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5.

Doktor Heinz Wilbrandt hatte seit dem Tage seiner Ankunft in China allerlei Neues und Fesselndes gesehen und erlebt – und diese Dinge hatten vorübergehend seinen Sinn und seine Gedanken von der ihm obliegenden ernsten Aufgabe abgelenkt. Mit einem gewissen Behagen hatte er die neuen Naturerscheinungen und Lebensformen auf sich einwirken lassen. Auf einmal aber fühlte er sich in seinem Gewissen dadurch ein wenig bedrückt und war von Herzen froh, daß er heute mit Robert Harlington Tientsin verließ.

Hätte er eine Ahnung gehabt, welch absonderliche und seltsame Dinge inzwischen in seiner deutschen Heimat geschehen waren, wäre ihm sicherlich der letzte Rest von innerer Ruhe und seelischem Gleichgewicht verloren gegangen. Da das aber für seine Aufgabe nicht von Vorteil gewesen wäre, kann man es als ein richtiges Glück bezeichnen, daß die schlimme Botschaft aus Deutschland erst in Tientsin eintraf, nachdem die beiden Freunde die Stadt verlassen hatten.

*

»Herein!« rief der Museumsdirektor Professor Wilbrandt, als leise angeklopft wurde. Sein junger Sekretär trat herein.

»Herr Direktor, die beiden Herren aus China sind wieder da.«

Wilbrandt saß ein paar Sekunden lang unbeweglich und starrte vor sich auf die Tischplatte. Dann nickte er dem Sekretär zu.

»Lassen Sie die Herren eintreten.«

Er erhob sich müde und ging seinen Besuchern entgegen. Die Tür ging auf und herein traten der Mandarin Hoang-yü-tsing und der General Kuo-sung-lien. Gleich bei der Tür begannen sie mit tiefen Verbeugungen, die der alte Herr mit gleicher Gelenkigkeit unmöglich erwidern konnte.

»Sie werden uns sicher entschuldigen, verehrter Herr, daß wir Sie schon wieder mit unserem Besuch belästigen«, begann der Mandarin, der grundsätzlich von den beiden Herren der Sprecher zu sein schien. »Wir bitten Sie, uns zu glauben, daß nur die allerdringendste Notwendigkeit uns veranlassen konnte, Sie schon wieder aufzusuchen und mit unserer unwichtigen Angelegenheit zu behelligen.«

»Das hat gar nichts zu sagen, meine Herren. Bitte, nehmen Sie Platz.« Der Gelehrte wies auf zwei Sessel neben seinem Schreibtisch. »Ihr Besuch wäre mir wesentlich angenehmer, wenn ich Ihnen mit guten Nachrichten dienen könnte. Leider ist das nicht der Fall.«

»Sie wissen nichts Bestimmtes über den Verbleib der kostbaren Handschrift?« fragte der Mandarin und gab seinem Gesicht einen kummervollen Ausdruck.

»Nicht das geringste. Unsere Polizei ist ratlos. Ich habe nun meine einzige Hoffnung auf meinen Sohn gesetzt. Er ist selbst nach China gereist, um der Sache nachzuforschen.«

»Ihr Sohn? Herr Doktor Heinz Wilbrandt? Ist selbst nach China gereist, um das Kästchen mit der Handschrift wiederzufinden?«

Hoang-yü-tsing stieß diese Fragen in schneller Folge heraus. Man konnte ihm deutlich genug anmerken, daß er von dieser Nachricht stark und nicht angenehm beeindruckt war. Professor Wilbrandt merkte das natürlich auch. Er fing einen Blick auf, den der Mandarin unwillkürlich auf seinen Landsmann geworfen hatte – einen Blick, der offenbar starkes Erschrecken zum Ausdruck brachte.

