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18.

Heinz Wilbrandt erwachte und richtete sich schwer auf. Seine Glieder waren wie gelähmt, seine Stirne wie von einem glühenden Eisenring umspannt. Das Denken wurde ihm schwer. Zwei Tage lang befand er sich nun schon in diesem Raum, der von einer merkwürdig süßlichen, dumpfen Luft erfüllt war. Sein an viel frische Luft gewöhnter Körper verlangte gebieterisch nach Freiheit, sträubte sich aufs heftigste gegen die in diesem Zimmer herrschende lähmende Dumpfheit.

Der Gefangene hatte den Eindruck, als sei dieser merkwürdig aufdringliche, fadsüße Duft anfänglich nicht vorhanden gewesen. Er hätte es trotz der ihn beherrschenden Erregung beim Eintritt bemerken müssen. Er fühlte förmlich, wie er mit dieser Luft ein feines, unheimlich wirkendes Gift in sich hereinatmete, das seine Denkfähigkeit langsam zerstörte und die Kraft seines Körpers untergrub.

Seit der ersten Nacht hatte sich Li-chu-ang nicht wieder sehen lassen. Pünktlich bekam er von einem bewaffneten Diener, den stets ein zweiter begleitete, sein Essen gebracht. Diese Leute verstanden offenbar kein einziges deutsches oder englisches Wort. Zum Überfluß schienen sie auch taub zu sein, denn sie verrieten durch keinerlei Zeichen, daß sie etwas gehört hatten, wenn Heinz Wilbrandt zu ihnen sprach. Schließlich brüllte er den Namen »Li-chu-ang« und deutete dabei auf den Zimmerboden, um damit zu sagen, er wünsche den Besuch Li-chu-angs. Auch davon hatten die beiden lebenden Mumien anscheinend nichts wahrgenommen. Aber die Folge war doch, daß Li-chu-ang erschien. Und wieder begleitet von den beiden Wächtern. Er begrüßte seinen Gefangenen mit einer tiefen Verbeugung. Seine Augen aber blickten Wilbrandt unfreundlich an, ja man kann sagen, haßerfüllt. Dabei hatten sie den Ausdruck eines tiefen Grames, der an Verzweiflung grenzte.

»Darf ich fragen, Herr, wie es Ihnen geht?«

Heinz Wilbrandt saß auf dem Ruhebett. Er rührte sich kaum. Nur seine Augen, die starr auf des Chinesen Gesicht blickten, waren von Leben erfüllt. Sie sprühten Zorn. Es schien, als würde er sich im nächsten Augenblick auf den Menschen stürzen, der ihn der Freiheit beraubte. Doch seine Kraft reichte zu einer gewaltsamen Handlung nicht mehr aus. Die lange nicht erneuerte, völlig verbrauchte, dabei vermutlich von einem feinen Gift verseuchte Luft im Raum hatte schon in dieser kurzen Zeit seine Lebenskraft stark verringert. Auch wäre eine Gewalttat völlig zwecklos gewesen. Die beiden bewaffneten Begleiter machten ganz den Eindruck, als warteten sie nur darauf, eingreifen zu dürfen.

»Es scheint Ihnen nicht gut zu gehen«, bemerkte der Chinese mit einem bösen Lächeln. »Sie sind blaß – niedergeschlagen – kraftlos. Das sind die Folgen des Bösen.«

»Oder des Giftes, das Sie mir eingegeben haben«, brachte Heinz Wilbrandt mühsam heraus.

»Nicht mit der Speise, Herr. Sie dürfen ohne Sorge essen und trinken. Aber wenn Sie das Atmen unterlassen könnten, wäre es sehr gut für Sie. Sie nehmen mit jedem Atemzuge Kif zu sich.«

Er bewegte Schultern, Kopf und Hände in einer Weise, die Besorgnis ausdrücken sollte.

»Sie fragen nicht, was Kif ist«, fuhr er nach einer Weile fort, als Wilbrandt schwieg. »Sie sind so ruhig, als sei Kif irgendein Blumenduft. Aber das ist es nicht. Kif ist etwas ganz anderes: ein Gemisch von Opium und Haschisch. Durch feine Öffnungen, die Sie niemals finden würden, dringt der Rauch zu Ihnen ins Zimmer herein. Es ist sehr interessant, festzustellen, wie lange ein Weißer, dessen Körper an dieses Gift nicht gewöhnt ist, diese Luft erträgt, bevor er stirbt. Sicherlich sehr viel länger, als wenn Sie selbst Kif rauchen würden. Aber doch nur eine beschränkte Zeit lang. Fünf bis sechs Tage lang werden Sie Ihr allmähliches Absterben beobachten können, bevor der Irrsinn Sie erfaßt. Dann ist es aus mit Ihnen. Sie werden nicht nach Hunan gehen können, vermute ich. Sie werden niemals das Kupfer, das meinem Vater gehört, ausbeuten. Wenn Sie den Plan bei sich tragen, werde ich ihn an mich nehmen, sobald das Leben Sie verlassen hat. Befindet sich das Papier in den Händen Ihrer Freunde, so wird einer nach dem anderen in diesem Zimmer endigen – wie Sie.«

»Auch dann werden Sie Ihr Ziel nicht erreichen«, murmelte Wilbrandt.

»Vielleicht nicht, doch dann habe ich die Genugtuung, daß der Untergang meiner Familie von denen geteilt wird, die ihn verursacht haben. Zu diesen wird dann auch Ihr Vater gehören – und – Ihre Mutter.«

Er sprach diese fürchterlichen Worte ganz leidenschaftslos, wie ein Mensch, der sich in ein unabwendbares Schicksal völlig ergeben hat. Als der Gefangene dumpf und verzweifelt vor sich hinbrütete, schweigend in der Erkenntnis, daß kein von ihm gesprochenes Wort und keine Versicherungen und Schwüre den Chinesen von seiner verhängnisvollen Wahnvorstellung abbringen konnten, da verzerrte sich das fahlgelbe Gesicht Li-chu-angs vor Zorn, Erbitterung und Verzweiflung.

»Nur ein habsüchtiger Weißer kann sich so verblendet auf ein hoffnungsloses Geschäft verbeißen«, stieß er zwischen den Zähnen hervor. »Sie können unmöglich noch damit rechnen, jemals an den Ort zu gelangen, der in dem von Ihnen verborgenen Plan bezeichnet ist. Dennoch sind Sie eher gewillt zu sterben, als das ungerechte Gut herauszugeben! Oh, nur ein weißer Mann ist dazu fähig. Die Habsucht der Weißen ist ein Giftkraut, das bis in die Wolken wächst und dessen Wurzeln bis in die Hölle reichen!«

Heinz Wilbrandt erhob sich mühsam und trat langsam bis dicht vor den Chinesen. Er betrachtete ihn mehr nachdenklich als ergrimmt. Wie in jedem Gespräch mit Li-chu-ang, so war auch jetzt wieder ein Augenblick, da er jenen völlig verstand und es nicht vermochte, ihm zu fluchen.

»Damit haben Sie nicht unrecht«, nickte er dem Chinesen trübe zu. »Aber Sie haben unrecht, dieses Laster bei mir zu suchen, wenn ich den Plan im Besitz hätte und Ihnen vorenthielte, dann wäre ich ein Verbrecher und alles, was Sie gegen mich unternehmen, hätte zwar keine gesetzliche, doch eine sittliche Berechtigung. Aber ich schwöre Ihnen bei dem Gott der Christen, an den ich glaube, daß ich von dem Plan nichts weiß.«

»Der Gott der Christen heißt Geld«, murmelte Li-chu-ang erbittert. »Wir Chinesen haben oft genug den Gott der Weißen gesehen und die Art, wie sie ihn anbeten. Schwören Sie nicht bei diesem Gott, denn solche Eide achte ich nicht.«

»Ich kann weder Ihnen noch mir helfen«, sprach Heinz Wilbrandt in tödlicher Müdigkeit, »wenn nicht ein Wunder geschieht, dann wird in diesem Hause ein ebenso furchtbares wie sinnloses Verbrechen begangen. Und der Tag wird kommen, da Sie sich selbst einen Mörder nennen müssen.«

»Nein!« schrie der Chinese mit einer Stimme, die sich schrill überschlug. »Nein – nein!« wiederholte er – und er stand mit geballten Fäusten, keuchend vor Erregung, seinem Gefangenen gegenüber, nach Worten suchend – doch er brachte nicht eines mehr hervor. Nach einer Weile drehte er sich mit einem Ruck herum und eilte hinaus, gefolgt von den beiden Begleitern.

Heinz Wilbrandt geriet allmählich in einen Zustand von Verzweiflung. Er hatte längst erkennen müssen, daß er zwecklos gegen die Wahnvorstellung Li-chu-angs ankämpfte. Dieser Mann war nicht zu überzeugen. Er war gewissermaßen in einen Wahnsinn verstrickt – und er, der Deutsche, mußte das Opfer dieses Irrsinns werden! Wenn nicht ein Wunder geschah! So sagte er sich. Doch er seufzte bei dem Gedanken. Er glaubte nicht an dieses Wunder.

*

Im Hause des Kaufmanns Hoi-so-ping herrschte inzwischen eine große Ratlosigkeit. Käsch und mehrere Hausangestellte, die Wilbrandt kannten, befanden sich vom frühen Morgen bis in die Nacht auf den Beinen, um eine Spur von dem verschwundenen zu finden. Zweifellos waren sie auf diesen Streifzügen wiederholt an dem Gefängnis Wilbrandts vorübergekommen. Doch Mauer und Tor an der engen Straße waren so hoch, daß ein Vorübergehender nicht imstande war, das Fenster zu erblicken, und nicht den Mann, der einen großen Teil des Tages dahinter stand und hinausstierte. Alles Fragen und Forschen war vergeblich. Ta-pi-kang hatte sich selbst dem Polizeimeister von Peking zur Verfügung gestellt und war ebenfalls den ganzen Tag hindurch tätig, um eine Spur von Wilbrandt zu finden. Eine hohe Belohnung war für Auskünfte ausgesetzt – vergeblich, vier Tage vergingen – nichts. Keine Spur – keine Nachricht – kein Hoffnungsschimmer!

War Heinz Wilbrandt in die Hände von Verbrechern gefallen? War er tot? Fast schien es so.

Am Abend des vierten Tages geriet Ta-pi-kang durch einen Zufall in eine Menschenansammlung hinein, die andächtig einem Redner lauschte. Der Student, müde, hoffnungslos und niedergeschlagen, ließ sich auf einer niedrigen Mauer nieder, um sich auszuruhen. Anfänglich schenkte er dem Redner keine Beachtung, dann lauschte er mit halber Aufmerksamkeit, schließlich aber war seine Anteilnahme völlig von den Worten des Redners in Anspruch genommen. Am blauen Knopf erkannte er den Mandarin. Dieser fing seine Zuhörer geschickt damit ein, daß er sich zur Kuo-min-tang-Partei bekannte, trotzdem er ein Mandarin war. Er eiferte gegen die Fremden und behauptete, daß in China bessere Zustände unmöglich seien, solange Fremde im Lande geduldet würden, wenn seine Ausführungen auch nicht unbestritten blieben, so hatte er dennoch Erfolg, denn die Abneigung gegen die Fremden steckte nun einmal den Chinesen im Blute und war durch geschickte Reden leicht aufzustacheln. Zudem hatten die Ereignisse der letzten Jahre dem Redner für seine Worte ein wirkungsvolles Beweismaterial geliefert.

Als der Mandarin seine Rede beendigt hatte, trieb irgendein unklares Gefühl den Studenten auf die Kiste, die als Rednerpult diente. Die Zuhörer, die sich schon zu zerstreuen begannen, sammelten sich von neuem. Sie merkten sogleich, daß sie in Ta-pi-kang einen Studierten der neuen Richtung vor sich hatten, der die Welt gesehen hatte und die »fremden weißen Teufel« aus eigener Erfahrung kannte. Das hatte zwar auch der Mandarin von sich behauptet, doch immerhin war es interessant, was dieser junge Mann zu berichten hatte.

Nun, dieser Redner sprach ganz anders. Er bestritt keineswegs die Berechtigung der Chinesen, den Fremden gegenüber mißtrauisch zu sein. Im Gegenteil, er schilderte mit jugendlichem Feuer seinen Zuhörern all das Beschämende, das China in den letzten Jahren von den Fremden erlitten hatte. Er sprach so, daß der Mandarin schon nach wenigen Minuten vergessen war – mit einem Schwung, daß den Zuhörern das Blut zu wallen begann und die vielgerühmte chinesische Gemütsruhe und Gelassenheit sich in ein wildes Feuer verwandelte. Augen begannen zu funkeln, Fäuste wurden geschwungen und laute, wilde Schreie ertönten.

Plötzlich aber änderte Ta-pi-kang seine Tonart. Er begann von seinem Aufenthalt in Deutschland zu erzählen, von der Aufnahme, die er dort gefunden. Dort hatte man den Chinesen nicht geringer geachtet als die Angehörigen anderer Nationen. Niemand hatte Anstoß an seiner Farbe und Volkszugehörigkeit genommen. Im Gegenteil, den Deutschen war wohlbekannt, daß mit den Chinesen eine unwürdige Politik getrieben wurde, sie fühlten sich in gewisser Hinsicht mit den Chinesen schicksalsverbunden. Und dieses Gefühl verhinderte auch die Deutschen in China, irgend etwas zu tun, das der Wohlfahrt des chinesischen Landes und Volkes schaden könnte. Als Beispiel erzählte er von einem seiner deutschen Freunde, der nach China gekommen war, um ein wertvolles Papier wiederzufinden, das Chinesen einem Chinesen geraubt hatten. In glühenden Worten schilderte er die reinen Absichten dieses Freundes, dem das Recht eines gelben Mannes heilig sei wie sein eigenes. »Kein Reichtum und kein Besitz kann diesen deutschen Mann dazu bringen, das Recht eines unserer Brüder zu verletzen. Er hat seine ganze Kraft eingesetzt, um das Eigentum des bestohlenen und betrogenen Chinesen zu retten. Und gerade an diesem ehrlichen deutschen Freund haben böse Menschen in dieser Stadt ein schändliches Verbrechen verübt. Bei einem Gang durch die Stadt vor vier Tagen ist er spurlos verschwunden. vielleicht ist er tot – ermordet von einem unserer Leute. Und das wäre für unser ganzes Land eine große Schande, denn dieser Deutsche hat uns vertraut in dem Bewußtsein, nie einem Chinesen Böses zugefügt zu haben. Dieser Mann weiß, daß die Chinesen in seinem Lande willkommen sind und daß niemand ihnen Böses tut. Sorglos geht er in den Straßen unserer Stadt umher, wie ich jahrelang unbehelligt in den Straßen deutscher Städte mich bewegt habe. Mein Herz weint, daß unser guter Freund in der chinesischen Hauptstadt ein armseliges Ende gefunden hat. Wie wird man in Deutschland über uns urteilen!«

Ta-pi-kang stieg von seiner Kiste herab. Die Zuhörer standen mit verlegenen, bedrückten oder finsteren Mienen. Plötzlich tönte ein schriller Schrei durch die Stille: »Verflucht sei der Hund, der es getan hat!« Der Student wandte sich schnell um. Er sah nicht, wer den Ruf ausgestoßen hatte – aber er sah etwas anderes. Er erblickte den Mandarin, der vorhin gesprochen hatte. Er drängte sich unweit durch die Zuhörermenge und warf dabei dem Studenten einen höhnisch-zornigen Blick zu. Ta-pi-kang beachtete das nicht, um so weniger, als seine Augen eben auf einen jungen Chinesen fielen, der sich bemühte, dem Mandarin unauffällig zu folgen. Er erkannte Käsch. Die Blicke der beiden begegneten sich. Nur ein kurzes Aufblitzen in den Augen beider – sie hatten sich verstanden. Plötzlich fiel es dem jungen Studenten wie Schuppen von den Augen! Dieser Mandarin – war er ihm nicht bekannt vorgekommen? Kein Wunder! Lui-ping-shen war es! Niemand anders.

