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Zweites Kapitel.

Warum die Großmutter angstvoll zum Himmel blickt und Kathrine kreideweiß die Hände ringt. – Von Beulen, Salben und einer Ohrfeige, die Peter kriegt. – Was geschieht nun mit der Bläß? – Großmutter sagt: »So, jetzt seh' ich wieder blauen Himmel!«

 

Die Großmutter! Von ihr muß nun ganz extra erzählt werden. Das Bild war gar schön, als die alte Frau kurz nachher auf dem Bänklein vor dem Hause, das Kind neben sich im Wägelein, an einem rosa Strümpfchen für die Kleine strickend, dasaß. Großmutter war eine Lehrerstochter, und wenn sie auch ihren Jugendkameraden, den Bauer und Weingärtner Jakob Aldinger, geheiratet und eine tüchtige Bäuerin geworden war, so hatte sie doch etwas von einer feineren Art beibehalten, die sich nicht im weniger Schaffen, aber im gründlicheren Beobachten und Denken äußerte. Die Großmutter war auch eine fromme Frau, die wußte, wo sie in allen Lebenslagen Hilfe und Trost finden konnte, und die auch wußte, daß wir Menschen nicht zum Glücklichsein, sondern zum Glücklichmachen auf der Welt sind. Ihr Mann hatte dieselben Ansichten wie sie gehabt. Und die Kathrine, ihre Einzige, war in dieser Luft aufgewachsen. Nach dem Tode des Großvaters vor zwei Jahren waren Kathrine und die Kinder erst recht der von Heimweh gebeugten Großmutter ihr Einziges geworden, und wenn auch der Philipp von einer andern Art stammte, so war er doch kein Unrechter und schaffte, wenn auch leider nicht mit der richtigen Freudigkeit.

Die Großmutter saß da und strickte weiter. Zum Hinausgehen und Mithelfen war sie zu ihrem Leidwesen nicht mehr kräftig genug. Aber ihre Gedanken weilten bei den auf der Wiese Beschäftigten, und sorglich sah sie zum Himmel empor, der sich mehr und mehr mit schwarzen Wolken umzog.

Das Mariele war aufgewacht und lag lächelnd und vor sich hinschwätzelnd in seinen Kissen. Die warme Federdecke hatte es hinuntergestrampelt, und die dicken, bloßen Beinchen ließen sich's in der freien Luft wohl sein.

Ein fernes Donnern drüben an den Bergen hob an, aber noch war über dem Wiesental, dem Dorf und seinen Häuslein Sonnenschein und freier Himmel.

»Wenn ich doch nur helfen könnte!« dachte die Großmutter. Sie sorgte sich doppelt, denn von dem Überfluß des herrlich stehenden Heues mußte man ja heuer die Schulden vom vorigen Jahr bezahlen. Der Donner kam näher, und einzelne Blitze fuhren in der Ferne nieder. Es war schon manchmal gewesen, daß es da drüben gewitterte und doch nicht bis hierher kam. Aber die Luft war gar so unerträglich schwül, obgleich sich die Sonne jetzt hinter einer grauen Wand verborgen hatte. Die Großmutter stand auf und ging etliche Schritte bis dahin, wo man hinübersehen konnte auf die fast eine Viertelstunde entfernt liegenden Wiesen. Sie hob die Hand vor die Augen und konnte erkennen, daß der Wagen noch leer dastand, also noch nichts aufgeladen war. Es war wohl auch noch nicht möglich, sie waren doch jetzt erst beim Wenden und Zusammenrechen.

»Nur jetzt keinen Regen, ach, nur keinen Regen, lieber Gott!« sagte sie angstvoll vor sich hin und eilte dann zu dem etwas unruhig werdenden Kinde zurück. Sie nahm es auf den Arm und schob das Wägelein ins Haus, – drinnen war's immerhin noch kühler.

Die Schwalben flogen niedrig, und die Hühner flatterten vor der weit geöffneten Tenne herum. Auch die Bläß im Stall mußte etwas von der Hitze merken, denn sie brüllte, was sie sonst um diese Zeit nicht tat. Da plötzlich – Blitz und Schlag auf einmal! Und dann wieder! Und dann fing es an zu regnen, so heftig, daß die Großmutter dachte: »Ach, nun ist alle Mühe umsonst, das schöne Heu wird durch und durch naß, und wer weiß, ob es dann nicht von seiner Güte einen guten Teil eingebüßt hat! Wenn sie jetzt nur auch so gescheit sind und lieber alles liegen und stehen lassen und heimkommen. Es ist nicht gut, bei so einem Gewitter draußen zu sein.«

