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Epilog:
Auf dem Friedhof.

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Seit meinem ersten Morgenspaziergang auf dem Friedhof von Montparnasse ist ein Jahr verflossen. Ich habe die Blätter von den Ulmen und Linden fallen sehen, ich habe alles von neuem grünen und die Glyzinen und Rosen auf dem Grabe Théodore de Banvilles blühen sehen; ich habe die Amsel ihr verführerisches Lied unter den Zypressen anstimmen und die Tauben auf den Gräbern sich angurren hören.

Jetzt werden die Linden wieder gelb, die Rosen welken und die Amsel singt nicht mehr, stößt nur ein verächtliches Lachen über ihre Frühlingsliebe aus, die vergangen ist, um wiederzukommen. Und der schmutzige Herbst und der kotige Winter nähern sich, um wie alles andre wieder zu vergehen.

I.

Wenn ich den Friedhof betrete, habe ich das etwas alltägliche und geräuschvolle Viertel Montparnasse hinter mir gelassen; die ungesunden Träume der Nacht verfolgen mich noch, aber ich lasse sie an der großen Pforte zurück. Der Straßenlärm erstirbt, und der Friede der Toten tritt an seine Stelle.

Da ich zu dieser frühen Stunde stets allein bin, habe ich mich gewöhnt, diese Flur der Freistätte als meinen Lustgarten zu betrachten; und einen gelegentlichen Besucher halte ich für indiskret! Ich und die Toten! Während dieses ganzen Jahres habe ich nie einen Freund oder eine Freundin hierher geführt; sie hätten Erinnerungen hinterlassen können, die sich vielleicht mit meinen persönlichen Eindrücken vermischt hätten.

Indem ich meine Lieblinge grüße, Orfila, Thierry und Dumont d'Urville, betrete ich die Allee Lenoir, die wie die Allee Raffet ganz von Zypressen begleitet wird. Es macht einen Eindruck von außerordentlicher Stärke, zwischen diesen Reihen von Bäumen dahinzuschreiten, die so grade stehen wie das Gewehr präsentierende Grenadiere in den grünen Bärenmützen. Wenn sich der Wind etwas erhebt, verneigen sie sich, machen auf beiden Seiten ihre Reverenz; und ich gehe, stolz wie ein Feldmarschall, bis ans Ende der Allee.

Dort lese ich immer wieder auf einem Grabstein: »Boulay war sicher ein biederer und anständiger Mensch«. (Napoleon).

Ich kenne Boulay nicht, will ihn nicht kennen lernen, aber daß Napoleon mich jeden Morgen von jenseit des Grabes anredet, erfreut mein Herz, und ich glaube zu seinen Vertrauten zu gehören.

Zwischen den Zypressen diese Tausende von Gräbern, bedeckt mit Blumen, die auf den harten Steinen wachsen, von den Leichen ernährt und von den aufrichtigen und falschen Tränen begossen werden. In diesem Ungeheuern Garten stehen kleine Kapellen, die wie Puppenhäuser geschmückt sind, und dazwischen Kreuze, die ihre beiden Arme gen Himmel erheben und mit lauter Stimme rufen: O Crux, ave spes unica! Das ist das allgemeine Bekenntnis, so scheint es, der leidenden Menschheit. Und mitten im Laub, hier, dort, überall, eine Verkürzung: Spes unica! Und vergebens recken sich die Büsten der kleinen Rentiers, mit und ohne Kreuz der Ehrenlegion, um zu sagen, daß es noch eine andre Hoffnung nach dem Tod gibt.

Man hatte mir von diesen häufigen Besuchen abgeraten; die sollten gefährlich sein infolge der Miasmen, die hier oben lagern. Tatsächlich hatte ich einen gewissen Nachgeschmack von Grünspan im Mund gespürt, der über zwei Stunden nach Verlassen des Friedhofs dauerte. Also hielten sich die Seelen, will sagen die entmaterialisierten Körper, schwebend in der Luft; was mich zu dem Versuch führte, sie zu fassen und zu analysieren.

Mit einem Fläschchen versehen, das flüssigen Bleizucker enthält, eröffne ich diese Jagd nach den Seelen, will sagen Körpern; die geöffnete Phiole in meiner geschlossenen Hand haltend, gehe ich wie ein Vogelfänger umher, der Mühe, meine Beute anzulocken, überhoben.

Zu Hause filtriere ich den reichlichen Niederschlag und lege ihn unter das Mikroskop.