Er wandte sich um, in der Absicht, ebenfalls dem Mandarin sich an die Fersen zu heften. Da legte sich eine Hand schwer aus seine Schulter. Er stand vor einem Chinesen mittleren Alters, der ihm schon während seiner Rede durch die besondere Art seiner Anteilnahme aufgefallen war.

»Ein Zufall hat mich hergeführt«, sprach der Fremde, »so daß ich Ihre Worte hörte. Sind Sie der Student Ta-pi-kang?«

»Ja. Sie kennen mich?«

»Dem Namen nach. Sie sind der Freund des deutschen Arztes Heinz Wilbrandt, von dem Sie erzählten, er sei in Peking ermordet worden?«

»Das bin ich. Aber ich habe nicht erzählt, daß mein Freund ermordet worden sei. Es war nur eine Vermutung. Jedenfalls ist er spurlos verschwunden.«

»Nicht spurlos«, sagte der Chinese kopfschüttelnd. »Er wurde auch nicht ermordet. Man ist im Begriff, ein Strafgericht an ihm zu vollziehen –«

»Ein Strafgericht?« schrie der Student, »Von Chinesen? An dem, der nie einem Chinesen zu nahe getreten ist? Was wissen Sie davon? Wer sind Sie? Sprechen Sie!«

Der Chinese starrte den jungen Mann düster an. Sein gelbes Gesicht hatte eine grauweiße Färbung.

»Jener Deutsche befindet sich in meinem Hause.«

»In Ihrem Hause? Gewaltsam zurückgehalten? Gefangen? Warum?«

»Weil ich ihn zwingen will, mir das Papier zurückzugeben – den Plan der Kupfermine, der meinem Vater gehört.«

»Er hat diesen Plan nicht, bei Buddha!« rief Ta-pi-kang. »Er sucht ihn und das andere Papier! Sind Sie Li-chu-ang, der Wilbrandt von Deutschland aus verfolgt?«

Der andere nickte stumm. Sein düster funkelnder Blick durchbohrte den Studenten. Und nach einer Weile sprach er feierlich: »Wir beide sind gleichen Volkes und gleichen Landes Söhne. Schwören Sie mir beim Wohle unseres Landes und Volkes, daß Sie keinen Verrat an mir begehen? An einem Landsmann, verbunden mit einem Fremden? Stehen Sie mir mit Ihrem Leben dafür ein, daß Sie mir die Wahrheit sagen?«

»Ich schwöre es beim Wohle unseres Landes und Volkes – im Andenken an meine Ahnen!« sagte Te-pi-kang feierlich.

Li-chu-ang stieß einen Laut aus wie ein qualvolles Stöhnen. Wie unter einem unerträglichen Schmerz schloß er für ein paar Sekunden die Augen. Dann atmete er tief auf und rief: »Kommen Sie mit mir!«

Beide begannen zu laufen. Ta-pi-kang war um Jahre jünger als sein Begleiter, dennoch blieb er ständig zwei Schritte hinter seinem Führer zurück.

*

Heinz Wilbrandt hatte in einem Anfall rasender Wut den Versuch gemacht, das Fenster seines Zimmers zu zertrümmern. Aber das gelang ihm nicht. Das Glas der kaum handtellergroßen Scheibchen war mit einem haarfeinen Drahtgeflecht durchsponnen, das zwar zersplitterte, doch keine Löcher bildete, durch die frische Luft hätte einströmen können. Auch war die Faust kein geeignetes Werkzeug hierzu. Alles andere, das irgendwie als Waffe oder Werkzeug hätte in Betracht kommen können, war entfernt worden.

Der Versuch war aber nicht unbemerkt geblieben. Die Folge war, daß die Luft im Raum sich noch verschlechterte. Der unangenehm süße Duft wurde stärker und brenzlich scharf. Der Gefangene hatte das Gefühl, ein Fremdkörper bohre sich mit Gewalt in seine Luftröhre hinein. Er bekam Erstickungsanfälle. Sein Bewußtsein begann sich zu trüben. Er sah Erscheinungen. Solange wie möglich wehrte er sich gegen diesen Zustand. Sein Wille bäumte sich dagegen auf, daß das Gift Herr über ihn würde. Doch es kam der Augenblick, da aller Widerstand in ihm zusammenbrach. Das war kurz nach Li-chu-angs letztem Besuch. Der Chinese hatte seinem Gefangenen in bitterstem Ton Vorstellungen gemacht, doch er mußte erkennen, daß dieser seinen Worten nicht mehr zu folgen vermochte. Da rief er einen kurzen Befehl auf den Flur hinaus – und sofort öffneten sich in dem Raum mehrere Luftklappen. Frische Luft strömte ein, das Gift wich hinaus.

Die Folgen stellten sich sofort ein. Es dauerte nur wenige Minuten und Heinz Wilbrandt schlug die Augen auf, blickte umher und fand, daß er wieder denken konnte. Mühsam richtete er sich auf seinem Ruhebett zum Sitzen auf. Sein Geist war zwar von den Fesseln des Giftes einigermaßen erlöst, doch Muskeln und Nerven waren gelähmt und von einem schmerzhaften Druck gepeinigt. Wenn auch die frische Luft ihn erquickt hatte, so fühlte er doch, daß er diese Qualen nicht mehr lange aushalten würde.

»Ich glaube, Sie haben mir doch gemahlenes Glas zwischen die Speisen gemischt«, brachte er heiser hervor.

»Woraus schließen Sie das?« fragte Li-chu-ang.

»Ich habe das Gefühl, als kreisten Glassplitter in meinem Blut«, murmelte Wilbrandt. »Sie brennen in meinen Augen, haben mir die Zunge und die Schleimhäute zerrissen, durchbohren mir die Magenwände und haben sich überall in meinem Inneren festgesetzt. Sie sind ein fürchterlicher Mörder.«

»Ihr Verdacht ist unbegründet«, sagte der Chinese ruhig. »Es ist Ihnen anheimgegeben, daß diese unangenehmen Zustände sich binnen weniger Stunden völlig verflüchtigen und Sie wieder ein ganz gesunder Mensch sind – oder – daß sie sich verstärken und Sie ums Leben bringen. Wie gesagt, Sie selbst haben darüber zu entscheiden.«

Seine Augen hingen brennend und mit dem Ausdruck ungeheurer Spannung an den Gesichtszügen des Deutschen, doch Wilbrandt schüttelte nur den Kopf. In seiner ungeheuren Mattigkeit war es ihm unmöglich, alle Vernunftgründe zu wiederholen, die seinen Peiniger anderen Sinnes hätten machen können. Er hatte längst die Hoffnung aufgegeben, den unglücklichen Chinesen überzeugen zu können.

Bei Li-chu-ang schien nicht das gleiche der Fall zu sein. Nachdem er seinen Gefangenen eine Minute lang stumm betrachtet hatte, rückte er ihm ein wenig näher und begann in leisem Ton zu sprechen. Noch einmal brachte er in wahrhaft flehentlicher Form seine Bitte vor, das Papier herauszugeben. Er schilderte dem Deutschen den elenden Zustand seines Vaters, dessen letzte Hoffnung und damit die Hoffnung der ganzen Familie auf dem Spiele stehe. Sorge und Not machten den gelben Mann beredt, so daß die deutschen Sätze, die ihm überhaupt genug Mühe verursachten, zuletzt nur noch untermischt mit Satzteilen und Ausdrücken aus dem Chinesischen und Englischen aus seiner vor Erregung heiseren Kehle kamen – ein wirres Durcheinander, das der Deutsche nicht verstand. Nur noch in halbem Bewußtsein nahm er dieses leidenschaftliche Gestammel in sich auf, auf den Klang der Stimme, nicht auf den Sinn der Worte lauschend.

Li-chu-ang erwies sich in dieser Angelegenheit als schlechter Menschenkenner. Er hätte erkennen müssen, daß dieser Weiße, der nur noch mit dem letzten Rest seiner Kräfte lebte, längst alle Hoffnung auf Ausbeutung des Geheimnisses aufgegeben hätte – wenn er es wirklich besäße. Jeder vernünftige Mensch hätte in dieser Lage lieber sein Leben gerettet, als daß er auf einem unfruchtbaren und hoffnungslosen Eigensinn verharrt wäre. Sonderbarerweise kam ihm nichts derartiges in den Sinn. Heinz Wilbrandt schwieg – und Li-chu-ang schöpfte daraus nicht Erkenntnis, sondern einen wilden, blinden Haß und eine Wut, die nach Vernichtung strebte. Er ballte die Fäuste gegen den Deutschen und zischte ihm wilde Drohworte ins Gesicht. Dann verließ er das Gemach, schlug die Türe hinter sich zu und gab draußen einem Diener flüsternd einen Befehl. Heinz Wilbrandt merkte, wie der süßliche Duft stärker in seine Zelle drang und machte sich auf den Tod gefaßt. Der Chinese dagegen rannte aus dem Hause. Ein dunkler Drang trieb ihn an, Hoi-so-ping aufzusuchen. Doch auf dem Wege hierher geriet er in die öffentliche Versammlung, in der er den jungen Studenten traf.

Atemlos vom hastigen Lauf erreichten die beiden Chinesen das Anwesen Li-chu-angs. Wie gehetzt stürmte letzterer die Treppe hinauf – riß die Tür auf – warf einen Blick auf den Gefangenen. Der lebte noch, war aber bewußtlos und seine Brust rang krampfhaft nach Luft. Li-chu-ang riß ihn in die Höhe, schleifte ihn quer durch das Zimmer auf den Flur. Hier kam Ta-pi-kang ihm zu Hilfe. Bald lag der Ohnmächtige in einem anderen Gebäudeteil, bequem auf Decken gebettet, und durch ein weit offenes Fenster strömte die kühle Abendluft über ihn hinweg. Mit kundigen Mitteln unterstützte der Student die Atmung des Kranken. Bald beruhigte sich die gequälte Brust. Einer der beiden Chinesen, die bei der Bewachung des Gefangenen beteiligt gewesen waren, stand mit einer kleinen Platte bereit, auf der ein winziges Teegeschirr dampfte. Außerdem stand auf dem Auftragebrettchen ein Kristallfläschchen, das eine hellgelbe Flüssigkeit enthielt.

Ta-pi-kang, der neben Wilbrandt kniete und kunstgerecht die Atmung des Kranken leitete, rief Li-chu-ang ein paar Worte zu. Die Folge war, daß dessen Gesicht sich entspannte. Der Ausdruck der Angst und Sorge verwandelte sich in ergebene Ruhe. Schweigend reichte er seinem Landsmann das Kristallfläschchen. Der schraubte den Stopfen ab und brachte sorgfältig wenige Tropfen zwischen die Lippen des Deutschen. Sofort verbreitete sich ein scharfer Duft von Nelkenöl. Und fast gleichzeitig schlug Wilbrandt die Augen auf. Er schaute verwirrt umher. Sein matter Blick belebte sich ein wenig, als er Ta-pi-kang sah. Er bewegte die Lippen, um eine Frage zu stellen, doch er war zu matt, um auch nur ein Wort hervorbringen zu können. Da nahte sich Li-chu-ang mit dem Tee. Wilbrandt warf einen fragenden Blick auf den Studenten. Der nickte eifrig. Da schlürfte er gierig den heißen, duftenden Trank, den der Chinese ihm an die Lippen hielt. Ein köstlicher Tee, wie er in seinem Leben noch keinen getrunken hatte. Dem seltsam kräftigen Geschmack entsprach auch die Wirkung. Kaum hatte Wilbrandt den Inhalt des winzigen Täßchens in sich aufgenommen, da war es ihm, als würde eine Wolke von Finsternis aus ihm hinausgedrängt und alles in ihm licht und hell und frei.

»Mein Gott – welch ein Zaubermittel ist das!« stammelte er und schaute dabei den Studenten an. »Das ist doch kein Tee! Welch ein Geheimnis ist damit verbunden?«

»Oh, es ist in der Tat ein besonders guter Tee«, lächelte Ta-pi-kang beruhigend. »Allerdings wurde in diesem Fall dem Tee ein belebendes Mittel hinzugesetzt, eine ganz unschuldige harmlose Droge. Das heißt – solange man nur einen Tropfen davon nimmt. Der zweite Tropfen wäre eine Gefahr. Der dritte sicherer Tod. Das kommt aber hier nicht in Frage. Das Gift, das Sie einatmeten, hebt die Wirkung dieses Lebenssaftes bis zu einem gewissen Grade auf. Sie werden nach einer halben Stunde eine zweite Tasse bekommen mit etwas Gebäck. Und dann werden Sie wieder so frisch sein, daß Sie mit mir Ihre Freunde aufsuchen können.«

»Wird Li-chu-ang mich ungehindert gehen lassen?«

»Li-chu-ang weiß, daß er einen falschen Verdacht gegen Sie hatte. Ein Zufall führte mich mit ihm zusammen. Dabei hat sich herausgestellt, daß ein Mißverständnis seinen Verstand verdüsterte. Li-chu-ang wird Ihnen nichts Übles mehr zufügen.«

Der, von dem die Rede war, stand zwei Schritte abseits, mit hängendem Kopf, und ließ durch nichts erkennen, daß er an diesem Gespräch irgendwie beteiligt war.

»Habe ich Ihnen nicht immer wieder gesagt, daß ich von dem Plan nichts wüßte?« rief Wilbrandt, und seine Brauen schoben sich finster zusammen. Er fühlte sich wieder kräftig genug, um in Zorn geraten zu können, »Warum haben Sie mir nicht geglaubt!«

Li-chu-ang erhob langsam den Kopf. Unendlich gramvoll blickte er den Deutschen an.

