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12.

Wieder stieg einer nach dem Gebirge hinauf, aber er hatte keine hungernden, suchenden Augen mehr. Die lagen tief, waren ernst, aber es redete ein entschlossener, fester Wille aus ihnen. Der da mit starken Schritten aufwärtsstieg, wollte abseits von den andern sich und seiner Arbeit leben.

Es war dunkel, als Sindig auf den Binsenhof kam. Er schritt über den Flur. Marlene, die ihn kommen sah, schrie leise auf. »Jakob! Wie ein Gespenst kommst du daher. – Ach Gott, Jakob, was haben wir hinter uns! Es ist gut, daß du da bist. Lorenz ist davongelaufen, und Wilhelm tut es ihm vielleicht nach. Drinnen sitzt die Bäuerin an der Wiege. Gehe hinein zu ihr, es wird ihr guttun.«

Jakob trat in die Stube. Da saß Gertrud Heidecker, hatte den Leib vorgeneigt und starrte ungläubig, hoffend und zitternd, nach der Tür. Der Hereintretende blieb auf der Schwelle stehen, zog langsam die Tür hinter sich zu, sah nach der Frau hinüber und regte sich nicht. Das war Gertrud Heidecker, die Mutter.

»Nun bist du wieder da,« sagte die Bäuerin langsam.

»Ja, Bäuerin,« Jakob Sindig rang sich die Worte mühsam ab, »nun bin ich wieder da, und nun bleibe ich. Ich gehe nicht wieder hinaus. Es ist umsonst. Du sollst kein Leid wieder haben durch mich, aber hinausgehen kann ich nicht wieder. Nur sehen wollte ich dich. Nun gehe ich an das Moor. Wenn du mich brauchst, so rufe mich.«

Er wollte langsam wieder hinausgehen. Da stand Gertrud Heidecker auf, kam müde auf ihn zu, barg ihre Hand in der seinen und sagte leise: »Willkommen, Jakob.«

Sie fühlte die Brandwunden, hob die Hand empor, sah Jakob in die Augen und fragte: »Du bist durch Feuer gegangen, Jakob?«

»Ja, durch Feuer. Ich habe eine herausgetragen, habe den ehrlichen Willen gehabt, dir aus dem Wege zu gehen, aber ich kann es nicht. Nun versuche ich es nicht wieder.«

Die Bäuerin wiederholte: »Willkommen!« Dann zog sie ihn in die Stube, an die Wiege heran. »Das ist mein Kind, Jakob.«

Sindig aber sah über das Kind hinweg auf das Weib. Wie ein Mädchen sah sie aus, so schmal und zierlich und hilfebedürftig. Sie ließ sich nieder.

Jakob hatte seine Hand auf des Kindes Haupt gelegt. So stand er.

»Du willst wieder an das Moor hinauf?« fragte die Bäuerin.

»Ja, da will ich bleiben. Ich habe viel gelernt bei Wilm Larns. Das da droben wird nicht schwer sein.«

»Vielleicht kannst du daheim, was dir in der Fremde zu schwer war. Ich will dir dazu helfen. Du hast ein Recht darauf, daß es dir gut wird, und ich bin stärker, als du meinst.«

Darauf wußte Jakob nicht zu antworten. Er zog seine Hand zurück. »Gott befohlen,« grüßte er und wandte sich.

Leise schnappte die Tür hinter ihm in das Schloß.

Draußen lief er Marlene wieder in den Weg.

»Hast du das Kind gesehen?« fragte sie.

Jakob stutzte. »Das Kind? Ja.«

Marlene lachte, weil er so unbeholfen war. »Wie sieht er aus, unser Junge?«

»Das, ja das weiß ich nicht.«

»Das weißt du nicht? So bist du. Kehrst heim nach vielen Wochen, findest eine, die der Tod schon in den Arm nehmen wollte, die ist schwach wie ein Kind und hat einem Kinde das Leben gegeben, das liegt nun in der Wiege, und – du hast kein Auge für das Kind und wohl auch kein gutes Wort und keinen Wunsch für die Mutter. He? Ich sag's ja, nichts ist dümmer als ein Mann, und wen Gott strafen will, den läßt er heiraten.«

Sie nahm seine Hand und zog ihn entschlossen hinter sich her, riß die Tür auf, trat auf die Schwelle, ließ den nun langsam widerstrebenden Mann nicht los, lachte und rief fröhlich: »Bäuerin, da steht Jakob wie ein Kind, weiß sich nicht zu helfen und sagt mir, daß er den Jungen nicht einmal angesehen habe. Unsern Jungen! Und daß er dir keinen Wunsch ausgesprochen hat und nicht sagte, daß es ihn freut, dich wieder auf zu sehen.«

Gertrud lächelte. »Er weiß doch nicht, was war. Was sollte er sagen?«

»So oder so,« widersprach Marlene, »ein gutes Wort gehört sich. Jakob, soll ich dir vorsprechen wie einem Schulkinde?«

Da trat Jakob an die Bäuerin heran. »Vergib mir, daß ich es vergaß. Ich wünsche dem Kinde ein leichtes Leben und dir – – ja – – auch.«

»Wie er stottert,« lachte Marlene. »Und da ist der Junge und was für einer!«

Sie hatte das schlafende Kind aus der Wiege genommen, hielt es auf den Armen, und die Freude leuchtete ihr aus den Augen.

