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2.

Land! Man weiß, mit welchen Gefühlen der Sehnsucht der Reisende nach langer Seefahrt dem festen Lande zustrebt. Nach wochenlangem Aufenthalt in der wogenden Welt der Gewässer, überspannt von dem endlos erscheinenden Himmelsgewölbe, schlägt das Herz dem neuen Gestade stürmisch entgegen.

Das Bild von Taku aber war geeignet, auch die stärkste Landungsfreude niederzuschlagen. Wohl lag heller Sonnenschein auf dem Land, doch es flimmerte auf ödem Sand, gelblichem Gestein und den drohenden Mauern des Forts.

Doktor Wilbrandt und Robert Harlington standen an der Reling des Dampfers und blickten dem Land entgegen, das sich immer deutlicher aus dem Meer erhob. Auf der Reede von Taku lagen mehrere Kriegsschiffe verschiedener Nationen und einige Handelsschiffe. Chinesische Dschunken mit dunklen Mattensegeln bewegten sich hier und dort.

Eine Stunde später dampfte das Schiff in die Mündung des Peiho hinein. Nun zog langsam eine reiche und fast reizvolle Landschaft an den Augen der Reisenden vorüber. Robert Harlington hatte nicht zu viel gesagt: die Fahrt auf dem Peiho führte in durchaus angenehmer Weise in das Innere des Landes hinein. Zwar sah man keine phantastischen Bodenformen, keine tropischen Urwälder, sondern allenthalben eine in vorzüglicher Verfassung befindliche planvoll betriebene Landwirtschaft. Und wenn eine weite Landschaft mit wogenden Getreidefeldern und grünen Gemüsen auch nicht gerade romantisch ist, so verflogen dennoch den Reisenden die Stunden bis zur Ankunft in Tientsin, bevor sie es recht merkten. Es war Nachmittag, als die Stunde kam, da Wilbrandt, Harlington und zwei französische Damen das Schiff verlassen sollten. Die beiden jungen Männer standen beieinander und erwarteten den Augenblick des Aussteigens.

»Sind Sie eigentlich nach China gekommen, um sich hier als Arzt niederzulassen?« fragte der Ingenieur beiläufig.

»Nein«, antwortete Heinz Wilbrandt, und eine Falte legte sich quer über seine Stirne. »Ich bin ausgezogen, um eines braven Mannes Ehre zu retten – die meines Vaters.«

Harlington warf seinem jüngeren Reisegefährten einen Blick der Überraschung zu.

»Oh, davon hätten Sie mir eher erzählen müssen, vielleicht hätte ich Ihnen manchen Ratschlag geben können. Stehen Sie ganz allein in China oder haben Sie Verbindungen?«

»In Tientsin wohnt ein Freund meines Vaters. Mein Vater hat an ihn geschrieben, und ich hoffe, er wird mich am Pier abholen.«

»Nun, dann wünsche ich Ihrem Unternehmen besten Erfolg«, sagte Robert Harlington und drückte dem Deutschen warm die Hand. Dann mußten die beiden sich trennen, um sich um ihr Gepäck zu kümmern.

*

Der Dampfer hatte angelegt und die Fahrgäste, deren Ziel Tientsin war, stiegen aus. Am Fallreep stand der Kapitän und drückte jedem scheidenden Fahrgast die Hand mit einigen Abschiedsworten.

»Werden Sie in Tientsin erwartet, Herr Doktor?« fragte er Wilbrandt.

»Ich rechne damit, da ich angemeldet bin.«

»Sollten Sie wider Erwarten keinen Bekannten am Hafen treffen, so finden Sie doch bestimmt europäische Dienstleute. Lassen Sie sich zur Universität weisen. Dicht in der Nähe ist die deutsche Kolonie, wo Sie gutes Unterkommen finden.«

Heinz Wilbrandt bedankte sich, nahm Abschied von dem Schiffsführer – und stand mit seinen Reisegefährten auf chinesischem Boden. Noch ein paar freundliche Worte zwischen den Gelandeten – und der junge Deutsche war allein. Allein in einem Lande, wo so vieles seltsam und phantastisch erscheint, wo der Europäer auf Formen stößt, die ihn bizarr oder absonderlich künstlerisch anmuten, lächerlich oder in seltsamer Weise geschmackvoll. Heinz Wilbrandt fand, daß schon seine ersten Schritte auf chinesischem Boden von den Seltsamkeiten begleitet waren, von denen er so manches gehört und gelesen hatte. Mit großen Augen staunte er in eine bunte Märchenwelt. Alles dünkte ihn im höchsten Grad absonderlich. Die Häuser, die Bäume, die im Wasser einherschießenden Dschunken – alles war behangen mit Girlanden, Wimpeln, Fähnchen, Flaggen und Blütenranken in allen Farben und Formen. Papierlaternen der verschiedensten Größe und Arten schaukelten allenthalben – und die Grundfarbe war überall rot. Vielfältig leuchtete die rote Farbe in unzähligen Abstufungen aus dem Wirrwarr von baumelnden und wehenden Gegenständen hervor. Noch war er im Anblick dieser in Flitter leuchtenden Welt ganz versunken, als eine Hand sich auf seine Schulter legte.

