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Elftes Kapitel.

Vetter Andres findet die Großmutter »schnaufig«, und Hanne festoniert ein rotes Kinderkleid aus. – »Es laufen viele Wässerlein den Bach hinunter!« – Von gepackten Koffern, einer Kiste mit Romanen und einem inhaltsreichen Telegramm. – Warum Philipp sagt: »Die armen, armen Geschöpfe!« und Kathrine nicht mehr gießen kann. – Südwärts!

 

Brief von Hanne an die Eltern.

Wiesental, im Sommer 19..

Liebe gute Eltern!

Die Ernte ist nun vorüber. Diese Woche haben wir am oberen Acker geschnitten, und gestern ist alles gut hereingekommen. Mit dem Heu ist's heuer, wie die Großmutter Euch schon schrieb, wieder nicht viel gewesen, wegen dem vielen Regen. Und für die Bläß werden wir wieder Futter kaufen müssen. Im Garten steht alles schön. Ich wollt' nur, liebs Mutterle, Du könntest unsere Rosen sehen. Ich hab' ein paar von den alten Stöcken im Frühjahr okuliert. Frau Ritter hat mir's gezeigt. Und jetzt haben wir anstatt der kleinen wilden Rosen prachtvolle große. Da muß ich Euch noch etwas erzählen, was ich, glaub' ich, im letzten Brief vergessen habe. Ihr wißt doch, daß die Großmutter mir als Ersatz für den Konfirmationsspaziergang erlaubt hat, nach St. zu fahren. Lydias Tante, der es an diesem Tage ordentlich war, gab ihr ein paar Stunden frei, und es war einfach fein, als wir so miteinander auszogen und das Schloß, die prächtigen Läden und die schönen Gartenanlagen ansahen. Die Verwandten von Lydia haben hinter ihrem Haus auch einen Garten, und da hat sie mir viel zeigen können. Sie hat mir auch allerlei Ableger und Samen gegeben, und wenn die Großmutter auch manchmal meint, ich gäbe mich ein bißchen zu viel mit den Blumen ab, statt mehr mit den Gemüsen, so freut sie sich doch allemal, wenn wieder etwas Neues aufgeblüht ist, und wenn die Frauen vom Dorf beim vorbeikommen sagen: »So schön wie Ihre Nägele oder Ihre Jelängerjelieber und Rosen gibt's doch keine mehr!« Die Lydia hat's arg schwer. Das muß gräßlich sein, den ganzen Tag lang und auch oft in der Nacht so eine gelähmte Frau, die sich gar nicht rühren kann, zu pflegen! Daneben sorgt sie auch noch für die Kinder, daß sie ihr Sach recht bekommen und ordentlich in der Schule lernen. Ich glaub', ich tät's keine acht Tage aushalten. Aber die Lydia, die ist eben arg brav. Die sagt einfach: »Jemand muß es doch tun!« und dabei sieht sie doch immer ganz vergnügt aus.

Liebe Eltern! Der Großmutter geht es ja im ganzen ordentlich. Aber neulich bin ich doch sehr erschrocken, wie der Vetter zu mir sagte: »Paß auf deine Großmutter auf, sie wird jetzt so alt und schnaufig!« Ihr könnt ruhig sein, ich nehm' ihr ab, was ich kann, und ich glaub', der Vetter sieht auch Sachen, die gar nicht so sind, denn ich merke keinen Unterschied. Wenn wir abends beisammen sitzen, so ist's oft ganz behaglich und nett. Das Essen schmeckt ihr auch immer gut, da fehlt einem doch nichts?