Ehe Jakob noch wußte, wie es geschehen war, hatte sie ihm das Kind in die Arme gelegt. Und der Mann stand und sah erschüttert auf das junge Leben nieder.

»Wie er dasteht,« rief die Altmagd lustig. »Ein Kerl, der Bäume ausreißt und tut, als hätte er die ganze bucklige Erde zu tragen mit dem Wickelkindchen.«

Gertrud Heidecker nahm ihm den Knaben aus den Armen. »Er wird wach werden,« wehrte sie Marlene und legte ihn in die Kissen zurück.

Nun wußte Jakob Sindig eines. Daß das Kind blonde Haare hatte wie die Mutter.

Marlene aber schob ihn nach der Tür. »Jetzt gehe hinauf an dein Moor und friß die Arbeit. Dazu taugst du, zum Kinderwarten nicht.«

Jakob Sindig stieg nach dem Moorgute hinauf, und unterwegs kam die Freude über ihn, warm wie Maienregen. Daheim, daheim! – ›Ich kann nicht von der Frau lassen und muß es nicht. Es wird ein frohes Arbeiten werden!‹

Jeremias war wie ein Hündchen bei der Heimkehr des Herrn. Seine Augen lachten und bettelten und dankten. Er plauderte wie ein Knabe. Lisa trug Essen auf, setzte sich an Jakob Sindigs Seite und opferte alles, was sie an Freundlichkeit aufbringen konnte. Das war nicht eben viel. Sie sah elend aus, so, als hatte sie schlaflose Nächte.

»Morgen fangen wir die Arbeit an,« sprach Jakob Sindig. Jeremias wollte allerlei von Jakobs Reise wissen, fragte und kam von einem auf das andere, bis Jakob erklärte, so ginge die Nacht hin, und morgen seien sie müde. –

Jagende Wolken eilten über den Himmel, warfen einen Schleier vor den Mond und rissen ihn spielerisch wieder hinweg. Sterne blitzten auf und versanken hinter Wolkenwänden, der Wind ging in langhallenden Stößen über die Berge. Jakob Sindig lag und dachte an Birkenfeld mit seinen wackeren Menschen, Gertrud Heidecker und das Kind. ›Da bin ich, da bleibe ich und richte eine Wand auf gegen die anderen. Ich lasse mich nicht hineinziehen, weder in ihre Not, noch in ihr Aufbegehren. Mir will ich leben und will arbeiten.‹

Er schlief traumlos. Am Morgen aber trommelte der Regen gegen die Scheiben. Ganze Wassergarben warf der Wind gegen den Wald, das Moor, auf das Haus.

Jeremias stand zwar zur Arbeit gerüstet, aber er meinte, das sei heute doch zu übles Wetter.

»So rasch geht das nicht mit der Moorarbeit,« erklärte Jakob. »Wir brauchen vorerst Stämme zu einem Vorbau vor dem Graben, in den ich die Schleuse setzen will. Das Holz wollen wir schlagen.«

Ununterbrochen prasselte der Regen herab. Jakob Sindig aber und Jeremias schlugen nieder, was sie brauchten, schnitten das Holz auf gewisse Längen, brachten es in das Haus und waren froh bei dem rüstigen Schaffen, obwohl ihre Kleider waren wie vollgesogene Schwämme.

Mitten in der Arbeit fiel Jeremias etwas ein. »Du,« sagte er, »der Robert Lindner war da und fragte, ob du ihn wohl zur Arbeit brauchen könntest. Er hat seinem Bauern aufgesagt.«

»Mag er kommen. Du kannst es ihm bestellen.«

Jeremias aber schien davon nicht erbaut zu sein. Er war eifersüchtig. »Meinst du, ich konnte nicht wacker schaffen?« fragte er. »Ich dächte, es ginge ohne den Lindner.«

Jakob Sindig verstand den Kleinen. Er lachte. »Sorge dich nicht, Jeremias, du bleibst mir, der du mir geworden bist. Laß den Robert kommen. Er kann nicht unter den anderen bleiben. Sie gießen ihm Branntwein in das Bier.«

»Ja, dann ist es besser, man holt ihn. Und noch etwas, Jakob. Der Adam Menger hat für seinen Ältesten das Moor gekauft, das dem Leinert gehört. Er will es dir nachmachen.«

Jakob wunderte sich über des Mengers raschen Entschluß. »Das hätte ich nicht gedacht. Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll. – Sie mögen tun, was sie wollen. Ich tue das Meine.«

Unter dem Schuppendache arbeiteten Jakob Sindig und Jeremias, richteten Pfähle zu, spitzten sie, und Jeremias erzählte allerlei, was derweile in Bergroda geschehen war.

