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1.

Hochsommersonne lag auf der Ebene. In zitternden Wellen schwang die Glut über einförmigen, langhin verlaufenden Straßen, an denen die Äpfelbäume ihre filzigen, verstaubten Blätter müde im grellen, sengenden Lichte hängen ließen. Wenn ein leises Wehen durch die Kronen ging, dann raschelte es in ihnen wie in trockenem Herbstlaub. Die Ähren auf den Feldern neigten sich der Sense entgegen. – Die bleigraue Glocke des Sommerhimmels schob sich in weiten Fernen zwischen Ährenfelder hinein, und spitze Kirchtürme griffen hinauf in den fahlen Dunst.

Inmitten fruchtschwerer Felder lag ein großes Dorf. Daraus schritten zwei in Trauer, und hinter ihnen klang laut und hallend und hell die Hochzeitsglocke vom Turme. So gingen die zwei unter Freudengeläut, und es waren doch Sterbeglocken, die hinter dem Manne her ein Glück zu Grabe läuteten, das er froh hatte wachsen sehen, das ihm einst fest schien wie Felsengrund und doch Moorland gewesen war, schwimmendes, ihm gelogen hatte und unter den Füßen fortgeglitten war.

Jakob Sindig ging in die Fremde, und seine Schwester Marie, die vor drei Tagen den Warmut geheiratet hatte, gab ihm ein Stück das Geleit. Außergewöhnlich war der Mann, ein Riese, hoch ragend selbst auch über reckenhafte Männer. Der Blick der dunklen Augen war düster, und wer Jakob Sindig ansah, der fühlte, daß die Trauer in Zorn übergehen würde, sobald der Schreitende allein war und der Zwang von ihm sank, den er sich um der Schwester willen auferlegte. Jakob Sindig ging hinaus, mit den Menschen abzurechnen um zweier willen, die ihm gelogen. Das war eine Sünde geworden, um die er viele leiden lassen wollte. So ging er schweigend zur Seite der Schwester. Und als er auf sie vergaß, da begann die drohende Glut stark und ungestüm in seinen Augen zu brennen. Er schob den Hut in das Genick, eine schwarze Haarwelle fiel ihm in die breite, gefurchte Stirn, seine Lippen lagen hart und schmal aufeinander, und die stark behaarten, kräftigen Hände ballten sich zu Fäusten, die etwas von drohenden Keulen an sich hatten.

Das junge Weib drängte sich ihm an die Brust, weinte und bettelte, daß er bleibe und daheim in festem Willen angetanes Leid überwinde und vergesse. Hier sei sie ihm zur Seite, könne ihm mit linder Hand die Falten von der Stirn wischen, wisse, wie sie ihn abbringe von seinem zornigen Grübeln, und wolle ihn lehren, die Heimat lieb behalten trotz der zwei, denen jetzt die Hochzeitsglocke läutete.

Jakob wehrte ab. Seine Stimme war tief und klang wie der Hall einer schweren Glocke. »Laß das, Mariechen,« bat er, »ich weiß, daß ihr mich liebhabt, du und dein Mann, aber das verlange nicht von mir, daß ich den zweien wieder begegne. Es ist schon fast übermenschlich gewesen, daß ich so lange aushielt. Das tat ich um deinetwillen. Nun aber ist es genug. Bliebe ich, so wüßte ich nicht, was geschähe. Vielleicht, daß es uns alle unglücklich machte für immer. Bin ich auch stark, so ist das andere doch stärker. Du weißt nicht, was mißhandelte Liebe vermag. Das peitscht und wühlt. Ich bitte dich, laß mich gehen. Kehre um, gehe heim in dein warmes, junges Glück, in das Nest, das ich euch richten durfte.«

»Und so nimmst du nichts mit aus der Heimat als den großen, großen Schmerz?« klagte die Schwester. »Ich sehe es dir an, daß du nur allein unter dem gehen wirst, was zwei dir antaten, die du verachten müßtest. Tue es, dann wird es stille in dir werden wie nach einem Gewitter.«

»Daß es das wird, darum muß ich in die Fremde gehen,« sagte Jakob.

»Draußen aber ist niemand, der weiß, wie du warst und sein kannst, wenn du deinem Herzen nachgibst, dem großen, guten. Denen draußen bist du fremd. Du hast harte Worte gesprochen, Jakob, und wirst dir Feinde machen. Sie werden dir Übles tun, wenn du ungut bist, wissen nicht, warum du es bist. Was wissen sie von deiner Not! Sie werden nicht fragen, wie du warst, nur wie du bist, das sehen sie, und das lügt. Es ist mir bange um dich, so bange! Jakob, ich bitte dich, bleibe, ich bitte dich!«

Jakob Sindig umschlang seine Schwester, lachte wehmütig und sprach: »Bange ist es dir um mich? Ah nein, Mariechen, das braucht es nicht. Ihr sollt euch nicht sorgen um mich. Vielleicht, daß ich irgendwann einmal wiederkomme. Leb wohl! Mir scheint, es kommt noch einmal die Zeit, da wir uns freudig an den Händen halten. Leb wohl und grüße deinen Mann. Ich muß!«

Er riß sich los und ging mit langen, weit ausholenden Schritten in die Felder hinein, wandte sich nicht, wie lange auch Marie stehenblieb, hatte das Haupt gesenkt und dachte nur immer: ›Jetzt gehe ich in die Fremde, und hinter mir feiern sie Hochzeit, die zwei, die ich liebhatte, und die mich belogen haben.‹

So ging Jakob Sindig aus der Heimat. –

Zwei Jahre lang war sein Leben ein unruhevolles Wandern. Er blieb, wo es ihm gefiel; die Menschen hingen sich an ihn; denn er war ungewöhnlich, und seine Art duldete nicht, daß ihm einer lau gegenüberstand. Kalt mußten sie sein, und gegen ihn oder warm und für ihn.

Suchte ihn manches zu halten, kluge Herren, die wußten, was seine Kraft wert war, und heißblütige Mädchen, die ihm entgegenblühten.

Dann lachte er auf, ein zorniges, bellendes Lachen, brach die Blüte und schritt weiter.

Sprunghaft wie sein Tun war sein Gemüt. Er konnte sinnend neben einem Kinde stehen und seine Finger spielend durch die Löckchen gleiten lassen. Dabei leuchteten seine Augen, und die Kleinen hatten Vertrauen zu ihm und lachten. Jakob Sindig aber erschrak über sich.

›Ich will ein Tier sein,‹ dachte er, stampfte mit dem Fuße, und die Kinder liefen erschrocken davon.

Und zwei waren, zwei Mädchen mit hellen, guten Kinderaugen, denen konnte er nicht übel tun. Er reckte sich unter seinem Haß, wollte grausam sein und – nahm das Land unter die Füße, um nicht zu erliegen.

Zwei Jahre ist er gewandert, hat viele Herren gehabt und meinte, viel Tränen geweckt zu haben. Da stand er am Fuße eines düsteren, zerrissenen Waldgebirges.

Die mächtigen Wände standen regellos, hatten breite, steilwandige Kuppen als Wächter vorgeschoben und buckelten nach rückwärts, eine die andere überragend, immer höher hinauf, so daß der blaue Sommerhimmel auf ihnen wie auf Säulen ruhte.

In weitem Bogen führte die Straße aus dem Vorlande auf ein altersgraues Städtchen zu. Das lag in einer schmalen Talrinne. Die Häuser standen in Zeilen zu seiten eines stark rauschenden Baches, der seine klaren Wasser ungestüm vorwärtsjagte.

Die Straße leitete in geringer Steigung durch die Siedelung. Stadtgemeinde Niederau, Amt Heidenheim, stand auf der Holztafel an der Wohnung des Polizeidieners.

Jakob Sindig schritt langsam dahin. Niedrige Häuser, an einzelnen mäßig große Schaufenster und dahinter aufgebaut, was die Leute im Städtlein und auf den Dörfern brauchten. Dann, gegen den Hang gelehnt, eine schmucklose Kirche mit hohem, schwarz-grauem Ziegeldache. Der Turm, fast quadratisch in seinem Aufbau, trug eine vierseitige Spitze und überragte das Kirchendach nur wenig. Nach allen Seiten waren schmale, in Spitzbogen auslaufende Fenster, mit Zierat in den Bogen, aber in einem war der Schmuck zerbrochen. Die Fenster waren die Schallöcher.

