Autorenseite

 << zurück weiter >> 

15.

Ben Rubber und Heinz Wilbrandt saßen unauffällig auf ihrem Auslug, um die Botschaft Käschs zu erwarten. Ta-pi-kang war auf Kundschaft ausgegangen. Die beiden Freunde saßen sich schweigend gegenüber, und Ben Rubber betrachtete aufmerksam und forschend das Gesicht des Deutschen.

»Sagen Sie mal, lieber Freund, was ist eigentlich mit Ihnen los?« begann er nach einer Weile. »Ich beobachte Sie seit Tagen und sehe, daß Sie immer blasser werden, nichts essen, matt sind –«

»Ja – Mister Rubber – Sie haben recht – es ist so«, gestand Heinz Wilbrandt und seufzte. »Seit Tagen kämpfe ich dagegen an – aber – ich fürchte, ich bin krank.«

»Aber nein!« rief der gute Ben bestürzt. »Was haben Sie denn? Was fehlt Ihnen? Sie sind Arzt und müssen das wissen.«

»Ich fürchte, ich weiß es auch«, nickte der Deutsche bedrückt. »Wissen Sie, bester Freund – die Reise durch Schantung – die manchmal sonderbaren Speisen – das nicht einwandfreie Wasser –«

»Mein Gott – Sie wollen doch nicht sagen – Ruhr?«

»Ruhr nicht – aber – Typhus – Paratyphus. Ich kann noch nicht bestimmt sagen, daß es so ist«, setzte er schnell hinzu, als er Rubbers entsetzte Miene sah. »Vielleicht ist es nur eine starke Magenverstimmung. Aber ich muß zugeben, daß mir erbärmlich schlecht ist.«

»Aber dann müssen Sie Whisky trinken, möglichst viel guten Whisky!« riet Ben Rubber eifrig, »Whisky ist ein großartiges Heilmittel gegen alle möglichen Krankheiten.«

Eine Behauptung, zu der der Deutsche nur lächelte – aber nicht sehr vergnügt. »Dennoch trinken Sie keinen«, bemerkte er.

»Ich? Natürlich nicht, denn ich bin ja nicht krank. Für einen gesunden Menschen ist Schnaps Gift, das können Sie mir glauben.«

Wilbrandt hatte zu dieser Belehrung nichts zu bemerken und es entstand ein langes und bedrücktes Schweigen. Dieses wurde plötzlich durch einen langgezogenen, schrillen Pfiff unterbrochen. Die beiden Männer fuhren empor – der Pfiff war das mit Käsch verabredete Zeichen. Im Nu waren sie draußen. Käsch stand atemlos vor ihnen.

»Er ist da – eben angekommen – der aus Europa. Er wartet am Grabmal. Ich muß jetzt zu Tso-tsing-wu. Um Gottes willen Vorsicht!« Und er rannte eiligst davon.

Ta-pi-kang war noch nicht zurückgekehrt. Doktor Wilbrandt warf ein paar Worte für ihn auf ein Papierblatt, dann begaben die beiden sich eiligst auf den Weg zum Totenhain.

Je mehr sie sich der verabredeten Stelle näherten, um so vorsichtiger schritten sie vorwärts. Auf dem Friedhof trennten sie sich, um sich von zwei verschiedenen Seiten an den Grabhügel heranzuschleichen.

Da Heinz Wilbrandt sich dem Grabmal auf geradem Weg näherte, war sein Weg kürzer. Nichts Lebendiges sah er auf dem weiten Gräberfeld, als die lautlosen Schatten der sich hin und her bewegenden Baumwipfel. Bald erblickte er den riesigen grasbekleideten Grabhügel des Kon-fu-tse vor sich. Doch auch hier war kein Mensch zu erblicken, hinter einer starken Eiche verborgen, verharrte Wilbrandt ein paar Minuten unbeweglich und lautlos, den Ort der Zusammenkunft beobachtend.

Schon begann er ungeduldig zu werden und war gerade im Begriff, seinen Posten zu verlassen, als ein leises Hüsteln durch die Stille tönte. Gleichzeitig bemerkte der Beobachter, daß hinter der großen Gedenktafel auf der Grabspitze für einen Augenblick der Saum eines gelben Gewandes sichtbar wurde.

Nun schlich sich Wilbrandt, so tief wie möglich niedergebeugt, seitlich um den Grabhügel herum. Es gelang ihm, unbemerkt eine riesige Zypresse zu erreichen, hinter deren dickem Stamm er sich gut verbergen konnte, von seinem Versteck aus konnte er den geheimnisvollen Freund von Tso-tsing-wu gut von der Seite sehen. Jener brauchte nur ein wenig den Kopf herüberzudrehen, und der Beobachter hätte sein Gesicht gesehen. Doch der Geheimnisvolle stand unbeweglich, mit dem Rücken gegen den Gedenkstein gelehnt, und starrte vor sich nieder. Er war in ein reiches gelbseidenes Gewand gekleidet, und Wilbrandt bemerkte zu seinem nicht geringen Erstaunen auf der Kopfbedeckung den blauen Knopf des Mandarinen.

Da der Chinese den Kopf ein wenig nach rechts gesenkt hielt, der Beobachter aber an seiner linken Seite stand, konnte dieser nur einen schmalen Streifen seiner linken Wange und das Ohr sehen, Wilbrandt wartete ungeduldig, daß jener ein wenig den Kopf wendete, um sich zu überzeugen, ob jener Mann der Zauberer Lui-ping-shen sei oder nicht. Doch seine Geduld wurde auf eine schwere Probe gestellt, denn der in Gedanken versunkene Chinese lehnte lange Zeit unbeweglich an dem Grabdenkmal, so starr wie der graue verwitterte Stein.

Da – Wilbrandt zuckte unwillkürlich zusammen. Hatte er in seiner Spannung zu laut geatmet – oder weckte die Gewalt seiner Gedanken die Seele des Nachdenklichen aus ihrer Versunkenheit? Mit einem Ruck wandte der Geheimnisvolle den Kopf nach links. Wilbrandt fuhr zurück. Hatte jener ihn bemerkt? Würde er jetzt herankommen? Wenn ja – was wollte er dann sagen – was tun? Unfähig, seine Ungeduld zu bemeistern, beugte Wilbrandt seinen Kopf vor. Nein – der Chinese hatte nichts gehört – nichts bemerkt. Er stand noch ebenso unbeweglich dort wie vor Sekunden. Doch war jetzt sein Kopf in die Höhe gerichtet, als beobachte er eine der ziehenden Wolken. Wilbrandt konnte in Ruhe jeden Zug dieses Gesichtes studieren – und er begann zu beben vor Erregung. Denn es konnte kein Zweifel bestehen: jener Mann war niemand anders als Lui-ping-shen, der Zauberer. Wer einmal dieses hagere, harte, raubvogelartige Gesicht längere Zeit auf der Bühne gesehen hatte, der konnte es nicht wieder vergessen.

