang vor nix und Keinem – da ha'm Sie den Jungszwilling; da brauch'n Sie mir nich' sagen das is' nur ein Kind; nein, Sir, is' 'n Zwilling, und einer davon is' nich' zu sehn. Und wenn er nich' zu sehn is', macht's aber auch kein' Unterschied, der Jung is' da, in ihr drin, und man kann ihn aus ihren Augen raus sehn, wenn sie wütend wird.«

Dorcas fuhr fort bildliche Anschauungen zu liefern in ihrer einfachen, ernsten Art.

»Denken Sie mal an den Raben, Master Tom. Würd' sich wer mit 'nem Raben anfreunden, außer dem Kind? Natürlich nich', würd' keiner machen, is' nich' normal. Also, dieser Indianer Junge, der hatte den Raben angebunden, und war ihn immerzu am quälen, die ganze Zeit, und zu Fressen hat er ihm auch nichts gegeben, und ihr hat das arm' Ding so leid getan, und dann wollt' sie ihn von dem Jungen kaufen, da war'n schon fast die Tränen bei ihr. Das war wieder der Mädchen Zwilling. Sie hat ihm ihren Fingerhut angeboten, und er hat 'n weg geworfen, sie hat ihm all' ihre Doughnuts, zwei Stück, hingehalten, die hat er auch runter geworfen; und dann hat sie ihm ihr halbes Nadelkissen geben woll'n, das is' glatt vierzig Raben wert, da hat er ihr nur noch 'ne Fratze gezogen und dann, dann hat er eine von den Nadeln dem Raben in'n Rücken gestochen. Da war's um sie geschehn, wissen Sie. Das hat den andern Zwilling vorgeholt. Ihre Augen blitzten Feuer und sie hat ihn angesprungen wie 'ne Wildkatze, und als sie mit ihm fertig war, hingen ihr die Sachen in Fetzen runter, und der Junge war gar nix mehr, war nur noch 'ne Allegorie. Sehn Sie, das war wirklich der andere Zwilling, der da 'rauskam. Nein, Sir, erzähl'n Sie mir nicht, den gäb's nicht. Ich hab ihn mit meinen eignen Augen gesehen – mehrmals.«

»Allegorie? Was ist denn eine Allegorie?«

»Ich weiß nicht, Master Tom, sind so Worte von ihr; sie sagt oft so Dinge, wissen Sie, schnapp ich halt auf von ihr, hör'n sich gut an, kann ich nix für.«

»Was passierte, nachdem sie den Jungen in eine Allegorie transformiert hat?«

»Ja, dann hat sie den Raben losgemacht und konfisziert und hat ihn mit heimgetragen, die Doughnuts und die andren Sachen hat sie auf'm Boden liegen lassen. Hat ihn gestreichelt, klar, tut sie doch mit allen Tier'n. In zwei Tagen hatt' sie ihn soweit, dass er an ihr klebte, dass er – na, Sie wissen doch, wie er ihr überall hin nachfliegt, und wie er auf ihrer Schulter sitzt, wenn sie reitet als möcht' es ihr gleich den Hals brechen – und dass is' alles wieder der Mädchen Zwilling, seh'n Sie – und der Vogel macht, was er will, ist 'n echter Teufel und 'n richtiger Quälgeist in der Küche. Na, und keiner sagt was, aber wenn's der Vogel von jemand andrem wär', würden sie's.«

Sie gluckste in sich hinein und sagte dann:

»Wissen Sie, eigentlich is' sie selbst auch 'n Quälgeist, Miss Cathy, sie is' so lebendig, hat ihre Nase überall, genau wie der Vogel. Und tut genau so unschuldig, wissen Sie, will keinem wehtun, is' immer lieb und nett; und is' auch alles nicht ihre Schuld, is' ihre Natur, immer interessiert an allem, immer mit Feuereifer, kann nich' mal still sein. Gestern noch sag' ich ›Bitte Miss Cathy, tu' das nicht‹; und, ›Bitte Miss Cathy, fass' das nicht an‹; und ›Bitte Miss Cathy, mach' nicht so 'n Krach‹; und so weiter, und so weiter, bis ich selbst schon denk', jetzt hab ich sie vierzehn Mal in fünfzehn Minuten ermahnt; da schaut sie mit ihren großen braunen Bettelaugen zu mir hoch, und sagt in dieser komischen kleinen fremden Weise, dass es einem ans Herz geht,

