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9.

Jakob Sindig lag auf hartem Lager. Er dachte nicht, fühlte nichts, keine Scham, keinen Schmerz, keinen Zorn. Wie ein Stein war er, eben noch glühend, nun ausgebrannt. Wie ein Stein. Keinen Fuß legte er anders. Wie er sich hingeworfen, so lag er und starrte zur Decke. Dann sanken ihm die Lider über die Augen.

Klappernd, Weh im Herzen, ging Jeremias gegen das Moorgut. – ›Zeige mir doch einer des Schicksals Vernunft! Es wirft einem in den Arm, wonach der andere umsonst hungert. Und dem ist es doch das Leben. Der ist verunstaltet. Gut. Er ginge abseits, hätte er nicht ein Herz. Das langt und – langt ins Leere. Und ist es nicht heute, so wird es morgen sein, daß Jakob Annedore an sich zieht, und das Mädchen im glücklichen Lachen vergißt, was er ihr angetan. Daß Gott, den sie gut nennen, einem Krüppel ein gerades, gesundes, warmes Herz gibt! Ist er nicht grausamer, als man auszudenken vermag?‹

Jeremias wußte, wie man durch den Stall in das Haus kam. Er brauchte Lisa nicht zu wecken. Leise ging er. Als er den Fuß auf die Treppe setzte, hörte er das tiefe Atemholen in der Stube. War da einer? Jeremias war kein Held, aber er zwang sich und ging hinein, zündete ein Hölzchen an, und – da lag Jakob Sindig!

Wie das auf Jeremias wuchtete! Als ob ein Licht aus Nacht käme. Und in seinem Scheine sah er, wie das Leben lachte mit hellen, glücklichen Augen. Und das Lachen kam aus der Höhe, und einer, den er grausam genannt, legte ihm die Hand auf die Schulter: ›Was nun, Jeremias Tautenbach? Daß ihr doch so rasch mit dem Urteil fertig seid!‹ – Da liegt einer, der geflohen ist vor sich selber, den Scham und Reue gepeitscht haben. Ein Heiliger wird der Riese dem Kleinen. Er ist nahe daran gewesen – ja, was denn? Ach, ein Mensch zu sein, nicht weniger, nur ein Mensch, aber er hat das Ungute beiseitegeworfen, hat Annedore nicht zerbrochen, wird es nie tun. Jakob Sindig, du Heiliger! – Eines armen Menschen schönstes Hoffen reckte die Flügel wieder. In die Knie sinken möchte der Kleine. Er saß und saß, als müsse er des Riesen Schlaf hüten.

Zagend flog der erste Dämmerschein durch das Fenster. Da erwachte Sindig, sah den getreuen Jeremias an seinem Lager sitzen und lachen, glücklich wie ein Kind, dem unter Lachen die Tränen im Augenwinkel trocknen.

Sindig richtete den Kopf empor und stützte sich auf die Hand.

»Du,« sagte er düster, »was sitzest du hier?«

»Laß mich, Jakob. Das macht die Freude, daß – – du nun da bist, und ich bei dir bleiben darf. Ich darf es doch?«

»Du willst das noch, nach gestern?«

»Was hast du getan? Nicht so viel.« Er schnippte mit den Fingern. »Es lassen heute viele die Köpfe hängen, die gestern zum Dreikönigstanz waren, und die haben einen Grund dazu.«

»Ich lasse den Kopf nicht hängen, aber wenn du meinst, von Jakob Sindig etwas lernen zu können, so bist du auf falschem Wege. Der kann dir nichts geben, der ist – ein Tier! Wie er gesoffen hat gestern abend, und wie er nahe daran war – ach, was geht's dich an.«

Da weinte der Verwachsene laut auf. »Ich weiß alles, Jakob Sindig, und Annedore, ach Gott, ich bin unansehnlich, ein Buckliger, der zufrieden sein müßte, wenn er überhaupt lebt und einer ihm ein Dach über dem Kopfe läßt, gelt? Und ich habe doch ein Herz und habe das Mädchen lieb. Es weiß es keiner, und ich hätte auch zu dir kein Wort gesprochen, Jakob, wenn das nicht gewesen wäre, das, diese Nacht. Nun muß ich es dir sagen; denn es tut dir ja nicht weh. Du hörst mich, Jakob?«

»Ja, und da sei ruhig drum, Jeremias. Aber das laß, daß du zu mir aufsiehst. Du weißt nun, wer ich bin.«

»Und so froh bin ich, daß ich es weiß,« jauchzte der Kleine, »so froh, und was das Aufsehen betrifft, Jakob, da tue ich, was ich muß. Darf ich dir Brot bringen?«

Sindig erhob sich. »Ich muß Arbeit haben heute, harte Arbeit. Wir wollen in den Wald gehen.«

Lisa kam die Treppe herab, da schritt Jakob Sindig, die Axt über der Schulter, von Jeremias gefolgt, aus der Haustür.

»Du mußt essen, Jakob,« mahnte sie.