Aber es sollte noch schlimmer kommen. Eine weiße Wolke mitten unter den tiefschwarzen segelte pfeilgeschwind am Rande von diesen hin, und nun fing es an zu hageln. Zuerst fielen nur einzelne Körner, dann einzelne nußgroße Stücke, und dann, – Gott erbarm's, – wurden diese häufiger, und in kurzem prasselte mit entsetzlichem Getöse der Hagel milchweiß und so dicht hernieder, daß in ein paar Minuten der Boden halb handhoch bedeckt war und alles rings herum wie eine Winterlandschaft aussah. Die Großmutter stand mit dem Kind auf dem Arm, das schrie, – es wußte selber nicht warum, – am Fenster, und am ganzen Leibe zitternd, sagte sie einmal über das andre:

»Ach Gott, erbarme dich unser, – ach lieber Gott, schütze wenigstens die Meinigen und laß ihnen nichts geschehen!«

Jetzt dachte sie nicht mehr an den großen Schaden, sondern nur noch an die Menschen, die draußen ohne Schutz und Obdach weilten.

Sehr lange hielt das grausige Unwetter nicht an. Nach wenigen Minuten schon lachte die Sonne vom blauen Himmel aus zerrissenem Gewölk auf die Erde herab, die so urplötzlich gänzlich verändert dalag. Bald auch fingen die Eisstücke zu schmelzen an, es bildeten sich kleine Bächlein, und die Großmutter, der Nässe und Glätte nicht achtend, ging vor bis an die Gartenecke zum Luginsland, und sie sah, wie die Arbeitenden dort sich bewegten. Die einzelnen konnte sie ja nicht erkennen, aber eine Viertelstunde darauf kamen sie eins nach dem andern mit umgebundenen Grastüchern, die Frauen mit über den Kopf geschlagenen Röcken. Aber sie kehrten doch alle wieder, und gottlob, ohne sichtlichen Schaden genommen zu haben. Triefend und naß traten sie hintereinander in die Stube und berichteten, daß sie, als das Schlimmste gekommen sei, sich unter den Wagen gelegt hätten. Ein Glück sei nur gewesen, daß der Löwenwirt die Pferde noch nicht herausgeschickt hatte. So seien sie mit ein paar Beulen an Kopf und Armen davongekommen. Aber es sehe einfach grausig da draußen aus.

»Also, das Heu hätten wir heuer auch wieder gehabt!« sagte Philipp, indem er seine triefende Jacke auszog, sich schwer auf die Bank niederließ und stumm vor sich hin starrte. Kathrine, die kreideweiß dabei stand, rang die Hände:

»Ach, Mutter, ich kann nimmer – daß auch so etwas im allerletzten Augenblick, wo das Scheunentor schon sperrangelweit offen steht, kommen mußte!«

Das Hannele fing bitterlich zu weinen an. Es trug eine blutende Beule über dem Auge, und seine blonden Zöpfe, die der Sturmwind gelöst, hatte das Unwetter so durchnäßt, daß die Haare triefend herabhingen.

Die Großmutter konnte vorerst gar nichts sagen. Sie eilte nur, so rasch ihre zitternden Kniee es vermochten, in die Küche und holte in einer Schüssel Wasser und einen Schwamm. Philipp blutete die Hand, und der alte Arbeiter hatte verschiedene Wunden auf dem Kopf. Eins nach dem andern wusch sich ab. Die Kathrine brachte Salbe und Verbandzeug. Erst als das geschehen war und alle in trockenen Kleidern steckten, saß man in der Stube herum und überdachte die ganze Größe des Unglücks.

»Morgen kann man hinausgehen und das Feld walzen,« sagte Philipp. »Und die Bläß können wir das nächste Jahr mit erneuten Schuldenzetteln füttern!« fügte er bitter hinzu.

»Oder der Händler holt sie und zahlt euch ein paar Taler drauf. Der wird derweil reich und Ihr könnt sehen, von was Ihr lebt!« spintisierte der junge Arbeiter. Der andere aber mit seinem Verband über dem grauen Haare – er war ein Vetter der Großmutter – meinte:

»Das ist nicht das erstemal, Leut', daß ein Unwetter über die Fluren kommt, und daß man nicht kriegt, was man schon gemeint hat zu haben. Und doch sind immer wieder die Menschen durchgekommen. – Seid Ihr versichert, Schreiner-Philipp?«