»Jawohl, meine Herren!« sagte er mit Nachdruck. »Nicht nur um das Kästchen wiederzufinden, ist mein Sohn nach China gereist, sondern auch, um bei der chinesischen Regierung vorstellig zu werden. Das deutsche Außenministerium hat ihm entsprechende Papiere mitgegeben, die seiner Aufgabe das Wohlwollen der chinesischen Regierung sichern.«

»Aber hoher Herr, das geht doch nicht!« rief der Mandarin. »Ich habe Ihnen doch offen erklärt, daß wir nicht im Auftrag der chinesischen Regierung das Kästchen zum Kauf anbieten!«

»Nein, nicht im Auftrag eigentlich«, sagte Wilbrandt. »Aber auch nicht ohne Wissen Ihrer höchsten Regierungsstellen. Weil China vor allen Dingen Geld braucht, um seine Reformen durchzuführen. Geld ist Ihrem Land augenblicklich nötiger als alte Kostbarkeiten, die von dem aufgeklärten China heute nicht mehr als so wertvoll angesehen werden. Haben Sie das nicht zu mir gesagt?«

»Doch – ja – gewiß, so habe ich gesprochen – so ähnlich«, wand sich Hoang-yü-tsing ratlos. »Aber ich habe natürlich nicht gedacht –. Ist Ihr Herr Sohn schon lange auf der Fahrt?«

»Gestern vor zwei Wochen ist er abgereist. Sie können leicht ausrechnen, wie weit er sich heute befindet.«

»Viel zu weit natürlich, um ihn zurückzurufen«, seufzte der Mandarin. »Aber –« ein Hoffnungsfunke glomm in seinen Augen auf, »wir wären sicher in der Lage, ihm bedeutend zu nützen, da Ihr Herr Sohn nun einmal nach China gereist ist. Wenn Sie uns nur sagen wollten, welchen Weg er eingeschlagen hat, mit welchen Persönlichkeiten er sich in China in Verbindung setzen wird – nicht wahr, verehrter Freund Kuo-sung-lien, wir wären in der Lage, ihm – Ihrem verehrten Herrn Sohn –« wandte er sich mit einer tiefen Verbeugung an Wilbrandt – »große Dienste zu leisten?«

»Jawohl, verehrter Freund Hoang-yü-tsing, wir wären dazu in der Lage«, murmelte der General mit einer Verbeugung.

Wäre der alte Herr statt Direktor eines Altertumsmuseums Polizeidirektor gewesen, hätte er in diesem Verlangen zweifellos manches seltsam und merkwürdig gefunden. Professor Wilbrandt aber war ein harmloser Gelehrter und fand in dem so dringend vorgetragenen Wunsch der beiden Chinesen nichts Auffallendes. Er erzählte ihnen mit der größten Offenheit alles, was er selbst wußte, worauf dann die beiden Herren Hoang-yü-tsing und Kuo-sung-lien sich auffallend hastig verabschiedeten, ohne noch einmal auf das Kästchen mit der Handschrift des Kon-fu-tse zurückzukommen.

*

Am Abend dieses Tages machte Professor Wilbrandt noch nach Dunkelheit einen Spaziergang durch die städtischen Anlagen, von dem er nicht zurückkehrte. Da er beim Abschied zu seiner Gattin gesagt hatte, er würde vielleicht an seinem Stammtisch ein Glas Wein trinken, dachte die alte Dame zunächst nichts Schlimmes, als ihr Gatte um elf Uhr noch nicht zurück war. Sie legte sich nieder und schlief bald ein. Wer aber beschreibt ihren Schrecken, als sie im Morgengrauen erwachte und das Bett neben dem ihren leer sah! Zunächst fiel sie in eine Art Ohnmacht – und nachdem sie sich wieder ein wenig erholt hatte, rief sie die Polizei an und erstattete Anzeige. Der diensttuende Kommissar suchte sie zu beruhigen und bemerkte lachend, der Herr Professor habe sicherlich gute Freunde getroffen und werde sich bei hellem Tage bestimmt wieder einstellen. Darauf wartete Frau Wilbrandt wiederum Stunde um Stunde. Gegen neun Uhr rief sie abermals bei der Polizei an. Diesmal nahm man die Sache ernsthafter und begann sofort mit den Nachforschungen.

*

Die Tür ging unhörbar auf – ein älterer, auf europäische Art gekleideter Chinese spähte zu dem Bett hinüber, das in einer Ecke des einfach eingerichteten Zimmers stand – und als er sah, daß der Mann im Bett müde die Augen öffnete, trat er ganz in das Zimmer herein und näherte sich händereibend dem Bett. Der Mann, der darin lag, richtete sich jäh auf, blickte fahrig umher und richtete dann seinen Blick auf den Fremden.