»Wenn du willst,« gab er über die Schulter zurück, »so bringe uns etwas in das Holz.«

Seit langem zum ersten Male wieder ging Lisa leichter durch das Haus. Es war, als wollte die Sonne aufgehen, und in ihrem Scheine wurde es ein rüstiges, schier leichtes Schaffen. Um Mittag trug sie Speise zu den Arbeitenden. Sindig achtete lange nicht aus sie. Er arbeitete wie im Zorne und ließ seine ganze Kraft an den Stämmen aus: Krach und Krach. Dann folgte er endlich dem wiederholten Rufe zum Essen, aber während er aß, starrte er vor sich hin. Und dazwischen hinein warf er ein kurzes Wort in das, was Lisa und Jeremias erzählten. Der Bucklige war froh und flink. Sein Gesicht war beseelt von Zuversicht, und wenn er auf Jakob Sindig schaute, dann lagen Dank und Lachen in dem Blicke.

Am Nachmittage sagte Jakob zu seinem Gefährten: »Jeremias, du könntest heute einmal auf den Hof gehen. Meine Kleider könntest du holen und die Papiere aus dem Schranke.«

Lange vor Dunkelwerden hörten sie auf. Jakob setzte sich hinter den Tisch. Lisa bediente ihn und schwatzte. Er ging wenig darauf ein. Dann schrieb er.

Jeremias war nach dem Hofe gelaufen.

Er traf die Bäuerin. »Jakobs Sachen soll ich holen, seine Kleider und Papiere.«

»Wo ist Jakob?« fragte die Bäuerin.

»Auf dem Moorgute,« berichtete Jeremias und lachte.

»Von dem Dreikönigstanze weg?«

»Ja, und ohne Hut, und gerannt muß er sein und will nicht wieder herab.«

»Was ist gewesen?« wollte Gertrud Heidecker wissen, »der Bauer ist nicht gut auf ihn zu sprechen.«

»Was weiß der von Jakob?« sagte der Kleine trotzig.

»Getrunken hätte Jakob und – –«

»Ja, getrunken hat er. Sie haben ihn betrunken gemacht. Hernach hat er gespürt, was sie vorhatten.«

»Und da ist er davongerannt?«

»Deswegen und – –«

»Was?«

»Ach, das ist nichts, wirklich nichts.«

Gertrud Heidecker ahnte, daß Jakob Sindig im Kampfe gestanden hatte und daran gewesen war, zu unterliegen.

»Es ist nichts?«

»Nein, wirklich nicht. Ja, und Annedore könntest du sagen, daß Jakob auf dem Moorgute ist.«

»Annedore?«

»Ja.«

Da ging dem Weibe wieder ein feines Zittern über das Herz.

Sie gab dem Boten, was Jakob gehörte. Der schnürte ein Bündel, warf es über die Schulter und schritt fröhlich in die Nacht hinaus.

Heidecker kam in die Stube, und sein Weib erzählte ihm, daß sich Jakob seine Habseligkeiten hatte holen lassen.

»Das ist gut,« knurrte der Bauer, »ich hätte ihn hinauswerfen müssen. Den Kreuzbauern hat er abgeboten.«

»Den Kreuzbauern – Adam Eberleins Haus?«

»Ja, um zwanzig Taler. In vierzehn Tagen wird man sehen, was für ein Großmaul er ist. Dann muß er das Geld hinlegen. Mehr als zweihundert Taler! Er wird mit leeren Händen dastehen, wir aber werden lachen, und er hat ausgespielt vor uns und vor den Häuslern. Es wird Zeit. Ist es eine Art, sich hineinzudrängen in das, was nur uns angeht?«

Gertrud Heidecker antwortete nicht. Der Bauer schmähte Jakob Sindig. Die Frau aber dachte bang: ›Wie will er das Geld schaffen? Er hat sich hinreißen lassen?‹

Unterwegs begegnete Jeremias Jakob Sindig, der nach Niederau ging. Er trug einen Brief an seine Schwester in der Tasche. Darin hatte er aus seinem warmen Zorne über die harten Bauern geschrieben, daß er ein Hanghäuslein gekauft, und sie um den Betrag gebeten. Es war ein weiter Weg, den er ging, und erst lange nach Mitternacht kehrte er heim, aber der Gang hatte ihn freier gemacht.

Die Tage verliefen in Arbeit und die Abende im Planen. Da saß er mit Jeremias über der Moorzeichnung. Er führte den Kleinen ein in das, was er vorhatte. Der war ein lernfreudiger Schüler, und wo sein Verstand bangen wollte, da trieb ihn die Liebe zu Jakob Sindig zum Glauben. Lisa Buschreuter aber staunte. Was war das für ein Mensch, der Jakob Sindig!

Der Binsenhofbauer hatte Nachricht empfangen. Jakob Sindig möge Geld in Niederau abholen. Das lag ihm hart zwischen den Zähnen. So konnte Sindig das Häuslein zahlen? Viel Geld mußte für ihn bereit liegen. Der Bote hatte von fünfhundert Talern gesprochen. Er wußte es nicht genau.

Heidecker schickte Lorenz hinaus, Jakob die Nachricht zu bringen. Am anderen Tage ging Jakob nach Niederau, empfing das Geld und gleichzeitig einen Brief von Wilm Larns. Er kam aber traurig an das Moor zurück. Warum schickte ihm seine Schwester so viel? Der Bote hatte recht gesagt. Mißmutig warf Jakob das Geld auf den Tisch. Er hatte keinen Augenblick Freude daran.

