Autorenseite

 << zurück weiter >> 

15.

Der Binsenhofbauer war zu erregtem Handeln aufgewacht. Alles sank hinter ihm zusammen. Das Gewissen schlief ein, der Fluch des Binsenhofes war ein wesenloser Schemen geworden, Weib und Kind bedeuteten ihm nichts. Stoßweise kam noch etliche Male das Entsetzen im Gedenken der Stunde, da ihn die wilden Männer umdrängt hatten, aber es verlor an Gewalt. Nun er auf seinem Hofe saß in Sicherheit und gewohnter Macht, nun überwog die Scham. Der Bauer von den Häuslern jämmerlich zerschlagen! Zertreten ungeschriebenes, aber alt heiliges Recht, das Recht auf Achtung. Abgeschüttelt die Pflicht der Demut, des stillen Sichbescheidens, die Häuslererbteil waren. Austun muß man sie, alle, alle!

Der Vorsteher lud ein. Gut. Meint er, allein regieren zu können, weil er Vorsteher ist? Was ist er mehr als die anderen? Man hat ihn gewählt, man kann ihn davonjagen.

Der Binsenhofbauer ist unterwegs. Unterwegs vom Buchenhofe zum Kreuzbauern, von da zum Leinert, dann zum Bauern an den drei Tannen. Dazwischen hinein einmal zu Reisiger, wo er den Valentin Heubacher trifft.

»Was sagst du jetzt, Schneider? Sollte man sie nicht totschlagen, wie wilde Tiere? Was?«

Der Schneider trieft von Huldigung. »Bauer, die Berge müßten einfallen, die Felsen niederbrechen, die Bäche aufwärts rinnen, gäbe es eine andere Antwort auf das, was sie dir getan haben, die Tiere. – Wirt, zahlen möcht ich.«

»Bleib sitzen, Schneider. Schreib mir an, Reisiger, was der Schneider trinkt. – Ja, was sagst du?«

»Zu dienen, vielen Dank, Heidecker. Zum Wohle! – Ja, was soll man da sagen? – Ich bin Diplomat und sozusagen auch ein Häusler – –«

»Du? Du bist doch der Schneider.«

»Du meinst wegen der Bildung. Ich war Zuschneider. Ja, also, so gewissermaßen hast du recht, ich bin ein gebildeter Mann.«

»Was bist du?«

»Ein gebildeter Mann, zu dienen, ich meine – –«

»Red' keinen Unsinn! Der Schneider bist du.«

»Eben darin liegt es. Wir sind Künstler, sinnige Leute, haben Zeit, uns in viel hineinzudenken, wenn die Nadel durch das Tuch fährt, und den Dingen auf den Grund zu gehn, und da habe ich gedacht – –«

»Was hast du gedacht?«

»Ich bin Diplomat und sage nichts, aber soviel sage ich doch: Es muß ein Ende gemacht werden.«

Heidecker schlug auf den Tisch. »Das ist es. Ein Ende muß es geben. Wie sie mich geschlagen haben!« '

»Die Häusler, die armen, den Herrn!«

»Arm oder nicht. Ich bin auch kein reicher Mann, aber ich bin ein Bauer und der Herr auf dem Hofe und über die Häusler, die aus meiner Hand leben. – Ich war bei dem Kreuzbauern und dem Buchenhofbauern und dem Leinert und – –«

»Das warst du? Ja und was habt ihr ausgemacht?«

Heidecker sah ihn mißtrauisch an. »Schneider, du bist ein Schneider! Trotzdem. Also: Was sagst du zu dem Vorsteher?«

»O, was soll man da sagen? Ich bin Diplomat – –« Er wiegte den Oberkörper hin und her, und in seinen scharfen Augen lag lauernde Spannung.

»Was sagst du?« fragte Heidecker mit starker Stimme.

»Er ist ein Mann, ein Mann – –«

»Der viel redet und hernach nicht danach tut.«

»Das eben wollte ich sagen, zu dienen. Aus dem Munde genommen hast du mir das Wort. Ein Mann, ein Mann – –«

»Hat er uns nicht gelehrt, hart zu sein? Ja oder nein?«

»Er ist ein Mann – –«

»Schwatz nicht, Schneider. Er ist ein Mann! Altes Weib du! – Hat er nicht gesagt: Brechen, biegen nicht? Das hat er. Wie viele hat er bei sich ausgetan? Wie viele? Keinen. Was sagst du dazu?«

»Ich bin Diplomat.«

»Ein Schaf bist du. – Bei sich keinen. Warum? Sind seine Leute besser als unsere? Vorsichtig war er, schlau, hat uns vorweggeschickt. Wir mußten sie zerbrechen. Das hat die Furcht unter ihnen aufkommen lassen. Die hat er genutzt. Er hat geerntet. Ist keiner bei ihm aufsässig geworden. Uns schlagen sie! Verdammt! – Ich bin auf den Höfen gewesen, auf allen. Wir haben einen Bund geschlossen, zusammenzustehen gegen die Häusler und gegen den Vorsteher. Er hat gemeint, auch mich furchtsam machen zu können. Was weiß er? Was weißt du, Schneider?«

»Ich? Von dir?«

»Siehst du? Weißt du etwas? – Der Vorsteher soll daher treten. Ich habe den Meißner herausgetan und die Lisa hinein.«

»Lisa? Die ist bei dem Vorsteher.«

»Schneider, du bist verrückt.«

»Bauer, ich könnte dir übelnehmen, was du sagst.«

»Unsinn! Du bist doch der Schneider.«

»Um deswillen erst recht, aber ich tue es nicht. Zum Wohle, Heidecker! Ja, und Lisa ist bei dem Vorsteher. Ich habe sie gesehen.«

»Wann?«

»Gestern trug ich eine Joppe hin.«

»Was will er von Lisa? – Siehst du, so nimmt er uns die Leute. – Lisa beim Vorsteher! Es ist gewiß wahr, Schneider?«

»Bei meiner Seele!«

»Ich weiß nicht, was die wert ist. Aber Lisa ist bei dem Vorsteher!« Der Bauer war bleich und stützte den Kopf in die Hand. »Und ich bin von Hof zu Hof gegangen.«

»Was wollt ihr?«

»Die Häusler austun. Allesamt. Und die zu Kreuze kriechen auf Gnade und Ungnade wieder annehmen, aber über ihren Köpfen soll das Beil hängen. Fahren sie auf, dann lassen wir fallen. Den Vorsteher aber wählen wir nicht wieder. – Lisa ist bei dem Vorsteher!«

»Bauer, nun muß ich heim.«

»Ich auch.« Der Binsenhofbauer zahlte und ging mit Valentin Heubacher den Saugraben hinauf. Dann schwenkte der nach seinem Häuslein ab.

