Autorenseite

 << zurück weiter >> 

7.

Doktor Heinz Wilbrandt und Robert Harlington saßen im Zug Tientsin-Peking, und der Engländer, der diese Strecke schon oft gefahren war, machte seinen Reisegenossen auf alles Interessante aufmerksam. Das war aber nicht viel. In der Nähe von Tientsin war die Landschaft recht dürftig, öde und unfreundlich. Es dauerte aber nicht lange, da kamen sie in eine ganz unter dem Zeichen fleißiger und erfolgreicher Bewirtschaftung stehende Gegend. Der Boden war allenthalben gut angebaut und schien sehr fruchtbar, im übrigen aber war die Gegend flach und reizlos. Sie bot den beiden Reisegenossen wenig Stoff zur Unterhaltung, so daß diese sich bald anderen Gegenständen zuwandte.

»Ich muß Ihnen noch mitteilen«, sagte Harlington, »daß ich gestern den Mandarin Tung-yang-tsien besucht habe. Und zwar in Ihrer Angelegenheit, die mir viel zu denken gab. Nach langem Nachdenken bin ich zu der Vermutung gekommen, daß es sich bei dem Schriftstück von der Hand des Kon-fu-tse um eine Fälschung handelt. Ich halte es für undenkbar, daß eine chinesische Regierung, und sei es eine noch so modern eingestellte Revolutionsregierung, einen solchen Schatz für Geld ins Ausland gehen läßt.«

»Und wenn die Handschrift von den Leuten, die sie meinem Vater zum Kauf anboten, gestohlen wurde?«

Harlington aber schüttelte ungläubig den Kopf.

»Das glaube ich nicht. Derartige Dinge werden auch in China so gut verwahrt, daß sie nicht gestohlen werden können. Übrigens ist Tung-yang-tsien in jeder Hinsicht mit mir einer Meinung. Er ist überzeugt, daß es sich um eine Fälschung, eine Nachahmung der Handschrift handelt. Er erzählte mir, daß, wenn es so sei, dieses Falschstück nicht das einzig bestehende sei. Vor mehr als fünfzig Jahren sei in Europa eine Abschrift des ›Ch'un-Ch'iu‹ des Kon-fu-tse aufgetaucht, aber wieder verschwunden, nachdem eine Kommission europäischer Gelehrter in Peking sich von dem Vorhandensein des Originals überzeugt hätte. Der Mandarin rechnet sogar mit der Möglichkeit, daß es sich um ein Wiederauftauchen jener alten Fälschung handelt.«

»Das ist sehr interessant«, sagte Heinz Wilbrandt. »Für mich und meinen Vater wird aber an dem Fall nichts geändert, mag es sich nun um ein echtes oder gefälschtes Stück handeln.«

»Das ist richtig«, nickte Harlington. »Tung-yang-tsien interessiert sich nicht nur für den Fall, sondern auch für Sie, und er hat mir bestimmt versprochen, Nachforschungen anzustellen und Mister Rubber die Ergebnisse mitzuteilen. Wissen Sie übrigens schon, daß Rubber nicht erst nach sechs, sondern schon nach drei Tagen nach Peking kommen wird?«

»Nein, das wußte ich noch nicht!« rief der Deutsche freudig überrascht.

»Es ist ihm gelungen, sich früher freizumachen. Es ist ja für den guten Ben eine wahre Wonne, sich Hals über Kopf in dieses Abenteuer zu stürzen. Er kann es kaum erwarten, die Sache ›in die Hand zu nehmen‹, wie er sagte.«

»Ein prächtiger Mensch, dieser Amerikaner!« sagte Wilbrandt.

»Allerdings«, gab Harlington ein wenig zurückhaltend und lächelnd zu. »Aber – Sie werden auf der Reise noch allerlei mit ihm erleben.«

»Wieso? Ist er krakeelerisch?«

»Ihnen gegenüber bestimmt nicht, wenn er jemand seinen Freund nennt, dann geht er für ihn durchs Feuer. Aber – nun, Sie werden ja sehen. Verlassen Sie sich vor allen Dingen nicht gar zu bestimmt auf Rubbers chinesische Sprachkenntnisse. Damit ist es nämlich ein eigen Ding. Schade, daß ich so bald nach Tientsin zurück muß! Gar zu gern hätte ich mich ein bißchen an dieser Jagd beteiligt. Wenn Sie aber mal in irgendeine große Verlegenheit kommen sollten, brauchen Sie mir nur zu telegraphieren, und ich werde alles liegen und stehen lassen und zu Ihnen eilen.«