»Wenn Sie kräftig genug sind, zwanzig Schritt weit mit mir gehen zu können, dann bitte ich Sie, mich zu begleiten. Sie werden mich dann sogleich verstehen.«

»Keinen Schritt gehe ich mit Ihnen!« rief Wilbrandt erbittert. »Wer weiß, welch neue Teufeleien Sie gegen mich ersonnen haben!«

»Ich bin nicht mehr Ihr Gegner, Herr«, sagte der Chinese unendlich düster. »Ihr Freund, mein Landsmann Ta-pi-kang, hat mir bewiesen, daß ich im Irrtum war und Ihnen Unrecht tat. Wenn jetzt das Wunder geschähe, daß der Plan sich fände, würde ich Ihnen das Papier übergeben und Sie bitten, das Geheimnis auszubeuten. Ich würde mit meiner Familie ins Unglück gehen, um mein Unrecht an Ihnen zu sühnen.«

»Das ist alles barer Unsinn!« erklärte Wilbrandt verdrießlich. »Sie scheinen keine Ahnung zu haben, wie ein Deutscher über derartige Dinge denkt. Ich habe Ihnen schon wiederholt ehrenwörtlich erklärt, daß ich den Plan nicht besitze, heute, da Sie das endlich glauben, erkläre ich Ihnen weiter, daß ich ihn gar nicht will. Wohl möchte ich ihn herbeischaffen, doch nicht, um ihn zu besitzen oder auszubeuten, sondern um ihn seinem rechtmäßigen Besitzer wieder zuzustellen – Ihnen. Wenn mir das gelänge, würde ich mich ehrlich freuen.«

»Trotz der Leiden, die ich Ihnen zugefügt habe?« staunte der Chinese.

»Natürlich!« nickte Wilbrandt entschieden. »Ich würde mich freuen, daß das Recht über das Unrecht triumphiert. Mit Ihrer feindseligen Haltung gegen mich hat das gar nichts zu tun.«

Li-chu-ang grübelte ein paar Sekunden lang vor sich hin. Dann wandte er sich an Ta-pi-kang. »Wollen Sie nicht Ihren Freund bitten, Vertrauen zu mir zu haben? Es ist wichtig, daß er mich in ein anderes Zimmer dieses Hauses begleitet. Auch Sie werden die Freundlichkeit haben, mit uns zu gehen.«

»Ich rate Ihnen, es zu tun«, sagte der Student leise zu Wilbrandt. »Li-chu-ang ist nicht mehr Ihr Feind. Sie können ihm vertrauen.«

Der Deutsche erhob sich – und er wunderte sich, wie leicht ihm die Bewegung wurde. Der Gedanke fuhr ihm durch den Sinn, daß doch die Bewohner dieses merkwürdigen Landes mit den Geheimnissen der Pflanzenwelt auffallend vertraut sein müßten und daß es sich wohl für einen deutschen Arzt lohnen würde, sich um diese Kenntnisse zu bemühen. Bevor er aber diesen Gedanken ausgedacht hatte, befand er sich bereits mit den beiden Chinesen in einem anderen Teil des Anwesens. Li-chu-ang blieb vor einem Türvorhang aus geflochtenen und gefärbten Binsen stehen und hob ihn mit einer feierlichen Gebärde und einer tiefen Verbeugung auf. Wilbrandt betrat einen mäßig großen Raum. Ein Blick genügte, um die große Armseligkeit zu erfassen, die von diesen vier engen Wänden umschlossen wurde. In einem Lehnstuhl von edler Form, doch mit stark beschädigten Polstern und Kissen, saß ein großer, doch unbeschreiblich dürrer und ausgemergelter alter Chinese. Auf seinen Knien lag ein Brettchen mit Papierblättern und farbigen Zeichenstiften. Das oberste Blatt trug ein Gewirr von Linien und Strichen – doch der alte Mann war darüber eingeschlafen. Sein Kopf hing ihm auf die Brust herab und seine langsamen Atemzüge verursachten ein leise seufzendes und rasselndes Geräusch. Seine welke, fahlgelbe Rechte lag wie schützend auf den Papierblättern – die Linke aber auf der Schulter einer uralten Frau, die auf einem niedrigeren Stuhl neben ihm saß, den Kopf gegen seine Seite stützte und ebenfalls schlief.

Da das Geräusch der Schritte durch Binsenmatten gedämpft wurde, konnte der Deutsche und seine beiden Begleiter das Zimmer betreten, ohne daß die beiden Schläfer erwachten. Li-chu-ang machte vor den beiden anscheinend uralten Menschen eine tiefe ehrfurchtsvolle Verbeugung, als träte er vor einen Königsthron. Wilbrandt betrachtete nachdenklich die Gesichter der schlafenden Chinesen. Auch jetzt trugen sie den Ausdruck großer Bekümmernis und Erbitterung. Hatte das Leid sie so schwer heimgesucht, daß seine Zeichen auch in der Entrücktheit des Schlafes diese Gesichter nicht mehr verließen? Wilbrandt wurde von dem Anblick dieses alten chinesischen Ehepaars aufs tiefste gerührt und ergriffen.

»Ihr Vater wohl?« wandte er sich mit leiser Frage an Li-chu-ang.

»Mein Vater und meine Mutter«, antwortete der Chinese tonlos. »Beide noch längst nicht so alt, wie sie scheinen.«

»Aber krank«, bemerkte der deutsche Arzt nach einem prüfenden Blick. Er glaubte die Krankheit zu erkennen, doch er war zu erschüttert, um ihren Namen auch nur in Gedanken auszusprechen.

»Ja – auch krank«, murmelte Li-chu-ang. »Sie leiden beide an einer schrecklichen Krankheit. Am Hunger. Mein Vater und meine Mutter und ich und mein Bruder und meine Schwestern und unsere Diener – wir alle unter diesem Dache sterben langsam am Hunger.«

»Doch die reiche Verpflegung, die mir in Ihrem Hause zuteil wurde«, wandte der Deutsche ein.

Der Chinese unterbrach ihn mit einem leichten Heben seiner Hand.

»Sie waren Gast in unserem Hause – sogar gezwungener Gast. Sie darben zu lassen, wäre ein nicht zu rechtfertigendes Verbrechen gewesen.«

»Und Sie haben sich und den Ihrigen erhöhte Einschränkungen auferlegt, damit ich – mein Gott!«

»Ich bitte Sie dringend, davon nicht mehr zu reden«, sprach Li-chu-ang leise und bedrückt, »Wir waren reich und glücklich. Doch unser Reichtum ging verloren in den Wirren der letzten Jahre. Unser letzter Besitz war die Mine. Dieser Besitz wurde meinem Vater geraubt durch einen Bösewicht. Um den Plan zurückzubekommen, verkauften ich und mein Bruder unsere letzte Habe und reisten nach Europa. Vergebens – Sie wissen es. Und jetzt wissen Sie auch, warum ich so unerschütterlich an meiner Überzeugung festhielt, Sie müßten den Plan besitzen. Es war die Kraft der Verzweiflung. Mein Loslassen von dieser Überzeugung war das Todesurteil für diese beiden. Und jetzt – jetzt – sind sie – verurteilt.«

Heinz Wilbrandt reichte dem erschütterten gelben Mann mit einer starken Gefühlsaufwallung seine Hand.

»Lassen Sie nicht die letzte Hoffnung fahren!« sagte er. »Was mich betrifft – ich verzeihe Ihnen von Herzen alles und bin gerne bereit, Ihnen beim Suchen nach dem Plan behilflich zu sein.«

Er hatte sich im Eifer vergessen und lauter gesprochen, als es in Gegenwart schlafender Menschen geraten ist. Li-chu-ang hatte die Hand des Deutschen ergriffen und drückte sie fest. Der Glanz in seinen Augen zeigte deutlich, was in seinem Inneren vorging.

Da machte Ta-pi-kang eine leise Bemerkung und deutete verstohlen auf die beiden Schläfer. Der alte Mann war erwacht. Sein Körper richtete sich im Stuhle hoch auf und seine Augen hefteten sich starr auf das Gesicht des Europäers.

»Ist er es – unser Feind?« fragte er mit seltsam heiserer Stimme, die wie eingerostet knarrte. Dabei blickte er auf seinen Sohn und zeigte mit der Rechten anklagend auf den Fremden.

»Nicht mehr unser Feind, Herr Vater«, antwortete Li-chu-ang und verbeugte sich tief. In diesem Augenblick erwachte auch die alte Frau. Wilbrandt sah es – und er machte die Beobachtung, daß sich in ihrem Gesicht der Ausdruck von Not und Sorge und Angst und Qual noch vertiefte.

»Also hat sich der fremde Mann besonnen?« rief der Alte und erhöhtes Leben wurde in seinem Wesen bemerkbar. »Hat er endlich seine Lügen in Wahrheit verwandelt?«

Diesmal zögerte der Sohn mit seiner Antwort.

»Er hatte mich nicht belogen«, gestand er fast unhörbar. »Er hat den Plan nicht in seinem Besitz. Der fremde Weiße ist nicht hergekommen, um dich und die Deinigen zu berauben. Er ist unser Freund.«

Ta-pi-kang übersetzte dem Deutschen leise das Zwiegespräch zwischen den beiden Chinesen. Wilbrandt sah, wie der alte wann in seinem Stuhle sozusagen einschrumpfte, wie sein Blick matt und stumpf wurde, sein Rücken sich krümmte, sein Mund sich öffnete und krampfhaft nach Luft rang. Es schien, als würde er sterben. Li-chu-ang eilte an die Seite seines Vaters, stützte ihn, wischte ihm zart den Schweiß von Stirne und Händen und sprach zu ihm mit leiser Stimme. Des Sohnes Worte schienen dem alten Manne ein wenig Trost zu bringen. Seine Augen richteten sich wiederholt nachdenklich, prüfend oder fragend auf das Gesicht des Deutschen. Dann, nachdem Li-chu-ang auch zu seiner Mutter ein paar Worte gesprochen hatte, trat er zu den beiden Gästen.

»Mein Vater ist sehr müde und möchte allein sein«, berichtete er. »Er läßt Ihnen durch mich seinen ergebenen Dank aussprechen für Ihre gute Gesinnung unserer Familie gegenüber und für Ihre weitere Hilfe.«

»Gut«, nickte Wilbrandt. »Am besten, wenn Sie gleich mit uns zu meinen Freunden gehen, damit wir gemeinsam beraten können, was nun weiter unternommen werden kann.«

Nach kurzem Überlegen war Li-chu-ang hierzu bereit. Nachdem der Deutsche ein zweites Täßchen Tee zu sich genommen hatte, das seine Lebensgeister abermals in wunderbarer Weise erfrischte, verließen sie gemeinsam das Haus. Nachdem sie schweigend ein paar Straßen durchschritten hatten, fiel ihnen die allenthalben herrschende Unruhe auf. Allem Anschein nach gingen in der Stadt ungewöhnliche Dinge vor. Das Menschengetriebe in den Straßen war noch lebendiger und hastiger als sonst. Man konnte aber deutlich erkennen, daß es jetzt nicht die den Chinesen eigene geschäftige Lebendigkeit war, die diese allgemeine Bewegung hervorrief. Die meisten Geschäfte und Läden waren geschlossen, obwohl es noch nicht an der Zeit hierzu war. Händler, mit ihren Waren bepackt, eilten durch die Straßen, ohne aber ihre anpreisenden Rufe auszustoßen, vielmehr schienen sie daraus bedacht zu sein, ihr Eigentum in Sicherheit zu bringen. Alles rannte durcheinander. Alle hatten es eilig. Niemand dachte an Beruf und Geschäft. Viele Männer trugen – nur halb verborgen – Waffen.

»Täusche ich mich oder hat heute in der Tat der Straßenverkehr ein anderes Gesicht als sonst?« wandte sich Wilbrandt nach einer Weile an den Studenten.

»Sie täuschen sich nicht«, antwortete dieser ernst. »Ich kann Ihnen aber leider nicht sagen, was das alles zu bedeuten hat.« Er wandte sich mit einer kurzen Frage in seiner Landessprache an Li-chu-ang, der versunken und düster seines Weges ging. Offenbar schenkte er den Vorgängen in der Stadt nicht die geringste Aufmerksamkeit. Er konnte auch die Frage des Studenten nicht beantworten.

»Ich werde Sie zum Hause des Hoi-so-ping bringen und dann Erkundigungen einziehen«, sagte Ta-pi-kang und beschleunigte seine Schritte.

Eben betraten sie einen großen freien Platz. Hier standen Gruppen von Männern umher. Alle redeten heftig durcheinander und man sah leidenschaftliche und drohende Gebärden. Viele Blicke trafen den Weißen. Doch sobald man seiner Armbinde ansichtig wurde, die ihn als Deutschen auswies, schwand die Drohung aus den Augen. Man machte ihm bereitwillig Platz wie einem sehr geachteten Mitbürger. Mancher grinste ihn beim Vorübergehen freundlich und wie im Einverständnis an. Wilbrandt wunderte sich nicht wenig darüber, wie sehr die Kenntnis und das Wissen um die deutsche Freundschaft hier in weiteste Volkskreise gedrungen war. Er war eben im Begriff, hierüber eine Bemerkung zu machen, als Ta-pi-kang ihn mit einer gewissen Erregung auf ein etwas absonderliches Bild aufmerksam machte.

Aus einer engen, dunklen Seitenstraße kam ein bejahrter Mandarin, vorauf zwei Läufer mit Bambusstäben – eine Erscheinung, die noch vor wenigen Jahren zum Straßenbild Pekings gehörte. Seit Beginn der Unruhen aber hatte sich das geändert. Die meisten Mandarinen verzichteten darauf, ihre altherkömmlichen Vorrechte öffentlich vorzuführen. Aber es gab auch unter ihnen unbelehrbare Leute, die weder die Zeit noch das Volk verstanden. Und zu ihnen schien der alte Mandarin mit dem blauen Knopf und den starrenden Seidengewändern zu gehören, der eben auf dem Platze erschien. Er stutzte, als er die vielen erregten Männer sah. Einen Augenblick schien es, als wolle er umkehren. Aber er tat es nicht. Um seine Furcht zu verbergen, warf er herrische und drohende Blicke umher und begann mit hastigen Schritten den Platz zu überqueren. Ringsum war es still geworden. Da erscholl ein lauter Zuruf. Wohl ein Schimpfwort, denn es erhob sich ein knatterndes Gelächter. Der Mandarin blieb abermals stehen, kreischte den beiden Dienern einen Befehl zu und wies auf die Gruppe, aus der der Zuruf gekommen war. Die beiden armen Kerle aber besaßen nichts von dem Hochmut und dem Standesdünkel ihres Herrn, sondern sie hatten lediglich Furcht und nicht die geringste Lust, gegen die Feinde ihres Herrn loszugehen.