Jetzt vom ersten Oktober an geh' ich ins Nähen und will recht fleißig sein und mir recht viel Mühe geben, damit ich, wenn ich einmal drüben bei Euch bin, nicht nur sticken, sondern Euch auch die Kleider machen kann. Mein Erstes, was ich in Arbeit nehme, ist ein rotes Röcklein für Mariele. Die Frau Lehrer hat mir geholfen, den Stoff dazu auswählen. Ich will Träger daran machen und das Ganze ausfestonieren, dann kann sie's über ihr weißes Hemdchen tragen, mein Mariele, mein liebes herziges! Wie nur das sein mag, wenn's Spanisch spricht? Am End kann's dann einmal meine Lehrmeisterin werden. Ach was, jetzt sind's immer noch acht Monate, bis ich reisen darf. Das ist lang und doch kurz. Mit der Großmutter rede ich noch nicht darüber; sie macht solch ein merkwürdiges Gesicht hin, wenn ich davon anfange, dann wird mir das Ganze gräßlich. Und mit dem Vetter Andres, wenn ich ihn dazu bringe, mit mir darüber zu sprechen, wie es sein wird, wenn er in unserm Hause wohnen wird, da will er gar nicht darauf eingehen und sagt nur immer: »Dazu ist noch lange Zeit, und bis dahin laufen noch viele Wässerlein den Bach hinunter!« Daß die Christina nun ein bißchen ordentlicher gegen Euch ist, seit sie sieht, wie Du, liebes Mutterle, so treulich hilfst, das freut mich sehr. Und daß sie mit dem Mariele jetzt dann und wann ein wenig spielt, dafür möcht' ich ihr nur danken können. Ob's wohl mit dieser Isabella auch einmal anders wird? Wenn die ihren Affen noch immer hat, wenn ich hinüberkomme, dann geh' ich einfach nicht in ihre Nähe. Das ist ja greulich, daß der auch die Tante gebissen hat, so daß sie hat ins Bett liegen müssen! Tat denn der Isabella das nicht schrecklich leid? Aber furchtbar gelacht haben wir darüber, wie der Jocko sich in der Speisekammer festgesetzt hat, und wie die Mapucha drei Tage lang nicht hat hinein können, weil er beim Öffnen der Türe sofort die Zähne fletschte und ihr auf den Rücken springen wollte. Der hätt' ich es gegönnt, wenn sie ein bißchen gebeutelt worden wäre!

Und nun Schluß! Bleibt alle gesund und behaltet lieb

Euer treues
Hannele.

Viel Wässerlein liefen den Bach hinunter, wie Vetter Andres sagte. Das Wiesentalbächlein floß im Sommer durch Wiesen mit bunten Blumen und gelbe Kornfelder. Es floß im Herbst zwischen Stoppelfeldern und im Winter fror es ein. Und die Raben und Krähen spazierten darauf, wenn nicht am Sonntag die Dorfjugend Schlittschuh lief und sie verscheuchte. Das Bächlein taute wieder auf, und Maßliebchen und Vergißmeinnicht blühten an seinem Rand. Der Storch stelzte auf den Wiesen herum, und der Kuckuck schrie im Walde …

Hannes Nähzeit war vorüber. Sie hatte sie redlich ausgenützt, und nun rückte unaufhaltsam der erste Juli heran, wo das Schiff abging, das Hanne nach drüben bringen sollte. Mancher Brief war hin und her gegangen. Der letzte war vom Onkel, der schrieb, daß Hanne sich einer ihm bekannten Familie in Hamburg anschließen könne, und so wie bei der Eltern Abreise war auch der Agent wieder beauftragt, für das Geschäftliche zu sorgen. Auch von Philipp war nun eine Geldsendung für die Großmutter gekommen. Hundert Mark, ein Beitrag zum Abzahlen der Zieler. Er schrieb, daß er nun seinen ersten Gehalt bekommen habe, und daß er hoffe, künftig sein Versprechen halten zu können. Freilich rate ihm der Onkel, er solle so viel wie möglich zurücklegen, um sich mit der Zeit auch etwas Land zu kaufen und dadurch vorwärts zu kommen. Denn bis jetzt habe er eigentlich noch keinen Nutzen vom Auswandern gehabt, hingegen mehr Mühe und Last.

Nun das Fortgehen Gestalt gewann, wurde es Hanne doch manchmal recht bang zumute, und die goldenen Luftschlösser, die sie gebaut, wollten nicht immer standhalten. Zwar waren die Kameradinnen voller Neid, als Mutter einmal schrieb, Hanne werde sofort ein eigenes Pferd bekommen und müsse gleich reiten lernen, das brauche man notwendig da drüben. Aber gerade davor hatte Hanne eigentlich gräßlich Angst, denn sie liebte Gäule gar nicht. Selbst bei der Bläß, der guten, braven, war's ihr immer eine Überwindung, zu ihr in den Stand hineingehen und die Streu wechseln zu müssen. Auch sonst etwas, das sie nun schon seit einigen Monaten betrieb, fiel ihr nicht leicht. Das war das Erlernen der spanischen Sprache. Vater hatte geschrieben, sie solle das nur vorher tun. Lehrer dafür gab es natürlich in Wiesental nicht. So suchte Hanne aus einem deutsch-spanischen Buch heraus zu lernen, was aber recht schwer und mühsam war. Und noch etwas anderes, – wie nur das kam? Auf einmal fühlte Hanne so recht von innen heraus, wie lieb sie doch eigentlich die Großmutter habe, und welch schweres neues Opfer diese bringe, sie wegzugeben. Wer blieb denn da eigentlich noch im lieben Häuslein außer den zwei Alten? Und je mehr Hannes lebhaftes Temperament dazu neigte, sich auszusprechen und auch zu klagen, wenn ihr etwas schwer fiel, desto mehr mußte sie jetzt die Großmutter bewundern, wie diese so still und groß alles trug. Die Großmutter wurde auch immer lieber und immer milder mit ihr, und wie's ans Einkaufen für drüben ging, da hatte sie gar nimmer drein geredet und nur gesagt: »Fahr' zur Lydia in die Stadt und bitte sie, daß sie alles mit dir besorgt. Sie wird wissen, wie's recht ist. Und recht sollst du alles haben!«

