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10.
Der Tandelmarkt


Ein geistreicher englischer Blaustrumpf nannte einmal das Leben eine Reihe von Kontrasten. Dieser Ausspruch theilt mit manch anderen Aphorismen die Eigenschaft, zur Hälfte war, zur Hälfte unwahr zu sein, denn sehen wir nicht tagtäglich glückliche und unglückliche Erdenwaller, deren Existenz sich hinnieden auf die drei Hauptmomente »er ward geboren, nahm ein Weib und starb« beschränkt, im Uebrigen aber sich mit der Gleichförmigkeit eines Uhrwerkes abwickelt? Um der Jetztzeit Rechnung zu tragen, müssen wir indeß bemerken, daß es scheint, als ob das zweite Moment, das Heirathen, nach und nach aus dem Lebensprogramme des gewöhnlichen Sterblichen zu weichen beginne. Die Zahl der alten Junggesellen wächst in beunruhigender Progression, ohne jedoch die der alten Jungfrau auch nur annähernd erreichen zu können. Wie diese merkwürdige arithmetische Disproportion in einer Civilisationsabnormität entsteht, weiß der liebe Gott. Das Faktum steht aber da, handgreiflich und in unangenehmster Gestalt, zum Schrecken aller töchtergesegneten Familienmütter. Wir halten es für Pflicht diesen Gegenstand zur Kenntniß der internationalen Statistik zu bringen. Es ist das auch eine brennende Frage, die ungestüm ihre Lösung fordert; denn was soll aus der Welt zuletzt werden, wenn keiner mehr heirathen will? Darum seht zu ihr Männer, die ihr auf der Höhe der Wissenschaft, an der Spitze der Regierungen steht, seht zu, daß diesem »längst gefühlten Bedürfnisse« endlich einmal abgeholfen werde. Schreibt Altejunggesellensteuern aus, greift sie aber gleich recht derb und seid versichert, daß euch der Dank der schöneren Hälfte der Menschheit gewiß ist. –

»Aber um's Himmelswillen!« ruft der Leser (die Leserin ruft nicht, denn sie ist mit uns einverstanden), – »was um's Himmelswillen haben denn diese Geschichten von alten Jungfern und alten Junggesellen mit dem Wiener Tandelmarkte zu thun?« – Nur Geduld mein Herr! Glauben Sie denn, daß zwischen dem Gerümpelwerke eines Trödelmarktes und jenen vereinsamten, verblichenen Familienmöbeln, die jedem im Wege stehen und denen jeder so viel er kann auszuweichen sucht, gar keine Berührungspunkte seien? Mahnt Sie nicht jenes verschossene Seidenkleid dort an der Thüre der Trödlerbude an eine vergilbte jungfräuliche Tante, jener alte zersessene und zerfetzte Fauteuil an einen brummigen, tabakschnupfenden Hagestolz aus Ihrer Bekanntschaft? Ja setzen wir einen Augenblick den Vergleich fort. Nehmen Sie das altmodische Kleid einmal in die Hand. Was sagen Sie zu dem Zeuge? Hier ist noch Stoff, keine leichtsinnige nur auf den Schein berechnete Fabrikarbeit, sondern etwas Solides, Gediegenes. Wer weiß, ob nicht auch in der alten Jungfer die es trug mehr Fond steckte als in einem halben Dutzend zierlicher Modedämchen? Und der Großvaterstuhl, wie abgeschabt und fettglänzend er auch aussieht, ist mit gutem Roßhaar gefüttert, während mancher moderne Fauteuil von schnödem Seegrase strotzt. –

