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Neuntes Kapitel.

Philipps Erfahrungen zu Pferde, und wie Kathrine schwäbische Spätzle macht. – Warum Jocko die Zähne fletscht und die alte Caupolikana zu Mariele geholt wird. – Weihnachten drüben und hüben.

 

Vom nächsten Tage an sollten aber die beiden nicht mehr über Langeweile zu klagen haben. Philipp in erster Linie bekam Aufgaben genug, wenn auch in ganz anderer Weise, als er sich gedacht hatte. Daß er einst Kavallerist gewesen, das wußte der Onkel, und daraufhin hatte er ihn ja auch unter anderem kommen lassen. Draußen auf der weiten Steppe, stundenweit, hatte der Onkel seine Herden, die immer unter freiem Himmel blieben, die nie in einen Stall kamen. Das fast immer gleiche Klima gestattet, die Tiere Winter und Sommer, Tag und Nacht im Freien zu lassen, wo sie sich sozusagen von selbst ernähren. Das dürre, aber hohe Riedgras ist ein vortreffliches Futter, und Quellen, Bäche und Flüsse wissen die Tiere alle mit sicherem Instinkt aufzufinden. Berittene Hirten wachen über die Herden, und Onkel Joseph machte Philipp mit einem dieser verwegenen, flinken Gesellen, Gauchos genannt, bekannt. Mit seinem braunen Antlitz, dem schwarzen, straffen Haar und dem zerknitterten Filzhut im Nacken, an den Stiefeln tellergroße silberne Radsporen, so sah er außerordentlich malerisch und keck aus. Dieser Gaucho hatte eine Anzahl Knechte und Arbeiter unter sich, Peone genannt, die das viele weidende Vieh zu beaufsichtigen hatten. Überall steht ihnen ein Aufseher oder Inspektor bei, und zu einem solchen Philipp einmal heranzubilden, das war des Onkels stiller Wunsch. Hatte er doch in den vielen Jahren mancherlei schlimme Erfahrungen gemacht und wollte es nun mit jemand Eigenem versuchen.

Dies alles setzte er Philipp bei ihrem ersten Ritt hinaus auf die Pampa auseinander, und diesem schwindelte, was er alles noch lernen müsse, um nur einigermaßen vorerst einmal Land und Leute kennen zu lernen und die fremde Sprache und Art und die Behandlung von Menschen und Tieren. Wenn er nur, um beim Allernächsten stehen zu bleiben, sah, wie diese Kerle aufstiegen und droben saßen! Nicht einmal einen Sattel hatten sie, nur einen übergeschnallten Teppich. Und dann, wie furchtlos sie mitten unter die dichtesten Herden der in der Freiheit aufgewachsenen Tiere hineinritten! Philipp glaubte auch mutig zu sein, er glaubte auch, fest auf dem Pferd sitzen zu können, aber so mitten in einer Herde von wilden, ungezähmten Pferden, umtobt und gestoßen von scheuen, bockenden und durchgehenden Tieren, Meister seines eigenen Pferdes zu bleiben, das, nach deutschen Begriffen, auch absolut nicht zugeritten war, – das ging doch über das Vergnügen!

Ein wunderschöner Anblick waren die weidenden Viehherden. Philipp mußte da unwillkürlich an die im engen Stall aufgewachsene und angebundene Bläß daheim denken, die ja aber von nichts anderem und Besserem wußte. Und dann die Hunderte und Aberhunderte von Schafen, viel größeren und wolligeren als die heimatlichen, – welche Schätze besaß der Onkel! Und jetzt ging Philipp erst ein Licht auf – wie reich mußte der sein! Aber als ob Don José die Gedanken seines Begleiters erriete, sagte er lächelnd: »Gelt, wenn ihr das da drüben hättet? Da könntet ihr euer halbes Ländle drum kaufen. Aber wir hier können die Tiere vorderhand noch nicht richtig verwerten. Das wird erst kommen, wenn wir einmal eine Eisenbahn haben.«