»Lang' die Elle her!« gebot er seinem Weibe.

Die holte das Marterholz, lachte und zitterte. Schrecklich, daß die alten Zeiten wiederkamen und doch: Gott sei Dank! Nun wurde sie wieder ihres Mannes Weib. Das war sie seit Jakob Sindigs Gericht am Bleiloche nicht mehr gewesen. Hermine Heubacher kauerte nieder wie ein Hündchen, und der Schneider sang. Er sang lange, und sein Weib fragte, ob es noch nicht genug sei. Da lachte der Tyrann und warf die Elle in die Ecke. Dann umfaßte er sein Weib, schwenkte sie herum und jauchzte: »Jetzt wird, was ich lange gewollt habe.«

»Du bist wieder gut?« fragte das Weib.

»Ja,« lachte der Schneider, gab ihr einen Kuß und sagte: »Eigentlich muß man sich das Maul abwischen, wenn man dich geküßt hat, aber heute ist mir's feierlich zumute. Ah, wenn sie sich auffressen, dann – – Und jetzt habe ich einen Weg zu gehn.« – –

Als der Schneider dem Vorsteher berichtet, was ihm der Binsenhofbauer verraten, saß der eine Weile sinnend da.

»Man sollte es nicht für möglich halten, so dumm ist es,« sprach er langsam, »aber eben weil es so dumm ist, darum ist es möglich.«

»Vorsteher,« bettelte der Schneider, »du sagtest, daß du mich freigeben wolltest, bei deinem Eide, wenn ich dir einen großen Dienst geleistet hätte.«

» Wenn du mir den geleistet haben wirst. Jetzt noch nicht. Ich weiß, worauf du lauerst. Nicht, daß ich dich fürchte, aber ich bin gewohnt, mein Wort zu halten, wenn ich es gebe. Noch ist nicht der Tag, dich freizugeben.«

Heubacher ließ den Kopf sinken.

»Am Sonnabend kommen die Bauern zusammen. Du brauchst nicht dabei zu sein, Schneider. Gute Nacht.«

Der Schneider ging. Als der Vorsteher, durch eine Hintertür hinausgelangt, zur Seite seines Hoftores stand, sah er, wie der Schneider drohend die Hand gegen den Hof reckte. Er lächelte. »Eigentlich hätte man ihn und den Binsenhofbauern lange anzeigen müssen, aber Tote macht man damit nicht lebendig und Lebende durch die Furcht eher unschädlich, als wenn sie nach zehn Jahren Zuchthaus als freie Leute zurückkehren. Jeder ist sich selbst der Nächste, und den Schneider brauche ich.« –

Geschlossen, alle zusammen, kamen am Sonnabend die Bauern, nicht einzeln und zu verschiedener Zeit, wie das sonst gewesen war. Schon das deutete an, daß sie untereinander einig waren.

Der Vorsteher hatte ein leises, überlegenes Lächeln um die Lippen, als er die trockenen Gesichter sah, die Gleichgültigkeit heuchelten und die Erregung doch nicht meistern konnten.

»Das ist gut, daß ihr zusammen kommt,« begann er, »so brauchen wir auf keinen zu warten. – Ich will euch um eure Meinung fragen. Was soll mit denen geschehen, die über den Binsenhofbauern herfielen? Ich bin der Meinung, man zeigt sie an.«

»Ist in Bergroda nie ein Richter gewesen außer uns,« sagte der Buchenhofbauer mit seiner tiefen Stimme. »Wir machen das allein aus.«

»Gut. Und wie?« fragte der Vorsteher.

»Welches ist deine Meinung?« setzte der Kreuzbauer dagegen.

»Ihr wollt sie hören?«

»Ja.«

»Ich bin der Meinung, man übergibt die Sache dem Gericht. Wenn ihr das aber nicht tun wollt: man läßt es auf sich beruhen.«

»Und die Schande?« fragte der Leinert.

»Die Schande trifft nur einen. Der mag sehen, wie er damit fertig wird.«

»Ist das die Einigkeit, die du uns lehrst, Vorsteher?«

»Hm. – Geht euch des Binsenhofbauern Geschick so nahe?«

»Ja; denn er ist, was wir sind.«

»Ist er auch, wie ihr seid?«

»Wie meinst du das?«

»O, ich meine, habt ihr auch einen hungernden Haufen abgewiesen?«

Sie schwiegen. Dann warf sich der Kreuzbauer auf.

»Du hast zugegeben, daß Jakob Sindig des Adam Eberlein Haus kaufte, mir aus den Fingern kaufte.«

»Ja. Damit wollte ich den Sindig in das Geschirr spannen. Wäre er in das Häuslein gezogen, hätte ich ihn in den Gemeinderat aufgenommen.«

Etliche fuhren auf ihn drein. »Bist du verrückt, Vorsteher? Den Hergelaufenen!«

»Der Hergelaufene könnte ein Bauer sein wie ihr, wenn er gewollt hätte. Aber es ist ja nun nicht nötig, was ich vorhatte. Sindig sitzt am Moore. Da sitzt er fest.«

»Ja. Das hat er trockengelegt, und es weht eine scharfe Luft von da droben her. Die läßt die Leute die Köpfe recken. Das Armenhaus wird das Moor.«

»Ist das meine Schuld?«

»Der Binsenhofbauer müßte es seinem Weibe wieder aus den Fingern nehmen, aber er will es nicht.«

»Ich möchte es auch nicht,« sagte der Vorsteher lächelnd, »müßte immer an den Kaspar denken, der im Eise festgefroren war.«

»Das ist lächerlich,« widersprach der Leinert, »aber von dem Moore geht aus, was die Leute unzufrieden macht, und du tust nichts dagegen.«

»Was sollte ich dagegen tun?«

»Den Sindig ausweisen.«

»Hahaha! Hat er gestohlen oder einen totgeschlagen? Wißt ihr etwas? Ich höre, er lebt still für sich. Nicht einmal zum Dreikönigstanze kam er.«

»Rede dich nicht heraus, Vorsteher!«

»Gar nicht. Ich werde überhaupt nicht viel reden. Gegen eine beschlossene Sache renne ich nicht an.«

»Was weißt du von dem, was wir abgemacht haben!«

»Glaubt ihr, ich sähe nicht, wo das hinaus will? Ich sähe nicht, daß ihr untereinander einig seid? Ich wüßte nur gern, was ihr vorhabt.«