»Wahnsinniger Mensch!« rief Ta-pi-kang erbittert. »Diese Narren lernen nichts aus der Zeit. Sie glauben, die Welt bliebe stehen und die Menschen beugten sich ewig vor ihrem Dünkel! Sie sind schuld daran, daß unser Volk noch in so schweren geistigen Ketten liegt. Oh, wie ich diese Menschen hasse!«

Wilbrandt sah, wie die Hände des jungen Chinesen sich zu Fäusten ballten. Zum erstenmal nahm er wahr, welcher geistigen Richtung Ta-pi-kang angehörte. Bisher hatte der Student sich mit bewundernswerter Zurückhaltung darauf beschränkt, lediglich die Verhältnisse und Strömungen in seinem Lande zu schildern, ohne aber seine persönliche Stellung zu zeigen. In diesem Augenblick aber war zu erkennen, daß er mit Leib und Seele der chinesischen Jugend angehörte, die mit leidenschaftlicher Hingabe den Vernichtungskampf gegen das verzopfte Alte und längst Abgestorbene im Dasein ihres Volkes führt.

Inzwischen war der Mandarin wütend auf seine beiden Diener losgefahren, und es schien, als würde er sie auf öffentlichem Markt verprügeln. Da kam ein Stein geflogen und traf den Beamten hart an der Schulter. In einem Nu hagelte es Steine. Wie der Wind stoben die beiden Diener davon. Ihr Herr stand zwei, drei Sekunden unentschlossen, wütende Blicke schleudernd. Dann wendete auch er sich zur Flucht. Mehrere Steine trafen ihn und taumelnd verschwand er im Dunkel der Gasse, verfolgt von dem Gejohle und Gelächter der Menge. Ein paar zerlumpte Kulis, anscheinend Packträger vom Hafen oder von der Eisenbahn, lösten sich von ihrer Gruppe und schlüpften ebenfalls in die Gasse hinein, in die der Mandarin geflohen war.

»Was mögen die Leute vorhaben?« murmelte Wilbrandt besorgt.

»Der Narr kann froh sein, wenn er sein Haus lebendig erreicht«, antwortete Ta-pi-kang mit gedämpfter Stimme.

»Ist es denn nicht unsere Pflicht, ihm zu Hilfe zu kommen?« gab Wilbrandt zu bedenken.

Der Student blickte ihn groß und verwundert an. Dann ließ er ein leises spöttisches Lachen ertönen. »Sie als Deutscher wollen hier helfen? Denken Sie lieber an andere Dinge, Sir! Überlassen Sie China und seine Angelegenheiten den Chinesen. Was sich hier ereignet, das sind vielfach Endpunkte von langen Kurvenlinien, vom Schicksal gezeichnet. Niemand kann daran etwas ändern – am wenigsten ein Ausländer.«

»Es handelt sich hier um den Schutz eines einzelnen Menschen, der sich in Gefahr befindet«, beharrte der Deutsche. »In der ganzen Welt ist es Pflicht aller anständigen Menschen, einem Schutzlosen Hilfe zuteil werden zu lassen, einen Wehrlosen zu schützen.«

»Das sind allgemeine Gesichtspunkte!« unterbrach ihn Ta-pi-kang mit einer bei ihm ganz ungewöhnlichen Heftigkeit. »Hier sind sie nicht am Platze. Überlassen Sie den Mann seinem Schicksal. Vermutlich ist er schon tot.«

Und ohne eine weitere Entgegnung abzuwarten, eilte er davon. Was blieb Wilbrandt anderes zu tun übrig, als ihm zu folgen! Li-chu-ang hatte auch an diesen Vorgängen keinen Anteil. Er war stehengeblieben, weil seine Begleiter es taten, ohne aber dem Vorgang ein besonderes Interesse zuzuwenden. Nun schloß er sich Heinz Wilbrandt wieder an. Zehn Minuten später kamen sie beim Hause des Hoi-so-ping an. Hier fanden sie nicht nur den Herrn der Hauses nebst seiner Familie und einige seiner Angestellten, sondern auch Ben Rubber, Harlington und Käsch. Groß war das Erstaunen und die Freude, als der Deutsche unerwartet wieder auftauchte. Stürmisch verlangte man Auskunft, doch er vertröstete alle auf später, denn es widerstrebte ihm, in Gegenwart Li-chu-angs von seinen Schicksalen zu berichten.

»Was geht denn eigentlich in der Stadt vor?« fragte er, um dem Gespräch eine andere Richtung zu geben.

»Sehr schlimme Dinge«, antwortete Hoi-so-ping und kratzte sich den Kopf. »Feng-yu-hsiang ist auf dem Anmarsch in die Stadt.«

»Der General Feng-yu-hsiang?« rief Ta-pi-kang wie elektrisiert. »Das ist doch wohl unmöglich. Der General Wu-pei-fu hat ihn doch mit einem Teil der Truppen nach Jehul geschickt!«

»Jawohl, und er hat den Marsch auch angetreten«, nickte der chinesische Kaufmann. »Aber er ist auf seinem Wege plötzlich umgekehrt und marschiert auf Peking zu. Er kann jederzeit hier eintreffen. So wird in der Stadt erzählt – und einer meiner zuverlässigsten Leute hat die Nachricht bestätigt.«

»Soweit ich die Sache beurteilen kann, wäre das ein glatter Verrat an Wu-pei-fu«, bemerkte Rubber.

»Sie beurteilen die Lage ganz richtig«, murmelte Ta-pi-kang.

»Und die Folgen?« fragte Wilbrandt beklommen. Er war sich darüber klar, daß neue Unruhen ihn abermals von der Erreichung seines Zieles entfernen würden.

Er bekam nicht sofort eine Antwort. Harlington ging nachdenklich auf und ab; Ben Rubber hatte sein Notizbuch hervorgezogen und sein Stift flog über das Papier; Hoi-so-ping kratzte anhaltend seinen kahlen Schädel, ein sicheres Anzeichen, daß er sich in einer sehr bedenklichen Stimmung befand. Ta-pi-kang hielt mit Käsch eine leise geflüsterte Zwiesprache; der Student redete auf den jungen Mann ein, und dieser nickte so eifrig, als würde ihm ein Plan unterbreitet, der ihm außerordentlich zusagte. Li-chu-ang hockte unbeweglich auf einem Schemel und brütete in sich hinein. Seitdem er sein Unrecht gegenüber dem Deutschen klar eingesehen hatte, schien ihm alle Hoffnung und damit auch alle Lebenskraft abhanden gekommen zu sein.

Plötzlich sprang Ben Rubber heftig auf und schob sein Buch in die Tasche, »Holla, Sir, jetzt heißt's handeln!« rief er und schlug Wilbrandt mit der Hand auf die Schulter. »In mir ist der Zeitungsmann erwacht. Mein Weizen steht in voller Blüte, wie man zu sagen pflegt. Ich gehe jetzt in die Stadt. Kommen Sie mit? Zu was wollen Sie hier herumsitzen! In Ihrer Angelegenheit können Sie bei solchen Zuständen ja doch nichts unternehmen.«

»Es ist nicht ungefährlich, jetzt hinauszugehen«, glaubte Harlington warnen zu müssen.

»Bah, das ganze Leben ist eine Kette von Gefahren!« rief der Amerikaner mit einem klingenden Lachen. »Ich für meinen Teil bedanke mich dafür, hier in der Mäusefalle zu sitzen, wenn in Peking solche Dinge geschehen. Und schließlich, Mister Wilbrandt – vielleicht treffen wir diese Nacht draußen unsere beiden Freunde Tso-tsing-wu und Lui-ping-shen durch Zufall wieder.«

Es bedurfte aber dieser Lockung gar nicht, um Wilbrandt zum Mitgehen zu reizen. Übrigens glaubte er gar nicht an einen solchen Zufall. Er hatte bereits eine kurze Unterredung mit seinem getreuen Diener Käsch gehabt. Dieser war während der Abwesenheit seines Herrn nicht untätig gewesen, wie eine Katze um dar Mausloch war er zu allen Tages- und Nachtzeiten um das Haus des Altwarenhändlers gestrichen. Es war ihm auch gelungen, einen jungen Chinesen zu dingen, der in nächster Nachbarschaft Tso-tsing-wus lebte und für ein paar Kupfermünzen die Aufgabe übernahm, in Käschs Abwesenheit das Haus Tso-tsing-wus zu überwachen, um festzustellen, ob dieser oder der Mandarin sich darin befände. Zweifellos war das nicht der Fall, denn Käsch hatte sich zu den verschiedensten Zeiten davon überzeugt, daß des Hauses Fenster und Türen fest verschlossen blieben.

»Wenn Sie beide gehen, dann werde ich mich Ihnen natürlich anschließen«, erklärte Harlington, als er sah, daß Wilbrandt und Rubber entschlossen waren, in die Stadt zu gehen. Hoi-so-ping deutete auf die Armbinden, die die Herren trugen, und versicherte, kein Chinese würde ihnen feindselig entgegentreten, solange sie unbeteiligte Beobachter der Geschehnisse blieben. Freilich, setzte er bedenklich hinzu, könne bei solchen Gelegenheiten sehr leicht durch Zufall ein Unglück geschehen – und außerdem gebe es verbrecherisches Gesindel, das sich auch um Armbinden nicht kümmern würde. Aber alles das wußten die drei Herren selbst, wenn Feng-yu-hsiang tatsächlich in Peking einziehen und Bürgerkrieg und Aufstand ausbrechen würden, so flogen Kugeln und wurden Messer gezogen und Knüttel geschwungen. Und bei Nacht war es in Peking finster genug, um im Getümmel eine Armbinde übersehen zu können. Aber diese Tatsachen schreckten die Freunde nicht ab. Da das Tragen von Waffen streng verboten war, verzichteten sie darauf und verließen sich auf ihre Fäuste und ihre sportlich gestählten Körperkräfte. Nach kurzem Abschied verließen sie das Haus.

Wenige Minuten später schlüpften auch Ta-pi-kang und Käsch hinaus. Wie schon erzählt, hatten sie eifrig miteinander geflüstert. Der Student hatte dem anderen keinen geringeren Vorschlag gemacht, als ganz einfach in das verschlossene Haus Tso-tsing-wus einzusteigen und hier nach dem Handschriftenkästchen zu suchen. Es schien ihm zwar selbst nicht sehr wahrscheinlich, daß dieses Unternehmen Erfolg haben würde, aber er war so sehr von dem Drang erfüllt, Li-chu-ang und seiner Familie zu helfen und ein großes Unrecht wieder gutzumachen, daß er unbedingt irgendwas unternehmen mußte.

*

»Ich schlage vor, zunächst zum Polizeihauptamt zu gehen und Erkundigungen einzuziehen«, sagte Harlington, nachdem die drei Freunde das Haus Hoi-so-pings verlassen hatten.

»Hm – kein schlechter Gedanke«, stimmte Ben Rubber zu. »Gut, wir befinden uns ja ganz in der Nähe.«

Ben Rubber war während Wilbrandts Gefangenschaft wiederholt bei dem höchsten Beamten der Pekinger Polizei gewesen und hatte mit ihm verhandelt. Ein gemütlicher alter Herr! Und übrigens ein Schlaukopf, der sehr bald herausgefunden hatte, daß sein Besucher trotz der Armbinde keineswegs Deutscher, sondern vielmehr Amerikaner war. Rubbers Stellung dem Beamten gegenüber wurde dadurch an sich zwar um ein gut Teil ungünstiger, doch wie gesagt, der alte Polizeimann war von gemütlicher Gemütsart; er sagte sich, daß dieser Amerikaner wahrscheinlich durch einen deutschen Freund zu einer Armbinde gekommen war und also offenbar kein Feind des chinesischen Volkes sein konnte. Er ließ die Sache auf sich beruhen und war so entgegenkommend, wie man es nur wünschen konnte.

Leider war er zu dieser Stunde nicht selbst anwesend. Die drei Besucher trafen nur einen jüngeren Beamten mit etwa einem Dutzend Schutzleute an. Der Beamte mochte in seinem Reich ungefähr dasselbe sein, was in Deutschland ein Wachtmeister ist. Seine Macht war offenbar sehr beschränkt, doch nicht seine Hochachtung vor den weißen Besuchern. Leider haperte es mit der Verständigung. Dennoch gelang es, ihm begreiflich zu machen, daß man von ihm die Überlassung eines zuverlässigen Schutzmannes wünschte, der die Besucher auf ihren nächtlichen Wegen durch die Stadt zu begleiten habe. Dazu war der Beamte mit Freuden bereit. Er suchte aus seinem Dutzend bewehrter Leute den stärksten und gewitzigsten heraus und übertrug ihm feierlich das Ehrenamt, die Ausländer gegen Gefahren aller Art zu beschützen.

Die drei Herren waren mit ihrem »Beschützer« noch keine hundert Schritt weit gegangen, da hatte sich schon herausgestellt, daß sie sich mit diesem Mann bedeutend leichter verständigen konnten als mit seinem Vorgesetzten. Mit einem vergnügten Schmunzeln stellte er sich draußen sofort als Mei-fu vor und erzählte ungefragt, daß er jahrelang Steward auf allerlei Schiffen, Kellner in San Franzisko, Schuhputzer in Neuyork und Ausläufer in Chikago gewesen sei und demzufolge »alle Sprachen der Welt« sprechen könne. Was er unter dem Begriff »alle Sprachen der Welt« verstand, stellte sich dann bald als das bekannte Pidgin-Englisch heraus, das er allerdings nicht nur meisterhaft beherrschte, sondern durch deutsche, italienische und spanische Brocken zu bereichern wußte. Aber das genügte für eine leidliche Verständigung. Er setzte den Herren auseinander, daß er sie besser als irgendein anderer Mensch in Peking führen könne, denn er kenne alle Opiumhöhlen, Verbrecherkneipen, Spielhöllen und andere »interessante Lokale« der Stadt. Er war so liebenswürdig, sogleich dabei zu betonen, daß er es billig machen würde. Aber seine Enttäuschung war sichtlich groß, als man ihm begreiflich machte, daß es sich gegenwärtig nicht um derartige Dinge handle. Vielmehr habe er dafür zu sorgen, daß sie alles zu sehen bekämen, was sich in dieser Nacht in Peking ereignen würde. Da blies er patzig die Backen auf, lachte höhnisch und behauptete, daß sich in dieser Nacht in Peking nicht mehr ereignen würde als in anderen Nächten auch, nämlich nichts. Und außerdem, setzte er ein bißchen unbedacht hinzu, seien diese Vorgänge für Ausländer sehr gefährlich. Am besten blieben sie ihnen so fern wie möglich. Er wisse da ein Lokal, ziemlich tief unter der Erde, wohin die einziehenden Truppen –

Also doch einziehende Truppen! Er hatte sich selbst verraten und man machte ihm klar, daß gerade dieser Truppeneinzug für sie das wichtigste Ereignis dieser Nacht sei. Und wenn er dafür sorgte, daß sie dem zuschauen könnten, würde er mit seinem Führersold zufrieden sein. Daraufhin gab er nun willig zu, daß sein oberster Kommandant, eben jener dicke gemütliche Polizeidirektor oder wie sein Titel heißen mochte, schon seit Stunden im Amtshause des Innenministers weile, wo auch noch andere Minister sich eingefunden hatten, um über die eigenartige neue Lage zu beraten und über die Schritte, die zu unternehmen waren. Bis zur Stunde hatte man sich aber zu irgendwelchen Schritten noch nicht entschließen können.