– – Doch genug der Abschweifungen! Kehren wir zu unserm Ausgangspunkte zurück. »Das Leben ist eine Reihe von Kontrasten« sagt Lady so und so. Was das Leben in einer Weltstadt betrifft, so bat die Dame unbedingt Recht. – Hier rollt die Prachtkarosse eines Fürsten donnernd über das Straßenpflaster, daneben schleicht ein Milchwagen, bespannt mit einem bärbeißigen Fleischerhunde und einem zerlumpten Weibe. Im Paradeschmucke, beim Klange der Musik zieht mit wehender Fahne ein Bataillon über das Glacis: jede Muskel der kräftigen Männergestalten ist gespannt, der Kies knirscht unter den markigen, kadenzirten Tritten, – und drüben bewegt sich langsamen Schrittes ein kleiner Zug dem Matzleinsdorfer Friedhofe zu. Der gedämpfte Trommelschlag verhallt unter den Fanfaren der Feldmusik. Der, den sie hinaustragen, marschirte vor vier Wochen noch in den Reihen seiner Kameraden; in weiteren vier Wochen ist er vergessen; es ist so gut als ob er gar nicht dagewesen wäre, sein Platz im Regimente und in der Kaserne ist schon lange wieder ausgefüllt, und nur tief unten im Banat beweint vielleicht die arme Mutter den guten Ferenz, der so jung noch in der großen Stadt Bécs sein Grab gefunden hat. – Doch weiter im Texte! Du stehst auf der nunmehr auch zu ihren Vätern versammelten Kärnthnerthorbastei und lässest den Blick weit umherschweifen über das reizende Bild zu deinen Füßen. Dort drüben erhebt sich mit mächtiger Kuppel und zwei minaretartigen Glockenthürmen die prächtige Karlskirche. Palastartige Bauwerke schließen sich an das Gotteshaus, das eine dem Mars, das andere der Minerva gewidmet; da gewahrst du plötzlich in nächster Nähe des Pantheons etwas wie eine niedrige Budenstadt. Du fragst, ob denn in Wien auch Jahrmarkt sei? Dein Nachbar belehrt dich eines Bessern. Es ist der Tandelmarkt, den du entdeckt hast, und dorthin lenken wir heute unsere Schritte!

Ein breiter in ewigen Staub gehüllter Fahrweg führt uns vom Kärnthnerthore nach der sogenannten Mondscheinbrücke über die Wien. Es ist Hochsommer, und die Wien, dieses liebenswürdigste aller Gewässer, verbreitet einen Duft wie Vater Thames, wenn er übler Laune ist. Träge schleicht das fast zur Pfütze eingetrocknete Flüßchen seinen Weg zur Donau. Sein Bett ist so enge, daß die barfüßige Jugend der Vorstadt mit einem Satze hinüber und herüber springt. Die anscheinende Ruhe ist aber eitel Tücke und Bosheit. Drei Regentage genügen um das Schmutzbächlein zu einem wüthenden Bergstrome zu machen, der mehr als einmal die Steinbrücken mit sich fortgerissen hat und deshalb Jahr aus Jahr ein auf dem Budget der Stadt Wien mit einer respektabeln Summe figurirt. – Wir schreiten über die Holzbrücke und sind am Ziele. –

Der Tandelmarkt bildet ein ziemlich regelmäßiges Viereck. Auf der einen Seite lehnt er sich an die Wien, die andere wird durch die große Fahrstraße begränzt. Fünf bis sechs Straßen durchschneiden ihn von oben nach unten, in der Richtung nach dem Reitplatze. Der horizontalen Seitenstraßen gibt es wol noch mehr, doch haben wir sie nicht gezählt. Die Buden sind alle aus Holz gezimmert und nicht zum Auf- und Abschlagen eingerichtet. Der Tandelmarkt ist das ganze Jahr hindurch von Morgens bis zur sinkenden Nacht geöffnet; nur die Sonn- und Feiertage unterbrechen Handel und Wandel. Um Regen und Sonne abzuhalten, sind die Gänge mit Segeltuch überdacht. Leider wird durch diese Vorrichtung der frischen Luft so wenig Einlaß gestattet, daß der Tandelmarkt seine Athmosphäre für sich hat. Menschen mit entwickelten Geruchsorganen halten es auf die Dauer dort nicht aus, denn schon beim Eintritt wogt uns ein Gemisch wunderbarer Düfte entgegen, unter denen Leder und Oel dominiren. Am unangenehmsten war mir immer ein undefinirbarer säuerlicher Geruch, der keinem der tausend und aber tausend zum Verkaufe hingesetzten Gegenstände besonders anzugehören, sondern ein Produkt des Ganzen zu sein scheint. Erst nach und nach gewöhnt sich die Nase daran. Auch das Auge muß eine Zeitlang mit der herrschenden Dämmerung kämpfen, bevor es im Stande ist, die Herrlichkeiten des Lumpenbazars zu überschauen.

