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Lichtwirkung beim Photographieren.

Betrachtungen bei Gelegenheit der X-Strahlen.

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Wie oft habe ich mich nicht gewundert, daß Lichtstrahlen, die Ätherschwingungen sein sollen, eine Tür nicht durchdringen können, während die Töne eines Pianos, die nur Luftwellen sein sollen, durch eine Steinwand dringen können.

Und: in der höheren Atmosphäre sehen Sonne und Mond blutrot aus, ganz wie sie beim Auf- und Untergang aussehen, wo ihre Strahlen durch dichtere Gase dringen; gleichzeitig aber nimmt der Laut an Stärke ab, so daß die Ballonfahrer schließlich die Stimme des andern nicht mehr hören können.

Dies Letzte sollte ja nach herrschenden Theorien bedeuten: der Äther verdichtet sich nach oben zu, aber die Luft verdünnt sich. Das widerspricht wieder der ersten Beobachtung, daß nämlich Lichtwellen nicht durch feste Stoffe gehen, trotzdem jedes Molekül, ja Atom von einer Ätheratmosphäre umgeben sein soll.

In den letzten Jahrzehnten war viel die Rede von der Einheit der Materie, von der Einheit der Kräfte; Licht, Wärme, Elektrizität sollten ein und dasselbe sein. Den Laut aber nahm man nicht mit. Laut und Licht waren noch immer verschiedene Dinge und blieben es, unter anderm aus folgenden Gründen. Das Licht pflanzt sich durch ein Vakuum fort, der Laut aber nicht. Die Materie war eine, Luft und Äther aber waren dennoch zwei, getrennt, ohne daß man sich die Mühe machte zu untersuchen, was Vacuum ist oder was Luft ist. Der Äther war eine Hypothese, wie man selbst bekannte; ihm war also mit Analyse und Synthese nicht beizukommen.

Als nun die X-Strahlen entdeckt wurden, suchte man wie gewöhnlich, wie in der Regeldetri, mit Bekannten die unbekannte Größe, griff zu den ultra-violetten Strahlen, zu Crookes' strahlender Materie und so weiter; mit dem Resultat aber, daß das neue Phänomen mehr Eigenschaften mit dem Laut gemeinsam zeigte als mit dem Licht; zum erstenmal dachte man da an die Analogie von Laut und Licht und damit von Luft und Äther, was vielleicht die allergrößte und wichtigste Seite der Entdeckung ist – nämlich für die Wissenschaft.

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Daß alle Körper mehr oder weniger durchsichtig sind, geht aus Le Bons Entwicklung der X-Photographie hervor, die er mittels gewöhnlichen Lampenlichtes zustande brachte.

Das ist ja ziemlich bekannt gewesen. Ein Goldblatt läßt das Licht durch, aber grün gefärbt.

Der japanische Zauberspiegel ist nicht unbekannt, war aber bisher unerklärt; kann jetzt vielleicht kostbare Beiträge zur Lösung der Frage liefern.

Im Herbst 1896, als ich mich mit chemischen Arbeiten unterm Mikroskop beschäftigte, geschah mir folgendes. Ich hatte einen schwedischen Reisnagel, der blau angelaufen war, auf das Objektglas des Mikroskops gelegt und ihn mit verdünnter Schwefelsäure behandelt. Mit einer Linse wurde das Lampenlicht von oben hereingelassen, und als ich bei ungefähr 150facher Vergrößerung den Nagel betrachtete, zeigte er nicht mehr Metallglanz, sondern war marmorweiß und ließ das Licht durch, so daß seine ganze Struktur zu sehen war. Faden an Faden, einige in Spiralen wie die Gefäße bei Pflanzen, und das Ganze glich einer Monokotyledone mit ihren Gefäßbündeln.

Darauf schnitt ich einen Streifen aus einer Silberplatte, behandelte sie mit Salpetersäure und betrachtete sie in derselben Beleuchtung unterm Mikroskop. Das Silber zeigte sich durchscheinend weiß, ohne Metallglanz, von körniger Struktur.

Ich wiederholte die Versuche ohne Säure und erhielt dasselbe Resultat; ich war deshalb überzeugt, daß ich das Metall selbst sah und nicht ein gebildetes Salz.

Ich setzte die Versuche mit mehrern andern Stoffen fort und fand unter anderm, daß die Steinkohle im vollen Licht nicht schwarz war, sondern weiß.

Ein Monat nach meinen letzten Versuchen kam die Entdeckung der X-Strahlen. Man glaubte zuerst, es sei nur eine neue Art Licht, das der Kathode in der Crookesschen Röhre; als man aber erfuhr, daß gewöhnliches Lampenlicht dieselbe und bessere Wirkung hatte, legte sich das Interesse etwas. Es war eine Entdeckung, einfach wie die Amerikas, und solche liebt die Wissenschaft nicht. Die X-Strahlen haben ihr kurzes Leben gelebt und einen Lichtstreifen hinterlassen, vielleicht eine Theorie vom Gang der Lichtstrahlen durch feste Körper oder dergleichen.