Jeremias jedoch war klug. Er wies darauf hin, daß bei der Arbeit, die sie vorhatten, allerlei gebraucht werden würde und daß Jakob das Geld wohl benötigen werde. Klug sei die Schwester und gut. Das ging langsam in Jakobs Seele hinein, und das Frohsein kroch aus dem Winkel, in den er es gejagt. –

Lorenz erzählte auf dem Hofe, wieviel Jakob empfangen. Als Annedore von dessen Reichtum hörte, da meinte sie zu wissen, warum er sie verachtete. Sie war arm! –

Wilm Larns schrieb heiter. Er freute sich, daß er von dem Regimentskameraden nach langer Zeit wieder einmal eine Nachricht erhalten hatte. Ja, und das Moor trockenlegen? Achtundneunzig Morgen? Das sei nicht schlimm. So in zehn Jahren gebe das sicher einen guten Ackerboden, vielleicht auch schon eher. – Sindig lachte. In zehn Jahren? Er gedachte, es eher zu zwingen. – Und, was solle er, Wilm Larns, weiter dazu sagen, wenn er doch das Moor nicht kenne. Das käme ganz auf die Moortiefe an. Die betrüge bei ihm stellenweise zwölf Meter und anderwärts nur drei Meter. Und da müsse Jakob, wenn das Moor ein Hochmoor sei und starker Fall dahintersitze, – obwohl das ja selten sei, – zuerst die Schleuse anlegen, das hätte Wilm auch mal gesehen am Düstern Moor. Dann trockne der Torf so allmählich ein, von zwölf auf sechs Meter und so, und oben darauf müsse der graue Torf abgestochen werden, hernach brenne man das Moor ab, und dann säe man Buchweizen. Buchweizen sei das erste, ja den Buchweizen nicht vergessen. Im übrigen: Wilm Larns sei kein Advokat, schreiben könne er nicht, und Jakob möge doch einmal nach dem Birkenfelder Moor kommen, weil sich an Ort und Stelle das alles viel leichter erklären lasse. Zu schreiben sei das wirklich nicht. Sonst aber: Glück zu. Nun sei ja Jakob Sindig auch ein Moorbauer. Ob er sich denn das Mädchen geholt habe, von dem er erzählt? Er, Wilm, sei noch nicht verheiratet. Seine Schwester, Wischen, könne mit dem Jens Gade nicht recht einig werden, und solange da nicht alles glatt sei, könne er keine Frau auf den Hof bringen, obwohl Antje Dollmen nachgerade anfinge, ungeduldig zu werden.

Es war ein Brief, dem man es anmerkte, daß er gern geschrieben war und ein ehrlicher Mensch die Feder geführt hatte.

Was aber Jakobs Schwester schrieb, das war eitel Sonnenschein. Es gehe ihnen gut, sehr gut, ruhe ein rechter Segen auf Jakobs Geschenk. Wenn man nur nicht immer weinen müßte in dem Gedanken, daß der Bruder die Heimat daran gegeben habe. Sie wolle nicht daran rühren, aber er solle wissen, daß sie und ihr Mann immer in seiner Schuld blieben. Sie freue sich unmenschlich, daß nun des Heimatlosen Wanderleben offenbar zu Ende sei. Ob er sich denn im Gebirge niederlassen wolle? Dann käme sie ehestens einmal, ihn zu besuchen. Ja, und – ob er denn da vielleicht etwas gefunden habe für sein hungerndes Herz? Und er solle ja nicht bangen: Wenn er mehr Geld brauche, so könne er es gern haben. Das Gut sei für die Versicherung und dann auch der Steuern wegen vor vier Wochen geschätzt worden nach dem heutigen Werte.

Mehr als zwölftausend Taler sei es wert. Davon gehöre ihm nach des Vaters Wunsch zum mindesten die reichliche Hälfte. Von Lene Michael wolle sie nichts schreiben, aber es ginge ihr jammervoll.

So hatten die Heimat und der Freund den Einsamen am Moore gegrüßt, und der Gruß aus der Heimat weckte keinen Aufruhr in ihm. Lene Michael, die er einmal liebgehabt hatte, ging es schlecht? Er hatte bereits früher davon gehört.

Leid tat sie ihm, aber was ihr einst entgegengebrannt hatte, das war tot. Er fühlte, daß er wurzelte, wo er stand, und daß eine, der er unterlegen war, sein ganzes Sein ausfüllte, sein Denken und sein Tun, und daß er untrennbar in ihr lebte, und das Gute in ihm sich aus ihr nährte, und das Wilde in ihm durch sie zusammenbrach. Es war eine schmerzvolle Freude; denn dahinter stand das Entsagen. –

Die vierzehn Tage waren vorüber. Reisiger hatte wieder einen guten Tag. Schier wie am Dreikönigstanze. Es war kaum noch ein Häuslein in der Berggemeinde, in dem es nicht bekannt war, daß Jakob Sindig Geld erhalten hatte, und das Gerücht nährte sich in den schlichten Gemütern. Der Mann war reich, wußte niemand, wie sehr, aber er war reich. Um so größer war das Wunder, daß ein solcher sich als Arbeiter verdingte. Etwas Geheimnisvolles war um den Fremden. Und das blinkende Gold blendete die Augen und tat den einfältigen Herzen weh. Schließlich ist er doch keiner von uns, und wir hatten uns darüber gefreut!