Um wenigstens einigermaßen Ueberblick zu gewähren, haben sich die Insassen des Tandelmarktes nach ihren Spezialitäten zusammengeordnet. So nehmen die Händler mit alten Eisenwaaren die Reihe gegen den Heumarkt ein. Es ist erstaunlich, was sich da für Sachen zusammengefunden haben. Eiserner Oefen, Ketten, Kasserolen, Pfannen von jedem Kaliber brauchen wir nicht zu gedenken, denn diese gehören von Rechtswegen hierher. Wie aber kommt der Traffiktürke in die Gesellschaft? Er ist, wie jeder ordentliche Tabaktürke auf Holz gemalt, und an dem Brette findet sich, die unentbehrlichen Nägel abgerechnet, keine Spur von Eisen. Wir wenden uns an den Eigenthümer um Aufschluß. »Ja, schaun's«, erwidert der Mann, »das ist nun einmal so. Wer auf dem Tandelmarkt einen Türken sucht, kommt zu uns. Sehn's, mein Nachbar am dritten Stand hat auch einen.« Der Trödler hat wahrgesprochen, denn wenige Hütten weiter erblicken wir zwischen durchlöcherten Ofenröhren einen Landsmann unseres Moslim, der mit stoischem Gleichmuth seinen Tschibuck raucht und geduldig der Erlösung vom Tandelmarkte harrt.

Bei einem der nächsten Händler gewahren wir einen Gegenstand, dessen Verwendbarkeit uns geradezu unbegreiflich ist. Es ist ein kleines Messingschildchen mit der Aufschrift: Dr. Przibram, praktischer Arzt und Geburtshelfer, Mitglied der medizinischen Fakultät. Ist es schon höchst unwahrscheinlich, daß ein zweiter Przibram alle genannten Eigenschaften in sich vereinige, so läßt sich die Möglichkeit, daß dieser Przibram sein Thürschildchen auf dem Tandelmarkt suchen sollte, nicht einmal mit Logarithmen berechnen. Und doch liegt das Schildchen des Käufers wartend da, anstatt seinen Weg zum Gelbgießer zu nehmen. Auch von den alten Waffen, den rostigen Kommißsäbeln, den Flinten ohne Hahn und Drücker läßt sich nicht vermuthen, daß sie jemand kaufen wolle; trotzdem sind sie jahraus jahrein auf dem Platze, müssen also auch ihre Liebhaber finden. –

In dem Maße als wir uns von der Peripherie nach dem Innern des Bazars wenden, nehmen die Gegenstände an Interesse zu. Zunächst zieht eine Hütte mit alten Männerkleidern unsere Aufmerksamkeit auf sich. Einige Dutzend Beinkleider hängen an einer Schnur da, wie die Hasen bei dem Wildprethändler. Alle sind mehr oder minder getragen. Ihre früheren Eigenthümer müssen den verschiedenartigsten Gesellschaftsschichten angehören, denn wir sehen des passepoilirte Beinkleid des Kavallerieoffiziers neben der abgeschabten Lederhose eines Bauern aus dem Wienerwalde. Welche Wandlungen mögen diese schätzbaren Kleidungsstücke mit angesehen haben, bis sie sich endlich hier auf dem Tandelmarkte zusammenfanden! –

Ein Arbeiter feilscht um eine schwarze Hose. Er beguckt sie von allen Seiten während der Händler bemüht ist ihm die Vorzüge derselben ins rechte Licht zu setzen. Da entdeckt aber der Käufer etwas an der Hose, das ihn bestimmt, sie als untauglich zum Zwecke eines Feierkleides von sich zu weisen. Am Knie zeigt sich nämlich eine leichte Schicht eingetrockneter schwarzer Farbe. Der Tandler erschöpft sich in Konjunkturen über die Entstehung des Flecks, den er trotz seines erfahrenen Auges beim Einkaufe übersehen hat. Dürften wir unsere Meinung abgeben, so könnten wir vielleicht den Mann auf die rechte Spur leiten. Es will uns nämlich bedünken, als habe das Kleidungsstück früher einem Gelehrten gehört, der die liebenswürdige Gewohnheit hat, seine Feder, wenn sie nicht pariren will, am Knie des Beinkleides abzuwischen. –

Der Arbeiter hat eine andere Hose erhandelt und geht damit seiner Wege. Unterdessen ist ein junger, schäbig-gentiler Herr an den Stand getreten. Trotz der drückenden Hitze trägt er einen braunen Ueberzieher. Er begibt sich mit dem Tandler ins Innere der Bude. Nach einiger Zeit erscheint er wieder, aber diesmal im leichten grauen Sommerröckchen und eilt flüchtigen Schritts davon. Der Tandler aber reiht einen Rock mehr an die lange Schnur im Hintergrund der Hütte.