Der Deutsche wollte sich für diese Hilfsbereitschaft geziemend bedanken, doch Harlington fuhr schnell fort: »Da fällt mir noch etwas ein, was ich mir ausgedacht habe und was mir wichtig zu sein scheint. Tso-tsing-wu, der schurkische Altertumshändler in Peking, hat einen Angestellten, Diener und wer weiß, was sonst noch alles in einer Person. Sehen Sie zu, daß Ihr Diener Käsch sich mit dem jungen Mann anfreundet. Wenn ihm das gelingt, wird er von Ki-kui allerlei Dinge erfahren, die von größter Wichtigkeit sein können. Überhaupt werden Sie nicht umhin können, ein bißchen Sherlock Holmes zu spielen.«

»Hm – ob mir das gelingen wird?« erwog Wilbrandt. »Ich meine, ich habe nicht allzuviel Talent zum Kriminalisten.«

*

Peking – die nördliche Hauptstadt jenes Landes, das von seinen Bewohnern Tschung-kue genannt wird, das »Reich der Mitte« – oder Ta-thsing-kue, das »Land der überaus reinen Dynastie«.

Peking – »Sitz des Sohnes des Himmels« – »Krone der menschlichen Schöpferkraft«.

Mit diesen Namen bezeichnen die Chinesen ihre Hauptstadt, auch jetzt noch, obgleich man mit allem, was Dynastie betrifft, Schluß gemacht hat. Hochtönende Namen! Aber den Chinesen ist es Ernst damit. Sie erscheinen ihnen nicht wie leere Redensarten. Der Europäer aber, der diese Stadt betritt – die ehemalige Kaiserstadt, in der europäische Einflüsse noch weniger bemerkbar sind als in Tientsin, der sieht zuerst nur das Seltsame, Absonderliche – den Hang der Chinesen zur Verzerrung der Naturform. Der Fremde nimmt eine nach seinen Gefühlen vielfach mißgestaltete Kunst wahr. Wie das Erzeugnis eines in seinen Vorstellungen und Phantasien bis ins Gebiet des Grotesken verirrten künstlerischen Genies erscheint ihm diese Stadt, in der sich eine Million Bewohner zusammendrängt, obwohl sie nach unseren Wohnbegriffen kaum Platz genug für die Hälfte dieser Zahl bietet. Erst wenn die Augen des Europäers sich an den Schmutz und Verfall, an die Armut und Verkommenheit und an die tausendfachen Absonderlichkeiten des chinesischen Geisteslebens und dessen in die Öffentlichkeit dringenden Zeichen gewöhnt hat – dann vermag er neben dem vielen Häßlichen und Verschrobenen auch das Schöne und Fesselnde zu erblicken.

Heinz Wilbrandt hatte sich mit regem Eifer an den Forscherarbeiten seines Vaters beteiligt und dadurch auch mit der chinesischen Kunst Bekanntschaft geschlossen. Er hatte viel gesehen, was ihn sehr interessierte, ohne daß sein Kunstgefühl dadurch befriedigt worden wäre. Kulturstudien auf chinesischem Boden zu betreiben war von jeher sein Wunsch gewesen. Nun war durch seltsame Umstände dieser Wunsch erfüllt worden. Er befand sich dicht vor den Toren von Peking und konnte es nicht erwarten, seinen Fuß auf den Boden dieser Stadt zu setzen. Als er erfuhr, daß sie bald am Ziel angekommen seien, sprang er auf und begann sein weniges Gepäck zu ordnen.

»Sie dürfen ruhig noch eine Weile sitzen bleiben«, lächelte Harlington. »Wir sind erst eben über Föng-tai hinaus und haben noch an die zehn Kilometer zu fahren. Aber Sie werden bald das Mauerungetüm sehen können, das die Stadt Peking in einem Umkreis von etwa sechsunddreißig Kilometer umgibt. Sie ist achtzehn Meter hoch, am Boden zehn Meter und an der Krone immerhin noch sieben Meter dick. Sie sehen, ein Ungetüm aus Backsteinen, wäre es nicht vorhanden, würde Peking ohne Zweifel, von manchen Punkten aus gesehen, einen guten Anblick gewähren. Allerdings nicht vom Zug aus. Sie brauchen sich also nicht zu bemühen. Im übrigen möchte ich Ihnen noch raten –«

Dieses Rates sollte Heinz Wilbrandt nicht teilhaftig werden, denn in diesem Augenblick tat die Lokomotive einen schrillen Pfiff – es entstand ein entsetzliches Stoßen, Poltern und Krachen – dann hielt der Zug.