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Die Photographie, die ein wissenschaftliches Experiment gewesen war, ist nun ein Spiel geworden, und doch ist das ganze Verfahren ein Mysterium.

Nimm eine Chlorsilberplatte; wirf mit einem Spiegel ein Bild auf die Platte, und diese gibt kein Bild im Entwickler wieder.

Setz eine Chlorsilberplatte vollem Tageslicht aus. Merk nun, was geschieht. Die Platte dunkelt nicht, obwohl die Chemie sagt, daß Chlorsilber (Silberchlorid), das weiß ist, bei Tageslicht schwarz wird, indem es zu Chlorür reduziert wird. Das tritt nicht ein, und eine Platte, die eine längere Zeit vollem Tageslicht ausgesetzt ist, wird nicht einmal im Entwickler schwarz.

Halte ich aber einen dunkeln Körper zwischen Licht und Platte, so bekomme ich im Entwickler einen Schatten auf die Platte.

Ich legte eine abgeschnittene Christrose (Helleborus) auf eine Platte, und da die Blüte halb durchsichtig ist, erhielt ich, bei Lampenlicht, eine Zeichnung der Blüte.

Setze ich die Platte in die Kamera ein und exponiere, bekomme ich bekanntlich kein Bild, keine Schwärzung der Platte, bis sie durch den Entwickler gegangen ist.

Setze ich in die Kamera ein Albuminsilberpapier und exponiere, bekomme ich kein Bild, nicht einmal im Entwickler. Lege ich aber ein Negativklischee gegen das Papier und exponiere bei offnem Tageslicht, erhalte ich bekanntlich ein Positivbild.

Dies ist für mich immer ein großes Mysterium gewesen, aber es ist möglich, daß die X-Strahlen den Zusammenhang erklären werden. Ist es so: die Strahlen gewinnen an Lichtwirkung, wenn sie durch ein dichteres Medium von bestimmter Art dringen? Ist das die partielle Wirkung der Glaslinsen in Fernrohren und Mikroskopen?

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Im Jahre 1891 hatte ich zufällig zwei Farben auf einer Bromsilberplatte in einem Eikonogenentwickler. Der exponierte Gegenstand war: ein gelbgebeiztes Retortenstativ, das einen mennigrot angestrichenen Hufeisenmagneten festhielt.

Die Farben gelb und mennig waren so entschieden die der Gegenstände, daß ich den Versuch ausführen zu müssen glaubte. Aber erst spekulieren, dann experimentieren. Und ich spekulierte so:

Der Laut von einem Instrument berührt ja besser mein Ohr aus einem angrenzenden Zimmer, wenn die Tür offen steht, als wenn sie geschlossen ist! Analogie: das Licht muß kräftiger in der Kamera wirken, wenn es nicht ein dichtes Medium wie die Glaslinse zu passieren braucht.

Das war sowohl richtig wie falsch auf einmal: denn der Laut pflanzt sich in festen Körpern leichter als in der Luft fort. Und doch öffne ich die Tür, wenn ich besser hören will! Und ich sehe ja klarer durch Glaslinsen als durch die Luft.

Da blieb ich stehen, bestürzt über die Erschütterlichkeit der unerschütterlichen Naturgesetze, über ihre Launenhaftigkeit, Selbstwidersprüche und Freiheit, ging aber weiter. Nahm die Linse aus der Kamera und setzte ein Diaphragma ein, das mit einer Nähnadel durchbohrt war. Ich photographierte jemand, und das Resultat war in jeder Beziehung glücklicher als beim photographieren mit einer ausgezeichneten Linse.

Ich hatte den Mann gegen alle Regel vor ein Fenster gestellt, hinter dem sich eine Landschaft mit Kiefern im Vordergrund und Meer mit einem Waldrand in der Ferne öffnete. Der Mann trat modelliert hervor und die Bäume mit allen Flächen bis in die Ferne.

Gegenprobe mit Linse und derselben Stellung. Der Mann platt, von den Bäumen war keine Spur zu sehen, und die ganze Landschaft ein heller Hintergrund.

Mein Diaphragma aber gab mir noch einen Vorteil. Der Rock des Objekts war weiß mit blauen Streifen. Diese blauen Streifen mußten nach dem gewöhnlichen Verfahren weiß werden, hier aber wurden sie dunkel und zeichneten sich gegen den weißen Rock ab. Diese Kleinigkeit, daß blau seinen Wert behielt, wurde für mich der Ausgangspunkt für neue Versuche in farbiger Photographie.

Ich hatte richtig spekuliert, als ich die Glaslinse fortnahm und das Licht direkt wirken ließ, ohne daß es ein Medium passierte. Ich spekulierte weiter und sagte mir: die chemische Wirkung pflegt man dadurch zu erhöhen, daß man die Körper in statu nascenti zusammenführt, d. h. in dem Augenblick, in dem sie aus einer andern Verbindung austreten.