Armer Gringoire! War sie wirklich aus diesen kleinen Kristallen zusammengesetzt, die Gehirnmaschine, die in meiner Jugend meine voreiligen Sympathien für den notleidenden Dichter erweckte, der doch die Liebe eines hübschen jungen Mädchens zu gewinnen wußte. Biederer und anständiger Boulay (der den Code redigierte, wie ich jetzt weiß), bist du es, den ich in meiner Fliegenfalle zwicke? Oder du, d' Urville, der meine erste Weltreise bestritt, während der langen Winterabende, fern von hier, unter dem Nordlicht Schwedens, zwischen Rohrstock und Unterricht?

Statt jeder Antwort gieße ich einen Tropfen Säure auf das Objektglas. Sie bläht sich, die tote Materie, sie zappelt, sie beginnt zu leben, haucht einen fauligen Geruch aus, beruhigt sich und stirbt.

Wahrlich, ich kann die Toten erwecken, aber ich will es nicht noch einmal wiederholen, denn sie haben einen schlechten Atem, die Toten, wie die Wüstlinge nach einer durchwachten Nacht. Schlafen sie vielleicht nicht gut dort unten, während sie auf die Auferstehung warten?

Vor zehn Jahren wurde ich Atheist! Warum? Ich weiß es nicht genau! Das Leben langweilte mich, und man mußte etwas tun, vor allem etwas Neues. Jetzt, da es alt geworden ist, ist es mein Wunsch, nichts zu wissen, die Fragen unentschieden zu lassen und abzuwarten.

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Seit acht Monaten beobachte ich das schönste Denkmal des Friedhofs. Es ist ein zusammengesetztes Werk: Sarkophag, Grab, Gewölbe, Mausoleum, Kenotaphion, Urne; im schönsten altrömischen Stil. Aus rotem Granit ist es ausgehauen; eine Inschrift trägt es nicht. Lange habe ich es mit der zerbrochnen Säule, »dem Denkmal der Namenlosen«, vermengt. Welches Geheimnis ist da verborgen? Eine stolze Bescheidenheit, die den Besucher zu fragen zwingt, oder die fordert, daß er im voraus wisse?

Ganz in meinen einsamen Gedanken versunken, blieb ich kürzlich vor einer Tafel stehen, die den Namen der Querallee trägt, in der der große Unbekannte sein Grabmal errichtet hat: Allee Chauveau-Lagarde. Ein plötzlicher Schein erleuchtete mein Gehirn, und dann fiel die Nacht des Vergessens vollständig. Beim Anblick des Sarkophages, dessen Rot an geronnenes Blut mit seinen gelblichen Farben erinnerte, wiederholte ich: Chauveau-Lagarde, wie man den bekannten Namen eines Menschen, die man gekannt hat, noch einmal sagt.

Die Allee verdankte wahrscheinlich ihren Namen diesem Chauveau-Lagarde … Chauveau-Lagarde … halt … rue Chauveau-Lagarde! Rue Chauveau-Lagarde hinter der Magdalenenkirche! Der geheimnisvolle Mord an einer alten Dame, 1893, rue Chauveau-Lagarde … rot von geronnenem Blut … ohne daß die beiden Mörder entdeckt wurden!

Da ich gewöhnt bin, alles, was in meiner Seele vorgeht, zu beobachten, erinnere ich mich, daß ich von einem ungewöhnlichen Schrecken gepackt wurde, während Bilder bunt durcheinander wogten, wie die Vorstellungen eines Wahnsinnigen. Ich sah den Verteidiger Ludwigs XVI. und im Hintergrund die Guillotine; ich sah einen breiten Strom, den grüne Hügel begleiten, und eine junge Mutter, die ein kleines Mädchen am Wasser entlang führt; dann ein Kloster mit einem Altarbild von Velasquez; ich bin in Sarzeau im Hotel Lesage, das eine polnische Ausgabe des Hinkenden Teufels besitzt; ich bin hinter der Magdalenenkirche zu Paris, in der rue Chauveau-Lagarde; ich bin im Hotel Bristol zu Berlin und sende eine Depesche an Lavoyer, Hotel London; ich bin in Saint-Cloud bei Paris, wo sich eine Frau im Rembrandthut in Kindesnöten windet; ich sitze im Café de la Régence zu Paris, wo der Kölner Dom in Rohzucker ausgestellt ist, und der Kellner behauptet, er sei von Herrn Ranelagh und Marschall Berthier erbaut …

Was war das? Ich weiß es nicht! Ein Sturm von Erinnerungen und Träumen, durch einen Grabstein heraufbeschworen und durch meine Feigheit verscheucht. Wahrlich, wenn dieses Grabmal nicht Chauveau-Lagarde einschließt, was ich nicht weiß, so verbirgt es ein Geheimnis, das mein eigenes Grab vielleicht offenbaren wird.