Es regnete, einen Tag, fünf Tage. Bald stärker, bald schwächer, aber ununterbrochen. Das Moorwasser stieg, und Jeremias sagte: »Nun geht es über die Hangäcker her. Das halten die nicht aus; es ist zu viel. Für die nächsten Tage haben die Leute harte Arbeit und wissen doch nicht, ob ihnen nicht im Sommer ein Gewitter alles wieder zerreißt.«

Jakob aber achtete nicht darauf. Er wollte hart sein.

Jeremias hatte sich stark erkältet. Er fing an zu frieren, hernach glühte er. Lisa wollte ihm Tee kochen, Jakob aber sagte: »Tee ist für Kinder. Es gibt nur ein Heilmittel, Jeremias. Kaltes Wasser. Willst du?«

»Wenn du es für recht hältst,« meinte der Bucklige.

»Ja.« Und Jakob setzte den klappernden Jeremias in kaltes Wasser, wusch und schrubbte ihn, steckte ihn in das Bett, und wenn er wieder klagte, so fing Jakob seine Kur wieder an. Der Kleine fror jämmerlich, aber er hätte es nicht über sich gebracht, abzuwehren, und wenn das Heilverfahren auch noch grausamer gewesen wäre.

Die Krankheit wurde jedoch ärger. Dazu mochte Jeremias die wortkarge Lisa nicht um sich haben, und wenn er im Fieber lag, so schrie er auf: »Kaspar, um Gott!« Und dann: »Das Moor! Bauer!« Da war auch Lisa nicht mehr zu bewegen, dem Kranken zur Hand zu gehen.

Jakob Sindig saß traurig am Bette des Ringenden. Jetzt wagte er nicht mehr, ihn zu baden. Überhaupt schien ihm, als wenn das Allheilmittel hier doch zu Unrecht angewendet worden wäre. Er wußte sich nicht mehr zu helfen.

Da lallte der Fiebernde: »Annedore, Annedore.«

Das war dem hilflosen Helfer ein Fingerzeig. Er schickte Lisa mit etlichen Zeilen auf den Binsenhof zur Bäuerin und bat um Annedore.

Gertrud Heidecker legte einen Augenblick die Hand auf das Herz, dann rief sie das Mädchen. »Annedore,« sagte sie, »Jakob Sindig möchte dich an das Moor haben. Willst du gehen?«

Errötend bejahte Annedore. »Es ist da zunächst Jeremias zu pflegen. Wenn er gesund ist, sehen wir, wie es weiter wird. Vielleicht bleibst du droben. Lisa tritt auf dem Hofe an deine Stelle.«

So kam Annedore an das Moor.

Der Binsenhofbauer aber tobte, als ihm sein Weib den Wechsel berichtete. Ganz außer sich war er. Er stand drohend vor der Bäuerin und hob die Hand zum Schlage, als Lisa in die Stube trat. Da ließ der Bauer die Hand sinken. –

Jeremias war schwer krank. Annedore schlug das umgekehrte Heilverfahren ein. Schwitzen mußte der Kranke, schwitzen. Da packte Jakob Sindig Decken auf ihn, daß Jeremias schier darunter erstickte. Annedore lachte. »Von innen heraus muß das kommen,« erklärte sie, und der Kranke mußte nun doch Tee trinken.

In einem lichten Augenblicke erkannte Jeremias seine Pflegerin. Es ging ein Lächeln über sein Gesicht, und er streichelte verstohlen die helfende Hand. Annedore ließ es geschehen, weil sie Mitleid mit dem Menschen hatte.