Als dieser aber mit dem Kopfe schüttelte, da ward auch des Alten Gesicht bedenklich, und nur die Großmutter behielt den Kopf oben. Mit fest gefalteten Händen saß sie da und sprach in der Stille mit ihrem Herrgott, der ihr aber in diesem Augenblick kein gütiger Vater war. Es wurde noch düsterer um sie, als Kathrine, plötzlich laut aufweinend, rief:

»Ja, um des Himmels willen, wir jammern da um die Wiese, um das Heu, und der Weinberg ist doch das Wichtigste! Und wenn der auch dahin ist, wo alles doch so schön gestanden hat, dann weiß man wirklich nicht mehr, was anfangen.«

Als das Hannele die Mutter weinen sah, da mochte es denken: Jetzt darf ich nicht auch noch jammern, und ihm war doch so weh, ganz besonders um seine Blumen im Garten, und es schluckte tapfer die Tränen hinunter. Es hatte ja auch sein liebes Mariele wieder auf dem Arm, und das krähte und jauchzte so hell und lustig drauf los, daß der Vater sagte:

»Die hat's nötig, so zu tun, wo ihr doch ihre Milch auch verhagelt ist!«

Nun rief aber die Großmutter, plötzlich aus ihrer Erstarrung sich lösend, mit lauter Stimme:

»Ja sagt mir nur, wo ist denn aber auch der Bub? Er ist doch auch mit euch hinausgegangen und hatte sollen helfen?«

Ja, der Bub! Daß der diesmal wieder nicht gefolgt hatte und bei Hühnern und Hasen geblieben, das war ja nun fast ein Glück, denn was hätte man vollends mit ihm draußen angefangen, wo ein jedes gerade genug mit sich selber zu tun hatte! So kam er glimpflich davon, als er nach einiger Zeit mit sichtlich schlechtem Gewissen sich in die Stube schlängelte. Nur der Vater sagte – in irgend etwas mußte er seinem Ingrimm Luft machen –: »Du kannst dich freuen, wie ich mich jetzt hinter dich machen werde, du fauler, unfolgsamer Schlingel du! Wirst das Folgen jetzt lernen müssen und das Hungern dazu!«

Mit diesen so düster klingenden Zukunftsverheißungen verließ der Vater die Stube, um in die Werkstätte zu gehen, während die andern noch beisammen blieben, immer wieder beredend, wie's war, und wie's werden würde, und wie man so gut wie nichts tun könne. Dabei lief eins ums andere ans Fenster oder vor die Haustüre und kam wieder, von neuem jammernd über all das Zerstörte da draußen, zurück. Als der Peterle mit einer Handvoll glänzender Eisstücke jubelnd hereinkam, wurde ihm auch dies wieder als großes Verbrechen angerechnet, und das war doch wirklich keine Unart, die runden, kalten, flimmernden Eilein waren doch so hübsch, und gar niemand wollte sich darüber freuen. Nach und nach kamen die Beieinandersitzenden wieder mehr zur Besinnung, und die Großmutter war die erste, die sagte: »Wenn ihr meint, so könnten wir ja nach dem Weinberg sehen.«

»Ob's wohl nicht zu rutschig und glatt ist?« bemerkte Kathrine. Aber niemand antwortete darauf, es war dies augenblicklich ja auch Nebensache. Und in geschlossener Reihe, – Philipp, der die Großmutter unterstützte, mit ihr voran, – gingen sie über die noch immer mit Eisstücken bedeckte Straße dem Weinberge zu, die Kinder hinterdrein. Peterle lief diesmal gerne mit, denn das war doch etwas Neues, Unterhaltendes. An den Stäffelein unten machten sie halt, – es war auch gar nicht nötig, weiter zu gehen, denn hier schon, an den unterst gelegenen Stöcken, sah man die Zerstörung. Wie abgestreift waren die Rebstöcke, und unten am Boden schwammen grüne Träublein mitsamt dem Laub im trüben Schneewasser.

»Das ist noch ärger als auf den Wiesen,« sagte Kathrine und fing wieder an zu weinen. Philipp aber nickte mit dem Kopf, und nur ein kurzes: »Also umsonst das ganze Jahr geschunden!« kam aus seinem Mund. Auch die Großmutter drohte ihre Fassung zu verlassen, aber um so fester preßte sie die Hände zusammen, – Worte hatte sie im Augenblick nicht. Hannele und Peter aber waren über das Mäuerlein gestiegen und hoben die herabgeschlagenen Träublein auf. Wie hatten sie sich gestern noch darüber gefreut, daß sie für den Juni schon so nett rund und groß waren!