Mitte Mai zog der Vetter Andres mit seinen Habseligkeiten in die obere Stube. Es wäre Hanne eine Wohltat gewesen, mit ihm wenigstens über allerlei zu sprechen, aber er ging absolut nicht darauf ein.

»'s ist noch alleweil zu früh dazu – kommt Zeit kommt Rat!«

Herr und Frau Ritter versprachen Hannele, möglichst oft nach der alten Frau zu sehen. Daß es ihnen bang um diese war, verbargen sie vor der Enkelin; es war ja jetzt doch nichts mehr zu machen. Aber bei Frau Ritter konnte Hanne sich doch Rat holen, und mit ihrer Hilfe richtete sie für die Großmutter im voraus die Winterkleider, putzte noch das ganze Häuslein von oben bis unten und setzte den Garten in einen möglichst guten Stand.

Hannes Garten! Von ihm und all ihren lieben Blumen, Früchten und Ablegern zu scheiden, fiel ihr ganz besonders schwer, und sie sagte immer wieder: »Gelt, Onkel Andres, du hältst das Immergrün und den Efeu schön nieder? Gelt, du paßt mir auf die Rosen auf, daß sie im Herbst bald genug unter die Erde kommen? Und gelt, du nimmst meine schönen, amerikanischen Ableger ins warme Zimmer und pflegst sie den Winter gut?«

Vetter Andres nickte nur mit dem Kopf und sagte: »Woll, woll! Das wird sich alles schon machen!«

Und die Großmutter? Hatte diese vielleicht früher in ihrem innigen Bestreben, das ihr anvertraute Kind dem guten Hirten zuzuführen, manchmal ein bißchen zu viel geredet, so wurde sie jetzt stiller und immer stiller. Dafür faltete sie aber um so öfter die Hände, und mit treuer Liebe ruhten ihre Augen auf der Enkelin. Gottlob, daß die Kathrine Hilfe bekam! Sie selber wollte gern ihr Opfer bringen! …

Auf der Pampa fing die Regenzeit an. Langsam begann es zu rieseln, stärker und stärker wurde es. Und nun goß es vom Himmel seit einer Reihe von Tagen, und die Bewohner der Estancia Schwaben waren genötigt, daheim zu bleiben. Kathrine sorgte sich für das Vieh draußen, ob ihm das nasse Futter nicht schaden würde. Die Bläß daheim hätte ja am ersten Tag schon gräßliches Leibweh bekommen. Aber der Onkel lachte und sagte: »Die Tiere hier sind härter gewöhnt, und die Nässe tut ihrem dicken Fell nichts.«

Das Leben auf der Estancia war nun anders als im Sommer. Die Männer machten allerlei Gerätschaften, wobei Philipps Kenntnisse ihm sehr zu statten kamen. Schäden an den Gebäuden wurden ausgebessert, vom Felle der Ochsen wurde Riemenzeug gemacht, und die Weiber spannen und webten bunte Teppiche.

Donna Elvira und ihre Töchter waren nicht sehr guter Laune, besonders in den Tagen, wo die letzteren gar nicht ausreiten konnten. Von einer Leihbibliothek aus Buenos-Aires hatten sie sich eine Kiste Bücher kommen lassen, meist Romane, die auch die Mädchen verschlangen, wobei sie sich eine Zigarette nach der andern anzündeten. Dazwischen hinein klimperten sie auch ein bißchen Klavier, und Tante hatte ab und zu einen großen Tätigkeitstrieb, der sie in jede Ecke des Hauses und in jeden Milchtopf gucken ließ. Dann wieder zog sie einen ihrer buntseidenen »Teagowns« an, elegante, mit Spitzen besetzte Gewänder, in denen sie sich auf die Chaiselongue warf und etwaige Besuche erwartete, die aber bei dem schlechten Wetter sehr rar waren.