Auf die Frage, durch welches Tor Feng-yu-hsiang voraussichtlich einziehen werde, gab Mei-fu mit großer Überzeugung die Antwort, daß er, falls er überhaupt einziehen würde, jedenfalls durch sämtliche Tore gleichzeitig hereinkommen werde. Das schien einleuchtend – und so lenkten sie denn ihre Schritte zu dem Tore, das ihnen am nächsten war. Das war das Tschientor – zufällig dasselbe, in dessen Nähe Tso-tsing-wu sein Geschäftshaus hatte.

*

Es war inzwischen zehn Uhr geworden. Die Nacht war still und außergewöhnlich hell. Der Mond stand in seiner vollen Scheibe am Himmel und sein weißes Licht verbreitete genügend Helligkeit, um alle Dinge ziemlich deutlich erkennen zu lassen.

Je mehr sich die nächtlichen Spaziergänger dem Tschientor näherten, um so deutlicher war zu erkennen, daß nicht alle Pekinger die Ansicht des Mei-fu teilten, in dieser Nacht werde nichts Außergewöhnliches geschehen. Der Verkehr auf den Straßen war lebhafter als zur Tageszeit. Doch er vollzog sich viel geräuschloser. Kein Geschrei, keine lebhaften Gespräche. Es wurde fast nur geflüstert. Die Schritte der Menschen huschten über das Pflaster dahin. Viele von diesen nächtlichen Wanderern schienen von einer gewissen Scheu beherrscht. Auch die Polizei war auf den Beinen. In Abteilungen von einigen Mann streifte sie durch die Straßen. Alle waren gut bewaffnet. Einmal wurde Mei-fu von dem Führer einer solchen Abteilung angehalten. Doch eine kurze Erklärung und ein Hinweis auf die Armbinden der drei Herren befriedigte ihn vollkommen. Mit größter Höflichkeit wandte er sich in leidlichem Englisch an die Fremden und glaubte sich verpflichtet, sie zu warnen. Er machte darauf aufmerksam, daß es voraussichtlich in dieser Nacht zu Schießereien kommen werde, und dann sei es schwer, die Ausländer gegen fliegende Kugeln genügend zu schützen. Am geratensten sei, wenn sie sich in ihre Wohnungen zurückziehen würden.

Die auf solche Weise Beratenen dankten ihm bestens und wünschten zu wissen, aus welchen Gründen er gerade in dieser Nacht Unruhen befürchte. Die Antwort des Beamten blieb dunkel und ließ erkennen, daß man amtlich von dem Schritt des Generals Feng vorläufig noch nichts wissen wollte. Vielleicht glaubte man bei den höchsten Regierungsstellen tatsächlich nicht an eine solche Handlungsweise des Generals, der bis jetzt als Wu-pei-fus rechte Hand gegolten hatte. Der Anführer der Polizeistreife tat, als wisse er von all diesen Dingen nichts. Er machte auf verschiedene dunkle und wenig vertrauenerweckende Gestalten aufmerksam, wie sie in dieser Nacht auffallend zahlreich auf den Beinen waren, und murmelte etwas von Dieben und Räubern, mit denen die chinesische Polizei einen schweren Stand habe.

Nun, es war den drei Herren genügend bekannt, daß es in China Diebe und Räuber gab. Und es war zweifellos zu erwarten, daß diese edle Zunft in Nächten, in denen derartige Ereignisse sich abspielten, auf den Beinen war. Man dankte dem aufmerksamen Beamten noch einmal für seine Ratschläge, machte ihm aber begreiflich, daß sie Vertreter der großen ausländischen Presse und darum verpflichtet seien, die Ereignisse aus eigener Anschauung zu verfolgen, ungeachtet etwa damit verbundener Gefahren, denen sie sich natürlich auf eigene Verantwortung aussetzten.

*

Kurz nach Mitternacht trat das erwartete Ereignis ein. Die Truppen erschienen in größter Stille vor der Stadt, und wie Mei-fu ganz richtig vorausgesagt hatte, war Peking von ihnen umringt worden und der Einzug vollzog sich durch alle Tore gleichzeitig. Es gab keinen Widerstand. In Peking lagen zu jener Zeit keine Truppen. Die in der Stadt sitzende Regierung des Nordens wußte offenbar nicht, was der Einzug Fengs zu bedeuten hatte. War er von Wu-pei-fu abgerückt? Hatte er sich von der Kuo-min-tang-Partei losgesagt? Eine solche Schwenkung wäre mehr als einem in Peking regierenden Minister gar nicht unlieb gewesen, und schon diese Möglichkeit sicherte dem abgefallenen General einen ungehinderten Einzug in Peking.

Feng-yu-hsiang fand die Stadt verhältnismäßig ruhig, die Tore offen. Die zahlreichen bei den Toren zusammengeströmten Kommunisten empfingen die Truppen mit begrüßenden Zurufen. Die vorhandene Polizei schwenkte teils in Seitenstraßen ein, teils schaute sie dem Einzug zu. Sie hatte ja keine Aufträge bekommen – was da zu den Stadttoren hereingezogen kam, das waren keine Räuberbanden, sondern chinesische Soldaten. In wessen Auftrag sie marschierten, mit welchen Aufgaben sie nach Peking kamen, darüber hatte die Polizei sich zur Stunde noch nicht zu kümmern. Das war Sache des Präsidenten und der Minister. Aber die hatten sich immer noch nicht zu »Schritten« entschließen können. Nun, die tat dann General Feng. Er ließ die gesamte Regierung, Präsident und Minister und was sonst Amt und Verantwortung hatte, ganz einfach festsetzen, und als am Morgen die Pekinger erwachten, da befanden sie sich unter der Herrschaft der Kuo-min-tang-Partei. Dem gewöhnlichen Volk war's auch so recht.

*

Aber so ganz kampflos verging die Nacht doch nicht. Es fielen doch Schüsse, und es gab zahlreiche Messerstiche und Püffe die Menge. Aber die Gegner waren nicht die Verteidiger von Peking, sondern das Gesindel dieser Stadt. Das Heer dunkler Elemente war von jeher in China groß. Die Kriege hatten es nicht verkleinert und die mehrfache Verwendung der Räuberbanden seitens der jeweilig Regierenden zu Kriegszwecken noch viel weniger. Nun war dieses Gelichter bei jeder Gelegenheit zur Stelle, wo es was zu plündern gab. Diese verzweifelten Kerle kämpften gegen alle und jeden. Die Führer der Kuo-min-tang aber hatten dem Raubgesindel zu Gemüt geführt, daß der politische Kommunismus, wie er von ihnen gepredigt wurde, etwas ganz anderes war als Diebstahl und Raubmord. Sun-yat-sen und seine Freunde hatten früher rücksichtslos hängen lassen – und als am Morgen nach Fengs Einzug ein gutes Dutzend dieser Burschen tot aus den Straßen weggeschafft wurden, wußte das Diebsgesindel auch, wie sie mit Feng daran waren.

Wilbrandt, Rubber und Harlington, die unweit des Tschientores die Truppen an sich vorüberziehen ließen und weder von ihnen noch von den anderen Zuschauern behelligt wurden, gerieten nach dem Einzug ganz plötzlich und ohne daß sie es sich versahen, in ein Getümmel. Wie es entstanden war, ahnten sie nicht. Es war ohne irgendwelche vorhergegangenen Streitigkeiten entbrannt, und für einen Fremden war unmöglich zu erkennen, wer hier gegen wen kämpfte. Schüsse knallten. Schreie gellten, Knüppel wurden geschwungen und Messer funkelten im weißen Mondlicht. Wei-fu war plötzlich verschwunden, wie vom Erdboden verschluckt. Ben Rubber, der mit Erscheinungen solcher Art am meisten vertraut war und ihre Gefährlichkeit kannte, ergriff Wilbrandt und Harlington bei den Armen und riß sie in eine finstere Gasse hinein.

Hier war es menschenleer und sie begannen zu laufen. Doch bald vernahmen sie hinter sich huschende und trappelnde Schritte. Ben Rubber warf einen Blick zurück und sah etwa ein Dutzend Menschen, im Laufen kämpfend. Verfolgte und Verfolger in einem wirren Klumpen. Doch hinter diesen her knallten Schüsse. Die drei Weißen hörten, wie hinter ihnen Menschen schreiend stürzten. Man hörte Hilferufe, gellende Flüche in chinesischer Sprache und in Pidgin-Englisch. Ben Rubber sah, wie zwei riesige Polizisten um sich schlugen, bedrängt von einer Meute zerlumpter Gestalten.

»Vorwärts! Lebensgefahr!« feuerte der Amerikaner seine Freunde an. An einer finsteren Stelle schlug er einen Haken und bog in eine Gasse ein, die zu der eben verlassenen in einem spitzen Winkel lief. Hier mußten sie sich vorsichtig weitertasten, denn kein Mondstrahl leuchtete in diese Finsternis hinein. Doch schon nach zwanzig Schritten kamen sie zu einer Quergasse, an deren Ende sie Lichtschein sahen. Nachdem sie die völlig menschenleere Gasse durchlaufen und die Rotte der Kämpfenden weit hinter sich gelassen hatten, befanden sie sich auf einem mondbeschienenen Platz, der sowohl Wilbrandt als auch dem Amerikaner bekannt vorkam.

»Ist denn das nicht der Platz, an dem der Raritätenhändler Tso-tsing-wu wohnt?« rief Wilbrandt umherblickend.

»Natürlich ist er's!« antwortete Ben Rubber. »Ich kenne ihn genau wieder. Sehen Sie doch das Haus dort – ah – hören Sie nichts? Da hat jemand geschrien!«

Sie standen unbeweglich und lauschten auf einen gedämpften Lärm. Plötzlich wurde am Hause des Tso-tsing-wu die Türe aufgerissen und ein Mensch taumelte hervor und stürzte zu Boden, raffte sich aber sofort wieder auf und lief ins Haus zurück.

»Haben Sie gesehen?« rief Wilbrandt aufgeregt, »War das denn nicht mein Diener Käsch?«

Auch die beiden anderen Herren hatten Käsch erkannt. Jetzt hörten sie auch seine Stimme – gellende Hilferufe – und das dumpfe Geräusch von Schlägen.

»Da geht etwas vor, was wir uns näher anschauen müssen!« schrie Ben Rubber. »Das ist die Stimme von Käsch! vorwärts!«

Es bedurfte des Kommandos nicht. Vereint drangen sie in das Haus ein, in dem Käsch verschwunden war.

*

Nachdem Ta-pi-kang und Käsch die Wohnung des Hoi-so-ping verlassen hatten, begaben sie sich auf dem kürzesten Wege zum Hause des Tso-tsing-wu. Das Anwesen lag ein wenig abseits von den Hauptverkehrsstraßen in der Nähe des Tschientores. Nachdem die beiden sich ein paar Minuten lang in der Nähe des Anwesens herumgetrieben hatten, kam aus einer Seitengasse ein junger Chinese geschlüpft, kaum mehr als sechzehnjährig, zerlumpt, von verelendetem Aussehen. Aus den geschlitzten Äuglein aber funkelte ihm die Pfiffigkeit nur so heraus. Das war Käschs »Vertrauensmann«, Peng genannt, der es übernommen hatte, Tso-tsing-wus Haus zu überwachen. Er verlangte zunächst seine Löhnung und empfing sie ohne Widerspruch. Dann packte er seine Neuigkeiten aus – richtiger, er schilderte wortreich, daß er nichts Neues wußte. Tso-tsing-wu war noch nicht zurückgekommen, und von dem erwähnten Mandarinen hatte er auch nichts gesehen. Dagegen wußte er von Truppen zu berichten, die angeblich in dieser Nacht einziehen sollten.

Während sie noch beisammen standen, fiel es Käsch plötzlich auf, daß sie sich nicht mehr allein auf dem Platze befanden. Drei Chinesen waren aus einer der auf den Platz einmündenden Seitenstraßen herausgekommen, blieben stehen, blickten wie suchend umher – und einer von ihnen begab sich zum Hause des Tso-tsing-wu und rüttelte an der Haustüre. Als er sie verschlossen fand, kehrte er zu seinen beiden Genossen zurück.

Käsch hatte die beiden anderen mit dem Ellenbogen angestoßen und auf die drei Chinesen aufmerksam gemacht. Ein oberflächlicher Beobachter hätte sie ihrem Äußeren nach für Kulis gehalten. Ihre zerlumpte Tracht aber stimmte schlecht überein mit der übrigen Erscheinung der drei Männer. Gang, Haltung, Gesichtsbildung und Hände ließen auf Männer der besseren, wenn nicht besten Stände schließen. Sie waren entweder schlechte Schauspieler oder nahmen es mit der Absicht, zu täuschen, nicht so sehr ernst.

Käsch gab den beiden anderen ein Zeichen und langsam schlenderten sie davon. Doch nur bis um die nächste Straßenecke herum – dann blieben sie wieder stehen.

»Die wollen auch zu Tso-tsing-wu«, flüsterte Käsch. »was mag das zu bedeuten haben?«

Die Frage konnte ihm natürlich niemand beantworten. Der Chinesenjunge aber wußte einen Rat. Er behauptete, ein Versteck zu wissen, von wo aus er den Platz und damit auch das fernere Verhalten der drei Chinesen genau beobachten könne. Er schlug den beiden anderen vor, zu warten, bis er ihnen Bescheid brächte.

Käsch versprach dem Jungen eine weitere Belohnung, falls es ihm gelänge, weitere Nachrichten zu bringen, und jener trollte sich.

Die Geduld der beiden Zurückgebliebenen wurde auf eine harte Probe gestellt. Die Zeit verging – eine Stunde – und noch eine. Der Kundschafter kam nicht zurück. Ta-pi-kang und Käsch schlenderten während der ganzen Zeit in der Nähe umher, überquerten mehrere Male den Platz und machten die Beobachtung, daß die drei Chinesen es genau so machten wie sie. Wenn diese also mit Tso-tsing-wu in einer Verbindung standen, so war anzunehmen, daß sie auf Grund einer Absprache auf ihn warteten. Es galt also, den Platz und die drei Männer möglichst im Auge zu behalten, ohne selbst aufzufallen.

Darüber zogen die Truppen Fengs in Peking ein. Die Straßen füllten sich mit Menschen, auch auf dem Platz wurde es lebendig. Das hin und her nächtlicher Wanderer wurde so stark, daß Ta-pi-kang und Käsch sich auf dem Platz aufhalten konnten, ohne aufzufallen.

Plötzlich stand wie aus dem Erdboden gewachsen der Chinesenjunge neben ihnen.

