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Wo haben die Pflanzen ihre Nerven?

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»Es ist sicher, daß die vielzelligen Tiere und Pflanzen von den Protisten herkommen.« In diesem Satz hat Haeckel den Mut gehabt, zu bejahen, daß die Pflanzen von den Tieren abstammen; und da seine Beweisführung mir unwiderlegbar erscheint, zögere ich nicht, a posteriori den Satz aufzustellen, die Pflanzen besitzen Nervenzentren. Die Haut der Gastraea schließt schon ein rudimentäres Nervengewebe ein, die Zoophyten oder Tierpflanzen haben Nervenmuskelzellen und bei den Strahlentieren sind Nerven und Muskelzellen getrennt.

Man hat die Pflanzen auf Grund ihrer Unfähigkeit, sich von Ort und Stelle fortzubewegen, tiefer als die niederen Tiere stellen wollen; aber wenn wirklich die Fähigkeit, den Platz zu wechseln, eine höhere Existenz bedeutete, müßte man Vögel und Insekten für außerordentlich begabt halten und die Zoosporen der Alge auf eine höhere Stufe stellen als die Orchideen. Erinnern wir uns der Aszidia, die man zu so verschiedenen Zwecken mißbraucht hat; sie fängt mit einem Nomadenleben an und ist mit einem Rückenmark begabt; des unfruchtbaren Vagabondierens müde, heftet sie sich schließlich an den Boden des Meeres, wo sie ihre Beute erwartet. Gleichzeitig hat sie auch ihr Rückenmark verloren, aber nicht ihr Nervensystem; und ihre Haut hat sich in eine Art von Zellengewebe verwandelt, das der Epidermis der Pflanzen ähnlich ist.

Könnte die Aszidia uns vielleicht auf die richtige Spur führen? Ist sie vielleicht ehemals ein Wirbeltier gewesen, das, des Kampfes müde, sich zu einem Manteltier zurückentwickelte, eine Art Wurzel trieb und sich mit der Zellenhaut der Pflanzen umgab? Von wo sind denn die Pflanzen herabgestiegen, da sie die Fortpflanzungsart der Säugetiere bewahrt haben und deren Organe, männliche wie weibliche, zum Verwechseln nachahmen? Ist der Tang, dessen Epidermis Gelatine führt und dessen Zoosporen freiwillige Bewegung besitzen, den Tieren näher als die unbeweglichen mit Zellulose bedeckten Lilien? Wahrscheinlich nicht, obgleich es oft sehr schwer ist, festzustellen, was Fortschritt und was Rückgang ist. Wenn aus der Schnecke eine Muschel wird, wie Haeckel nachgewiesen hat, so bedeutet das zwar vom morphologischen Standpunkt aus einen Rückgang, dagegen einen nützlichen Fortschritt für die Muschel, die jetzt durch ihre hermetisch verschlossenen beiden Schalen und durch ihre relative Unbeweglichkeit viel besser geschützt ist.

Ein Insekt, das sich auf einer Pflanze niederließe, um sein bewegliches Leben plötzlich einzustellen, würde sich ohne Zweifel in eine Blattlaus verwandeln; es würde seine fein organisierten Fühler und die unnütz gewordenen Flügel verlieren, und sein Mund würde ein Saugorgan werden, das der Pflanzenwurzel entspricht.

Wenn ein Efeuzweig, der sich um einen Baumstamm geringelt hat, anfangen würde, Adventivwurzeln zu treiben, und diese sich übten, als Nahrungsorgane zu funktionieren, was der Efeu auf Kalkmauern vielleicht bereits tut, so würde der Zweig sich schließlich nach und nach von der Hauptwurzel abwenden und Parasit werden. Ich machte einmal den Versuch mit einem Efeu, der eine Fichte mit seinen Adventivwurzeln umschlang; ich schnitt ihn ab, und der abgeschnittene Zweig lebte noch zweiundzwanzig Tage.

Cuscuta, Seide, die an Nesseln klettert, stellt jede Verbindung mit der Erde ein, sobald sie bei ihrem neuen Wirt Wurzel gefaßt hat, doch zur selben Zeit vereinfacht sie sich gänzlich.

