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Vorwort:
Aber glaub doch nicht daran

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In der Mitte meines Lebensweges angelangt, setzte ich mich hin, um auszuruhen und nachzudenken. Alles was ich kühn gewünscht und geträumt, hatte ich gehabt. Der Schande und der Ehre, der Freude und des Leidens voll, fragte ich mich: Und nun?

Alles wiederholte sich mit einer Eintönigkeit, die einen zum Verzweifeln brachte; alles glich sich, alles kehrte wieder. Die Autoritäten hatten gesagt: Das Universum hat keine Geheimnisse mehr; wir haben das Wort für alle Rätsel gefunden, wir haben alle Probleme gelöst.

Wir haben mittels des Spektroskops gesehen, daß die Sonne keinen Sauerstoff hat, was sie nicht abhält, ebenso gut zu brennen, wie Antimon in Chlor oder Kupfer in Schwefel. Wir haben die Kanäle des Mars gezeichnet, die in unangenehmer Weise den Widmannstettenschen Figuren der Meteorsteine gleichen, während wir erst jüngst unsere Ansicht über das Innere von Afrika befestigt haben und weder Borneo noch die Polarmeere kennen.

Eine Generation, die den Mut gehabt hat, Gott abzuschaffen, den Staat, die Kirche, die Gesellschaft und die Sitten niederzureißen, verneigte sich noch vor der Wissenschaft. Und da, in der Wissenschaft, wo die Freiheit regieren sollte, galt die Parole: Glaub an die Autorität oder stirb! Eine Bastillesäule war in Paris noch nicht auf dem Platz einer alten Sorbonne errichtet, und das Kreuz beherrschte noch das Pantheon und die Kuppel des Instituts.

Es gab also nichts mehr zu tun in dieser Welt, und mich unnütz fühlend, beschloß ich zu verschwinden.

Schon war die Weingeistlampe unter der Retorte angezündet; das Blutlaugensalz, gelb wie Gold, in warmem Zustand wie das gelbe Labkraut riechend, aus Blut und Eisen destilliert, bereit, die Schwefelsäure aufzunehmen, die den Tod gibt, wenn sie konzentriert ist, und durch Gärung Leben schafft, wenn sie verdünnt ist. Dieses Mal sollte sie verdünnt werden, um den Tod zu bringen. – Was ist denn da für ein Unterschied? Und welch köstlicher Widerspruch!

Das Cyanogen, der Erzeuger des Blau, geboren vom gelben Salz, fing an sich zu entwickeln, die unschuldigste von allen Verbindungen, wo die reine Kohle mit dem indifferenten Stickstoff einen schrecklichen Bund geschlossen hat, der nicht seinesgleichen hat und die Wissenschaft zwingt, ihre Unwissenheit der Natur dieses Wunders gegenüber einzugestehen.

Die Dämpfe stiegen aus dem Rezipienten und schnürten mir bald die Kehle zu wie die Diphtheritis oder die nicht sauerstoffhaltigen Leichengifte. Die Armmuskeln fingen an gelähmt zu werden, und ich hatte Stiche im Rückenmark.

Ich unterbrach das Experiment, als der Bittermandelgeruch sich freizumachen anfing; ohne zu wissen warum, glaubte ich einen blühenden Mandelbaum in der Allee eines Gartens zu sehen, und ich hörte die Stimme einer alten Frau sagen: »Aber glaub doch nicht daran, Kind!«

Und ich habe nicht mehr geglaubt, daß das Geheimnis des Universums entschleiert sei, und ich bin hingegangen, bald allein, bald in Gemeinschaft, und habe über die große Unordnung nachgedacht, in der ich schließlich einen unendlichen Zusammenhang entdeckte.

Dies ist das Buch von der großen Unordnung und dem unendlichen Zusammenhang. Hier ist mein Universum, wie ich es geschaffen habe, so wie es sich mir gezeigt hat.

Vorübergehender Pilger, wenn du mir folgen willst, wirst du freier atmen, denn in meinem Universum regiert die Unordnung, und das ist da die Freiheit.

1895.

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