In Philipps und Kathrines Behausung sah es zwar auch trotz der nun viel besseren Einrichtung recht trübselig aus, aber die beiden, besonders Kathrine, waren vom frohen Erwarten erfüllt, denn nur noch ein paar Monate, und sie durfte ihre Älteste, ihr Hannele, hier erwarten. Kathrine brachte den Mund nicht mehr zusammen, wenn sie daran dachte. Dann würde sie jemand haben, mit dem sie so recht wieder von daheim reden könnte. Dann würde sie eine kräftige Hilfe bekommen, und dann war vor allem jemand da, der über die Kinder wachte und sie auch unterrichten konnte.

Daß diese nun so oft besprochene »Base Hanne«, wie Isabella und Christina statt des ihnen so fremden Wortes Hannele sagten, nun wirklich kommen sollte, das war den beiden doch recht interessant. Und gerade jetzt, in dieser langweiligen Zeit, würde es doch etwas anderes, etwas Neues sein. Aus diesem Grunde, aus Langeweile, gingen sie jetzt beide auch öfters zu Werners hinüber, und aus Langeweile brachte Christina auch irgend eine Arbeit mit. Sie fand nach und nach, daß Stricken und Häkeln doch nichts so Übles sei. Isabella tat noch immer, als wäre alles derartige weit unter ihrer Würde. Als sie aber an Kathrine einen kleinen Spitzenvorstecker sah – Durchzugarbeit auf Tüll, den diese von Lydia erhalten hatte, – da bekam sie plötzlich Lust zu so etwas. Spitzen zu einer Bluse zu machen, das hatte doch eher einen Zweck, und sie sagte, Kathrine solle schreiben, daß die Hanne ihr solches Zeug mitbringen solle, dann wolle sie auch einmal das Nähen versuchen.

Über Hannes Kommen wurde überhaupt jetzt viel gesprochen. Besonders wichtig war den Basen, ob sie hübsch sei oder nicht, ob sie singen könne (das konnte Hanne zum Glück), ob sie wirklich gelernt habe, Kleider zu machen, und man solle ihr doch schreiben, daß sie gewiß die neuesten Modejournale mitbringe. Wenn Kathrine von drüben erzählte, so hörte auch Isabella gnädig zu, und Christina sagte des öfteren: »Wenn Vater mit seinen Unternehmungen Glück hat und wir vollends erwachsen sind, so macht er mit uns eine Reise nach Europa, und wir werden natürlich dann auch nach Wiesental gehen!« Christina hatte sich nun auch wirklich mit Mariele angefreundet, seit diese sich einmal an sie angeschmiegt, ihr die Hand gestreichelt und gesagt hatte: »Tina lieb! Tina Tußele deben!« Da hatte sie die Kleine, die gerade zu ihrer Beruhigung frisch gewaschen worden war, auf den Schoß genommen, und als Mariele mit ihren lieben Augen sie dann so lieb ansah, ihr die Ärmchen um den Hals legte und sie mit ihrem frischen, roten Mündchen küßte, da war die Freundschaft geschlossen, und es war Kathrine oft fast zu viel des Guten, wenn Christina von da an nie kam, ohne dem Mariele Schokolade und Bonbons und Leckereien aller Art zu bringen. Der Peter stand da manchmal recht neidisch in einer Ecke und pfiff leise vor sich hin. Als es ihm einmal zu bunt wurde, weil er nichts bekam und das Schwesterlein alles, da sagte er unwirsch: »Da geh ich lieber zum Jocko und guck dem zu!«

Das aber gefiel Isabella, und sie stand auf und ging mit dem Kleinen hinaus – ihren Affen, ihren Liebling durfte sie ja zu ihrem großen Schmerz nicht mehr ins Haus bringen.

