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Die Tanz-Anne

Von

Theodor Volbehr

Die letzten Sonnenstrahlen hüpften mit den Vögeln um die Wette in den Wipfeln der Bäume, dann blickten sie noch einmal durch die Laubkronen hindurch, um für heute vom Walde Abschied zu nehmen. Aber da sahen sie etwas, das war so seltsam, daß sie wie verzaubert in den Zweigen hängen blieben. Auf dem Waldweg tanzte ein kleines Mädchen und sah mit lachenden Augen um sich. Sie hatte mit beiden Händen das Röckchen gefaßt und warf die Beinchen so zierlich, als sei sie eine Waldelfe. Die Vögel sprangen von ihren Zweigen herunter und tanzten und flatterten lustig um das kleine Menschenkind herum, und es war, als ginge ein neuer Sonnenschein von den lachenden zwei Augen aus. Die Sonnenstrahlen wären am liebsten von ihrem hohen Sitz hinunter gesprungen und hätten mit dem Kinde getanzt, aber eben sank die Sonne hinter den Horizont hinab und – ruck! – zog sie all die kleinen Strahlen hinter sich her.

Das kleine Mädchen aber tanzte weiter und weiter. Es merkte gar nicht, daß es immer dunkler im Walde wurde und daß ein Vogel nach dem anderen mit dem Tanzen aufhörte und sich ein Plätzchen zum Schlafen suchte. Es tanzte und tanzte und war glückselig. Aber schließlich wurde es so dunkel, daß die Kleine nicht mehr sehen konnte, wohin ihre Füße traten, und daß sie fast gegen einen Baum gestoßen wäre. Da hörte sie mit einem tiefen Seufzer auf zu tanzen. Und als sie sah, daß es viel zu dunkel war, um den Weg nach Hause finden zu können, duckte sie sich unter einen Haselstrauch, blinzelte zu einem Stück Sternenhimmel hinauf, das sich zwischen die Baumkronen schob, und schlief ein.

In der Nacht aber wurde sie durch ein fröhliches Lachen und Plaudern geweckt; das klang so fein und zart, als schlügen silberne Glöckchen leise aneinander. Als sie die Augen aufschlug, sah sie in die glänzende Mondscheibe hinein. Die leuchtete so stark, daß die Augen wie geblendet waren. Aber allmählich gewöhnten sie sich an den Glanz; und als sie vorsichtig umherblickten, sahen sie die ganze Waldlichtung von leichten, schwebenden Gestalten erfüllt. Da merkte die Kleine, daß sie an einen Elfentanzplatz geraten war.

Und sie richtete sich ganz leise auf und sah dem Tanzspiel mit großen Augen und mit brennenden Wangen zu. Denn die Elfen konnten es doch noch viel, viel schöner als sie.

Auf einmal knackte unter ihrer aufgestützten Hand ein Zweiglein, und – husch! – waren die Elfen wie weggeblasen.

»Das war dumm, Anne!« sagte das kleine Mädchen zu sich selbst. Dann lag es lange mit offenen Augen unbeweglich, aber die Elfen kamen nicht wieder. Endlich stand Anne auf, trat in den hellen Mondschein hinaus, raffte ihr Röckchen und tanzte auf ihren leichten Füßen genau so, wie sie es eben gesehen hatte.

Der Mond blieb erstaunt auf seiner Wanderung stehen und strengte seine Augen sehr an, um zu sehen, was für ein seltsames Wesen da unten tanze. Und die Bäume rings umher hörten mit ihrem geheimnisvollen Rauschen auf und sahen regungslos auf die einsame Tänzerin.

Die merkte nichts davon. Sie tanzte und tanzte, und es war ihr, als könne sie nie wieder aufhören. Und es war ihr unsäglich wohl ums Herz.

Da wurde es am Rande der Waldwiese lebendig. Ein Elflein nach dem anderen lugte aus dem Gebüsch hervor. Und als die feinen Dingerchen sahen, daß nur ein kleines Mädchen auf dem Platz umhertanzte und dazu ganz verzückt aussah, da kamen sie eins nach dem anderen hervorgetänzelt, schlossen sich zum Reigen zusammen und umtanzten die fremde Spielkameradin.