»Willst du es in die Hand nehmen, dem Binsenhofbauern Genüge zu schaffen?«

»Meine Meinung habt ihr gehört.«

»Gut, so tun wir, was wir müssen, und du wirst so viel von dem, was du uns früher lehrtest, halten, daß du nicht anders tust.«

»Darauf hofft nicht zu stark. Ich tue, was ich für richtig halte. Das aber ist heute so und morgen anders, je nachdem.«

»So hast du früher nicht gesprochen. Da sagtest du, daß einer für den anderen einstehen müsse.«

»In vernünftigem Handeln, ja. Doch laßt hören, was ihr wollt.«

»Ein Exempel müssen wir statuieren.«

»Richtig. Sie haben auch eines statuiert.«

»Was dem Binsenhofbauern dieses Jahr geschah, kann uns im nächsten geschehen.«

»Mir nicht.«

»Bist du darin so sicher?«

»Ja. Doch weiter.«

»In dem Binsenhöfer haben sie uns alle getroffen. So wollen wir uns alle wehren.«

»Ihr sprecht soviel um die Sache herum, daß mir scheint, sie ist euch selber nicht nach dem Herzen.«

»Es ist nichts Leichtes, und wir sähen es gerne, wenn du uns vorangingest.«

»Ah. Ich oder ein neuer Vorsteher. In zwei Jahren ist meine Zeit um. Bis dahin stehe ich fest. Laßt endlich hören, was ihr wollt.«

»Sag selbst, muß nicht ein Exempel statuiert werden?«

»So statuiert es doch.«

»Das wollen wir. Binnen heut und acht Tagen haben wir sämtlichen Häuslern die Schuld gekündigt, ob klein oder groß.«

»Ob klein oder groß. Ganz richtig,« sagte der Vorsteher, und in seinen Augen begann es zu glimmen.

»Wer von ihnen zahlt, gut, er ist frei. Wer nicht zahlt, verpflichtet sich bei Leib und Leben, es zu halten, wie es zu unserer Väter Zeit war. Erst die Hofsaat, dann die Häuslersaat, erst die Hofernte, dann die Häuslerernte.«

»Wieviele, meint ihr, werden zahlen?«

»Keiner.«

»Und weiter?«

»Der Lohn wird auf das frühere herabgesetzt.«

»Sehr klug. Auf das frühere. Die bleiben wollen, müssen mit Leib und Seele versprechen – –«

»Hofsaat vor Häuslersaat, Hofernte vor Häuslerernte.«

»Wieviele werden den Eid ablegen?«

»Das wissen wir nicht. Die aber, die sich wehren, tun wir aus.«

»Und die Häuser?«

»Bleiben leer.«

»Und die Äcker?«

»Versteinen.«

»Das habt ihr beschlossen?«

»Ja.«

»Alle?«

»Ja.«

Laut polternd gingen die Bauern, aber obwohl etliche stutzig geworden waren, feuerten sie sich doch unterwegs wieder an zu gemeinschaftlichem Handeln. – –

Es ist mancher Sturm durch die Waldtäler gegangen, manch Gewitter hat die Häuser in ihren Grundfesten erschüttert, aber nie war das Unwetter so furchtbar wie das, das reichlich acht Tage nach dem Dreikönigstage losbrach. Häuslein bei Häuslein schlug der Blitz ein. In vier Wochen oder in einem Vierteljahr, je nachdem, hast du dein Geld bezahlt oder du gehst fort von der Stätte, da du geboren bist, gelebt hast und deine Kinder hast wachsen sehen.

Winseln und Weinen scholl in die Winternächte, Fluchen und Beten. Wenn sie sich auf den Wegen begegneten, so wunderte sich einer über des anderen eingefallenes Gesicht und seine glanzlosen, tief liegenden Augen.

Gebückte Greise schlichen auf die Höfe. »Bauer, hab Erbarmen!«

»Wohl, aber bei Leib und Leben: Hofsaat vor Häuslersaat und Hofernte vor Häuslerernte.«

»Ja«

»Bei Leib und Leben?«

»Bei Leib und Leben.«

»Und der Lohn wird auf das herabgesetzt, was ihr früher hattet.«

»Bauer, sei barmherzig. Es war doch nur ein Geringes, das ihr uns mehr gabt.«

»Entscheide dich!«

»Ich nehme an.«

»Gut.«

»Und wir dürfen bleiben?«

»Ihr dürft bleiben.«

»Hab Dank, Bauer.«

Die Alten gingen gebückt. Ein Frost rann ihnen über den Rücken, aber es war ihnen doch warm ums Herz. Wir dürfen bleiben. Das andere? Was ist es viel anders als früher?

Draußen wurden die Bittenden erwartet.

»Was hast du ausgerichtet?«

»O, es ist alles, wie es früher war, wir dürfen bleiben.«

»Warum kündigen sie uns dann? Wozu der Lärm und die Angst?«

»Einen Eid wollen sie haben, daß Hofsaat vor Häuslersaat und Hofernte vor Häuslerernte geht.«

»Darauf einen Eid?«

»Ja, und den Lohn setzen sie wieder auf das frühere.«

»Warum nehmen sie uns den Eid ab? Sie legen uns an die Kette. Es ist nicht viel anders als früher, aber der Eid drückt. Man kann den Kopf nicht drehen und wenden. Wie in einer Zange geht man. Ich gehe nicht hinein.«

Dann schlich im Dunkeln wieder der und jener auf den Hof.

»Bauer, ich nehme an.«

Aber die Leute schämten sich, denen zu begegnen, die sich nicht beugen wollten.

»Mit dem Eide binden wir uns und geben uns ihnen in die Hand,« sagten die Widerstrebenden.

Sie saßen zusammen. »Weiß keiner einen Ausweg?«

Einer nannte den Namen Jakob Sindig.

Sagte keiner, daß er zu ihm gehen wolle, aber als einer auf dem Wege zu ihm war, da traf er einen anderen, der bereits von ihm kam.

»Was hat er gesagt?«

»Er kann mir das Geld nicht geben.«

»Will er nicht?«

»Er sagt, das Geld gehöre seiner Schwester, er habe es ihr geschenkt.«

»Was tun wir nun?«

»Ich weiß es nicht, aber die Köhler haben auf die Kohlstätten geladen. Vielleicht, daß da ein Ausweg gefunden wird.«

»So gehe ich da hin.«

»Ich auch.« –

Der Binsenhofbauer glaubte von dem Vorsteher gelernt zu haben. Er wollte klug sein wie der. Wenn er Richard Meißner das Häuslein, das nun leer stand, wieder anbot, so würde der es mit Dank annehmen.

Er sandte Wilhelm an das Moor hinauf, dem Meißner das Angebot zu verkündigen.