Daß Peter stundenlang vor Jockos Kiste mit Drahtgitter kauerte und sich an seinen Sprüngen und Grimassen belustigte, das freute sie. Und wenn sie auch wie Christina noch nicht gelernt hatte, ihre Zuneigung durch Schenken zu zeigen, so tätschelte sie den Buben doch gnädig auf seinen Blondkopf und sagte: »Du gefällst mir, weil dir Jocko gefällt!«

Onkel Joseph kam auch manchmal in der Dämmerung herüber, brachte irgend eine neue Zeitung oder erkundigte sich, ob Werners Nachricht von daheim hätten. Neuerdings, als die starke Regenperiode aufhörte, hatten auch die beiden Männer eifrig über die geplante Kultivierung des Bodens zu sprechen. Die Probeäcker keimten und trieben prächtig. Und nun sollten noch größere Teile der Pampa zum Anpflanzen ausgerodet werden. »In zwei Jahren,« sagte der Onkel Joseph, »wird Philipp von seinem bis dahin zurückgelegten Geld ein kleines Land mit etwas Vieh kaufen, und dann wird er sehen, daß es der Mühe wert war und sich lohnte herüberzukommen!«

Heute war Kathrine in glückseliger Stimmung. Es war ein Brief, wenn auch ein kurzer, von Hanne gekommen, worin sie die Einkäufe mit Lydia schilderte wie den Einzug von Vetter Andres. Sie beschrieb ihr auch, wie sie möglichst für Großmutters Bedürfnisse vorher sorge, und Kathrines Herz war ordentlich erleichtert, daß Hanne schrieb, die Großmutter scheine ihr Fortgehen auch gar nicht mehr so schwer zu nehmen, wenigstens habe sie sie in der letzten Zeit gar nicht mehr weinen sehen.

Und nun waren wieder vier Wochen, seit dieser Brief geschrieben worden, vorübergegangen, und jetzt werde sich, so rechneten die Eltern miteinander aus, Hanne in wenigen Tagen einschiffen. Alles war vorbereitet, Kathrine hatte ihr noch geschrieben, sie solle doch gewiß auch in Hamburg die brave Frau Wirtin aufsuchen und ihr danken, daß sie damals so gut geraten habe. Daß Hanne auf dem Schiff zweiter Klasse mit der Herrschaft fuhr, war ihrer Mutter eine große Beruhigung, und noch mehr, daß Onkel Joseph gerade um diese Zeit, wenn das Schiff ankam, einen Geschäftsritt nach Buenos-Aires machte und Hanne dadurch unter seiner Obhut den Ritt hierher machen konnte. Den Kindern erzählte sie alle Tage, wie es sein werde, wenn die Schwester komme, was auf Peter immerhin einen Eindruck machte, denn er erinnerte sich doch noch an manches von drüben. Das Mariele wußte natürlich gar nichts mehr, aber die Mutter sprach ihr beständig von ihrer »Ann-Ann«, die sie so lieb habe, und der sie gleich viele, viele Küßlein geben müsse, und die ihr gewiß auch was recht Schönes mitbringe.

Da fragte die Kleine jeden Tag: »Kommt sie heut, die Ann-Ann!« und morgen wieder: »Kommt sie heut?«

Warum das nur so ist, daß, wenn wir uns im Leben ganz besonders auf etwas freuen, der liebe Gott oft nichts daraus werden läßt, so daß wir gar manchmal glauben könnten, unser himmlischer Vater habe uns nicht so lieb wie ein irdischer Vater, der doch die Wünsche seiner Kinder, so viel er kann, zu erfüllen sucht? Wir wissen am Anfang selten eine Antwort auf solches Warum. Aber dann kommt oft eine Zeit, wo wir schon hier auf dieser Erde sehen dürfen, daß er es dennoch treu und gut mit uns gemeint hat …

Als Philipp und Kathrine mit viel Liebe und Mühe einen kleinen Nebenraum zu einem Stübchen für Hanne eingerichtet hatten, – selbst Tante Elvira spendete dazu ein kleines abgedientes Kanapee, und die Mädchen gaben eine Tischdecke, Tintenzeug und etliche Bilder zur Ausschmückung her, – als Kathrine im Garten schon die Blumen sich ansah, die sie zum Empfang zu einem Strauß schneiden wollte, und als Juan sein und Onkel Josephs Pferd sattelte, denn er durfte mit, da zeigte sich am Horizont der Pampa ein Reiter. Er kam näher und näher, und als er hielt, überreichte er dem Onkel einen Expreßbrief. Der las ihn und gab ihn dem bei den Zurüstungen zuschauenden Wernerschen Ehepaar. »Da,« sagte er mit einem Gesicht, das gleichgültig aussehen sollte, das aber doch bewegt war. »Da lest! – es sind keine guten Nachrichten!« Als Philipp erregt das Papier in die Hand nahm und es dann seiner Frau zu lesen gab, da war's den beiden, als sei plötzlich vor ihnen ein schönes helles Licht, in dessen Schein sie sich schon lange Tage gesonnt hatten, erloschen. In dem Brief standen nur die paar Worte:

Wiesental, Juli 19..

