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Zwölftes Kapitel.

Warum Philipp nicht zurück will. – Hannele weiß nun, warum sie ein Opfer gebracht hat. – Karline kann keine Kranken sehen, und Lydia gibt einen Rat. – Mariele und der gelbe Hund. – Ein großer Entschluß.

 

Kathrine saß eines Abends damals todmüde, denn es galt ja, den Garten wieder in einen nur annähernd ordentlichen Zustand zurückzuversetzen, an ihrem Tisch. Die beiden Kinder lagen zu Bett, und sie gönnte ihren fleißigen Händen einen Augenblick Ruhe. Sie tat das nicht oft, denn sowie sie nichts arbeitete, kamen die schweren Gedanken, die Sehnsucht nach Mutter und Kind, nach den gesicherten Verhältnissen in der Heimat.

Da war Philipp in die Stube getreten, und sie hatte ihm gleich angesehen, daß er etwas Besonderes zu sagen hatte. »War der Onkel noch nicht da?« fragte er kurz und hängte den Hut an seinen Nagel.

Gleich darauf kam dieser und mit einem kurzen » Buenos dias!« setzte er sich breit und schwer an den Tisch. Und nun kam's, was er den beiden vorzuschlagen hatte. Mit wenig einleitenden Worten sagte er, wie Philipp und Kathrine sich zu seiner Zufriedenheit gut eingelebt hätten, wie er aber jetzt eben absolut nicht in der Lage sei, ihnen hier das zu halten, was er versprochen habe. So schlage er ihnen vor, ihren Wohnsitz hier abzubrechen und sich auf der südlich gelegenen kleinen Estancia festzusetzen. »Dort brauche ich nun jemand Zuverlässigen,« fuhr er fort. »Dort ist ein Boden, mit dem etwas zu machen ist. Und wenn's gelingt, so könnt ihr euch besser als hier oben mit der Zeit etwas Eigenes erwerben und damit wirtschaften. Mir liegt hauptsächlich daran, daß jemand dort sitzt, der in meinem Namen gleichsam Besitz ergreift und in meinem Sinne wirtschaftet und waltet.«

Ganz entsetzt schaute Kathrine den Onkel an. Also auch von hier sollten sie wieder fort und noch weiter, immer weiter in dieses fremde Land hineingeschoben werden, wo sie dann ganz allein wären? Es ward Kathrine plötzlich so furchtbar schwer zumute, daß sie zu schluchzen anfing und gar kein Ende mehr fand.

Auch auf Philipp fiel's schwer herein. Als aber der Onkel, dem dieser Vorschlag nicht leicht fiel, sich abwendete und sagte: »Nun gut, wenn ihr nicht wollt, dann muß ich eben suchen, euch für das zu entschädigen, was ihr hier verliert, und euch die Rückreise nach Europa wieder zahlen. Anders weiß ich euch und mir nicht zu helfen!«

Da war Philipp aufgesprungen und hatte gesagt: »Nein, nein, unter keinen Umständen will ich das! Ihr sollt in der jetzigen schweren Zeit keine Unkosten mit uns haben, und ich nehme deinen Vorschlag an!«

Daß der Hauptgrund dieses Entschlusses bei Philipp war, nur nicht so gleichsam gestrandet nach Hause zurückkehren zu müssen, das fühlte auch Kathrine heraus. Und so war's gekommen, daß Werners mit den Kindern ein paar Monate darauf wiederum einen großen Ritt antreten mußten, fast so groß wie damals, und daß sie von neuem ganz klein anzufangen hatten. Nun erschien Kathrine die erste Wohnung wieder wie ein Paradies, und das Wenige, das sie hatten mitnehmen können, war genau so dürftig wie vor vier Jahren bei ihrer ersten Ankunft. Und kein helfender Juan war im Hintergrund und fast keinerlei Gelegenheit zum Einkaufen.

Aber einen Reiz und Vorteil hatte doch die neue Heimat, und das war, daß Philipp und sie hier ganz ihre eigenen Herren waren. Keine Mapucha war da, die ihr das Leben sauer machte, keine Tante Elvira, die bei allem dreinredete, keine wilden Basen, die ihr die Kinder verzogen, sie einmal halb zu Tod fütterten und sie dann wieder nicht leiden mochten. Und doch vermißte Kathrine oft sehr die Verwandten; es waren doch Menschen gewesen, mit denen man hatte reden können, und der Onkel Joseph war ein Stück von der Heimat und hatte auch immer so gern mit ihnen von dort gesprochen.