Die beleibte Dame nebenan besitzt eine Art von sekundärem Galanterie- und Modewaarengeschäft. Frau v. Freindl, so hört sie sich am liebsten nennen, ist eine gute Bekannte von uns. Sie hat uns schon manches interessante Stück verkauft und ist jederzeit bereit über dies und jenes Aufschluß zu geben. Ihr Geschäft treibt sie aus Ueberzeugung und nach christlichen Grundsätzen. Sie begnügt sich mit einem billigen Gewinn und hat deshalb großen Zulauf von Käufern und Verkäufern.

Von den Hunderten von Gegenständen, die in ihrer Hütte aufgespeichert oder in der Auslage unter Glas und Rahmen den Blicken der Vorübergehenden zur Schau gestellt sind, können wir natürlich keine Beschreibung geben. Dem Leser genüge es zu wissen, daß sich Repräsententen des Luxus und der Toilette von allen Arten und in allen Phasen ihres Erdenwallens hier vorfinden. Wir begrüßen die Eigenthümerin und betrachten uns einzelne der Raritäten.

Auf einem Haubenstöckchen steht ein noch fast neuer Damenhut. Das leichte Ding ist die Schöpfung eines Modistengenies, eine so reizende Mischung von Bändern und Spitzen, daß es das Haupt einer Gräfin schmücken könnte. Wie hat sich der Hut auf den Tandelmarkt verirrt, wo er die Rolle eines verhätschelten Damenhündchens unter Pintschern und Dachsen spielt? Frau v. Freindl beantwortet unsere Frage mit einem freundlichen Nicken, begleitet von einem liebkosenden Blicke auf den Hut!

»Na« sagt sie, indem sie sich von ihrem hohen Sitze zu uns herüberbeugt und vorsichtshalber die Stimme dämpft, »Ihnen kann ich's schon sagen, denn Sie machen mir doch keine Konkurrenz. Der Hut kommt von einer meiner besten Kundschaften, von Fräulein R.«

»Von der Tänzerin?«

Frau v. Freindl nickt.

»Aber wie kommt das Mädchen dazu, einen so schönen Hut zu verkaufen? Sie kann ihn ja kaum ein halbes Dutzendmal getragen haben.«

»Sie hat ihn nicht dreimal aufgehabt. Sie wissen ja, der alte Fürst P., der sie aushält, hat viel Geld und läßt was drauf gehen. Sie sollten's einmal sehen, was die gnä' Fräul'n für eine Wohnung hat! Die Kaiserin kann's nicht schöner haben. Seidenkleider hat's zum wenigsten zwei Dutzend, alles von den ersten Schneidern gearbeitet. Hat's aber eins ein Parmal angehabt, so g'freut's nit mehr und sie gibt's weg um ein Spottgeld. Wie gesagt, sie ist meine beste Kundschaft. Aber nicht wahr, Sie sagen niemand etwas davon?«

Wir versichern Frau v. Freindl der unbedingtesten Diskretion und stellen über das Vernommene unsere stillen Betrachtungen an.

»Und wer sind die Damen, welche die abgelegte Toilette des Fräuleins kaufen?« fragen wir unsere freundliche Tandlerin.

»Oh« sagt Frau v. Freindl mit selbstbewußtem Lächeln, »ich habe feine Kundschaft, wenn sie auch nicht auf den Tandelmarkt kommen. Schaun's, den Hut da bekommt ein junges, sehr liebes Weibchen, die Frau von einem Beamten. Du mein Gott, die Leutl'n wollen auch was schönes haben. Der Gehalt ist knapp und wenn man standesgemäß leben und doch keine Schulden machen will, so muß man sich einrichten. Ich hab' das Huter'l blos hergestellt damit's nicht zerknittert wird. Heut Nachmittag schick ich ihn hinaus. Die gnä' Frau zahlt mir ihn monatsweise ab.« –

Unter den andern Siebensachen liegt auch ein goldnes Medaillon. Wir nehmen es heraus und öffnen es mit einem leichten Drucke. In dem niedlichen Gehäuse steckt eine braune Haarflechte.

»Ist das Medaillon zu verkaufen, Frau v. Freindl?«

Die beleibte Dame macht ein ernstes Gesicht.

»Jetzt ist's zu verkaufen« sagt sie »aber ich wollte, es wäre nicht zu verkaufen.«

Das Medaillon hat also auch seine Geschichte, und keine fröhliche.

