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17.

Am späten Nachmittag des folgenden Tages begab sich Wilbrandt, von Käsch geführt, auf den Weg zum deutschen Gesandten. Harlington ging seinen Geschäften nach, Ben Rubber machte dem Gesandten Amerikas einen Besuch, um Neues über die Zustände und Vorgänge zu erfahren. Auf den Straßen Pekings herrschte noch lebhafterer Betrieb als vor Wochen. Das ganze öffentliche Leben hatte etwas Fieberhaftes. Alle Menschen schienen von Leidenschaften bewegt. Die Geräusche schallten mit vervielfachter Kraft. Man hatte den Eindruck, als müsse jeden Augenblick hier oder da irgend etwas sich ereignen, etwas ausbrechen, eine Bombe platzen. Und in der Tat – in einem Gewirr besonders enger Sträßlein befanden sich Wilbrandt und Käsch urplötzlich mitten in einem Getümmel, einer Zusammenrottung mit Geschrei und Prügelei, entstanden ohne die geringste Ankündigung, wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Im Nu waren Wilbrandt und Käsch voneinander getrennt. Eine Menschenmenge spülte den Deutschen die Gasse entlang in eine noch schmalere Nebenstraße hinein. Ein paar Schreie seines Dieners drangen noch zu seinem Ohr, doch er verstand sie nicht. Er befand sich mitten in einer Gruppe von sechs bis acht zerlumpten Chinesen, die aus Leibeskräften brüllten und wild die Fäuste schwangen, doch nicht gegen den Fremden, sondern anscheinend gegen ein Wahngebilde, dem sie mit Faustschlägen und Stößen und Tritten zu Leibe gingen – dabei immer laufend – durch ein wahres Wirrsal von Gassen und Winkeln.

Wilbrandt versuchte, sich den Leuten verständlich zu machen, deutete auf seine Armbinde und radebrechte in deutschen, englischen, französischen und chinesischen Worten. Obwohl eigentlich keiner der Männer ihn geradezu angriff, bildeten sie doch eine enge Gruppe, in der er der Mittelpunkt war, so daß er aus diesem Schwarm nicht hinauskonnte. Er mußte laufen, ob er wollte oder nicht. Und plötzlich taumelte er in einen engen Hof hinein. Ein Tor aus Holzbohlen wurde hinter ihm zugeschlagen und von draußen verriegelt, ein Gelächter ertönte – und er stand tiefatmend allein. Der Lärm des Gelächters und der durcheinandertrappelnden Schritte war im Nu verstummt – alles war still.

»Ein schlechter Witz«, dachte Heinz Wilbrandt ärgerlich und warf einen Blick umher. Hauswände an drei Seiten – auf der vierten des kleinen Vierecks das Tor, drei Meter hoch, aus glattem Holz verfertigt. Heinz Wilbrandt maß die Höhe, ob er springend mit den Händen die obere Kante des Tores erreichen könne. Er sah ein, daß das ohne Anlauf unmöglich war. Das Höfchen hatte höchstens fünf Meter im Durchmesser.

Der Gefangene überlegte noch, was zu tun sei, da ging eine Tür auf und ein gutgekleideter Chinese trat heraus. Der betrachtete den Eindringling aufmerksam, doch nicht feindselig. Dann verbeugte er sich mit gemessener Höflichkeit, deutete einladend auf die Haustür und gab den Eingang frei. Heinz Wilbrandt bedachte sich keine Sekunde lang, ging an dem Chinesen vorüber ins Haus und befand sich in einem Raum, der sowohl Schreibstube eines kleinen Geschäfts als auch Studierstube eines Gelehrten sein konnte.

»Ich brauche nicht zu fragen, ob ich die Ehre habe, mit Doktor Wilbrandt, dem Sohn des deutschen Gelehrten Professor Wilbrandt, zu reden?« begann der Chinese in leidlich gutem Deutsch.

»Der bin ich«, nickte Wilbrandt und betrachtete den deutschsprechenden Chinesen verwundert und zugleich unfreundlich. »Das sieht ja beinahe so aus wie eine gewaltsame Festnahme. Darf ich fragen, was das bedeuten soll?«

»Sie dürfen alles fragen, Sir«, verbeugte sich der Chinese sehr höflich, doch ohne jene Unterwürfigkeit, die viele Chinesen im Verkehr mit Fremden bezeigen. »Dieser Raum ist jedoch bei weitem nicht gut genug, daß ich hier die Ehre haben dürfte, Ihre Fragen entgegenzunehmen und sie in aller Ausführlichkeit zu beantworten. Darf ich Sie ergebenst bitten, mir zu folgen?«

»Wohin?« fragte Wilbrandt kurz und barsch.