Die Mistel, die zuerst an den Bäumen hinaufkriechen mußte, ist in der Folge vollständig Parasit geworden. Ihre Blätter gleichen denen der Kotyledonen und ihre Fortpflanzungsart nähert sich der der Kryptogamen, da die Staubkölbchen sich im Mark der Blumenblätter befinden und die Keimbeutel in dem der Fruchtblätter.

Mit diesen Andeutungen über die Art und Weise, wie die Natur bisweilen zuwege geht, nähere ich mich den Pflanzen und meiner Art, sie zu sehen, indem ich die heutige Schulbotanik beiseite lasse, deren Methoden ich anderswo behandelt habe.

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Niemand denkt daran, den Pflanzen die fünf tierischen Funktionen abzusprechen, nämlich: Ernährung, Verdauung, Kreislauf, Atmung und Fortpflanzung. Die Wurzel ist der Magen der Pflanze und die Haare der Würzelchen sondern außer Kohlensäure, Essigsäure und Chlorwasserstoffsäure auch mehrere organische Säuren ab. Sie wirft also viel Speichel aus, wie die Fliege, und vollführt selbst einen Teil der Verdauungsarbeit.

Daß die Wurzel Salzsäure ausscheidet, gibt ihr eine frappante Ähnlichkeit mit dem Magen der höheren Tiere, wo freie Salzsäure immer vorkommt und, falls sie fehlt, zugeführt werden muß. Warum gerade Salzsäure, ist wohl nicht leicht zu beantworten, aber ich fand für Chlor die Formel zwei Hydroxyde oder zwei Sauerstoff-Wasserstoff, also eine Art Wasser mit stärkerer Lösungsfähigkeit. In der Analyse beginne ich immer, wenn ich einen unbekannten Körper untersuchen will, mit Salzsäure. Im Laboratorium greife ich immer zuerst zur Salzsäure, wenn ich ein Glasgefäß, einen Trichter, einen Becher oder eine Probierröhre reinigen will. Bei der Spektralanalyse tränke ich den Stoff, der untersucht werden soll, mit Salzsäure, um flüchtige Chloride zu bekommen, sagt man.

Hat die Wurzel der Pflanze Absonderungsdrüsen, die der Leber und der Bauchspeicheldrüse entsprechen und ohne die keine Verdauung stattfinden kann? Die Schulbotanik antwortet: nein. Bei den niederen Tieren sondern die Epithelzellen der Gedärme das ab, was wir Galle nennen würden, und bei den Insekten nehmen die Schleimkanäle die Stelle der Leber ein. Es ist sehr wahrscheinlich, daß die Wurzeln keine Leber haben, dagegen scheint es, daß die Wurzelhaare, die Verdauungstaschen und vielleicht auch die Haube die Fähigkeit der Verdauung besitzen, und zwar bis zu dem Grade, daß sie selbst Steine verdauen können. Kurz, das äußere Kleid der Wurzel, das immer drüsig ist, sondert ab, aber saugt auch ein wie ein Darm und führt den zur Hälfte zubereiteten Stoff in den zentralen Zylinder, in dem das Aufsteigen beginnt und den man ein Milchsaftgefäß nennen könnte.

Dieses Gefäß geht in den Wurzelhals aus, bei den Dikotyledonen in die Peripherie des Stammes, und führt, wie die Adern, den Nahrungssaft in die Lungen oder Blätter über, wo das stattfindet, was man Oxydation nennt. Wenigstens will ich annehmen, daß der Prozeß in den Blätterlungen eine Oxydation ist, obgleich er ebensogut eine Verdampfung, eine Absonderung von Kohlensäure, Wasser, Ammoniak, Stickstoff sein könnte …