Die Indianerfrauen, die in einigen nicht weit entfernten Hütten wohnten, hatten noch wildere Gewohnheiten, als die zu Onkels Estancia gehörenden. Aber sie waren auch weniger verschlagen und aufrichtiger. Als Kathrine nach und nach ein bißchen ihre Sprache verstehen gelernt, hatte sie auch mancherlei Hilfe von ihnen wie auch an etlichen Frauen der italienischen Arbeiter. Was aber Philipps und Kathrines Herz am meisten erleichterte, das waren die Nachrichten von daheim, die seit einiger Zeit wieder viel besser lauteten. Damals, als die Nachricht von Großmutters Erkrankung gekommen war, wußte man ja gar nicht, wer einen mehr dauerte, die Großmutter oder das junge Hannele, auf dem schon so viel lag. Aber Vetter Andres sowohl wie auch Herr und Frau Ritter hatten dem Kind treulich zur Seite gestanden, und Herr Ritter schrieb einmal:

»Unter dem schweren Druck entwickeln sich unserer Hanne gute Eigenschaften ganz sichtlich. Auch ist das Verhältnis zwischen Großmutter und Enkelin, das durch kleine Äußerlichkeiten früher manchmal gestört war, nun ein rührend gutes geworden, und Hanne wird vollauf belohnt für ihre Aufopferung durch der Großmutter rührende Dankbarkeit und Liebe zu ihr …«

Ja, Hanne tat, was sie konnte, und die Freunde sorgten auch redlich dazwischen hinein für Erholung und Zerstreuung, um was die Großmutter für ihre junge Pflegerin immer flehentlich bat.

Doch eine andere Sorge erhob sich immer drohender, das war der Mangel an Geld. Onkel Andres schaffte auf dem kleinen Anwesen, wie wenn es sein eigenes wäre, aber der Ertrag reichte gerade zum Leben, und es mußten doch immer wieder Abzahlungen geleistet werden. Und nun kamen noch die teuern Doktor- und Apothekerrechnungen hinzu. Was war da zu machen? … Hannele fühlte, daß das so nicht weiter gehen könne. Das junge Mädchen war jetzt achtzehn Jahre alt, und ihr Schicksal hatte sie energisch gemacht. Mit ihren Schulkameradinnen kam sie jetzt nicht mehr oft zusammen. Die Grete war Ladenfräulein in der Stadt geworden, und die Karline erklärte, sie könne keine Kranken sehen. Da war's nun eine große, große Freude für Hanne, als im letzten Frühjahr Lydia, allerdings nur für ein Vierteljahr, nach Hause kam, und zwar als glückliche Braut. Sie hatte sich mit dem Gärtner, der den Garten ihrer Verwandten besorgte, verlobt, und sie wollten nun eine eigene Gärtnerei in der Residenz gründen. Mit Lydia konnte Hanne alles besprechen, und ihr sagte sie auch von ihren Sorgen.

Die beiden Freundinnen saßen eines Tages unter dem Apfelbaum, etwas abseits von der Laube, in der Großmutter, wohl eingebettet in ihrem Lehnstuhl, ihr Nachmittagsschläfchen hielt. Nachdem Hanne der Freundin ihre Lage auseinandergesetzt hatte, seufzte sie und sagte aus tiefster Seele: »Wenn ich doch nur etwas verdienen könnte!« Da war freilich nicht so leicht zu raten, und Lydia sah nachdenklich vor sich hin. Aber plötzlich flog ein Freudenstrahl über ihr Gesicht und sie packte die Freundin am Arm. »Hanne, Hanne, ich weiß etwas! – Hanne, wenn das gelingen würde!« Und zuerst noch etwas zaghaft, dann aber immer zuversichtlicher legte sie ihr den Gedanken nahe, wie es denn wäre, wenn Hanne so viel als möglich Rosen, Nelken und andere Blumen im Gärtchen pflanzen würde, die sie dann in die Gärtnerei zum Verkauf schicken könnte.