»Großmutterle, was fangt man denn da an?« … »Großmutter, sie werden doch hoffentlich wieder nachwachsen?« so fragten die Kinder.

Als aber der Vater mit finsterem Gesicht sagte: »Da könnt ihr lang' warten. Hin ist hin, und fürs nächste Jahr sind die Stöcke auch schon kaput,« da wurden auch die Kinder ganz still. Peter aber zupfte das Hannele an der Schürze und sagte: »Ich will heim, – komm, wir gehen voraus.« Ihm war's greulich, wenn er traurige Gesichter sah.

Und traurige Gesichter gab's, nicht nur im Wernerschen Hause, sondern auch im ganzen Dörflein. Aus jeder Haustür und aus jedem Fenster klagte und weinte es heraus, und in den Gärten standen die Frauen und hoben die niedergeschlagenen Gewächse in die Höhe und jammerten. Und die Kinder fingen an, die kleinen, unreifen Pflaumen, Birnen und Äpfelein, die in Haufen herumlagen, aufzuheben. Die konnten nicht einmal zum Schweinefutter verwendet werden.

Dann begann man mit alten, stumpfen Besen die Hagelkörner von den Staffeln und Plätzen vor den Häusern wegzukehren. Ganze Haufen Eis lagen wie im Winter nachher auf der Seite.

Der alte und der junge Arbeiter hatten dabei noch geholfen. Dann aber standen sie in der Stube und wußten nicht mehr recht, was sie anfangen sollten. Philipp, der von neuem brütend in einer Ecke saß, sagte kurz:

»Geht nur heim, – geschafft ist jetzt für lange hinaus.« Er stand auf und holte aus seiner Kommodenschublade sein Geldbüchschen, – gar zu viel war nie darinnen.

»Da, Schluß!« sagte er und gab jedem die vorher ausbedungenen zwei Mark Tagelohn. Davon abzuzwacken, weil es so gekommen, wie es war, widersprach seinem Gefühl, – die Männer konnten ja auch nichts dafür. Der Junge steckte das Geld ein und sagte:

»Heillos ist's. Und wo unsereiner jetzt wieder ein Unterkommen finden wird, da kann man lang' suchen. Jetzt heißt's wieder in die Fabrik gehen, wenn die Herren auch dort das Beste vom Verdienst abzwacken.« Damit setzte er seine Mütze auf und ging.

Der Vetter aber legte ruhig sein Zweimarkstücklein auf den Tisch und sagte: »Schreiner Philipp, ich tät mich der Sünde fürchten, heut einen Lohn von Euch anzunehmen, wo Ihr doch so schwer betroffen seid! Warum's so gekommen ist, weiß allein unser Herrgott, und wir wollen's alle miteinander tragen. Wenn's der Bas« – er meinte damit die Großmutter – »recht ist, so komm' ich morgen und helf' ein bißle aufräumen, und dann kann man ja weitersehen. Wir binden dann die Reben wieder auf, und im Garten kann man alleweil später noch Salat setzen, und Gemüse wächst auch noch nach. Den Kartoffeln wird's nicht viel geschadet haben, das wollen wir hoffen. Und im übrigen ist noch nie jemand verhungert, – eine Hilfe kommt alleweil wieder von irgendwo her!«

Auch der Alte ging, und nun war's Abend, und ein jedes verrichtete mechanisch sein alltägliches Geschäft. Aber wie eine Riesenlast lag es auf einem jedem.

Die Mutter war im Stall, der Vater in der Werkstätte, Hannele hatte sich zur Großmutter gemacht und sich ganz nahe zu ihr, die noch wie mit zerschlagenen Gliedern auf der Ofenbank saß, gesetzt. Das Mariele lag in seinem Korbwägele daneben, es spielte ganz brav mit seinem Gummi-Wauwau, war so stillvergnügt und tat so gut, als ob es wüßte, daß es jetzt keine besonderen Ansprüche machen dürfte.

»Großmutter, was ist denn jetzt? Wie wird's auch werden?« fragte Hannele ängstlich. »Ist's denn wahr, was der Vater gesagt hat, daß man die Bläß verkaufen müsse, wenn man kein Futter mehr hat? – Das kann doch gar nicht sein, Großmutter? Die Bläß brauchen wir doch so notwendig. Von was sollen wir denn Brei und Suppe machen? Und das Mariele muß doch seine Milch haben.«

Der Großmutter Hände lösten sich auseinander, und mit einem tiefen Seufzer faßte sie mechanisch nach dem neben ihr liegenden Strickzeug und versuchte einige heruntergefallene Maschen wieder aufzunehmen. Aber es ging nicht, denn es flimmerte ihr vor den Augen. Sie ließ das Gestrick wieder sinken und fuhr sich mit der Hand über die Stirn.