»Ich will Klaas heißen, wenn das nicht der Doktor Wilbrandt aus Deutschland ist!« tönte eine kräftige Stimme.

Der junge Arzt fuhr herum und sah sich einem langen, hageren Mann gegenüber, dessen Gesicht zwar so gelb war, als gehörte es einem der eingeborenen Sohne des Landes. Doch der Schnitt dieses Gesichtes war so entschieden deutsch, daß man über das Heimatland des Herrn keinen Augenblick im Zweifel sein konnte.

»Und wenn ich recht habe, junger Mann, dann her mit Ihrer Hand! Ich bin Karl Rixkens!«

Hei, wie der junge Arzt da eifrig und eilends nach der dargebotenen Hand griff! Er wußte, es war die Hand eines Ehrenmannes, der dazu noch der beste und treueste Freund seines Vaters war.

»Grüß Gott, verehrter Herr Rixkens!« lachte der junge Deutsche übers ganze Gesicht. »Ein wahres Glück, daß Sie mich aus diesem Trubel herausgefischt haben!«

»Nicht wahr, hier ist es hübsch lebendig. Beinahe wie auf dem Bahnhof Friedrichstraße in Berlin.«

»Jawohl, aber so ganz anders. Da gibt's ja gar keinen Vergleich! So eine farbige Welt hätte ich mir nicht träumen lassen.«

»Ach so! Ja, so ist's auch hier nicht immer. China hat sein Festkleid angezogen. Die Chinesen feiern ihr Mondfest. So, jetzt kommen Sie mit zu meinem Wagen, damit ich Sie mal erst in meine Häuslichkeit einführe. Zunächst sorge ich für Ihr Gepäck.«

Rixkens tat nur einen kleinen Wink mit dem Finger und blitzschnell schossen ein paar Kulis heran, die sich des Gepäcks bemächtigten. Rixkens schob seinen Arm unter den seines jungen Landsmanns und führte ihn geschickt durch das Menschengewühl bis zu der Stelle, wo der Kaiserkanal sich mit dem Peiho verbindet. Hier wartete ein Wägelchen, mit zwei kleinen, unruhigen Pferden bespannt. Als die beiden Herren im Wagen saßen und das Gepäck verstaut war, schwang sich ein junger Mongole behend auf den Bock, schnalzte mit der Zunge und ließ die Peitschenschnur um die Ohren der Pferdchen spielen. Die Tiere zogen an, und von neuem ging es in das Gewühl und Geschiebe hinein. Angesichts dieser Menschenflut zweifelte Wilbrandt nicht mehr daran, daß Tientsin über achthunderttausend Einwohner hatte. Es war ein lautes, fröhliches Völkchen, das das kleine Fuhrwerk umbrandete und die Straßen mit Geschrei, Gesang und Gelächter erfüllte. Doch dieser Lärm war weder beängstigend noch verwirrend, da das ganze Getriebe gar zu deutlich den Stempel harmloser Fröhlichkeit trug. Nur langsam kam das Gefährt voran. Schritt für Schritt wand es sich durch den Menschenknäuel. Der Kutscher verschwendete erstaunlich viel Lungenkraft und ahmte mit seiner Peitsche ein wahres Maschinengewehrfeuer nach, um Platz zu schaffen. Das gab Anlaß zu vielen Stößen und Püffen und großem Geschrei. Doch alles geschah lachend und scherzhaft und erhöhte die allgemeine Fröhlichkeit. Nur ein langer Bursche, der singend einen mit bunten Bändern und einem Mandelblütenstrauß geschmückten Stab schwang, wurde erbost, als sich die Peitschenschnur des Kutschers wie ein flinkes, boshaftes Schlänglein um den Stab schlang und ihn seinem Besitzer mit einem unsanften Ruck aus den Händen riß. Der Kerl begann unter dem Gelächter der Zuschauer entsetzlich zu zetern. Es schien, als wollte er dem jungen Menschen auf dem Bock an die Kehle springen. Doch da griff Rixkens ein. Er gab dem ungeschickten Burschen einen Puff zwischen die Rippen und befahl ihm, seine Peitsche säuberlich von dem mißhandelten Stab zu lösen, was denn auch geschah. Diese Maßregel schien dem Chinesen eine ausreichende Sühne zu sein, zumal sich ein Geldstück in seine Faust geschoben hatte, von dem Kaufherrn gespendet. Er grinste dem Kutscher schadenfroh ins Gesicht, machte vor dem Deutschen eine Verbeugung bis zur Erde und tauchte in der Menge unter.