Hannes Gesicht leuchtete ganz auf bei diesem Plan, und stürmisch fiel sie der Freundin um den Hals. »Wenn das wäre – wenn das sein könnte! Das wollte ich schon bewältigen neben dem Haushalt und der Großmutter! Ich wüßte mir gar keine liebere Arbeit. Und was meinst, wenn ich jetzt gleich, heuer schon damit anfangen würde? Mit den Blumen, die schnell wachsen? … Was meinst, wenn dein Bräutigam mir schon recht bald aufschreiben würde, was er am besten brauchen kann? Und mir raten, wie ich den Boden am besten einteile? … O Lydia! Und was glaubst du, – da könnte ich ja am Ende auch noch ein bißchen lernen, wie man Sträuße und Kränze windet? Und wenn ich recht früh aufstünde, so könnte der erste Zug die mitnehmen, und ihr hättet sie dann allemal bis zur Öffnung eures Ladens. O Lydia, Lydia, du bist ein Goldschatz!«

Hanne, die sonst recht ernst gewordene Hanne, wußte sich nicht zu fassen vor Freude über diese schöne Aussicht. Ihr ganzes heiteres, sonniges Naturell brach durch, als sie der Großmutter und dem Onkel Andres beim Kaffee von Lydias Vorschlag erzählte. Die beiden Alten wollten anfangs ein bißchen Bedenken äußern, aber Hanne schlug sie alle nieder und war so glückselig in der Aussicht, so was Schönes und Nützliches tun zu dürfen, daß die Großmutter zum Vetter sagte: »Lassen wir sie machen, 's wird wohl das Rechte so sein, und das Kind hat nun auch etwas, an dem sein Herz seine Freude hat!«

... Aber auch das Leben der fernen Ansiedler war nicht freudenlos, und was sie unter vielerlei Beschwerden aufrecht erhielt, war das, daß ihr Mühen langsam, langsam Früchte zu tragen begann. Schon zweimal hatten sie Onkel Joseph kleine Summen vom Ertrag der Felder und vom Erlös der dort noch in dichten Herden vorhandenen Tiere schicken können. Und nun endlich durfte Philipp auch hoffen, daß er mit der Zeit für sich und die Seinigen etwas erübrigen konnte. Was aber für Entbehrungen und Kämpfe in diesem Leben lagen, das lassen wir Kathrine in einem Brief in die Heimat schildern.

 

Estancia Wiesental, Sommer 19..

Mein liebes, geliebtes Mutterle!

Wie glücklich mich Hannes letzter Brief gemacht hat, in dem steht, daß Du nun langsam alle Folgen Deiner damaligen Erkrankung überwunden hast, kann ich Dir gar nicht sagen. Weißt, Mutter, das ist das Schwerste vom Fortsein, wenn man seine Lieben daheim krank weiß. Da ist alles andere nichts dagegen. Aber jetzt, seit Du wieder gehen und reden kannst und ich mir Dich wieder sitzend in der Laube in unserm Gärtle denken darf, seither ist mir ein wahrer Druck vom Herzen genommen. Und wie schön ist das, was meine Hanne schreibt vom Garten und von dem guten Rat, den die Lydia ihr voriges Jahr gegeben! Also Ihr habt wirklich die andre Seite vom Gärtle, wo das Kraut und Gemüse gewachsen ist, mit für Gärtnerzwecke angepflanzt, und die Blumen sind wirklich schön angewachsen und gediehen? Ich glaub's wohl, denn es ist dort Sonnenland und ein besonders guter Boden. Und daß der Vetter Andres ein Stückle von der unteren Wiese dann zu einem Krautacker gemacht hat, das hat mich beruhigt. Denn dadurch geht Euch doch nichts an der Nahrung ab. Das Hannele schreibt, sie könne gar nicht genug Blumen schicken, und daß besonders ihre Rosen so begehrt sind, das ist doch prächtig! Aber daß mein Kind auch so geschickt geworden ist, daß es sogar kunstreiche Kränze winden und Sträuße machen kann, darüber bin ich ganz erstaunt. Und es beglückt mich, daß Ihr dadurch eine so nette Einnahme habt. Ach, liebe Mutter, wie schwer ist's für mich all die Jahre her, daß wir Dir nicht nur keine Stütze sein, sondern auch so wenig schicken konnten. Aber von jetzt an soll es doch anders werden, und diese Woche geht ein Geldbrief von zweihundert Peseta an Dich ab. Das wird so ungefähr hundertfünfzig Mark machen. Damit müßt Ihr das nächste Ziel bezahlen. Philipp schickt's gern, er hat einen günstigen Viehverkauf gehabt. Gott Lob und Dank ist das Opfer, das wir brachten, nun doch nicht ganz umsonst. Onkel Joseph war neulich wieder hier und ist zufrieden mit dem Gang der Dinge. Er hat uns als Lohn ein kleines Stück Land überlassen (bei Euch wär's ein großes Stück) und wir hoffen zu Gott, daß es uns diesmal besser gelingen werde. Auch oben in Schwaben, sagt der Onkel, gehe es langsam wieder besser. Und Tante Elvira lasse mir sagen, sie habe jetzt schon den Flügel, das Silber und das Seidenkanapee wieder zurückkaufen können. Auch ein paar gute Toiletten aus Buenos-Aires für sich und Christina habe sie kommen lassen. Isabella sei immer noch dort bei den Verwandten, Christina aber lasse uns herzlich grüßen und uns sagen, sie arbeite jetzt auch ein wenig nach dem Muster der Base Kathrine. Aber sehr gern tue sie's nicht.