»Oh, nur in ein besseres Gemach, das über diesem liegt«, lächelte der Chinese. »Es ist gar keine Gefahr dabei.«

»Sollte es sich entgegen Ihrer Versicherung dennoch um eine solche handeln, möchte ich Sie darauf aufmerksam machen, daß ich hier eine sehr zuverlässige Schußwaffe habe.« Und er griff an die hintere Hosentasche, wo er seinen Browning verwahrte. »Donnerwetter, die Waffe ist verschwunden!« schrie er auf. »Ich vermute«, sagte er mit einem durchdringenden Blick auf den Chinesen, »daß die Kerle, die mich mit Gewalt hierherschleiften, mir die Waffe geraubt haben.«

»Machen Sie sich nichts daraus«, sagte der andere gleichmütig, ohne auf den Verdacht seines Gastes einzugehen. »Sie brauchen hier bei mir keine Schußwaffe. In manchen Lebenslagen ist es wahrhaft ein Glück, daß dem Menschen die Möglichkeit des Tötens nicht zur Verfügung steht.«

Er war inzwischen seinem Gast voraus eine enge, steile Treppe emporgestiegen, und Wilbrandt war ihm, ohne ein Zeichen von Besorgnis zu geben, gefolgt. Bald standen die beiden in einem kleinen, behaglich mit Teppichen, seidenen Wandbekleidungen und wenigen, aber kostbaren Möbelstücken ausgestatteten Gemach.

»Darf ich höflichst bitten, Platz zu nehmen«, bat der Chinese und deutete auf ein bequemes Ruhebett. Es war die einzige Sitzgelegenheit – und somit war er entschlossen, selbst stehen zu bleiben. Wilbrandt aber verzichtete ebenfalls auf den Sitz. Er stellte sich mit dem Rücken gegen die Fensterwand, nachdem er sich vergewissert hatte, daß man durch das Fenster nichts anderes sah als das Höfchen und ein paar graue Hauswände.

»Haben Sie diesen gemeinen Überfall auf mich veranlaßt?« fragte er in scharfem Ton, ohne zu warten, daß der andere das Gespräch eröffnete. »Wenn ja, dann möchte ich Sie darauf aufmerksam machen, daß ich Deutscher bin – diese Armbinde weist mich als solchen aus, ebenfalls meine Papiere – und daß ich unter dem Schutz des deutschen Gesandten stehe. Ich bin gut bekannt mit dem Mandarin Li-ping, der Ihnen bestätigen wird, daß ich nicht in China weile, um mich in die chinesischen Interessen einzumischen.«

»Dazu brauche ich das Zeugnis des Herrn Li-ping nicht«, sagte der Chinese. »Ich bin sehr genau darüber unterrichtet, zu welchen Zwecken Sie in China weilen. Sie befinden sich auf dem Wege nach der Provinz Hunan.«

»Nach der Provinz Hunan? Dummes Zeug!«

»Streiten Sie es nicht ab«, sagte der Chinese stirnrunzelnd. »Ich weiß es ganz genau, denn ich verfolge Sie seit Ihrer Abreise aus Deutschland.«

»Was?« schrie der Deutsche. »Sind Sie am Ende –«

»Li-chu-ang«, nickte der Chinese. »Sie werden den Namen von Ihrem Herrn Vater erfahren haben, nebst allem, was sich damit verbindet.«

»Sie sind es also, der meinen Vater so schändlich behandelt hat – der die Frechheit besaß, mitten in einer deutschen Großstadt ein Attentat auf seine Freiheit zu wagen – der den alten Mann tagelang festhielt –«

Heinz Wilbrandt tat zwei Schritte auf den Chinesen zu. Seine Fäuste waren geballt. Li-chu-ang tat, als merke er nichts davon.

»Darf ich auf Ihre harten Anklagen nur mit einer Frage antworten: ist es Ihr Herr Vater, der diese Anklagen gegen mich erhebt?«

Der Deutsche stand ein paar Sekunden stumm. Dann schüttelte er langsam den Kopf. »Nein. Soweit ich aus dem Brief meines Vaters entnommen habe, hat er keinen Groll gegen Sie.«

»Das wundert mich nicht«, sagte Li-chu-ang und der Anflug eines Lächelns trat in seine Züge. »Professor Wilbrandt in Deutschland ist verehrungswürdig in seiner Gerechtigkeit und Güte.«

»Ich erkenne Sie übrigens wieder. Waren Sie es nicht, der mit uns in der Eisenbahn fuhr?«