Also hatte Wilbrandt den Räuber vor sich – oder, wenn nicht den Räuber selbst, dann den Mitwisser, vielleicht Auftraggeber – den einzigen Menschen auf Erden vielleicht, der über den Verbleib des gestohlenen Kästchens Aufschluß hätte geben können. Ein fieberhaftes Verlangen kam über Wilbrandt, sich auf den Menschen zu stürzen – ihm das Geheimnis zu entreißen. Doch vor seinen Augen erschien das ruhige Gesicht seines Freundes Rubber, warnend, zur Vernunft ratend – und gewaltsam drängte er sein törichtes Verlangen zurück. Nur List und größte Vorsicht konnten hier zum Ziel führen. Regungslos verharrte er hinter dem Zypressenstamm, der Dinge harrend, die da kommen sollten.

Nun hörte er Schritte. Vorsichtig lugte er hinter dem Baumstamm hervor. Da sah er Tso-tsing-wu, der sich hastig und mit langen Schritten näherte. In kurzer Entfernung folgte ihm Käsch, der unruhig und scheu umherblickte.

Der Mann auf der Grabspitze mußte wohl die Schritte gehört haben, denn er wandte sich langsam um und trat einen Schritt vor. Die Blicke der beiden begegneten sich, und der Ankommende verschränkte die Arme auf der Brust und verbeugte sich fast bis zur Erde. Lui-ping-shen erwiderte die Begrüßung, aber ein wenig oberflächlicher und lässiger. Tso-tsing-wu wandte sich um und winkte Käsch zu, zurückzubleiben. Dann eilte er auf den Wartenden zu und beide begrüßten sich auffallend herzlich. Doch auch jetzt war für den Beobachtenden noch ein gewisser Abstand zwischen den beiden zu erkennen. Wilbrandt bemerkte die Hoheit des Mandarinen und die Ergebenheit des Pekinger Raritätenhändlers.

Nun entspann sich zwischen den beiden Chinesen ein ernstes Gespräch, von dem der Beobachter nicht einmal den Klang der Stimmen zu vernehmen vermochte. Dennoch wurde das Gespräch offenbar mit Leidenschaft und einer gewissen Erbitterung geführt, wie der Beobachter deutlich erkennen konnte. Aber diese Erbitterung richtete sich nicht gegen den Genossen, wie klar zu erkennen war.

Wilbrandt befand sich in großer Unruhe. Sollte das ganze Gespräch so verlaufen? Zwar hatte er nicht gehofft, daß die Unterhaltung so laut und in einer für ihn verständlichen Sprache geführt würde, daß er daraus klug geworden wäre. Aber er hatte damit gerechnet, daß es Käsch gelingen werde, das Gespräch zu belauschen. Wie bedauerte er nun, daß Ben Rubber nicht bei ihm war! Sie hätten sich verständigen, irgendwelche Entschlüsse fassen können. Er überlegte allen Ernstes, sich rückwärtszuschleichen und sich mit dem Amerikaner zu verständigen. Da sah er, daß die beiden von dem Hügel herabkletterten. Langsam schritten sie durch die Reihen der Gräber. Dabei kamen sie so dicht an der Zypresse vorüber, hinter der sich der Beobachter so schmal wie möglich machte, daß dieser die Stimmen der Chinesen hören konnte. Sie unterhielten sich in ihrer Landessprache, und der Lauscher verstand nicht ein einziges ihrer Worte, obwohl er sich in letzter Zeit mit dieser Sprache solche Mühe gegeben hatte.

Dort seinem Versteck aus beobachtete Wilbrandt jede ihrer Bewegungen. Sie gingen dicht an Käsch vorüber, der seitwärts am Wege auf dem Rasen kauerte, nahmen aber nicht die geringste Notiz von ihm. Als die beiden sich weit genug entfernt hatten, ohne sich ein einziges Mal umzusehen, folgte Wilbrandt ihnen vorsichtig, Büsche und Grabhügel als Deckung benutzend. Bald war er an der Seite seines Dieners angelangt.

»Hast du was gehört, Käsch?«

»Nur ein paar Worte, als sie eben an mir vorübergingen. Sie gehen jetzt in den Tempel, um vor dem Bilde des Kon-fu-tse Kotau »Kotau machen« ist eine uralte chinesische Sitte, darin bestehend, daß der Beter sich niederwirft und mit dem Kopf den Boden berührt; auch Zeichen der Ehrerbietung vor Lebenden, des Dantes usw. zu machen.«

»Ich werde Ihnen in den Tempel hinein folgen«, flüsterte der Deutsche.

»Seien Sie ja vorsichtig, Herr!« flüsterte der junge Chinese ängstlich. »Der eine ist ein vornehmer Mann, ein Mandarin. Er trägt einen blauen Knopf.«

»Ein Spitzbube ist er, so wahr ich lebe«, brummte Wilbrandt. »Ich kenne ihn wieder. Es ist der Zauberer Lui-ping-shen, der in Europa Vorstellungen gegeben hat. Kannst du ihre Sprache verstehen?«

»Gewiß, Herr, sie sprechen den Pekinger Dialekt.«

»Willst du nicht versuchen, sie zu belauschen? Sie sind vertieft in ihr Gespräch und werden dich nicht sogleich bemerken.«

»Wenn Sie mich bemerken, schlägt Tso-tsing-wu mich tot«, murmelte Käsch.

»Das wird bestimmt nicht geschehen, denn wenn er dir zu nahe kommen will, dann flüchtest du und kommst zu mir.«

»Dann will ich es gerne versuchen«, nickte Käsch und entfernte sich eiligst.

Die beiden Chinesen waren inzwischen aus dem Blickbereich Wilbrandts verschwunden. Er wartete noch eine weile, bis Käsch sich ein Stück weit entfernt hatte, und folgte ihm dann. Beim Ausgang des Friedhofs angekommen, sah er zunächst in der Nähe des Tempels niemand. Nach einem Augenblick aber hörte er einen leisen Pfiff, der ihm wohlbekannt war. Er drehte sich herum und erblickte im Schatten der den Tempel umgebenden breiten Veranda seinen Freund Ben Rubber. Er winkte dem Deutschen lebhaft zu und der eilte an seine Seite.

»Sie sind drin«, flüsterte Ben Rubber aufgeregt. »Käsch ist hinter ihnen her. Wollen wir auch hinein?«

»Ist das nicht zu gefährlich? Sie könnten uns bemerken.«

Der Amerikaner hob die Schultern. »Gewiß – aber die Sonne ist dem Untergang nahe. Im Tempel herrscht jetzt starke Dämmerung. Dicke Säulen stehen dicht beieinander. Wir könnten es wohl versuchen.«

Wilbrandt war einverstanden. Mit leisen Schritten schlichen sie sich um den Tempel herum zum Eingang. Rubber beugte lauschend seinen Kopf vor, um einen Blick ins Innere des Tempels zu werfen. Doch hastig fuhr er zurück. Ein dunkler Schatten tauchte vor ihm auf. Über es war Käsch, der aus der Dämmerung des Tempels hervortrat.