Die aber war so von ihrem eigenen Tanz erfüllt, daß sie lange von dem allen nichts merkte. Als sie aber endlich die Blicke über den Boden gleiten ließ und den weiten Kreis der tanzenden Elfen um sich her erblickte, da ließ sie ihr Röckchen los und klatschte fröhlich in die Hände. Und dabei tanzte sie weiter, als könne es gar nicht anders sein.

Seit jener Nacht waren die Elfen und die Anne die besten Freunde. Und da sie die Tochter des Försters war und ihre Mutter nicht mehr lebte, so konnte sie oft genug in den Wald hinaus, wenn's Mondschein war und die Elfen ihre Tanzfeste hielten.

Sie tanzte aber nicht nur im Walde, sondern auch im Haus und im Garten, auf allen Wegen und Stegen; und sie war nicht glücklich, wenn sie nicht tanzen konnte.

Ihr Vater lachte darüber, aber die alten Weiber im Dorf, die schüttelten bedenklich das Haupt und meinten, das könne unmöglich ein gutes Ende nehmen.

Als die Zeit kam, in der die Mädchen und Buben zur Tanzstunde gehen, zeigte es sich, daß Anne besser tanzen konnte als alle anderen Mädchen weit und breit. Die Burschen nannten sie nur die Tanz-Anne und drängten sich, um mit ihr zu tanzen.

Das war eine Lust den ganzen Winter über. Und es war fast so schön wie das Tanzen auf der Elfenwiese. Aber merkwürdig, wenn einer dachte, daß die Tanz-Anne ganz besonders gern mit ihm tanze, und sie fragte, ob sie so zusammen durchs Leben tanzen wollten, dann lachte sie hell auf und flog zu einem anderen Tänzer. Und das ging so Jahr um Jahr, bis niemand mehr ans Heiraten dachte, wenn er mit der Tanz-Anne tanzte.

Und bald kam es soweit, daß die Burschen den ganzen Sommer hindurch über die Tanz-Anne spotteten und sie ein verrücktes Frauenzimmer nannten. Im Winter aber, wenn das Tanzen anhub, dann wollte doch ein jeder mit ihr tanzen. Da fingen die Mädchen an, sich böse Dinge ins Ohr zu tuscheln.

Die Tanz-Anne aber sah und hörte nichts davon. Aus ihren Augen lachte es immer gleich lustig, als erscheine ihr das ganze Leben wie ein einziges schönes Tanzfest. Und wenn es ihr einmal in den Sinn kam, dann konnte sie tagelang die weiten Wälder durchstreifen und auf jedem schönen Platz ein Tänzchen machen. Und dann freute sie sich ebenso sehr über die Tiere des Waldes, die neugierig aus dem Dickicht äugten, wie im Dorf über die bewundernden Blicke der Burschen. Und wenn gar ein Rehlein es wagte, auf den Platz heraus zu kommen und zierlich die Beinchen zu setzen wie im Tanzschritt, oder wenn die Vöglein lustig herumhüpften, dann fühlte sie sich genau so selig wie jemals im Krug, wenn die Tänzer sich drängten und stießen, um sie zum Tanz zu holen.

So ging es viele, viele Jahre. Die Tanz-Anne wurde alt und grau, aber sie tanzte immer noch mit gleicher Lust im Walde oder auf den Dielen des Dorfes; und sie fand auch immer noch ihre Tänzer.

Dann starb ihr Vater und hinterließ ihr ein Häuschen mit einem schönen, großen Garten und gerade so viel Geld, wie sie zu ihrem bescheidenen Leben brauchte.

Von der Zeit an ging die Tanz-Anne nicht mehr zum Tanz ins Dorf. Ihren Garten aber, den richtete sie sich wie einen Tanzsaal her. Und in ihm konnte man sie alle Tage mit den kleinen Mädchen und Jungen aus dem Dorf um die Wette tanzen sehen, daß ihr die grauen Haare um die lustigen Augen flogen. Das war ein Jauchzen und Jubilieren unter den Kindern, daß die Leute an der Gartenhecke stehen blieben und sich auf die Zehenspitzen stellten, um hinübersehen zu können. Und niemals hatte es so viel glückliche Kinder im Dorfe gegeben.