»Darf man wissen, wem es gehört hat?«

»Ach« sagt Frau v. Freindl mit einem Seufzer, »Das Dingerl macht mich immer traurig, so oft ich's ansehe. Ich wäre froh wenn ich's los wäre. Findet's nicht bald einen Liebhaber, so verkaufe ich's an einen Goldarbeiter. Es sind jetzt vielleicht acht Wochen, als ich zu einem kranken Studenten gerufen wurde. Der arme Mensch hatte die Tuberculose im höchsten Grade. In's Spital wollte er nicht; Vermögen hatte er keins, von seinen Verwandten wußte kein Mensch was. Wie mir seine Zimmerfrau sagte, war er ein armer, polnischer Edelmann. Ich hab' ihm das Ding abgekauft und zwar um neun Gulden Münze, aber unter der Bedingung, daß ich es sechs Wochen lang nicht verkaufen sollte; bis dahin hoffte er von Jemanden Geld zu bekommen. Als er mir das Medaillon reichte, küßte er es noch einmal, und das helle Wasser stand ihm dabei in den Augen. Na, schaun's, unsereins hat auch ein Herz. Ich hätte das Ding nicht genommen, und wenn mir jemand hundert Gulden dafür geboten hätte! Die Zimmerfrau mußte es ihm wiedergeben, als ich fort war. Acht Tage später brachte sie mir's mit einem Zetterl. Der arme junge Mensch war gestorben. Auf dem Zetterl aber stand geschrieben: Gott schenke Ihnen Glück und Segen! Die Schrift war so zitterig, daß ich's kaum lesen konnte; aber geheult hab' ich wie ein Schloßhund.« – Das Leben ist eine Reihe von Kontrasten. Wo fände sich ein Ort, der diese Wahrheit lauter predigte, als der Tandelmarkt! –

Ein ehrenwerther Tandler unserer Bekanntschaft, mit dem wir oft in alten Münzen Geschäfte machten, pflegte zu sagen: Der Tandelmarkt ist Klein-Wien. Es gibt, wir behaupten es kühnlich, keinen zum sozialen Leben nöthigen Gegenstand, der sich hier nicht vorfände. Willst du hinausziehen in die weite Welt, so findest du jedes nur denkbare Reiseutensil, von dem einfachen Ledertäschchen bis zum gigantischen Familienkoffer. Gedenkst du fein im Lande zu bleiben und fehlt es dir an irgend etwas zur häuslichen Bequemlichkeit, dann wandere hin auf den Tandelmarkt. Du müßtest ein Wunder von Pechvogel sein, wenn du das Gesuchte nicht fändest. Alles ist da, sogar die Literatur hat sich ein bescheidenes Plätzchen vorbehalten. Ihr gelte heute unser letzter Besuch.

Wir biegen um eine Ecke und erblicken vor einer Bude einen mächtigen Kasten. Zwischen staubigen Flaschen, Oellampen ohne Glocke und Cylinder, einem Spinnrade und diversen Kochlöffeln liegt ein Haufen Bücher. Langen wir auf's Geradewohl einige heraus.

Numero eins ist der »Waverley« von Scott in der bekannten elenden Ausgabe. Das Buch ist noch nicht einmal ganz aufgeschnitten. Dagegen zeigen die »Geheimnisse von Wien« von Eduard Breier den charakteristischen Fettglanz beliebter Leihbibliothekromane. Daneben liegen die lateinische Grammatik von Zumpt, das Leben Jesu von Strauß und, o Ironie, der Katechismus des Paters Canisius. Auch der »Himmelsschlüssel« findet sich neben einer Anweisung, »Wie man ganz sicher in dem Lotto gewinnen muß.« Ein neuer Griff in den Haufen fördert ein »Traum- und Punktirbüchel« zu Tage. Auch ein Militärschematismus des Kaiserstaates vom Jahre 1817 ist da, sowie einige fettige Romane von Paul de Kock. Am schmierigsten darunter ist »Gustav, der Bruder Lüderlich.« Die periodische Presse ist nur durch einen Band der alten Theaterzeitung des alten Bäuerle vertreten.

Wir halten hier ein mit unseren Nachforschungen. Die Hitze wird immer unerträglicher und wir sehnen uns nach einem frischeren Lufthauche. Wenige Schritte führen uns nach dem Ausgange des Bazars. Wir athmen tief auf. Der Tandelmarkt mit seiner Atmosphäre liegt hinter uns. –

Die Neuzeit mit ihren Alles umgestaltenden Reformen hat auch dem Tandelmarkte sein Urtheil gesprochen. Ueber ein Kleines wird man ihn nicht mehr sehen, und an seiner Stelle werden sich Prachtbauten erheben. Mit ihm stirbt ein interessantes Stück des guten, alten Wien.


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