»Ich war es. Doch Sie sahen mich schon vorher. Schon mehrmals in Tientsin, nahe bei dem Hause des deutschen Kaufmanns, wo Sie wohnten. Damals wollte ich schon mit Ihnen sprechen, doch ist es gut, daß ich es nicht tat. Jetzt ist die Gelegenheit besser.«

»Ich kann mir denken, was Sie von mir wollen: den Plan der Mine.«

»Es ist nicht schwer, das zu vermuten. Ja, ich bitte Sie um den Plan der Kupfermine, der meinem Vater gehört. Mein Vater liegt schwer krank wenige Schritte von hier entfernt. Wenn Sie mir sein Eigentum zurückgeben, wird er bestimmt wieder gesund werden.«

»Haben Sie im Ernst angenommen, mein Vater habe den Plan im Besitz und weigere sich aus Gründen der Habsucht, Ihnen das Papier herauszugeben?«

Li-chu-ang zögerte eine kleine Weile mit der Antwort. Dann sagte er mit einer Stimme, in der Schmerz klang: »Ja, ich habe es geglaubt. Es war ein großer Irrtum von mir. Ich habe Ihrem Herrn Vater Unrecht getan und büßte es dadurch, daß ich dem verehrten Mann den kostbaren Kaisersäbel gab, der zehnfach größeren Wert besitzt als das Kästchen mit der Handschrift, wenn sie echt wäre. Ich habe es getan, in der sicheren Erwartung, daß der Sohn nachholen würde, was der Vater nicht konnte.«

Heinz Wilbrandt hatte seine volle Ruhe wiedergefunden. Er hatte erkannt, daß er nicht in die Gewalt eines Verbrechers gefallen war, sondern in die eines unglücklichen Mannes, den sein Unglück zu verzweiflungsvollen Taten trieb.

Seine Augen hielten dem durchdringenden und zugleich flehenden Blick des Chinesen ruhig stand. Langsam durchquerte er das Gemach und ließ sich auf dem einen Ende des Ruhebettes nieder. Freundlich deutete er auf das andere Ende und bat Li-chu-ang, sich zu setzen. Der aber schüttelte den Kopf.

»Ich bin ein verzweifelt bittender Mann, Herr«, sagte er heiser, und seine Lippen zitterten. »Es ziemt sich, daß ich vor Ihnen stehe, damit Ihr Herz sich von Großmut fülle gegenüber Ihrem armen kleinen Knecht und Sie seinem Flehen ein gnädiges Ohr leihen.«

»Herrgott!« rief Wilbrandt und sprang von seinem Sitz wieder auf. »Das ist zum Verzweifeln! Mister Li-chu-ang, glauben Sie mir, ich habe für Ihre Gefühle volles Verständnis. Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß es mir selbst eine große Freude wäre, den Plan in Ihre Hände zu legen. Glauben Sie mir das?«

Der Chinese schüttelte langsam und verbissen den Kopf.

»Nein. Denn wenn es Ihnen eine Freude wäre, dann würden Sie es tun.«

»Wenn ich den Plan hätte, dann würde ich es auch tun!« rief Heinz Wilbrandt ungeduldig. »Ich kann Ihnen nur alles das wiederholen, was mein Vater Ihnen schon gesagt hat, mit denselben Worten. Ich habe das Kästchen wiederholt in Händen gehabt, die Handschrift auch. Von irgend etwas, das dem Plan eines Geländes oder derartigem ähnlich sieht, habe weder ich noch mein Vater etwas gesehen.«

»Warum sind Sie denn nach China gekommen?«

»Warum? Weil das Kästchen mit der Handschrift meinem Vater gestohlen wurde. Und zwar offenbar von Chinesen. Sie werden das alles von meinem Vater gehört haben. Und weil meines Vaters Ehre bei der Sache auf dem Spiel steht, bin ich nach China gereist, um das Kästchen zurückzuerlangen.«

»Kein vernünftiger Mensch reist wegen einer gefälschten Handschrift um die halbe Erde.«

»Dann bin ich eben ein unvernünftiger Mensch!« rief Wilbrandt aufgebracht. »Daß ich wegen der Handschrift nach China gekommen bin, wird Ihnen auch der Mandarin Li-ping, den Sie wohl kennen werden, bestätigen.«

»Er wird sagen, Sie hätten ihm so erzählt. Und das haben Sie ja wohl. Sie werden es überall so darstellen. Sie werden keinem Menschen sagen, daß Sie den Plan gefunden haben und gesonnen sind, das Eigentum meines Vaters zu rauben.«

»Jetzt ist es mir aber genug!« rief der Deutsche empört. »Sie bedenken wohl gar nicht, wie schwer Sie mich beleidigen.«

»Ich will es nicht bedenken, weil Sie nicht bedenken, wie schwer Sie mich und die Meinigen schädigen.«