»Schnell fort!« stieß er atemlos hervor. »Sie kommen!«

Ben Rubber warf einen schnellen Blick umher. Dann deutete er auf die Veranda. Wilbrandt begriff. Mit einem kleinen Sprung erreichten ihre Hände die untere Kante der Veranda – ein Klimmzug – und sie befanden sich oben. Dicht nebeneinander hockten sie nieder, gerade über der Tempelpforte, von der Brüstung der Veranda verborgen. In dieser Stellung verharrten sie wohl an die fünf Minuten regungslos und mit verhaltenem Atem. Nichts war zu hören, noch zu sehen. Wilbrandt fühlte seine Beine erlahmen. Schweiß brach ihm aus allen Poren.

»Was sollen wir tun?« flüsterte er Rubber zu.

»Warten«, antwortete dieser.

»Wenn Käsch einmal hinabstiege und nachsähe, was sie machen?«

Der Amerikaner schüttelte entschieden den Kopf, »Warten!« formte er lautlos mit den Lippen.

In diesem Augenblick berührte Käsch leise den Arm Wilbrandts.

»Pst – ich höre Schritte!« hauchte er.

Der Deutsche strengte seine Gehörnerven an, doch er vernahm nicht das geringste Geräusch. Die Spannung und Unruhe trieben ihm das Blut stürmisch durch die Adern.

Plötzlich ertönte in nächster Nähe die unangenehm näselnde Stimme Tso-tsing-wus. Ben Rubber warf dem Deutschen einen Blick der Genugtuung zu. Käsch beugte den Kopf soweit wie möglich vor, um dem Gespräch folgen zu können. Nun sprach Lui-ping-shen. Seine Sprache hatte einen harten Klang und war gut zu verstehen.

Wilbrandt pries im stillen die Vorsicht und Ruhe seines Freundes; denn es war kein Zweifel, daß die beiden Chinesen seit Minuten dicht unter ihnen auf den Stufen des Tempels saßen und also das geringste Geräusch hätten vernehmen müssen, das zu ihren Häupten auf der Veranda hörbar geworden wäre.

Es entspann sich nun eine lange Unterredung zwischen den beiden Chinesen. Nun war es fast nur Lui-ping-shen, der sprach. Der Deutsche gab sich die größte Mühe, zuzuhören, um aus dem Gespräch irgend etwa vorkommende Namen von Personen oder Städten herauszuhören. Doch seine Bemühungen waren ohne jeden Erfolg. Käsch dagegen schien das Gesprochene ziemlich gut verfolgen zu können, wie aus seinem stets wechselnden Mienenspiel zu erkennen war. Auch jetzt wieder war in den Reden der Männer eine starke Erregung zu erkennen, doch es handelte sich dabei nicht um Feindseligkeit. Unter sich waren die beiden offenbar völlig einig. Doch sie mußten wohl aufregende Dinge miteinander besprechen, denn Käsch warf den beiden Weißen hin und wieder Blicke zu, in denen sie ebensoviel Erregung wie Entsetzen wahrnahmen.

Dann trat eine kurze Pause in dem Gespräch ein. Die beiden Chinesen schienen sich über den Gegenstand ihres Gesprächs einig zu sein. Nach einer Weile begann Lui-ping-shen wieder zu sprechen, diesmal aber in leichtem lachendem Plauderton. Rasch beugte sich dicht zu Wilbrandt hinüber.

»Er erzählt, wie er mit seinen Zauberkünsten die weißen Teufel in Erstaunen gesetzt hat«, hauchte er ihm ins Ohr.

Wilbrandt forderte ihn durch einen Blick zu äußerster Aufmerksamkeit auf. Er hätte in diesem Augenblick vieles darum gegeben, die Sprache dieses Landes völlig zu beherrschen. Mit Spannung beobachtete er das Gesicht seines Dieners. Dieses zeigte immer deutlicher den Ausdruck großer Erregung. Nach einer Weile erhob sich Käsch unhörbar und beugte sich ein wenig über die Brüstung. Ein Aufleuchten ging über sein Gesicht. Er winkte Wilbrandt mit den Augen – legte aber dabei warnend den Finger auf die Lippen. Der Deutsche erhob sich ebenfalls – spähte über die Brüstung – sah die Gesichter der beiden, die sich über einen Gegenstand beugten, den Tso-tsing-wu in Händen hielt. Den Gegenstand selbst konnte Wilbrandt nicht sehen, da ihm die Schulter des Zauberers im Wege war. Er sah aber die Gesichter der beiden, die von dem rötlichen Strahl der untergehenden Sonne überflutet waren – das habsüchtige, verschlagene, harte Gesicht Tso-tsing-wus – und das spöttische, schlaue Lui-ping-shens.

Da machte dieser eine Wendung mit seinem Oberkörper – und was sah Wilbrandt in den Händen des anderen? – Das seinem Vater gestohlene Kästchen mit der nachgeahmten Handschrift des Kon-fu-tse!

Fast hätte die Erregung ihm einen Aufschrei entrissen, vor seinen Augen begann es zu flimmern. Alles drehte sich um ihn. Aber mit Gewalt riß er sich zusammen. Was tun? Die Gedanken wirbelten in ihm durcheinander. Er war zu kühler Erwägung nicht fähig. Er dachte nur eins – dort unten waren zwei Männer, die den Gegenstand in Händen hielten, der die Ehre seines Vaters ausmachte und hinter dem er nun seit Wochen herreiste, um ihn zurückzuerlangen. Und sie waren zu dritt. Ein Sprung – ein Griff – und er war Sieger –

Dem unüberlegten Plan folgte auf dem Fuß die unüberlegte Tat. Heinz Wilbrandt schwang sich auf die Brüstung der Veranda, vier Hände griffen nach ihm. Doch es war zu spät – schon war er im Absprung begriffen. Die versuche der beiden anderen, ihn an einer Torheit zu verhindern, bewirkten nur, daß der Absprung mißlang – daß Wilbrandt so unglücklich unten anlangte, daß er mit einem verletzten Fußgelenk unten umsank.

In das Geräusch des Falles mischte sich ein doppelter Aufschrei der beiden Chinesen, die aufs äußerste erschrocken aufsprangen.

Trotz seiner Fußverletzung erhob sich Wilbrandt und griff nach dem Kästchen, das Tso-tsing-wu noch in Händen hielt, mit seinen langen dürren Fingern umkrallte, wobei er den Weißen wie entgeistert anstarrte. Doch im Bruchteil einer Sekunde erkannte er den Fremden – seine abergläubische Furcht vor einem bösen Geiste war von ihm gewichen – und mit einer blitzschnellen Bewegung brachte er das Kästchen in Sicherheit. Lui-ping-shen sprang Wilbrandt von hinten an und umklammerte seine Kehle.

Da plumpste neben der Gruppe eine zweite Gestalt auf den Boden, glücklicher als der Deutsche. Tso-tsing-wu stieß einen Schrei aus, als er in dem Amerikaner den Genossen des einen weißen Teufels erkannte. Lui-ping-shen ließ Wilbrandt los und beide rannten davon, Wilbrandt, ganz von dem Trieb erfüllt, das Kästchen in seinen Besitz zu bringen, versuchte, die beiden zu verfolgen, doch schon beim ersten Schritt brach er, ächzend vor Schmerz, auf den Tempelstufen zusammen.