Ein paar Jahre ging das so weiter, dann auf einmal bekam das Gesicht der Tanz-Anne einen traurigen Zug. Bisweilen zog es inmitten eines lustigen Tanzes wie ein Schatten über ihre Augen, und sie mußte sich hinsetzen, um auszuruhen. Und dann wieder war es ihr, als begännen die Beine steif und unsicher zu werden. Mehr als einmal rollten ihr dicke Tränen über die runzligen Wangen, wenn die Schar der Mädchen und Jungen mit heißen Backen aus der Gartenpforte trollte und sie allein zurückblieb. Dann war's ihr, als zöge ihre eigene Jugend auf Nimmerwiedersehen hinaus.

Eines Abends saß sie so in Tränen aufgelöst in ihrem Garten, starrte auf die Pforte und vergaß ganz, sie wieder zu schließen.

Da trat ein stattlicher Herr in den Garten, ging mit lässigen Schritten auf sie zu, lüpfte den Hut ein wenig und setzte sich zu ihr auf die Bank. Die Tanz-Anne wollte empört auffahren, aber sie fühlte sich so schwach, daß sie sitzen bleiben mußte. Der Herr sagte kein Wort, er beugte sich nur ein wenig vor und zeichnete mit einem dünnen, schwarzen Stock seltsame Linien in den Kies. Da nahm er eine kleine, silberne Dose aus der Tasche, griff mit spitzen Fingern hinein und ließ den schwarzen Staub in die Rillen hineinrieseln, die er mit seinem Stock gezogen. Die Tanz-Anne versuchte, ans Ende der Bank zu rücken, aber sie war wie erstarrt. Nur ihre Augen folgten ängstlich allen Bewegungen des schweigsamen Mannes. Plötzlich sah sie, wie aus den schwarzen Linien rote Blumen hervorwuchsen. Die strömten einen berauschenden Duft aus. Und der Tanz-Anne wurde ganz seltsam ums Herz, aber die Angst war verschwunden.

Da hub der Herr neben ihr zu sprechen an. Seine Stimme klang wie aus weiter Ferne, aber doch ganz deutlich. »Sieh, Anne, das soll dir nur zeigen, daß ich Dinge vermag, die du nicht begreifst. Ich kann mehr, als du denkst. Ich kann auch machen, daß du deine Tanzkräfte wieder bekommst und sie behältst bis ans Ende deiner Tage.« Die Tanz-Anne hörte ihm so ruhig zu, als sei das alles ihr längst bekannt. Sie wartete lange mit der Antwort. Aber als er kein Wort mehr hinzufügte, sagte sie leise: »Und was willst du dafür?« »Was ich will? Nun, nichts weiter, als daß du nach deinem Tode zu mir kommst. Ich brauche für den Hexentanzplatz eine gute Vortänzerin.« Da lachte die Tanz-Anne ganz seltsam auf. Sie beugte sich zu den roten Blumen nieder, brach eine ab und ließ den roten Saft, der aus dem Stengel quoll, auf ihre Finger tropfen. »Damit soll ich's wohl unterschreiben?«

Und sie lachte noch einmal. Der Teufel sah sie erstaunt an und sagte: »Ach was, das war früher so. Jetzt genügt es mir, wenn du mir die Hand darauf gibst.« Da gab die Tanz-Anne dem Teufel die Hand und sagte: »Ich komme zu dir, bis du selbst mich von dir stößt.« »Abgemacht!« sagte der Teufel und fuhr mit seinem zierlichen Stöckchen über die Blumen. Dann lüpfte er wieder den Hut und ging mit schlürfenden Schritten aus dem Garten.

Die Tanz-Anne lauschte einen Augenblick. Als sie ihn nicht mehr hörte, blickte sie auf den Kies zu ihren Füßen. Die Blumen waren in roten Staub zerfallen. Sie sprang auf, reckte und streckte sich und fühlte voll Wonne die frischen Kräfte. Und dann tanzte sie auf dem Kiesfleck wirbelnd in der Runde, bis man nichts mehr von dem roten Blumenstaub erkennen konnte. Dazu lachte sie über das ganze Gesicht und kicherte einmal über das andere: »Na warte nur! Du sollst mich kennen lernen!«