Großmutter hat einen Schlaganfall gehabt. Hannes Abreise ist deshalb unmöglich. – Weiter kann man jetzt nichts denken! Brief folgt.

Euer
betrübter Vetter Andres.

 

Brief von Herrn Ritter an Philipp Werner in Argentinien.

Werter Herr Werner!

Mit betrübtem Herzen schreibe ich Ihnen und Ihrer lieben Frau und teile Ihnen das Nähere mit über das, was Sie ja schon erfahren haben. Vor allem darf ich Ihnen sagen, daß der Anfall, den Ihre liebe Mutter hatte, gottlob nicht zum Tode ist, sondern daß der Arzt alle Hoffnung gibt, daß sie sich mit der Zeit wieder erholt. Aber daß diese Erholung lange währen kann, und daß die liebe alte Frau treuer Pflege bedarf, das kann ich Ihnen nicht verschweigen. Und so werden Sie wohl mit uns allen, die wir so innigen Anteil an Ihrem und der Ihrigen Geschick nehmen, darin übereinstimmen, daß jetzt nicht der richtige Augenblick ist, unser liebes Hannele von hier fortziehen zu lassen. Doch da wir wissen, wie nötig Ihnen die Tochter auch dort wäre, so wollten Vetter Andres und ich nicht die Verantwortung auf uns nehmen, endgültig zu entscheiden, und wir haben deshalb nach ernstem Hin- und Herüberlegen gefunden, Hanne, die nun beinahe erwachsen ist, müsse da selber ihren Entschluß fassen. Das arme Kind dauert uns in tiefster Seele, denn es war wahrhaftig nicht leicht für sie, auf solch schöne, ganz naheliegende Pläne zu verzichten. Hanne war allein mit der Großmutter gewesen, als diese plötzlich ohnmächtig und aus der linken Seite gelähmt wurde. Obwohl wir alle bald bei der Hand waren und auch gleich der Doktor kam, hatte Hannele den ersten großen Schreck doch allein durchzumachen, und das hat ihr natürlich einen großen Eindruck hinterlassen. Die Sprache, die Ihre liebe Mutter für ein paar Tage verloren hatte, kommt nun langsam wieder, und einer der ersten Sätze, die sie sagte, war: »Hanne gehen! … Nicht wegen mir bleiben! Nicht wegen mir bleiben!« Aber gerade das hat Hanne so gerührt, wie auch der Umstand, daß man eben doch nicht wissen kann, wie ein solcher Zustand sich wendet. Und so hat uns das liebe Kind gestern abend, wenn auch unter viel Tränen, so doch mit rührender Festigkeit erklärt, sie vermöge jetzt unmöglich von der Großmutter wegzugehen, sie fühle, daß das ein Unrecht wäre. Und auch die Mutter würde wahrscheinlich sagen: ›Bleib!‹ Ich gestehe, daß wir auch der Ansicht sind, daß Hanne das Richtige getroffen hat, und so schwer es für sie ist, in solch jungen Jahren schon Opfer um Opfer bringen zu müssen, so wird der Segen Gottes dafür nicht ausbleiben.

Wir haben vorderhand für die Nacht eine Krankenschwester. Allein würden Hannes Kräfte ja doch nicht ausreichen, wenn auch Vetter Andres treulich beim Heben und Legen hilft. Wie es später wird, müssen wir abwarten. Hanne läßt Sie durch mich einstweilen innig grüßen, und sie könne im jetzigen Augenblick nicht schreiben. Im ganzen findet sie sich bis jetzt rührend in die Vernichtung ihrer Pläne. Nur um ihr Mariele sorgt sie sich immer wieder von neuem, daß das eben nun auch fürder ohne Aufsicht sei.

Wir denken oft an Sie alle und hoffen von Herzen, daß Ihre Bemühungen und Ihre Arbeit eine gesegnete sein möge.

In herzlicher Anhänglichkeit

Ihr
Jakob Ritter.

 

Über der argentinischen Pampa brütet die Sonne. Sie scheint gleichmäßig über die unendliche, von einem Horizont zum andern reichende Ebene. Nichts als Gras und Hügel, hie und da nur ein einzelnes niedriges Haus oder eine Hütte. Es ist nicht mehr der Kamp, auf dem wir vor zwei Jahren die Familie Werner zuletzt verlassen haben. Werners wohnen schon seit einem Jahr nicht mehr auf der Estancia Schwaben, sondern in einer neu errichteten, womöglich noch einfacheren Hütte, mehrere hundert Meilen südwärts. Noch einsamer, noch stiller ist es hier! Die einzige Nachbarschaft sind die Hütten etlicher Indianerfamilien. Bei Werners selber wohnen ein paar italienische Arbeiter, die Philipp bei seiner Übersiedlung sich mitgenommen hatte.