Es ging gegen den Abend hin. Der Küster stieg auf den Turm, und der tiefe Hall einer Glocke wogte gegen die Talwände, stieß hier an und da und kam als lange schwingendes Echo zurück.

Jakob Sindig stand und sah der wiegenden Glocke zu.

Droben hing sich der Küster an das Seil, die Glocke ächzte und wehrte sich gegen das Stillesein, der Klöppel schlug noch zwei- oder dreimal an die tönende Wand, dann ging das Geläut in ein tiefes Summen über. Harte Schritte kamen die Treppe herab.

Anton Simmer, der Küster, schloß die Kirchentür, kam über den hängigen Kirchenplatz daher, trat vor Jakob Sindig, grüßte ihn und fragte: »Wo hinaus noch heute abend?« »Heute?« fragte Sindig, nachdem er den Gruß zurückgegeben, »ich will da bleiben für die Nacht.«

»So kommt zu Johanne Seifert, die hat ein gut Bier und ein billig Quartier, oder wollt Ihr im Bären wohnen?«

Er lachte dazu.

»Ist mir gleich,« sagte der Gefragte, »ob im Bären oder bei Johanne Seifert.«

»Kommt, ich trinke nach des Tages Mühen auch ein Glas bei Mutter Seifert. Trefft da die ehrsamen Ackerbürger der Stadt, und wenn Ihr Arbeit sucht, so –«

»Ich suche keine. Will wandern und bleibe, wo es mir gefällt.«

»Und könnt überall bleiben, wo Ihr wollt. Ich will das wohl glauben. Einen wie Euch läßt keiner an der Tür vorübergehen, der Hände braucht. – Da sind wir bei Mutter Seifert. Guten Abend. – Ich habe für das Geschäft gearbeitet, Mutter Seifert. Den Fremden fand ich an der Kirche. Er will in der Stadt übernachten, und ich führte ihn zu Euch.«

Johanne Seifert war eine Witwe, so an der Grenze des Altwerdens. Sie hatte ein kluges, gutes Gesicht, streckte dem Küster die Hand dar und lachte Jakob Sindig freundlich an.

»Ich hab kein Bett, das lang genug für Euch wäre.«

»Das haben sie nirgends,« gab Sindig zurück, »und ich bin es gewöhnt, die Knie krumm zu machen, das heißt, wenn ich liege, sonst nicht.«

»So ist es gut. Das andere ist Eure Sache.«

Die Männer setzten sich an den Ecktisch, und Johanne Seifert stellte vor jeden ein hohes, schweres Glas braunen Bieres.

»Zum Wohl,« sagte Küster Simmer und hob sein Glas.

Jakob Sindig dankte und tat einen langen Zug.

»Ihr seid durstig,« sprach der Küster lachend.

»Ich komme ein Ende draußen her, und der Tag war heiß.«

»Von da hinten kommt Ihr?«

»Ja.«

»Und wollt in die Berge?«

»Über die Berge.«

»Habt so recht kein Ziel?«

»Nein. Ich nehme es, wie es kommt.«

»Das gefällt mir.« Er sah ihn nachdenklich an. »O ja, das gefällt mir. Ihr habt etwas an Euch, daß man fühlt, Ihr lauft dennoch nicht ins Blaue hinein.«

»Was ist das für ein Land da drüben?« fragte Sindig und wies nach den Höhen.

»In den Bergen? Hm, da ist jeder fremd, der nicht dort geboren ist. Bleibt nicht dort. – Was seid Ihr Eures Zeichens?«

»Ich arbeite auf den Höfen.«

»Richard Siedelmann, vor der Stadt draußen, könnte einen brauchen, wie Ihr seid.«

»Ich will sehen.«

»Wenn Ihr weitergeht auf dem Wege, den Ihr kamt, so müßt Ihr auf die Berge steigen. Geht sonst nirgends hinaus.«

»Ich war nie in den Bergen, komme aus der Ebene und möchte wohl einmal sehen, wie es da oben ist.«

Der Küster lachte. »So geht nach Bergroda.«

Mutter Seifert setzte sich zu den Männern.

»Küster Simmer,« sagte sie, »wie könnt Ihr einem raten, nach Bergroda zu gehen?«

Simmer lachte herzhafter. »Sind doch da auch Menschen.«

»Ja, aber – –« Mutter Seifert darauf.

Jakob Sindig fragte, was es mit Bergroda auf sich habe. Die Wirtin schien in Sorge, daß er dahin verlange. »Das liegt in der Wildnis,« sagte sie, »kommt im Sommer und im Winter kein Fremder dahin, und sie leben dort noch wie vor hundert Jahren oder länger.«

»Man sagt, da sei die Zeit besser gewesen als heute,« warf Sindig ein.

»Das ist dummes Zeug. Bleibt hier oder geht durch Bergroda hindurch, aber nehmt dort nicht Arbeit.«

Der Küster hatte sich zurückgelehnt. Er lächelte vor sich hin und war eine Weile still. Dann hob er sein Glas, trank, setzte es nieder und lächelte noch immer.

»Ihr habt den Fremden neugierig gemacht,« sagte Mutter Seifert vorwurfsvoll, »nun redet.«

»Was soll man sagen?« Der Küster legte die Unterarme auf den Tisch. »Wenn Ihr den Bach hinaufwandert, so kommt Ihr in ein enges Tal, heißt der Saugraben. Das ist gute zwei Stunden lang und biegt rechts aus und links, und immer geht Ihr durch den Wald. Dann laßt Ihr den Wald hinter Euch. Er klettert höher auf die Berge hinauf, und Ihr seht da Äcker auf den Hängen und etliche Wiesen, dazwischen Hütten.« Er lachte. »Könnt schier bei jeder durch den Schornstein hineingucken. In den Hütten wohnen die Häusler. Wie wenn sich eine Schafherde zerstreut hat, so liegen die Häuslein an den Wänden. Steigt Ihr die Hänge hinauf, so steht da ein Bauernhof und dort einer. Acht Höfe sind dort oben, acht. Leben nicht gut, die Leute, auch die auf den Höfen nicht.«

»Das sagt nicht,« warf die Wirtin ein, »die leben gut.«

»Nein, Mutter Seifert,« widersprach der Küster, »auch die Bauern leben nicht gut. Aber sie könnten gar nicht leben, wenn sie die Häusler nicht hätten. – Sonderbar ist das Land. Ist, wie wenn einer mit einer Hacke tiefe Rinnen in das Gebirge gezogen hätte. Etliche laufen an der Lokwa-Brücke zusammen. An die kommt Ihr, wenn Ihr über das Gebirge wollt. Wo auf den Höhen sich Ebenen breiten, da stehen die Höfe, und alles Land, das dort herum liegt, gehört ihnen seit Urväterzeiten. An den Hängen aber haben die Häusler ihre Äcker. Und da das Land der Höfe zu klein ist, so gehören auch zu jedem von ihnen eine Zahl Hangäcker.«

»Was Ihr sagt, scheint mir nichts Besonderes zu sein,« warf Jakob Sindig ein.

Der Küster nickte. »Nein, so von weitem nicht, aber man muß genauer zusehen.«

»Sagte ich nicht, es sei dort oben noch wie vor hundert Jahren?« sprach Mutter Seifert.

»Wie vor hundert Jahren,« setzte der Küster hinzu. »Wenn Ihr gegen den Morgen durch Bergroda wandert, so könnt Ihr sehen, wie die Leute nach den Höfen zu steigen. Männer und Weiber. Sind den Bauern hörig, nicht mehr nach Gesetz und Recht, aber die Bauern haben sie in den Händen.«

»Sie sind ihnen verschuldet?« fragte Sindig.

