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Einfache Körper
Einfältige Chemie.

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Der Grund, weshalb die Menschen gewisse Körper, unter andern den Schwefel, einfache Körper genannt haben, ist ohne Zweifel der, daß die Teile, die diese Körper zusammensetzen, atavistische Tendenzen, ancestrale Energien besitzen, die sie treiben, eine Zahl zu suchen, die immer so groß ist wie die andern Bestandteile, um sich wiederherzustellen.

Der Schwefel ist im gewöhnlichen Zustand ein gelber Körper, der dem Harz ähnelt. Erhitzt, ohne daß er Feuer fängt, verflüchtigt er sich, und wenn er abgekühlt ist, kann man ihn unter der Form sammeln, die er ursprünglich hatte. Wenn ich ihn dagegen verbrenne und die Dämpfe sammle, finde ich keinen Schwefel wieder, sondern eine Substanz, die man mit dem Namen schwefelige Säure bezeichnet. Die Menschen sagen dann, der Schwefel habe sich mit dem Sauerstoff verbunden und er existiere in der schwefeligen Säure. Das müßte wahrlich unter einer unsichtbaren oder neuen Form sein, denn es ist unmöglich, in dieser klaren Substanz die Spur eines gelben Harzes zu finden.

Wenn man diese schwefelige Säure einige Zeit der Wirkung des Sonnenlichtes aussetzt, hat sich der Schwefel unter seiner ersten Form niedergeschlagen. Diese Eigentümlichkeit ist es, die man als den Beweis betrachtet, daß der Schwefel sich durch die Verbrennung nicht zersetzt und daß er sei, was man einen einfachen Körper nennt. Die Sache wird indessen viel begreiflicher, wenn man, wie ich getan habe, die Identität des Schwefels mit dem Harz annimmt, einem Körper, mit dem er wenigstens fünfzehn Analogien hat.

Aus Gründen, die ich 1894 in meinem »Antibarbarus« entwickelt, habe ich ihm die Formel (CH 4O) n gegeben und erklärt, daß dieser Körper aus Kohlenstoff, Wasserstoff und Sauerstoff wie die andern Harze zusammengesetzt ist, aber im Verhältnis eines Teiles Sumpfgas in Verbindung mit einem Teile Sauerstoff, was die Gegenwart von Schwefelwasserstoff dort erklärt, wo das verdorbene Wasser Sumpfgase hervorbringt.

Diese Formel, die beim Schwefel nur gewisse Eigenschaften in gewissen besondern Umständen angibt, macht einem begreiflich, warum in den gewöhnlichen Fällen der Schwefel ohne Bodensatz vollständig verbrennt, ganz wie der Methylalkohol CH 3 HO mit einer blauen Flamme.

Die schwefelige Säure mit der Formel (CH 4O 3) wird durch das Sonnenlicht oder durch den elektrischen Funken derart zersetzt, daß zwei Teile Sauerstoff frei werden, um die Schwefelsäure zu bilden, und daß ein Teil Sumpfgas sich in Schwefel mit einem Teil Sauerstoff kondensiert.

Albertus Magnus hatte schon die Natur des Schwefels beargwöhnt, denn, sagt er, er setzt sich aus drei Grundstoffen zusammen. Der erste ist leicht und von der Natur des Feuers – Sauerstoff; der zweite phlegmatisch und feucht – Wasserstoff; der dritte ist die Base, die alle Partikel der Materie durchdringt, denen sie ihre Eigenschaften verleiht – Kohlenstoff.

Ich wußte dies nicht, als ich zum ersten Male anfing über den Schwefel nachzudenken, aber vor zehn Jahren las ich Haeckel und Spencer, die ihren Glauben an die Einheit der Materie versichern und die Existenz der einfachen Körper in Zweifel ziehen. Von diesem Augenblick an habe ich das Recht zu haben geglaubt, diese Fragen aufzustellen: Wenn die für einfach angesehenen Körper das nicht sind, woraus setzen sie sich zusammen, und warum kann die gewöhnliche Chemie sie nicht zersetzen?