›Bitte, Mammy, lob' mich doch auch mal.‹«

»Und das hast Du natürlich gemacht, Du alte Närrin?«

»Master Tom, ich hab' sie hochgenommen an meine Brust und sag', ›Oh du liebes armes kleines Ding, hast keine Mama, nix auf der Welt hast du falsch gemacht, du kannst machen was du willst, reiß' das Haus ab, deine alte schwarze Mammy schimpft nicht mit dir!‹«

»Ich habe es gewusst, natürlich – Ich wusste es, Du würdest das Kind verziehen.«

Sie wischte sich ein paar Tränen weg und sagte dann mit großer Würde:

»Das Kind verziehen? Dieses Kind verziehen, Master Tom? Kein Mensch kann es verziehen. Sie ist die Bienenkönigin in dieser Garnison, jedermann umhegt sie und is' ihr Sklave, und trotzdem, Sie wissen es, Sie selbst am besten, sie is' nicht das kleinste bisschen verzogen.« Sie verschaffte sich noch mehr Luft in ihrer weiteren Erwiderung: »Master Tom, Sie bringt Sie selbst dazu, alles zu machen was sie will, und Sie können's ihr nicht abschlagen; wenn sie also verzogen is', dann lang' vor mir, denn Sie selbst sind der Schlimmste! Schau'n Sie sich nur die Katzen auf Ihrem Stuhl an, selbst sitzen Sie auf der Kerzenkiste, und findens normal; warum? Weil's ihre Katzen sind.«

Wäre Dorcas ein Soldat, ich hätte sie für diese unerhörte Offenheit bestrafen können. So aber wechselte ich das Thema und bat sie, den Faden von vorhin wieder aufzunehmen. Sie hatte fair gegen mich gepunktet und ich würde ihr den Sieg nicht billig streitig machen, indem ich jetzt darüber diskutierte. Und so kam sie mit einer weiteren Geschichte, die ihre Zwillingstheorie belegen sollte:

»Vor zwei Wochen, als sie sich den Finger so bös' aufgeschnitten hat, da wurd' sie ganz blass, hat aber nichts gesagt. Sie saß auf meinem Schoß und der Doktor hat mit 'nem Schwamm das Blut abgetupft und dann hat er sie genäht; 'ne ganze Menge Stiche hat's gebraucht, bei jedem einzelnen hat sie leis' gestöhnt, aber sonst kam kein Ton. Als er fertig war, war selbst der Doktor voller Bewunderung für sie und sagte, ›Du bist wirklich eine tapferes kleines Ding!‹ und sie sagt, ganz ruhig, als wenn's um's Wetter geht, ›Es gibt aber keinen Tapferen als El Cid!‹ Seh'n Sie? War der Jungs Zwilling, mit dem der Doktor es hatte.«

»Wer ist El Cid?«

»Weiß nicht, Sir – nur was ich von ihr hab'. Sie redet dauernd von ihm, sie sagt, das war der tapferste Held, den es je in Spanien gab, oder in irgendeinem andern Land. Das geht ständig so bei den Kindern, sie ist für El Cid, und die andern sind für George Washington.«

»Streiten sie sich?«

»Nein; nur diskutieren, und rumprahlen, wie Kinder sind. Sie wollen, dass sie Amerikanerin ist, aber sie könne niemals was anderes sein als 'ne Spanierin, sagt sie. Wissen Sie, ihre Mama hat immer zurück nach Haus' gewollt, das arme Ding, und sie denkt daran, und so ist das Kind so sehr 'ne Spanierin, als wenn sie immer dort gelebt hätt'. Sie denkt, sie wüsste' sogar wie's in Spanien aussieht, aber ich denk' mal sie weiß es nicht wirklich, weil sie war ja erst 'n Baby als sie nach Frankreich gingen. Sie ist sehr stolz drauf, 'ne Spanierin zu sein.«