»Guten Tag, verehrter Herr Professor Wilbrandt!« grüßte dieser in leidlich gutem Deutsch und verbeugte sich tief. Und nachdem er sich wieder aufgerichtet hatte, lächelte er dem alten Herrn freundlich zu, wobei er zwei Reihen großer gelber Zähne sehen ließ. »Ich hoffe, daß es Ihnen gut geht. Wie fühlen Sie sich, verehrter Herr?«

»Wo bin ich hier?« fragte der Gelehrte mit schwacher Stimme.

»Oh, in voller Sicherheit. In einem Haus, wo man über Ihr Leben und Ihre Gesundheit mit größter Sorgfalt wacht.«

»Aber wie bin ich hierhergekommen? Und was soll ich hier? Seit wann befinde ich mich in diesem Zimmer? Wovon ist mein Kopf so schwer?«

»Viele Fragen auf einmal, wertester Herr«, lächelte der Chinese. »Sie erinnern sich also an nichts mehr? Sie befinden sich seit gestern abend hier. Während eines Spazierganges wurde Ihnen plötzlich schlecht. Gerade fuhr ein Auto vorüber, und der Insasse des Wagens, zufällig ein Bruder von mir, sah, daß Sie wankten, ließ den Wagen halten, und brachte Sie hierher. Wir gaben Ihnen ein Schlafmittel, davon ist Ihr Kopf noch ein wenig benommen. Aber sonst fehlt Ihnen nichts, das dürfen Sie mir ruhig glauben. Mein Bruder ist Arzt.«

Der Professor hatte während dieser Worte scharf das Gesicht des Chinesen beobachtet. Er schüttelte heftig den Kopf.

»Hören Sie mal, da stimmt was nicht! Ich wurde nicht ohnmächtig. Ich wurde noch nie in meinem Leben ohnmächtig. Ich erinnere mich dunkel – etwas geschah mit mir – etwas Gewaltsames. Es war an einer dunklen und einsamen Stelle des Stadtparks. Ich wurde von hinten angegriffen – man drückte ein Tuch mit Chloroform gegen mein Gesicht –«

Der Chinese schüttelte mit einem zutunlichen Lächeln den Kopf.

»Alles Träume, verehrtester Herr«, sprach er tröstlich. »Sie hatten diese Nacht ein wenig Fieber. Vielleicht gab mein Bruder Ihnen ein Schlafmittel, das Ihnen nicht gut bekommt. Aber die Sache ist ganz harmlos. Sie hatten durchaus nicht viel Fieber. Die einzige Folge waren Ihre bösen Träume. Aber das haben Sie ja nun überstanden. Kein Anlaß zu irgendwelchen Besorgnissen. Wenigstens zu keinen unmittelbaren. Haben Sie schon mal einen Schlaganfall erlitten?«

»Dummes Zeug! Nichts dergleichen!« Professor Wilbrandt geriet in Harnisch. »Hat man denn wenigstens meine Frau benachrichtigt?«

»Wir haben es uns überlegt«, antwortete der Chinese und zog seine Schultern bis an die Ohren in die Höhe. »Aber wir haben davon Abstand genommen. Wir haben gedacht –«

»Aber das ist denn doch unerhört!« rief der Gelehrte und schwang sein linkes Bein zum Bett heraus. »Gott, die Ärmste! In welcher Verfassung mag sie sein! Sofort werde ich nach Hause fahren!«

»Ausgeschlossen!« versicherte der Chinese und drängte den alten Herrn mit sanfter Gewalt und großer Körperkraft wieder ins Bett und in die Kissen. »Sie dürfen jetzt nicht von hier fort.«

»Ich muß! Meine arme Frau stirbt vor Angst und Aufregung!«

»Das wird schnell anders werden, wenn Sie mir ein kleines Briefchen an Ihre Gattin übergeben, in dem Sie der Dame mitteilen – nun – Sie hätten unbedingt und ganz dringend verreisen müssen –«

»Und würde – wann zurückkehren?« rief Wilbrandt erregt.