Wilhelm richtete aus, was ihm aufgetragen war. Jakob Sindig stand wartend neben Meißner und hatte einen roten Kopf. »Sage dem Bauern,« sprach Meißner, »ich würfe ihm sein Gutmeinen vor die Füße, wie Lisa die Hacke. Was er besudelt hat, das nehme ich nicht wieder an.«

Da legte ihm Jakob Sindig die Linke auf die Schulter, drückte seine Rechte und sagte: »Das war ein Wort!«

Mit der Antwort kam Wilhelm auf den Hof.

»Das hat der Meißner gesagt?« fragte der Bauer. »Und was sprach der Lange dazu?«

»Das sei ein Wort.«

»Es ist gut.«

Als Wilhelm die Stube verlassen hatte, trat der Bauer vor sein Weib. »Schicke den Sindig fort!«

»Nein.«

»Dann werde ich ihm aufsagen.«

»Er ist nicht mehr auf dem Hofe.«

»Weib!«

»Ich habe einen Vertrag mit ihm gemacht. Er arbeitet um das halbe Land. Ich kann ihm keinen Lohn geben.«

Der Bauer faßte sie hart am Handgelenk. »Du! – Hältst du es mit – – dem Sindig?«

»Gib meine Hand frei. Ich antworte dir nicht.«

»Ich will dich den Herren spüren lassen!«

»Gib dir keine Mühe, du zerbrichst mich nicht.«

Der Bauer hob die Faust wie damals, als sein Weib die Hungernden gespeist. Die aber trat dicht an ihn heran. »Das laß, ich rate dir!«

Am Abend loderte des Meißners Häuslein in Flammen auf. –

Jakob Sindig arbeitete, arbeitete wie ein Tier, um sich zu betäuben. So viele waren bei ihm gewesen, und er hatte sie mit leeren Händen ziehen lassen müssen. Die mußten sich den Bauern verkaufen. Die Schollen brachen unter seinen Hieben. Hart polternd purzelten sie übereinander. Tief hinein fraß die Hacke in das Moor, von allen Seiten der Mitte zu. Und bei der Arbeit das schmerzhafte Denken. Als ob das Erbarmen mit Fäusten auf ihn losschlüge. Dann ein Ausweg.

Wieder wanderte einer von Hof zu Hof. Der hatte düstere Augen, und eine Strähne dunklen Haares hing ihm in die Stirn, gerade wie damals, als er nach dem Leben hungerte. Seine Seele schrie in Hunger. Für die andern schrie sie.

Jakob Sindig war bei dem Vorsteher gewesen. Der hatte ihm erklärt, daß die Bauern ohne ihn auf eigene Faust handelten. Einer der Häusler des Vorstehers aber, den Jakob im Fortgehen traf, berichtete ihm, daß ihr Herr ihnen den Lohn erhöht, und daß er Häuslersaat vor Hofsaat und Häuslerernte vor Hofernte gestellt habe.

Da drehte Jakob Sindig wieder um, ging abermals nach dem Hofe, ergriff des Vorstehers Hand, drückte sie und sagte: »Vorsteher, du bist ein guter Mann, so hilf mir doch.«

»Gut?« Der Vorsteher lächelte. »Die andern sind dumm. Wie du mich danach nennen willst, das weiß ich nicht.«

»Wir wollen uns zusammentun, den Häuslern zu helfen.«

»Nein, Jakob Sindig, vergiß nicht, daß ich ein Bauer bin.«

Andere Bauern lachten Jakob Sindig aus. Etliche wiesen ihn schroff ab und sagten, er sei schuld daran, daß gekommen sei, was nun soviel Not mache.

Davor zitterte der Mann. »Ich? Um Gottes willen!«

»Du hast ihnen den Rücken gesteift.«

»Bauer, ich habe ein Jahr lang kaum mit einem von ihnen gesprochen, und wenn sie zu mir gekommen sind, dann habe ich zum Guten geredet.«

»Gleich, du bist schuld.«

Jakob Sindig begehrte nicht auf. Er war traurig und ging heim an das Moor. Sein Weg war vergeblich gewesen.

An der Tür des Moorgutes fand Jakob einen Zettel. Darauf stand: »Komme am Sonntage nach dem Köhlerplane.«

Er zerriß das Papier in Fetzen.

Am Sonntag kreiste unter dem Haufen derer, die in einer der Köhlerhütten saßen, die Flasche. Es war eine ansehnliche Versammlung. Köhler, Flößer, Häusler. Die Stimmen gingen laut durcheinander. Der ist zu Kreuze gekrochen und der. Des Meißners Häuslein ist niedergebrannt. Meint ihr, das sei von ungefähr geschehen? Der Leinert hat des Schreckenbachs Hütte niederreißen lassen, weil der den Bauern gegen die Wand geschleudert. Wo ist der Schreckenbach? Er war ein Köhler geworden, hatte sich seit Tagen nicht gewaschen und trug trotzig den Ruß im Gesichte, um darzutun, wie er sich gewandelt.

»Was wollt ihr von mir?« fragte Schreckenbach.

Sie wollten wissen, ob sich der Bauer gewehrt habe.

»Gewehrt? Hm, ich weiß es nicht. Aber wäre er auch dreimal so stark, als er ist, ich hätte es doch getan.«

Aust und etliche der Führenden gingen wartend vor dem Hause auf und ab.

»Wird er kommen?« fragte einer.

»Wenn er weiß, um was es geht, dann kommt er,« sagte Aust.

»Wozu brauchen wir ihn?« warf der Köhler Siebert ein.

»Er hat gezeigt, daß er Herz hat. In der Faust und unter der Weste,« sprach Aust. »So einen brauchen wir. Hat einer den Vorsteher übermocht außer ihm? Hat einer den Bauern ein Häuslein aus den Klauen gerissen außer ihm?«

»Warum tut er mit den anderen nicht ebenso?«

»Es sind zu viele. Das vermag er nicht.«

»Kann er das nicht, so kann er uns auch nicht helfen. Wozu wollen wir auf ihn warten? Wir wissen unseren Weg.«

»Nein. Gehen wir ihn, so wird es Gewalttat. Geht er uns voran, so ist es Gericht. Er ist klug und gerecht. Man muß ihn hören.«

Die Männer kehrten in die Hütte zurück.

»Worauf wartet ihr?« fragten andere.