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Nichts ereignet sich in diesem Umkreis des Todes, die Tage gleichen sich und das ruhige Leben wird nur von den brütenden Vögeln gestört. Ein blühendes Eiland mitten im Meer: man hört aus der Ferne ein Murmeln wie von Wogen. Die Insel der Seligen, eine ungeheure Wiese, wo die Kinder Blumen und Spielzeug zusammentragen, mit den Perlen, die sie am Ufer aufgelesen, Kränze geflochten haben; erleuchtet von Kerzen, die mit Bändern und Krimskrams verziert sind …

Aber die Kinder haben die Flucht ergriffen, die Wiese ist öde …

Da entdecke ich an einem schönen Morgen im Juni eine junge Frau, die in der großen Allee spazieren geht. Sie trug kein Trauerkleid und schien auf jemand zu warten, da sie unruhige Blicke nach der großen Pforte warf, durch die soviel Menschen hereinkommen, ohne je wieder hinaus zu gehen.

Ein verfehltes Rendezvous, sagte ich mir, an einem etwas düstern Ort; und damit verließ ich den Friedhof.

Am nächsten Morgen war sie wieder da und bewachte den Eingang. Es war herzzerreißend! Sie ging auf und ab, blieb stehen, lauschte, spähte.

Jeden Morgen war sie da, und immer blässer; der Schmerz hat ihr gewöhnliches Gesicht veredelt. Sie wartet auf den Elenden!

Ich verreise auf fünf Wochen nach einem entfernten Land. Als ich nach meiner Rückkehr von der Reise, auf der ich alles vergessen hatte, meinen Friedhof betrat, bemerkte ich das verlassene Weib mitten in der großen Allee. Der Umriß ihres abgemagerten Körpers zeichnete sich gegen ein Kreuz im Hintergrund ab, als sei sie gekreuzigt, und darüber die Inschrift: O crux, ave spes unica!

Ich nähere mich und sehe die Verwüstung, die diese kurze Spanne Zeit auf ihrem Gesicht angerichtet hat. Ich glaube eine Leiche im Krematorium unter dem weißen Asbesttuch zu sehen. Alles ist noch da und spiegelt die menschliche Gestalt vor, aber eingeäschert und ohne Leben.

Sie ist erhaben, und, glaubt mir, das Leiden wenigstens ist nicht banal! Sonne und Regen haben die Farben ihres Mantels gebleicht, die Blumen des Hutes sind mit den Linden gelb geworden; selbst ihre Haare sind verschossen …

Sie wartet immer noch, Tag für Tag! Eine Wahnsinnige? Ja, von der großen Liebestollheit befallen! Sie wird sterben, während sie den Akt erwartet, durch den das Leben entsteht und die Leiden fortdauern!

Ein Recht auf Fortdauer? Warum nicht auf Ewigkeit! Da die Materie ewig ist?

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Ich möchte wieder fromm werden, aber ich kann es nicht, denn ich verlange das Wunder. Doch war ich vor einigen Tagen sehr nahe daran. Ein Gewitter war im Anzuge; die Wolken türmten sich auf; die Cypressen schüttelten drohend ihre Kronen und bestanden hartnäckig darauf, mir ihre Reverenz zu machen. Napoleon erklärte noch immer, daß Boulay ein biederer und anständiger Mann sei; die Tauben paarten sich auf einem Kreuz aus Stein; die Toten atmeten Schwefeldüfte aus und die Miasmen schmeckten nach Kupfer.

Die Wolken, die zuerst horizontal lagen und dem Löwen von Belfort glichen, richteten sich plötzlich in die Höhe, wie sich das Tier auf seinen Hinterbeinen erhebt, und wurden lotrecht. Ich habe so etwas noch nicht gesehen, nur auf Gemälden, die das jüngste Gericht darstellen.

Jetzt lösen die schwarzen Schatten ihre Linien auf und der Himmel nimmt die Form der Gesetzestafel des Moses an; ungeheuer ist sie, aber scharf umrissen. Und auf dieser eisengrauen Schiefertafel zeichnet Blitz, der der das Firmament spaltet, einen klaren lesbaren Namenszug: Jahve, das heißt: Gott der Rache.

