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Kapitel IV

Cathy an ihre Tante Mercedes

Oh, es ist wunderbar hier, Tantchen, es ist das Paradies! Oh, könntest Du nur sehen wie alles hier ist, so wild und so schön; diese weite Ebene, die sich über Meilen und Meilen und Meilen erstreckt, all dieser köstliche samtige Sand und die duftenden Sträucher des wilden, silbernen Salbeis, und Kaninchen, so groß wie Hunde, mit ihren riesigen, prächtigen Eselsohren, wonach man sie benannt hat; und diese gigantisch großen Berge, so schroff und zerklüftet und so erhaben, mit Schals aus Wolken um ihre Schultern, die schauen so feierlich ernst und furchtbar und zufrieden aus; und diese bezaubernden Indianer, oh Tantchen, Du würdest in sie vernarrt sein, und sie erst in Dich, und sie würden Dir erlauben ihre Babys zu halten, so wie sie es mir erlauben, und das sind die fettesten, braunsten, süßen kleinen Dinger, sie schreien nie, sie würden nicht mal schreien, wenn man Nadeln in sie hinein pieken würde, was aber nicht geht, denn Indianer haben keine Nadeln, weil sie arm sind und sie es sich nicht leisten können; und Pferde und Maultiere und Vieh und Hunde – Hunderte und Hunderte und Hunderte, und nicht ein Tier dabei, mit dem man nicht machen könnte, was man wollte, ausgenommen Onkel Thomas, aber das macht mir nichts, er ist lieb zu mir; und dann, wenn Du das hören könntest, die Fanfaren: tuu – tuu, tu – tu, tuu – tuu, und so weiter – einfach wunderbar! Erkennst Du sie? Das sind die ersten Töne der Reveille, sie kommt, du liebe Zeit, so früh am Morgen! – in derselben Minute stehe ich auf und jeder andere Soldat am Standort auch, ausgenommen Onkel Thomas, der ist so unbeschreiblich faul, ich kann mir nicht erklären warum, aber ich habe mit ihm darüber gesprochen, und ich denke mal, es wird jetzt besser. Viele Fehler hat er nicht, und er ist charmant und nett, genau wie Buffalo Bill, und Thunderbird, und Mammy Dorcas, und Soldier Boy, und Shekels, und Potter, und Sour Mash, und – gut, sie sind allesamt nett, alles Engel, so würdest Du es sagen.

Am ersten Tag schon, als ich hier ankam, ich weiß gar nicht mehr genau wie lange das schon her ist, hat mich Buffalo Bill auf Soldier Boy zu Thunderbirds Camp mitgenommen, nicht zu dem großen, das draußen in der Prärie liegt, das heißt White Clouds, dahin hat er mich erst einen Tag später mitgenommen, sondern zu dem, das hier vier oder fünf Meilen oben in den Hügeln zwischen den Felsen liegt, wo es eine große Alm gibt, voll bestanden mit Indianerzelten und Hunden und Squaws und allem was interessant ist, und ein Gebirgsbach mit kristallklarem Wasser fließt dort mitten hindurch, der hat weiße Kiesel auf seinem Grund und Bäume stehen an beiden Ufern, es ist kühl und schattig hier und man kann gut hindurch waten, und wenn die Sonne untergeht wird es ganz schummrig an diesem Ort hier unten, aber oben, gegen den Himmel, da stehen noch diese riesigen Gipfel, wie Türme, hell und klar im Sonnenlicht, und dann, manchmal, kann man sogar einen Adler an ihnen vorbei gleiten sehen, ohne einen einzigen Schlag seiner Schwinge, als wenn er im Fluge schliefe; und die jungen Indianerjungen und Mädchen toben und lachen und spielen weiter an der Quelle und im Becken des Bachs, und sie haben nicht viel an, nur die Mädchen, die Hunde zanken sich, und die Squaws gehen ihren Arbeiten nach, und die Böcke sind damit beschäftigt sich auszuruhen, und die Alten sitzen auf Heuballen und rauchen, sie lassen die Pfeife im Kreise wandern, nicht nach links, sondern nach rechts, und das bedeutet, dass es Streit im Camp gab und sie es jetzt zu schlichten versuchen so gut es ihnen gelingt, und die Kinder spielen, und sie spielen genau das, was alle Kinder spielen, kleine Jungens schießen mit Pfeil und Bogen auf ein Ziel, und ich hab einem eine runter gehauen, weil er einen Hund mit dem Stock geschlagen hat, obwohl der gar nichts getan hatte, und das hat er mir übel genommen, aber schon kurz darauf hat er sich gewünscht er hätte es mir nicht übel genommen: aber dieser Satz wird nun zu lang und ich werde einen neuen beginnen. Thunderbird hatte sein allerbestes Sonntags-Krieger-Gewand angezogen, in dem er mich empfing, er war großartig anzuschauen, sein Gesicht ganz mit glänzender roter Farbe bemalt, es glühte intensiv wie Feuerkohle, und ein Band mit Adlerfedern reichte von seinem Kopf bis weit den Rücken hinab, er hatte auch einen Tomahawk und eine Pfeife, die hatte einen Stiel länger als mein Arm, und mir ging es so gut wie noch nie in einem Indianercamp in meinem Leben, und ich lernte sehr viele Worte ihrer Sprache und am nächsten Tag nahm mich BB mit zu diesem Camp draußen in der Prärie, vier Meilen, und wieder war es ein phantastischer Tag, ich lernte noch mehr Indianer und Hunde kennen, und der große Häuptling, den sie White Cloud nennen, gab mir einen hübschen kleinen Bogen mit Pfeilen als Geschenk und ich habe ihm dafür meinen roten Schulterumhang gegeben, und nach vier Tagen konnte ich ganz gut damit schießen und jeden Jungen in meinem Alter am Standort schlagen, und ich bin jetzt schon so oft in diesen Camps gewesen, und reiten gelernt habe ich auch, BB hat es mir beigebracht, und jeden Tag übt er mit mir und lobt mich, und jedes Mal wenn ich wieder besser war als vorher, lässt er mich auf Soldier Boy herumtraben, und das ist das höchste Glück! Denn er ist das liebste Pferd, und er ist so schön, so glänzend und so schwarz, und es ist keine andere Farbe an ihm, außer einem weißen Stern auf seiner Stirn, kein unechter Stern, sondern ein echter, mit vier weißen Strahlen, genau so geformt, als wenn er von Hand gemacht wäre, und wenn man ihn ganz zudecken würde, und nur der Stern bliebe frei, man würde ihn genau daran überall erkennen, sogar in Jerusalem oder in Australien. Ich habe viele Freundschaften geschlossen in der Siebenten Kavallerie und bei den Dragonern, mit Offizieren und Familien und Pferden, in den ersten paar Tagen, und noch mehr in den nächsten und nächsten und nächsten Tagen, und mittlerweile kenne ich mehr Soldaten und Pferde als Du Dir vorstellen kannst, so sehr Du Dich auch anstrengst. Ich lerne auch manchmal, aber eigentlich ist dafür kaum Zeit. Ich liebe Dich so und drücke Dich und sende Dir einen Kuss! Cathy

P.S. – Ich gehöre der Siebenten Kavallerie und den Neunten Dragonern an, ich bin sogar Offizier und brauche gemäß Vereinbarung nicht zu arbeiten, weil ich auch keinen Sold bekomme.


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