»Ich werde über diese Angelegenheit kein Wort mehr an Sie verschwenden«, sagte Wilbrandt entschlossen, drehte dem Chinesen den Rücken zu und blickte durchs Fenster. Aber da draußen gab's nichts zu sehen, wie er schon vorhin festgestellt hatte. »Lassen Sie mich nun hinaus! Ich werde –«

Er verstummte mitten im Satz, denn er befand sich allein im Zimmer. Er sprang zur Türe. Sie war verschlossen. Er rüttelte aus Leibeskräften an dem Holz, doch es erwies sich als viel fester, als er angenommen hatte. Da begann er zu schreien. Sein Geschrei steigerte sich zu einem Gebrüll. Doch er bemerkte, daß die Töne, die er ausstieß, klangen, als befände er sich in einem engen Sack. Er untersuchte das Fenster. Es war anscheinend nicht zu öffnen und bestand aus kleinen Scheiben, nicht mehr als zwei Männerhände groß. Die Zwischenstäbe waren aus Blei. Es war zwecklos, eine Zertrümmerung des Fensters zu versuchen. Die Wände bestanden aus Lehm, der Fußboden aus Bohlen. Er war regelrecht gefangen – irgendwo in der Riesenstadt Peking – ahnungslos, wo – und keiner von seinen Freunden konnte wissen, wo er geblieben war.

Heinz Wilbrandt streckte sich auf dem Ruhebett aus und versank in Nachdenken. Allmählich wurde er ruhiger. Und da begann er, sich ernstliche Vorwürfe zu machen, daß er im Gespräch mit Li-chu-ang seine Selbstbeherrschung verloren hatte. Er hätte in aller Ruhe dem Chinesen das Unsinnige seines Standpunktes klarmachen müssen. Er hätte ihm vor allen Dingen die Stelle im Brief seines Vaters zeigen müssen, die von dem Recht Li-chu-angs sprach. Das mußte doch schließlich Eindruck auf ihn machen. Er beschloß, beim nächsten Besuch des Chinesen nach diesen Grundsätzen zu handeln. Und eine Weile später fiel er in festen Schlaf.

Er erwachte – rieb sich Augen und Stirn – und war überzeugt, ein wüster Traum, der ihn geplagt habe, setze sich auf merkwürdige Art fort. Es war dunkel, doch in zwei Ringen rechts und links von der Tür, die er schon vorhin gesehen, über deren Zweck er sich jedoch keine Gedanken gemacht hatte, staken jetzt Papierlaternen. Sie verbreiteten ein schwaches Licht, aber dennoch erkannte Wilbrandt Li-chu-ang, der in der Mitte des Raumes stand, und zwei Gestalten bei der Türe, die auf Platten Speisen und Getränke brachten.

»Ich bitte Sie, sich zu erheben«, sagte Li-chu-ang, als er das Erwachen seines Gastes bemerkte. »Ich wünsche nicht, daß Sie verhungern.« Und er winkte den beiden männlichen Gestalten bei der Türe zu, ihre Platten auf dem Tisch abzustellen. Sie taten es, gingen aber dann nicht hinaus, sondern nahmen wieder neben der Tür Aufstellung. Heinz Wilbrandt, der sich halb aufgerichtet hatte und, auf die Ellbogen gestützt, auf das seltsame nächtliche Bild staunte, sah, daß die beiden Wachtposten in Lederriemen blanke Säbel hängen hatten. Er war nunmehr ganz wach, schwang sich von dem Ruhebett hinab und erhob sich.

»Interessantes Theater!« nickte er Li-chu-ang zu. »Was soll das alles? Man könnte glauben, Sie ließen mich auf einen Richtplatz führen.«

»Ich gestatte mir, meine Bitte zu wiederholen«, sagte der Chinese mit unverminderter Höflichkeit. »Bitte, Sir, essen Sie! Ich wünsche, daß Sie sich in guter Gesundheit befinden, wenn Sie nach erfolgter Einigung mein Haus verlassen werden.«

»Hören Sie mal gut zu, verehrter Herr Li-chu-ang!« sagte Heinz Wilbrandt mit all der Ruhe und Freundlichkeit, die zu bewahren er sich vor Stunden fest entschlossen hatte. »Darf ich Ihnen einen Satz aus einem Briefe meines Vaters vorlesen, der sich auf Sie bezieht?«

»Sie dürfen in diesem Raume alles, was Ihnen Vergnügen macht«, antwortete der Chinese, entmutigend gleichgültig für die bewußte Briefstelle.