»Ja. Die Äcker sind Schindäcker. Das Wasser zerreißt sie im Frühjahr und im Sommer, wenn die Gewitter kommen.«

»So sollen die Leute davongehen.«

»Sie können nicht. Der Großvater hat getan wie sie, und der Vater und der Sohn tun es, und der Enkel und der Urenkel werden es tun. Sie ziehen den Pflug selber an den Lehnen und tragen den Dung in Körben hinauf. Hoffen auf gute Ernten und gehen im Winter auf die Höfe und betteln um Korn, daß sie Brot backen können. Das geben ihnen die Bauern und schreiben es ihnen an für den Sommer. So arbeiten die Leute an ihren Schulden und können es doch nicht hindern, daß sie wachsen.«

Jakob Sindig schüttelte den Kopf. »Es nimmt mich wunder, daß es noch derlei Menschen gibt.«

Mutter Seifert sah ihn traurig an. »Arm sind sie da oben und ist niemand, der sich ihrer annimmt.«

Der Küster blickte ernsthaft vor sich hin. »Sie glauben an Geister und daß die Toten wiederkommen und fürchten sich. – Aber es ist ein Neues gekommen. Es ist ein Neues gekommen.«

Die Wirtin legte ihre Hand auf die seine. »Glaubt Ihr, daß ihnen das Hilfe bringt, wenn etliche aufbegehren?«

»Mutter Seifert, ich sage ja.« Er wandte sich wieder an Jakob Sindig. »Waren da früher noch mehr der Häusler in Bergroda als heute. Etliche aber haben sich gegen die Fron gewehrt. Die Bauern haben ihre Hütten versteigert, und die Leute sind entweder zu Kreuze gekrochen, oder sie sind unter die Köhler gegangen. Die hausen im Walde und sind eine Gemeinde für sich. Seit der Endinger, der ein Holzhändler ist und die Schläge im Gebirge aufkauft, mit dem Grafen, dem das halbe Gebirge gehört, und ebenso auch mit den Bauern Geschäfte macht, haben sie angefangen, auf der Lokwa die Stämme zu flößen, und so ist die Gilde der Flößer geworden. Die Männer aber kommen herab in das Tal und tragen manches hinauf in das Gebirge, das dort hart gegen die Wände stößt. So geht es auf einen Kampf zu, und man weiß nicht, wie lange der Friede noch dauert. – Ist ein armes Volk dort oben, Ihr könnt es glauben, führen ein elend Leben und fürchten sich vor Menschen und Geistern. Glauben an solche, die in den Lüften hausen und in den Höhlen, und an solche, die ihnen den Segen von den Feldern nehmen, und haben einen einzigen Tag im Jahre, an dem sie froh sind. Und da sind sie wie die Kinder oder wie die Wilden. Geht hinauf und seht Euch das Land an und geht weiter. Kann dort nur leben, wer dort geboren ist. Arme Leute, arme Leute! Sie brauchten einen, der aufräumte, aber sie sind wie Kinder oder wie Wilde. Ja. Nun muß ich heim. Guten Weg, Fremder.«

»Danke. Gute Nacht, Herr Küster.«

Jakob Sindig war an dem Abende Mutter Seiferts einziger Gast. Sie redeten noch allerlei von der weltabgeschiedenen Berggemeinde. Die Wirtin sprach in tiefem Mitleid von den Leuten, die in harter Not standen. Das ließ Jakob Sindig wenig schlafen.

In der Frühe, als eben die Vögel ihr Morgengebet verrichteten, war er schon unterwegs.

Aus Niederau heraus war er erst zwischen mählich ansteigenden Wiesen gegangen, dann hatte ihn der Wald aufgenommen. Die Sonne war in der Ebene nun schon dabei, den Bauern die ersten Schweißtropfen auf die Stirn zu legen. Im Walde wehte eine herbe Kühle. Flatternd flogen dünne Nebelfetzen über dem Bache hin und wider. Durch die Baumwipfel ging ein tiefes, ruhiges Atemholen. Zwischen den Bäumen standen zerrissene, von Algen grün überwachsene Felsen, über die es leise tropfte und sickerte.

Langaus schritt Jakob Sindig, nicht in der unruhigen Hast, mit der er den Weg in der Ebene gegangen war, zwei Jahre lang.

Es tat sich ein Neues vor ihm auf. Der Sohn des Tieflandes stieg zum ersten Male den Höhen zu.

Jakob Sindig setzte den Stock fest auf die Erde. Er hatte den Hut, wie er es gern tat, in das Genick geschoben. Die Steigung wurde bedeutender.

Der Wandernde hielt an. ›Ah,‹ er weitete die Brust, ›man merkt es, daß es den Bergen zugeht.‹ Und er lauschte. Ist ein großer Unterschied zwischen Bergwald und Wald in der Ebene. Der Wald im Tieflande weit, licht, sonnendurchglutet, der Bergwald finster, geheimnisvoll, Wunder verheißend.

Und vor einem Neuen gehen die Gedanken vergleichend in das Alte zurück.

›Zwei Jahre gehe ich durch die Welt,‹ sann Jakob. ›Zwei Jahre.‹ Und er ballte die Faust. ›Nicht Herr, nicht Knecht.‹ Tief grub sich die Falte über der Nase in die Stirn. ›Nicht Herr, nicht Knecht, gehorchend, wenn ich will, und aufbegehrend um Nichtigkeiten. Und so will ich mich an den Menschen rächen? – Meine Schwester hat den ersten Buben, und die anderen sind unglücklich. So ist es geworden. Ich aber habe in das Leben hineingehauen mit den Fäusten, und wenn ich jetzt als Fremder bei guten Leuten sitze, wie gestern abend, dann ist mir das Heulen nahe. Es haben sich viele an mich herangemacht, Weiber und Mädchen. Ich habe sie auf mich zukommen lassen. Aber es waren zwei unter den vielen, nein, das habe ich nicht gekonnt. Die waren wie die Kinder. Da bin ich davongegangen. Es wäre zuletzt doch über mich gekommen.‹

Er lachte bitter auf. ›Nicht Herr, nicht Knecht, nicht Mensch, nicht Tier. Alles ein wenig.

Nun ist da ein Neues. Ich weiß nicht, ob ich nicht doch bleibe, wenn mir etwas in den Weg läuft.‹

Wandernd kam er an eine Ausweitung des Tales. Da war zur linken Seite ein gähnendes Loch im Felsen, und zur rechten lagen Halden. Hier mußten sie irgendwann einmal Erz gegraben haben. Es war ein düsterer Ort.

Die Sonne begann von den Höhen her Lichtpfeile in das Tal zu schießen. Vom Lichte dann und wann umrieselt, schritt Jakob Sindig lebhafter. Aus Licht in Dunkelheit, aus Dunkelheit in Licht.

Da trat der Wald auf beiden Seiten zurück. Hoch droben lief er, und an den Hängen lagen zwischen Geröllhalden kümmerliche Äcker, auf denen dünn Halm bei Halm stand und niedriges, dürftiges Kartoffelkraut.

›Das sind die Hangäcker‹, dachte der Wandernde und schüttelte den Kopf.

›Daß sie da arbeiten! Es muß schlecht lohnen und muß ein jämmerlich Werken sein.‹

Zwischen den Äckern standen niedrige Häuser. Bohlenwände, auf denen Schindel- oder Strohdächer ruhten. Selten eine Blume vor den kleinen Fenstern, selten eine Bank vor der Haustür. Vor etlichen sprangen Kinder im Hemdlein einher. Und Männer und Frauen kamen von dorther und daher und kletterten auf schmalem Pfade zur Höhe links hinauf.

Wieder eine Ausbuchtung des Tales. Breiter als bisher. Da stand ein Haus an der Straße, schien ein Wirtshaus zu sein, und rundum lagen Felder und Wiesen, die besser aussahen. Jakob Sindig verhielt sich nicht. Nach etlichen hundert Schritten schauten von links herab hohe Dächer, die mit rotleuchtenden Ziegeln gedeckt waren. Das war einer der Höfe. Der Bergrücken zur Linken lief in einen scharfen Winkel aus, und es kam da ein ander Seitental herauf.

Sindig schaute hinab in das Tal. Es glich dem, durch das er hinanstieg. Dieselben Lehnen, dieselben Hütten.

Aus einem Felsen zur Rechten schoß in starkem Schwalle ein Wasser. Da hatte der Bach seinen Ursprung, der drunten in Niederau schon ein stark schäumendes Wasser war.