»Aha, da haben wir das unvermeidliche Eisenbahnunglück, wie es scheint«, sagte Harlington. »Schnell hinaus aus dem Zug!«

Wie sie, so verließen sämtliche Fahrgäste eiligst die Abteile. Und was war geschehen? Eine hohe Mauer, deren Altersschwäche aus der Beschaffenheit der Trümmermasse deutlich zu erkennen war, hatte sich umgelegt und das Geleise zehn Meter lang so bedeckt, daß vorläufig an eine weiterfahrt nicht zu denken war. Der Zugführer, das Zugpersonal und die Reisenden standen um den Trümmerhaufen herum und betrachteten ihn tiefsinnig. Nach einer Weile wendete der Zugführer sich an die Fahrgäste und sprach in gebrochenem Englisch die inhaltreichen Worte:

»Die Mauer ist eingestürzt.«

Das war eine so unzweifelhafte Tatsache, daß auch ein ausgesprochener Widerspruchsgeist dagegen nichts hätte einwenden können. Die Mauer war so zweifellos eingestürzt, wie sie vor undenklichen Zeiten, vielleicht zu des seligen Konfuzius Tagen, aufgebaut worden war.

»Was nun?« fragte Heinz Wilbrandt.

»Wir sind höchstens eine halbe Wegstunde von einem der Haupttore der Stadtmauer entfernt«, meinte Harlington. »Allerdings wäre der Marsch durch den Staub keine besondere Annehmlichkeit, wir wollen doch sehen, ob wir keine Palankine bekommen können.«

Er hatte seine Worte noch nicht beendigt, da zeigte sich, daß der bekannte chinesische Geschäftsgeist sich das Unglück mit der Mauer schon zunutze gemacht hatte. Mehrere schnellfüßige schlanke Burschen, nur mit Hose, Hemd und einem breitrandigen, spitzzulaufenden Strohhut bekleidet, eilten herbei. Je zwei und zwei trugen das in den chinesischen Städten gebräuchliche und beliebte Beförderungsmittel, jene kleinen Rohrgehäuse mit einem Bänkchen, ruhend auf zwei kräftigen Bambusstangen – Palankine, Harlington winkte, und eilfertig kamen sechs bis acht Burschen mit ihren Tragstühlen herangeschossen, Wilbrandt wollte bereits Platz nehmen, der Engländer aber hielt ihn lachend zurück.

»Nicht so eilig, Doktor! Hierzulande darf man keinen Dienst in Anspruch nehmen, ohne erst genau den Preis festzusetzen.«

Er wandte sich an einen gewandten jungen Schlingel, dessen Zöpflein ihm wie ein Schweineschwänzchen in den Nacken hing und bei jeder Kopfbewegung lustig wackelte. Doch schon nach den ersten Worten machte Harlington eine ablehnende Handbewegung und wandte sich Wilbrandt zu.

»Die beiden netten jungen Herren wollen so liebenswürdig sein, uns für fünftausend Käsch nach der Mission zu bringen. Hätten wir ohne vorherige Verhandlung von ihren Diensten Gebrauch gemacht, müßten wir mindestens das Doppelte bezahlen, jeder Pekinger Richter hätte ihnen recht gegeben.«

»Fünftausend Käsch – das ist ja eine Riesensumme!« rief Wilbrandt, und der lebendige Käsch, der sich inzwischen mit seinem Gepäck ebenfalls eingefunden hatte und dabeistand, weiterer Befehle gewärtig, nickte ernst und gewichtig. Der Engländer aber lachte.

»Nur die Ziffer ist groß«, sagte er. »Bedenken Sie, daß tausend Käsch nach deutschem Geld noch nicht einmal ganz drei Mark sind. Aber ich werde ihnen die Hälfte bieten, und Sie werden sehen, wie zufrieden die Burschen sind.«

So war es auch. Die vier jungen Chinesen nickten eifrig und sichtlich vergnügt. Käsch bekam Befehl, das Gepäck in einen dritten Palankin zu laden und seinen Herren auf dem Fuße zu folgen.

Der Weg ging erst einige Minuten lang durch pfadloses Ödland, durch das die Geleise der Eisenbahn führten. Dann erreichten die Träger mit ihren Palankinen eine breite, aber schlecht unterhaltene Landstraße, hier konnte man erkennen, daß man sich in der Nähe einer Großstadt befand. Der Weg war so belebt, daß die Träger ihre Schnelligkeit bedeutend einschränken mußten. Ununterbrochen stießen sie in tiefen knurrenden Kehltönen laute Warnrufe »Lo! Lo! Lo!« aus. Das Menschengetriebe wurde immer lebhafter, so daß Wilbrandt den Eindruck bekam, das ganze Leben Pekings spiele sich vor den Toren der Stadt ab. Er sollte sich aber bald überzeugen, daß das ein Irrtum war. Denn als sie nach einiger Zeit an einem Riesentor anlangten, das durch die gewaltige Stadtmauer ins Innere von Peking führte, da wurde das Gewühl wahrhaft beängstigend, so daß der Deutsche nunmehr sich ernstlich fragte, ob es überhaupt möglich sei, ohne schwere Verrenkungen und Knochenbrüche innerhalb der Stadt anzukommen. Er sah aber, daß der Engländer in dem Lärm und Gewühl ganz gelassen blieb.