»Ihm nach, Mister Rubber – ich beschwöre Sie – ah –«

»Nanu – was haben Sie denn?« verwunderte sich Ben Rubber, als er sah, daß sein Freund wie entgeistert hinter den beiden herstarrte.

»Sehen Sie – dort –«

»Tso-tsing-wu?«

»Nein – der andere – der Zauberer –«

»Na ja, ich sehe. Er reißt aus, als triebe ihn der Böse. Guter Läufer, der alte Bursche. Läuft aber sonderbar – ho – zum Lachen

»Er ist es – der Dieb – der Diener Yü-su!« schrie Wilbrandt.

»Ich denke, es ist der Zauberer Lui-ping-shen?«

»Ja, auch der Zauberer –« stöhnte der Deutsche.

»Oh – lieber Gott!« rief Ben Rubber mitleidig und erschrocken, ergriff die Hand Wilbrandts, fühlte nach dem Puls und legte die andere Hand dem Erregten auf die Stirn. »Fieber«, stellte er betrübt fest und schüttelte besorgt den Kopf, »vermutlich ausbrechende Gehirnentzündung – durch den dummen Sprung!«

»Unsinn, Mister Rubber!« rief Wilbrandt zornig. »Lassen Sie jetzt diese Faxen. Zum Kranksein habe ich keine Zeit. Es ist so, wie ich sage. Der Chinese ist Lui-ping-shen und Yü-su in einer Person. Ich habe ihn an seinem Gang wiedererkannt – Himmel, das muß Ihnen doch klar sein!« schrie er wütend, als er die ratlose und besorgte Miene des Amerikaners sah. Käsch stand auch dabei und blickte ratlos von einem zum anderen.

Wilbrandt erkannte, daß er zu viel verlangte, und daß der Freund aus seinen halben Sätzen tatsächlich seine Gedanken nicht erraten könne. Da zwang er sich zur Ruhe.

»Hören Sie mal gut zu, Mister Rubber«, sagte er möglichst ruhig. »Sie erinnern sich aus meinen Erzählungen, daß der Zauberer Lui-ping-shen einen Diener hatte, der Yü-su hieß. Wir waren der Überzeugung, daß dieser Diener das Kästchen aus dem Arbeitszimmer meines Vaters entwendet hätte. Sie erinnern sich, daß ich den vermutlichen Dieb auf seiner Flucht eingeholt hätte, wenn er nicht rechtzeitig die Altstadt erreicht und in dem Gewirr von Gassen und Gäßchen verschwunden wäre –«

»Ah – jawohl – stimmt!« rief Ben Rubber, der inzwischen erkannt hatte, daß es vorläufig im Kopf seines Freundes noch ganz richtig zuging. »Erinnere mich sehr gut. Der Zauberkünstler hat nachher behauptet, sein Diener Yü-su sei abgereist –«

»Ganz recht. Vielleicht erinnern Sie sich auch meiner Bemerkung, daß ich jenen Flüchtling aus allen anderen Menschen an seinem Gang wiedererkennen würde. Nun, das ist eben geschehen. Lui-ping-shen ist derselbe Mann, den ich damals durch mehrere Straßen verfolgte. Eben fällt mir ein, daß man niemals beide, Herrn und Diener, zusammengesehen hatte. So sagte man mir in dem Hause, wo Lui-ping-shen wohnte. Daraus geht also hervor, daß der Zauberer eine Doppelrolle gespielt hat – zu irgendeinem Zweck natürlich. Lui-ping-shen hinkte auf der Bühne so sehr, daß er immer mehrere Gehilfen als Handlanger nötig hatte. Der vor mir fliehende Dieb hinkte nicht, zog aber auf merkwürdige weise das linke Bein beim Gehen nach –«

»Ist mir auch aufgefallen!« rief Ben Rubber, »würde diesen Gang auch überall in der Welt wiedererkennen.«

»Warum also spielt der wann eine Doppelrolle?« fragte Wilbrandt, und vor Aufregung vergaß er die stechenden Schmerzen in seinem Fuß.

»Das kann ich Ihnen sagen«, bemerkte Rasch. »Ich hab's aus seinen Worten herausgehört. Seinen Diener Yü-su hat er überall dort beschuldigt, wo etwas nicht in Ordnung war – wie auch bei dem Diebstahl des Kästchens. Er konnte nicht in Verdacht kommen. Der Dieb war Yü-su.«

»Und den konnte er nach Belieben verschwinden lassen!« rief der Deutsche. »Die Sache ist ganz klar für mich.«

»Ha, da fällt mir etwas ein!« rief der Amerikaner und schlug sich vor die Stirn, »Wissen Sie noch – im Laden des Tso-tsing-wu – erst war er ganz demütig. Aber auf einmal packte ihn der Satan – und wissen Sie noch, bei welcher Gelegenheit? Als ich ihn fragte, wie das mit dem Diener Yü-su wäre! Ganz klar, da wußte er, daß unsere Angaben, wir seien mit Lui-ping-shen gut bekannt, Schwindel waren.«

»Weiß Gott – ja – so ist es!« murmelte Wilbrandt. »Auf! Wir müssen den Kerlen unbedingt nach!« Er erhob sich, doch mit einem Aufstöhnen sank er Rubber in die Arme.

»Es hat keinen Zweck, alter Freund«, brummte der Amerikaner mitleidig, »vorläufig hat das Schicksal uns ein halt zugerufen. Lassen Sie sich mal den Stiefel ausziehen!«

Das gelang unter vielem Zerren und Ziehen und großen Schmerzen für den armen verunglückten, Wilbrandt untersuchte den Fuß und fand, daß dieser zwar nicht gebrochen war, daß er aber eine böse Sehnenzerrung erlitten hatte. Er war sich darüber klar, daß er für eine Reihe von Tagen an Bett und Stuhl gefesselt war. Mehr Sorge aber bereitete ihm sein übriger körperlicher Zustand. Er fühlte deutlich, wie die Krankheit in seinem Innern wühlte. Er war der Verzweiflung nahe.

»Na, bester Freund, da hilft nun alles nichts«, tröstete ihn der gutmütige Ben Rubber. »Diesmal können wir eben unsere Trümpfe nicht anbringen. Aber wir kommen mal wieder ans Ausspielen. Fassen wir die beiden heute nicht, dann fassen wir sie morgen. Können Sie nicht gehen, so können Sie doch reiten. Wozu haben wir denn unsere guten Pferdchen! Ich werde mit Hilfe von Ta-pi-kang und Käsch das Wild aufspüren, und ist die Jagd im Gang, dann holen wir Sie und dann – drauf auf den Feind! Sie sollen sehen, das wird ein großer Spaß.«

Wilbrandt lächelte trübe. Er allein fühlte die Schmerzen und das Fieber in seinem Körper, von dem verletzten Fuß gar nicht zu reden.