Vor dem Wandernden schoben sich die Wände zusammen, daß es schien, da müsse der Weg zu Ende sein. Der ging wie durch eine Pforte, und dahinter traten die Wände wieder auseinander.

Feierliche Morgenstille lag über den Bergen. In die Stille herein scholl das laute Poltern eines Wassers. Der Weg wand sich um einen Felshang. Da war eine weite Lichte. Wie Strahlen liefen drei Täler zusammen. Durch das Engtal zur Rechten herab brauste der Bergbach, die Lokwa. Klotzige Felsblöcke buckelten herauf, wurden dann und wann von den Wellen überspült und lagen hernach wieder trocken. Die Wellen schossen stellenweise in enge Kessel hinein. In denen überschlugen sie sich, schäumten auf und ließen weiße Schaumkronen tanzen.

Über den Bach führte eine Brücke aus grauem, grobem Stein. An der teilten sich die Wege. Der Brückenbogen war weit gespannt. Weißsternige Blumen hingen in Büscheln zwischen den Steinen heraus.

Jakob Sindig trat auf die Brücke und schaute gegen das Wasser hinauf. Das hatte, seit Ewigkeiten rinnend, seinen Weg bald rechts, bald links an den Hängen hin genommen, hatte Ausbuchtungen geschaffen, wo die Felsen zurücktraten oder ihm erlegen waren, und ging auf schmalem Pfade, wo das Gestein widerstand. In den Ausbuchtungen lagen Felder und Wiesen. An den Hängen klebten Hütten.

Die Siedelungen auf den Höhen, an den Hängen und in den Tälern bildeten zusammen die Berggemeinde Bergroda, die eine Welt für sich war, und von der Küster Simmer in Niederau gesagt hatte, hier könne nur leben, wer da geboren sei. Schön war es hier, schön und neu.

Ging niemand an Sindig vorüber. Als er aber gegen die Lokwa hinschritt, den Weg weiter wandernd, der zur Linken des herabeilenden Wassers bergwärts führte und die Brücke nicht überquerte, da sah er hier auf einem Acker einen Greis zwischen den Kartoffeln hacken und dort ein verhutzelt Weiblein.

Der Weg führte, stärker ansteigend, hinan. Da stand ein Bauernhof. Breite, weit ausladende Gebäude, Scheunen und Schuppen hinter dem Hause. Der Hof lag nahe an dem steilen Hange, dem Wandernden zur Rechten. Hinter dem Gehöft breitete sich eine leicht geneigte, nicht unbedeutende Ebene aus, und weiter zurück reckte sich der Wald. Durch den mußte der Weg über den Kamm hinüber in die Ebene jenseits führen.

An dem Hofe stand der Bauer. Er war ein Mann von mittlerer Größe, hatte scharfe, tiefliegende Augen und ein knochiges Gesicht. Das war Johann Heidecker, und der Hof war der Binsenhof.

Jakob Sindig wollte vorübergehen, aber der Bauer hielt ihn an.

»Suchst du Arbeit?« fragte er.

»Suchen? Nein, aber wenn sie mir in den Weg läuft, so greife ich dann und wann zu.«

»Du scheinst ein Sonderbarer zu sein.«

»Das bin ich.«

»Wenn du Lust hast, kannst du bei mir bleiben.«

»Hm.«

Indem trat die Bäuerin hinter ihren Mann. Sie sah aus wie ein Mädchen, hatte dichte blonde Zöpfe, die wie eine Krone auf dem Scheitel ruhten, und schaute aus blauen großen Augen verwundert auf den Riesen.

Der Bauer wandte sich an sie: »Ich habe den Fremden gefragt, ob er zu uns kommen will. Einen von der Art könnten wir wohl brauchen.«

Die Bäuerin antwortete nicht darauf.

Jakob Sindig aber trat näher. »Ich will es versuchen.«

Er schritt in das Haus, als ob es sein wäre, und der Bauer ging hinter ihm her.

Drinnen verhandelte er um den Lohn und war betroffen, als der Riese um ein Geringes seine Zusage wiederholte, so als ob der Lohn Nebensache wäre.

Zum Mittagessen kamen die Knechte und Mägde auf den Hof. Zwei Knechte hatte Johann Heidecker und drei Mägde. Von denen schaffte Marlene, die Altmagd, zumeist im Hause.

Während der Bauer und sein Gesinde drinnen am Tische saßen, hockten draußen eine Anzahl Leute vor dem Hause und aßen, was sie in Tüchern mitgebracht hatten. Das waren Heideckers Häusler.

Breit und sicher saß Jakob Sindig am Tische und achtete nicht darauf, daß ihn die anderen mit neugierigen Augen musterten.

Der Bauer aß hastig. Es ging still zu während des Essens. Auch der Hausherr und sein Weib hatten sich, wie es schien, wenig zu sagen.

Nach dem Mittagessen ging das Gesinde wieder an die Arbeit.

Jakob Sindig stand vor dem Bauern.

»Hast du auch Hangäcker?« fragte er.

»Ja,« antwortete der Bauer.

»Es muß ein unfrohes Arbeiten auf ihnen sein. Ich möchte da nicht gern hin, bin gewöhnt, langaus zu schreiten. Du hast auch andere Felder und Wiesen?«

»Ja, das kannst du dir doch denken.«

»Auf denen will ich arbeiten.«

»Wie es kommt,« entgegnete der Bauer, »es muß alles getan werden, aber für die Hangäcker sind zuerst die Häusler da.« –

Jakob Sindig war noch nicht lange auf dem Hofe, da kannte er den Bauern und der ihn. Heidecker rieb sich die Hände. ›Das war gut, daß ich an dem Morgen vor dem Tore stand. So einer! Wie der arbeitet! Als hätte er Spielzeug in den Händen, so ist ihm alles.‹

Johann Heidecker war ein hungriger Mann, einer von denen, die nicht satt werden, die nicht das Leben schlingen möchten, wohl aber das Gut. Seine scharfen, aber farblosen Augen gaben dem Gesicht keinen Charakter. War er zornig, dann stieg ein grünliches Licht in ihnen auf, das lange stehen blieb. Über der niedrigen Stirn stand das grau durchschossene Haar kurz und aufrecht. Das Kinn schob sich eigenwillig vor. Die breiten, zerarbeiteten Hände ließ er hängen. Mit seinem Weibe redete er zumeist nur kurze Worte. Oft fuhr er es grob an und war doch, wie es schien, keine Ursache dazu. – ›Sonderbar,‹ dachte Sindig, ›daß die zwei zusammengekommen sind. Es ist, wie wenn eine Maiblume neben einer Distel stünde.‹

Der Bauer war ein Unrast. Den jagte die Sonne selten von seinem Lager auf, eher er sie hinter den Bergen hervor, und der Abend nahm ihm nur auf kurze Zeit die Arbeit aus der Hand. Gegen das Gesinde war er ungleichmäßig. Heute stumm und morgen geschwätzig. Seine eisernde Stimme schallte oft durch das Haus. Sie hatte einen knarrenden trockenen Ton.

Am Morgen ging er von Tür zu Tür. »Aufstehen, die Sonne will kommen.« So auch etliche Male bei Jakob Sindig. Da sagte ihm der, das möge der Bauer lassen, er brauche keinen, der ihn wecke. Wohl flog bei dem Worte ein scharfer Blitz über Heideckers Augen, aber er bezwang sich. Nun ging er an Sindigs Tür vorüber, aber der vernahm es, wenn die Stimme die anderen an das Tagewerk jagte.

Unter den Mägden war ein schmuckes, wackeres Menschenkind. Das war Annedore. Marlene war alt und ging gleichmütig ihren Weg. Die Kleinmagd war noch ein halbes Kind und kicherte viel.

Zu dem Binsenhof gehörte ein Nebengut. Das lag jenseits der Felder, die an den Wald stießen, auf dem Kamme des Gebirges. Auf dem lagen verstreut an die zehn Moore. Etliche waren von beträchtlicher Ausdehnung, andere klein und unbedeutend. Das ›Moorgut‹ nannten sie das Nebengut des Binsenhofes. Auf das Gut hatte der Bauer den Kaspar Buschreuter gesetzt. Der wohnte da mit seinem Weibe, der Lisa, die rothaarig war und scharfe, stechende Augen hatte, und dem buckligen Jeremias, der so an die fünfundzwanzig Jahre alt war und in der Wirtschaft half. Gegen dreißig Morgen hatten sie dort droben fruchttragendes Land.

