Arthur Schnitzler
Therese
Arthur Schnitzler

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Nun trat sie in ein sogenanntes großes Haus ein, was die Stellenvermittlerin als einen besonderen und gewissermaßen unverdienten Glücksfall angesehen wissen und wofür sie auch mit einem besonderen Honorar bedacht werden wollte. Der Bankdirektor Emil Greitler war ein Mann von über fünfzig, von höflich-liebenswürdigem, fast diplomatisch reserviertem Benehmen; seine Gattin, unscheinbar und verblüht, hing an ihm mit unerwiderter Liebe und schaute mit Bewunderung zu ihm auf. Es waren vier Kinder da; mit den beiden älteren, einem Studenten der Rechte und einem, der sich dem Bankfach widmete, hatte Therese nichts zu tun, das dreizehnjährige Mädchen und der jüngste, neunjährige Sohn besuchten öffentliche Lehranstalten und hatten überdies so viele Privatlehrer, daß Theresens Wirksamkeit sich so ziemlich darauf beschränkte, die beiden Kinder zur Schule, von dort nach Hause und auf Spaziergängen zu begleiten. Gern hätte sie sich dem jungen Mädchen herzlicher angeschlossen, doch dieses, auch in den Gesichtszügen dem Vater ähnlich, in all ihrer Kindlichkeit unnahbar wie er, blieb ihrem gleichsam mütterlichen Werben gegenüber kühl. Therese kränkte sich anfangs, wurde dann selbst herber, ja strenger zu dem Kinde, 167 als sie gewollt, bis sich endlich eine gleichgültige Beziehung entwickelte, in der nur zuweilen eine lächerliche Gereiztheit von Theresens, eine hochmütige Verschlossenheit von Margaretens Seite an den vergeblichen, halb unbewußt geführten Kampf von früher erinnerte. Der neunjährige Siegfried war ein fröhliches, für sein Alter merkwürdig witziges Kind, dem Therese öfters sein vorlautes Wesen verweisen, über dessen spaßhafte Einfälle und Redewendungen sie aber doch, wie die anderen Leute, manchmal lachen mußte. Sie hatte viel freie Zeit für sich, doch sah man es nicht gerne, wenn sie auf allzu lange das Haus verließ, und obwohl man ihrer wenig bedurfte, mußte sie doch immer zur Verfügung stehen. Oft gab es kleinere und größere Gesellschaften, denen sie kaum jemals beigezogen wurde. Gegen Schluß des Karnevals aber fand ein Ball statt, zu dessen Vorbereitungen Frau Greitler, die etwas leidend war, Theresens Hilfe vielfach in Anspruch genommen hatte, und so konnte sie nicht umhin, das Fräulein an der Festlichkeit teilnehmen zu lassen. Erst nach der Pause wurde sie von einem hübschen jungen Menschen mit kleinem blonden Schnurrbart zum Tanzen aufgefordert, auch die beiden jungen Herren des Hauses, der Jurist und der Bankbeamte, sowie andere Gäste tanzten mit ihr, der junge Blonde kam immer wieder und unterhielt sie in einer lustigen, etwas frechen Art, ein Dragonerleutnant reichte ihr beim Büfett ein Glas Champagner und stieß mit ihr an, ein schwarzer Krauskopf mit einem zarten und wohlgefälligen Schmiß auf der Stirn, der sie beim Tanzen ganz unverschämt an sich gedrückt, aber kaum ein Wort gesprochen hatte, wagte um drei Uhr 168 morgens so verwegene Anspielungen, daß sie tief errötete und nichts zu erwidern vermochte. Und endlich wurde sie von dem Blonden ganz einfach um ein Rendezvous gebeten. Sie wies ihn ab, aber an den Tagen, die dem Ball folgten, bei jedem Gang auf die Straße hegte sie immer wieder die Hoffnung, ihm zu begegnen, und als er eine Woche später einen Besuch im Hause abstattete, dessen bei Tische wie anderer auch Erwähnung getan wurde, empfand sie eine Art von Enttäuschung, die sich aber nicht so sehr auf dieses versäumte Wiedersehen bezog, sondern auf manche andern unwillkürlichen und unverschuldeten Versäumnisse der letzten Jahre, die ihr nun mit einem Male bewußt wurden.