»Im Augenblick, Hannele, kann ich dir noch auf gar nichts antworten, – man ist ganz wie vor den Kopf geschlagen! Aber steh einmal auf und hol' mir mein Gesangbuch herunter. Es ist da ein Vers, den meine Mutter schon angestrichen hat, wenn sie in Not und Sorgen war.« Und als Hannele mit dem Gewünschten wieder von oben herabkam, da setzte die Großmutter ihre Brille auf, suchte ein bißchen in dem Buche, und dann las sie das alte Kraftlied, das schon so viel Tausenden, die im Leben nicht ein noch aus wußten, Trost gegeben hat:

Befiehl du deine Wege,
Und was dein Herze kränkt,
Der allertreusten Pflege
Des, der den Himmel lenkt.
Der Wolken, Luft und Winden
Gibt Wege, Lauf und Bahn,
Der wird auch Wege finden.
Da dein Fuß gehen kann.

»So, – Schluß!« sagte die Großmutter und nahm die Brille wieder ab. »Und jetzt seh' ich wieder hinaus. Jetzt weiß ich, daß es doch noch einen Weg gibt, vorhin hab' ich ihn nimmer gesehen. Aber er ist da, und unser Herrgott zum Helfen auch!«

In dem Augenblick kam Peter herein und hatte sein ganzes Wachstuchschürzlein voll kleiner wuselnder Hasen, die er der Großmutter in den Schoß legte. Wollte niemand mit ihm hinausgehen, um sich das anzuschauen, was ihn doch so furchtbar freute, so brachte er's eben herein. Das Büble mochte wohl auch unbewußt fühlen, daß eine kleine Ablenkung am Platze sei.

»Großmutterle, guck, wie nett! Siehst, was das eine für ein rotes Schnäuzle hat? Und das da hat ein schwarzes und ein weißes Ohr, und das ganz graue, – sieht das nicht aus wie ein Palmkätzle?« Er hob das letztgenannte bis dicht unter das Gesicht der Großmutter, daß diese fühlen solle, wie weich das Pelzchen sei. Und Hannele, die inzwischen das auf ihren Arm begehrende Mariele aufgenommen hatte, stand dabei, und alle, sogar die Großmutter, mußten herzlich lachen, wie die Hasenmutter sich in die Höhe streckte und das Kleine am Bein zu sich herunterziehen wollte, und es war wirklich nett.

»Na, da geht's ja lustig zu! Wahrhaftig, ihr könnt auch noch lachen, wenn's so bei einem steht, daß man am liebsten auf und davon möchte!« sagte der Vater, der eben wieder von der Werkstatt in die Stube gekommen war. »Hab' wollen schaffen, aber was nutzt's auch? Man tät' am besten gar nichts mehr, wo alles andere hin ist!«

Die Kathrine kam eben mit einem Topf voll frisch gemolkener Milch herein, den sie auf den Tisch setzte. Sie hatte die letzten Worte noch gehört und sagte, wenn auch noch mit Tränen in den Augen: »Ich mein', erst recht schaffen wollen wir jetzt, Philipp! Hab' mir's überlegt: Wenn's jetzt draußen keine Arbeit gibt, so kann ich ja in die Fabrik gehen, das Hannele und die Großmutter passen mir schon auf die Kinder auf. Und, Philipp, wir sind ja gottlob beide gesund und kräftig, da müßt's doch kurios zugehen, wenn wir nicht miteinander dies neue Unglück überwinden könnten.«

Die Großmutter nickte freudig, – ja, die Kathrine, die war tapfer! Und nachdem man die Milch getrunken und Schwarzbrot dazu gegessen hatte, – Durst und Hunger hatten alle trotz der schweren Erlebnisse, – da setzte sich die Großmutter mit Kathrine und Hannele noch zusammen, – Philipp war in den Roten Ochsen gegangen. Er tat's nicht oft, aber heute gönnte man's ihm, daß er sich dort noch ein wenig vergessen und aussprechen konnte.

Kathrine sagte: »Gleich morgen gehe ich zum Spinnmeister in die Fabrik. Was so junge Mädchen zustande bringen, das werd ich wohl auch lernen können!«

Und Hannele war an diesem Abend trotz allem Traurigen doch eigentlich sehr beglückt über die Aussicht, daß das Mariele künftig, wenn die Mutter abwesend sein würde, ihr noch mehr als bisher gehöre.


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