Nun kamen wunderschöne Jahre. Die Tanz-Anne war frischer und fröhlicher als je und wurde nicht müde, die herrlichsten Tänze mit den kleinen Mädchen und Jungen zu tanzen. Die Kinder aber hingen mit großer Liebe an der Alten und packten ihr in den Tanzpausen alle ihre kleinen Sorgen und Freuden aufs Herz; und sie kamen auch dann noch, wenn sie die Kinderschuhe längst ausgezogen hatten und nicht mehr in dem Tanzgarten herumfliegen durften. Darin war nämlich die alte Tanz-Anne sehr genau; tanzen durften bei ihr nur die Kinder. Denn die Großen konnten das ja überall, im Krug und auf den Dielen der Bauernhäuser, auf den Tennen und unterm Lindenbaum. Sie aber wollte die Kinder froh und lustig machen. »Denn das bleibt fürs ganze Leben«, sagte sie. Und dann sagte sie noch: »Ein fröhliches Herz kann es selbst mit dem Teufel aufnehmen.« Dabei dachte sie an ihr Versprechen, lachte vor sich hin und sagte leise: »Warte du nur und laß dir die Zeit nicht lang werden!«

Wer weiß, wie lange sie noch so vergnügt und tanzlustig gelebt hätte, wenn nicht plötzlich eine furchtbare Kinderkrankheit im Dorfe ausgebrochen wäre. Es war, als ginge ein Hagelschlag auf ein blühendes Feld nieder. Alles duckte die Köpfe und wagte nicht aufzusehen, solange die Schloßen herunterprasselten. Als die schwarze Wolke vorübergezogen und man sich langsam aufrichtete und scheu umhersah, da erblickte man rings die furchtbare Verwüstung. In langem Zuge wurden die Kindersärge auf den Friedhof getragen. Und die Kinder, die zurückblieben, die gingen traurig und mit gesenkten Augen durch die Straßen. Das Lachen in ihren Gesichtern war wie weggewischt.

Da gefiel der Tanz-Anne das Leben nicht mehr. Und als sie eines Tages wieder vergeblich nach ihren Mädchen und Jungen ausgesehen, da legte sie sich müde auf ihr Lager, faltete die Hände und starb.

Der Teufel hatte sich gerade schön gemacht, um nach dem Hexentanzplatz zu fliegen. Denn die Walpurgisnacht war eben angebrochen. Er stand in dem offenen Höllentor und sah prüfend nach dem Wetter, da kam die alte Tanz-Anne die breite Höllenstraße hergewandert. Erfreut streckte der Teufel ihr die Hand entgegen. »Ach, prächtig, daß du kommst! Wirklich, wie gerufen! Nun komm nur gleich mit zum Hexentanzplatz. Heut ist Walpurgisnacht.« Die Tanz-Anne machte einen spöttischen Knicks, aber der Teufel bemerkte das nicht. Er schlug zweimal in die Hände und tat einen schrillen Pfiff, da fuhr eine gewaltige Fledermaus aus dem Höllentor und legte sich wie eine Decke vor seine Füße. Und ehe die Tanz-Anne so recht wußte, wie ihr geschah, saß sie neben dem Teufel auf dem Rücken der Fledermaus und sauste durch die Luft.

Zuerst war es still ringsum, und die Tanz-Anne hörte nichts als das Schnaufen der Fledermaus und ein leises Pfeifen des Teufels. Aber dann flogen sie an jungen und alten Hexen vorbei, die im Mondlicht seltsam glänzten und die auf langen Besenstielen ritten. Die sangen Lieder, die so schrill und wild klangen, daß sie der Tanz-Anne durch Mark und Bein gingen. Und immer zahlreicher wurden die Gestalten, die links und rechts aus den Tiefen auftauchten und die alle nach dem selben Ziel strebten, und immer lauter wurde das Singen und Kreischen. Da kam plötzlich eine dunkle Wolke herbeigesaust. Die Tanz-Anne blickte aufmerksam hin, und nun sah sie, daß die schwarze Wolke aus zahllosen schwarzen Leibern bestand. Das waren die Knechte des Teufels. Die hatten ihren eigenen Schwanz mit beiden Händen gefaßt und ritten auf ihm, als sei er ein Besenstiel. Dann mischten sich die Teufelsknechte unter die Hexen, und sie flogen gemeinsam weiter. Und die Luft klang wieder von Geschrei und heiserem Lachen. Endlich waren sie am Ziel. Der Teufel ließ die Fledermaus ein wenig abseits von den übrigen zur Erde sinken und half der Tanz-Anne von ihrem Sitz herunter. Dann schritt er langsam vor ihr her dem Festplatze zu, er sprach kein Wort. Der Tanz-Anne begann es jetzt doch ein wenig unheimlich zu werden. Aber sie drückte die Lippen fest zusammen, faltete die Hände und schritt hinter dem Teufel her, als ginge sie einen guten Weg.