Wilbrandt merkte es wohl, dennoch holte er den Brief hervor und trat damit zur Tür, wo das Licht der beiden Papierlaternen eben ausreichte, um das Geschriebene entziffern zu können. Langsam und betont las der Deutsche vor, was Professor Wilbrandt über die Rechte Li-chu-angs geschrieben hatte. Der Chinese hörte höflich zu, und als Wilbrandt, gespannt auf die Wirkung, ihm ins Gesicht blickte, da nickte jener, höflich, aber vollkommen gleichgültig.

»Der Herr Professor Wilbrandt ist ein verehrungswürdiger Mann«, sagte er. »Ich bin überzeugt von seinem guten Willen, dem Recht zum Siege zu verhelfen.«

»Aber von meinem guten Willen sind Sie nicht überzeugt!« rief der Deutsche, und er fühlte, wie die Erbitterung in ihm trotz aller guten Vorsätze wieder durchbrechen wollte.

»Geben Sie mir den Plan, und meine Zweifel sind verschwunden.«

»Das ist wirklich entmutigend!« seufzte Wilbrandt. »Ich will Ihnen einen Vorschlag machen. Gehen Sie zum Hause Ihres Landsmannes Hoi-so-ping. Dort finden Sie zwei Freunde von mir, die Herren Ben Rubber und Robert Harlington. Stellen Sie sie zur Rede, und Sie werden vernehmen, daß in all unseren Gesprächen gesagt worden ist, daß Sie den Plan zurückerhalten, wenn wir ihn finden sollten.«

»Warum soll ich das tun!« rief Li-chu-ang erbittert. »Wenn ich einem Deutschen nicht glauben darf, um wie viel weniger Angehörigen von Nationen, die unsere Feinde sind!«

»Diese beiden sind nicht Feinde der Chinesen. Beide haben unter Ihren Landsleuten zahlreiche Freunde. Aber wenn Sie denen nicht glauben können, so wenden Sie sich an Ihren Landsmann Hoi-so-ping. Von ihm werden Sie nicht erwarten, daß er Sie belügt.«

»Warum nicht – wenn er selbst belogen wurde!«

»Hören Sie mal, ich verbitte mir Ihre fortgesetzten Beleidigungen!« brüllte Wilbrandt dem Chinesen ins Gesicht.

»Wollen Sie nicht lieber erst essen?« fragte jener völlig unbewegt. »Sie sind hungrig und darum reizbar.«

»Ich habe nicht die Absicht, mich von Ihnen vergiften zu lassen!« rief der Deutsche mit verletzendem Hohn.

Li-chu-ang lächelte zwei Sekunden lang vor sich hin. Dann warf er einem der Wächter einen kurzen Befehl zu. Der eilte fort und kehrte nach wenigen Sekunden mit einem Teller wieder, auf dem mehrere Eßstäbchen lagen. Schweigend nahm Li-chu-ang am Tische Platz, legte von jeder Schüssel einen Bissen auf einen Teller und verspeiste sie langsam. Heinz Wilbrandt schaute ihm dabei stumm zu. So etwas wie eine leise Beschämung erwachte in ihm. Er sagte sich, daß dieser Mann, der zweifellos ganz erfüllt war von dem Bewußtsein seines Rechts, sich in bewunderungswürdiger Weise in der Gewalt habe. Nicht ein einziges unhöfliches Wort war bisher über seine Lippen gekommen. Was der Deutsche als Beleidigung empfand, das konnte in den Augen des Chinesen keine solche sein, da er ja das Bewußtsein hatte, die Wahrheit zu sagen.

Stumm ließ Wilbrandt sich am Tische nieder und begann zu essen. Aus Höflichkeit hatte man dem Gast europäisches Tischzeug gegeben. Jetzt erst merkte er, wie hungrig er war. Sobald er begann, nahmen die beiden Diener die Laternen aus den Tragringen und leuchteten. Unbeweglich wie Figuren aus Stein standen sie zu beiden Seiten des Tisches und starrten wie leblos gegen die dunkle Wand. Li-chu-ang murmelte in seiner Sprache ein paar Worte, die dem Deutschen wie eine Art Tischgebet oder Segensspruch klangen. Dann schob er die Arme in den Ärmeln seiner Seidenjacke zusammen und schloß die Augen. Unbeweglich, entrückt saß er so – und man hätte glauben können, er schliefe.

Dem Deutschen schmeckte es ausgezeichnet, und er aß so lange, bis nichts mehr vorhanden war. In dem Augenblick, da er sein Besteck hinlegte, öffnete der Chinese wieder seine Augen und nickte seinem Gast beinahe freundlich zu.