Der Luftdruck bog mir die Kniee; da ich aber keine andre himmlische Stimme als das Rollen des Donners hörte, schlug ich wieder den Weg nach Hause ein.

II.

Der Herbst ist noch einmal gekommen. Die Linden werden brandig und die herzförmigen Blätter fallen, berühren die Erde mit einem leisen trocknen Aufschlag, rascheln unter meinen Stiefeln, während ich meinen Triumphzug über diese vertrockneten, krachenden Herzen fortsetze.

Über meinem Kopf, ganz hoch, die Wolken streifend, erklingen seltsame und doch bekannte Töne, ans Jagdhorn erinnernd, kurz abgesetzt, keuchend klagend; erwecken in mir die Erinnerung an ein altes schwedisches Lied, sinnlos und entzückend wie ein Kindermärchen:

Rauscht meine Linde noch?
Singt meine Nachtigall?
Weint noch mein Töchterchen?
Freut sich mein Gatte noch?

Deine Linde rauscht nicht mehr.
Deine Nachtigall singt nicht mehr.
Dein Töchterchen weinet Tag und Nacht.
Dein Gatte freut sich nie mehr, nie mehr

Es sind die wilden Gänse, die aus dem Norden wegziehen und mich grüßen auf ihrem Zug nach wärmern Ländern, nach weitern Horizonten.

Der Nachtwind hat die Linden geschüttelt und – o Wunder! – die fürs nächste Jahr aufbewahrten Knospen sind aufgebrochen, und die schwarzen Skelette grünen von neuem wie Arons Stab. Die Linden des Friedhofs fangen also an immergrün zu werden, unsterblich wie die Ewigen, dank den Sterblichen, die sie dort unten mit ihren Körpern und ihren Seelen nähren.

»Das organische Wesen entlehnt seiner Umgebung unaufhörlich die neuen Moleküle, die aus dem Zustand des Todes in den des Lebens übergehen … Wenn eins dieser Moleküle uns seine Geschichte erzählen wollte … Solange die Erde ist, würde es vielleicht sagen, habe ich sonderbare Pilgerfahrten gemacht, das könnt ihr mir glauben! Ich bin ein Grashalm gewesen, dann, als ich wieder frei wurde, bin ich von den Wurzeln einer mächtigen Eiche aufgesogen, ich wurde Eichel, und dann ach! wurde ich gefressen, von wem? … ich wurde gesalzen, um eine weite Seereise zu machen; ein Matrose hat mich verdaut, dann wurde ich Löwe, Tiger, Walfisch; schließlich einer jungen kranken Brust als Medizin eingegeben usw.«

J. Rambosson gibt mir in seinen Pflanzenmärchen auf diese Weise recht in meinen Spekulationen über Verwandlung. Und als ich beim Grabe Banvilles vorbei komme, frage ich mich, warum die Freunde des Verstorbenen Rosen und Jasmin dort gepflanzt haben. Wenn es der Wille des Verschiedenen war, wußte er, daß die Leichengifte nach Rosen, Jasmin und Moschus riechen? Ich denke es nicht, aber ich möchte glauben, wir sind am weisesten in den schönen Augenblicken, wo wir gar nichts wissen.

Warum übrigens alle diese Blumen auf den Gräbern? Diese Blumen, diese Lebendig-Toten, die ein seßhaftes Leben führen, gegen einen Angriff nicht Widerstand leisten, die lieber leiden als daß sie etwas Böses tun, die fleischliche Liebe vorspiegeln, sich ohne Kampf vermehren und sterben, ohne zu klagen. Höhere Wesen, die den Traum Buddhas verwirklicht haben, nichts zu wünschen, alles zu dulden, in sich zu versinken bis zur freiwilligen Unbewußtheit.

Ahmen aus diesem Grund die weisen Hindus das passive Dasein der Pflanze nach, indem sie in keine Beziehung zur Außenwelt treten, weder durch einen Blick noch durch ein Zeichen noch ein Wort?

Ein Kind fragte mich einmal: Warum singen denn die Blumen, die so schön sind, nicht wie die Vögel? Sie singen wohl, antwortete ich ihm, aber wir können sie nicht hören.