Jeremias kam zuweilen vom Moorgute und brachte, was Lisa an den Hof abzugeben hatte.

Als er Jakob Sindig das erstemal sah, blieb er verwundert stehen. Sindig aber ging an dem Buckligen vorüber und hielt erst hernach vor ihm an, als er ihm im Hofe wieder begegnete und Jeremias mit Annedore schwatzte.

Da sagte das Mädchen zu Jeremias: »Das ist unser Neuer, und Jakob Sindig heißt er.« Und dann zu Jakob: »Das ist der Jeremias vom Moorgute droben.«

So wurden sie miteinander bekannt, aber Jakob achtete des Kleinen kaum. Er hatte ihm die Hand gegeben, und darin war die des Jeremias fast verschwunden.

Auf dem Binsenhofe plätscherte ein Laufbrunnen. An den trat Jakob Sindig jeden Morgen, ließ sich das Wasser über den bloßen Oberkörper laufen, wusch sich und sprudelte und prustete.

Die Kleinmagd stieß Annedore, als es die zwei vom Kammerfenster aus zum ersten Male sahen, in die Seite, aber Annedore jagte das vorlaute Ding scheltend vom Fenster weg.

Weil sich Jakob dann und wann bei der Morgenwäsche ein wenig verhielt, geschah es zuweilen, daß der Bauer mit den Knechten bereits an die Arbeit gegangen war, ehe Sindig vollends in die Kleider kam. Er holte die Vorausgegangenen dann unterwegs ein, kam auch wohl einen Augenblick später. Von Wilhelm oder Lorenz hätte das der Bauer nicht geduldet, aber dem Neuen gegenüber war es besser, still zu sein. Es sprang ihm leicht eine Zornfalte in die Stirn, und dann glimmten seine Augen. Er holte auch leicht ein, was er etwa in der Arbeit einmal versäumte.

Jakob Sindig hielt sich allein. Es geschah jedoch so dann und wann, daß er am Abend neben den Knechten saß, seine Pfeife rauchte und mit ihnen von dem Lande redete, in das ihn seine Füße getragen.

Da merkte er, daß sie das Land liebhatten. Sie lobten es und sagten, daß sie nicht fort könnten. Auch von den Häuslern redeten sie, von ihrem mühseligen Leben und davon, daß sie den Bauern verschuldet seien.

Jakob Sindig zürnte auf die Hangäcker, obschon er nie den Fuß auf einen gesetzt. Lorenz, der ältere Knecht aber, der ein besonnener Mensch war und langsam sprach, sagte: »Du solltest nicht reden über das, was du nicht kennst. Du bist fremd hier. Es hält keiner von den Fremden bei uns aus, du kannst es glauben, und auch du wirst eines Tages davongehen. So lernt uns auch keiner kennen.«

Jakob Sindig aber ging noch unter dem erwachten Zorn. So fragte er nach einer Weile, ob es wahr sei, daß sie sich hierzulande vor Geistern fürchteten, und seine Rede klang hochfahrig.

»Daß wir uns fürchten,« antwortete Lorenz, »das lügen sie drunten im Tale, aber wir glauben, daß es mehr gibt, als wir sehen.«

Jakob fragte nach Namen und Art der Geister.

»Es tut nicht gut, darüber zu reden,« knurrte Lorenz, »aber wenn du eine Weile bei uns gewesen bist, so kann es wohl sein, daß auch dir der wilde Jäger begegnet ist, und wenn du am Bleiloche vorübergehst, das im Saugraben am Wege nach Niederau liegt, dann mag es geschehen, daß auch du es darin jammern hörst und stöhnen, und daß auch dir die Steine um den Kopf fliegen.«

Dazu lachte der Neue, und Lorenz war gekränkt.

»Du brauchst dich nicht lustig zu machen über uns,« zürnte er.

Der zweite Knecht, Wilhelm, wollte ihm zu Hilfe kommen. »Am Ende lachst du auch über den Binsenschnitter,« In manchen Gegenden » Bilmenschnitter« genannt.rief er Jakob zu.

»Binsenschnitter, was ist das?« fragte Sindig. »Ich habe den Namen nie gehört.«

Lorenz wollte abwehren, aber der andere redete hitzig. »Am Morgen der heiligen Dreifaltigkeit geht er durch die Taläcker und die Hangäcker, wie er will, geht von einer Ecke zu der anderen, hat an den Füßen Schuhe mit Sicheln daran, hat sich dem Bösen verschrieben und schneidet den Segen vom Felde. Du kannst seine Spur sehen und kannst davor nicht leugnen. Wen der Binsenschnitter grüßt, der stirbt im selben Jahre. Lache nicht, es ist Ernst damit. Grüßt aber einer den Binsenschnitter zuerst, so erlebt, der es mit dem Teufel hielt, den neuen Frühling nicht wieder.«

Sindig lachte schallend auf, und Lorenz erhob sich und ging davon.

Wilhelm aber rückte näher an Jakob heran. »Du, es tut wohl gut, wenn man einen an der Seite hat wie dich, weil du so stark bist. Daß wir uns nicht fürchten, ist nicht wahr. Aber du solltest es auch ernst nehmen, besonders das vom Binsenschnitter. Ich habe seine Spur oft gesehen. Bald geht er auf dieser Seite, bald auf jener.«

»So wollte ich, ich begegnete ihm einmal,« sagte Jakob.

»Das wünsche dir nicht,« rief Wilhelm erschrocken. »Es wäre schade, wenn du sterben müßtest, wo du doch noch gar nicht bei Jahren bist.«

Hatte seit langem keiner mehr zu Jakob Sindig gesagt, daß es schade sei um ihn. Das Wort des schlichten Menschen tat ihm wohl.

Wilhelm klopfte seine Pfeife aus und stieg in seine Kammer. Jakob saß noch eine Weile allein und bewegte in sich, was er vernommen.

Der Abend tat seinen Mantel weit auseinander, und die Stille sank aus den Falten über Berge und Täler, Häuslerhütten und Bauernhöfe. Wo die Bäche gingen, da stiegen weiße Nebel herauf und wanden sich an den Hängen entlang. Von den Getreidefeldern wehte der Duft der blühenden Ähren herüber. Sindig lehnte sich zurück und sann.

Es war viel Neues in sein Leben getreten. In ein Land war er gekommen, das ihm neu war, hatte die Häusler kennengelernt, die weniger vom Leben zu begehren schienen als der Ärmste in der Ebene. Alle Tage kamen sie auf den Hof, gedrückt und still und scheu, werkten den Tag über und gingen am Abend zurück in ihre Hanghäuslein, die waren wie Vogelkäfige. Der Starke zürnte ihnen um ihres Knechtssinns willen, und sie taten ihm doch leid in ihrer hungernden Armut und in ihrer Liebe zu den Bergen.

Schien viel eingeschlafen zu sein in ihm. Viel Wildheit und Unrast. Und ob es ab und an in ihm zuckte, weiterzuwandern, seine Habseligkeiten in den Taschen zu bergen und davonzugehen, so war da doch immer etwas, das ihn reizte, zu bleiben. –

Seine Gedanken verloren sich ins Unklare. Da stand irgend etwas Helles, Schönes, Neues. Aus der Ferne kam eine klangvolle Stimme. War da ein Weib – ein Weib! –, das in Not stand neben einem hungernden, geizigen Manne.

Jakob wußte wenig von der Bäuerin. Nur was ihm Lorenz im Gespräch gesagt. Gertrud Morheimer hatte sie geheißen, war des alten Morheimer Tochter, der ein Häusler war und drunten in einem der Grabentäler wohnte.

Die hatte sich der Bauer geholt, als man schon meinte, er habe das Freien auf den Nagel gesteckt. War ein großes Verwundern in Bergroda gewesen, aber man konnte das verstehen, daß Gertrud Morheimer ein besonderes Los wurde. Gab keine mehr von ihrer Art in der Berggemeinde. Ehe sie auf den Hof kam, war Lisa des Bauern Haushälterin gewesen. Die hatte er hernach dem Kaspar Buschreuter zur Frau gegeben, und sie waren an das Moor gezogen.