*

Unter vielen Mühen und Schmerzen für Wilbrandt hatte man ihn nach Hause geschafft und bequem gebettet. Still lag er auf dem Rücken, kalte Kompressen um den Fuß gewickelt und ein nasses Leinentuch auf der Stirne. Ihm war entsetzlich schlecht. Er fühlte, wie das Leiden, das er seit Tagen zu übersehen bemüht war, nun mit verdoppelter Gewalt über ihn kam. Ben Rubber saß an seiner Seite, erneuerte die Umschläge und glaubte dem Kranken durch eifriges Zureden Mut und Hoffnung verschaffen zu müssen. Unermüdlich sprach er auf den Freund ein, der mit geschlossenen Rügen und unbeweglich dalag. Um den Kranken aufzuheitern, flocht er geschickt alle Witze und Späße, deren er in seiner Erinnerung habhaft werden konnte, in seine Reden ein.

Wer aber beschreibt seinen Schreck, als er bemerken mußte, daß Wilbrandt gar nicht zuhörte! Denn als der gute Ben eine Frage an ihn richtete, und, da er keine Antwort bekam, den Kranken ein wenig rüttelte, da öffnete jener die Augen und starrte ihn an, daß der besorgte Pfleger deutlich genug erkannte, daß jener seinen Reden nicht gefolgt war. Erst wurde er wütend, dann, als er sich sagte, daß es unchristlich sei, gegen einen kranken Freund Gefühle der Wut zu hegen, wurde er weichmütig. Er machte nun ein Gesicht wie eine kranke Henne, die Eier legen möchte und nicht kann. Aber er tat seine Pflicht. Er redete sich auf einmal ein, daß so ein Kranker tüchtig essen und trinken müsse. Also bemühte er sich, allerlei Nahrungsmittel in den Pflegling hineinzupressen. Doch auch diese wohlgemeinten Bemühungen mißlangen. Er beschwor Heinz Wilbrandt im Namen der Vernunft, der Pflicht, der Freundschaft, den Mund zu öffnen und zu essen, was er ihm anbot. Gute Sachen, in bequeme Bissen zerlegt. Der Kranke aber wollte nicht. Heinz Wilbrandt war soweit gekommen, daß ihm alles gleichgültig war. Er glaubte, er müsse sterben. Eine unerträgliche Hitze umgab ihn. Er hatte das Gefühl, als schwämme er in heißen, erstickenden Dämpfen, in denen er gekocht werden sollte.

Mit aller Macht versuchte er, seine Gedanken zusammenzuhalten. Er hatte die seltsame Überzeugung, nicht mehr leben zu können, sobald er nicht mehr folgerichtig denken könne. Aber gerade das wurde ihm immer schwerer. Er lag mit halbgeschlossenen Augen, sah nur einen schmalen Streifen wand, der von zwei helleren Stellen unterbrochen wurde. Dieser graue Streifen mit seiner Eintönigkeit ärgerte ihn immer mehr. Er hätte nur die Augen zu schließen brauchen, um ihn nicht mehr zu sehen. Doch es gehörte zu seinen Vorstellungen, daß er das unter gar keinen Umständen tun dürfe.

Aber da gab es noch mehr des Unangenehmen. Er hatte das Gefühl, auf seiner Stirn stände ein Nagel mit scharfer Spitze. Und irgendeine böse Hand preßte diesen fürchterlichen Nagel immer tiefer in seine Stirn herein. Ganz deutlich fühlte er plötzlich den Sitz seines Gehirns. Und er fand das überaus sonderbar, da doch der Mensch zwar weiß, wo sein Gehirn ist, es aber doch nicht fühlt. Heinz Wilbrandt aber fühlte es ganz deutlich, denn sein Hirn war wie eine kochende und brodelnde Masse in seinem Kopf. Und immer näher zum Hirn hin drängte sich der verwünschte Nagel. Der Kranke aber wußte: drang dieser Nagel soweit vor, daß er das Hirn berührte, dann war das unausweichlicher Tod. Gar zu gern hätte er die Hand gesehen, die ihm diesen wahnsinnigen Schmerz antat. Er wußte auch, daß er seine Augen nur ein bißchen mehr hätte zu öffnen brauchen, und er hätte die Hand gesehen. Aber das tat er nicht, weil er eigensinnig auf der Meinung beharrte, nur solch einen schmalen Spalt breit dürfe er die Augen offenhalten, um eben den grauen Streifen sehen zu können.

Und über all diesen Schmerzen schwebten andauernd dumpfe Beschwörungsworte eines Menschen, der an seinem Bett saß. Der mit furchtbar eintöniger Stimme immer wieder denselben Trostsatz murmelte – hundertmal – tausendmal. Wer mochte das wohl sein? Wilbrandt hätte es gar zu gern gewußt, doch um es festzustellen, hätte er seinen Kopf ein wenig drehen müssen. Das tat er aber nicht. Lieber strengte er seine Gedanken aufs äußerste an, um zu erraten, wer jene immer sich wiederholenden Worte zu ihm sprach. Und endlich hatte er es heraus. Lui-ping-shen war es, der verwünschte Zauberkünstler. Und was er da immerfort so vor sich hinmurmelte, das waren ja gar keine Beschwörungen, sondern höchst verderbliche Zaubersprüche, die die heißen Dämpfe, in denen er schwamm, zu immer größerer Siedehitze brachten. Dabei lag die Hand des boshaften Chinesen immerfort schwer auf dem Nagel, der immer tiefer und tiefer in seinen Schädel eindrang und – das hatte noch gefehlt! – unter der Hand des Chinesen glühend wurde.

Und nach einer ungewissen Zeit bemerkte Heinz Wilbrandt, daß Lui-ping-shen nicht allein am Bette saß. Da war noch ein Mensch, der hielt ihm fortwährend eine Schüssel vor den Mund und wollte ihm daraus zu essen geben. Und das war Tso-tsing-wu. Mit einem langen, spitzen Eßstäbchen stach er andauernd in die Schüssel hinein und brachte etwas Weißes zum Vorschein, vor dem Wilbrandt sich immer aufs äußerste entsetzte. Denn sobald der ekle Bissen in die Nähe seiner Lippen kam, verwandelte sich die Speise in eine langgeschwänzte weiße Maus, die mit pfeifen entsprang.

Durch diese fortdauernde Bedrängnis seitens der beiden Gegner wurde der arme Kraule immer schwächer, so daß er deutlich fühlte, daß er diesen Kampf nicht lange mehr fortsetzen konnte. Hm Ende war er ganz gleichgültig geworden, fühlte überhaupt nichts mehr und wußte nicht, was mit ihm geschah.

Bis auf einmal das ewige Summen kochenden Dampfes, in dem er lag, leiser wurde und aufhörte. Huch die entsetzliche Gluthitze verschwand. Und der böse glühende Nagel wurde von einer zarten Hand leise und ganz schmerzlos aus seiner Stirne herausgezogen. Die Schüssel mit den weißen Mäusen war ganz verschwunden. Oh, wie wohl und leicht war ihm auf einmal geworden! Er hatte sogar den Mut, die Augen zu öffnen. Er tat es und blickte in das Gesicht seines treuen Dieners Käsch, der sich gerade über ihn beugte, um ihm eine wassertriefende Kompresse auf die Stirne zu legen, Wilbrandt nickte und lächelte ihm zu.