»Oh – von der Rückkehr würde ich an Ihrer Stelle augenblicklich noch nichts sagen. Die Sache liegt so – gesagt werden muß es ja doch, darum kann ich es Ihnen auch sofort sagen – wir haben den begründeten Wunsch, daß Sie noch für ein paar Tage bei uns bleiben, ohne daß jemand erfährt, wo Sie sich aufhalten. Übrigens – Sie gestatten, daß ich Ihnen meinen bescheidenen Namen nenne: Li-chu-ang. Ich bin von Beruf das, was man in Deutschland Bergingenieur nennt, habe auch in Deutschland studiert und natürlich viel gelernt, was ich in China gut ausnutzen kann. Natürlich – die Deutschen sind uns ja so ungeheuer überlegen.«

Das alles aber interessierte den Professor herzlich wenig. Er hörte kaum darauf hin, was der Chinese ihm anvertraute.

»Aber ich verstehe nicht!« fuhr er von neuem auf. »Warum soll ich denn eigentlich hier bleiben? Ich bin doch gar nicht krank.«

»Nun, wenn auch nicht«, meinte Li-chu-ang und lächelte versöhnlich. »Ihr hierbleiben ist auch weniger Ihretwegen als unseretwegen nötig.«

»Aber was wollen Sie denn von mir! Was soll ich hier!«

»Gar nichts. Sie sollen nur nicht im Museum sein. Wir haben dort eine Arbeit zu verrichten, bei der Sie uns stören würden, wenn Sie im Museum anwesend wären.«

»Aber das ist ja ganz unglaublich!« regte sich der Professor mehr und mehr auf. »Sie wollen mich gewaltsam hier festhalten, damit Sie ungestört das Museum ausrauben können?«

»Oh – ausrauben!« rief Li-chu-ang vorwurfsvoll. »Nein, mein hoher Herr, wir suchen etwas, das uns gehört und das nur aus Versehen in Ihren Besitz gekommen ist.«

»Das Kästchen mit der Handschrift des Kon-fu-tse?«

»Nein – das interessiert uns nicht – oder nicht viel, wir hätten nichts dagegen, wenn Sie es behielten, denn es ist ja doch nicht echt –«

»Nicht echt?« schrie der Gelehrte auf.

»Aber nein!« lächelte der Chinese nachsichtig. »Glauben Sie im Ernst, China würde die Handschrift verkaufen, wenn sie echt wäre? Es ist nur eine Nachahmung. Und es ist nicht die einzige. Wenn Sie zufällig hören sollten, daß bei einem reichen Amerikaner die Handschrift des Kon-fu-tse auftauchen sollte, so brauchen sich in Ihrem Inneren keine Neidgefühle zu bilden. Sie dürfen dann ruhig lachen. Wie gesagt, unseretwegen dürften Sie Kästchen und Inhalt ruhig behalten, wenn Sie uns nur herausgeben würden, was außer der Handschrift in dem Kästchen war.« Bei den letzten Worten belauerten die Augen des Chinesen gespannt das Gesicht des Gelehrten.

»Was außer der Handschrift in dem Kästchen war?« staunte Wilbrandt. »Außer der Handschrift war nichts darin – außer einem bißchen Staub.«

Li-chu-ang nickte vor sich hin, als gäbe er sich selbst die Bestätigung gewisser Vermutungen. Nachdenklich richtete er seinen Blick auf das erregte Gesicht des alten Herrn – und nach einer Weile sagte er:

»Ich bin keineswegs erstaunt, daß Sie es abstreiten. Es ist ja so menschlich. Vielleicht würde ich auch die Hand geschlossen halten, wenn mir durch Zufall der Plan einer reichen Kupfermine hineinschlüpfte – wie gesagt, vielleicht. Nicht sicher, verehrter Herr. Ich glaube, ich würde solch einen unrechtmäßig erlangten Schatz herausgeben. An den rechtlichen Eigentümer – und das bin ich in diesem Fall.«

Die Menschenkenntnis des Herrn Li-chu-ang schien nicht allzugroß zu sein, denn er hätte unbedingt bemerken müssen, daß das Staunen seines Gastes ernst war und nicht eine Schauspielerei. Er schien aber dafür kein Verständnis zu haben, denn seine Miene blieb nach wie vor überlegen, ein bißchen spöttisch, im ganzen aber durchaus freundlich.

»Hören Sie mal, von all Ihren Reden verstehe ich nicht ein Wort!« rief Wilbrandt aufgebracht.