»Jakob Sindig ist noch nicht da.«

»Wir brauchen ihn nicht. – Welchem der Höfe gilt es zuerst?«

»Wir müssen einen Bund machen. Jeder soll dazu schwören. Auf ein Losungswort. Wenn Neumond ist, dann schlagen wir los. Welchen der Höfe zuerst? Was sagt ihr zum Binsenhofe?«

Aust schlug auf den Tisch. »Hier hat der Schneider gestanden und gesagt, der Führer habe uns bisher gefehlt. Das war vernünftig, Schneider! Wo ist der Schneider?«

»Hier!«

»Mit wem hältst du es? Was ist deine Meinung?«

»Ich bin Diplomat – –«

Ein baumlanger Köhler hob die Faust. »Schneider, nicht zweizüngig. Zu wem hältst du?«

»Laß mich ausreden, Grobian. Ich bin Diplomat und – Häusler.«

»Also,« riefen etliche.

»Was ist deine Meinung über Jakob Sindig?« fragte Aust.

»Die du hast.«

»Er muß her,« rief Aust.

»Warum ist er nicht da?« fragten die Ungestümen erneut. »Ist er nicht geladen?«

»Er ist geladen durch den Ladebrief.«

»So sollte er da sein.«

»Ihr könnt ihn nicht zwingen, und er ist kein Häusler.«

»Ist er nicht, was wir sind, so brauchen wir ihn nicht.«

»Wann schlagen wir los?« brüllte Schreckenbach.

»Geht heim,« donnerte Aust. »Nicht ohne Jakob Sindig! Geht heim!«

»Wir tun es auf eigene Faust,« murrten einige.

Aust sprang vor. »Die Hand hoch, die Schwurhand! Hoch, sage ich. Schwört: Keiner allein! Schwört!«

Murrend sprachen sie es nach: »Keiner allein!«

Darauf Aust: »Geht heim! Ich lade euch über acht Tage wieder her. Bringt mit, die noch abseits stehen.«

»Und wenn der Lange dann noch nicht da ist?«

»So warten wir, bis er kommt.«

»Verdammt!«

»Denkt an den Eid!«

Zwei Tage darauf fand Jakob Sindig wieder einen Ladebrief an der Tür. »Komme am Sonntag auf den Köhlerplan. Die Bauern verlangen einen Eid auf Tod und Leben. Es geht um die Höfe!«

Jakob saß düster in der Stube. Er hatte Jeremias erzählt, wohin sie ihn zu kommen aufforderten.

»Gehe nicht hin,« bat der. »Sie reißen dich in ihr Elend hinein.« Und Annedore sagte das gleiche. Richard Meißner aber setzte dagegen: »Warum soll er nicht gehen? Sie vertrauen ihm. Damit ist ihm viel in die Hand gegeben. Vielleicht, daß sie ohne ihn sind wie die Kinder oder auch wie wilde Tiere. Er kann sie klug machen oder – bändigen. Es steht auf des Messers Schneide. Ich rate ihm, hinzugehen.«

Jakob Sindig dachte nach über das, was Meißner gesprochen. Es lag Verstand darin und Wahrheit, aber es widerstrebte ihm doch, dem Rufe Folge zu leisten. Wie Tiere seien sie oder wie Kinder, hatte Meißner gesagt. Wie Kinder. Schlugen auf ihre Herren los. Aber man konnte das verstehn. Heidecker hatte sträflich dumm gehandelt.

Nacht ringsum, finstere, drohende Nacht. In der Nacht aber ein Licht, ein langer, langer Strahl aus dem Moore im deutschen Flachlande. Gottfried Menger schrieb an Jakob Sindig. Es ging ihm gut, ihm und seinem jungen Weibe. Sie hätten schon allerlei vorwärtsgebracht. Wilm Larns hatte etliche Zeilen darunter gesetzt. »Ich habe nun Antje Dollmen geheiratet,« schrieb er, »und wenn uns der erste Junge geboren wird, dann sollst du Pate sein, Jakob. Wischen läßt dich grüßen und wünscht dir alles Gute. Sie hat den Witwer Hinrichsen geheiratet. Er hat drei Kinder, und Wischen hat schon rechtschaffen was Mütterliches an sich.«

Der Brief war der lange, grade, helle Strahl.

Jakob Sindig schrieb wieder. Noch am selben Abend setzte er sich hin. Es wurde ein langes Schreiben. Die Bauern seien dumm, hätten es auf die Spitze getrieben, aber auch die Häusler seien töricht. Nun schrien sie nach ihm, und ob er schon nicht wolle, er wisse doch, daß es ihn hintreiben werde, wo sich die Leute in ihrer Not besprächen. Jakob Sindig bat den Freund in dringenden Worten, herzukommen. Was Gottfried Menger geglückt sei, das werde auch anderen glücken. –

Wieder saßen die Männer am Sonntag im Köhlerhause zusammen. Der Haufe war größer geworden, die Spannung war gewachsen. Nur mit äußerster Mühe hielten Aust und etliche andere die Explosion zurück.

»Und wenn er am nächsten Sonntag nicht kommt?« fragten die Unwilligen.

»Dann,« knirschte Aust, »dann muß man ihn totschlagen!«

»Totschlagen!« stürmte es empor.

Zwei Tage später hing der dritte Ladebrief an Jakob Sindigs Tür. Neue Gewalttaten der Bauern waren geschehen. Der Ruf war dringender, in höchster Not geschrieben

Jakob Sindig sandte Robert Lindner zu den Köhlern und ließ ihnen sagen, am Sonntag käme er.

Und am dritten Sonntag kam er, und mit ihm kamen Wilm Larns und Gottfried Menger.

»Dat is n' schlimme Sach,« hatte Wilm gesagt, »dat kokt över, un ik wet nich, ob man sich da nich die Finger dran verbrennt, aber dich sitten lan, Jakob, nein, mien Brör, dazu hev ik dich viel to lev.«

So kamen sie. Dumpfes, erwartungsvolles Schweigen empfing sie. »Das ist Wilm Larns,« machte Jakob die Leute mit dem Freunde bekannt, »der aus dem Moore, das mehr als tausend Morgen groß ist. Gottfried Menger kennt ihr. Nun laßt uns beraten. Von Anfang an. – Was geschah am Dreikönigstage?«

»Da haben wir den Binsenhofbauern geschlagen.«

»Wer?«

»Ich und ich und ich.«

»Und die Häusler? Ihr seid Flößer und damit Halbhäusler, ihr andern Köhler. Wo sind die Häusler, die ihn schlugen?«

Das war etwas Neues. Nicht einer der Häusler hatte die Hand gegen den Bauern aufgehoben.

»Wie kamt ihr dazu, euch in der Häusler Sache zu mischen?« fragte Jakob.

»Hast du gehört von dem elenden Zuge nach dem Binsenhofe?« erwiderte Aust.