Der Vorsteher behandelte Sindig mit deutlicher Hochachtung. Was doch so ein Brief bewirkt! Es sei nichts Nachteiliges über Jakob bekannt, hatte der Vorsteher aus Sindigs Heimatgemeinde geschrieben. Vom Vater her sei er zum Erben eines Gutes im Werte von gut zwölftausend Talern bestimmt gewesen.

Er hätte das Gut seiner Schwester abgetreten, wisse niemand recht warum, auch nicht, weshalb er aus der Heimat gegangen sei. Vielleicht sei es um ein Mädchen, die einen anderen genommen. Jedenfalls hätte ihm daheim, so als Beispiel gesagt, kein Bauer die Tochter geweigert, wenn er etwa als Freier aufgetreten wäre. Ein gutmütiger Mensch sei er gewesen, jähzornig wohl zuweilen, aber sonst wie ein Kind. –

Flößer waren in der Wirtsstube und Köhler und Häusler. Dazu die Bauern und der Schneider. Also: Jakob Sindig hielt sein Gebot. Er zahlte und legte Schein an Schein.

Jetzt müsse Eberlein einen Schuldschein ausstellen, erklärte der Vorsteher. Sindig wehrte ab, aber der Vorsteher bestand darauf. Das sei der Ordnung wegen und wegen Leben und Sterben, und wenn schon Sindig in seiner Gutmütigkeit leichtfertig sei, so habe er als Vorsteher doch darüber zu wachen, daß alles rechtens zugehe.

Der Schein war unterschrieben. Jakob Sindig reichte Eberlein die Hand und sagte mit lauter Stimme: »Nun wärest du also mir verfallen. Ich könnte dich zwingen zur Arbeit, wohin ich wollte, auch auf das Moor, aber ich tue es nicht. Frei sollst du sein. Das bist du. Du kannst gehen, wohin du willst, zu dem, der dir am meisten bietet, aber ich rate dir: Bleibe bei dem Kreuzbauern; dem hast du lange gewerkt. Man soll nicht unnütz aufgeben, was man gewöhnt ist. Nun kannst du ihm schaffen ohne Angst, und es wird dir leicht werden.«

Eberlein stand hilflos und wollte einen Dank stottern, aber es kam wenig heraus. Etliche Männer husteten. Der Kreuzbauer aber reichte Sindig die Hand: »Du, ich nehme das noch einmal zurück, das von dem Hergelaufenen.«

»Es reicht das eine Mal,« erwiderte Jakob, aber er freute sich doch.

Er saß noch eine Weile bei den Flößern und den Köhlern. Sie sprachen wenig. Es lag etwas Unaussprechliches in der Luft, das war schwer und lastete auf den Herzen.

Sie wollten dem Langen, der so reich war und doch neben ihnen saß, etwas Liebes tun und luden ihn für den Sonntag an die Kohlstätten. Da seien sie alle zusammen und wollten sich einen frohen Tag machen. Jakob lächelte: »Trinkt ihr da wieder so viel wie am Dreikönigstage?«

»Da war es dir nicht gut?« fragte Aust gutmütig spottend.

»Wer sagt das?«

»Annedore.«

»Ach so, ja, es war mir nicht gut. Ich bin kein Trinker, und wenn ich da zu viel tue, so brennt es oben hinaus.«

Die Männer lachten. Es war im ganzen ein froher, aber eigenartig stiller Abend.

Jakob verabschiedete sich früh und versprach, am Sonntage an die Kohlstätten zu kommen.

Als er hinaustrat, erwartete ihn der Vorsteher. »Ich möchte noch dies und das mit dir reden, Jakob,« sagte er und schloß sich ihm an. »Du wirst dich hier bei uns niederlassen?«

»Nein. Ich bin am Moore. Das wird mich etliche Jahre festhalten. Ob für immer, das weiß ich nicht. An die Hänge mag ich nicht.«'

»Und was wird mit dem Häuslein des Eberlein, wenn du einmal fortgehst?«

»Er wird die Schuld abzahlen, und wenn nicht, was tut es?«

»Bist du so reich, daß du das Geld wegwerfen kannst?«

»Ist das weggeworfen, wenn ich einem Menschen das Schlimmste erspare, das ihm geschehen kann?«