In den langen Nachtstunden saß Jakob neben Annedore. Er sprach von der Treue des Kleinen. »Du glaubst nicht, was für ein Mensch er ist,« sagte er, »wie ein Kind in seinem Gemüte und klug wie kaum sonst einer. Fleißig ist er und treu, hat ein Herz wie Gold, und ich wüßte nicht, was mir für ihn zu schwer wäre.«

Dann nach langem Schweigen: »Annedore, ich muß an den Dreikönigstag denken. Ich habe dir etwas abzubitten. Du meintest es gut mit mir, wolltest mich abhalten vom Trinken. Nun weiß ich das wohl und danke dir. An dem Abend hast du gesehen, was für einer ich bin. Ich habe einmal etwas Schweres durchmachen müssen. Weißt du, so war das, als wenn ich einem gesunden Baume die Axt bis in das Mark hineinschlage. Danach bin ich lange gewesen wie ein Tier. Das erwacht ab und zu wieder in mir. Man kann nicht so leicht abtun, was einmal gewesen ist, und der Hieb, der bis in das Mark ging, der macht krank für das ganze Leben. Ich bin nicht der, für den mich die Leute halten, aber der da liegt, der ist treu und lauter, und Gott gebe, daß er findet, wonach sein Herz schreit. Sag', Annedore, wird er sterben?«

»Nein,« antwortete das Mädchen, »es will besser werden, scheint mir.« Dann langsam: »Und, Jakob, von dem, was du sagtest, glaube ich nur einen Teil – –«

»Das von dem Hieb kannst du glauben.«

»Ja, das glaube ich, und das andere – habe ich verstanden.«

»Annedore,« rief Sindig gequält, »ich bin ungeschickt und habe dir weh getan. Sieh, so geht mir das. Wenn ich einem Gutes tun will, so wird es Jammer. So war das bei Jeremias, bei Wischen Larns, bei – – ach, immer und nun auch bei dir. Sei mir nicht böse. – Jeremias ist gut, und was er in die Hände nimmt, das ist gesegnet. Sein Gebrechen? Ist er nicht besser daran als ich? Ich bin gerade und unter meinen Händen wird Jammer; er ist ein klein wenig verwachsen und kann reich machen.«

Dazu schwieg Annedore.

Sie pflegte Jeremias mit rührender Treue. Es war ein starkes, hilfefrohes Mitleid, das sie aushalten ließ, und das Mitleid hatte einen Genossen in Annedores eigenem Leide. Lind war sie und besorgt wie eine Mutter oder – eine Braut.

Der Binsenhofbauer sandte auf das Moorgut und ließ sagen, Jakob möge kommen und ihm, wie vereinbart, helfen. Abgewaschene Erde war anzusetzen.

Das war eine mühselige Arbeit. So an die zwanzig Häusler, Männer, Weiber und Kinder, gingen auf Heideckers Besitz von Hangacker zu Hangacker und richteten die arg mitgenommenen Felder wieder her. Der fünftägige Regen hatte viel Erde abgespült. Nun lag sie teils auf den angrenzenden Wiesenstreifen, teils, zu Haufen geführt, auf den Äckern selber, teils war sie von einem höher gelegenen auf den darunter liegenden geführt worden. Mit Hacken wurde die Erde losgekratzt, dann schaufelten sie die Männer in Körbe, und Frauen und Kinder trugen sie keuchend hinauf an den Hang, schütteten die Last aus, schritten wieder hinab und empfingen aufs neue volle Körbe. So Tag um Tag und von Acker zu Acker.

Heidecker hatte gemeint, Jakob Sindig werde zugreifen, der aber stand und schüttelte den Kopf.

»Zum Aufseher habe ich dich nicht gerufen,« fuhr der Bauer auf ihn ein, »greif zu!«

Da trat Jakob Sindig breit vor ihn hin. »Das soll ich mitmachen? Das?«

»Was ist dabei? Du siehst, wie leicht es uns wird, hier in den Bergen! Jetzt mußt du durch die Täler gehen. Überall kleben sie an den Lehnen, schaufeln und scharren und schleppen. Und wenn die Leute die Hangäcker der Höfe hergerichtet haben, dann gehen sie an ihre eigenen. Glaubst du, es sei leicht hier und falle uns in den Schoß, was wir brauchen? Greif zu!«

»Nein,« trotzte Jakob Sindig, »das tue ich nicht. Wie die Lasttiere buckeln sie dahin. Zu Krüppeln macht ihr sie.«

»Wir?« fragte Heidecker höhnisch. »Wir? Sag': Die Berge.«

»Nein, ihr. Laßt das verfluchte Land versteinen.«

»Willst du die Leute aufsässig machen? Das wäre leicht. Damit aber ist ihnen nicht geholfen.«

»Ich mache sie nicht aufsässig. Stillesein, das will ich lernen. Heulen möchte man, um nicht fluchen zu müssen. Wenn du mich zu menschenwürdiger Arbeit brauchst, zum Ackern oder Säen, dann rufe mich. Das hier mache ich nicht mit.«