»Ja. Warst du unter den Bittenden?«

»Nein, aber soll man das hingehen lassen?«

»Hm. Ihr meint, es liege ein Freispruch für euch in des Bauern Herzlosigkeit. Trotzdem war dumm, was ihr tatet. Habe ich euch nicht von Anfang an gesagt, daß ihr euch vor Gewalt hüten sollt, weil sie sinnlos ist?«

Nach langem Schweigen fuhr einer der Häusler auf: »Weißt du, wie die Bauern die Häusler knebeln? Wer ist ausgetan?« fragte er laut unter die Versammelten.

Es waren ihrer etliche da.

»Warum seid ihr ausgetan?« fragte Jakob Sindig.

»Weil wir nicht schwören wollten: Hofsaat vor Häuslersaat, Hofernte vor Häuslerernte.«

»Warum wolltet ihr das nicht beschwören? Ist es etwas anderes, als ihr gewohnt seid?«

»O ja, immerhin. War es auch schon früher nicht viel anders, so gingen wir doch nicht unter dem Eide.«

»Was sagst du dazu?« fragte Aust dringend.

»Daß die Häusler eine große, die Bauern eine größere Dummheit gemacht haben.«

Freudige Zurufe flogen zu Jakob Sindig.

»Nun habt ihr mich dreimal geladen,« fuhr er fort. »Was wollt ihr von mir?«

»Jakob,« sprach Aust, »dreimal haben wir dich gerufen. Es ist gut, daß du gekommen bist. Zweimal habe ich sie zurückhalten können, ob es das dritte Mal gelungen wäre, das weiß ich nicht. Wir haben einen Eid geschworen: Keiner allein. Damit gebe ich sie dir in die Hand. Du sollst uns vorangehn.«

»Ihr habt einen Bund geschlossen und geschworen: Keiner allein, und ich soll euch vorangehn?«

»Ja.«

»Ist es euch ernst damit?«

»Ja.«

»Gut. Damit kommen wir vorwärts. Wollt ihr tun, wie ich sage?«

»Ja.«

»So hört Gottfried Menger.«

Der sprach von seiner neuen Heimat. Er redete unbeholfen und stockend, aber wo ihn die Zunge im Stiche lassen wollte, da half das Herz nach. Gut sei das Moorland und fruchtbar und weit, unendlich weit. Hätten viele Höfe darauf Platz, jeder so groß wie die Bergrodaer Bauernhöfe, und kein Gewitterregen könne Schaden tun. Er sprach lange, und schweigend hörten ihm die Versammelten zu.

Verhalten aber murrte da einer: »Will er uns in das Moor locken?« und dort sagte einer dasselbe und stieß den Nachbarn in die Seite.

Dann stand Wilm Larns auf. Seine Stimme klang hell. »Ik bin van dar herkommen, weil ik mien Brör Jakob nich in Stich lassen wollte. Ik hev viel hört von euch, aber so schlimm hat ik mir dat nich denkt. Ik will ji seggen, wo dat fehlt. Da is all to vel Blut in eurer kleinen Gemeinde, un das Blut is dick worden, weil dat seit Jahren immer in demselben Trott geht, von Vater up den Sohn, von Sohn up den Enkel. Die Erde is zu schwer an euren Föten. Dat tut nich gaut. Wenn ji dat Land nich nähren kann, denn so mut der Überschuß forttrecken. Ihr rechnet da mit zwei, drei, wir mit dusend Mörgen. Die luern up Hänne un is got Land un will sien Frucht tragen. Denn so seid nich wie Kinder und wollt den Stock zerbrechen, wenn ji doch wißt, daß da viele Stöcke wassen in den Händen, aus denen ihr den einen rissen hevt. Un mit Dotschlag un Brennen kommt ji nich weit. Kommt mit na dat Moor. Dat is halb so schlimm als ji denkt. Einer is da heimisch worden, warum sollen dat nich zehn werden un zwanzig? Denn aber hat dat Blut Platz, un ihr besinnt euch, un die Buren besinnen sich; denn dat sollt ji wissen: Heven die Buren unrecht, so hevt ji nich recht. Ik will ji Land verschaffen, kommt mit na dat Moor!«

Die Köhler standen schweigend und betroffen an den Wänden.

»So haben wir das nicht gemeint,« sagte Aust laut.

»Ihr wolltet die Höfe zerbrechen?« fragte Sindig.

»Hm, vielleicht.«

»Und dabei sollte ich euch vorangehn? Ihr habt geschworen bei Leib und Leben. Aust, du hast mir die Leute in die Hand gegeben. Ich sage euch: Mit Klugheit, Nachgiebigkeit und Vernunft voran, nicht mit Gewalt. – Wer will mit Wilm Larns und Gottfried Menger an das Moor gehn?«

»Ich!« rief Schreckenbach ungestüm.

Damit war der Bann gebrochen. Die Leute begannen, dem Neuen in das Gesicht zu sehen. Es war ein frohes Aufatmen, nun die Schrecken, brennende Höfe und gemordete Menschen, versanken. Das Für und Wider wogte auf und ab. Der legte seine Hand in die Wilm Larns und jener, der eine zögernd, der andere herzhaft und ungestüm.

Andere aber saßen da und weinten. »Ich kann nicht fort, ich kann nicht.«

»Dann tut dich der Bauer aus,« wandten die Entschlossenen ein.

»So muß ich schwören,« klang es kläglich dagegen.

Da rief Wilm Larns in die Versammelten: »Nun kommt heran, ihr, die ihr verschuldet seid und doch nicht von euren Häuslein fort könnt. Seggt mi, wat jedermann von euch fehlt.«

Vor Erwartung zitternd, traten sie heran und nannten die Summen, die durchweg klein waren.

»Was willst du tun, Wilm?« fragte Jakob Sindig betroffen.

»En Dummheit, Jakob, aber da is nu keen Ausweg, nachdem du die erste dan hest,« lachte Wilm. »Mit en paar hunnert Dalern is da viel to maken, un soviel is mir Wischen all Dag noch wert,« endete er leise zu Sindig gewandt.

Da ging Jakob Sindig still hinaus.

Draußen zupfte ihn der greise Köhler, der lauschend in der Ecke gehockt, am Ärmel.

»Du,« sagte er dankbar und hatte Tränen in den Augen, »das ist ein Weg vom Herrgott, und jetzt glaube auch ich, daß du der Heiland vom Binsenhofe bist. – Komm, ich will dir etwas zeigen.«

Er führte Jakob den Hang hinab an den Stein, den der Riese herabgeschleudert.