Schmeichelt Ihnen das, Mercedes? Es ist alles gut so, seien Sie zufrieden, Ihre Nichte ist loyal was ihre Herkunft betrifft: ihre Mutter hat in ihr wirklich ein festes Fundament gelegt, was ihre Liebe zu Spanien betrifft, und wenn sie einmal zu Ihnen zurückkehrt, dann werden Sie eine gute Spanierin treffen, so gut wie Sie selbst eine sind. Sie hat mir das Versprechen abgeknöpft, Sie mitzunehmen und Ihnen einen wirklich langen Besuch abzustatten, wenn das Kriegsministerium mich in den Ruhestand versetzt.

Ich kümmere mich persönlich um ihre Studien, hat sie Ihnen das berichtet? Ja, ich bin ihr Lehrer, und sie macht, denke ich, gute Fortschritte, alles in allem betrachtet. Alles in allem – übersetzt – bedeutet einschließlich der Ferien. Seien wir ehrlich, sie ist nicht zum Studieren geboren, und es ist wirklich hart für sie. Hart für mich übrigens auch. Es tut mir körperlich weh zu sehen, wie sich dieser Freigeist der Lüfte und des Sonnenscheins über einem Buch bekümmert; und manchmal, wenn sie wieder aus dem Fenster hinaus in die Weite der Prärie und zu den Blue Mountains hin träumt, dann muss ich einfach die Gefängnistore aufreißen, ich kann mir nicht helfen. Eine wunderliche Schülerin ist sie, sie macht einige Schnitzer. Einmal fragte ich sie:

»Wen regiert der Zar?«

Sie legte das Kinn in die Hand, setzte den Ellbogen auf ihr Knie und nahm sich des Problems mit höchster Konzentration an. Plötzlich schaute sie auf und antwortete; doch ein Schatten von Unsicherheit machte sich auf ihrem Ausdruck breit:

»Den Dativ?«

Hier habe ich noch ein paar Beispiele ihrer Paradestücke, allesamt mit großer Selbstverständlichkeit abgeliefert:

»Kaplan. Verkleinerungsform von Kap. Magd ist maskulin, Mädchen ist feminin.«

Sie ist kein Genie, sie ist ein ganz normales Kind; sie machen alle Fehler dieser Art. In ihren Augen kann man schön sehen, wie sie sich freut, wenn sie eine Frage prompt und genau beantworten kann, ohne Zögern, wie zum Beispiel diese hier heute Morgen:

»Cathy, mein Liebling, was ist ein Kubik?«

»Na, ein Eingeborener von Kuba.«

Manchmal flicht sie noch ein fremdes Wort in ihre Sprache ein. Und es gibt immer noch einen Hauch, oder vielleicht nur einen Duft von Akzent in selbst ihrem exaktesten Englisch – und hoffentlich bleibt es auch so! Für mich hat das einen ganz reizenden Charme. Manchmal ist ihr Englisch anmutig pedantisch, sehr buchmäßig, etwas gedrechselt. Sie spricht die niedliche Sprache der Kinder, aber um ihrer Unversehrtheit Willen versuche ich, ein paar ihrer Inspirationen nicht mit ihr durchgehen zu lassen. Sie ist gehorsam – wie es sich für einen ordentlichen und anerkannten militärischen Würdenträger ziemt, der sie ja nun mal ist, aber manchmal zwicken die Ketten schon etwas. Zum Beispiel waren wir kürzlich auf einem Spaziergang und kamen an Sträuchern mit wilden Stachelbeeren vorbei. Ihr Gesicht erhellte sich und sie bettelte mich mit ihren Händchen an. Dabei sagte sie folgenden Spruch:

»Oh, hätte ich ein Laster frei, begänne ich mit Schlemmerei!«

Konnte ich dem widerstehen? Nein. Ich pflückte ihr die Stachelbeeren.

Sie haben nach ihren Sprachen gefragt. Das regelt sich hier von ganz allein; die werden hier nicht einrosten; in unserem Regiment gibt es nicht nur Eingeborene – bei weitem nicht. Und sie übt eifrig indianische Dialekte.


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