»Hm ja, wenn du es so ansiehst. – – Höre zu. Abzahlen kann Eberlein die Schuld nicht. Er hat zwei Morgen Land. Reißt ihm das Frühjahrswasser oder ein Gewitter viel davon ein, so hat er lange zu arbeiten, ehe er wieder in die Reihe kommt. An den Tagen, an denen er auf seinen Äckern schafft, entgeht ihm der Lohn bei dem Kreuzbauern. Also abzahlen kann er nicht. Ich will dich nicht tadeln um das, was du tatest. Es war schön und menschlich, und – – du hast dem Eberlein sein Gütlein erhalten. Das ist aber auch alles. Sein Leben hast du ihm nicht leichter gemacht. Tut auch nicht not. Es ist erträglich. – Du wirst milde sein, wirst die Zinsen zum Kapital schlagen oder sie durchstreichen. Gut. Das tust du bei einem. Könntest du es bei – sagen wir – zwölf Häuslern? So viele schicken ihre Leute auf meinen Hof. Was der Kreuzbauer getan haben würde, das weiß ich nicht. Ich halte es so, daß ich die Hangäcker, auf denen die Arbeit, wenn auch kärglich, lohnt, den Leuten lasse, ob das Häuslein mir gehört oder ihnen. Die anderen müssen verfallen. Sie brauchen Menschenkraft, die anderwärts nötiger ist und besser lohnt. Es ist ein Gesetz, und jedes Gesetz ist hart. Bleibt nur, was Sinn hat und was stark ist. – Nun denkst du in dir, die Leute könnten fortgehen. Vielleicht tun das einmal etliche. Gemeiniglich ist es so, daß, wer in den Bergen geboren ist, auch da bleiben muß. Er kann nicht anders. Ob es einmal anders wird, das kann ich nicht sagen. Bisher war es so. Sie können nicht fort, und – sie dürfen es nicht; denn die Höfe brauchen sie, und die haben ein Recht da zu sein, so gut wie eine große Stadt. Wir scheinen dir hartherzig zu sein. Hm ja, hart müssen wir dann und wann sein, hartherzig sind wir nicht. Fest wie unsere Berge steht mir die Pflicht, nicht kleiner werden zu lassen, was wir von den Vätern überkommen haben. Daß das nicht geschieht, dafür stehen wir ein. Das bedenke, und das laß wie ein Licht gehen über das, was du siehst. Dann wirst du uns verstehen. Wir sind Bauern. Festhalten müssen wir, was wir unter den Händen haben, und es mehren, wenn es sein kann. Darin sind wir wie Könige. Ob einmal der Tag kommt, an dem ich erkenne, daß ich im Irrtum war, das – – – nein, der kommt nicht. Das ist mein Glaube, und zu dem stehe ich. – – Du fragst, warum ich dir das sage? Daß du es erwägst und nicht unmenschlich nennst, was notwendig ist, und – weil ich etwas in dir leben sehe, das ich achten muß. – Wenn du am Sonntage mit den Flößern zusammensitzen wirst, vielleicht auch mit den Häuslern, dann wirst du manches hören, das nicht zu dem passen will, was ich dir sagte. Dann denke daran, daß jedes Ding zwei Gesichter hat, je nachdem, wie das Licht darauf fällt. – Gute Nacht, Jakob Sindig. Dein Weg geht da hinauf, der meine geradeaus.«

Jakob schritt an der Lokwa hin. Er fühlte, daß der Vorsteher in bestimmter Absicht gesprochen hatte, und daß er ihn schätzte und ernst nahm. Das tat ihm wohl, aber ihm schien, es liege dennoch hinter den klugen, besonnenen Worten so viel Herzenshärte, daß es wie ein Eishagel über die Armen gehe, die den Bauern in die Hand gegeben seien.

Als er an den Binsenhof kam, dachte er, daß es nichts schaden könne, einzutreten.

Die Bäuerin und die Mägde saßen wieder an den Spinnrädern. Das Spinnen war ihre Winterarbeit. Da trat Jakob mit einem hellen Gruße herein und reichte den Spinnerinnen die Hand.

So munter war er, daß er Marlene neckte und fragte, ob sich denn noch kein Gespenst wieder habe sehen lassen.

»O ja,« gab die schlagfertig zurück, »eben ist es hereingetreten.«

Jakob lachte. So sähen alle Gespenster aus, erklärte er. An einem habe er es probiert. Marlene aber fuhr auf ihn ein. Das sei gottlos, so zu reden, er solle sich doch nicht gar so wichtig machen. Am Dreikönigstage habe er getrunken, schlimmer als die anderen, hernach habe er mit Annedore getanzt und sie dann stehen lassen. Das sei keine Art, so davonzurennen.

Marlenes Eifer war wie Rutenstreiche. Eine heiße Blutwelle schoß Jakob Sindig in das Gesicht. »Du hast recht, Marlene,« half er sich aus der Verlegenheit, »Annedore, ich muß dich schon bitten, daß du mir nicht böse bist. Weißt du, ich habe etwas an mir, über das ich nicht Herr bin. Das kommt und geht wie ein Wind. Ich kann nichts dafür.«

Die Bäuerin war still. Ihr Rad schnurrte. Sie dachte daran, wie Jakob tastend die Hand ausgestreckt, und wie sie ihn von ihrem Allereigensten schroff zurückgehalten hatte. Nun kam er auf Annedore.

»Weißt du, wie sie dich nennen?« fragte Marlene.

»Nein. Du machst mich neugierig.«

»Den Heiland vom Binsenhofe nennen sie dich,« sagte die Altmagd, und es klang so zornig, als litten sie alle unter der Verhöhnung, die darin lag.

Jakob war auf solchen Namen nicht gefaßt gewesen, aber es stieg kein Zorn in ihm auf, als er ihn hörte.

»Da sehe ich, daß sie denken, mich zu kreuzigen,« sagte er, »ich sollte mich fürchten, aber ich fürchte keinen.«

Darauf wurde es still. Es hatte ein nachdenklicher Ernst in Sindigs Worten gelegen.

Nach einer Weile begann er von dem Moore zu reden. Nun sei er heimisch in der Zeichnung und im Moore selbst, aber er werde doch wohl einmal zu Wilm Larns fahren, um die Moorkultur mit eigenen Augen zu sehen.

Als er ging, trat die Bäuerin mit ihm in den Hausflur.