Als damals das Telegramm und nachher die Berichte über der Großmutter Zustand kamen, da war's Kathrine zumute gewesen, als gebe es jetzt gar nichts mehr zum Freuen auf der Welt. So sehr hatte sie sich schon monatelang voraus in Hanneles Kommen eingelebt, und wie es dann so schön sein würde. Auch die Sorge um die Mutter daheim verfolgte sie. Als sich deren Zustand in die Länge zog, da war's Kathrine selber, die sagte, unter keinen Umständen dürfe die Kranke allein gelassen werden, Hannele gehöre zu ihr.

Auf den nassen Winter damals war eine lange andauernde Hitze gefolgt, die alles ausdörrte, nicht nur die Sträucher und die Gräser auf der Pampa, sondern es kam ein Augenblick, wo auch die Bäche und Flüsse eintrockneten. Das ist's, was die Bewohner dieses Landes am meisten fürchten. Immer wieder ritt Philipp mit Onkel Joseph hinaus, um nach den Herden zu sehen, die jetzt schon schwer an Wassermangel litten. Onkel Josephs Gesichtsausdruck wurde von Tag zu Tag trüber und schließlich verzweifelt. Überall herum, im weiten Bogen suchten die armen Tiere nach Wasser und fanden keines. Weithin drang das Brüllen der Herden, das Blöken der Schafe. Es lag in keines Menschen Macht, hier zu helfen, und es kam ein Tag, wo auch die spärlichen Quellen versiegt waren. Und da, als die beiden hinausritten, da war's, als ob sich ein Schlachtfeld vor ihnen ausbreitete. Noch nach Jahren war es Philipp, als ob er diesen Eindruck nie überwinden könne. Ganz tote und halb sterbende Tiere lagen in dichten Haufen beisammen, dazwischen irrten, kläglich schreiend, blökend und suchend, noch einzelne junge Tiere herum, die der Not am längsten widerstanden hatten.

»Ist denn da um Gottes willen gar nichts zu machen?« fragte Philipp. Aber der Onkel wendete nur sein Gesicht ab, und ohne weiter ein Wort zu sprechen angesichts dieses schrecklichen Unglücks, ritten beide wieder zurück.

Auch auf der Estancia sah es trostlos aus. Wohl lieferten die Ziehbrunnen hier noch gerade so viel Wasser, als zum täglichen Bedarf notwendig war. Verzweifelt ging Kathrine immer wieder in ihren Garten hinaus, der nun schon seit Tagen nicht mehr gegossen werden konnte, und langsam sah sie all das so mühsam Gepflanzte und Gepflegte zugrunde gehen.

Philipp war nach diesem letzten Ritt zu den Seinen hereingekommen und hatte sich auf die Bank geworfen. Sein Kopf sank schwer vornüber, und er stützte ihn mit beiden Händen.

»'s ist ein furchtbares Unglück,« sagte er. »Diese armen, armen Geschöpfe! Und außerdem fürchte ich, daß das jahrelange Mühen und Arbeiten der Verwandten umsonst war. Das sind Verluste für den Onkel, die er nur schwer verwinden wird.«

Kathrine hatte sich an den Tisch zu ihrem Mann gesetzt und ließ sich noch das weitere berichten.

»Was soll nur aber auch daraus werden?« jammerte sie. »Wenn's noch ein paar Wochen so weiter geht, so müssen wir ja alle samt und sonders verdursten.« … Und da war's, daß sie sich zum erstenmal Philipp gegenüber gehen ließ und in den klagenden Ruf ausbrach: »Ach, wären wir daheim geblieben! Ach wie viel besser und leichter hatten wir es damals!« und sie fing an bitterlich zu weinen.

Philipp sagte nichts, denn er mochte wohl Ähnliches empfinden. Wie war er so stolz gewesen, als ihm der Onkel ein etwa hundert Morgen großes Land verkauft hatte und er darauf seine eigene kleine Herde von Schafen hielt! Auch dort war alles dahin, und Kathrine, die sich nun wieder etwas gefaßt hatte, sagte mit trockener Stimme: »Jetzt können wir eben alle wieder von vorne anfangen!«

Wohl hatte sich nach etlichen Tagen der ersehnte Regen eingestellt, wohl sproßte und grünte es in kurzem wieder auf der Heide, und in ihrem frischesten Kleide war sie neu erstanden. Fast all das Lebende auf ihr war aber der Verwesung anheimgefallen, und tagelang trug der Wind all die üblen Gerüche von weit her zu den Wohnungen, bis das riesige Leichenfeld sich wieder mit Gras bedeckte und nur noch von der Sonne gebleichte Knochen umherlagen.