»Da habe ich gesessen,« sprach der Alte, »und eine Schale gemeißelt. Du mußt wissen, ich bin achtzig Jahre. Es ging langsam. Nun bin ich fertig. Merk auf, du wirst etwas sehen.«

Er griff in die Tasche und streute Baumsamen und Körner und Brotkrumen auf den Stein. Dann pfiff er leise. Da kam es von den Bäumen herab, gewandt und in zierlichem Fluge. Finken und Meisen und Goldammern ließen sich auf dem Steine nieder, pickten das Futter, tranken von dem Wasser, das sich in der Höhlung gesammelt, und zwitscherten.

Das tat Jakob Sindig wohl, und er dankte dem Alten. Der kicherte. »Das ist ein Denkmal für dich. So leben sie von dir!« Sie kehrten zurück nach dem Köhlerhause.

»Wie weit seid ihr?« fragte Sindig, als er in die Stube trat.

Wilm Larns lachte. »Mit anderthalb dusend Dalern is dat alles abgetan. Nu sind sie meine Schuldner. Ik übertrag dat up di, dat sie guttun, Jakob, un wenn sie dat nich woll'n, denn so tust du sie ut. Goden Dag, ihr Lüt, un nu seid nich wie Kinners un nich wie wilde Tiere. Goden Dag.«

Larns, Jakob Sindig und Menger gingen.

Die Leute saßen zusammen. Die verzagt und kleinlaut gewesen waren, hatten die Hände im Schoße gefaltet, die Tränen rannen ihnen über die Wangen herab, und sie murmelten: »Nun ist alles gut, alles. In acht Tagen zahlen wir.«

Die Flasche wanderte. »Habe ich es nicht gesagt,« sprach Aust, »daß wir auf Jakob Sindig warten müßten? Was sagt ihr? – Es schüttelt mich, wenn ich daran denke, wie das hätte werden können, wenn wir auf die Höfe gegangen wären, und zuletzt wären die Soldaten gekommen. Teufel! Was sagt ihr zu Jakob Sindig?«

»Er hat uns geholfen. Aber wie wird das nun mit der Sommerarbeit? Austun können uns die Bauern nicht. Den Eid brauchen wir nicht zu schwören. Aber werden sie uns nach unserer Arbeit solche auf den Höfen geben?«

Aust lachte. »Mensch,« rief er, »das laß dich nicht kümmern. Hat es nicht der Vorsteher gesagt: Die Häusler nicht ohne die Bauern, die Bauern nicht ohne die Häusler? Sie brauchen euch. Da seid ohne Sorge.«

»Es ist wahr. Zum Wohle! Es lebe Jakob Sindig!«

Die Wilm Larns versprochen hatten, mit ihm nach dem Moore zu gehn, saßen zusammen und murrten. »Konnte er uns nicht auch die Schulden bezahlen? Warum sagte er das nicht eher?«

Schreckenbach riß sie auf. »Wollt ihr ihm aufsagen? Es ist gesagt und bleibt es. Meint ihr, es sei nun in Bergroda gewonnen?« –

An der Lokwa-Brücke blieb Wilm Larns stehen. »Jakob,« sagte er, »is dat der Weg nan Vorsteher?«

»Ja, Wilm. Was willst du bei dem?«

»O, ik will den Mann kennenlernen. Dat is 'n Bur, scheint mir. Den Weg ant Moor, dat du freten hest, find ik all von sülvst. Goden Dag, Jakob. Du, Gottfried, gehst woll nu na dien Vater?«

So trennten sie sich. Jakob Sindig stieg langsam das Tal hinan. Am Binsenhofe blieb er einen Augenblick stehen, wußte nicht, sah ihn der Bauer oder nicht. Er konnte nur eben dessen gelbes Gesicht hinter den Scheiben erkennen. Dann trat Heidecker tiefer in die Stube zurück.

Auf dem Moorgute traf Jakob die Bäuerin. Die hatte die Angst hinaufgetrieben. Wie ein Lauffeuer war es durch die Täter gegangen: Jakob Sindig kommt nach dem Köhlerplane.

Marlene hatte erfahren, welch starke Spannung über den Herzen lag, wie die Hände zuckten, den Brand zu schleudern, und daß sie geschrien hatten: Man muß den Sindig totschlagen, wenn er nicht kommt. – Nun war er gegangen. Da hatte die Angst Gertrud Heidecker hinaufgetrieben an das Moor.

»Wie ist es auf dem Köhlerplane gegangen?« fragte sie Sindig hastig.

»Sie haben mich zu ihrem Führer gemacht und sich durch einen Eid an mich gebunden.«

»Und du bist ihr Führer geworden?«

»Ja,« antwortete Jakob mit tiefer Stimme.

»Um Gott!«

Jakob Sindig atmete tief. »Das mußte sein, Bäuerin. Nun kann ich sie bändigen. Hätte ich sie abgewiesen, dann läge wohl jetzt ein Hof in Asche, und die Leute wären in das Elend gerannt.«

»Nun hast du die Höfe gerettet und die Häusler bewahrt, und du selber wirst viel Leid haben. Du hast doch getan, wovor ich dich gewarnt. Daß Gott, Jakob Sindig!«

»Bäuerin, da ist etwas Neues. Wilm Larns ist da. Ich hatte ihm geschrieben. Da ist er gekommen. Du glaubst nicht, was er für ein guter Mensch ist. – Etliche der Häusler gehen mit ihm nach der Ebene, und den anderen wird er die Schuld bezahlen. In acht Tagen ist es so weit. Wilm Larns sagt, das Blut sei hier zu dick geworden. Der Aderlaß wird die Bauern nüchtern machen. Die Häusler ebenso. Mir scheint, es wird licht über den Tälern.«

»So ist es ausgegangen?« rief Gertrud Heidecker freudig, »Jakob, den Weg hat dir Gott gewiesen.«

»Dasselbe sagt der Alte auf dem Köhlerplane, aber ich habe da wirklich nicht viel getan. Ja, Wilm Larns, der ist ein guter Mensch!«

Dazu lächelte die Bäuerin.

Es dunkelte. Da ging Jakob Sindig mit Gertrud Heidecker durch den Wald. Mitten im Schreiten blieb sie stehen und nahm seine Hand. »Jakob, ich muß dir etwas sagen, das bis auf diese Stunde mein war, nur mein allein. Für das aber, was du heute getan hast, für das Große, Gute, muß ich es dir sagen. Es soll mein Dank sein und wird über deiner Zukunft stehen.« Sie legte ihm den Arm um den Hals, zog ihn zu sich herab und sagte ihm leise etwas in das Ohr. Jakob Sindig, der Riese, stand vor ihr, und ein trockenes Schluchzen brach ihm zwischen den Zähnen hervor.