Soweit sind die Pflanzenphysiologen einig; aber hier trennen sich ihre Wege. Die einen glauben, daß der in den Blättern oxydierte Nahrungssaft in der Pflanze durch spezielle Gefäße hinabsteige; andere, wie Sachs und van Tighem, sind entgegengesetzter Ansicht. Da der Kreislauf bis hierher der der höheren Tiere vollkommen analog war, ist man geneigt, auch bei den Pflanzen nach Arterien zu suchen, die nach dem Respirationsakt die Säfte durch den ganzen Organismus treiben und besonders unten in der Wurzel die Magensäfte neu bilden, ohne welche die erste Arbeit zwecklos wäre. Daß dieser Punkt bisher aber nicht aufgeklärt werden konnte, kommt daher, daß die Ernährung vielleicht nur periodisch stattfindet. Erinnern wir uns an die Obstbäume, die zwei Saftstöße haben: den einen im Frühling und den zweiten gegen Ende des Sommers. Der Winterschlaf der Pflanzen, die ihre Blätter abwerfen, könnte also nur eine Periode der Ausarbeitung der Säfte sein.

Alles das ist so schlecht untersucht und so wenig bekannt, daß man, studiert man heute Botanik, die Bücher von Landwirten, Gärtnern und Apothekern lesen muß, um eine Ahnung zu bekommen, wie die Natur arbeitet; das ist viel fördernder als das Studium der Werke von Experimentatoren an den pflanzenphysiologischen Instituten.

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Man nimmt heute an, der Kreislauf sei bei den Pflanzen nicht durch ein Herz geregelt, sondern durch mechanische Kräfte: als ob nicht auch das Herz mechanisch wie eine Pumpe tätig wäre! Vor fünfzig Jahren glaubte man, daß gewisse Zellen oder Gefäße Systole- und Diastolebewegung besitzen (De Candolle), heute leugnet man das.

Ein wenig bekannter Autor erwähnt im Vorübergehen, der Wind spiele eine größere Rolle im Leben der Pflanzen, da er die Pflanzen in eine Pendelbewegung versetze, die durch Streckung der Gefäße eine Pumpbewegung hervorbringe. Ich möchte gern bei diesem Thema verweilen, obgleich es nicht direkt hierher gehört, erinnere aber nur an die schon erwähnten beiden Saftstöße und ihr Zusammenfallen mit den Windmaximis im Frühling und Herbst.

Was endlich die Fortpflanzung der Pflanzen betrifft, so ist sie so hoch entwickelt, daß sie nicht nur derjenigen der höheren Tiere verglichen, sondern in gewissem Sinne sogar als identisch damit betrachtet werden kann.

Wenn man dann aber fragt: wie ist es möglich, daß so streng geschiedene Funktionen, von denen jede ihr eignes Organ hat, ohne verschiedene Energiezentren oder Innervationsorgane tätig sein können, läßt uns die Pflanzenphysiologie ohne Antwort. Sie sagt nämlich: die Pflanzen haben keine Nerven, und ihre Energie befindet sich überall im Protoplasma. Das trifft bei den einzelligen Zoophyten zu, aber schon die Gastrula hat unter der Haut ein Nervengewebe und die Hydra hat sensorische Nerven, die den Eindruck empfangen, und motorische Nerven, die die Handlung ausführen. Wenn wir den Pflanzen das Bewußtsein und die Sinne verweigern, so streichen wir das Großgehirn; verweigern wir ihnen die freiwillige Bewegung, so streichen wir das kleine Gehirn und eine gewisse Partie des Rückenmarkes. Aber da wir ihnen weder organisierte Ernährung und Verdauung noch Kreislauf und Atmung verweigern können, so sind wir berechtigt anzunehmen: eine Partie des verlängerten Rückenmarkes, eine Partie des Rückenmarkes, den Plexus solaris, das sympathische Nervensystem. Wollte man diese Reste noch mehr reduzieren und einfach beim sympathischen Nervensystem stehen bleiben, das, wie bei den Tieren, die vegetativen Funktionen regelt, kommen wir vielleicht unsern Gegnern näher als mit übertriebenen Forderungen von Zugeständnissen.