»Jakob,« sagte sie langsam, mit einer Stimme, die in Erregung schwang, »wenn es dir lieber ist, so will ich dir Annedore hinausschicken. Lisa kann wieder auf den Hof.«

»Mir – Annedore?« fragte Sindig erstaunt. Dann war es ihm so froh im Herzen, daß er sich Gewalt antun mußte, um nicht die Arme auszustrecken und das Weib an sich zu reißen. Gertrud Heidecker wollte ihm Annedore schicken und ihre Stimme schwankte, als sie es sagte?

»Vielleicht kommt einmal der Tag, da ich sie von dir fordere,« sprach er mit hellem Klange. »Dann schicke sie hinauf. Sie wird da am rechten Platze sein. Gute Nacht, Bäuerin.« Hinaus war er, und es kam zurück wie ein verhaltenes Lachen. –

Am Sonntage ging Jakob Sindig an die Kohlstätten. Sie lagen tief drinnen im Walde und waren eine Gemeinde für sich. So an die zehn Häuslein waren da verstreut. Auf Waldlichtungen lagen sie. Es waren viele Leute versammelt. Köhler, Flößer, Häusler. Unter ihnen Frauen und Mädchen. Auch der Schneider war da. Jakob merkte, daß die Köhler wie zu einem Feste gerüstet hatten.

Dickbäuchige Flaschen bargen einen hellschimmernden Trank. Der brannte wie Feuer. Darauf waren die Köhler stolz. Nun keiner der Bauern um den Weg war, ließen sich die Leute gehen, und es lag eine kaum beherrschte Wildheit über ihnen. Auch der Schneider war anders. Bissig und drohend in seinen Reden. Eine ganze Gemeinde Unzufriedener war es, und die drängten sich an den »Heiland vom Binsenhofe«.

Die Gläser kreisten, aber Jakob nippte kaum. Als sie ihn zum Trinken reizen wollten, sagte er: »Ich besaufe mich nicht wieder.« Jeremias, der mit ihm gegangen war und hinter ihm saß, freute sich und hatte glänzende, frohe Augen. Weiber und Mädchen saßen zwischen den Männern. Etliche der Frauen rauchten und tranken wacker mit.

Die Stimmen schwirrten durcheinander.

Einer der Köhler, ein Mann wie ein Knorren, lachte und, rief: »Was geifert ihr? Kommt in den Wald und werdet, was wir sind. Ich bin auch in einem Hanghäusel geboren. Mein Urgroßvater hat dem Leinert gefront, mein Großvater und mein Vater hießen freie Leute und standen in gleicher Fron, und als der Leinert, des jetzigen Vater, den meinen austat, da schlug der ihn lahm, ging hernach in den Wald und wurde ein Köhler.«

Und ähnliches wußte jeder der Köhler zu erzählen, aber die meisten sprachen ohne Leidenschaft. Sie hatten sich in ihre Arbeit eingelebt und hatten nichts mehr zu verlieren. Anders die Flößer. Die waren noch Hanghäusler, und um zu erhalten, was ihnen die Väter hinterlassen, gingen sie auf das Wasser und verdienten, wenn keine Fehlschläge eintraten, so viel, daß sie leben konnten. Noch anders die Häusler. Sie waren alle stark verschuldet, mußten zur Arbeit auf die Höfe gehen, taten sie ohne Freude und warteten auf den Tag, an dem das Schicksal über sie herfiel.

Alte, weit zurückliegende Ereignisse lebten auf. Es war ein langer, harter Kampf zwischen den Bergen, und es war oft Blut geflossen, Herrenblut und Häuslerblut. Und von der Vergangenheit kamen sie auf die Gegenwart. Es gab etliche Häusler, die besser dastanden als die anderen. Die hatten Glück gehabt, hatten viele Kinder großgezogen, die die Äcker betreuten, sich dann verdingten und den Eltern, wenn es not tat, von ihrem Erwerb gaben. Die waren frei und gingen still und allein ihres Weges, bangend, daß das drohende Verarmen eines Tages doch auch über sie käme.

Der Reihe nach zählten die Männer die Bauern auf, und jeder hatte ein Sündenregister. Jeder hatte einen oder etliche ausgetan und zwang die Leute zum Dienste. Den Vorsteher lobten sie. Dafür waren andere um so härter.

Der Schneider sprach aus, was allen auf dem Herzen lag und wovon sie geredet, ehe Jakob Sindig unter sie trat.

Er sprang auf einen Tisch. »Hier stehe ich, ihr Leute, zu dienen. Ihr kennt mich. Dem Gemeinderate gehöre ich an als euer Vertreter, und wenn ich schon Diplomat bin und nichts sage, so sage ich doch so viel: Nur einen Weg gibt es, und der heißt: Schlagt sie tot! Wollt ihr euch auffressen lassen? Freßt sie selber auf. Einen Tag im Jahre achten sie euch als Menschen, die ein Recht haben auf ein gutes Leben, und da geben sie euch, was euch wirbelig macht im Kopfe. Darauf fangen sie es an, wie bei dem Herrn Jakob Sindig, zu dienen. Ich sage: Rottet euch zusammen, brecht in die Höfe! Da sind volle Kammern, und ihr darbt. Da sind reiche Äcker, und ihr verhungert auf den euren. Da könnt ihr leben wie Menschen, jetzt seid ihr Tiere. Wann ist der Tag, da ihr sie richten könnt!? Ich sage morgen, heute ist er. Tut euch zusammen. Brecht in die Höfe.«