Heinz Wilbrandt wunderte sich nicht wenig darüber, daß Rixkens diesen Vorfall anscheinend ernstgenommen und selbst eingegriffen hatte, und er machte darüber eine Bemerkung.

»Dazu hatte ich natürlich meine besonderen Gründe«, sagte der Kaufmann. »Sie wissen, welch großen Wert Deutschland darauf legen muß, mit China in freundschaftlichem Verhältnis zu stehen, wir brauchen China ebenso nötig, wie China uns braucht. Jeder klardenkende Mann, der die Verhältnisse so kennt wie ich, vermeidet es, den Bewohnern dieses Landes vor den Kopf zu stoßen. Nichts Dümmeres als das Gerede von der Kultur, die wir den Chinesen zu bringen hätten. China hat eine viel ältere Kultur als Europa. Eine andere Kultur als wir, gewiß. Ist das ein Grund, den Chinesen unsere Bildungs- und Zivilisationsbegriffe aufdrängen zu wollen? Gewiß nicht! Wir sind Gäste in diesem Land und haben zunächst einmal die Pflicht, uns als solche zu betragen. In einem fremden Land sich als Herr aufzuspielen, ist nicht nur ungerecht, sondern auch dumm. Glauben Sie nur nicht, daß die verschiedenen Aufstände der Chinesen gegen die Fremden ohne Ursache gewesen wären! Der Chinese ist ein unglaublich geduldiger und höflicher Mensch. Aber diese Eigenschaften haben ihre Grenzen. Ich komme mit den Bewohnern dieses Landes glänzend aus, weil ich gerecht bin. Und was den Fall von eben betrifft: ich bin vernünftig genug, zu erkennen, daß die Schuld auf seiten meines Dieners liegt. Danach habe ich gehandelt.«

»Im anderen Fall hätte es wohl einen unangenehmen Auflauf gegeben?« vermutete Wilbrandt.

»Ausgeschlossen! Flammen des Aufruhrs wären nicht ausgebrochen – aber ein Funke des Hasses und der Empörung hätte vielleicht angefangen zu schwälen. Wir Deutschen in China vermeiden das nach Kräften. Wir kümmern uns möglichst wenig um Dinge, die uns nichts angehen, nämlich um die Sitten, Gebräuche und inneren Einrichtungen der Chinesen. Und im übrigen lassen wir ihnen Gerechtigkeit widerfahren – wie Sie eben gesehen haben. Wer hier seine Geschäfte hat, befleißigt sich am besten strengster Redlichkeit und peinlichster Ordnung. Dafür haben die Chinesen ein feines Gefühl. Wer auf dieser Grundlage mit den Bewohnern dieses Landes verkehrt, der hat es nicht schlecht. Der lebt hier sicherer als in Berlin, Hamburg oder München.«

Das Gespräch wurde dadurch unterbrochen, daß der Wagen von einem ganzen Schwarm jüngerer Leute umringt wurde. Mit lautem Gesang und Geschrei tanzten die Chinesen um das haltende Gefährt, während zwei verschmitzt lachende Kerle die Zäume des Gespannes festhielten.

Der Kutscher blickte ratlos auf seinen Herrn, der aber winkte ihm lachend zu, ruhig zu warten. Plötzlich ging ein wahrer Regen von kleinen duftenden Ölbaumzweigen über die Köpfe der beiden Deutschen nieder, der Wagen wurde freigegeben und die Gesellschaft tänzelte lachend und singend ihres Weges weiter.