»Das ist das ›Tor der westlichen Bequemlichkeit‹«, rief Harlington seinem Reisegefährten von seinem Palankin aus zu. »Nicht wahr, ein äußerst zutreffender Name! Das geht hier so vom frühen Morgen bis in die Nacht. Man muß sich den Eintritt in die Stadt im wahrsten Sinn des Wortes erkämpfen. Die Chinesen haben eine wahre Leidenschaft für schönklingende Redensarten. Die anderen Stadttore sind auch nicht bequemer, aber es gibt noch ein ›Tor der östlichen Bequemlichkeit‹, eins der ›siegenden Tugend‹, der ›Wohnung des Friedens‹, der ›Bekehrung der Sünder‹, der ›Besänftigung der Räuber‹ und noch ein paar andere.«

Inzwischen waren die beiden Reisegefährten mit Haut und Haar in die sogenannte »westliche Bequemlichkeit« hineingeraten. Es war aber für einen an europäische Verhältnisse Gewöhnten eine schauderhafte Unbequemlichkeit. Ein Drängen, Stoßen und Schieben, daß die Palankine vorwärts, rückwärts und seitwärts gestoßen wurden, so daß sie in allen Fugen krachten. Ein ungeheures Gelärme von Fußgängern, Reitern, Lastträgern, zeternden Palankininsassen, Pferden, Eseln, Kamelen – es war abscheulich! Aber nach einiger Zeit gelangten sie doch unbeschädigt in die Stadt. Und da hatte denn Heinz Wilbrandt die »westliche Bequemlichkeit« schnell vergessen. Mit Staunen und Verwunderung betrachtete er das seltsame Straßenbild. Er erblickte Häuser von seltsamer schwerer Pracht, zum großen Teil aus Holz erbaut, vielfach unter Verwendung von farbig glasierten Ziegeln. Die Architektur war durchweg reich, die Dächer wunderlich und mit phantastischer Lebendigkeit verschnörkelt. Da war kaum ein Giebel, eine wand, ein Vorsprung oder eine Kante, die nicht mit geschnitzten Fabeltieren oder Drachen, Löwen und Hunden verziert waren, doch vielfach unter Verneinung des Naturwahren. Auffällig war auch die reiche Vergoldung, die manche dieser Gebäude aufwiesen.

Nach Durchquerung mehrerer Straßen kamen die Reisenden an die Mauer, die die Tataren- von der Chinesenstadt trennt. Über den breiten weg, der an der Mauer vorüberführt, gelangten sie zum Tschientor – und befanden sich in der Tatarenstadt, hier bot sich ihren Augen viel des Sehenswerten, doch beide waren von der Reise so ermüdet, daß sie ohne Aufenthalt ihren Weg verfolgten. Sie kamen an dem schönen Gebäude der amerikanischen Gesandtschaft, an der Moschee Mohameds vorbei und zur ehemaligen Kaiserstadt, hier wurde Heinz Wilbrandt gewaltsam aus seiner Müdigkeit herausgerissen, vor seinen Augen breitete sich der weite klarblaue Spiegel des Lotossees aus, dicht an der Grenze der Verbotenen Stadt. In den unbewegten Fluten spiegelte sich die Spitze der großen Pagode, die man fast von allen Stellen der Stadt aus sehen kann. Etwas weiter, im Norden der verbotenen Stadt, erhebt sich malerisch und von einem Tempel gekrönt der Kohlenhügel. Tempel, Brücken, phantastische Standbilder, alle aus weißem Marmor, leuchteten aus üppigem Grün und reicher Blütenbuntheit hervor.

Wenige Minuten später langte die kleine Karawane vor dem Missionsgebäude an, wo die Nacht zugebracht werden sollte. Am folgenden Tage aber wollte Harlington seinen Freund in das Haus eines reichen chinesischen, zum Christentum übergetretenen Kaufmanns einführen. Der Engländer versicherte Wilbrandt, daß Hoi-so-ping sich eine Ehre und ein Vergnügen daraus machen werde, ihn bei sich aufzunehmen.


 << zurück weiter >>