Darwin ging bekanntlich weiter und wollte der Haube, die die Spitze der in die Erde eindringenden Wurzel schützt, sehr große Fähigkeiten zusprechen, ja er wendet bei dieser Gelegenheit direkt das Wort Gehirn an. Diesem kleinen, zart gebauten Organ schreibt er die Eigenschaften: wählen, fühlen und unterscheiden zu; selbst einer freiwilligen, bewußten Bewegung hält er es für fähig. Ich besitze noch keine feste Ansicht über die Funktionen der Wurzelhaube, aber ich empfehle den Pflanzenphysiologen folgendes zur näheren Betrachtung:

Ich hatte lange mit dem Mikroskop nach den Nerven der Pflanzen gesucht und fragte schließlich, um die Entdeckung der dem nackten Auge unsichtbaren Fasern zu erleichtern, einen Nervenphysiologen, unter welchen krankhaften Erscheinungen die Nerven der Tiere hypertrophisch werden oder sich anormal entwickeln. Seine Antwort gab mir Veranlassung zu folgendem Experiment. Ich legte eine Hyazinthenzwiebel so in eine Vase, daß die Wurzeln die Oberfläche des Wassers nicht erreichen konnten; um nämlich ihre Aktivität zu vermehren, denn sie suchen das Wasser mit Gier. Mit dem Wasser, in das ich Stärke und Zucker getan hatte, besprengte ich häufig die Wurzeln. Die stärksten Wurzeln trieben nun ganz gerade gegen das Wasser, ohne das Licht zu fliehen; sobald sie aber das Wasser erreichten, senkte ich das Niveau, so daß die Wurzeln, in ihren Hoffnungen getäuscht, gezwungen waren, ihre Anstrengungen fortzusetzen … Als ich darauf die Haube öffnete und sie mit Osmiumsäure behandelte, zeigte sie in schwarz unter dem Mikroskop Nervenelemente, die vollständig identisch mit dem sympathischen Nervensystem der Säugetiere waren. Die Osmiumsäure ist, wie man weiß, das Reagens der tierischen Nervengewebe.

Wer den Versuch wiederholen will, kann, wenn er nicht Histologe ist, die Figur 97 der Histologie von Klein, die ein Bündel des Sympathikus eines Kaninchens darstellt, mit seinem Präparat der Hyazinthenhaube vergleichen.

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Ich zeigte eines Tages Pflanzengewebe einem Mediziner, der in der Frage der Gewebe und besonders der Nerven sehr bewandert, aber nur wenig beschlagen in der Botanik war. Er war überrascht, daß die Pflanzenzellen sich ganz wie die Tierzellen durch Kernteilung vervielfältigen. Er erstaunte, diesem Reichtum von Gewebetypen bei Organismen zu begegnen, die auf der Skala so tief stehen und von denen er gelesen hatte, daß sie unter dem Mikroskop nur eine ermüdende Einförmigkeit zeigten.

Als ich ihm die Holzfasern der Fichte mit ihren alveolaren Punktierungen zeigte, konstatierte er deren Identität mit den Herzmuskeln der Säugetiere. Das Sklerenchym der Nußschale hielt er für das Bindegewebe des Knochens. Die Pflanzengefäße mit Valven waren Adern und Lymphgefäße. Auch Muskelfasern fehlten nicht; und er zweifelte keineswegs an dem Vorhandensein von Luftröhren oder geringelten und spiralförmigen Gefäßen, besonders solchen, die bei den Insekten in den Magen münden.

Als ich ihm aber schließlich die Siebröhren zeigte, bestätigte er meine alte Behauptung, daß sie den Myelinnerven der Wirbeltiere, den am höchsten entwickelten Nerven, zum Verwechseln ähnlich seien. Und doch, als ich ihm mitteilte, daß diese geheimnisvollen und umstrittenen Pflanzengefäße von mir durch Goldchlorid violett und durch Osmium schwarz gefärbt worden seien, wie die Elemente der Tiernerven, wagte er nicht zu glauben, daß die Pflanzen Nerven haben. Ich berief mich auf einen berühmten Botaniker, der beobachtet hatte, wie die Röhren Schlangenbewegungen machten, wenn man die Blätter der Mimose reizte. Ich versicherte ihn, eine Autorität wie Sachs habe geleugnet, daß diese Röhren die präparierten Säfte in die Blätter überführen, so daß sie weder eine Aorta noch andere Arterien sein können. Ich erklärte ihm, daß sie Albuminate und Fette führen, und daß man selbst Fibrin in ihnen angetroffen hätte. Alles vergeblich! Die Pflanzen hatten für ihn keine Nerven, denn – sie hatten keine!