Er geiferte und schlug mit den Armen. Ein alter Köhler, der wie eine eingetrocknete Mumie aussah, lachte meckernd. »So einer, der Schneider! Was in dem steckt! Einbrechen in die Höfe? – Da haben sie gesessen, der Reiner, der Jungklaus, der Degner, die auf den gleichen Tag ausgetan worden waren, vor zwanzig Jahren, haben auf den Tisch gehauen und haben geflucht und haben – gewerkt. Die Höfe brechen? Schmeißt ihn herunter, den Schneider!«

Beifall hatte der Schneider nicht gefunden. Waren alles langsam denkende Leute, die da saßen, und wenn es auch in ihnen glimmte und, angefacht, vielleicht verzehrende Flamme werden konnte, so war doch die Scheu vor dem Ungeheuerlichen zu groß und die Furcht, daß das Schicksal, das sie den Bauern bereiten wollten, auf sie zurückfalle, zu stark.

Der Schneider aber strebte auf ein Ziel los. Er eiferte wieder. »Du bist alt, Harbort. Es ist eine neue Zeit geworden. – Warum können die Bauern so tun? Warum ist denen vor uns nicht geglückt, was sie erreichen wollten? Warum haben sie es nicht ein einziges Mal im großen begonnen? Nur immer kleine Streiche, ein Totschlag, ein Brand? Weil ihnen einer fehlte, der sie anführte. Heute ist er da. Es ist einer unter uns gekommen, einer, der ein Herz hat, so groß wie keiner von uns, einer, der eine Faust hat, so stark wie kein zweiter, einer, der angefangen hat, uns zu erlösen. Einen hat er ihnen aus den Krallen gerissen. Den macht zu eurem Führer, den Starken. Jakob Sindig heißt er, zu dienen.«

Glührot war Jakob Sindig geworden. Mit zwei Schritten stand er am Schneider, packte ihn beim Kragen, hob ihn auf, schüttelte ihn: »Schneider, dich reitet der Teufel.« Dann stellte er ihn auf die Diele, ließ seine Augen über Männer und Weiber fliegen, schüttelte den Kopf und – lachte, arglos wie ein Kind. »Der Schneider ist ein Narr!«

Er wurde ernst. »Gewalt wollt ihr brauchen? Und ich soll euer Führer dabei sein? Ich? Einer, der sich selber nicht führen kann und mit dem Kopfe gegen die Wand rennt? Und ich sollte euch in das Elend führen? Dazu habe ich euch zu lieb, ihr Menschen, ihr Menschen! – Ich weiß keinen Rat als den: Schafft, solange es zu ertragen ist, und wenn es euch unerträglich wird, dann geht hinaus aus den Bergen. Es wohnen auch anderwärts Menschen, ihr werdet auch unter anderen Leuten satt. Ihr müßt euch nicht verkaufen. Die Bauern brauchen euch. Gut. Ihr braucht die Bauern. Auch gut. So haltet Frieden miteinander, solange es möglich ist. Und die, die es nicht mehr können, denen aber doch die Heimaterde so schwer an den Füßen hängt, daß sie nicht hinaus mögen, die – heiße ich zu mir kommen an das Moor. Es ist achtundneunzig Morgen groß. Ich werde es trockenlegen, und wenn es so weit ist, dann können vier Gütlein darauf stehen, vier Gütlein, und wird kein Acker zerrissen werden, weder durch das Frühjahrswasser noch durch Gewitterwasser. Rundherum aber liegen mehr als zehn solcher Moore, sagt der Schmied. Sie haben keinen Wert für die Bauern. Ödland sind sie, totes Land. Macht es lebendig. Es ist mir nicht denkbar, daß auch nur einer der Bauern sich weigern würde, euch ein Moor abzutreten für wenig mehr als nichts. Da liegt, was ihr braucht. So hoch sind die Berge nicht, daß da nicht wachsen sollte, wessen genügsame Leute bedürfen. Darin will ich euer Führer sein, zu Gewalttat nicht.«

Der Schneider war langsam zurückgetreten. Die Moore trockenlegen? Er witterte eine Gefahr für die Bauern.

Erst lag es wie ein Alb auf den Leuten, allmählich tauten sie auf. Aust schlug auf den Tisch. »Mensch, du willst das Moor trockenlegen? Und vier Gütlein sagst du?« Es wogte auf wie eine warme Welle. ›Die Moore trockenlegen.‹ Es riß die Männer hoch. Und – sie sanken wieder in sich zusammen. Die Hanghäuslein! Wie Kinder waren sie, konnten weinen und jammern, konnten fluchen und sich zu jäher Gewalttat aufreißen und brachten es doch nicht über sich, ein Neues, und war es auch glückverheißend, mit fester Hand und klugem, klarem Sinn zu erfassen. Bleiben wollten sie, wo sie waren, verfluchten die Heimstätte und klammerten sich an sie. Kalt lief es ihnen über den Rücken, wenn sie daran dachten, auf die Berge zu ziehen an die toten Moore. Lebendig machen die Moore und die Häuslein verlassen?