»Diese duftige Begrüßung scheint mir ein Anzeichen dafür zu sein, daß die Chinesen uns Europäer nicht nur achten, sondern auch lieben.«

»Seien Sie davon nicht so überzeugt«, meinte Rixkens mit einem Kopfschütteln. »Es war eine duftige Begrüßung, wie Sie sehr richtig sagten – doch nichts weiter. Keineswegs eine Huldigung. Denn bei aller Höflichkeit uns gegenüber ist der Stockchinese von seiner besseren Kultur uns gegenüber vollkommen und unerschütterlich überzeugt. Sie werden das alles demnächst selbst gründlich studieren können, wenn Sie sich in Tientsin als Arzt niedergelassen haben. Dieses Land wimmelt zwar von Medizinmännern, teils abergläubische Dummköpfe, teils schlaue Betrüger. Seit einigen Jahren gibt es auch wirkliche Ärzte nach modernen Begriffen, die meist drüben bei uns in Deutschland studiert haben. Es sind ihrer aber so wenige, daß ein tüchtiger deutscher Arzt in China sein Auskommen finden wird.«

»Aber das ist gar nicht meine Absicht«, versetzte Doktor Wilbrandt. »Hat mein Vater Ihnen hierüber denn nichts geschrieben?«

»In dem Brief Ihres Vaters ist von einer wichtigen Aufgabe die Rede, deren Träger Sie sind. Ich wurde gebeten, Sie nach Möglichkeit zu unterstützen. Ich habe angenommen, diese Aufgabe bestände darin, den Kranken zu Hilfe zu kommen.«

»Das ist ein Irrtum«, sagte der junge Deutsche ernst. »Ich bin nach China gekommen, um die angegriffene Ehre meines Vaters zu retten. Er leidet schwer darunter, in einen schmachvollen Verdacht geraten zu sein. Soll ich Ihnen die Geschichte jetzt erzählen? Es würde einige Zeit dauern, und das Anhören verlangt Sammlung.«

»Dann lassen wir's bis nachher, denn wir sind gleich zu Hause.«

In diesem Augenblick bog der Wagen mit beängstigendem Schwanken um eine Ecke – und in ein wahres Paradies hinein. Eine Welt von Blüten öffnete sich vor den Augen der Reisenden. Rechts und links vom Wege lagen schöne Gärten, darin hübsche Landhäuser. Überall sah man den Lieblingsbaum der Chinesen, den wilden Ölbaum mit seinen lorbeerartigen Blättern und den kleinen gelblichweißen Blüten, die einen unbeschreiblich süßen Duft ausströmen. Gleich darauf hielt der Wagen vor einem besonders hübschen Anwesen. Rixkens sprang mit jugendlicher Behendigkeit vom Wagen herab und öffnete das Gartentor. Schon eilte vom Haus her ein hellgekleidetes schönes junges Mädchen.

»Aha, da kommt schon mein Lenchen!« schmunzelte der Kaufherr. »Guten Tag, Kind! Hier habe ich unseren Gast.«

Er machte die beiden miteinander bekannt und das junge Mädchen streckte dem Gast mit einem freundlichen Lächeln die Rechte entgegen.

»Seien Sie herzlich willkommen unter unserem Dach, Herr Doktor! Hoffentlich werden Sie, während Sie bei uns sind, die deutsche Heimat nicht allzusehr vermissen.«

»Wie könnte das möglich sein«, antwortete Wilbrandt, von diesem herzlichen Empfang aufs wärmste berührt. »Seit ich mein Heim verließ, hatte ich nicht mehr ein solches behagliches Heimatgefühl wie in dem Augenblick, da ich unter das Dach Ihres Hauses trete.«

Es war, als umschlinge schon jetzt ein Band erprobter Freundschaft diese drei Menschen, die noch nichts voneinander wußten, als daß sie Landsleute seien. Doch dieses Gefühl hat in ferner Fremde eine unendlich viel stärkere Kraft als daheim.

*

Nach dem Essen kam die Rede wie von selbst wieder auf den Zweck von Wilbrandts Anwesenheit zurück, als Helene Rixkens äußerte, sie hoffe, Doktor Wilbrandt würde recht lange Gast ihres Hauses bleiben. Da schüttelte der junge Arzt bedrückt den Kopf.

»Ich fürchte, daß das nicht der Fall ist. Eine dringende Pflicht treibt mich weiter.«

»Ins Innere des Landes?« fragte Rixkens.