Um noch mehr Licht in die Sache zu bringen, möchte ich die Zoologen bitten, sich einen Augenblick mit der Pflanzenphysiologie zu beschäftigen und diese Siebröhren zu prüfen, die den Myelinnerven gleichen; nicht nur durch die Konstruktion der Röhre mit der in einer Scheide laufenden Faser, sondern ebenso darin, daß sie einen schließenden Ring, eine Annexzelle und eine motorische Platte besitzen, die bei der Pflanze Sieb genannt wird.

Mehr kann ich im Augenblick nicht beibringen, und gebe nur mit einigen Worten die materielle Unterlage für ein so hoch entwickeltes Leben, wie es das der Pflanze ist.

Diese Siebröhren, so behauptet man, überführen allein Albuminate und dienen nur dazu, den herabsteigenden Saft zu verbreiten. Das ist nicht wahr, da jede Zelle, und besonders der Kern, Eiweißkörper und Fette enthält. Und selbst der aufsteigende Saft enthält Eiweiß, wie man im Frühling feststellen kann, wenn man den Weinstock vor der Blätterbildung anschneidet oder eine Birke zur Ader läßt.

Die kletternden und kriechenden Pflanzen haben die größten Siebröhren. Kommt das daher, daß der Anfang einer unabhängigen Bewegung Motoren erfordert? Und sind also diese Röhren mit ihren Fasern degeneriertes Rückenmark? Es gibt auf dem Grunde des Auges eine Siebplatte, durch die mitten hindurch der Sehnerv geht. Die äußere Schicht enthält eine Siebsubstanz und eine große Anzahl ovaler Kerne. Das Gehirn enthält unter anderem eine Substanz, die Inosit genannt wird, C 6H 12O 6. Man findet sie bei gewissen Pflanzen wieder, besonders bei den kletternden.

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Man hat gemeint, die Pflanzen seien im allgemeinen unempfindlich, bis auf einige frappante Ausnahmen, wie die Mimose. In Wirklichkeit sind die Pflanzen trag, doch sehr empfindlich; nur ist eine große Geduld nötig, um ihre Bewegungen zu sehen. Ich habe sie sehr oft auf meinem Arbeitstisch, so daß sie mir den ganzen Tag und die halbe Nacht unter den Augen sind. Berühmt ist der Versuch, den Claude Bernard mit der Mimose machte, die er chloroformierte und dadurch in Starrkrampf versetzte. Wie man weiß, wirkt Chloroform zuerst auf die graue Gehirnsubstanz, dergestalt daß das Bewußtsein erlischt; dann auf die sensoriellen Nerven, während der ganze vegetative Apparat fortfährt zu funktionieren. Man urteile danach, ob die Mimose nicht doch andere als rein vegetative Funktionen besitzt. Den Leuten, die die Pflanzen mit Haaren, Nägeln und Federn zu vergleichen lieben, die wachsen, ohne zu fühlen, würde ich raten, Haare zu chloroformieren und zuzusehen, ob sie dann irgendwelche Analogie mit Pflanzen zeigen, ganz abgesehen von der enormen Differenz, daß das Haar sich nicht fortpflanzt.