»Guten Tag, Käsch! Mein guter Junge!«

Die Worte kamen aber ganz leise und schwach heraus. Und Wilbrandt wunderte sich, daß die wenigen Worte ihm solch eine Anstrengung verursachten. Das Gesicht des jungen Chinesen aber, das vorher einen wunderlich trübseligen Ausdruck hatte, wurde auf einmal überaus fröhlich. Er stieß einen Jubelschrei aus, schwang die Arme in die Höhe, die nasse Packung entglitt seinen Fingern – und legte sich patschend und wasserspritzend quer über das große und zu einem Freudenschrei weitgeöffnete Mundwerk des braven Ben Rubber, der ebenfalls herangestürzt kam. Der Amerikaner war darüber so verblüfft, daß er eine kleine Weile wie erstarrt stand. Es sah äußerst komisch aus. Käsch, der im ersten Augenblick sehr erschrocken war, hatte schnell begriffen, daß Mister Rubber ihm nicht böse, sondern nur erstaunt war. Und lachend befreite er ihn von der für ihn nicht bestimmten Packung.

»Na, warte, Kerl, das werde ich dir anstreichen!« drohte Ben Rubber mit der Faust, lachte aber mit den Augen und wandte sich an den Deutschen, der im Bett lag und lächelte.

»Na, alter Freund, da wären wir ja hübsch wieder bei Verstand!« rief er äußerst vergnügt, ergriff die magere weiße Hand Wilbrandts und streichelte sie so sanft, wie eine Mutter die Hand ihres kranken Rindes streichelt.

»Sie wollen doch nicht andeuten, ich hätte den Verstand verloren?« flüsterte der Kranke. »Mir war sehr übel – ja, ich glaube, ich habe sogar ein wenig phantasiert. Aber gestern war es in meinem Kopf noch völlig klar, Mister Rubber.«

»Gestern? O no, Sir! Gestern hatten Sie nicht mehr Verstand als –« Er blickte ein wenig ratlos umher und suchte offenbar nach einem Gegenstand, der das Maß von Wilbrandts Verstandlosigkeit annähernd zum Ausdruck brächte – und griff beglückt und erleichtert nach Wilbrandts langem Schaftstiefel – »nicht mehr Verstand als dieser Schaftstiefel. Und Sie können nicht behaupten, Sir, daß in diesem Schaftstiefel sehr viel Verstand steckt.«

»Das behaupte ich auch nicht«, sagte Wilbrandt ergeben. »Aber – gestern, sagen Sie? Sie wollen doch nicht sagen, ich sei länger unwohl als seit gestern?«

Ben Rubber schlug staunend die Hände zusammen.

»Unwohl ist gut! Und nicht länger als seit gestern, meinen Sie? Käsch, hast du das gehört? Na, lieber Doktor, Sie sind ja selber so'n Pillendreher, nicht wahr, und wissen ein bißchen Bescheid mit solchen Sachen, haben ja auch wohl schon den unangenehmen alten Herrn mit dem klapprigen Gebein und den großen schwarzen Augenlöchern an Krankenbetten stehen sehen, wie? Zwei ganze Wochen lang hat er oben an Ihrem Bett gestanden und Sie angegrinst. Immer näher ist er an Sie herangerückt. Glauben Sie mir, ganz ernsthaft hatte er es auf Sie abgesehen. Da hab ich ihm eins mit der nassen Kompresse auf die Nase gegeben. Und zurückgewichen ist er bis an die Wand. Und als ich einmal bemerkt hatte, daß Ihr Bedränger Scheu vor kaltem Wasser hatte, da haben wir Tag und Nacht auf der Lauer gestanden, Käsch und ich. Und immer, wenn er herangeschlichen kam, haben wir ihm eins mit der patschnassen Kompresse gegeben. Da ist er es endlich leid geworden und hat sich davongemacht.«

Nur zwei Worte von dieser Rede waren in Wilbrandts Bewußtsein haften geblieben. Das veranlaßte ihn, für ein paar Sekunden die Augen zu schließen.

»Was haben Sie eben gesagt, lieber Rubber?« fragte er nach einer Weile. »Zwei Wochen –«

»Seit zwei Wochen und zwei Tagen liegen Sie hier – ja«, nickte der Amerikaner. Und als Wilbrandt auf Käsch blickte, da nickte auch der.

Da reichte der Kranke jedem der beiden eine Hand, und der Dank für ihre Bemühungen war deutlich in seinen Augen zu lesen.

»Und – die beiden – Chinesen –«

Ben Rubber zögerte mit der Antwort. Endlich aber sagte er: »Ja – die – die sind uns vorläufig entkommen. In der Nacht nach unserem Zusammentreffen vor dem Tempel des Kon-fu-tse haben sie sich von hier entfernt. Ta-pi-kang hat ermittelt, daß sie sich nach Peking begeben haben und ist ihnen nach. Wir treffen ihn bei Mister Rixkens. Er behält die beiden Chinesen im Auge und will versuchen, ihre Freundschaft und ihr Vertrauen zu erwerben.«

»Also müssen wir schnellstens nach Peking!« rief Wilbrandt, versuchte, sich aufzurichten, fiel aber kraftlos in die Kissen zurück.

»Das müssen wir allerdings – aber nicht schnellstens«, lachte Ben Rubber. »Sie wissen ja selbst, daß nach solcher Krankheit jede Übereilung sich bitter rächt. Also nur ruhig Blut, bester Freund! Es kommt auf ein paar Tage gar nicht an. In Peking ist der Teufel los und Tso-tsing-wu und sein Freund werden versuchen, in den Unruhen auch ihre Sache zu fördern. Ta-pi-kang ist allerdings der Ansicht, daß die Sekte I-ho-chuan zur Zeit wenig Aussichten hat. Es geht dem chinesischen Volk gegenwärtig um weit mehr als um die Vertreibung der Fremden. Im Gegenteil, ich glaube – und das glaubt auch Ta-pi-kang –, daß ein entschlossener Ausländer in China große Möglichkeiten findet, wenn er sich einer der kriegführenden Parteien zur Verfügung stellt.«

»Um Gotteswillen – Mister Rubber – Sie haben doch nicht diese Absicht?« fragte Wilbrandt erschrocken.

»Ich? Halten Sie mich für einen Mann, der seinen Freund im Stich läßt? Der Politik treibt für Geld – in einem Land, das ihn nichts angeht? Nein, so was tut Ben Rubber nicht. Ich bin Gast in diesem Land. Und das heißt, daß ich mich nicht um Dinge kümmere, die mich nichts angehen.«

»Ich danke Ihnen«, flüsterte der Deutsche und schloß müde die Augen. Als er sie nach ein paar Sekunden wieder öffnete, da hatten Rubber und Käsch sich unhörbar entfernt. Darauf fiel er in einen tiefen Schlaf, aus dem er erst nach mehreren Stunden wieder erwachte – kräftiger und frischer als vorher – mit der Gewißheit baldiger Genesung.