»Ich kann das noch nicht sagen. Es ist am besten, wenn ich Ihnen rückhaltlos berichte, um was es sich handelt. Ich sprach schon auf der Herfahrt davon, daß ich ausgezogen sei, die angegriffene Ehre meines Vaters wiederherzustellen.«

»Aber wer kann seine Ehre angegriffen haben!« wunderte sich der Kaufmann. »Ich kenne meinen alten Freund Wilbrandt als einen der untadeligsten Ehrenmänner, die auf diesem alten Planeten herumlaufen.«

»Weiß Gott, das ist richtig!« rief der junge Arzt mit Wärme. »Darum leidet er ja gerade so sehr. – Es handelt sich um einen Diebstahl.«

»Um einen Diebstahl!« rief der alte Herr beinahe entrüstet. »Sie wollen doch nicht sagen, irgendein Narr behaupte, Ihr Vater hätte – aber nein, zu dumm, so was nur zu denken!«

»Natürlich beschuldigt niemand meinen Vater des Diebstahls«, sagte Wilbrandt. »Aber ich bin nicht sicher, ob es nicht Wahnsinnige gibt, die in ihrem Inneren einem solchen Gedanken nachhängen. Auch der friedfertigste Mensch hat Feinde und Gegner. Aber auch die Freunde meines Vaters machen ihn für einen Verlust verantwortlich, den er nicht ersetzen kann. Eine kostbare Kassette, die außer ihrem bedeutenden Materialwert einen unschätzbaren Kunstwert hat, ist aus dem Gewahrsam meines Vaters entwendet worden.«

»Ah, und der Dieb?«

»Ich glaube ihm auf der Spur zu sein.«

»Aber Sie sind allein, haben keine Kenntnis der Sprache und der Sitten dieses Landes –«

»Gerade in diesem Punkt hofft mein Vater auf Ihre Hilfe.«

»Und nicht vergeblich, lieber junger Freund! Hören Sie also meinen ersten und wichtigsten Rat. Sie brauchen vor allen Dingen die Unterstützung sachkundiger Leute. Es kommt nun alles darauf an, bis zu welchem Grad Sie Ihre Angelegenheiten geheimhalten müssen.«

»Soweit wie möglich. Aus Gründen, auf die ich noch zu sprechen kommen werde.«

»Gut – aber ganz unter uns kann die Sache nicht bleiben. Von Nutzen kann Ihnen nur ein Mann sein, der den ganzen Fall kennt.«

»Das sehe ich ein. Aber Sie werden mich natürlich nur mit ganz vertrauenswürdigen Leuten in Verbindung bringen. Und solche werde ich gern in mein Geheimnis einweihen.«

»Sehr richtig gedacht! Ich empfehle Ihnen also zwei Männer, die nicht nur im vollsten Maß unser Vertrauen verdienen, sondern auch Land, Leute und Verhältnisse aufs genaueste kennen. Der erste ist ein amerikanischer Zeitungsmann, Mister Ben Rubber, der vor Jahren nach China gekommen ist und dem es hier so gut gefällt, daß er gar nicht wieder weg will. Auf seine Weise ist er ein Original. Ein Stockamerikaner, wie er im Buch steht, hält er Amerika für das idealste Land der Welt und verlangt, daß alle Welt ihm darin zustimmt. Die Chinesen hält er trotz allem, was er hier gesehen und erlebt hat, immer noch für ein halbzivilisiertes Volk. Lange hat er daran festgehalten, daß Chinesen, die was von ihm wollten, mit ihm englisch reden sollten. Aber natürlich ging das nicht. Und meist war es umgekehrt: meist wollte er was von den Chinesen. Endlich hat er eingesehen, daß er damit nicht durchkommt. Da hat er Chinesisch gelernt. Er muß aber wohl kein besonderes Talent dazu haben, denn bei aller Höflichkeit der Chinesen gibt es jedesmal große Heiterkeit, wenn er im Kreise der Söhne des himmlischen Reiches anfängt, chinesisch zu reden.«

»Was in der Eigenart der Sprache beruht«, ergänzte Helene lachend die Erklärung ihres Vaters. »Man kann mit vielen Wörtern die verschiedensten Dinge ausdrücken, je nachdem man sie betont. Mister Rubber scheint für diese Verschiedenheiten kein rechtes Gefühl zu haben, denn er wirft die Dinge bunt durcheinander, behauptet aber, er habe nur Witze machen wollen, wenn er's ganz besonders toll treibt.«

»Demnach scheint mir Herr Rubber doch nicht der geeignete Mann für eine solche Sache zu sein«, zweifelte Wilbrandt.