Auf dem Hexentanzplatz war das Fest schon im vollsten Gange. Das tanzende Gewirr von rußigen Teufelsknechten und von weißen Hexen war so dicht, daß es schwer schien, bis zur Mitte durchzukommen. Der Teufel aber teilte nach rechts und links Püffe aus und schuf sich und der Tanz-Anne schnell eine schmale Gasse. Und dann standen sie beide auf einem Felsstein, der mitten auf dem Platze lag, und der Teufel ließ einen gellenden Pfiff ertönen. Da wich alles von der Mitte zurück, und es wurde still wie in einer Kirche.

Der Teufel sprach. Und er sagte, daß die Tanzerei auf dem Hexentanzplatz eine Lotterwirtschaft geworden sei und daß das anders werden müsse. Man schäme sich ja, einer solchen wüsten Trampelei auch nur von Ferne zuzusehen. Und damit das anders werde, seien gute Beispiele notwendig. Deshalb habe er ihnen allen eine Lehrmeisterin bestellt, die das Tanzen aus dem ff verstände. Und nun wolle er ihnen einmal zeigen, was richtiges Tanzen sei.

Damit verbeugte sich der Teufel wie ein französischer Tanzmeister vor der Tanz-Anne, faßte zierlich ihre Hand und sprang mit ihr von dem Felsstein hinunter, und dann drehten sich die zwei langsam im Kreise herum, und die Teufelsknechte und die Hexen reckten die Hälse, um gut zu sehen. Das Paar tanzte zuerst ganz gravitätisch, aber dann ging es schneller und schneller. Und schließlich wurde es ein solches Sausen, daß man die beiden Gestalten gar nicht mehr voneinander unterscheiden konnte.

Dem Teufel wurde angst und bange bei diesem wirbelnden Tanz. Er fühlte, wie sich ein roter Schleier vor seine Augen legte und der Schwindel ihn packte. Er wollte die Tanz-Anne loslassen, aber sie hielt ihn in ihren Armen wie in einem Schraubstock. Da schrie er mit gewaltiger Anstrengung auf und stieß die Alte mit aller Kraft von sich, daß sie taumelnd auf den Rücken fiel. – – – –

Als die Tanz-Anne aus ihrer Betäubung erwachte, war sie allein. Von den Teufeln und von den Hexen war nichts zu sehen. Und rings umher war dunkle Nacht. Nur in weiter, weiter Ferne leuchtete ein kleines Sternlein.

Auf das schritt die Tanz-Anne zu. Das Herz klopfte ihr sehr, aber nicht aus Furcht, weil es um sie so dunkel war, sondern aus Glück darüber, daß der Teufel sie von sich gestoßen hatte und sie nun ihres Versprechens los und ledig war, und dann auch, weil sie das Gefühl hatte, als wäre das Licht da vorn ein ganz besonderes Glückslicht.

Als sie eine Stunde gewandert war, wurde der Stern größer und größer. Auf einmal sah sie, daß der Stern gar kein wirklicher Stern war, sondern ein Strahlenkranz, der auf eines alten Mannes Haupt ruhte. Und als sie noch näher kam, sah sie, daß der alte Mann auf einer Bank saß und das Haupt gegen eine goldene Tür gelehnt hatte und schlief.

Und nun wußte sie, daß sie vor der Himmelspforte stand. Da wurde es ihr auf einmal schwer ums Herz, und sie seufzte tief auf. Der Seufzer aber weckte den heiligen Petrus. Ruhig schlug er die Augen auf und sah die Tanz-Anne an.