Ich bleibe vor dem Medaillon Banvilles stehen. Ist eine Spur von Rosen und Jasmin in diesem Rentiergesicht mit den Pausbacken, mit den Lippen, die wie nach einer nahrhaften Mahlzeit schmatzen, mit den Augen eines Geizigen? Nein, das ist nicht der Dichter des Gringoire! Das ist ein andrer! Aber wer?

Ich erinnere mich der Büste Boulays. Das ist kein biederer und anständiger Mann, mit der Nase des Kobolds, dem boshaften Mund der Hexe und den Zügen des geriebenen Bauern.

Und Dumont d'Urville, der weise Natur- und Sprachforscher, der kühne und kluge Entdecker! Was der Bildhauer mir gibt, ist ein gewöhnlicher Wechselagent!

Was? Ist das ein Brandmal, das der Mensch trägt, dieser Schirm von Fleisch und Haut, von fünf Löchern durchbohrt, fünf Verbindungswegen zum großen Abzugskanal …

Ich beschwöre die Gesichter der großen Zeitgenossen: Darwin, ein Orang-Utang; Dostojewski, Typus des Galeerensklaven; Tolstoi, Straßenräuber; Taine, Börsenspekulant … Genug!

Doch es gibt zwei Gesichter, mindestens zwei, unter der mehr oder weniger behaarten Haut. Eine römische Legende erzählt uns, daß die äußere Schönheit Jesu Christi ohnegleichen war, daß aber in den Augenblicken des Zorns seine Häßlichkeit scheußlich, tierisch war. Sokrates, der die Figur eines Fauns hatte und ein Gesicht, auf dem sich alle Laster, alle Verbrechen spiegelten, lebte wie ein Heiliger und starb wie ein Held. St. Vincenz von Paula, der sein ganzes Leben hindurch gab, zeigte den Typus eines listigen und selbst boshaften Diebes.

Woher diese Masken? Erbschaft einer Präexistenz, einer irdischen oder außerirdischen? Sokrates hat vielleicht die Lösung durch seine berühmte Antwort an die Verleumder gegeben, die ihm seine Verbrechermaske vorwarfen: Wie groß muß also meine Tugend sein, da sie gegen so viele schlimme Anlagen anzukämpfen hatte.

Freie Übersetzung: Die Erde ist eine Strafkolonie, in der wir die Strafe für die in einem frühern Dasein begangenen Verbrechen zu erdulden haben; an dieses frühere Dasein bewahren wir eine unbestimmte Erinnerung in unserm Bewußtsein, die uns zur Besserung antreibt.

Wir sind folglich alle Verbrecher, und er hat nicht so unrecht, der Pessimist, der immer schlecht von seinem Nächsten denkt und spricht.

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Heute morgen beleidigte eine Kleinigkeit in der Allee Lenoir mein Auge. Die geraden Linien der Zypressen wurden durch den Wipfel eines Baums gebrochen, der derartig zerschlagen war, daß er auf den Fußweg herabhing. Vom Wind geschüttelt, gibt er mir ein Zeichen, stehen zu bleiben, und ich verlangsame den Schritt, mache Halt. Eine Schwarzamsel, die in den Zweigen versteckt ist, fliegt mit lautem Geschwätz auf und setzt sich auf ein Steinkreuz am Querweg. Sie blickt mich an; ich blicke sie an. Sie pickt auf das Kreuz, um meine Aufmerksamkeit zu erregen, und ich lese die Grabschrift: »Wer mir folgt, wird nicht in der Finsternis wandeln.«

Der schwarze Vogel fliegt davon und stürzt sich mitten zwischen die Gräber, und ich folge ihm ohne Hintergedanken. Er setzt sich auf das Dach einer kleinen Kapelle, die diese Inschrift über der Tür trägt: »Eure Betrübnis wird sich in Freude wenden.«

Mein Führer erhebt die Flügel und führt mich tiefer in das Gräberlabyrinth hinein, indem er ungewöhnliche Töne pfeift, die ich gern verstehen möchte.

Schließlich als mein Lotse am Fuß eines Holunders verschwindet, befinde ich mich vor einem Mausoleum, das ich noch nie bemerkt habe. Ein Künstlertraum, eine Dichtervision, oder vielmehr eine halbvergessene, von den Tränen des Kummers wieder aufgefrischte Erinnerung. Es ist ein Kind von sechs Jahren, Hochrelief auf goldnem Hintergrund, das von einem Engel über die Wolken gen Himmel geführt wird.