Kathrine wurde inzwischen von Donna Elvira, die heute nichts weniger als schöne Kleider, sondern wieder einen alten, schlampigen Rock und eine Art Nachtjacke trug, in die Gartenarbeiten eingeführt. Daheim hatte Kathrine recht gerne gegärtelt, und sie und Philipp hatten auf Onkels Wunsch eine ganze Kiste voll heimischen Samen mitgebracht, der hier auf das Aufgehen hin probiert werden sollte. Darauf freute sich Kathrine sehr, aber auf das Arbeiten mit ein paar braunen Indianerweibern, die ihr zur Verfügung gestellt wurden, noch gar nicht. Denn vorerst wußten die ja viel mehr als sie, und Kathrine sollte doch auch mit der Zeit die Oberherrschaft hier bekommen. Ob sie kochen könne, fragte Donna Elvira. José verlange fortwährend nach schwäbischen Gerichten, könne aber absolut nicht angeben, wie man seine Flädle, Spätzle, Maultaschen, und wie die schwierigen Sachen alle heißen, mache. Da konnte Kathrine nun aus frohem Herzen ja sagen und war glücklich, als sie in den nächsten Tagen dem Onkel zur Zufriedenheit Spätzle zu einer Art Kraut, freilich nicht dem echten schwäbischen Sauerkraut, zubereiten konnte.

Redlich, mit aller Kraft ihres Willens suchten die beiden sich in ihr neues Leben einzuarbeiten. Aber leicht war's für sie nicht. Das erste Erfordernis, das Lernen der Sprache, war das allerschwerste, und ehe sie die nicht ein wenig inne hatten, konnten sie sich ja gar nicht mit den Leuten verständigen.

Was aber Kathrine täglich aufs neue schwer bedrückte, das waren die beiden Kinder. Die Indianerweiber hatten ihre Babys auf den Rücken oder vornüber in ein Tuch gebunden, immer, auch bei der Arbeit. Aber diese Behandlung wollte das Mariele sich durchaus nicht gefallen lassen, und Kathrine vermochte mit dem zappelnden Kinde auch absolut nicht zu schaffen. Die Kleine fing jetzt an zu gehen. Dabei zahnte sie und war oft sehr ungnädiger Laune. Der Peter aber, der's einmal verspürt hatte, wollte durchaus beständig bei den braunen Kindern und den Schweinlein sein, und Kathrine hätte ihn doch so gerne von dort ferngehalten. Ach ja, wenn das Hannele mitgekommen wäre, was wäre ihr dies für eine Hilfe und ein Trost gewesen! Sehnsüchtig malte sich Kathrine aus, wie es sein würde, wenn sie in ein paar Jahren ihre Älteste bekommen könnte. Erst vor ein paar Tagen hatte ihr die Mutter geschrieben, wie froh sie sei, ihre liebe Enkelin bei sich zu haben; das dürfe aber nie ein Hindernis sein, daß das Hannele hinüberkäme, wenn sie da drüben notwendig sein sollte. Die Mutter, ach, die Mutter! Des Tags über, während der Arbeit, hatte man keine Zeit, an drüben zu denken. Aber an den Abenden und gar an den langen Sonntagen, da stieg das kleine Dörflein mit seinem Bach und seinen Wiesen, mit dem lieben, alten Haus und denen, die darin wohnten, gleich einer Fata Morgana vor Kathrinens Augen auf. Philipp durfte es nicht sehen, aber es wurde manche stille Träne auf dem harten nächtlichen Lager in dem dunkeln Blockhäuslein geweint, besonders nach Briefen von daheim, die Kathrine nur nicht oft genug eintrafen.