Der Bauer ging an den Abenden oft aus und ließ sein Weib allein. –

Knechte und Mägde waren zur Ruhe gegangen. Da trat die Bäuerin aus der Haustür.

Als sie Jakob sah, sagte sie: »Ich meinte, du wärest auch in deiner Kammer.«

»Ich habe mit den anderen von den Geistern geredet,« sprach Jakob Sindig.

Die Bäuerin stand vor ihm, und das Licht der Sterne umspielte sie.

In ihre klare, weiße Stirn herein rieselte feines Blondhaar, und die blauen Augen leuchteten selbst im Halbdunkel warm und gut. Sie legte die schmale Linke auf die Lehne der Bank und neigte sich leicht zu Jakob herüber. Ihre tönende, ruhige Stimme schwang kaum auf und ab, aber was die beherrschte Zunge verschwieg, das ergänzte das Spiel der Gesichtszüge. Gertrud Heideckers Antlitz war niemals unbewegt, und es lag ein Hauch kindhafter Reinheit darüber.

›Wenn sie wüßte, was ich für einer bin‹, dachte Jakob, ›so würde sie nicht vor mir stehenbleiben.‹

Sie sprachen von der Arbeit auf den Feldern. Gertrud Heidecker meinte, die Ernte werde gut werden.

»Das wundert mich, daß du das sagst,« wandte Jakob ein, »mir scheint, die Felder sehen dürftig aus.«

»Du mußt das Land nicht mit dem drunten vergleichen. – Bist du daheim in der Ebene?«

»Ja.«

»Und leben dir dort noch Vater und Mutter?«

»Nein.«

»So bist du früh arm geworden.«

»Ja, das wurde ich.«

»Es muß hart sein, allein zu stehen, aber du bist ein Mann. – Wie denkst du über die Tage, die kommen?«

»O, ich denke nicht daran. Eine Weile geht es wohl noch so.«

»Es gefällt dir in den Bergen?«

»Ja, es ist da viel Neues. Darunter aber ist manches, über das ich lachen muß.«

»Lachen?«

»Ja. Über die Häusler.«

»Über die solltest du nicht lachen. Das ist eher zum Weinen, aber es kann es niemand ändern.«

»Und dann über die Geister.«

»Hm. Du fürchtest dich nicht?«

»Nein. – Ich habe überhaupt kaum je von Geistern gehört.«

»Du traust dir zu, mit ihnen fertig zu werden?«

»Darüber muß ich wieder lachen. Mit den Geistern?«

»Du bist stark, aber – –«

»Stark? Hm. Ja, stark. – Das mußt du nicht erwähnen.«

»Du bist es aber doch.«

»Nein, ich bin es nicht immer.«

In dem Worte lag eine verhaltene Trauer, und es flog doch wie ein Drohen aus ihm auf.

»Gute Nacht,« sagte die Bäuerin.

»Gute Nacht, Bäuerin.« Jakob Sindig blieb sitzen.

›Ich soll stark sein – und es beginnt doch in mir wieder zu brennen, ob ich mich auch dagegen wehre. Immer muß ich an sie denken. Dabei gleicht sie den zweien, um derentwillen ich drunten davongegangen bin.‹ –

Der Bauer keifte gegen sein Weib. Sein Schelten drang bis in das Haus, und Jakob Sindig war zweimal daran, in die Stube zu treten, der Frau zu helfen.

Er redete oft mit der Bäuerin, am Tage und abends, im Hause und vor der Tür.

Wogten heiße Wellen vom einen zum andern. Gertrud Heidecker fühlte es und zitterte davor. Sie ging dem Riesen aus dem Wege und stellte sich ihm wieder vor die Füße; sie mied das Reden mit ihm und suchte es.

Jakob Sindig aber wehrte sich. ›Ich habe nie ein Kind schlagen mögen, und sie ist ein Kind. Wie sie mich ansieht! Als könne ich ihr nichts tun.‹

Gertrud Heidecker aber hatte heute die Augen eines Kindes und morgen die eines dürstenden Weibes. Sie fror inwendig, und dann wieder durchglutete es sie wie fließendes Feuer. –

Jakob Sindig schaffte wacker auf dem Binsenhofe. Sie waren bei der Ernte. Durch die Taläcker schritt er, durch die Äcker auf der Hochebene und schnitt die Halme, wie der Tod schneidet.

Sein Oberkörper bog sich nicht bei der Arbeit. Die Sense schwang er blitzend in der Glut der Morgensonne, daß ihr Licht zuckend darüber hinlief, ungestüm und grell, und als würde es hineingerissen in den sinkenden Segen.

Es ging förmlich ein Stöhnen über die Erde vor dieser hungrigen Kraft. Sich selber unterkriegen wollte der Starke, aber das Inwendige war stärker als der Leib.

Der Bauer und die Knechte blieben weit hinter Jakob zurück. Heidecker kroch wie ein Wurm über das Feld, indes es sich der andere untertan machte. Die Mädchen standen und sahen dem Riesen zu, stießen sich in die Seiten und blinkerten mit den Augen, aber Jakob Sindig sah über sie. hin, ließ seine Augen über den Acker gleiten und verfing sich in der Goldkrone auf dem Haupte der Bäuerin.

Die Morgensonne eines Spätsommertages stach mit spitzen Lichtspeeren durch den Nebel. Da schritt der Bauer mit hastigem, ungleichmäßigem Gange den anderen voraus gegen die Haferbreite hin, die am Lindenbache lag.

Der Morgen war schwül. Sindig hatte sich erhoben und die starken Arme gereckt. Dann war er hinabgeschritten in den Hof. Die anderen gingen eben zum Tore hinaus. Der Röhrenbrunnen plauderte und plätscherte. Da entblößte der Riese den Oberkörper, beugte den Rücken unter die Röhre und ließ das Wasser darüberrinnen. Sich wendend, sah er von ungefähr, daß droben ein weißer Vorhang um Handbreite zurückgeschoben war und dahinter zwei hungernde Augen brannten. Es war wie ein Huschen, kaum, daß ein Bewegen durch das weiße Linnen ging. In dem Manne aber loderte der Brand auf. Er warf die Arme, als würfe er einen Felsen beiseite. Sein Schritt war kurz und hart. Als er an der Tür der Bäuerin stand, fuhr es ihm wie ein Schlag durch die Glieder und nagelte ihn fest. Er riß die Tür auf, gewalttätig, wie wenn er einen niederschlagen müßte. Die Bäuerin stand mit gelösten Haaren in der Kammer. Von den Flechten umflutet, reckte sie sich, wich vor Jakob Sindig zurück und röchelte: »Geh hinaus, du!«

Jakob Sindig aber stand, maß sie mit den Augen, ließ die flammende Lohe sie überrieseln von unten bis oben, sog sich fest an ihrem Leibe und tat langsam einen Schritt vorwärts.

»Geh, du,« keuchte das Weib und zuckte wie im Krampfe, und Jakob kam näher. Sie verschlang die Hände, und Sindig legte den Arm um ihren Leib. Wie ein Weinen war es in seinen Augen. Dagegen aber bäumte sich ein trotziges Wollen. Er sog Gertrud Heideckers zitternde Seele in sich hinein. Da lehnte das Weib hilflos in seinen Armen. –

Als Jakob eine Weile später nach dem Lindenbache schritt, war er düster und fluchte sich. – –

Gertrud Heidecker war wie zerbrochen. Es schüttelte sie und ging wie ein Fieber durch ihre Glieder. Müde klang ihre Stimme durch das Haus.

»Ist dir nicht wohl, Frau?« fragte die Altmagd.

»Die Drude hat mich gedrückt,« sagte die Bäuerin, »und es liegt in der Luft, wie wenn ein Gewitter käme.«

Die Altmagd stellte den Stalleimer zur Seite, trat an die Herrin heran und machte drei Kreuze über sie.

»Im Namen des Vaters – –«

»Laß das, Marlene.«

»Des Sohnes – –«

»Du sollst es lassen, sage ich!« rief Gertrud Heidecker heiser. »Wie darfst du den Namen Gottes entweihen?«

»Wenn die Drude über dir war, so gibt es kein besser Mittel. Im Namen – –«

»Geh an die Arbeit,« gebot die Bäuerin.