»Sie sind da«, flüsterte er hastig, »Tso-tsing-wu – und einer mit dem blauen Knopf – ein Mandarin – und die drei Männer von vorhin. Ich habe sie belauscht. Der eine, der große, ist ein Offizier aus der Kaiserzeit, die beiden anderen sind Studenten. Jetzt sind alle im Haus da drüben.«

Und in dem Bewußtsein, wichtige Nachrichten gebracht zu haben, streckte er grinsend die Hand aus. Seine Erwartung wurde nicht enttäuscht. Die Belohnung fiel so reichlich aus, daß er sich freiwillig zu noch weiteren Diensten anbot.

Die beiden überlegten.

»Ich vermute, daß im Hause etwas vorgeht, was zu wissen für uns von Vorteil ist«, sann der Student. »Leider wird es unmöglich sein, unbemerkt hineinzukommen.«

»Das ist gar nicht so schwer«, entgegnete Käsch. »Ich habe mehrere Tage im Hause gewohnt und kenne die Lage der Räume. Wir müssen durch das Lager, von dort können wir uns bis zum Laden durch das Gerümpel durchwinden. Es ist nicht schwer, aber gefährlich. Ich will es lieber allein tun.«

»Ich bin nicht gewöhnt, einer Gefahr meinen Rücken zu zeigen«, sagte der Student. »Wenn wir ertappt werden, sind zwei stärker als einer.«

»Sie sind ihrer fünf«, erinnerte Käsch.

»Ich bin bewaffnet«, bemerkte Ta-pi-kang mit einem Lächeln, das deutlich seine Entschlossenheit zeigte.

»Wir wissen nicht, ob sie nicht auch bewaffnet sind.«

»Es wird sich finden. Gehen wir!«

Käsch widersprach nicht lange. Er führte die beiden anderen um das Haus herum zu einer Stelle, wo ein winziges Höfchen von einer nicht besonders hohen Mauer umschlossen wurde. Sie zu übersteigen fiel den drei jungen Menschen nicht schwer. Der Hofraum war angefüllt mit Gerümpel aller Art: Kisten und Kasten, Packmaterial, zerbrochenem Hausrat. Vorsichtig bahnten sich die drei einen Weg hindurch und kamen zum Fenster eines niedrigen Schuppens. Käsch wußte, daß eine Scheibe dieses Fensters zerbrochen war. Sie war es schon zu Ki-kuis Zeit gewesen – vielleicht schon vor seiner Dienstzeit – und Käsch war überzeugt, daß sie es noch war. Er hatte sich nicht getäuscht. Vorsichtig steckte er den Arm durch das Loch, schob den Riegel zurück und stieß den Fensterflügel auf. Drinnen war es finster. Kein Laut war zu vernehmen. Ta-pi-kang hatte sich für alle Fälle mit einer Taschenlampe versehen. Er leuchtete in den Raum hinein. Eine Fülle von Dingen aller Art in wirrem Durcheinander. Kein lebender Mensch. Doch vielfache Abbilder menschlicher Gestalten, in Holz geschnitzt, gezeichnet, gemalt, die meisten von verzerrter Form und Gestalt, gespenstisch anzuschauen im huschenden Licht der elektrischen Taschenlampe. Ein Luftzug fuhr durch das lange nicht geöffnete Fenster in den Raum hinein. Ganze Fahnen von Spinngewebe begannen unter der Decke zu wehen. Der Anblick war alles andere als einladend. Das machte aber auf die drei Abenteurer keinen Eindruck. Ta-pi-kang leuchtete und Käsch stieg als erster durch das Fenster. Dann folgte der Student, zuletzt Peng, der schlauerweise darauf bedacht war, sich für alle Fälle den Rückzug zu merken.

Käsch wußte natürlich, daß dieser Schuppen mit der Schmalwand an das Vorderhaus stieß und durch eine Türe damit verbunden war. Diese Türe führte zunächst in Tso-tsing-wus Schlafraum, und dieser war nach dem Laden zu nur durch einen schweren Stoffvorhang getrennt. Wenn die Türe zwischen dem Schuppen und dem Schlafzimmer geschlossen war, dann wußte Käsch, daß sie ruhig umkehren konnten, denn diese Türe verursachte jedesmal beim Öffnen ein häßlich knarrendes Geräusch. In der Regel aber stand sie so weit offen, daß ein schlanker Mensch durch den Spalt hindurchschlüpfen konnte, ohne sie in den Angeln zu bewegen.

Und so war es auch jetzt. Alle drei schlüpften durch den Spalt ins Schlafzimmer hinein. Ta-pi-kang leuchtete kurz umher und knipste dann die Lampe aus. Der Raum war mehr ein Verschlag als ein Zimmer. Nichts stand darin als ein schmales Feldbett mit einigen Kissen und Decken, ein kleiner Schrank und ein Schemel.

Nun war es stockfinster um die drei. Sie standen unbeweglich – lauschend. Sie glaubten Stimmen zu vernehmen, die aber anscheinend aus weiter Ferne kamen. Käsch tastete sich bis zum Vorhang vor, hob ihn vorsichtig an einem Zipfel auf und spähte in das Gewölbe hinein. Nun hörten alle drei deutlich die Stimme eines Mannes, der zu den anderen sprach.

»Der Offizier!« hauchte Peng dicht bei den Ohren der beiden anderen. »Ich erkenne ihn an der Stimme wieder.«

Käsch schob den Vorhang noch ein wenig mehr zur Seite und nun konnten sie einigermaßen deutlich sehen, was im Gewölbe vorging. Im Vordergrunde des Ladens nach dem Platz zu gewahrten sie eine Menschengruppe, die um einen Stuhl herumstand, in dem ein Mann saß. Zwei Papierlaternen beleuchteten das Bild mit einem schwachen Rosalicht. Alle erkannten Tso-tsing-wu, dessen Gesicht am hellsten beleuchtet wurde. Der Mann, der sprach, angeblich der ehemalige Offizier, wandte den Lauschern seinen breiten Rücken zu. Von den beiden Studenten war einer derbknochig und untersetzt, der andere lang und schmalbrüstig. Die Gesichtszüge des ersteren waren verschlagen, mit einem Einschlag von Gewalttätigkeit, der andere hatte ein ausgesprochenes Fanatikergesicht, in dem die Augen vor Eifer brannten wie glühende Kohlen. Und als dieser eine Körperbewegung zur Seite machte, erkannten Ta-pi-kang und Käsch auch den Mann im Stuhl. Es war der Mandarin Lui-ping-shen. Sein Kopf lag gegen die Rückenlehne des Sessels und seine Augen waren geschlossen. Die beiden Beobachter erkannten deutlich, wie eingefallen, fahl und verzerrt dieses Gesicht war. Hin und wieder mischte sich in die Worte des Sprechers ein Stöhnen und ein Schmerzensschrei. Es war der Mandarin, der sie ausstieß. Offenbar war er krank oder verwundet.

Für alles dies aber hatten Käsch und der Student keine Augen und Ohren mehr, als sie den Sinn der Worte erfaßten, die dort gesprochen wurden. Diese Worte waren von einer Bedeutung und Tragweite, daß die beiden lauschenden Freunde zu zittern begannen. Es handelte sich um nicht mehr und nicht weniger als um eine Verschwörung gegen das Leben des Generals Feng-yu-hsiang. Anstifter war Lui-ping-shen: der Offizier sollte, unterstützt von den beiden Studenten, die Ausführung auf sich nehmen und die dazu nötigen Gehilfen und Mittel besorgen. Tso-tsing-wu war für alles der Mittelsmann und seine Behausung sollte Zufluchtsort für die Mörder nach dem Attentat werden.

Plötzlich geschah etwas überaus Seltsames und Unerklärliches. Lui-ping-shen richtete sich mit einem Ruck aus seinem Stuhl auf – wendete sich halb um – und starrte auf den Vorhang, hinter dem sich die Lauscher befanden. Diese hatten nicht das geringste Geräusch verursacht. Die Entfernung zwischen ihnen und der Gruppe der Verschwörer betrug mindestens zwanzig Meter. Und doch hatte irgendein rätselhaftes Etwas den Mandarin auf die Gefahr aufmerksam gemacht – eine Ahnung – oder ein Zustand der Hellsichtigkeit kurz vor dem Tod. Käsch und Ta-pi-kang erbebten, als sie sahen, wie Lui-ping-shen sich langsam aufrichtete – mit beiden Händen mühsam auf die Seitenlehne des Sessels gestützt. Sein Gesicht mit den fieberisch glühenden Augen war starr gegen den Vorhang gerichtet, mit schreckenerregendem Ausdruck. Und nun erhob er den rechten Arm und deutete mit einer großen tragischen Gebärde in den finsteren Winkel des Raumes, wo die Lauscher steckten – drohend und beschwörend.

Der Vorhangzipfel entsank der Hand des jungen Chinesen. Ohne zu überlegen, wendeten sie sich zur Flucht. Sie stießen in der Finsternis gegeneinander, gegen die Möbel, gegen die Türe des Schuppens, die sich mit einem durchdringenden Kreischen weit öffnete. Doch schon hasteten schnelle Schritte hinter ihnen her. Ein Haufen aufgetürmten Hausrats polterte herab und versperrte den Flüchtlingen den Weg zum Fenster. Schon befanden sich die Verfolger, an der Spitze Tso-tsing-wu mit einer der Papierlaternen, im Raum, wenige Meter von den Fliehenden entfernt. Diese sahen sich gefangen. Peng verkroch sich zitternd in einem finsteren Winkel – Ta-pi-kang und Käsch standen allein den vier Männern gegenüber.

Die scharfen Augen des Raritätenhändlers erkannten sofort seinen ehemaligen Diener.

»Diebe! Räuber! Einbrecher!« kreischte er mit durchdringender Stimme. Hastig, mit zitternder Hand steckte er die Laterne in einen Wandring.

»Wir sind weder Diebe noch Räuber«, erklärte Ta-pi-kang und ließ die scharfgeschliffene Schneide eines Dolchs im Licht der Laterne funkeln. »Wir sind zu einem ganz anderen Zweck hier hereingekommen, als um zu stehlen. Tso-tsing-wu und der sterbende Mann dort draußen wissen, warum wir hier sind. Beide kennen unser Verlangen. Erfüllt es und wir gehen wieder.«

»Seit wann seid ihr hier?« fragte der Offizier.

Ta-pi-kang zögerte ein paar Sekunden mit der Antwort. Dann sagte er fest und bestimmt: »Lange genug, um zu wissen, was hier geplant wird.«

Nach diesem Worte war es eine halbe Minute lang still. Alle in diesem halbdunklen Raum Versammelten standen unbeweglich. Dann sagte der ehemalige Offizier mit etwas heiserer Stimme: »Ihr beide gehört zu den Gebildeten Chinas?«

»Ich antworte nur für mich«, entgegnete der Student. »Ich war in Deutschland auf Hochschulen –«

»Wer so spricht«, unterbrach ihn der andere, »der muß wissen, daß vorhin unter diesem Dach nicht über ein Verbrechen verhandelt wurde, sondern über Politik. Politik ist Krieg. Und der Krieg fordert Opfer –«

»Und wir sind Gegner!« rief Ta-pi-kang.

»Auf Leben und Tod?«

»Auf Leben und Tod! Aber nicht in diesem Augenblick. Jetzt handelt es sich nicht um Krieg und Politik, sondern um das Unrecht, das einem Greis geschehen ist.«

Der Offizier trat zu Tso-tsing-wu und begann mit ihm zu flüstern. Zuerst verhielt der Händler sich ablehnend, dann wurde er gefügig.

»Was wollt ihr?« wandte er sich an die Gegner. »Wollt ihr Geld? Ihr könnt es haben. Wie viel verlangt ihr?«

»Wir wollen nicht euer Geld. Wir verlangen das Kästchen mit der gefälschten Handschrift des Kon-fu-tse. Wir verlangen es im Auftrag seines rechtmäßigen Besitzers – und ihr habt es in Händen, wie wir mit eigenen Augen am Grabe des Kon-fu-tse sahen.«

»Wenn euer Verlangen erfüllt wird, seid ihr dann befriedigt und werdet nichts weiteres unternehmen?«

»Wenn wir das Kästchen bekommen, dann ist diese Angelegenheit für uns erledigt.«

»Und jene andere, die politische?«

»Darüber gebe ich keine Versprechungen ab.«

Wieder überlegte der Offizier – und wieder hielt er leise Zwiesprache mit Tso-tsing-wu. Dann sagte er: »Ich hoffe, wir werden uns einigen, denn hier steht das Alter, das Achtung fordern darf, der Jugend gegenüber. Kommt mit nach vorne!«

»Sind eure Worte ehrlich gemeint oder plant ihr Verrat?« rief der Student drohend. »Ich habe eine Schußwaffe in der Tasche und werde mich nicht scheuen, davon Gebrauch zu machen. Das würde Lärm und Aufsehen verursachen. Denkt an euer Geheimnis, das dann enthüllt würde!«

»Ihr dürft uns vertrauen«, sagte Tso-tsing-wu schnell. »Wir denken nicht an eine Hinterlist.«

Er nahm die Laterne von der Wand und leuchtete. Zuerst kehrten der Offizier und die beiden Studenten durch das Schlafzimmer in das Verkaufsgewölbe zurück, ihnen folgten der Student und Käsch. Der Chinesenjunge hatte die Gelegenheit benutzt, sich allmählich zum Fenster zu schlängeln. Nun entwich er mit einem geschickten Sprung nach draußen. Niemand verfolgte ihn.

In zwei Gruppen nahmen die Chinesen beim Stuhl des Mandarinen Aufstellung. Ta-pi-kang und Käsch hielten sich ein wenig abseits. Ersterer hielt immer noch den Dolch in der Rechten, und seine linke Hand umspannte in der Jackentasche einen Gegenstand, in dem man der Form nach wohl einen Revolver vermuten konnte.

Lui-ping-shen saß zurückgelehnt in dem Sessel, mit geschlossenen Augen, mühsam atmend. Erst als Tso-tsing-wu leise seine Schulter berührte, öffnete er die Augen. Sein Blick ging langsam durch die Runde – haftete auf Käsch und dem Studenten. Sein Gesicht verzerrte sich, er bewegte die Lippen, als wollte er sprechen, doch die Zunge lag bewegungslos in seinem Munde. Endlich brachte er mit äußerster Anstrengung ein paar Silben hervor.

»Umbringen – beide –« stieß er rauh hervor, und seine Augen sagten deutlich genug, wen er damit meinte.

Der Sprecher der drei Chinesen – die beiden Studenten schienen völlig stumm zu sein – trat dicht an die Seite des Mandarinen.