Er umklammerte ungestüm der Bäuerin Hand. »Du, nun gib zu, daß ich den rechten Weg gehe. Nun muß ich, laß es zu, ich bitte dich!«

»Den rechten Weg? Meinst du, das sei der rechte? Wir sind schon lange auf dem rechten. – Sei stark. Es geht auf das Ende zu. Ist die Zeit da, dann wird sich alles von selber geben. Gute Nacht, Jakob.«

Jakob Sindig stand und sah ihr nach. Dann ging er langsam etliche Schritte, stand wieder und sah auf den Hof. So traf ihn Wilm Larns. –

Er und der Vorsteher hatten noch nicht gar viel miteinander gesprochen, da reichten sie sich die Hände.

»Dat is rechte Art, sagte Larns warm, »klug un god un – hart, wie dat nötig is. So mut der Bur sin.«

»Jakob Sindig ist dein Freund?« fragte der Vorsteher.

»Fründ is to wenig. Mien Brör is he, mien Brör. Mien Süster hat he ut dat Füer tregen, un wenn he dat ok nich dan hätt, dann war he doch mien Brör.«

»Ich will dir etwas sagen, Larns,« sprach der Vorsteher bedeutungsvoll, »ich bin nie Jakob Sindigs Feind gewesen, aber ich mußte mich ihm in den Weg werfen. Ich möchte ihn, wie du, Bruder nennen. Wäre es aber in Bergroda geblieben, wie es war, dann müßte ich ihn dennoch zerbrechen. – Nun haben die Bauern mit mir gebrochen oder ich mit ihnen, wie du willst, nun stehe ich außerhalb des Weges, den sie gehn. Es ist mir hart gewesen, als ihr Undank auf mich niederhagelte. Nun danke ich Gott, daß es geschah. – Ich heiße gut, was Sindig tat, ich heiße gut, was du tatest. Kindern muß man die Flinte aus der Hand nehmen. Sie sind alle wie Kinder, die Bauern und die Häusler. Aber ich habe auch einmal gesehen, daß Kinder ein Huhn lebendig begruben. Sie können grausam sein. Die Bauern werden Jakob Sindig nicht niederwerfen, die Häusler vielleicht. Nun hast du ihm selber eine Waffe in die Hand gegeben. Sage ihm, daß er sie nutzen soll. Milde und Härte, Lob und Prügel. So soll er es halten. Vielleicht, daß die Bauern nun zur Vernunft kommen, ebenso die Häusler. Hofsaat vor Häuslersaat oder umgekehrt, es ist lächerlich. Alles zu seiner Zeit und guter Wille von beiden Seiten, dann ist der Weg klar. – Ich danke dir, Wilm Larns.«

Sie schwiegen. Dann sprach der Vorsteher unvermittelt. »Weißt du, wie ich Jakob Sindig einmal genannt habe?« »Den Hilland. – Ik tat dat ok un wußte nich, dat du dat all bereits seggt hattest.«

»Ich sagte es, ihn zu verspotten. Nun ist es mir Ernst. Grüße ihn und lehre ihn, milde zu sein und hart. – Ich weiß nicht, ob ihn nur hier hält, was vor Augen ist, die Sorge um die Häusler, die große Liebe zu ihnen, das Moor, oder ob etwas anderes dahinter steht, etwas ganz Menschliches, will es auch nicht wissen, aber ich vertraue, daß er eines Tages geht, wie er kam. Um seinetwillen, Wilm Larns, um seinetwillen.« –

Wilm Larns traf Jakob Sindig, der auf den Binsenhof schaute. Er nahm ihn unter den Arm. »Hest du up mi wart't, Jakob?«

»Nein, Wilm.«

»Wat tust du denn all da?«

»Ich muß den Hof ansehn.«

»Hm. – Da bist du früher west?«

»Ja.«

»Ik will den Bur upsuchen, morgen vielleicht.«

»Laß das, Wilm,« bat Jakob, »das ist keiner, mit dem es sich zu reden lohnt.«

»Du willst dat nich heven?«

»Nein. Wilm.«

»Ok god, denn gah ik nich hin. Kann mi denken, wat dat für'n Mensch is. Einer von denen, von denen ik segg: Runter von dien Platz. Wat, Jakob?«

Am Abend saßen sie lange zusammen und redeten von den kommenden Tagen.

»Dat du en gode Minske büst, Jakob, dat bruk ik di nich to seggen, aber dat du hart wirst, dat mußt du von mi annehmen,« sprach Wilm. »Ik hev dat nu alles in dien Hänne gelegt, Jakob. Tu, wat du mußt. Mit Gutsein allein is nix to maken. Dat lern von Vorsteher. Dat is 'n Bur!«

Drei Tage später war ganz Bergroda auf den Beinen. Nur die Bauern blieben daheim. An der Lokwa-Brücke, wo die Täler zusammen mündeten, standen Wilm Larns, Jakob Sindig und Gottfried Menger. Und die Leute kamen von allen Seiten. Sie hatten große verschnürte Bündel auf Handwagen gelegt. Krüge und Kannen klapperten gegeneinander, Eimer und Blechgefäße hingen an den Seiten, Betten waren hoch aufgebauscht. Die Mütter führten die Kinder an den Händen. Trotzig blickten die Männer und schritten fest einher. Greise hielten die Söhne an den Händen und geleiteten sie zum Sammelplatze. Strahlende Sonne stand am Himmel, verhaltenes Wehklagen aber brach, kaum gebändigt, über die Lippen. Flüche knirschten zwischen den Zähnen. Einer wollte noch einmal heimrennen, weil er eine geringe Sache vergessen hatte. »Laß es dem Bauern zum Erbe,« höhnten die anderen und hielten ihn zurück.

Wilm Larns schüttelte Jakob Sindig die Hand: »Behüt di God, mien Brör, und tu, wie ik seggt hev. – Vorwärts, ihr Lüt, die Tied is üm.«

Klappernd, schaukelnd und quietschend setzten sich die Wägelchen in Bewegung. Ein kleiner Zug ging den Saugraben hinab gegen Niederau.

Der Schneider stand an seinem Fenster. Er rief sein Weib. »Sieh daher, so erlöst der Heiland vom Binsenhofe die, die an ihn glauben. Sie gehen in die Moore.«

»Valentin,« fragte das Weib, »bist du zornig?«

»Ja. Sie fressen sich doch nicht auf. Jakob Sindig hat ihnen zur Ader gelassen. Sie fressen sich doch nicht auf!«


 << zurück weiter >>