»Jesus,« schrie die Altmagd und sah erschrocken in der Bäuerin Augen, über denen es lag wie ein Leichentuch. »Jesus, das war nicht die Drude!«

»So wird es das Wetter sein,« sagte Gertrud müde.

»Du bist krank, Bäuerin,, ich will die Hilger holen, daß sie dich bespricht.«

»Quäle mich nicht. – Wie weit seid ihr?«

»Wir füttern die Stiere.«

Sie traten aus der Haustür.

»Siehst du, Marlene, da drüben hängt das Wetter. Das plustert sich auf und geht wie ein Sengen über das Land, ist so stickig und schwer, daß es einem die Luft nimmt.«

»Das ist kein Wetter, Bäuerin, das ist der Höhenrauch, der von dort herunterkommt, wo sie Moor brennen. In dem liegt ein heißer Tag, und wenn es sich über die Berge wirft, daß sie dastehen wie mit einem durchsichtigen Tuche verhängt, so gibt das lange schönes Wetter. – Bäuerin, soll ich die Hilger holen?«

»Es ist mir besser, Marlene. Sieh mir in die Augen. Es ist vorüber.«

»Bezwungen magst du es haben, Bäuerin, aber nun ist etwas anderes in deinen Augen, nicht mehr wie Angst, aber wie ein großes, großes Weinen.«

»Närrische Marlene,« sagte die Frau darauf, »ein Weinen? Lachen muß ich über dich,« und es flog ein Lachen auf, so weh, daß die Altmagd aufschluchzend die Hände vor das Gesicht schlug.

»Jetzt ist es genug,« sprach Gertrud fest, »wer uns sähe, müßte meinen, wir hätten den Verstand verloren.« Der große Schreck in dem Weibe kroch in sich zusammen. »Laß die Tiere nicht darben, Marlene,« mahnte sie, »du weißt, die andern füttern schlecht.«

Die Altmagd nahm den Stalleimer wieder auf und ging an die Arbeit. Gertrud Heidecker schlurfte mit müden Schritten durch die Stube.

Im Norden hing der Rauchschleier über den Bergen, überglüht von den seitlich hereinschießenden Sonnenstrahlen. Es konnte ein schöner Tag werden, o ja, ein schöner, und wenn das stehenblieb, was sich da mit Macht in die Baumkronen gehängt hatte und sie unter sich zwang, sie mochten wollen oder nicht, dann konnten noch viele schöne Tage kommen, o ja, warum denn nicht? Gertrud Heidecker lief ein Frieren über den Rücken. Sie rieb die Hände ineinander, dann faltete sie sie über dem Tische und sah mit stillen Augen vor sich hin. Das muß doch irgendwo hinaus. Da drunten, weit drunten im Seitentale lag ein ganz kleines Haus. Zu dem gehörten ein paar Äcker, und in dem wohnten zwei Leute mit schlohweißem Haar. Denen war von sieben Kindern eines geblieben. Das hatten sie dem alternden Binsenhofbauer gegeben und hatten bei sich gedacht, daß es doch ein Gottesglück sei, daß das Mädchen auf den Hof käme, und es war keinem durch den Kopf gegangen zu fragen, ob sie da wohl eine Seele auf ein Ödland jagten. Und die Seele hatte gekostet von dem, was man Leben nennt, und hatte dabei die Augen aufgeschlagen. Das hätte sie nicht tun sollen. So war das nicht gemeint. Aber sie war nun doch einmal sehend, sah ein herrliches Land, aber es stand ein tiefes, tiefes Tal davor. Hätte ja einer die Brücke darüber schlagen können, und Gertrud Morheimer hätte seine Hand ergriffen, hätte die Augen geschlossen und wäre mit ihm gegangen, gläubig wie ein Kind und still wie ein Weizenacker. Aber der ein Brückenbauer hätte sein sollen, der war ein Maulwurf, hatte kleine, scharfe Äuglein und wuselte am Boden hin, ließ sein Weib, das er halb hinauf auf eine Höhe getragen, liegen und fragte nicht, ob sie da verdurste und verkümmere, wollte sie hinabziehen in seine Gänge, und weil sie sich dagegen wehrte, so ließ er sie achtlos liegen. Ließ sie liegen, bis einer kam, aus dessen Augen ein grelles Blitzen über das ersehnte Land brach und dessen Hauch Feuer aus Asche aufblies. Auch der baute keine Brücke, der nahm das Weib unter den Arm, sprang mit ihr hinüber und – ließ sie auf steinigen Boden fallen. Nun war sie drüben, ja, das war sie, und da wehte ein Wind, bald kalt wie der Eissturm aus Nordost, bald heiß wie die tückischen Südstürme, vor denen man die Feuer auf dem Herde ausblasen mußte.

Das Blut fieberte und erstarrte, gischtete hoch auf und verebbte. Was nun, Gertrud Morheimer, Weib des Heidecker? Willst du zu den alten Leuten drunten im Hüttlein gehen, die erstaunt die Augen aufschlagen, sich dann bekreuzigen und laut weinen werden? Oder willst du deinem Manne sagen, was du geworden bist? Wirst du morgen wieder den Vorhang lüften, wenn einer seine Brust drunten dem Wasserstrahle bietet? In des jungen Weibes Stirn gräbt sich eine messerscharfe Falte. ›Es gibt noch einen anderen Weg, den will ich gehen.‹

Die Sonne war über den Heuberg herübergeklettert, ließ grelle Feuer in den Fenstern auflodern und warf den langen, zackigen Schatten des Hauses den Berg hinab. Da kamen sie zurück vom Haferschneiden, Jakob Sindig, der Binsenhofbauer und die Knechte. Jakob ging voraus und deckte den hastenden Bauer förmlich zu. –

Still saß Jakob am Tische. Ihm gegenüber Gertrud Heidecker.

Die Altmagd schlug heimlich drei Kreuze, als sie der Bäuerin starre Augen sah. Der Bauer aber war gut gelaunt.

»Der Lindenbachacker liegt. Gefressen hat der Jakob den Hafer, gefressen wie ein Stier.«

Er lachte, und das Lachen klang wie ein Meckern.

»Wir wollen morgen auf die Grundwiese gehen, Jakob,« fuhr er fort. »Das Gras ist unter dem Wasser aus dem Flutgraben gewachsen wie der erste Schnitt. Steht wie Heu. Was meinst du?« Der nickte.

Sie gingen nach dem Frühstück auf das Feld. War ein heißer Erntetag. Jakob Sindig arbeitete hart. Ein Häuslerweib, das bresthaft war und seine Arbeit unter Stöhnen tat, jagte er davon. »Geh heim, du,« gebot er, »es ist zu schwer für dich.« Der Bauer wollte ihm zornig wehren, aber Jakob reckte sich vor ihm auf, schürzte die Lippen zu groben Worten, schlang den Zorn in sich hinein und sagte hart: »Ich tue ihre Arbeit mit. Es entgeht dir nichts.«

Der Bauer knurrte, aber er gab Sindig kein Widerwort. War ihm, als würde er einen Blitz auf sich niederreißen, wenn er gegen den Riesen anginge. –

Die Wagenräder waren gegen den Hang zu gekommen. Das Fuder schwankte. Etliche der Häusler sprangen zu, den Fall abzuwenden. Jakob schob sie beiseite. »Geht, der Wagen kann stürzen, und ihr möchtet zu Schaden kommen.« Und er stemmte seine Schulter gegen die Wagenleiter. »Hü!« So zwang er den Wagen.

Einer der Häusler trat hernach an ihn heran. »Es hätte dich erschlagen können.« Da lachte Jakob Sindig.

Den Tag über schaute er nicht nach der Bäuerin. Er richtete kein Wort an sie, und Gertrud Heidecker ging mit leeren Augen an ihm vorüber.