Meine Lieben! Das Leben hier wäre jetzt schon zu ertragen, wenn ich nicht täglich die große, große Sorge um die Kinder hätte. Peter ist nun ein langer Junge von elf Jahren, stark und kräftig, reitet auf seinem flinken, ungesattelten Pferd wie ein Gaucho und hilft dem Vater beim Schafscheren, auf der Jagd und auf dem Feld tüchtig wie ein Alter. Aber, aber mit dem Lernen! Da bringe ich ihn mit dem allerbesten Willen nicht voran, wie Ihr aus seinen spärlichen und schlechtgeschriebenen Karten ja ersehen könnt. Ich gebe mir gewiß alle Mühe mit ihm. Onkel Joseph hat mir deutsche Schulbücher mitgebracht, und was das Rechnen anbelangt, so bin ich darin ziemlich fest, und auch im gewöhnlichen Schreiben. Aber der Junge sollte doch nun in andern Fächern unterrichtet werden, und da sitzen wir uns gegenseitig oft trostlos gegenüber. Ich bin halt in Gottes Namen keine Lehrerin, und für den armen Kerl ist es maßlos langweilig, so allein zu lernen. Und mein Mariele, mein liebes, kleines, das jetzt auch schon ein großes Mädel ist, das, wenn's daheim wäre, schon recht bald in die Schule müßte, das wächst auch nur so wild auf. Vor ein paar Tagen hat's auf einmal vom »Großen, guten Geist«, wie die Indianer ihn nennen, angefangen zu reden, und von den andern Kindern bringt es oft häßliche Fluch- und andere Wörter nach Hause. Peter hat noch immerhin etwas Deutsches an sich. Mit uns spricht er Deutsch und sogar etwas Schwäbisch, und er sagt, er könne sich noch an manches von Wiesental erinnern. Aber das Mariele, das wird mir ein ganzer kleiner Fremdling, denn sein Umgang sind teils die Kinder der italienischen Arbeiter, teils die einiger spanischen Ansiedler, die in der Nähe wohnen. Und hauptsächlich, – wir mögen's wünschen oder nicht, – steckt es eben auch den halben Tag in den nahe gelegenen Indianerhütten, bei den kleinen Rothäuten dort. Unser Mariele hat leider einen wahren Mischmasch von Sprachen, keine einzige kann es richtig, am allerwenigsten Deutsch, und das Kind nur einigermaßen in Ordnung zu halten, ist eine schwierige Sache. Mein Haushalt ist hier größer als auf Schwaben, und ich habe niemand, dem ich die Kleine, wenn ich beschäftigt bin, anvertrauen könnte. Was daraus werden soll, liegt mir oft wie ein Stein auf dem Herzen. Wenn aber so etwas passiert, wie vorgestern, so wird der Stein zu einem Zentner, und ich sehe nicht mehr hinaus. Hört einmal!