Sie sanken immer mehr in sich zusammen und rückten inwendig weit ab von Jakob Sindig. Vielleicht, daß der und jener nach wochen-, monatelangem schweren Ringen sich aufraffte und in die dargestreckte Hand einschlug, der Haufe sicher nicht.

Und als Jakob Sindig die unsicheren Augen sah und die zager werdenden Reden vernahm, da fühlte er, daß er die Leute nicht verstand, und daß sie ihn nicht begriffen, daß sie sich fremd waren.

Der greisenhafte Köhler kicherte vor sich hin wie ein Weiser. »Geht hinaus,« sagte er, »und werft die Schürstangen und den Stein. Ihr seid doch zusammengekommen zur Lust. Geht. Hier wird die Luft zu schwer.«

Die Mahnung nahm den Leuten eine Last ab. Sie sprangen auf, sich im Wettspiele zu messen. Sindig aber hielt der Alte zurück. Als auch der Schneider zurückbleiben wollte, jagte er den hinaus. Heubacher wollte an der Tür horchen, aber Jeremias kam wie von ungefähr und stellte sich breitbeinig in die Haustür. Da ging Heubacher zu den anderen.

Der Greis zog Jakob Sindig neben sich. »Sie haben viel von dir gesprochen, ehe du kamst. Nun weiß ich, warum sie das mußten, ah ja, das mußten sie. Du bist wie ein Kind. Sie sind auch wie Kinder, über dumm und grausam wie Kinder. Hast du gesehen, wie ihnen die Angst in das Genick sprang? – Ich habe viele kommen sehen, später als ich kam, und gehen sehen, eher als ich gehen muß, aber in dem, was sie inwendig bewegt, hat sich nichts geändert. Ihre Not ist ehrlich, wenn es um die Häuslein geht, aber ihr Fluchen ist erlogen. Sie können sich nicht aufreißen. Zu Gewalttat vielleicht, – das aber ist nichts für dich, – zu klugem Tun niemals. Du darfst dich nicht wegwerfen an sie. Es wäre schade um dich. – Lege dir einen Panzer aus Eisen um das Herz. – – Nun gehe und spiele mit ihnen.«

Auf dem Köhlerplane war ein lebhaftes Treiben. Einen Holzklotz hatten sie aufgestellt. Der war das Ziel. Nach dem warfen sie mit den eisenbewehrten Schürstangen. Die Männer waren kraftvoll, und der Gerwurf war ihnen ein gewohntes Spiel. Die schweren Stangen fuhren durch die Luft, die Eisenspitze bohrte sich knatternd tief in das Holz, und der Schaft schwirrte. Sie waren eifrig beim Spiele, und obschon es stark winterlich war, legten etliche die Jacken ab.

Aust reichte Sindig die schwere Stange. Der trat zum Wurfe an. »Achtung!« schrie Aust. Jakob warf. Er war ohne Übung, so traf er nicht, aber die Stange flog in hohem Bogen weit über das Ziel hinaus.

»Donner noch nein,« murmelten die Männer und sahen scheu auf den Riesen, der sich lachend das Haar aus der Stirn strich. Sie traten an zum Weitwurfe, und Sindig warf schier die doppelte Länge des besten Wurfes. Dann warfen sie in die Höhe, und es war das gleiche.

Jakob Sindig war ein froher Knabe.

Die Köhler schleppten Steine herbei.

»Den hat der Wolfram zwanzig Schritte weit geworfen,« sagte einer, »ich bringe es auf achtzehn.« Er warf am weitesten. Als letzter schleuderte Sindig den Stein, und als sie den Wurf abschritten, da waren es sechsundzwanzig Schritte. Da führte der greise Köhler, der auch herzugekommen war, Jakob zur Seite. Lag da ein Block, eingewachsen in die Erde.

»Das ist der heilige Stein,« sprach der Greis, »den hat nur einer gehoben. Das war der Stärkste von allen, die je in den Bergen gewohnt haben. Er war ein kluger Mann und konnte in die Zukunft sehen. Sein Spruch lautet: ›Es wird ihn keiner heben außer einem nach mir und der – –‹ Glaubst du an Verkündigungen, Jakob Sindig?«

»Nein.«

»Dann will ich still sein, aber ich möchte wohl wissen, ob du den Stein heben kannst.«

Männer und Weiber wußten, daß es mit dem Steine eine besondere Bewandtnis hatte. Eine düstere Prophezeiung sollte an ihn gebunden sein. Ihren Wortlaut kannte keines. Wartend umstanden sie Jakob Sindig und den Greis. Der richtete seine Augen fragend auf den Riesen.

Jakob bückte sich, umklammerte den Block und versuchte, ihn zu heben, aber er war eingewachsen im Laufe langer Jahre. Da lehnte sich Jakob mit der Schulter dagegen, schob und stemmte. Es war, als ginge ein Murren durch den Stein, als er sich langsam heraushob aus Erde und Rasen. Jakob Sindig kantete ihn auf die andere Seite. Dann umschlang er ihn, hob ihn empor, trug ihn über den Plan und warf ihn krachend den Hang hinab. Dumpf polternd rollte der Block, sich überschlagend, talwärts und schlug drunten hart auf.

Als Sindig leuchtenden Auges zurückkehrte, war der Greis verschwunden. Er saß in seiner Kammer und weinte.

Die Prophezeiung hieß: ›Der wird sein wie ein Kind, und sie werden ihn totschlagen.‹


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