Jakob Sindig ging an der Lokwa hin dem Bärengraben zu und von da in ein Seitental. Überall arbeiteten die Leute an den Hängen. Und so mühselig das Schaffen war, der Frohsinn war dennoch ihr Gefährte. Lachen und Schwatzen und sogar ein leises Lied flatterten über die Äcker. Aust, der Flößer, schleppte mit Frau und Tochter. Er sah Jakob Sindig und rief: »He, Jakob, springe ein. Einen von deiner Art könnten wir brauchen.«

Der Angerufene aber achtete nicht darauf. Er wanderte und dachte verwundert: ›Wie ist das möglich, daß sie dabei lachen und scherzen?‹

So kam er an das Hanghäuslein des Adam Eberlein, das er erstanden hatte. Eberlein sah den Herrn seines Heims herankommen, ging ihm entgegen und sagte: »Du willst sehen, ob wir den Acker wieder instand bringen?«

»Nein,« erwiderte Jakob Sindig, »ich wollte sehen, ob ihr ebenso schafft wie die anderen, so wie Sklaven oder wie Tiere im Geschirr.«

Darüber war der Alte verwundert. »Wenn das Wasser die Erde herabgerissen hat, so muß man sie doch wieder hinauftragen.«

»Das muß man nicht,« widersprach Sindig zornig.

»Was dann?«

»Liegen lassen, den Acker versteinen lassen.«

»Um Gott, Jakob Sindig! Den Acker – versteinen – lassen? Und wir?«

»Wenn Menschen hier nicht leben können, so sollen sie davongehen.«

»Aber wir können doch leben. Gut können wir leben. Den Acker versteinen lassen! Würdest du ein Kind verkrüppeln lassen, wenn es einmal den Arm gebrochen hat oder ein Bein? So ist das mit dem Acker. Was kann er dafür, daß ihn das Wasser zerreißt? Er will ja seine Frucht tragen. Gerne will er sie tragen, wartet nur darauf. Den Acker versteinen lassen!«

Das war so rührend, daß es Jakobs Zorn zerbrach. Groß und stark wuchs das Mitleid empor. Eberleins Weib und Tochter hatten ununterbrochen gewerkt, während die Männer miteinander sprachen. Da trat Jakob Sindig heran, nahm ihnen die Körbe aus den Händen und sagte: »Das ist keine Weiberarbeit. Der Acker ist nicht wert, daß ihr ihm eure Gesundheit opfert.« Er riß die Körbe empor, sprang gegen den Hang, schüttete sie aus, kehrte zurück, schneller als Eberlein einschaufeln konnte, raffte neue Lasten auf und stürmte hinan. Eberleins Frau und Tochter rafften mit den Händen die Erde in die Körbe, dem Vater zu helfen, und – Jakob Sindig schleppte.

So arbeitete er lange, und der Schweiß rann ihm über den Leib. Als ihm der Alte danken wollte, da warf Jakob einen langen Blick auf das Feld, erhob die Faust: »Wie das die Menschen knechtet!« und wandte sich wieder dem Tale zu.

Unterwegs traf er den Vorsteher.

Der sah ihn an. »Du bist doch wiedergekommen?«

»Ja, Vorsteher, und nun – hasse ich das Land. Du hast recht, wenn du es den Häuslern aus der Hand nimmst. Laßt es versteinen, aber nicht einen Acker, alle, alle an den Hängen.«

Der Vorsteher lächelte. »Hast du mit einem von den Häuslern darüber gesprochen?«

»Ja, mit dem Eberlein.«

»Und?«

»Der Mensch hat den Acker lieb wie ein Kind.«

Jetzt lachte der Vorsteher laut auf. »Frage sie alle, und du hörst das gleiche. Die Hangäcker sind wie ungeratene Kinder. Die am meisten Sorge machen, die lieben die Eltern am meisten. Darin liegt die Deutung dessen, was dir ein Wunder scheint, ein törichtes, das dich noch dazu, wenn ich deine Worte recht verstehe, zornig gemacht hat. Man sieht es, daß du fremd bist hier, aber daß du so weltfremd wärest, das habe ich nicht gedacht. Glaubst du noch, daß du die Leute erlösen könntest?«

Darauf antwortete Jakob nicht. Er ging ohne Gruß weiter, und der Vorsteher sah ihm kopfschüttelnd nach.

Als Sindig am Abend zwischen Annedore und Jeremias saß, sprach er erregt über das, was er heute gesehen.

Jeremias nickte dazu. Annedore aber sagte: »Jakob, so haben das unsere Eltern gehalten, und so werden es die nach uns halten. Was sollte werden, wenn es anders wäre?« –

Am Sonntage kam Adam Menger mit seinem Ältesten nach dem Moorgute. Sie baten Jakob Sindig, mit ihnen an das Leinert-Moor zu gehen. Der willfahrte. Die drei wanderten auf der Hochfläche dahin durch Wälder, an kleinen Mooren vorüber und kamen endlich an das Ziel.