»Darüber machen Sie sich nur keine Gedanken«, versetzte Rixkens. »Der Amerikaner ist schon recht dafür. Er hat nämlich eine starke Begabung zum Detektiv und hätte als Kriminalbeamter sicher große Erfolge erzielt.«

»Das ist natürlich äußerst wichtig!« rief der junge Arzt lebhaft. »Und wer ist der zweite Vertrauensmann?«

»Ein Freund unseres Hauses, ein Ingenieur mit Namen Robert Harlington.«

»Oh, ihn kenne ich gut!« rief Heinz Wilbrandt überrascht. »Ich habe ihn auf dem Schiff kennengelernt. Er kam mit mir hier an.«

»Richtig, Harlington war in Europa! Und er ist wieder hier? Dann wird er bald zur Stelle sein. Ich werde aber beide Herren sofort benachrichtigen lassen, sobald wie möglich zu kommen. Bis dahin hat es wohl keinen Zweck, noch weiter über die Angelegenheit zu sprechen, die Ihnen sichtlich die Stimmung verdirbt.«

»Statt dessen schlage ich vor, eine Rundfahrt durch die Stadt zu machen und Lo-hing-fu zu besuchen«, sagte Helene.

»Ein guter Gedanke!« lobte Rixkens. »Das wollen wir tun. »Lo-hing-fu ist ein Original. Klein und dick von Gestalt, ist er in doppelter Beziehung mit einem Riesenzopf behaftet. Er war meiner Tochter chinesischer Lehrer. Der Mann ist Dichter und schreibt Sachen, für die meine Tochter wirklich begeistert ist. Helene ist eine gute Kennerin der chinesischen Literatur.«

»Du übertreibst, Vater«, sagte Helene lachend.

»Aber Sie beherrschen die Sprache?« fragte Doktor Wilbrandt, und unbegrenzte Hochachtung tat sich in seinen Mienen kund.

»Gewiß, aber das ist weiter nicht zu verwundern, da ich mich seit meiner Jugend damit beschäftige. Sie dürfen mir glauben, daß die Schwierigkeit der chinesischen Sprache und Schrift überschätzt wird, Wenn man sich einmal hineingearbeitet hat, dann ist dieses Studium sehr dankbar. Nur wer das Chinesische in der Ursprache zu lesen vermag, darf hoffen, dem seltsamen Geistesleben der Chinesen je nahe zu kommen. Auch die beste Übersetzung ist keine Brücke in das Seelenleben der Bewohner dieses Landes. Wie jeder Schriftsteller, so schreibt auch der chinesische zunächst für seine Landsleute, vielfach benutzt er eine seltsame, dunkle Satzbildung und hat eine starke Neigung zu rätselhaften Andeutungen, Sentenzen und Zitaten. Für den Europäer ist es nicht immer leicht, sich in solcher Geistesverfassung zurechtzufinden.«

»Vorausgesetzt überhaupt, daß man sich den ungeheuren Wortschatz der Chinesen zu eigen gemacht hat«, meinte der junge Arzt.

»Tatsache allerdings ist, daß man die Zahl der Schriftzeichen auf etwa achtzigtausend schätzt«, nickte Helene. »Davon ist aber der größte Teil nutzloser Ballast. Ich kann behaupten, daß ich mit etwa fünftausend Schriftzeichen, die ich beherrsche, ganz gut zurechtkomme.«

»Übrigens wird in China mit wahrer Leidenschaft Theater gespielt«, bemerkte Rixkens. »viele reiche, gebildete Chinesen unterhalten ihr eigenes Haustheater. Wenn Sie gerne mal ein solches kennen lernen möchten, will ich versuchen, Sie bei einem Bekannten von mir einzuführen, dem Mandarinen Tung-yang-tsien. Er besitzt ein eigenes Haustheater, das sehr gerühmt wird. Mir hat es allerdings nicht gefallen.«

»Weil du von den Vorgängen auf der Bühne nichts verstanden hast, Väterchen!« rief Helene lachend. »Und Ihnen, Herr Doktor, wird's auch nicht anders gehen. Aber trotzdem empfehle ich Ihnen, sich die Sache anzusehen, denn bei Tung-yang-tsien wird noch nach der alten Weise Theater gespielt.«

»Glauben Sie denn, daß der Mandarin mir, dem Fremden, sein Haus öffnen wird?« zweifelte Wilbrandt.

»Tung-yang-tsien ist ein gebildeter, aufgeklärter Mann und kein Fremdenhasser. Vielleicht kann er Ihnen in Ihrer Sache dienlich sein. Er wird es sicher tun, wenn Sie Wohlgefallen bei ihm finden. Und das werden Sie, wenn Sie sein Theater loben, denn das ist sein Steckenpferd.«

»Da ich kein verantwortlicher Berufskritiker bin, werde ich mich durch sein Theater begeistern lassen, wie es auch sein möge«, lachte Heinz Wilbrandt.