»Ich sehe mit großer Freude, daß mein ärmliches Mahl bei meinem hohen Gast Gnade gefunden hat«, sagte er mit einer leichten Verbeugung. »Möge es Ihrer Gesundheit und Ihren Kräften dienen!«

»Ich danke Ihnen«, entgegnete Heinz Wilbrandt, auf den die Mahlzeit tatsächlich besänftigend gewirkt hatte, so freundlich, als speisten sie gemeinsam in einem angenehmen Gasthause. »Es hat mir tatsächlich ausgezeichnet geschmeckt. Für den lächerlichen Verdacht, Sie planten, mich zu vergiften, bitte ich geziemend um Verzeihung.«

Der Chinese lächelte nachsichtig und beförderte diese Angelegenheit mit einer kleinen Geste in den Abgrund des Gewesenen. Er wollte sprechen, doch Wilbrandt kam ihm zuvor.

»Ganz offen, Mister Li-chu-ang, ich halte Sie für einen Ehrenmann, der die Überzeugung hat, in seinem Recht zu sein. In Wirklichkeit aber befinden Sie sich in einem verhängnisvollen Irrtum. Ich gäbe wirklich viel darum, wenn Sie mir glauben würden.«

»Ich darf Ihnen nicht glauben, Herr. Denn von dem Augenblick an, da ich Ihnen glaubte, müßte ich zugleich an den Tod meines Vaters und den Untergang meiner Familie glauben. Dieses habe ich mit den gleichen Worten schon Ihrem Herrn Vater gesagt.«

»Halt, da fällt mir etwas ein! Nehmen Sie doch einfach an unserer Reise teil! Wir verfolgen zwei Chinesen, den Mandarin Lui-ping-shen und den Raritätenhändler Tso-tsing-wu. Wir wissen, daß das Kästchen mit der Handschrift sich in ihrem Besitz befindet, denn wir haben es selbst in den Händen der beiden gesehen. Das war beim Grabe des Kon-fu-tse in Ki-kui. Leider wurde ich krank, und dadurch haben wir die Spur der beiden wieder verloren. Um sie zu suchen, sind wir hierhergekommen und wir hoffen, sie in Peking wiederzufinden. Schließen Sie sich uns an! Sie sind dann über alle unsere Ermittelungen immer sogleich unterrichtet.«

Li-chu-ang saß lange Zeit unbeweglich – überlegend. Endlich erhob er sich. »Ich weiß nicht, ob ich auf Ihre Vorschläge eingehen kann. Ich werde es mir überlegen.«

»Aber das wäre doch das Vernünftigste, was Sie tun könnten.«

»Ich glaube, es wäre das falscheste, was ich tun könnte. Das Richtigste wäre vielleicht, Ihnen das Geständnis unter Martern zu entlocken.«

»Das dürfte Ihnen nicht so leicht werden!« schrie Wilbrandt aufspringend. Grimm funkelte in seinen Augen.

»Oh, es wäre mir sehr leicht. Durch einen kurzen Befehl könnte ich diesen Raum mit Leuten füllen, die nur meines Winkes harren. Aber ich bitte Sie, sich nicht zu beunruhigen. In dieser Nacht werde ich nichts gegen Sie unternehmen, das Ihnen schaden könnte. Aber vielleicht morgen. Sie müssen, wenn Sie sich weiterhin weigern, auf Schreckliches gefaßt sein, denn ich bin fest entschlossen, mein Ziel zu erreichen – unter allen Umständen.«

Er verließ geräuschlos das Gemach, gefolgt von den beiden Fackelträgern. Der Gefangene hörte, wie zwei Riegel von außen vorgeschoben wurden. Er befand sich nun in einem wahren Klumpen von Finsternis. Nicht die geringste Spur von Licht war im Raum wahrzunehmen. Eine ganze Minute lang mußte er sich an diese Finsternis gewöhnen, bevor er darin den etwas weniger schwarzen Fleck des Fensters wahrnehmen konnte. Er tastete sich bis dorthin und blickte durch die Scheiben. Finsternis auch draußen. Kein Mondstrahl, kein Sternenflimmern, kein Licht, das aus einem Hause heraus winkte. Als läge dieses unheimliche Haus inmitten einer weiten sonnen- und mondlosen Wüste.

Mit einem schweren Seufzer schleppte Heinz Wilbrandt sich zum Ruhebett zurück, warf sich darauf nieder und versank bald von neuem in Schlaf.

*

Ben Rubber erstarrte förmlich, als Käsch herangekeucht kam und atemlos seine Hiobsbotschaft verkündigte.