Wir haben auf der Pampa keine eigentlich wilden Tiere; nur eine Art kleiner Löwen haust dort, die dann und wann einmal unter den Schafherden große Verheerungen anrichten können. In die Nähe der Wohnungen wagen sich diese Tiere nicht; sie haben einen heillosen Respekt vor den Menschen. Vorgestern aber haben wir ein Rind geschlachtet und verteilt. Ein Stück davon habe ich an die Vorderseite unseres Hauses in die Sonne zum Trocknen gehängt. Eine Viertelstunde westwärts hat sich seit kurzem eine Schweizerfamilie angesiedelt, und weil ich weiß, wie das ist, wenn man so fremd hierher kommt, so habe ich ihnen meine Hilfe angeboten, wenn etwas Besonderes sein sollte. Nun kam ein Knecht gelaufen und sagte, die Frau habe sich einen Dorn in den Fuß getreten, da ging ich mit meiner Hausapotheke natürlich hin. Dem Mariele sagte ich vorher, es solle brav im Zimmer bleiben, und gab ihm seine Puppe – ich hab' ihm eine aus Baumwolle und Lappen gemacht – zum Spielen. Aber es folgt eben nicht! Und wie ich nach kaum einer Stunde zurückkomme, ist's nicht im Zimmer. Ich rufe und gehe ums Haus herum. Da sitzt mein Mariele mit seinem Dockele auf einer Bank, wippt mit den Füßen und ruft ganz vergnügt: »Mutter, sieh nur, der große, gelbe Hund!« Und was erblicke ich? Ein mächtig großes Tier steht, keine zehn Schritte vom Mariele entfernt, an der Hauswand, hat ein Stück Fleisch herabgerissen und frißt und knirscht mit den Zähnen, daß ich's bis herüber höre. Und ich sehe, daß es ein Löwe ist, wohl noch ein ganz junger, aber mir drohen die Kniee zu versagen. Er schaut mich an und ich ihn, und ich denke nur, was wird mit dem Kind? Das Mariele aber schreit noch einmal: »Mutter, ein Hund!« und springt von der Bank herunter. Und ich glaube, daß im nächsten Augenblick etwas Furchtbares geschieht. Aber das gelbe Tier, das die Menschen nicht gewöhnt ist und wohl nur durch den Blutgeruch des frisch geschlachteten Fleisches herangelockt worden war, erschrickt so, daß es, den Rest des Fleisches im Maul, eine kurze Wendung macht und auf und davon jagt. Mein Mariele hat aber gar nicht gewußt, warum seine Mutter es nachher so heftig in die Arme zog, daß es beinahe schrie und die Mama schluchzte und es immer wieder an sich drückte. Da aber ist ein Entschluß in mir erwacht, den hab' ich sofort dem Philipp mitgeteilt, als er abends nach Hause kam und das Gräßliche, das hätte geschehen können, vernommen hatte. Und mein Entschluß, der seither ganz fest geworden, ist der: Da es so nicht weiter geht, so müssen wir uns von den Kindern trennen, wenn uns auch das Herz darüber blutet. Und nun, – liebe Mutter, liebes Hannele, – wollt Ihr die Kinder haben? Und könntet Ihr Euch ihrer annehmen? Ich weiß wohl, daß mein Mutterle jetzt alt ist und Ruhe haben sollte, und daß mein Hannele vollauf beschäftigt ist, aber wo wüßten wir die Kinder besser untergebracht als bei Euch? Wo könnten sie besser in die Schule gehen und lernen als bei Herrn Ritter? Und wer würde es besser verstehen, unsere kleinen Wildlinge, die aber gute Herzen haben, zu frommen, tüchtigen Menschenkindern zu machen, als Ihr? Selbstverständlich würde Philipp ein gutes Kostgeld zahlen, er kann es ja jetzt. Und wenn mir das Herz zu schwer werden will, dann vertröstet mich Philipp damit, daß es ja sein könne, daß wir einmal wieder in die Heimat kämen. Als er das sagte, hat auch mein Philipp Tränen in die Augen bekommen, was ich bei ihm noch nicht oft gesehen habe. Ich will mich daran halten, aber glauben kann ich es noch nicht.

Und jetzt behüte Euch Gott für heute! Ihr wißt unsere Bitte und gebt uns wohl umgehend Antwort. Herrgott, wenn ich mir denke, daß die drei Geschwister wieder beieinander wären, wenn ich mir denke, Ihr säßet beisammen um den Tisch in der Ecke und die Großmutter obenan … Ich will schließen, sonst werde ich weich, und Onkel Joseph hat damals recht gehabt, wenn er vor allem von Auswanderern verlangt hat, daß sie das Heimweh niederkämpfen müßten.

Eure alte getreue
Kathrine.


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