Heute – es mochte nun Mitte Dezember sein – war ein besonders harter Tag gewesen. Donna Elvira war sehr heftig geworden, weil Mapucha zu ihr gekommen und ihr gesagt hatte, die fremde Señora habe ihr ganzes Essen verdorben, das doch immer vorher recht gewesen sei. Und Kathrine, die darob zur Rede gestellt wurde, erwiderte, der Onkel habe gewünscht, daß der Kartoffelsalat einmal nach schwäbischer Art angemacht werde, und er wolle heute Maultaschen haben und nicht den ewigen Reis und Maccaroni. Das mochte aber gerade Donna Elvira gern, und so hielt sie, wie schon oft, mit Mapucha und lief den ganzen Tag verstimmt und ungut herum. Auch mit den beiden Mädchen hatte es Zwistigkeiten gegeben. Da Hannele eben einmal nicht mitgekommen war, von dem sie »weiß nicht was?«, wie Isabella sagte, hatten lernen sollen, so verlangte der Vater, daß sie und Christina jeden Tag eine Stunde zu der Base hinüber mußten, um stricken und nähen zu lernen. Und so was »Fades und Langweiliges gab es ja auf der ganzen Welt nicht mehr«. Wäre Kathrine nur irgend eine einfache deutsche Frau gewesen, so hätten sie noch eher zu ihr gehen mögen. Aber so war ihnen der Widerwille, »Base« Kathrine sagen zu müssen zu einer, die doch nicht viel mehr als die Mapucha und die Gartenarbeiter war, beständig zu überwinden. Meist kamen die Mädchen in der Dämmerung, müde von ihren großen Ritten, die sie täglich machten. Es war auch kein rechter Ernst in der Sache, denn Isabella kam nie ohne ihren Jocko und Christina nie ohne ihren großen Hund. Es war das eine kuriose Handarbeitsstunde, wo immer zuerst die Tiere an die Reihe kamen und dann erst Strickzeug und Nähnadel. Mit dem Hund hatte Peter sich bald befreundet, und es war eine Wohltat, daß die beiden sich gegenseitig mit Spielen beschäftigten. Was aber Jocko anbelangte, so ging er nicht von der Schulter seiner Herrin herunter, und sobald sich ihm jemand nahte, fauchte er bösartig und fletschte die Zähne. Wenn Isabella endlich so gnädig war, irgend eine Arbeit in die Hand zu nehmen, so konnte man sicher sein, daß ihr der Affe plötzlich die Leinwand oder das Gestrick entriß, oder mit blitzgleicher Geschwindigkeit den Knäuel erwischte und das Abgewickelte verwirrte. Auch heute war er in schlimmster Laune gewesen, und Base Kathrine hatte herzlich gebeten, den Jocko doch in seinen Stall zu sperren; so komme man ja zu gar keinem Resultat, und es wäre doch so schön, wenn der Vater auf Weihnachten außer den gesäumten Taschentüchern von Christina auch noch ein Paar selbstgestrickte Socken von Isabella erhielte.

Aber diese sagte nur kurz: »Der Jocko bleibt da, weil ich gewöhnt bin, daß er um mich ist, und für Vater hat Mutter seidene Pariser Socken bestellt. Da wird er wohl wenig Verlangen nach solch häßlich grobem Zeug hier haben.«

Dabei gab sie ihrem Gestrick, das auf dem Tisch vor ihr lag, einen Puff, daß es auf den Boden flog. Mariele, das stillvergnügt in einer Ecke am Boden gesessen und mit ein paar Hölzlein und Nüssen gespielt hatte, sah den bunten Knäuel rollen und kroch schnell die paar Schritte hin, ihn zu haschen, fröhlich, etwas Neues zum Spielen zu haben. Aber im selben Augenblick überkam auch Jocko derselbe Wunsch, und mit einem großen Satz flog er von Isabellas Schulter herunter bis in die Mitte des Zimmers und legte seine behaarte Hand fest auf den Knäuel. Da hatte Mariele aber auch schon sein rundes Patschhändchen ausgestreckt – es fürchtete sich vor keinem Tier, und es hatte ihm auch noch keines etwas zuleid getan. Jocko aber, der Verwöhnte, wollte mit niemand teilen, und als Mariele noch einmal zufassen wollte, da packte er den Knäuel mitsamt dem Händchen und riß und zerrte derart, daß die Kleine jammervoll aufschrie. Blitzschnell war Kathrine bei ihrem Kind, aber statt loszulassen, traktierte der Affe auch sie gewaltig mit der andern Hand. Wohl eilte Isabella nun zu Hilfe, und der Affe ließ notgedrungen los, aber Marieles Hand hatte tiefe blutende Wunden, und Kathrinens Haar hing zerwühlt und zerzaust auf ihre zerrissene Bluse herab. Das war ihr denn doch zu stark; in erregtestem Zornausbruch verbot sie Isabella aufs strengste, noch einmal mit diesem »Malefizaffen« ihre Stube zu betreten.