»Ein Zufall«, bemerkte Harlington, der sich gerade bei Rubber befand. »Was sollten die Leute für eine Veranlassung haben, Wilbrandt zu entführen!«

Käsch aber schüttelte anhaltend den Kopf. Er berichtete, daß er, als er sich endlich aus dem Knäuel befreit hatte, der Gruppe nachgerannt sei, in der Wilbrandt sich befand. Durch mehrere Straßen hatte er die Männer im Auge behalten, plötzlich aber waren sie verschwunden. Auf die Eindrücke seines Ohrs sich verlassend, war er dem Geschrei gefolgt, mußte sich in dem Gewirr von Gassen und Gäßchen aber wohl geirrt haben, denn plötzlich hörte und sah er nichts mehr. Eine ganze Stunde lang hatte er noch das Viertel durchstreift – umsonst.

»Das ist ein Schurkenstreich von Tso-tsing-wu!« rief Ben Rubber. »Ich werde sofort zum deutschen Gesandten gehen! Was meinen Sie, Harlington?«

»Ja, tun Sie es nur«, nickte der Engländer nachdenklich. »Obwohl ich eigentlich nicht weiß, was der deutsche Gesandte in der Sache tun könnte.«

»Aber er muß doch vor allem bei der Pekinger Polizei vorstellig werden!« regte der Amerikaner sich auf. »Oder beim Stadtkommandanten, wenn es derartiges in diesem Ort gibt. Zum Donnerwetter, wozu sind denn die Deutschen Freunde der Chinesen, wenn nicht die Herren des Landes in einem solchen Fall eingreifen wollten!«

»Ich behaupte nicht, daß Sie sich weigern, einzugreifen«, sagte Harlington ruhig. »Gut, begeben Sie sich zum deutschen Gesandten. Ich werde derweil etwas unternehmen, was mir wirkungsvoller zu sein scheint.«

»Und das wäre?« fragte Ben Rubber begierig.

»Mit Hoi-so-ping reden.«

»Mit Hoi-so-ping? Was soll denn der – ah – ich glaube Sie zu verstehen! Gut, reden Sie mit ihm! Nehmen Sie aber Käsch dazu. Ich gehe inzwischen.«

Harlington begab sich mit Käsch zu Hoi-so-ping. Dieser befand sich eben mit mehreren Kunden in einer lebhaften Auseinandersetzung. Die Kunden schienen ihm über irgend etwas Vorwürfe zu machen, und er verteidigte sich leidenschaftlich und, wie es schien, witzig, jedenfalls aber erfolgreich. Anscheinend war er eben im Begriff, einen vollkommenen Sieg über seine Bedränger zu erringen, denn auf den Gesichtern seiner Leute sah man ein äußerst vergnügtes Schmunzeln, auf denen der Gegenpartei Ärger und Verlegenheit.

Da erschien Harlington. Kaum erkannte Hoi-so-ping, daß der Engländer etwas von ihm wünschte, da ließ er seine Kunden stehen und stellte sich ihm zur Verfügung.

»Ich sehe, daß Sie eine wichtige Besprechung haben, Mister Hoi-so-ping«, sagte Harlington. »Ich will gerne warten.«

»Das wäre unverantwortlich«, wehrte sich der Chinese. »Meine geringeren Freunde müssen warten, wenn meine bevorzugten Wünsche haben.«

Harlington war es im Augenblick nicht um den Austausch höflicher Redensarten zu tun. So kurz wie möglich setzte er Hoi-so-ping von dem Vorgefallenen in Kenntnis. Der Chinese aber nahm die Sache nicht im geringsten tragisch.

»Keine Gefahr, Sir, nicht die geringste Gefahr!« lächelte er beruhigend. »Ein dummer Scherz. Oder ein Irrtum. Ein Mißverständnis. Vielleicht auch Verwechselung mit einem anderen Weißen. Wenn sie die Armbinde bei ihm bemerken, dann werden sie ihn mit vielen Entschuldigungen auf ihren Schultern an den Ort zurücktragen, von wo sie ihn fortführten. Ein Raubüberfall? Oh, glauben Sie das nicht! Denken Sie, mitten in der Stadt! Am hellen Tage! Und an einem Deutschen! Ausgeschlossen, wertester Herr! Das ist kaum denkbar in Peking. Auf dem Lande und in der Wüste wäre es eher möglich. Hier weiß der geringste Kuli, daß die Deutschen unsere guten Freunde sind. Darum tun sie einem Deutschen nichts Böses. Wenn es ein Weißer anderer Nation wäre – vielleicht.«

»Was könnte denn wohl in dieser Angelegenheit unternommen werden?« unterbrach Harlington ein wenig verstimmt die Lobrede auf die Deutschen.