Der Diener trat herein und meldete, daß der Wagen zur Ausfahrt bereitstehe. Nun wurde eine Rundfahrt durch die Stadt angetreten, die dem des Landes noch unkundigen jungen Deutschen des Seltsamen und Absonderlichen so viel zeigte, daß ihm der Kopf wirbelte. Es war inzwischen dunkel geworden und das Fest hatte seinen Höhepunkt erreicht, wohin das Auge blickte, da schaukelten, tänzelten, schwebten und schwangen Papierlaternen in allen Größen und Farben. Ein Bild von unbeschreiblicher Buntheit, verwirrend durch die unendliche Vielzahl von Beleuchtungskörpern, die sich in ununterbrochener Bewegung befanden. Dazu jenes seltsame Geräusch, das von Tausenden von Menschenstimmen hervorgerufen wird, die durcheinander sprechen, singen, lachen, dudeln. Und dazwischen allerlei andere Laute und Lärminstrumente, vom Quäken und Quengeln kleinster Kinder bis zu gewaltigen Posaunen. Es war ein wahres Tohuwabohu, aber, wie der Deutsche deutlich genug erkennen konnte, von einer harmlosen, oft genug kindlich sich äußernden Freude und Lustigkeit hervorgerufen und beherrscht.

Endlich bog der Wagen in einen ruhigeren Bezirk ein und hielt vor einem Pförtchen, das sich in einer hohen, von Ölbaumzweigen überwachsenen Mauer befand. Schlingpflanzen, die an der Innenseite emporwucherten, sandten ihre Zweige und Blütenbüschel über die Mauer herüber, so daß sich auch aus der Straßenseite dichte Girlanden gebildet hatten. Der Kutscher schwang sich vom Bock, klopfte gegen das Gartentörchen und riß den Wagenschlag auf. Noch ehe die drei ausgestiegen waren, ging das Törchen auf und eine alte, runzelige Mongolin lud die Besucher zum Eintreten ein.

Sie befanden sich nun im Tuskulum des Dichters Lo-hing-fu. Obwohl Garten und Haus keineswegs geräumig, vielmehr in allen Teilen in kleinsten Maßen gehalten waren, verspürte man dennoch nicht das Gefühl drückender Enge. Im Gegenteil, man sah hier und dort behagliche, den kleinen Räumen noch abgerungene lauschige Winkel und Nischen. Dem jungen Deutschen erschienen diese Räume wie ein Feenpalast im kleinen. Nachdem die drei eine enge Treppe hinaufgestiegen waren, standen sie auf einer unüberdachten Veranda – und dem Dichter Lo-hing-fu gegenüber. Er selbst machte jedoch keinen märchenhaften Eindruck. Er war offenbar ein schon beträchtlich alter Herr mit dem Gesicht einer eingetrockneten Mumie, zahnlos, auf der Nase eine ungeheure Hornbrille. Er saß gebeugt vor einem niedrigen Tischchen und malte bedächtig mit einem dünnen Pinsel verschnörkelte Schriftzeichen auf eine Papierrolle, die ausgebreitet vor ihm lag. Mit der linken Hand streichelte er zärtlich seinen langen stattlichen Zopf, der ihm über die linke Schulter nach vorn herunterhing – ein seit der großen Revolution streng verbotener Schmuck, dem zuliebe manche alten Chinesen sich auf ein Leben in ihren vier Wänden beschränken müssen.

Als Lo-hing-fu seine Besucher erblickte, erhob er sich schwerfällig und begrüßte sie feierlich und mit großer Freundlichkeit. Die Deutschen mußten Platz nehmen und die alte Mongolin erschien unaufgefordert, brachte Tee und setzte auch ein kunstvoll geflochtenes Körbchen auf den Tisch, das mit Pfefferküchlein der verschiedensten Gestalt und Farbe gefüllt war.

Es begann ein Gespräch und es zeigte sich, daß Lo-hing-fu einigermaßen geläufig englisch sprach. Er erzählte, er habe sich auch mit dem Deutschen viel Mühe gegeben, doch müsse er bezweifeln, daß er diese Sprache jemals vollkommen beherrschen werde. Nachdem er ein paar Proben seiner deutschen Sprachkenntnisse gegeben hatte, schloß sich Doktor Wilbrandt diesem Zweifel überzeugungsvoll an.

»Was macht mein alter Freund und Lehrer?« fragte Helene, indem sie einen Blick in des Chinesen Aufzeichnungen warf.