»Es handelt sich hier nicht um unsere gemeinschaftliche Sache«, sagte er hart. »Nicht um das Geschick unseres Landes. Um eine Angelegenheit, mit der ich nichts zu tun haben will, und die erledigt werden muß. Wenn jene beiden ein Recht an dem Gegenstand haben, dann gewährt es ihnen. Wenn dieser ihr Wunsch erfüllt ist, werde ich wegen der anderen Sache mit ihnen verhandeln.«

Ein kaltes Lächeln verzog das Gesicht des Studenten, doch er sagte nichts. Er blickte gespannt auf den Mandarin. Dessen Augen glühten.

»Umbringen – beide – umbringen!« formten seine Lippen.

»Wo befindet sich das Kästchen?« wandte der Offizier sich schroff an Tso-tsing-wu.

Der Händler deutete mit den Augen auf Lui-ping-shen.

»In seinem Gewande«, flüsterte er.

»Um wessen Eigentum handelt es sich?«

»Muß ich es sagen?« knirschte Tso-tsing-wu nach kurzem Zögern.

»Unsere große und heilige Sache soll nicht mit Schmutz behaftet sein!« fuhr der Offizier ergrimmt auf. »Wie können wir Freiheit verlangen für das alte Recht und die alten Heiligtümer unserer Vorahnen, wenn wir selbst uns knebeln mit den Stricken kleinlicher Gemeinheit und armseliger Gewinnsucht! Ich verlange rücksichtslose Klarheit über diese Angelegenheit! Auf welcher Seite ist das Recht?«

»Dieses Wort rettet ihm das Leben«, flüsterte Ta-pi-kang seinem Freunde Käsch ins Ohr.

Es war deutlich zu erkennen, welch einen schweren Kampf Tso-tsing-wu in seinem Inneren auszufechten hatte. Aber man sah auch, daß er offenbar einem Mächtigen seines Volkes gegenüberstand, dessen Willen er nicht zu widersprechen und dessen wahrheitheischendem Blick er sich nicht durch Lug und Trug zu entziehen wagte.

»Ich werde es sagen, wenn jene beiden nicht zuhören«, murrte er.

»Wenn deine Worte eine Selbstanklage enthalten, so bestehe die Sühne darin, daß die Kläger der Selbstanklage beiwohnen«, entschied der andere unerbittlich.

»Die Handschrift ist falsch!« stieß Tso-tsing-wu erbittert hervor. »Ich habe sie nicht hergestellt, sondern er, Lui-ping-shen, hat sie vor Jahren herstellen lassen durch Tsin-huang-ti. Du hast ihn gekannt, denn er war einer der Eifrigsten in der I-ho-chuan. Und als er aus seinem Amt beim Tsung-li-jamen das frühere Auswärtige Amt in China verstoßen wurde, wegen Betrügereien, die er im Dienst unseres Bundes beging, da hast du ihn zu retten versucht. Aber –« ein boshaftes Grinsen zog das Gesicht Tso-tsing-wus in die Breite, »aber du warst nicht mächtig genug. Weißt du noch: Tsin-huang-ti hat in aller Stille vor seinen Ahnen und den Göttern Kotau gemacht und sich mit seinem schärfsten Dolch die Pulsadern aufgeschnitten.«

»Genug! Schweig davon!« schrie der Offizier und stampfte wütend mit dem Fuße auf. »Und die Handschrift?«

»Mit der Handschrift haben wir zwei Mitglieder der I-ho-chuan auf die Reise nach Europa geschickt, nachdem sie ein paar Jahre lang in Tsin-huang-tis Geheimschrank gelegen hatte.«

»Und Tsin-huang-ti ist der Schändliche, der dem Vater Li-chu-angs den Plan der Kupfermine gestohlen hat!« warf Ta-pi-kang ein.

»Wie ist das?« forschte der Offizier.

»Es handelt sich um Li-chu-ang, den Sohn des Yü-po-ya. Dieser, der Alte, gehörte den Führern des Bundes I-ho-chuan an, aber er ist dem Bunde untreu geworden. Man hat ihn gestraft, indem man ihn bettelarm machte. Was das mit dem Plan einer Kupfermine auf sich hat, weiß ich nicht.«

»Und was wurde aus der Handschrift?«

»Tsin-huang-ti schickte sie mir in der Nacht vor seinem Tode. Lui-ping-shen reiste damals durch Deutschland. Der Handschrift lag ein Brief des bis in den Tod Getreuen bei, in dem er mir befahl, das Kästchen mit dem Papier durch vertraute Leute nach Deutschland bringen zu lassen. Das geschah durch Hoang-yü-tsing und Kuo-sung-lien.«

»Sind diese beiden jetzt in Peking?« unterbrach ihn der Offizier.

Tso-tsing-wu starrte auf den Mandarin, der eben einen dumpfen Schmerzenslaut ausstieß. Dann richtete er seine glühenden Augen auf den Frager.

»Sie sind nicht in Peking«, murmelte er fast unhörbar. »Noch drüben?« fragte der Offizier scharf.

»Nein – auch nicht drüben. Sun-yat-sen, der Teufel, hat sie aufhängen lassen. Ich kann dir jetzt nicht sagen, warum. Aber mit dieser Angelegenheit hat das nichts zu tun.«

»Hat Tsin-huang-ti den Vater Li-chu-angs gehaßt?«

»Er hat ihn gehaßt, wie jeder Mann einen Verräter haßt.«

Der Offizier verharrte ein paar Sekunden lang schweigend. Dann richtete er seinen Blick durchdringend auf das Gesicht des Händlers.

»Hast du uns die volle Wahrheit gesagt, Tso-tsing-wu?«

»Bei den Gräbern meiner Ahnen!« schwor jener.

»Und doch ist es nur halbe Wahrheit!« rief Ta-pi-kang erregt. »Ich bin überzeugt, daß er von dem Plan der Kupfermine weiß.«

»Was hast du darauf zu sagen, Tso-tsing-wu?«

»Es ist die wahnsinnige Idee eines Narren!« zischte der Händler. »Ich weiß nichts von einem solchen Plan. In dem Kästchen ist er nicht.«

»Wenn es sich so verhält, geben Sie sich dann zufrieden?« wandte der Offizier sich an den Studenten.

»Das kann ich nicht sagen, bevor ich das Kästchen gesehen habe.«

»Sie sollen es sehen. Wo ist das Kästchen?« Die letzten Worte waren an den Mandarin gerichtet.

Lui-ping-shens Gesicht verzerrte sich. Mühsam erhob er den rechten Arm. Die Hand war gekrallt, als wolle sie sich dem, der ihm zu nahe kam, um die Kehle legen. Doch sogleich fiel der Arm kraftlos wieder herab. Ein leises Röcheln kam aus der Brust des Mannes herauf. Seine Augen verdrehten sich, so daß man fast nur noch das Weiße sah. »Er wird gleich tot sein«, sagte der Offizier kaltblütig. »Nehmt ihm das Kästchen ab, wenn er es bei sich trägt. Auf meine Verantwortung.«

Tso-tsing-wu griff ohne Zögern in das Gewand des sterbenden Mandarins, suchte dort ein paar Sekunden herum und brachte dann einen in schwarze Seide gehüllten Gegenstand hervor. Als Lui-ping-shen ihn in der Hand des anderen erblickte, kam ein Ton wie ein schweres Aufstöhnen aus seiner Brust hervor. Seine Hand krallte sich nach dem Schatz – sein ganzer Körper bäumte sich in dem Stuhl empor. Doch das war seine letzte Bewegung. Er sackte in dem Stuhl zusammen, sein Unterkiefer klappte herunter, ein rasselnder Seufzer –

»Tot!« sagte der Offizier kalt und wandte der Leiche den Rücken zu. »Und nun sehen Sie nach Ihrem Eigentum!«

Tso-tsing-wu schälte den geheimnisvollen Gegenstand aus seiner Umhüllung. Ein handbreites, zwanzig Zentimeter langes Holzgehäuse kam zum Vorschein, schwarz lackiert, auf allen Seiten mit feinen silbrigen Zeichnungen versehen. Tso-tsing-wu drückte auf eine Feder und der Deckel sprang auf. In dem Kästchen lag ein mehrfach zusammengefaltetes Papier, nur wenig vergilbt, mit chinesischen Schriftzeichen bedeckt. Der Händler breitete es auf einem Tischchen aus, von allen Anwesenden mit Argusaugen beobachtet. Ta-pi-kang griff zunächst nach dem Kästchen, betrachtete es von innen und außen, ließ seine Fingerspitzen über die glatten Holzflächen gleiten. Dann legte er es zur Seite und griff zu der Schrift, deren Text ihm nicht unbekannt war. Er las das Schriftstück sorgfältig von Anfang bis zu Ende – und fand nichts Außergewöhnliches. Keine Rede davon, daß der Plan oder irgendwelche auf die Mine bezügliche Beschreibungen künstlich in den Text eingefügt worden wären.

Plötzlich fuhr Ta-pi-kang mit einem Ruck herum und griff nach einer Hand, die sich vorsichtig in seine Rocktasche hineingeschoben hatte. Tso-tsing-wu entriß ihm die Hand und versetzte dem Studenten gleichzeitig mit der anderen einen heftigen Faustschlag ins Gesicht. Ta-pi-kang taumelte und stieß gegen Käsch, der infolge des unerwarteten Anpralls ebenfalls strauchelte und gegen einen der beiden fremden Studenten stieß. Dieser kehrte den Angegriffenen heraus und schlug zu. Der andere kam ihm sofort zu Hilfe, – und so entwickelte sich im Handumdrehen eine Rauferei, in der die beiden Freunde drei Gegnern gegenüberstanden. Dem Offizier schien die ganze Angelegenheit nicht besonders ehrenvoll zu sein, denn er beteiligte sich nicht an dem Überfall, sondern stand abseits, mit einer Miene, die deutlich sein großes Unbehagen erkennen ließ.

Ta-pi-kang hatte in Europa alle sportlichen Vorzüge erworben. Sein Körper war nicht schwer und massig, aber von einer außergewöhnlichen Gewandtheit. Käsch besaß diese Möglichkeiten bei weitem nicht, aber er war stark und tapfer. Und es dauerte keine Minute, da hatte das Blatt sich gewendet. Tso-tsing-wu hatte einen Schlag gegen den Magen erhalten, der ihn lang auf den Boden streckte und ihn auf Minuten kampfunfähig machte. Nun ging's den beiden anderen Angreifern schlecht. Sie bekamen so furchtbare Prügel, daß der Offizier nicht länger untätig bleiben konnte. Doch schien sein Eingreifen sich mehr auf Flucht als auf Angriff einzustellen, denn er schloß zunächst die Türe auf, die ins Freie hinausführte. Dann riß er den einen seiner jungen Gefährten aus den Fäusten seiner Bedränger und schleuderte ihn zur Türe hinaus, jedenfalls in der Absicht, auch den anderen zu befreien und dann mit ihnen Fersengeld zu geben. Der andere aber hatte Ta-pi-kangs Dolch von der Erde aufgerafft und ging nun damit gegen Käsch los. Der Student fiel ihm in den Arm und sie rangen um die Waffe. Der hinausgedrückte junge Mensch war sofort wieder hereingekommen und suchte nun den Dolch in seine Gewalt zu bekommen. Der ineinander verkrampfte Menschenklumpen rollte zur Türe und Käsch flog hinaus, taumelte zehn Schritte weit auf den mondbeschienenen Platz und stürzte zu Boden. Raffte sich aber, blind vor Zorn und Erregung, wieder auf und stürzte ins Haus, ohne die drei Weißen zu gewahren, denen er beinahe vor die Füße gefallen war.

Wie schon erzählt, hatten diese ihn erkannt und waren ihm nachgerannt, ins Haus hinein, in diesen halbdunklen gespenstischen Raum, in dem sich eine wüste, nicht sogleich zu überschauende Kampfszene abspielte. Sie sahen drei Menschen, die sich engumschlungen am Boden wälzten, einen anderen, der wie zum Sprung zusammengekrümmt ein wenig seitwärts stand, in dieser Bewegung aber anscheinend erstarrt war vor Schreck über das Auftauchen der Weißen. Und noch einen Menschen sahen sie, der langausgestreckt wie ohnmächtig am Boden lag.

Aber nun änderte sich das Bild sehr schnell. Der eine hatte sich von seinem Schrecken erholt und machte endlich den Sprung, doch in anderer Richtung – nämlich zur Türe. Hier stieß er einen Warnungsruf aus und verschwand. Mit verblüffender Schnelligkeit ließen die beiden Studenten von ihren Gegnern ab, rollten sich aus den Verschlingungen der Arme und huschten hinaus, gleich Eidechsen. Tiefatmend, bedeckt von Schweiß und Staub, mit zerrissenen Kleidern und geschundener Haut, so standen die beiden jungen Chinesen da, wunderten sich über das Erscheinen der drei Weißen und den plötzlichen Abbruch des Kampfes – und waren eben im Begriff, zu Erklärungen überzugehen, als Heinz Wilbrandt einen Schrei ausstieß.

»Das Kästchen! Die Handschrift!«

Während des stürmischen Auftritts hatte das Kästchen unbeachtet auf dem Tischchen gestanden, das Schriftstück lag daneben – und nun hielt der Deutsche beides in seinen Händen. Käsch konnte sich nicht enthalten, einen Jubelruf auszustoßen. Ta-pi-kang vergaß, daß er als Anhänger der Kuo-min-tang eine Rechnung noch mit dem Offizier zu begleichen hatte. Und keiner kümmerte sich um den Mann, der auf dem Boden lag und wieder ein leises Wimmern hören ließ.

»Fort von hier!« zischelte Ben Rubber. »Wir haben, was wir so lange suchten. Die Luft scheint nicht besonders rein zu sein in dieser Gegend.«

Heinz Wilbrandt verbarg das Kästchen mit dem Papier in seinen Kleidern, dann machten sich die fünf Männer in größter Eile aus dem Staube.

Kaum waren sie fort, da tauchte in dem gleißenden Mondlicht, das den Platz überstrahlte, eine dunkle Gestalt auf, näherte sich mit größter Vorsicht dem Hause des Althändlers und lauschte eine Weile hinein. Dann verschwand sie im Innern. Es dauerte mehrere Minuten, bevor sie wieder zum Vorschein kam. Zunächst spähte sie zur Tür hinaus, und erst, als sie den Platz menschenleer und verlassen fand, kam sie aus dem Haus heraus, rannte wie gehetzt über den Platz, verschwand in einer der dunklen Gassen und stieß nach wenigen Minuten zu den beiden anderen – dem Offizier und einem der Studenten. Ersterer warf nur einen fragenden Blick in das Gesicht des Ankömmlings – dann eilten sie wortlos davon.