Onkel Josephs Verlust war enorm. Nicht oft kommt ein so großes Unglück vor, aber wen es von den Estanciabesitzern trifft, dessen Vermögen ist dahin, denn es besteht zumeist doch in den großen Herden.

Was jetzt? Donna Elvira war zuerst verzweifelt und raufte sich die Haare, und die Mädchen faßten anfangs noch nicht einmal den ganzen Umfang dessen, was sie betroffen. Als es aber hieß: »Nun müssen die schönen Pariser Möbel und Toiletten verkauft und der Schmuck hergegeben werden!« als nach der Händler Fortgang das Haus so leer und öde dastand, nur noch mit dem nötigsten drin, und als der Vater sagte: »Nun kann ich euch kein Geld mehr geben, außer für das Allernötigste, nun heißt's für uns alle wieder von neuem arbeiten und sparen!« da war Christina die erste, die den Kopf mit den dunkeln Locken zurückwarf. Als ob sie das Schicksal trotzig bezwingen wollte, sagte sie: » Buon! Dann machen wir's eben so! Was andere können, das können wir auch!«

Isabella war vor einiger Zeit zu einer Freundin nach Buenos Aires gereist, und man ließ sie dort. Wäre sie doch diejenige gewesen, die sich am schwersten in den Umschwung der Verhältnisse gefunden hätte.

Merkwürdigerweise fügte sich auch Donna Elvira in das veränderte Leben, aber erst, als sie einsehen mußte, daß absolut nichts anderes mehr zu machen sei. Sie war ein Kind des Landes und wußte, daß oft ebenso rasch auch wieder ein Glücksumschwung eintreten konnte. Mit ihrer ganzen leichtlebigen Natur hoffte sie auf diesen und fing nun wieder an, in Küche und Haus herumzuwirtschaften in einer noch viel abgetrageneren Jacke als vorher. Sie trug sie nun den ganzen Tag, denn einmal hatte man die Staatsgewänder ja fortgeben müssen, und dann kamen momentan auch keine Besuche, nur etwa solche, denen es ebenso gegangen war wie den Bewohnern von »Schwaben«.

Ganz schlecht stand es mit Onkels Vermögen ja auch noch nicht. Er hatte immerhin noch Kapital auf der Bank in Buenos-Aires liegen. Das Land war und blieb ja sein eigen, damit mußte nun frisch gewirtschaftet werden.

Aber was geschah nun mit Werners? Eigentlich hätte der Onkel augenblicklich keinen Verwalter gebraucht. Es war ihm auch nicht möglich, Philipp für den Augenblick Gehalt zu geben. Aber ein neuer Plan tauchte auf, und den hatte hauptsächlich Philipp in Anregung gebracht. Man mußte suchen, der Pampa mehr abzugewinnen, und da der Versuch mit den Probeäckern, abgesehen von diesem alles vernichtenden Fehljahr, gelungen war, so lohnte es sich wohl auch, weitere Strecken urbar zu machen und zu bebauen. Eine Kleinigkeit war das nicht. Das Gestrüpp war so dicht verwachsen, der Boden so steinig und uneben, der Arbeiter waren es im ganzen so wenige, aber trotzdem ging man ans Werk. Als eine Ackerlänge nach der andern glücklich urbar gemacht war, da lohnte es sich, weitere Arbeiter kommen zu lassen. Es waren dies meist Italiener. Das umgegrabene Land wurde mit Weizen und Mais bebaut, und wo Heide und Steppe geblieben, da stellten sich auch nach und nach wieder spärliche Tierherden ein.

Der Onkel hatte weit unten im Süden einst auch noch Land eingekauft, das bis dahin noch gänzlich unbebaut und in wildem Zustande dalag. Nun mußte alles ausgenützt werden. Aber die Entfernung war gar zu groß und Don José konnte jetzt gerade am allerwenigsten seinen bisher gewohnten Besitz verlassen. Doch Onkel Joseph war klug und unternehmend, und mißriet das eine, so mußte etwas anderes wieder gelingen, und darauf baute er einen neuen Plan.


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