Als er gegen den Abend hin an der Milchkammer vorüberschritt, hörte er, wie drinnen eines leise und traurig, sagte: »Ach Gott!« Da war er nahe daran, hineinzugehen und des Weibes Hand zu fassen, aber er dachte: ›Ich habe das verwirkt, ihr nahezukommen.‹

Es kamen Tage, an denen er durch das Haus ging, düster wie ein schweres Wetter in den Bergen, und es kamen Nachtstunden, in denen er nach einem hellen Sterne schaute, der blauglänzend in den fernen Baumkronen hing. Wenn man den schmutzig machte! Und so war sie gewesen. Da schlug sich Jakob Sindig auf die Brust, daß es dröhnte. ›Zweimal habe ich es gekonnt, ich bin davongegangen, weil sie zu gut waren, und nun hat es mich doch übermannt. Ich hätte am Hofe vorübergehen sollen oder den Weg unter die Füße nehmen, als ich inneward, wo es hinaus wollte. Nun – ja, nun bleibe ich.‹ Ein heißer Zorn gegen den Bauern sprang in ihm auf. ›Du hast sie hungern lassen.‹ Und jäh umspringend in bitteres Lachen: ›Das soll deine Schuld mildern?‹

Die Tage reichten einander die Hände. Gertrud Heidecker und Jakob Sindig redeten miteinander. Jakob aber suchte des Weibes Augen, und als er sie fand, da waren sie leer. Leer und tot wie eine Brandstätte. Darüber ward er unsicher in sich. ›Man müßte es doch sehen, wenn sie inwendig weinte,‹ dachte er.

Er begann in die toten Augen hinein zu fragen, aber es kam keine Antwort zurück. Da wußte er nicht, woran er war. Die Tage der Unsicherheit luden Lasten auf seine Seele. Gertrud Heidecker mußte ihm doch etwas sagen, mit Worten oder mit den Augen. Zürnen mußte sie oder lachen und werben.

Der Herbst jagte den Sturm über das Land. Jakob Sindig schritt hinter dem Pfluge her in schweren Gedanken. Die Schollen stöhnten und brachen. Er rammte den Pflug so tief in das Land, daß er stellenweise durch den Mutterboden fuhr und Lehmbrocken herauswühlte. Die Krähen flogen über das Gepflügte, der Wind warf die Schwarzröcke von einer Seite zur anderen, aber Jakob Sindig stand. Es grollte in ihm, und als der Bauer auf das Feld kam und ihn tadelte, weil er die Tiere übermäßig anstrenge und das Unfruchtbare aus dem Acker herausreiße, da fuhr ihn Jakob an. »Laß den Boden nicht hungern, du, dann kannst du tief gehen. Nicht hungern lassen darfst du ihn, Hungerleider!«

Und er warf Heidecker die Zügel zu: »Ich will nicht mehr.«

Der Binsenhofbauer fuhr auf: »Was soll das? Willst du mir aufsagen?«

»Ich weiß noch nicht. Jetzt gehe ich heim.«

Lorenz und Wilhelm hatten von weitem gesehen, daß Jakob dem Bauern die Arbeit vor die Füße warf, sahen sich an und freuten sich.

Der Bauer nahm die Zügel und grollte inwendig: ›Ich müßte ihn davonjagen, aber er arbeitet für zwei, dazu um den halben Lohn. Es fährt ihm oft oben hinaus. Dann ist er wieder wie ein Kind. Man darf ihn nicht mit den andern vergleichen.‹

Jakob Sindig ging langsam vom Felde. ›Ich muß jetzt wissen, woran ich bin.‹ – Wogte Gutes und Übles in ihm durcheinander. – Vielleicht, daß ihm der Bauer die Arbeit aufsagte, vielleicht auch, daß er es tat.

Er trat harten Schrittes in die Stube und dicht an die Bäuerin heran, die da saß.

»Bäuerin,« sagte er heiser.

Sie sah ihn an, wußte, was gewesen war, und wußte, daß Jakob Sindig vor sie treten mußte. »Du hast dich mit dem Bauern überworfen?« fragte sie.

»Ja.«

»Und nun willst du gehen?«

»Vielleicht. Zuvor aber muß ich mit dir reden.«

Da lief des Weibes Gesicht rot an. »Rede!«

Jakob Sindig stockte. »Ich habe gemeint, du habest mir etwas zu sagen.«

»Nein.«

Er fuhr auf. »Nein? Nach dem – –«

Die Bäuerin schwieg.

Sindig legte seine Faust schwer auf den Tisch.

»Du,« sagte er heiser, »das muß nun irgendwo hinaus.«

»Es ist schon da, wohin es kommen muß.« Das sagte das Weib ruhig und ohne Klang.

»Bäuerin.« Jakob Sindigs Faust zitterte. »Du – mußt mir – das – sagen. Ich weiß nicht – Ja, und ich habe schwere Tage hinter mir.«

Gertrud Heidecker erhob sich und stand dicht vor dem Manne.

»Du willst wissen, wie es nun zwischen uns ist? – Was war, wird nie wieder.«

Jakob warf jäh den Kopf in den Nacken.

Er würgte: »Das kannst du nicht.«

»Ich kann.«

Da begann es in Sindigs Augen zu lodern. »Du – wenn ich dich ansehe – – Ich habe das nicht gewollt, aber – –«

»Es wird nie wieder.«

Er faßte ihr Handgelenk, beugte den Nacken, und ließ seine brennenden Blicke über sie flammen. »Du, ich, ich – bin – ein Tier.«

Gertrud Heideckers Gesicht war weiß geworden.

»Du brauchst mir nicht zu sagen, was du bist. Ich kenne dich.«

»Nein.« Wie ein Pfeifen brach es über Sindigs Lippen. »Du, du – Kind, du! Warum bist du mir aus dem Wege gegangen? Fürchtest du mich?«

»Ich ging dir nicht aus dem Wege und fürchte dich nicht.«

»Ich habe in dich hineingefragt, und du hast nicht geantwortet.«

»Du hast nur die Antwort nicht verstanden.«

»So gib sie mir jetzt.«

»Es wird nie wieder.«

Jakob Sindig ließ ihr Handgelenk los und trat einen Schritt zurück. »Bist du – eine – Heilige?«

Das Weib lachte ein kurzes, trauriges Lachen. »Eine Heilige!«

»Du,« klagte der Mann, »ich kann es nicht sagen, wie das ist.«

»Du brauchst es nicht zu sagen. Ich weiß es. Traurig bist du, traurig und zornig auf dich und weißt nicht, ob du stärker sein wirst als das, was einmal über – uns kam. Und nun willst du wissen, wie ich es nehme. Wissen willst du, ob wieder werden kann, was uns einmal übermocht hat, dich und mich. Das willst du wissen. Und ich sage dir: Nein. – Du hast auf der Lokwa-Brücke gestanden. Darunter ist ein tiefer Strudel. Hat einmal eine darin gelegen, ein Mädchen. Ich würde die zweite sein. Du hast gelacht über manches, was du in den Bergen sähest. Wenn du willst, dann lache auch darüber.«

Jakob Sindig senkte den Kopf. »Bäuerin, wenn ich vor deinen Mann hinträte?«

»Das wäre das Einfachste. Nein. Ich fürchte nicht, was daraus würde, aber – nein, das wäre leicht. Wir müssen anders darüber hinauskommen.«

Gertrud Heidecker trat wieder an ihn heran. »Willst du gehen?«

»Das ist so schwer. Ich müßte.«

»So tue es.«

»Ich – kann es nicht.«

»Dann bleibe.« Und ihre Stimme wurde milde. »Bleibe. Es ist nie einer zwischen unseren Bergen gewesen wie du und nie einer in mein Leben getreten wie du. Bleibe.«

»Und ich soll dir immer begegnen?«

Gertrud Heidecker lächelte.

»Wir werden uns immer begegnen und miteinander reden.«

»Ich weiß nicht, ob ich das kann.«

»Versuche es.«

»Und wenn ich nicht mehr kann?«

»Dann tritt vor mich hin und sage es.«

Und die Bäuerin hatte ein Gesicht wie ein Mädchen.

Da ging Jakob Sindig aus der Stube.

Als ihm am Abend der Bauer in den Weg lief, stockte Jakob und wartete, daß der mit groben Worten auf ihn dreinfahre. Auch der Bauer stand einen Augenblick, und es jagte heiß durch seinen Leib.

Dann gingen sie aneinander vorüber.


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