Jakob ging mit langen Schritten hin und her. Er überlegte, wie er den Harrenden sagen sollte, was er auf den ersten Blick erkannte. Schließlich rief er schroff: »Das Moor ist nicht trockenzulegen. Du hast dein Geld hinausgeworfen, Menger.«

»Ja, aber du hast doch gesagt, sie seien alle trockenzulegen, und vierzig Gütlein könnten auf ihnen stehen.«

»Ich kannte die Moore nicht und meinte, sie seien alle wie das Binsenhofmoor.«

»So ist unser Geld verloren?« jammerte der Alte.

»Ja.«

Gottfried Menger aber, der Sohn, stand traurig daneben. »Nun ist das nichts mit dem Heiraten,« klagte er.

»Du wolltest auf das Moor heiraten?« erkundigte sich Jakob.

»Ja,« der Alte drauf. »Sie ist ein fleißiges Mädchen, und sie gehen an die fünf Jahre miteinander.«

Da sah Jakob dem Gottfried in die Augen. »Du, ich wüßte einen Ausweg. Wilm Larns, der mein Freund ist, wird dich gerne aufnehmen. Er hat wohl über tausend Morgen Moorland. Das aber ist trockenzulegen, wartet nur auf Hände. Er hat mir gesagt, daß er euch aufnehmen würde, wenn ihr aus dem Gebirge zu ihm kämt. Er wird euch selbständig machen. Wenn du Lust hast, dann sage es mir.«

Drei Wochen später heiratete Gottfried Menger sein Mädchen und fuhr andern Tages zu Wilm Larns nach Birkenfeld. – –

Jakob und Jeremias arbeiteten fleißig auf den Äckern des Moorgutes. Der Kleine war rascher gesund geworden, als Jakob erwartet hatte.

Gemächlich trotteten die Stiere in den Furchen, und es war ein frohes Schaffen. Der Frühling kam sieghaft über die Berge. Auf die Moorbirken sanken feine grüne Schleier, die Weidenkätzchen hatten weiche weiße Fellchen, in den Wäldern sangen Rotkehlchen und Amseln, und die Arbeit verhieß sicheren Lohn. So, auf gutem Grunde, machte die Arbeit Freude.

Heidecker hatte Jakob noch zweimal hinabgerufen, aber er hatte es vermieden, ihm wieder zu begegnen. Sindig ackerte Taläcker, säte und wandte sich ab von den Hängen, an denen er Leute hacken und scharren sah. Droben war es unmöglich, mit den Zugtieren zu arbeiten. So spannten sich die Leute selber vor den Pflug oder arbeiteten mit den Hacken. Gebückt standen die Fleißigen in Reihen. Die Hacken knirschten auf den Steinen. Langsam vorwärtsschreitend, scharrten die Leute den Acker um. Dann warf sich der Vater das Sätuch über die Schultern, ging mit langen, wiegenden Schritten dahin, streute die Körner in breiten Würfen aus und betete leise, daß das Feld vor Gewitterwasser verschont bliebe. So schien es in Bergroda zu sein, wie es immer gewesen war, und war doch anders als sonst.

Gottfried Menger war fortgezogen, Lorenz hatte den Binsenhof verlassen und war unter die Köhler gegangen. Von den Bauern hatte ihn keiner in Arbeit genommen, weil er außer der Zeit seinem Herrn den Dienst aufgesagt hatte. Er wäre gezwungen gewesen, aus dem Gebirge hinauszugehen, hätten ihn nicht die Waldleute unter sich aufgenommen. Robert Lindner war traurig zu Jakob auf den Acker gekommen. Am Sonntag sei seine Kündigungsfrist abgelaufen, und wenn ihn Sindig nicht aufnehme, so müsse er auswandern oder auch in den Wald gehen. Jakob hatte ihn aufgenommen. Adam Eberlein hatte dem Kreuzbauern erklärt, erst müsse er seinen eigenen Acker herrichten, dann wolle er auf dem Hofe helfen, und der Bauer hatte sich zufrieden geben müssen. Auf dem Binsenhofe waren nach Jakobs Auseinandersetzung mit dem Bauern anderen Tages etliche Häusler ausgeblieben, und wenn sie auch nach einem harten Zusammenstoß mit Heidecker wiederkamen, so geschah es doch unregelmäßig und unter Murren.