Da die Gehaltsauszahlung im Hause Greitler sich meistens um einige Tage verzögerte, war es ihr nicht aufgefallen, als einmal der ganze Monat verstrichen war, ohne daß sie ihre Entlohnung erhalten hätte. Doch als auch am nächsten Fälligkeitstag die Bezahlung ausblieb, sah sich Therese, die das Geld brauchte, genötigt, Frau Greitler zu mahnen. Sie wurde gebeten, sich nur noch ein paar Tage zu gedulden, und erhielt tatsächlich bald darauf den größeren Teil ihres Gehaltes ausbezahlt. Sie wäre nun einigermaßen beruhigt gewesen, wenn nicht am gleichen Tag das Dienstmädchen die Frage an sie gerichtet hätte, wieviel man ihr schuldig sei. Es war bisher ihr Grundsatz gewesen, sich niemals mit dem Personal eines Hauses, in dem sie selbst in Stellung war, in Unterhaltungen über die »Herrschaft« einzulassen, – diesmal konnte sie der Versuchung nicht widerstehen, und so erfuhr sie bald, daß das Haus Greitler nach allen Seiten hin verschuldet, daß zum Beispiel nicht einmal die Rechnung des Zuckerbäckers vom letzten Ball her 169 beglichen sei. Therese konnte und wollte das einfach nicht glauben. Denn im Hause ging alles den alten Gang. Es wurde vornehm serviert, vortrefflich gegessen, man empfing Gäste, der Wagen stand vor dem Haus, die Sommertoiletten für die gnädige Frau waren bei einem ersten Schneider bestellt wie gewöhnlich; auch in der Laune des Herrn Greitler zeigte sich keine Änderung; er war von derselben etwas kühlen und unbeteiligten Freundlichkeit gegenüber Frau und Kindern wie bisher, verriet keine Spur von Hast oder Ungeduld, bei Tische wurde die Frage des Landaufenthalts erwogen, und kein Anzeichen ließ vermuten, daß irgendeine bedeutsame Veränderung bevorstünde. Eines Tages aber im Mai verreiste Herr Greitler, wie es häufig geschah, nahm heiteren Abschied wie gewöhnlich, in zehn Tagen sollte er wiederkommen; auch während seiner Abwesenheit veränderte sich anfangs nicht das geringste im Hause, bis eines Morgens in sehr früher Stunde eine merkwürdige Unruhe im Vorzimmer Therese erwachen und aufhorchen ließ. Zwei Stunden später meldete das Dienstmädchen, daß auch Frau Greitler plötzlich abgereist sei. Am Mittagstisch erzählte der älteste Sohn von der plötzlichen Erkrankung eines entfernten Verwandten. Doch vor Abend schon erschien Frau Greitler wieder, – totenblaß und verweint. Es ließ sich nicht länger verheimlichen, was sich ereignet hatte. Schon die Abendblätter brachten die Nachricht. Der Zusammenbruch war erfolgt; Herr Greitler war am Morgen im Eisenbahnzug, zwei Stunden weit von Wien, verhaftet worden. Frau Greitler stellte Therese frei, das Haus sofort zu verlassen, diese aber erbot sich, so lange zu bleiben, bis sie eine neue Stellung 170 gefunden hätte. Sonderbar erschien es ihr, wie rasch sich alle Familienmitglieder in den Wechsel der Verhältnisse hineinzufinden wußten, von dem äußerlich kaum etwas zu merken war. Man speiste geradeso gut wie vorher, die Kinder gingen weiter in die Schule, Margarete blieb hochmütig, wie sie gewesen, Siegfried machte weiter seine Späße, die Lehrer erschienen zu den gewohnten Stunden, auch an Besuchern fehlte es nicht; – manche waren allerdings darunter, die man früher nicht im Hause gesehen hatte, und andere blieben aus. Als Therese schied, gab ihr Frau Greitler, die gerade in diesen schweren Tagen eine ihr sonst nicht eigene Ruhe und Tatkraft gezeigt hatte, die herzlichsten Wünsche auf den Weg, der noch fällige Gehalt wurde ihr freilich nicht ausbezahlt.


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