»Unternommen werden?« wunderte sich Hoi-so-ping. »Oh, Sir, gar nichts. Ich kenne Peking. Und ich kenne meine Landsleute. Keine Ursache zur Besorgnis, glauben Sie mir!«

Harlington ließ sich von der überlegenen Sicherheit des Hausherrn beruhigen und glaubte nun selbst, daß Wilbrandt binnen einer oder zwei Stunden zurückkehren werde. Zwar entging es ihm nicht, daß Käsch die Sicherheit Hoi-so-pings nicht teilte. Aber Käsch war ja kein Pekinger. Er kam aus Tientsin und kannte die Verhältnisse in Peking nicht so genau.

Also ließ Harlington sich beschwichtigen. Aber der gute Hoi-so-ping hatte zu viel versprochen. Wilbrandt kehrte weder nach einer noch nach zwei Stunden zurück. Und wir wissen, daß vorläufig wenig Aussicht bestand, daß er binnen kurzer Zeit zurückkehren würde.

Aber Harlingtons Zuversicht dauerte nicht lange. Längst keine zwei Stunden. Je länger der Weg wurde, den der Zeiger seiner Armbanduhr zurücklegte, um so kleiner wurde seine Hoffnung und um so mehr vergrößerte sich seine Besorgnis. Und bevor die zwei Stunden vorüber waren, kehrte Ben Rubber von seinem Ausgang zurück. Er hatte den Gesandten angetroffen und mit ihm gesprochen. Dabei hatte er sehr wohl bemerkt, daß der Gesandte nicht besonders zuversichtlich war. Er hielt keineswegs mit seiner Meinung hinterm Berge, daß es von einem ortsunkundigen Europäer zum mindesten sehr leichtsinnig sei, in dieser bewegten Zeit sich in das Straßengetümmel zu mischen. Er versprach, sofort die geeigneten Schritte zu unternehmen, vergaß aber dabei nicht zu bemerken, daß die Pekinger Polizei gegenwärtig ganz andere Sorgen habe als einen verschwundenen Fremden zu suchen.

Hoi-so-ping hatte sich nach der Unterredung mit Harlington wieder seinen Kunden gewidmet, die geduldig warteten, und überzeugte sie dank seiner außerordentlichen Beredsamkeit in jeder Hinsicht. Darauf bewirtete er sie mit Tee und süßem Backwerk und ließ sie in Frieden ziehen. Schmunzelnd und händereibend machte er für diesen Tag sein Geschäft zu und stellte sich freundschaftlich seinen Gästen zur Verfügung. Und nun, da er vernahm, daß Heinz Wilbrandt noch nicht zurückgekehrt sei und daß der deutsche Gesandte Besorgnisse geäußert habe, veränderte sein freudestrahlendes Gesicht mit einem Male seinen Ausdruck. Ganz plötzlich wurde er von Sorge und Bekümmernis befallen. Sein Kopf sank ihm auf die Brust hinab – man sah ihm an, daß er angestrengt nachdachte. Das dauerte eine gute Weile. Dann war er zu einem Ergebnis gekommen. Ernst blickte er von einem zum anderen.

»Ich glaube, ich weiß, wie das mit Mister Wilbrandt ist. Die Leute, die ihn weggeführt haben, wissen, daß er Arzt ist. Den kämpfenden Truppen fehlt es so sehr an Ärzten. Sie werden ihn mit Gewalt zur Armee bringen.«

»Dummes Zeug!« knurrte Ben Rubber. »Verrückter Gedanke!«

Harlington war nicht dieser Ansicht.

»Wenn es bekannt geworden ist, daß Wilbrandt Arzt ist, dann halte ich eine solche Entführung gar nicht für so unmöglich. Ärzte sind in der Tat sehr gesucht – und deutsche Ärzte ganz besonders. Letzten Endes wäre der Umstand, daß man ihn mit Gewalt zur ärztlichen Kriegsdienstleistung gepreßt hat, noch nicht einmal die schlimmste Lösung des Rätsels.«

Ben Rubber aber schüttelte anhaltend den Kopf. Hoi-so-ping verharrte auf seiner Ansicht, ließ sich durch keine Gegengründe davon abbringen und versuchte, allerlei für seine Meinung ins Feld zu führen, was dann von Rubber und Harlington je nach ihren verschiedenen Ansichten erörtert, gestützt oder bestritten wurde. Nur Käsch sagte nichts. Er war von Trauer und Unruhe um seinen Herrn erfüllt. Und als das Streiten um allerlei Möglichkeiten gar kein Ende nehmen wollte, schlich er sich leise hinaus, in seine Kammer, und grübelte hier einsam über den Fall nach, bis der Schlaf ihm die Augen verschloß und alles Grübeln in ihm zum Verstummen brachte.


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