Das waren kleine Ereignisse, aber sie waren wie Windstöße, die dem Sturme vorangehen. Von den Bergrodaer Bauern achtete außer dem Vorsteher keiner darauf. Der nahm nicht leicht, was unbedeutend schien, weil er spürte, wie es in den Grundmauern der Berggemeinde zu knirschen und zu bröckeln begann.

Als die Frühjahrsarbeit getan war, ging Jakob Sindig dem Moore zuleibe. Pfähle hatte er auf dem Damme an der Straße aufgeschichtet, und als er den ersten in die Hand nahm, um ihn in die Moorerde zu treiben, da sandte er zuvor einen ernsten Blick über das Wasser und die graugrünen Flächen. Dann schlug er zu. Die Axtschläge hallten im Walde wider. Jeremias und Robert Lindner gingen ihm zur Hand. Jakob trieb Pfahl neben Pfahl. Vom Ufer aus legte er ein Brett auf die Köpfe der Pfähle, trieb neue ein und führte sie im Halbkreise bis wieder an das Ufer. Dann in geringem Abstande von der ersten Pfahlreihe eine zweite. Den Zwischenraum stopfte er mit Erde und Moos fest aus. Jeremias und Robert stampften die Erde, soweit ihre Kräfte reichten, dann nahm Jakob Sindig den Eichenpfahl, den sie zur Arbeit benutzten, und langsam dichtete er das Pfahlwerk gegen das Wasser hin ab.

Peter Fröhlich, der Schmied, war am Moore gewesen. Er hatte mit Jakob die Schleusenmaße nach der Zeichnung festgestellt und schmiedete die notwendigen Eisenteile. Die Arbeit aber mußte er heimlich tun. Der Vorsteher hatte ihn am Werke getroffen, und als er erfahren, wozu die Bänder und anderen Stücke bestimmt waren, da hatte er erklärt, der Meister habe für die Höfe zu arbeiten, allenfalls auch für die Häusler, niemals jedoch für das törichte Werk Jakob Sindigs. Der Schmied aber hatte nicht abgelassen, nur vorsichtig war er gewesen und hatte die fertigen Stücke nachts an das Binsenmoor getragen.

Jeremias hatte vom Schneidemüller in Niederau starke Bohlen geholt und einen Zimmermann bestellt.

Die Abdämmung war sicher und fest. Jakob Sindig begann, den Damm aufzureißen. Der war an die fünf Schritte breit und fiel in halber Höhe eines Hauses gegen den Fahrweg hin ab. Der Einschnitt mußte bis auf die Sohle des Moorwassers gehn. Die ausgeschachtete Erde wuchs zu langen Hügeln an. Anfangs ging es nicht allzu schwer. Dann aber trat Grundwasser auf, und die Arbeitenden standen bis über die Knöchel im lehmigen, nassen Brei, aber da das Wetter schön war, machte die Nässe nicht viel aus. Das Einsetzen der Schleuse war ein hartes Werk. Meister Fröhlich jedoch hatte gut gearbeitet, und der Zimmermann war klug und besonnen, ging bedächtig zu Werke, seine Arbeit war zweckentsprechend und dauerhaft.

Es ging gegen Johanni hin, da saß die Schleuse. Inzwischen hatten Jakob Sindig und seine Helfer einen Graben durch den Wald gezogen. Der mündete, am Rande hingeführt, in den Graben zuseiten des Weges vom Moorgute nach dem Binsenhofe, den Jakob im Winter hergerichtet hatte und der bis hinab an die Lokwa ging.

Die Schleuse war abgedichtet, der Graben fertig, da begann Jakob Sindig etliche Pfähle des Halbrunds vor der Schleuse herauszuschlagen. Das war schwerer als das Einsetzen, aber er schlug und wuchtete, und nach harter Arbeit hatte er eine Lücke geschaffen, wie er sie brauchte.

Nun stand das Wasser an der Schleuse. Der Tag ging zur Rüste. Jeremias, Robert Lindner und Annedore waren zugegen, als Jakob langsam das Schleusenbrett in die Höhe zog. Ungestüm drängte sich das Wasser darunter hindurch, schoß in den Graben, eilte durch den Wald, am Wege hin und hinab zur Lokwa.

Von denen, die dastanden, sprach keines ein Wort. Das Moor hatte den Todesstreich empfangen, und der sein Richter geworden war, der stand ernst und gedankenschwer an seinem Werke und sah das braune Wasser dahinschießen.

Jakob hatte, um nicht durch überströmendes Wasser den Feldern zu schaden, das Brett nur wenig emporgezogen. So ließ er es stehen und ging mit den anderen nach dem Hause.