»Dann kann ich ja wegbleiben,« sagte Isabella trotzig und ging hinaus. Aber ganz wohl war ihr doch nicht bei der Sache. Während Christina rasch hinauseilte und Wasser holte und, vereint mit Kathrine, dem jämmerlich schluchzenden Mariele das herunterrieselnde Blut abwusch, war Isabella stillschweigend an Vaters Apothekenkasten gegangen. Sie kannte sich dort aus, und wenn einem Pferde etwas fehlte oder es eine Wunde hatte, so wußte sie genau, was zu tun sei. Darum wählte sie auch das richtige Verbandzeug und Salbe. Bringen mochte sie das aber nicht, sie schob es nur mit einem kurzen »Da!« über die Türschwelle des kleinen Hauses.

Trotz regelrechtem Einsalben und Verbinden mußte die arme Kleine doch große Schmerzen ausstehen und ging nicht von Mutters Arm herunter. Ach, wenn es nur gewiß nichts Gefährliches war! Ach, wie hatte man es da zu Hause gut, daß man in Krankheitsfällen nur einfach zum Doktor schicken und dann ruhig sein durfte, wenn er sagte: »Es ist nicht schlimm!« –

Nun kam auch noch spät am Abend Philipp nach Hause und hinkte. Er war von einem noch jungen Pferde herabgeworfen worden, und der Fuß schmerzte sehr. Dabei war der Knöchel so sehr angelaufen, daß Kathrine Todesangst hatte, ob nicht etwas gebrochen sei. Sofort warf sich Philipp auf sein Lager, – Kathrine schob ihm zur größeren Bequemlichkeit die eigenen Kissen hin. – Aber wenn sie den Fuß nur berührte, um Umschläge zu machen, so schrie er fast vor Schmerz.

»Vielleicht weiß Juan einen Rat,« sagte er und biß die Zähne zusammen.

Und Juan wußte einen. »Ich hole die alte Caupolikana.«

So wenig angenehm es Kathrine war, diese älteste von allen Frauen aus den Indianerhütten, die eine wahre Hexe an Aussehen war, zu sich in ihre Stube zu bekommen, so ließ sie die Sache doch geschehen, denn sie wußte, die Alte kannte allerlei Mittel. Und das alte Weib trat in das Innere ihrer Behausung. Wie Pergament erschien ihr runzliges Antlitz, der Wind zauste im Eintreten an ihrem langen, verwilderten Haupthaar und zerrte an dem weiten, zerlumpten Gewand. Die Augen der Greisin waren wie verschleiert. Sie trat an das Lager, hob die Arme hoch, machte Zeichen in der Luft und sprach beständig vor sich hin. Dann besah sie sich den verletzen Fuß, schob ihn hin und her, bog und knetete, aber alles in sanften, leisen Bewegungen. Immer wieder strich sie über den geschwollenen Knöchel ohne irgend eine Bewegung in ihrem starren, scheinbar leblosen Mumiengesicht.

Kathrine wurde es ganz unheimlich zumute, aber Philipp sagte plötzlich: »'s ist wahrhaftig besser, und wenn was verrenkt war, so kommt es mir vor, wie wenn es wieder eingeschnappt wäre.«

Daraufhin zeigten sie nun auch Marieles Wunde, auf die die Alte aus einem Büchschen, das sie aus ihrem Busen hervorzog, eine Salbe strich. Die Finger, mit denen sie es tat, waren nichts weniger als sauber, was Kathrine mit großem Unbehagen bemerkte. Und als das Kind in der Nacht fieberte und am andern Tag die Wundränder gar nicht gut aussahen, Philipp aber von neuem Schmerzen im Fuß hatte, da fragte sie in ihrer Herzensangst den Onkel Joseph, was sie denn tun solle. Der schalt und sagte, warum sie nicht gleich zu ihm gekommen sei, statt zu der alten Hexe zu laufen, wenngleich die Eingeborenen immerhin da und dort etwas vom Heilen verstünden.