*

Eine weitere Woche war vergangen. Mit Doktor Heinz Wilbrandt ging es leidlich. Sein Fuß tat ihm noch ein bißchen weh, doch konnte er mit Hilfe eines Stockes umhergehen. von seiner Krankheit war nur eine Schwäche zurückgeblieben, die nicht weichen wollte und die ihn ein wenig beunruhigte. Schließlich glaubte er, seine innere Unruhe, die ihn mit aller Kraft zum Handeln trieb, sei die Ursache dieser Schwäche. Es gelang ihm, auch Ben Rubber zu dieser Ansicht zu bekehren – und so wurde der Tag der Abreise festgesetzt.

»Sagen Sie mir endlich einmal, wie eigentlich unser geheimnisvoller Wirt über unsere Anwesenheit denkt!«

»Unser Wirt?« brummte der Amerikaner, sichtlich verlegen. »Oh – der – der ist damit vollkommen einverstanden.«

Wilbrandt wunderte sich. Auch fiel ihm das Zögern Rubbers und seine Verlegenheit auf. Er faßte seinen Freund schärfer ins Auge.

»So? Einverstanden, sagen Sie? Obwohl er uns am Anfang sein Mißvergnügen deutlich genug hat zu erkennen gegeben? Hören Sie, mein Bester, das wundert mich.«

»Es ist aber so«, brummte der gute Ben und seine Verlegenheit nahm zu. »Zum Donnerwetter, es ist doch besser, als wenn er uns vor die Tür gesetzt hätte!« brach er wütend los, als er die Augen des Deutschen mit dem Ausdruck ernsten Zweifels auf sein Gesicht gerichtet sah. »Er ist ein höchst anständiger Mann, unser chinesischer Wirt.«

»Das scheint so«, nickte Wilbrandt. »Aber immerhin – irgend etwas muß doch bei ihm diese Gesinnungsänderung bewirkt haben.«

Ben Rubber drehte sich herum, stellte sich ans Fenster und kehrte somit seinem Freund den Rücken zu. Heinz Wilbrandt aber begriff: der Freund wollte sich von ihm nicht in die Augen sehen lassen.

»Du lieber Himmel, der Mann hat eben bemerkt, daß wir nette Kerle sind! Bisher hat er Weiße nicht aus eigener Begegnung gekannt. Immer nur viel Schlechtes darüber gehört. Na ja – jetzt ist er entzückt von uns.«

»Hören Sie mal, lieber Ben, wollen Sie dieses nette Märlein nicht lieber einem harmloseren aufbinden als mir? Wenn der gute Mann mit unserer langen Anwesenheit einverstanden ist, dann müssen Sie ihn mit irgend etwas bestochen haben. Bekennen Sie die Wahrheit, Ben Rubber! Was haben Sie ihm gegeben?«

»Keinen Penny, Zum Kuckuck! Lassen Sie mich doch in Frieden! Soll ich Ihnen etwas vorlesen?«

»Danke! Sie sollen mir sagen –«

»Sie möchten vielleicht gern eine Partie Whist spielen.«

»Nachher. Jetzt möchte ich wissen –«

»Hol Sie der Geier! Soll ich das Zimmer verlassen?«

»Im Gegenteil, ich habe den lebhaften Wunsch, mich mit Ihnen zu unterhalten. Freund Rubber, seit Tagen schon betrachte ich Sie mit Verwunderung.«

»Ich Sie auch! Lassen Sie mich in Ruhe, was wollen Sie von mir?«

»Warum photographieren Sie nicht mehr? Früher haben Sie alles Mögliche geknipst.«

»Gerade darum tue ich es nicht mehr. Ich bin die Geschichte leid geworden.«

»Aber ich sehe auch Ihren Apparat nicht mehr. Und Stativ und alles andere ist spurlos verschwunden.«

»Eingepackt!« knurrte der Amerikaner.

»Aber das geht doch nicht. Sie wissen, daß ich die Ergebnisse dieser Reise ausnutzen will, und dazu brauche ich Bildmaterial.«

»Habe eine ganze Kiste voll.«

»Das ist kein Grund, jetzt einfach mit Photographieren aufzuhören. Also leihen Sie mir bitte Ihren Apparat.«

Da schlug Rubber erbost mit der Zaust auf den Tisch. »Der Kuckuck werde mit einem Deutschen fertig! Na denn – wenn Sie es unbedingt wissen müssen – ich habe den alten Kasten nicht mehr. Bin ihn auf einmal leid geworden. Hab den ganzen Plunder dem alten Chinesenonkel, unserem Wirt, geschenkt. Der ist aus dem Häuschen vor Freude. Bittet kniefällig, noch zu bleiben, weil ich ihm Unterricht im Photographieren gebe, hat die Kunst schon gut heraus, der alte Kerl! Ein gemütliches Haus übrigens, hat mir neulich chinesische Witze erzählt, hören Sie mal zu –«

»Erzählen Sie mir die Witze auf der Rückreise, alter Freund. Also das haben Sie für mich getan! Von dem Apparat, an dem Ihr Herz hing, haben Sie sich getrennt – um meinetwillen.«

»Dummes Zeug!« schimpfte der andere. »Nicht Ihretwillen, sondern einzig und allein um meinetwillen. Sie lagen ja da und wußten von nichts. Ich aber – na, einerlei!«

»Nicht einerlei, Ben Rubber. Ich habe ja schon immer gewußt, daß Sie ein goldener Mensch sind –«

»Ich ein goldener Mensch? Quatsch, Sir!«

»Reden Sie mir nichts drein! Ich kenne Sie jetzt, wissen Sie, mein lieber Rubber, ich werde mich sogleich von Ihnen trennen, wenn Sie mir nicht feierlichst versprechen, nach unserer Rückkehr ein Photogerät nach meiner Wahl von mir zum Andenken anzunehmen.«

»Oh – warum nicht! Wenn es Ihnen Spaß macht!« grinste Rubber.

»Schön, geben Sie mir Ihre Hand!« Das tat jener mit augenscheinlichem Vergnügen. »Und wann reisen wir?«

»Wenn Sie befehlen. Unsere Pferde sind bestens ausgeruht und gepflegt, herausgefüttert und übermütig. Machen wir morgen einen Ritt in die Umgegend, um zu sehen, wie es Ihnen bekommt. Geht alles gut, dann reisen wir übermorgen.«

Heinz Wilbrandt war mit diesem Vorschlag einverstanden.