Diese beiden Fragen sind ebenso berechtigt wie unberechtigt, denn es ist nicht notwendig, daß die Körper zusammengesetzt sind aus den Körpern, die durch die Analyse angegeben werden; es genügt, daß sie mittelst gewisser Reagentien gewisse Erscheinungen hervorbringen, die, vielleicht zu Unrecht, die Gegenwart andrer Körper anzeigen, die schließlich überall dieselben sind, wenn sie auch unter verschiedenem Aussehen auftreten.

Ferner, wenn die gewöhnliche Analyse sich nicht zum Herrn der sogenannten einfachen Körper hat machen können, so liegt das vielleicht nur an der Unzulänglichkeit der Mittel, über die man verfügt; oder besser, das ist es wohl, daß sich diese Körper zu der Stunde der Konstitution gebildet haben, als die Erde ihre Atome durch eine furchtbare Entwicklung von Energie vereinigte, von der die Atome, die an diesem Großakt der Paarung teilnahmen, gleichsam die Erinnerung bewahrten.

Ich hatte manchmal beim Verbrennen von Schwefel bemerkt, daß er einen schwarzen Bodensatz hinterließ, der der Kohle ähnlich war. Da der Schwefel, dessen ich mich bediente, sich von einem unorganischen Salz niedergeschlagen hatte, so war es nicht möglich anzunehmen, daß diese Kohle durch Unreinlichkeit entstanden sei. Ich unterzog diesen schwarzen Stoff der Analyse mittelst der Platinplatte, der Retorte und des Lötrohrs, und ich fand, daß es Kohle war. Ich schloß damit, daß ich diesen Bodensatz durch einen Chemiker analysieren ließ, der bescheinigte, daß es tatsächlich Kohle war.

Daß der Schwefel Sauerstoff und Wasserstoff enthält, hatte ich vorher im »Antibarbarus« gezeigt und als Tatsache angenommen geglaubt; die aber, die im Glauben an einfache Körper und Unreinlichkeiten erzogen waren, zweifelten noch.

Eines schönen Tages fiel mir die fünfte Ausgabe der Chemie von Orfila aus dem Jahr 1831 in die Hände; ich öffnete das Buch und las was folgt: »Obgleich bisher der Schwefel unter die einfachen Körper eingereiht gewesen ist, zielten die sinnreichen Versuche, die Davy und Berthollet fils anstellten, darauf hin zu beweisen, daß der Schwefel nicht nur Sauerstoff und Wasserstoff enthält, sondern außerdem eine besondere Base, deren Isolierung noch nicht gelungen ist …«

Der Autor gibt dann die Einzelheiten des Experiments an, das die Erzeugung von Schwefelkohlenstoff zum Zweck hatte, und das darin besteht, daß man Schwefeldämpfe über glühende Kohlen ziehen läßt. Nun hatten aber gerade im Lauf dieses Experiments Davy und Berthollet fils die Gegenwart von Schwefelwasserstoff und Kohlenoxydwasserstoff konstatiert, woraus sie logisch auf das Vorhandensein des Sauerstoffs und des Wasserstoffs im Schwefel schlossen.

Der Baron Thénard, die große Autorität damals, versuchte die Sache durch einige nicht auf Versuche gestützte Vermutungen zu erklären. Nach seiner Ansicht kam der Wasserstoff von der Kohle und dem Schwefel, die niemals frei von Wasserstoff seien, ohne daß er bemerkte, daß er selbst damit die zusammengesetzte Natur des Schwefels und der Kohle bestätigte; endlich der Sauerstoff komme aus dem Wasser, das in den die Rezipienten schließenden »Propfen« enthalten sei.