Es ist schwer, zu entscheiden, ob die Nerven der Pflanzen Konzentrationspunkte oder Ganglienansätze besitzen, aber unwahrscheinlich ist es nicht. Ich kann Tatsachen berichten, die solches wenigstens andeuten. Der Sauerklee zeigt, wie man weiß, im Stielgrund ein Motororgan der Blattbewegung. Ich habe es bei einem überwinterten Exemplar gefunden, das ich mit unterschwefligsaurem Natrium behandelt hatte. Meine Notizen ergeben unter anderem: Sauerklee, in Wasser gelegt, das Salzsäure enthielt, schloß seine Blätter nicht wieder, wenn man ihn am Tage in einen dunkeln Schrank stellte; in Wasser ohne die Säure geschah es stets. Als ich mit Hilfe einer Linse die Hauptrippe eines Blattes verbrannte, war das Blatt paralysiert. An jeder anderen Stelle verletzt, schlossen sich die Blätter wieder.

Eine der empfindlichsten Pflanzen ist sicher die gelbe, wilde Balsamine, die man mit Recht Impatiens noli tangere nennt. Beim erstenmal, wo ich dazu kam, eine reife Kapsel zu berühren, und sie mir aus den Fingern sprang wie ein Insekt, ihre Körner ringsum verschüttend, glaubte ich, mit einem lebenden Wesen zu tun zu haben, das sich durch die Flucht retten wollte. Wie weise eingerichtet, sage ich mir, daß diese Pflanze, die im Schatten der Bäume wächst, ihre Samenkörner der Sonne hinwerfen kann. Meine älteren Freunde erklärten mir, im Innern sei ein Mechanismus vorhanden, der dieses Manöver ausführe; den Mechaniker aber erkannten sie nicht an. Später habe ich den Mechanismus der Sprungfeder, der bemerkenswert gut gearbeitet ist, näher untersucht.

Aber die Balsamine versteht sich noch auf andere Kunststücke. Unter den Bäumen von Parks und Wäldern lebend, streckt sie während des Tages ihre goldgelben Blüten dem Licht der Sonne entgegen und zieht sie für die Nacht unter die Blätter zurück. Da das Blatt von den Knoten des gegliederten Stieles ausgeht, argwöhnte ich ein Energiezentrum im Knoten und machte folgenden Versuch: Ich schnitt von zwei verschiedenen Stöcken von Impatiens Stiele ab. Den einen verletzte ich im Knoten, den anderen in der Knotenweite und stellte dann beide in Wasser. Der im Knoten verletzte Stiel starb nach zehn Minuten, der in der Knotenweite verletzte fuhr fort zu leben. Darauf hat man mir unüberlegt die Einwendung gemacht, der im Gelenk verletzte Stiel verliere seinen Turgor durch den Verlust von Wasser und Luft. Das hat aber keinen Sinn, denn er könnte dann nicht weiter verwelken als bis zum oberen Knoten. Übrigens weiß jeder Gärtner, daß man einen Steckling nicht im Knoten abschneiden darf, wenn er auch nicht sagen kann, warum, zumal wenn er einen groben holzigen Obstbaumzweig abschneidet, der einen Turgor nicht nötig hat. Dasselbe gilt vom Wurzelhals der Pflanze, den man nicht verletzen kann, ohne daß die Pflanze stirbt, was die Gärtner sehr wohl beachten.

Um die Sache zu kontrollieren und das Wasser herauszutreiben oder die Luft eindringen zu lassen, richtete ich die Flamme des Lötrohres a) auf den Knoten einer Impatiens – und der Stiel sank sofort zusammen; b) auf die Knotenweite – und der Stiel hielt sich aufrecht. (Übrigens wird die Mimose unter der Luftpumpe steif, was nicht auf den Verlust eines Turgor deutet. Sachs ist der Ansicht, das komme von dem Mangel an Sauerstoff.)

Ich setzte ein Innervationszentrum in den Knoten voraus; und ein moderner Autor hat, ohne es zu wollen, meiner Voraussetzung Stützen gegeben, allerdings nur schwache. Adolphe Prunet hat in seiner Dissertation über die Knoten und Knotenweiten bei den Dikotyledonen (Paris 1891) unter anderem bemerkt, die Knoten seien reicher an Fetten und an Eiweiß als die Knotenweiten; diese Substanzen aber sieht man als die Grundsubstanzen der Nerven an. Wenn ich hinzufüge, daß Golgis seit 1875 bekanntes Reagens, doppelchromsaures Kali und salpetersaures Silberoxyd, mir Nervenreaktionen in den Pflanzenknoten, die ich studierte, ergab, scheint es mir der Mühe wert zu sein, daß man sich mit der Frage näher befasse.