»Ich habe Ihnen übrigens noch was zu erzählen«, fuhr Rubber nach einer kleinen Weile fort. »Eine Geschichte, die Käsch mir berichtete, als Sie schon im Fieber lagen. Sie haben wohl von dem Gespräch der beiden Chinesen vor dem Tempel nicht viel verstanden?«

»Nicht eine Silbe. Und Sie?«

»Oh – alles. Das heißt – beinahe alles.«

»Tatsächlich?«

»Wenn ich es Ihnen sage! Ich kann Ihnen den ganzen Inhalt des Gesprächs wiedergeben.«

»Haben Sie sich mit Käsch darüber ausgesprochen?«

»Oh – ja – gewiß – natürlich – auch das. Wir haben unsere Ermittelungen gegenseitig ergänzt.«

»Ach so, ich verstehe. Also was haben Sie zu berichten?«

»Wissen Sie vielleicht von einem Geheimnis, das mit der Handschrift des Konfuzius in Verbindung steht?«

»Von einem Geheimnis? Wieso?«

»Nun, in dem Kästchen ist nicht nur die Handschrift aus den Annalen, sondern auch der Plan einer Gold- oder Silbergrube – kann auch Kupfer oder Zinn sein, ich weiß es nicht so genau. Davon haben sich nämlich die beiden Chinesen vor dem Tempel auch unterhalten, als wir sie von der Veranda aus belauschten. Das Kästchen enthält irgendein Geheimnis, doppelten Boden oder Decke oder Wände, kurz, ein Versteck, in dem der Plan verborgen ist. Wie das ist, kann ich nicht mit Sicherheit sagen. Käsch hat das nicht so genau verstanden. Und ich – nun, Sie wissen ja, daß die beiden Chinesen manchmal geflüstert haben. Aber ich hörte ein paar Worte, die mich auf den Gedanken brachten, daß der Plan gar nicht auf einem besonderen Papier ausgezeichnet, sondern auf irgendeine Art in die Handschrift hineingebracht worden ist.«

»Handelt es sich hier um Wahrheit oder Dichtung?« fragte Wilbrandt mit einem Lächeln.

»Vermutung«, sagte Ben Rubber trocken. »Wir wüßten über diese Angelegenheit heute Bestimmtes, wenn Sie nicht den dummen Streich begangen hätten, im wichtigsten Augenblick von der Veranda herunterzuhopsen. Sie haben sich selbst damit einen dicken Strich durch die Rechnung gemacht. Lui-ping-shen war gerade im Begriff, seinem Genossen die Sache mit dem Kästchen und dem Plan auseinanderzusetzen. Aber da sprangen Sie gerade dazwischen.«

»Mein Gott, wie ich diese Unbedachtsamkeit bereue!« rief der Deutsche. »Wahrhaftig, ich möchte mich selbst ohrfeigen!«

»Lassen Sie das lieber bleiben«, brummte der Amerikaner. »hat jetzt keinen rechten Zweck mehr. Also nach dem, was ich und Käsch gehört und was ich mir daraus zusammengereimt habe, verhält sich die Sache folgendermaßen: die Handschrift ist eine Fälschung, das ist ziemlich sicher. Aber die Fälschung scheint gar nicht zu dem Zweck angefertigt worden zu sein, um einen dummen Ausländer damit anzuschmieren, sondern um darin unauffällig den viel wichtigeren Plan der Silbermine zu verbergen – kann auch Gold oder Kupfer oder Kohle sein. Schade, daß Sie sprangen! Verwünscht! Das alles wüßten wir jetzt! Und das ist eine wichtige Sache, verstehen Sie? Denn die Geschichte mit dem Ankauf drüben in Deutschland hätte dann ein ganz anderes Gesicht. Mit dem Kästchen und der Handschrift hätte dann Ihr Vater nämlich auch den Plan gekauft. Und wie Käsch sagt, behauptete Lui-ping-shen, es handle sich dabei um eine Millionensache. Lui-ping-shen hat nämlich den Plan gestohlen – oder stehlen lassen – einerlei, um die Mine zum Nutzen der Sekte I-ho-chuan auszubeuten. Und der rechtmäßige Eigentümer reist in Europa herum und sucht den plan. Nun – was meinen Sie von der Sache?«

Wilbrandt meinte vorläufig gar nichts. Er saß still in seinem Stuhl, den Blick gesenkt, und dachte nach. Uber das Denken wurde ihm noch schwer. Und nach einer Weile sagte er mit einem Seufzer:

»Ich komme mehr und mehr zu der Überzeugung, daß dieser Sprung der allerdümmste Streich meines ganzen bisherigen Lebens war.«

»Das kann ich wohl sagen!« rief Ben Rubber mehr offenherzig und überzeugt als höflich.

»Und daß ich selbst schuld bin, wenn unser Unternehmen jetzt ergebnislos verlaufen wird.«

»Na, das wird ja wohl nicht der Fall sein«, tröstete Rubber. »Unsere Freunde in Peking werden die Augen offenhalten. An Ta-pi-kang haben wir einen Freund von großen Fähigkeiten gefunden. Der Mann ist sehr klug, dabei hochanständig, ehrlich und treu. Ich bin überzeugt, daß man sich auf ihn verlassen kann.«

Da Heinz Wilbrandt nur stumm nickte, fuhr der Amerikaner nach einer kleinen Weile fort: »Also die beiden Chinesen befinden sich jedenfalls augenblicklich in Peking, um in den verschiedenen politischen Strömungen ihre Sonderbestrebungen zu fördern. Lui-ping-shens Reise durch Europa hatte natürlich nicht den Zweck, den Weißen seine Zauberkünste vorzugaukeln. Vielmehr war es ihm darum zu tun, deren Kulturhöhe und damit ihre Gefährlichkeit an Ort und Stelle durch eigenen Augenschein kennenzulernen. Bei jener Unterredung auf den Tempelstufen hat er seinem vertrauten mit Zähneknirschen eingestanden, daß man ›dort drüben‹ dem chinesischen Volke in allerhand Kenntnissen und Fertigkeiten so weit überlegen sei, daß sie, die Chinesen, nicht einmal mehr sich selbst gegenüber an dem alten Märchen der eigenen Überlegenheit festhalten dürften. China sei nicht mehr der Mittelpunkt der Erde, und das chinesische Volk sei heute nicht mehr die Krone der Schöpfung. Statt aber wie die Mehrzahl der gebildeten Chinesen daraus den Schluß zu ziehen, zu lernen, was es zu lernen gibt und das Wissen und Können der Welt sich anzueignen und zu benutzen, kommen diese verbohrten und verbissenen alten Fanatiker lediglich zu der Folgerung, ihren Fremdenhaß zu schüren und dafür neue Anhänger zu suchen. Ta-pi-kang zuckt darüber die Schultern und ist überzeugt, daß diese Sekte mit ihrem veralteten Standpunkt keine Aussicht mehr hat, jemals ihre alte Bedeutung zurückzuerlangen.«

»Wissen Sie was, Freund Rubber?« rief Heinz Wilbrandt aufspringend, »wir wollen morgen früh die Reise nach Peking antreten!«

»Nicht nach Peking – nach Tientsin«, riet Rubber. »Ich habe mir das sehr reiflich überlegt. Lassen Sie uns nach Tientsin reisen, da haben wir bessere Stützpunkte. Und morgen früh, sagen Sie? Unter keinen Umständen! Erst machen wir morgen früh einen versuch. Besser hier einen Tag verloren als auf der Reise eine Woche.«

Wilbrandt sah ein, daß sein Freund recht hatte und war mit dem Vorschlag einverstanden.


 << zurück weiter >>