Diese Lösung hatte schon eine Existenz von fünfzig Jahren, und mein Erstaunen darüber, daß kein Gelehrter die Idee gehabt hatte, diese Propfen durch einen indifferenten Körper zu ersetzen, wie Asbest, der Liquor aus Kieselsteinen oder andere waren, wurde noch größer, als ich die ganz kürzlich, 1895, publizierte Chemie des Professors Troost las; der sagt bei Gelegenheit der Erzeugung von Schwefel aus Kohle, daß durch die Rezipienten sich gewisse Gase entwickelten, die aus der Wirkung des Schwefels auf den Wasserstoff der Kohle und auf das Wasser des Propfens resultierten. Das war noch der Propfen des Barons Thénard von 1830, und um die Wissenschaft von ihm zu befreien, entschloß ich mich im letzten Mai, im Laboratorium der Sorbonne selbst zu beweisen, daß der Schwefel Sauerstoff und Wasserstoff enthält. Und das habe ich getan!

Zu dem Ende paßte ich den Hals der Retorte selbst der Röhre an, die rein kalzinierte Kohle enthielt, und ich vereinigte nicht das Rohr mit dem Ansatz durch einen Propfen. Darauf erhitzte ich die Retorte, um alles Wasser des Schwefels zu verjagen; dann ließ ich das Rohr, das die Kohle enthielt, heiß werden, nicht nur um das Wasser fortzubringen, sondern auch um es zu zersetzen und den Wasserstoff zu verjagen, wenn welcher da war. Schließlich ließ ich die Retorte mit Schwefel rotglühend werden, und als dieses Verfahren lange genug gedauert hatte, sammelte ich die Gase in zwei Gefäße. Das erste, das essigsaures Blei enthielt, zeigte eine große Quantität schwefligen Bleis, das sich durch den Schwefelwasserstoff niedergeschlagen hatte; das zweite, das eine Lösung von Potassiumpermanganat enthielt, zeigte eine Reduktion, welche die Anwesenheit von Schwefelsäure ergab. Der Bodensatz in der Retorte bestand aus Kohle in Pulverform.

Das war für mich die genügende Probe, daß der Schwefel Wasserstoff, Sauerstoff und Kohlenstoff enthält; was ich schon wußte

 

Anmerkung des Übersetzers. In seiner Schrift »Typen und Prototypen in der Mineralchemie« (Stockholm 1898, Festschrift zur Berzeliusfeier) sucht Strindberg sowohl die organische wie die anorganische Chemie auf C. H. O. N. zu reduzieren. Ist es Strindberg gelungen, die Formel des Schwefels zu finden, so hat Professor Fittica in Marburg Phosphor und Chlor in C. H. O. N. zerlegt. Vgl. Deutsche Zeitung, Berlin, 24. Januar 1904: »Überführung von Oxalsäure in Chlor.«

 

Davy und Berthollet fils füllten ein Rohr mit Schwefel, den sie schmelzen ließen, und unterwarfen die Dämpfe dem Einfluß eines starken elektrischen Stroms; es ergab sich, daß das Gas Schwefelwasserstoff war. Die Chemiker antworteten: Ja, natürlich, denn jeder Schwefel enthält Wasserstoff. Die beiden Gegner waren also ganz einig, aber ohne es zu ahnen.

Eine der schwerwiegendsten Einwendungen gegen die Theorie Lavoisiers von der Verbrennung, bei der allein der Sauerstoff der aktive Teil sein soll, ist die, welche die Chemiker Hollands gemacht haben. Sie nahmen Kupferfeilstaub und Schwefel und erhitzten es im Vakuum. Es entwickelte sich eine Flamme so wie bei Schwefelwasserstoff und Schwefelsäure.

Natürlich, antworteten die Adepten des Lavoisier, weil der Schwefel ein Kombustor ist. Aber da der Sauerstoff der Kombustor war, waren sie auch einig, und man ließ die Frage, woher Sauerstoff und Wasserstoff kamen, beiseite; der Schwefel blieb und mußte bleiben ein Element.

Das war einfacher für die einfachen Herzen und gestattete, den Glauben an die besondern Akte der Schöpfung, an die Beständigkeit der Arten und an die chemischen Elemente unversehrt zu erhalten.

Die Geschichte der Wissenschaften ist oft kaum heiterer noch erbaulicher als die der Religion!

1895.

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