»Seltsam! Sehr seltsam!« kopfschüttelte der Chinese. »Sie müssen doch die Handschrift genau betrachtet haben, denn man sagt, Sie hätten sogar etwas darüber geschrieben.«

»Habe ich auch!«

»Nun wohl. Um das zu können, mußten Sie den Inhalt des Kästchens aufs genaueste untersuchen. So genau, daß Ihnen der Plan unmöglich entgangen sein konnte.«

»Dann war er eben nicht mehr darin, als das Kästchen in meine Hände kam!«

Das Gesicht Li-chu-angs krampfte sich zusammen und verzerrte sich zu einer Grimasse, daß die geschlitzten Augen ganz unter den Backenwülsten verschwanden. Die Ursache aber schien keine zornige Regung zu sein, sondern mehr eine innere Unruhe, eine Sorge, Furcht, ein Schreck, ein großer quälender Zweifel.

»Sprechen Sie nicht solche Worte, verehrter hoher Herr!« stieß er heiser hervor. »Sie dürfen das nicht sagen! Glauben Sie nicht, ich wäre Ihr Feind – ich und die, die mit mir sind. Nie würden wir daran denken, Gewalt gegen Sie anzuwenden, wenn nicht der Plan der Kupfermine der Rest des ehemaligen Eigentums unserer Familie wäre. Der Plan gehört meinem Vater, der alt, krank und schwach ist. Wir waren reich, aber die Bürgerkriege haben uns arm gemacht. Wir besitzen nichts mehr als die Kupfermine. Ohne sie müssen wir verhungern. Mein Vater hat sie entdeckt. Sie liegt im Süden der Provinz Hunan, an verborgener, einsamer Stelle. Eine reiche Kupferader, o ja, sehr reich. Dabei noch Zinnerz. Alles gehört meinem Vater, der krank in China liegt und all seine Hoffnung auf seine Söhne setzt, auf mich und meinen Bruder. Ein ehemaliger Freund meines Vaters, der aber sein erbittertster Feind wurde, stahl ihm den Plan und verkaufte ihn für tausend Taels an einen hohen Beamten der Regierung. Tsin-huang-ti hieß er. Ein schlechter Mann, hoher Herr! Aber die Strafe hat ihn bald erreicht. Er ist von seinem Amt entfernt worden und mußte sich das Leben nehmen. Er hat den Plan in dem Kästchen der Handschrift des Kon-fu-tse versteckt. In der Handschrift, hoher Herr, die er selbst gefälscht hat. Warum er das getan hat, kann ich Ihnen, hoher Herr, nicht erklären, weil Sie Ausländer sind und es nicht begreifen würden. Mein Vater aber weiß es von einem alten Diener des Tsin-huang-ti, der beim Tode seines Herrn zugegen war. Tsin-huang-ti, der sich die Pulsadern aufgeschnitten hatte und dem Tode schon nahe war, befahl dem Diener, das Kästchen zu bringen, das in einem Schrank in der Wand verborgen war. Ferner befahl er ihm, nach seinem Tode das Kästchen an einer bestimmten Stelle abzugeben und zu sagen, daß darin der Plan eines wertvollen Schatzes – darüber verschied Tsin-huang-ti mitten im Wort. Mein Vater, der sehr barmherzig ist und damals noch wohlhabend war, hat den alten, schwachen Diener in sein Haus genommen, und aus Dankbarkeit hat dieser dem Todfeind seines früheren Herrn das Geheimnis von dem Kästchen anvertraut. – Dieses Kästchen ist in Ihre Hand gekommen, und nun stehe ich hier und bitte: geben Sie mir den Plan wieder und Sie sind frei. Und als Zeichen meines Dankes und meiner unbegrenzten Ergebenheit bitte ich Sie, ein Geschenk von mir anzunehmen, das hundertmal wertvoller ist als die gefälschte Handschrift: einen kostbaren Säbel. Er gehörte dem Kaiser Tao-kuang, der 1850 gestorben ist. Die Waffe ist eine Kostbarkeit, die Ihr Museum zieren und Sie für die hier erlittenen Unbequemlichkeiten reichlich entschädigen wird.«

Professor Wilbrandt hatte gespannt zugehört. Die Worte des Chinesen, die den Charakter strenger Wahrheit trugen, hatten einen starken Eindruck auf ihn gemacht.