»Aber was dann?« fragte Kathrine angstvoll. »Sich selber helfen lernen, wie wir auch!« Onkel Joseph behandelte nun nach eigener Erfahrung und mit Hilfe seiner Hausapotheke die zwei Kranken. Und tüchtig schalt er auch Isabella aus, worauf der Affe für einige Zeit in seinem Käfig verschwand. Seine Besitzerin lief aber dafür mit einem höchst ungnädigen Gesicht herum …

Und nun nahte Weihnachten heran. Ach, war denn das ein Weihnachten, mit Rosen und blühenden Sträuchern im Garten und mit einer Hitze, daß Kathrine auch schon längst wie Donna Elvira nur noch mit Rock und ganz leichter Jacke bekleidet herumlief? Marieles Händchen eiterte immer noch ein wenig, und Philipp konnte immer noch nicht hinaus. Und gerade jetzt hätte Onkel Joseph so dringend Hilfe nötig gehabt. Ein großer Pferdetransport an die Küste sollte vor sich gehen. Die Schafschur hatte begonnen, und Philipp war es gräßlich, so untätig daliegen zu müssen, – untätig und beinahe im Dunkeln, auf dem armseligen Lager in dem engen Raum. Da hatten die Gedanken so unheimlich viel Zeit, von einem zum andern zu gehen, und unwillkürlich stieg vor Philipps Augen immer wieder die helle, lichte Werkstätte von daheim auf, die ihm doch manchmal so eng gedünkt hatte. Und dabei kam unwillkürlich der Vergleich zwischen einst und jetzt.

Wo waren, wenigstens vorderhand, die großen Vorteile, die er sich versprochen hatte? Wo war die leichtere Arbeit, die größere Freiheit, der größere Verdienst? So sehr Philipp sich Mühe gegeben und sich täglich angestrengt hatte, so war's ihm doch nicht gelungen, auch nur annähernd die fabelhafte Fertigkeit im Reiten von einem Eingeborenen sich anzueignen. Wie mußte er seine ganze Kraft aufbieten, wenn die wilden Pferde mit dem Lasso gefangen wurden, wenn sie bestiegen und zugeritten werden sollten! Wie schwebte man da stündlich dabei in Lebensgefahr! Und die Freiheit? Von der hatte er bis jetzt noch nicht viel verspürt. Wohl gab's keine marktenden Möbelhändler und keine drängenden Privatleute, keine Schuld- und keine Steuergerichte. Endlos lag die scheinbare Freiheit im weiten, freien Lande vor ihnen, aber festgebannt mit harter, Schweiß kostender Arbeit war man auch hier an die Scholle. Auch von Geld hatte Philipp bis jetzt noch nicht viel gesehen. Hatte er geglaubt, daß die Summe, die der Onkel ihm vor der Abreise zum »Flottmachen«, wie es hieß, überweisen ließ, geschenkt gewesen sei, so war dies eine Täuschung. Gleich nach seiner Ankunft hatte der Onkel, der sehr pünktlich und genau in Geldgeschäften war, ihm gesagt, daß er die Reisekosten auf sein Konto genommen habe, daß es aber selbstverständlich sei, daß Philipp im ersten Vierteljahr das ihm geschickte andere Geld abverdiene.

Wohl waren daheim damit die Heuschulden vom vorigen Jahr und der Futterbedarf für dieses erledigt. Aber Großmutter mußte noch Zinsen zahlen von ihrem Vater her für Weinberg und Haus. Und Kathrine war's schrecklich, daß sie nicht, wie sie so sicher geglaubt, auf Weihnachten etwas dazu heimschicken konnte. Wohl waren etliche Muster ohne Wert an die Zurückgebliebenen abgegangen, wohl auch ein Brief, aber das war alles, und Kathrine schämte sich über diese geringe Sendung vor ganz Wiesental …

Weihnachten daheim! Schimmernde Flocken auf weißer Schneedecke, gefrorener Weiher, überzuckerter Wald, Kuchenduft in den Häusern und am Abend Glockengeläute in der Kirche!