Eine halbe Stunde später gab es am Tschientor abermals eine Aufregung. Diesmal war es Feuerlärm. Das Haus des Raritätenhändlers Tso-tsing-wu brannte gleichzeitig an verschiedenen Stellen. Lichterloh schlugen die Flammen zum dunklen Himmel empor. Das Anwesen brannte vollkommen nieder und ein paar Nachbarhäuser mit. Von Tso-tsing-wu hatte man während der Katastrophe nichts gesehen. Man wußte, daß er hin und wieder Opium rauchte, und nahm an, daß er durch Unvorsichtigkeit sein Anwesen selbst in Brand gesetzt hätte. Bei dem späteren Aufräumen fand man zwei verkohlte Skelette. Man gab sich aber nicht viel Mühe, das Rätsel aufzuklären. Daß in dem brennenden Hause ein Lebender und ein Toter verbrannt waren, wußten nur wenige – und diese schwiegen.

*

Der Mandarin Li-ping hatte Besuch. Drei Weiße und ein Chinese saßen im Kreise mit ihm um den großen runden Tisch seines Arbeitszimmers: Wilbrandt, Rubber, Harlington und Li-chu-ang. Auf dem Tisch stand das Kästchen mit der Handschrift des Kon-fu-tse. Li-ping hatte es untersucht, desgleichen die Handschrift – und das Ergebnis war nichts anderes als eine Bestätigung, daß das Schriftstück nicht ein Wort mehr enthielt als den Originaltext der Annalen.

Mit lebhafter Anteilnahme hatte Li-ping den Bericht der Freunde über den verschwundenen Plan der Kupfermine entgegengenommen. Von dem Wunsch erfüllt, dem unglücklichen Li-chu-ang zu helfen, untersuchte er noch einmal aufs genaueste das Kästchen. Doch dessen dünne, glatte Wände boten gar keine Möglichkeit für ein Versteck. Li-chu-ang sagte nichts mehr, doch seine Miene zeigte aufs deutlichste, daß seine Überzeugung, zwischen dem Kästchen und dem Plan müsse eine Verbindung bestehen, nicht im geringsten erschüttert worden war.

»Mein Vater weiß es«, hatte er leise gesagt, als man ihn bestürmte, zu sagen, worauf sich seine Überzeugung eigentlich stützte.

Und nun schwieg er. Doch seine Augen waren starr auf das Kästchen gerichtet, mit einem Ausdruck verzweiflungsvollen Grübelns, als müsse er dem Kästchen sein Geheimnis entreißen.

»Wer ist nun eigentlich Eigentümer der Handschrift?« unterbrach Ben Rubber das Schweigen.

»Da es sich um eine ganz offenkundige Fälschung handelt, zweifellos die chinesischen Behörden«, antwortete Li-ping. »Falls aber einer von Ihnen Wert auf den Besitz legen sollte, würde es mir wohl gelingen, das Einverständnis der chinesischen Regierung zu vermitteln.«

»Dafür wäre ich Ihnen ganz besonders dankbar!« sagte Heinz Wilbrandt hastig.

»Ich will es gerne tun«, nickte Li-ping freundlich. Da fiel sein Blick auf das Gesicht Li-chu-angs, dieses leid- und sorgenvolle, gehetzte, verzweifelte Gesicht. Li-ping kannte sein Schicksal und hatte wirkliches Mitgefühl mit ihm. Doch er wußte keine Möglichkeit, ihm zu helfen. Halb gedankenlos nahm er wiederum das Schriftstück in die Hand. Schon mehrmals hatte er es genau durchgesehen und wieder hingelegt. Irgendeine unklare Regung veranlaßte ihn nun, das Schriftstück gegen das Licht zu halten. Da stutzte er. Seine Augen wurden groß. Er brachte das Papier dicht vor sein Gesicht – doch nicht um zu lesen. Er roch daran. Als er es eben gegen das Licht hielt, war ihm gewesen, wie wenn ein leiser Duft ihn anhauche. Er schloß die Augen und führte das Papier langsam an seiner Nase vorbei. Dann griff er zu dem Kästchen und roch in das Innere hinein.

»Das ist seltsam«, murmelte er vor sich hin. »Wer von Ihnen ist Nichtraucher, meine Herren?«

Keiner meldete sich. Alle huldigten in irgendeiner Form dem Tabakgenuß. Li-chu-ang saß jetzt wieder ganz teilnahmlos in seinem Stuhl versunken, die Augen beinahe geschlossen. Er schien nicht zu merken, was rings um ihn vorging.

»Riechen Sie einmal an dem Papier«, sagte Li-ping und reichte die Handschrift herum. Die drei Weißen berochen es gründlich, doch nur Harlington glaubte einen leisen Duft wahrzunehmen, der mit dem Geruch von altem Papier nichts zu tun hatte.

»Ja, meine Herren, der Tabak stumpft die Geruchsnerven ab«, lächelte Li-ping. »Dieses Papier duftet in der Tat ganz schwach nach Ingwer. Natürlich hat das mit Ingwer nichts zu tun. Der Duft stammt von einem Stoff, mit dem man – aber wir wollen lieber einen Versuch machen, statt uns in Vermutungen zu ergehen. Für alle Fälle: ist unter Ihnen jemand, der sehr schnell und sehr genau zeichnen kann?«

»Ich bin Ingenieur«, sagte Harlington, »und Zeichnen ist meine tägliche Berufsarbeit.«

»Ausgezeichnet«, sagte der Chinese. »Hier ist Papier, und hier eine Anzahl Zeichenstifte in verschiedenen Farben. Wie gesagt, für alle Fälle. Vielleicht täusche ich mich. Wollen Sie mir bitte folgen.«

Nun war auch Li-chu-ang aus seinem Brüten erwacht. Li-ping führte seine Gäste zu einem etwas abseits liegenden Sonderbau, zu dem er den Schlüssel in der Tasche trug. Das Häuschen enthielt nur einen einzigen Raum, und dieser stellte sich als ein vollständiges chemisches Laboratorium dar. Doch da befanden sich auch allerlei ärztliche Instrumente; es roch zudem nach Apotheke; an den Wänden hingen allerlei Zeichnungen, die bewiesen, daß der Herr des Anwesens sich auch mit Astronomie, Physik, Optik und einigen weiteren Wissenschaften befaßte.

Während die Besucher sich, staunend über das umfassende Wissen des geheimnisvollen Mannes, flüchtig umschauten, füllte Li-ping eine flache Porzellanschüssel mit Wasser. Dann suchte er aus einem Gestell mehrere Fläschchen und Dosen herbei.

»Halt«, unterbrach er sich dann. »Ich muß Sie zuvor noch auf etwas aufmerksam machen. Sie werden schon bemerkt haben, daß ich hinsichtlich dieses Papiers ganz besondere Vermutungen hege. Ich will Ihnen nicht verschweigen, daß diese Vermutungen sich auf den geheimnisvollen und unauffindbaren Plan der Kupfermine beziehen. Erweist sich meine Vermutung als falsch, so ist das, was zu sagen ich mich verpflichtet fühle, gegenstandslos. In diesem Fall wird nämlich das Papier durch den Versuch, den ich damit machen werde, nicht verändert werden. Weder das Papier noch die Schrift wird durch die Mittel, die ich anwenden werde, angegriffen. Anders aber, wenn meine Vermutung das Richtige trifft. In diesem Fall, meine Herren, werden Sie den Plan durch schnelles Nachzeichnen retten können, das Papier aber ist verloren. Es wird innerhalb einer halben Stunde nach dem Versuch zu Staub zerfallen, als Folge der Einwirkung meiner Chemikalien auf den Stoff, mit dem das Papier ehemals durchtränkt wurde. Mit anderen Worten, meine Herren: Sie müßten sich entweder für den Plan oder für die gefälschte Handschrift entscheiden – immer die Richtigkeit meiner Vermutung vorausgesetzt.«

Aller Blicke richteten sich auf Heinz Wilbrandt. Der stand eine Weile stumm. Seine Augen fielen auf Li-chu-ang, der inzwischen auch verstanden hatte, um was es sich handelte. Stumm blickten die beiden Männer sich in die Augen. Li-chu-angs Augen bettelten, doch seine Lippen blieben fest verschlossen.

»Machen Sie den Versuch!« sagte endlich der Deutsche mit ein wenig belegter Stimme.

Li-ping nickte ihm freundlich zu. Dann setzte er dem Wasser in der Schüssel aus mehreren Fläschchen tropfenweise ausgezählt seine Mittel hinzu, streute auch eine Prise eines feinen grünen Pulvers hinein und rührte dann alles sorgfältig durcheinander, bis das Wasser eine mattrosa Färbung angenommen hatte. Dann legte er das Papier hinein. Alle beugten sich gespannt über die Wasserschüssel. Nach einer Weile begann das Papier sich zusehends zu bräunen. Es bekam eine Farbe, als sei es längere Zeit einem dichten Rauch ausgesetzt gewesen. Die chinesischen Schriftzeichen lagen fast erhaben in glänzendem Schwarz auf dem Papier. Doch zwischen diesen krausen Zeichen bildete sich nun etwas Neues. Zuerst schien es, als wenn die Fasern des Papiers blutrot sichtbar würden. Dann aber erkannte man, daß es sich um eine planvoll geordnete Menge von Linien und Strichen handelte, dazwischen verstreut vereinzelte chinesische Schriftzeichen. In der Mitte befand sich ein starker Punkt, auf den mehrere Linien und dünne Pfeile zuliefen.

Li-chu-ang stieß einen rauhen Schrei aus.

»So, Mister Harlington, nun zeichnen Sie, so schnell es Ihnen möglich ist!« sagte Li-ping, hob das Papier vorsichtig aus dem Wasser und legte es auf einen Tisch, der mit einer Glasplatte bedeckt war. Schweigend, teils ergriffen, teils erregt, standen alle um Harlington herum, der mit fliegendem Stift die Linien und Striche des Planes auf das Papierblatt übertrug, mit äußerster Sorgfalt die Abmessungen mittels Zirkel und Millimeterstab feststellte. Zuletzt setzte er die Schriftbezeichnungen ein, die die besonderen Merkmale der Gegend und des Lageplans beschrieben. So hatte der brave Ingenieur bisher noch nie im Leben gearbeitet. Doch es zeigte sich bald, daß allergrößte Eile geboten war. Viel schneller als Li-ping es vorausgesagt hatte, verblaßte die Schrift. Und als Harlington mit einem Seufzer der Erleichterung den Zeichenstift hinlegte, konnte man die Linien der Planzeichnungen kaum noch sehen. Li-ping strich leise mit dem Finger über die Handschrift hin – und was eben noch Papier gewesen war, das war nun eine lose Staubschicht.

»Wenn alles genügend getrocknet ist, können Sie die Lage wegblasen«, erläuterte der Chinese lächelnd. »Hier der Plan, Mister Wilbrandt! Er ist Ihr Eigentum. Und er ist genau, dessen kann ich Sie versichern. Ich bin ein wenig Kenner auf dem Gebiet solcher Dinge. Mister Harlington hat ein Meisterstück vollbracht. Wegen der gefälschten Handschrift brauchen wir allerdings die chinesische Regierung nicht mehr zu bemühen.«

»Ich danke Ihnen von ganzem Herzen, Mister Li-ping«, sagte Heinz Wilbrandt. »Aber an Sie alle habe ich noch eine Bitte, meine Herren. So wie das Schicksal hier gewaltet hat, kehre ich mit leeren Händen zu meinem Vater zurück. Nur das Kästchen kann ich ihm als Andenken überbringen. Um nun meinem Vater eine volle Beruhigung über die Angelegenheit zu verschaffen, bitte ich Sie um Aussetzung einer Urkunde über das, was sich heute hier ereignet hat, die wir alle unterschreiben.«

Damit waren alle einverstanden, und Ben Rubber griff sofort zum Stift, um das Schriftstück aufzusetzen.

Wilbrandt aber trat mit dem Plan zu Li-chu-ang.

»Nun ist also mein Wunsch doch in Erfüllung gegangen. Hier gebe ich Ihnen das Eigentum Ihres Vaters zurück. Möge Ihrer Familie reicher Segen daraus erwachsen.«

Li-chu-angs Augen strahlten. Sein Gesicht hatte sich so verändert, daß er kaum wiederzuerkennen war. Mit der einen Hand nahm er das Blatt, mit der anderen ergriff er des Deutschen Hand.

»Sie werden meine Bitte nicht abschlagen, meinem alten Vater Gelegenheit zu geben, Ihnen persönlich seine Dankbarkeit zu Füßen zu legen«, sagte er, und seine Stimme klang rauh vor Bewegung. »Im Auftrag meines Vaters habe ich schon jetzt die Pflicht, Ihnen mitzuteilen, daß die Hälfte aller Erträgnisse der Mine Ihnen gehören werden. Eine Zurückweisung dieses Angebots würde meinen Vater tödlich kränken. Sie werden dem alten Mann das nicht antun, um so weniger, als die Mine mehrere Familien reich zu machen vermag. Ich bitte Sie, mir zu vergeben, daß ich in diesem Augenblick keine geeigneteren Worte finde, um Ihnen meine unbegrenzte Ergebenheit und Freundschaft zum Ausdruck zu bringen.«

»Ich erkenne deutlich Ihre Gefühle und weiß genau, was Sie denken«, sagte Wilbrandt gerührt. »Ich kann Ihnen darauf nur erwidern, daß ich glücklich und stolz bin, zu wissen, daß ich in diesem Lande so wahre Freunde erworben habe, Menschen, auf deren Worte man Häuser bauen kann. Freunde, die mich nicht vergessen werden, wie ich sie nicht vergessen werde. Ich bitte, Herr Li-ping, diese Worte gütigst auch auf sich beziehen zu wollen. Ich bin glücklich und froh, nach China gekommen zu sein, Ihr Land und seine Bewohner persönlich kennen gelernt und dadurch die Überzeugung erlangt zu haben, daß das Gute und Schöne in der Menschenseele überall in der Welt zu finden ist. Meine Gefühle in diesem Augenblick zwingen mich, den Wunsch auszusprechen, daß alle Völker der Welt sich gegenseitig finden und verstehen möchten, damit um die ganze Erde ein Ring geschmiedet werde, in dem sich alle vereinen, die guten Willens sind.«

»In dem sich Wissen mit Güte paart und die Menschenrechte anerkannt werden!« rief Ben Rubber temperamentvoll.

»In dem alle Nationen ihre besten Gaben untereinander austauschen und sich gegenseitig bereichern, statt sich zu bekriegen«, setzte Harlington ernst hinzu.

»Und in dem alle Menschen ohne Ansehen der Nation und Farbe gleichberechtigt sind und gläubig an den hohen Kulturaufgaben der Menschheit mitbauen, erfüllt von der Erkenntnis, daß höchste Pflicht und höchstes Glück darin beruht, anderen Menschen dienstbar zu sein.«

So sprach der weise Li-ping und bot den Freunden seine Hände. Und alle in diesem Raum Versammelten standen ein paar Sekunden lang Hand in Hand, erfüllt von den eben ausgesprochenen starken Gedanken und Wünschen. Und alle hatten das bestimmte Gefühl, daß es nicht das letztemal sei, daß der gleiche Raum und der gleiche Anlaß sie miteinander vereinigte.

 

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