»Was Sie mir da anvertraut haben, klingt sehr sonderbar – aber nicht unglaublich«, sagte er. »Ich zweifle nicht an Ihren Worten. Aber ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß ich von dem Plan nicht das geringste weiß.«

»Auch Ihr Herr Sohn nicht – der nach China abgereist ist?« fragte Li-chu-ang und bohrte seinen Blick in die Augen des Gelehrten.

»Was, mein Sohn?« rief der alte Herr entrüstet. »Sie glauben, er sei mit dem Plan nach China? Um ihn dort irgendwie zu verwerten?«

Der andere nickte langsam und mit innerer Überzeugung.

»Ja – das glauben wir. Das heißt – wir sind überzeugt davon.«

»Damit tun Sie mir und meinem Sohn großes Unrecht! Wir machen keine Sachen, die das Licht scheuen, verstehen Sie!«

»Aber Sie hatten doch die Absicht, das Kästchen zu kaufen«, wendete der Chinese ein und ein böser Zug trat in sein Gesicht. »Glauben Sie nicht, daß diese Angelegenheit auch das Licht scheut? Oder haben Sie im Ernst geglaubt, die chinesische Regierung würde das einzige Schriftstück von der Hand des Kon-fu-tse ins Ausland gehen lassen? Für lumpiges Geld?«

Der Professor war rot geworden.

»Daran habe ich auch gedacht, das gebe ich zu!« rief er. »Aber Ihre beiden Landsleute haben alle meine Bedenken zerstreut. Zuletzt war ich überzeugt, daß die Sache einwandfrei sei.«

»Ein Beweis, daß in Deutschland auch die bedeutenden Menschen von China nichts verstehen und wissen«, sagte Li-chu-ang und erhob sich von seinem Stuhl. »Sie werden nun Gelegenheit haben, darüber nachzudenken, was besser für Sie ist, den Plan herauszugeben, das bescheidene Geschenk entgegenzunehmen und in Ihre Wohnung zurückzukehren – oder hierzubleiben, bis wir Ihr Amtszimmer im Museum genau durchsucht haben. Sollten wir hier nichts finden, werden wir das ganze Museum durchsuchen, auch Ihre Wohnung, natürlich in den Nachtstunden. In solchen Dingen haben wir gewisse Erfahrungen. Ich habe Ihnen begreiflich gemacht, daß wir den Plan unter allen Umständen wiederbekommen müssen. Von allen Menschen auf der Welt können nur Sie ihn haben – Sie oder Ihr Sohn. Einer meiner Brüder wird noch heute abreisen, um sich an seine Fersen zu heften. Wir würden sehr schmerzlich bedauern, wenn jemand von Ihrer Familie bei unseren Bemühungen zu Schaden käme – Ihre Gattin – oder Ihr Sohn – oder Sie selber. Aber so leid uns das täte – wichtiger für uns ist die Wiedererlangung des Plans – was Sie zweifellos auch einsehen werden.«

»Ich werde das Gesetz anrufen!« schrie der alte Herr erbittert. »Wir befinden uns hier in Deutschland, nicht in der tibetanischen Wildnis.«

»Für Sie ist es augenblicklich geradeso, als befänden Sie sich in der tibetanischen Wildnis, verehrter Herr. Weil Ihnen keine Möglichkeit zur Verfügung steht, die berühmte und zweifellos ausgezeichnete deutsche Polizei auf sich aufmerksam zu machen. Das Fenster ist, wie Sie wohl schon bemerkt haben, vergittert und zugenagelt. Die Räume über, unter und neben diesem Zimmer sind von den Unsrigen bewohnt. Sie könnten den größten Lärm vollführen, niemand würde Sie hören. Glauben Sie mir, wertester Herr, es bleibt Ihnen durchaus nichts anderes übrig als meinen Willen zu erfüllen.«

»Aber wenn ich nun doch nicht dazu in der Lage bin, zum Donnerwetter nochmal!« tobte der Professor. Li-chu-ang aber machte nur eine schwache Bewegung mit der Hand, die diesen letzten Einspruch gegen drohende Gefangenschaft ganz einfach aus der Welt der Tatsachen ausstrich. Er ging hinaus, und Wilbrandt hörte, wie die Türe verschlossen wurde.


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