Hannele und die Großmutter waren, warm eingepackt, beim Abendgottesdienst gewesen, und nun gingen sie zusammen nach Hause. Ach wie still war's heute gegen sonst! Nicht nur Hannele empfand's, auch auf der Großmutter lag's schmerzlich, und sie beeilte sich, ihre Jacke und Kapuze abzulegen und in die warmen Schuhe, die am Ofen standen, zu schlüpfen. Dann zwang sie ihre Stimme zu einem fröhlichen Ton, indem sie sagte: »Jetzt, Hannele, jetzt geh hinein in die Kammer, bis ich dich rufe! Muß doch meinem lieben Kind das Bäumlein anzünden!«

Geschäftig trippelte die alte Frau nach Hanneles Hinausgehen herum. Auf dem Tisch in der Ecke stand ein Tannenbäumchen. Groß war's nicht, aber schlank und nett gewachsen. Schnell befestigte die Großmutter ein Dutzend Lichtlein daran, dann ging sie zur Kommode und holte unter einem Tuch hervor, das die Schätze verborgen hatte, etliche Päcklein Lebkuchen und Springerle. Daneben legte sie ein Paar gestrickte Wollhandschuhe und ein Paar Strümpfe. Dann hob sie den schweren Deckel der Truhe am Ofen in die Höhe und entnahm ihr einen schönen, mit blauen Bändelein umwundenen Pack selbstgesponnener Leinwand. Das war ein ansehnliches Geschenk, und ihre Hand strich auch noch einmal wie liebkosend über das feste Gespinst, das sie vornehin auf den Tisch legte. Dann rief sie befriedigt ihre Enkelin. Warum kam diese aber nicht? Warum gab diese keine Antwort? Noch einmal rief die Großmutter, und dann ging sie, ordentlich ängstlich, in die Kammer hinein.

Es war dunkel, aber doch erkannte die Großmutter eine Gestalt auf dem Bänklein unten am Bett sitzend und hörte ein herzbrechendes Schluchzen. Ach ja, das Kind hatte Heimweh, wie sie selber auch! Aber jetzt galt's, stark und möglichst fröhlich zu scheinen, und indem sie mit Absicht die Tür weit aufmachte, damit der Kerzenschein weit herein dringe, sagte sie milde: »Komm, Hanne, komm! 's ist eineweg heiliger Abend heute, und das Christkindlein war da und hat dir etwas gebracht!«

Hannele stand auf und fuhr sich rasch mit dem Rücken der Hand über die Augen. Sie wollte gewiß der Großmutter die Freude nicht verderben und diese der Hanne nicht. So standen sie beide da. Hanne probierte die Handschuhe an und lobte die Strümpfe. Sie lobte auch das Stück Tuch, was ihr aber, offen gestanden, gar keine Freude machte, denn sie hatte auf eine neue Schürze gehofft, und die war nirgends vorhanden. Von der Enkelin hatte die Großmutter ein schön genähtes Buchzeichen geschenkt bekommen. Hannele hätte gern einen Kragen gehäkelt, aber zu der Wolle fehlte ihr Geld. Daß sie nie auch nur einen Pfennig eigenes Geld besaß, das war ihr gar zu arg. Andere Kinder bekamen doch hie und da einmal ein paar Nickel oder gar eine halbe Mark von ihren Eltern geschenkt. Aber wenn sie die Großmutter um nur ein paar Pfennige bat, so sagte diese: »Kind, du hast, was du brauchst, und wir müssen sparen!«

Als die Lichtlein noch brannten, kam der Vetter Andres und sagte: »O, bei euch ist's aber einmal schön! Da weiß man doch auch, daß Christtag ist! Und – da – da ist auch etwas von mir!«

Er wickelte aus einem Zeitungspapier zwei Schnitzlaibe, die er für sich selber von seiner Hausfrau bekommen hatte. Dann holte er aus seiner Brusttasche heraus zwei kleine Büchlein, das eine mit Weihnachtsgeschichten, das andere war etwas Erbauliches, und sagte: »Das können wir dann vielleicht nachher zusammen lesen! – Aber was ist? … Habt ihr nichts von drüben bekommen?«

Ja, irgend etwas von den fernen Lieben, darauf hatte sowohl die Großmutter als auch Hanne recht in der Stille gehofft. Aber freilich, von so weit her, da konnte man ja auch nicht auf den Tag hin berechnen, wann die Sachen ankamen.