Ich exponierte also eine Silberplatte und entwickelte gleichzeitig Chlordämpfe in der Kamera. Schlechte Anordnungen, ungünstige Verhältnisse zwangen mich, die Versuche gleich im Anfang abzubrechen; doch hatte ich schon einige Farben bekommen, wenn auch unvollkommene.

Will jemand diese meine Spekulationen benutzen, so steht es ihm frei.

 

Anmerkung des Übersetzers: Am 10. April 1903 schrieb Strindberg an den Übersetzer: »Heute fand ich in Wilhelm Meyers Naturkräften (Bibliographisches Institut, Leipzig) eine Photographie mit Loch-Kamera. Diese Kamera ohne Linse, nur mit einem Loch von ¼ mm zeigte ich 1893 in Dr. Schleichs Gegenwart dem Professor Langerhans in Berlin.«

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Jetzt in diesen Tagen der X-Strahlen hat man verweilt bei dem großen Wunder, daß man weder Kamera noch Linse braucht. Das ist für mich eine günstige Gelegenheit, zu erzählen, wie es sich in Wirklichkeit mit meinen Photographien verhielt, die ich im Vorfrühling 1894 ohne Kamera und Linse von Himmelskörpern aufnahm, und die damals lächerlich gemacht wurden und mich beinahe ins Unglück gebracht hätten, ja es wirklich taten.

Es lag ein Spiegel auf meinem Tisch und spiegelte das Bild des Mondes.

Ich dachte: wie fängt der Spiegel den Mond auf und reflektiert ihn, wenn die Linse und die Kamera meines Auges nicht da sind und entstellen? Nach der Optik muß ja jeder Punkt auf der ebenen Fläche des Spiegels das Licht des Mondes nach den und den Gesetzen zurückwerfen. Wäre der Spiegel sphärisch konkav, würden sich dagegen die Mondstrahlen in einem Punkt sammeln und ein kleines rundes Bild geben, das dem gleicht, was wir Mond nennen und mit unserm Auge sehen.

Das war richtig räsonniert!

Ich tauschte also den Spiegel gegen eine Bromsilberplatte aus, und um eine kräftigere Wirkung zu erreichen, legte ich sie in den Entwickler und exponierte gleichzeitig.

Nun hatte ich in Vogels klassischer Arbeit über Photographie gelesen, daß unter gewissen Verhältnissen eine exponierte Silberplatte zerstreutem Tageslicht ausgesetzt werden und ein intervertiertes Bild geben kann.

Ich benutzte die Methode und erhielt vom Licht des Mondes ein Bild, das Bienenwabenzellen glich und das sich nach meiner Ansicht von einem Interferenzphänomen herleitete; das ist in Kürze: die Fähigkeit gleichnamiger Strahlen, sich gegenseitig scheinbar auszulöschen und dunkle Lichtstrahlen zu geben.

Der Versuch wurde sehr oft mit dem Mond wiederholt, und zwar mit verschiedenem Resultat bei verschiedenem Verfahren. Darauf nahm ich die Sonne im Untergehen auf, und die Platte bedeckte sich mit Flammen.

Der Sternhimmel füllte die Platte mit weißen Punkten, die sudelig waren, wie wenn man die Sterne durch eine Brille betrachtet.

Diese Photographien sandte ich nebst Text an die französische astronomische Gesellschaft; bei deren Sitzung im Mai (?) 1894 wurden sie vorgelegt, gaben aber zu keiner Maßregel Veranlassung, am allerwenigsten zu neuen Versuchen. Daß man sie mißverstanden hatte, ersah ich aus dem Sitzungsbericht, in dem angegeben war, die Photographien seien ohne Linse aufgenommen.

Ich kann ja nicht auf meine unveröffentlichten Manuskripte hinweisen, will aber hier nur auf folgendes aufmerksam machen: Das Licht des Mondes übt eine stärkere Wirkung auf eine Bromsilberplatte im Entwickler als das der Sonne. Ferner: das Licht einer Petroleumlampe wirkt stärker als das Tageslicht unter den gleichen Verhältnissen.

Was geht denn aus all dem hervor? Aus den X-Strahlen, die gewöhnliche Strahlen sind, aus der relativen Durchsichtigkeit der Körper, aus dem Photographieren ohne Linse, aus dem Photographieren ohne Kamera und Linse? Doch wenigstens das: daß die herrschende Physik und Chemie die Welträtsel noch nicht gelöst haben; daß die Naturgesetze, wie sie genannt werden, Vereinfachungen sind, von einfachen Menschen und nicht von der Natur diktiert; daß das Universum noch Geheimnisse vor uns verbirgt; und daß darum die Menschheit ein Recht hat, eine Revision der Naturwissenschaften zu fordern, die die X-Strahlen in ein höchst unsympathisches Licht gestellt haben.

1897.

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