»Ich dichte«, antwortete Lo-hing-fu andächtig und blickte zu dem klaren, tiefblauen Nachthimmel empor, wo inmitten eines wahren Sternenheeres groß, voll und unbeschreiblich strahlend der Mond stand. »In dieser Nacht feiert der Mond das Fest der Lichtfreude. Seht, ist er nicht wie ein König, groß und glänzend unter seinem Volk? In einer solchen Nacht schläft kein wirklicher Dichter. Ich schaffe eine große, erhabene Dichtung – eine Verherrlichung des Mondfestes.«

»Wie schon!« rief Helene, »will mein Freund und Lehrer uns nicht den Inhalt der Dichtung erzählen?«

Der Chinese lächelte geschmeichelt, lehnte sich in seinem Stuhl zurück, faltete seine Hände über dem rundlichen Bäuchlein und blickte zum Mond empor.

»Die Erde ist alt, o so alt!« begann er mit leiser Stimme. »Und von so vielen Menschen bewohnt, die nicht Tao und nicht Wischnu kennen, und die nichts wissen von Buddha, dem Liebling der Götter. Damals, in grauer Vorzeit, als die Erde jung und frisch aus den Händen des Schöpfers gerollt war, wie Kon-fu-tse uns berichtet hat – und als der »Sohn des Himmels« ehemals Bezeichnung für den jeweiligen Kaiser von China noch Herrscher über alle Länder und Völker der Erde war, da lebte in der Landschaft Schansi ein Mann mit Namen Yon-nyi. Er war sehr fromm und ein großer Weiser, und die Gottheit liebte ihn und gab ihm einen starken Schutzgeist, der ihn auf allen Wegen begleiten und ihn vor allen Gefahren beschützen sollte. Yon-nyi aber trug in seiner Seele einen großen Plan. Er wollte alle Menschen edel und gut machen. Jedoch er fürchtete, sterben zu müssen, ehe er seine große Absicht erfüllt haben würde. Darum machte er sich auf, wanderte über das Gebirge Chin-gang und ging in die Wüste Schamo. hier arbeitete er seinen Plan aus, und als er damit fertig war, erschien ihm sein Wollen wieder über die Matzen groß, so daß er daran verzweifelte, es in einem kurzen Menschenleben ausführen zu können, zumal er bereits ein Mann in vorgerückten Jahren war. Da flehte er zu seinem Schutzgeist, er möge ihm bei der höchsten Gottheit die Gabe der Unsterblichkeit vermitteln. Der Schutzgeist versprach es ihm, und in der folgenden Nacht, während ein schwerer Sturm über die Wüste brauste, gab er ihm ein verschlossenes Tonkrüglein, das mit einem Wasser gefüllt war, und wer von diesem Wasser trank, der bekam dadurch ewiges Leben. Sobald aber ein anderer das Wasser mit seinen Lippen berührte, mußte der, für den der Himmel es bestimmt hatte, eines elenden Todes sterben. Glückerfüllt kehrte Yon-ngi mit dem kostbaren Lebenstrank in sein Haus zurück, um sich nach der Weisung des Schutzgeistes durch Gebet und Betrachtung auf den Genuß des wunderwirkenden Wassers vorzubereiten. Sein böses Weib aber, nachdem es ihm mit List sein Geheimnis entlockt hatte, entwendete ihm, während er schlief, das Krüglein und trank das Wasser aus. In demselben Augenblick geschah ein gewaltiger Donnerschlag, und der Allmächtige zerschmetterte in großem Grimm das Haus des Yon-ngi, so daß dieser, der verheißenen Unsterblichkeit nun beraubt, von den Trümmern erschlagen wurde. Ein starker Wirbelwind erfaßte das Weib Yon-ngis und trug es in die Lüfte empor, zum schimmernden Palast des Mondes. Und der Schöpfer, der das Weib nicht töten konnte, da es ja den Trank des ewigen Lebens getrunken hatte, verwandelte es in eine große Kröte und setzte es in die Mitte des Mondes und wölbte über ihrem Haupt einen großen Ölbaum, der ewig blüht und duftet. Und nun wird das Weib des Yon-ngi im Mond sitzen, solange die Gestirne ihren Gang gehen.«

So erzählte Lo-hing-fu, der Dichter. Und als er das letzte Wort gesprochen hatte, griff er eilig zu seinem Schreibpinsel und begann Zeichen auf das dünne, farbige Reispapier zu malen. Die drei Besucher schauten ihm dabei zu – fünf Minuten – zehn Minuten. Dann beugte sich Helene lachend zu den beiden Herren hinüber und flüsterte ihnen zu: »Wir wollen gehen. Er hat uns vergessen.«

So war es in der Tat. Als die drei sich erhoben und leise hinausschlichen, blickte er nicht einmal auf.


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