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Der Hauptgrund dafür, daß man die Nerven der Pflanzen bisher weder gesucht noch gefunden hat, ist ohne Zweifel, daß man weder zweipolige noch vielpolige Ganglien angetroffen hat, die als entscheidende Zeichen von Nervenelementen gelten. Nun findet man aber diese Ganglienzellen, die denen der höheren Tiere gleichen, im Chlorophyll der Algen, z. B. der Spirogyra. Und wenn man das Diagramm der Strychnosfrucht prüft, so sieht man, daß jeder Zellenkern durch Nervenfasern mit dem anderen verbunden ist Wenn man dann weiter nach Elementen sucht, die den Nerven und den Ganglien der Krustentiere, der Gastropoden und der Insekten ähnlich sind, so kann man sie an vielen Stellen finden. Ich nenne nur die Haube, den Hals der Wurzel, die Falten der Blätter, die Knoten des Stieles, den Fruchtboden der Blüte, die Epidermis, speziell die Haare, die man mit Recht das Riechorgan der Pflanze nennen kann und die wie die Haare des Krebses gebaut sind. Was noch einmal die Siebröhren betrifft, so habe ich neuerdings erfahren, daß ähnliche sich bei dem Krustentier Palaemon finden (Retzius).

Ich empfehle allen, die die Nerven der Pflanzen studieren wollen, die Dissertation von B. de Nabias über die Nervenzentren der Gastropoden (Bordeaux 1894) und die von Alfred Binet über die Nervenzentren der Insekten (Paris 1894). Die wundervollen Abbildungen in beiden Werken werden vielleicht diesen dunklen Gegenstand erhellen.

Ich schließe die Skizze mit einigen Zitaten. Haeckel fand, daß die Ganglien des Krebses Zellen enthalten, die den Ganglien des großen Sympathikus der Wirbeltiere gleichen. Er entnimmt daraus, daß die Nervenröhren eine klebrige, durchsichtige Substanz enthalten, und daß die Zellen mit diesen Nervenröhren in Verbindung stehen. Nabias gibt zu: wenn man zwar nicht in den Details das Protoplasma der Pflanzenzelle mit dem der Tierzelle vergleichen könne, doch im ganzen eine Analogie anzunehmen sei, da sie dieselben chemischen und physikalischen Reaktionen ergeben. An anderer Stelle sagt derselbe Autor: die vergleichende Histologie zeigt, daß die Dimensionen des Nervenelementes sich vermindern, wenn man in der Tierskala aufsteigt.

Wenn es also eine Skala gibt, wohin gehören dann die Pflanzen? Wohin?

1895.

 

Anmerkung des Übersetzers. Am 26. März 1905 sandte der Übersetzer an Strindberg: Francé, Sinnesleben der Pflanzen, Stuttgart 1905. Am 28. antwortete Strindberg: »Endlich also! Francé hats gefunden! Er ist am Ziel! Wenn ich ihn kennte, und wenn ich wüßte, daß er kein hochmütiger Wissenschaftler ist, würde ich ihm meine Sammlungen von Bildern zur Vergleichung der Tier- und Pflanzenhistologie senden. Ich habe nämlich aus teuern Werken Illustrationen ausgeschnitten und Tiergewebe neben Pflanzengewebe geklebt, und bewiesen, daß sie identisch sind. Die Pflanze hat alle Gewebe des Tiers: glatte Muskelfasern, Arterien, Venen, Nerven usw. Wenn es einen Menschen gebe, der sowohl Pflanzen- wie Tierhistologie kann, aber den gibt es in diesen Spezialistenzeiten nicht. Darum steht alles still; da jeder nur ein Stück kann, so versteht der eine nicht, was der andre sagt! Die babylonische Verwirrung unterm Babelturm, der den Himmel erreichen wollte, aber die Hölle erreichte.«

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