Sie setzten sich an den Tisch, und so schlicht das Essen war, es war ein Festmahl. Versonnen schaute Jakob vor sich hin. Jeremias aber und Robert sahen stolz auf ihren Herrn, dem zu dienen ihnen hohe Freude war. Annedore ging still und geschäftig ab und zu. Sie hatte nach harten, leidvollen Tagen entsagt. Jakob Sindig begegnete ihr mit gleichmäßiger Freundlichkeit. Die aber war der Totschläger aller Hoffnung. Auffahrender Zorn und gutmachende Freundlichkeit hätten die Liebe wohl kasteit, aber sie hätte darunter in Hoffnung gelebt wie junge Saat unter Winterschnee und Gewitterwucht. Die stille Gleichmäßigkeit begrub die Hoffnung. Und doch hätte Annedore nicht wieder auf den Binsenhof gemocht. Langsam ließ sie den werbenden, guten Jeremias an sich herankommen.

Schweigend saßen die vier um den Tisch, und draußen rauschte das Moorwasser. –

Als Wilhelm am Morgen aus dem Tore des Binsenhofes trat, da sah er braunes Wasser in dem Graben am Wege rinnen. Es schoß rasch und still dahin und – es hatte doch nicht geregnet. Er rief Marlene. Auch die war verwundert, kehrte in das Haus zurück, traf die Bäuerin und sagte: »Bäuerin, komm doch einmal vor das Tor. Der Graben ist voll Wasser. Ob es wohl droben geregnet hat? Aber es war doch schönes Wetter all die Tage her.«

Gertrud Heidecker trat hinaus. Zu ihren Füßen eilte es dahin, braun und blasig. Der Graben war voll, und war kein Nachlassen, solange sie auch stand und schaute.

Da wußte sie, was das bedeutete. Sie erblaßte.

»Jakob Sindig hat das Moor angestochen,« sagte sie erschauernd.

Marlene schlug die Hände zusammen. »Um Gott, wenn er es nicht halten kann, so werden die Felder ersaufen und das Tal! Um Gott!«

Die Bäuerin legte ihr die Hand auf den Arm. »Was Jakob Sindig in den Händen hat, das hält er fest. Da sorg' dich nicht.«

Wilhelm aber war wie ein Kind. Er rannte erregt hin und her. »Jakob Sindig hat das Moor angestochen!«

Rufend eilte er in das Haus. »Bauer, Jakob Sindig hat das Moor angestochen!«

Der verstand nicht, was das hieß. Wilhelm führte ihn hinaus. Als Heidecker das rinnende Wasser sah, vermochte er lange nicht zu sprechen, so schwer lag das Neue auf ihm. Trocken kam es über seine Lippen: »Jakob Sindig hat das Moor angestochen.«

Wenn das Wasser getobt hätte und gebrüllt und gegurgelt, dann wäre es dem Bauern leicht gewesen, aber das Wasser rann so, daß es nur eben den Graben füllte und abfloß, ohne Schaden zu tun. Gebändigt hatte der Riese das Wasser, wie er die Menschen bändigte. Gesenkten Hauptes kehrte Heidecker in das Haus zurück.

Und: »Jakob Sindig hat das Moor angestochen,« ging es durch die Berggemeinde. Aus den Tälern kamen sie, standen an der Lowka und sahen den Streifen braunen Wassers, der sich scharf gegen das hellere des Bergbaches abgrenzte, gingen gegen den Hof hinauf, liefen an dem Graben lang und sahen das Wasser rinnen, rasch und unwiderstehlich. Wie ein Erschauern ging es durch Bergroda. »Jakob Sindig hat das Moor angestochen.«

Und das Wasser rann. Lange, lange Wochen, Tag und Nacht, Sonntage und Wochentage, ununterbrochen.

Langsam sank der Spiegel der Moortümpel, langsam begann das Wasser von den Rändern zurückzutreten. Binsen vertrockneten, und der nächste Windstoß brach sie ab, Blumen, die im Sumpfe zu leben gewohnt waren, kümmerten, und ihre weißen Blütensterne wurden schmutziggrau. Hinter den versickernden Wassern her aber schwangen drei die Hacken und die Schaufeln. Von den Rändern herein begann Jakob Sindig die Gräben zu ziehen. Strahlenförmig liefen sie nach der Mitte zu. Eine ganze Anzahl begann er und führte keinen zu Ende; denn nach der Mitte zu war das Land noch schwammig. Das Wasser aber rann, und eines Tages begann es dünner zu fließen. Allmählich waren die Lachen abgelaufen bis auf die, die abgeschlossene Becken bildeten und die neu angeschnitten werden mußten. An die ging Jakob Sindig heran, und so rann dann und wann die braune Flut wieder stärker.

Die Arbeit an den Gräben mußte unterbrochen werden; denn die Ernte wartete darauf, daß sie unter Dach gebracht würde.


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