Kein Reflex des Verbrechertypus in diesem Kindergesicht, eine vollkommene Heiterkeit, große Augen, eher geschaffen, Schönheit und Güte auszustrahlen, als diese unreine Welt zu betrachten; kleine Nase, an der Spitze leicht gedrückt infolge der Gewohnheit, sie an die Mutterbrust zu pressen; wie ein feiner Schmuck mit den muschellinigen Nüstern über dem herzförmigen Mund, nicht um die Beute zu wittern, nicht um Wohlgerüche oder Gestank zu riechen, noch kein Organ: Schönheit um der Schönheit willen.

Das ist das Kind vorm Ausfall der Zähne, dieser Perlen, die keinen andern Zweck zu haben scheinen, als ein Lächeln zu erhellen. Und das soll der Abkömmling eines Affen sein! Doch geben wir zu, daß im allgemeinen der alte Mann, behaart, runzelig, mit Hundezähnen, gewölbtem Rücken, gebogenen Knien, zu den Affen hinuntersteigt, wenn das Aussehen nicht bloß eine Maske ist.

Fortschritt nach rückwärts also! oder was sonst? Hat das goldene Alter des Saturns existiert und sind wir entartete Abkömmlinge jener Glückseligen, die wir nie vergessen können? Beweint das Kind dessen Verlust, wenn es schreiend zur Welt kommt, in der es sich fremd fühlt? Weiß man, was man tut, wenn man die Säuglinge mit Milch und Honig ernährt, und später mit mehr oder weniger goldenen Früchten? Will man ihnen das goldene Zeitalter zurückrufen, in dem:

Flumina jam lactis, jam flumina nectaris ibant,
Flavoque de viridi stillabant ilice mella.

Warum erzählt man den Kindern diese Geschichten vom Schlaraffenland, von Irrwischen, Kobolden, Riesen, ohne ihnen zu sagen, daß es Lüge ist? Warum stellen diese Spielsachen Ungeheuer und Engel, vorsintflutige Tiere, formlose Pflanzen vor, die nicht existieren? Die Wissenschaft würde so antworten, wenn sie aufrichtig wäre: um das Kind seine Phylogenie durchmachen zu lassen, das heißt, die früheren Etappen wiederholen zu lassen, wie es seine tierische Entwicklung vor der Geburt durchläuft.

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Die Amsel ist von ihrem Ausflug zurückgekehrt und ruft mich mit ihrem gellenden Schrei. Sie hat sich auf ein eisernes Gitter gesetzt und trägt in ihrem Schnabel einen Gegenstand, dessen Form und Farbe ich nicht unterscheiden kann. Als ich mich nähere, fliegt der Vogel davon, läßt seine Beute aber auf dem Querbalken des Geländers zurück.

Es ist eine Schmetterlingspuppe, von dieser einzigartigen Bildung, die keiner andern Form im Tierreich gleicht. Ein Schreckbild, ein Ungeheuer, eine Koboldmütze; kein Tier, keine Pflanze, kein Stein. Ein Leichentuch, ein Grab, eine Mumie, nicht geworden, weil sie keine Vorfahren auf Erden gehabt, sondern von jemand gemacht, geschaffen.

Der große Künstler-Schöpfer hat sich daran ergötzt, als Künstler-Meister ohne praktischen Zweck etwas zu formen, l'art pour l'art, vielleicht ein Symbol.

Diese Mumie, das weiß ich wohl, umschließt nur einen tierischen, form- und gehaltlosen Schleim, der nach frischer Leiche riecht.

Und diese Herrlichkeit ist mit Leben begabt, mit Selbsterhaltungstrieb, da sie auf dem kalten Eisen knackt und sich mit Fäden festhalten könnte, wenn sie sich in Gefahr sieht, heruntergeworfen zu werden.

Eine lebende Leiche, die sicher auferstehen wird!

Und die andern, die sich dort unten in ihre Puppen verwandeln, die dieselbe Nekrobiose durchmachen, sie sollen nicht wieder erwachen, wenn man den Akademien glaubt, die darin von ihrem eignen Meister abfallen. Man hat nämlich Voltaires Bekenntnis über die letzten Dinge vergessen. Als Voltairianer mache ich mir das Vergnügen, diesen Stein des Anstoßes zu errichten, indem ich diesen Skeptiker, der, alles leugnend, alles zuließ, zitiere: »Die Auferstehung ist eine ganz natürliche Sache; es ist nicht erstaunlicher, zweimal als einmal geboren zu werden.«

1896.

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