Die Lichtlein waren verglommen, und nun setzte man sich an den Tisch. Die Großmutter hatte eine besonders gute Suppe gemacht und war jetzt draußen in der Küche, um auch noch Pfannkuchen zu backen. Der Vetter blätterte in den Heftlein, und über Hanne kam wieder das alte trostlose Sehnsuchtsgefühl.

»O mein Mariele! … O mein Kleines! … O Vater, Mutter und Peter! Wo seid ihr jetzt?« …

Da erschollen laute Stimmen und lebhaftes Lachen draußen auf der Straße. Hanne horchte auf. War das nicht die Stimme von Karline und von der Gret? Und richtig, kaum hatte sie so gedacht, als es fest an der Türe klopfte und gleich darauf die beiden Schulkameradinnen hereintraten mit Schlittschuhen am Arm.

Eifrig sagten sie: »Hanne, was sitzt'st da, wo doch der Baum schon lang abgebrannt ist? Bei uns daheim ist die Bescherung auch vorbei, und da wir neue Schlittschuhe gekriegt haben und der Mond so schön scheint, so wollen wir sie noch auf dem Weiher probieren. Komm doch mit! Gelt du hast ja noch ein Paar alte von deinem Vater? Draußen warten noch ein paar Buben und Mädchen, und wir wollen lustig sein!«

Lebhaft war Hannele aufgesprungen, als die Großmutter eben die fertigen Pfannkuchen hereintrug und auf den Tisch setzte.

»Großmutter, sie gehen alle noch auf den Weiher und laufen Schlittschuh. Gelt, Großmutter, ich darf auch mit?« Und rasch öffnete sie den Schrank, in dem unten in einer Ecke Vaters Schlittschuhe aus dessen Jugendzeit lagen.

Da sagte die Großmutter befremdet: »Ja Hanne, was fällt dir denn ein? Wo wir noch nicht einmal gegessen haben? Und dann am heiligen Abend geht man doch nicht fort!«

Die Schustersgret sagte keck: »Gerade da darf man doch auch lustig sein, Frau Aldinger?«

Und Karline wollte auch helfen und sagte: »Meine Mutter hat mich eigentlich auch nicht fortlassen wollen. Aber wer weiß, ob's morgen nicht taut, und jetzt gerade haben wir eben alle so große Lust, auf den Weiher zu gehen.«

Die Großmutter kämpfte sichtlich einen Augenblick mit sich selber, aber sie konnte doch unmöglich einer Sache zustimmen, die ihr nicht gefiel. Und so sagte sie freundlich, aber bestimmt zu Hannele: »Es ist mir lieber, du bleibst da. Morgen kannst du dann aufs Eis gehen, soviel du willst!«

Die Mädchen zogen mit langen Gesichtern ab, die Gret nicht, ohne noch Hanne zugeflüstert zu haben: »Puh, ist die streng! Gönnt sie dir denn gar kein Vergnügen?«

Und dieses Gefühl setzte sich den ganzen Abend fest, obgleich die Großmutter zu den Pfannkuchen noch von dem guten Himbeergesälz holte, das man sonst nur für Krankheitstage aufhob, und obgleich es dann wirklich nett war, als der Vetter aus dem Büchlein vorlas, und ziemlich spät noch die Schullehrersbuben herüberkamen und Hannele eine ganz prächtige, von Lydia selbst genähte schöne, rote Schürze brachten, eine viel schönere, als sie sich je geträumt hatte.

»Dumm ist's, daß die Lydia nicht gekommen ist, und hätt' doch gedurft!« sagte der eine. Der andere aber ergänzte: »Sie ist geblieben, weil doch die Tante wieder liegen muß und die Kinder allein gewesen wären, aber lustiger wär's schon mit der Lydia.«

Die Buben blieben ein wenig da, aßen ein Stück von des Vetters Schnitzbrot und erzählten allerlei Lustiges aus der Schule.

»Das sind ein Paar frische Kerle,« sagte der Vetter, als die beiden wieder fort waren. Die Großmutter aber konnte sich nicht enthalten, zu sagen: »Wie gut ist's, Hannele, daß du nicht fortgegangen bist!«

Aber trotzdem schlief Hannele mit dem Gedanken ein, daß sie eben doch eigentlich ein recht armes Kind und in vielem hintangesetzt sei.


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