»Was willst denn du?«

Die Tanz-Anne faltete die Hände und sagte: »Ich möchte gern in den Himmel!« »Du?« der heilige Petrus machte ein ganz erstauntes Gesicht. »Ich denke, du hast dich dem Teufel versprochen.«

»Ja, das hatte ich, aber nur unter einer Bedingung.« Und nun erzählte die Tanz-Anne dem heiligen Petrus alles von jenem Besuch des Teufels in ihrem Garten bis zu dem wilden Tanz und wie der Teufel sie von sich gestoßen und sie allein gelassen habe.

Der heilige Petrus schüttelte einmal über das andere das weiße Haupt. Als sie mit dem Erzählen fertig war, sagte er mitleidig: »Ja, meine liebe Anne, das wird dir wohl nicht viel helfen. Auf Bedingungen und solche halben Wahrheiten läßt sich der liebe Gott nicht ein. Du hast einmal mit dem Teufel paktiert; und das ist und bleibt eine sehr böse Sache.«

Die Tanz-Anne machte ein trauriges Gesicht, und wagte gar nicht ein Wort zu ihrer Entschuldigung zu sagen. In dem Augenblick wurde die goldene Himmelspforte von innen geöffnet, ein blonder Jungenkopf steckte sich durch den Spalt und rief: »Lieber Herr Petrus! Du sollst schnell einmal zum lieben Herrgott kommen.« Dann aber sah er die Tanz-Anne und machte große, erstaunte Augen, und plötzlich lachte er über das ganze Gesicht, flog auf die Alte zu und rief einmal über das andere: »O Mutter Anne, das ist aber schön, daß du kommst!« Und dann zog er sie so schnell über die Schwelle der goldenen Pforte, daß der heilige Petrus gar nicht mehr dazwischen treten konnte. Und drinnen im Himmel rief der kleine Junge mit jubelnder Stimme: »Mutter Anne ist da, die liebe, gute Tanz-Anne ist da!« Und aus allen Ecken quollen Buben und Mädel mit kleinen, bunten Flügeln heraus und liefen auf die Tanz-Anne zu und tanzten mit Lachen und Jauchzen um sie herum. Das waren lauter Kinder aus ihrem Dorf. Als das der heilige Petrus sah, schüttelte er still den Kopf, aber er schloß doch die Tür hinter sich zu. Mochte der liebe Gott selbst entscheiden.

Der liebe Gott aber lachte freundlich, als Petrus ihm den Fall erzählte, und sagte: »Natürlich gehört die Tanz-Anne in den Himmel, mein lieber Petrus, denn sie hat viele Kinderherzen selig gemacht.«

Als Petrus wieder vom Thron Gottes herabstieg, war der ganze Platz an der Himmelspforte von einem lustigen Kindergewimmel erfüllt. Und mitten dazwischen stand die Tanz-Anne, und streckte die Hände nach rechts und links aus und ließ ihre strahlenden Augen von einem Engelskopf zum anderen wandern. Der heilige Petrus brauchte lange, bis er sich zu ihr hindurchgedrängt hatte. Dann legte er ihr die Hand auf die Schulter und sagte: »Der liebe Gott will, daß du hier bleibst, Anne! Willkommen denn im Himmel!« Da faßte sie mit beiden Händen die Rechte des heiligen Petrus, und dicke Tränen liefen ihr über die Wangen, aber das waren Freudentränen. Dann aber rief sie über das ganze kleine drängende Volk hin: »Kinder, jetzt wollen wir fröhlich sein und wollens noch besser machen als auf der Erde.« Und plötzlich ordneten sich die Reihen, die Tanz-Anne klappte in die Hände und sang dazu; und ein wunderschöner Tanz begann. Der heilige Petrus stand und staunte und konnte sich gar nicht satt sehen an dem zierlichen Schreiten und Schleifen der fröhlichen, kleinen Engel. Als er sich endlich umwandte, um auf seinen Posten vor die Himmelspforte zu gehen, da merkte er erst, daß von allen Seiten die Himmelsbürger herangeströmt kamen, um das seltsame Schauspiel anzusehen. Und er brummelte etwas vor sich hin von »Neugier« und von »neuen Sitten«. Aber er ließ doch einen Spalt der Himmelstür offen, und hin und wieder schaute sein altes, gutes Gesicht durch die Tür, wenn's gar zu lustig da drinnen wurde.

Seit dem Tage wird im Himmel viel getanzt und die Tanz-Anne ist bei den Jungen und bei den Alten wohl gelitten.


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